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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 22
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Ein schlauer Trick.

Mein Herz klopfte, als wolle es zerspringen. Die zum Zerreißen angespannten Nerven rebellierten – ich war einer Ohnmacht nahe ...

Dicht an der Falltür standen die beiden Bootsleute mit schweren Stangen, bereit, jeden etwa hinter mir auftauchenden Schädel einzuschlagen.

Ich hätte nicht gedacht, daß die schlauen, pfiffigen Burschen in die Falle gehen würden! schrie Abraham, dessen Gesicht vor triumphierendem Grinsen förmlich strahlte. Das war das schönste Theater meines Lebens!

Unten rührte sich nichts; kein Schreien oder Klopfen wurde hörbar. Ergaben sie sich als wahre Muselmänner stillschweigend in ihr Schicksal? Die Tür war von ungewöhnlicher Dicke und mit eisernen Angeln und Vorlegeschlössern so gut versichert, daß sie hier nicht ausbrechen konnten; auch mußte ein Versuch, durch die Schiffsladung nach oben zu dringen, auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Trotz allem, was vorgegangen, fühlte ich für die Gefangenen ein gewisses Mitleid und wollte ihnen wenigstens die Versicherung geben, daß wir sie nicht Hungers sterben lassen würden. Ich ging daher zu dem Luftschacht, der gerade unter dem Bramsegel aus den Deckplanken hervorragte, und rief, die Öffnung als Sprachrohr benutzend: He, ihr da unten!

Es dauerte geraume Zeit, ehe ich einen schwachen Laut als Antwort vernahm.

Wir werden euch genügend mit Nahrung und Wasser versorgen: frische Luft bekommt ihr durch diesen Schacht. Heraus könnt ihr nicht! Macht ihr auch nur den leisesten Versuch dazu, so lassen wir euch ohne Gnade und Barmherzigkeit verhungern und verdursten!

So! Nun mochte Nakier den anderen meine Worte übersetzen. Jakob mußte für alle Fälle an der Tür Wache halten.

Wie vorher vereinbart, wollten wir jetzt den Kurs nach den Kanarischen Inseln setzen, wo wir Hilfe zu finden hofften.

Helga stand noch immer am Steuer und streckte mir, als sie mich sah, beide Hände entgegen. Meine durch Angst, Sorgen und Gefahren so lange zurückgedämmte Liebe flammte jetzt mächtig empor. Ich umfing mein tapferes kleines Lieb und bedeckte ihr errötendes Antlitz mit Küssen, während Abraham die Speichen ergriff und uns diskret seinen breiten Rücken zukehrte.

So hat es kommen müssen, mein Schatz! flüsterte ich. Nun bist du mein! Mein durch die arme »Anina«, als deines Vaters Vermächtnis!

Dann ließ ich sie aus meinen Armen – wir hatten keine Zeit, uns unseren Gefühlen hinzugeben. Die Bark lief unter allen Segeln, und wir waren nur drei Mann zum Brassen. Helga studierte mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen die Karte. Nach Kapitän Buntings Berechnungen befanden wir uns am 31. Oktober auf der Höhe von Madeira, waren aber durch das schlechte Wetter am 1. und 2. November südwärts abgetrieben, und heute, am 3., einige hundert Meilen von den Kanarischen Inseln entfernt. Da wir jetzt stündlich darauf gefaßt sein konnten, ein Schiff auftauchen zu sehen, suchten wir die englische Flagge hervor und befestigten sie an der Flaggenleine mit dem blauen Ende nach unten – die umgekehrte Flagge bedeutete: In höchster Not! –, damit sie im geeigneten Moment klar zum Hissen war.

Wenn wir auch von einem Handelsschiff keine große Hilfe erwarten durften, so schickte es uns doch vielleicht ein paar Mann an Bord, mit deren Beistand wir bis nach Funchal gelangen konnten. Wie bitter nötig wir noch ein paar kräftige Hände brauchten, kam mir klar zum Bewußtsein, als unser armseliges Häuflein, vom Segelbrassen total erschöpft wieder an Deck stand.

Was sollte aus uns werden, wenn schweres Wetter einsetzte, und alle Segel, bis auf ein dichtgerefftes Marssegel, geborgen werden mußten! Ich beratschlagte mit Abraham und Jakob, ob man nicht ein oder zwei der Leute zur Hilfe nach oben beordern könnte; sie hielten das Experiment aber für zu gefährlich, was ich schließlich auch einsehen mußte.

Nun gingen wir auch daran, die gefangene Mannschaft mit Lebensmitteln zu versorgen. Ich ließ eine für mehrere Tage genügende Menge Pökelfleisch abkochen und einen großen Kübel mit frischem Wasser füllen. Wahrscheinlich war es unten im Raum erstickend heiß, da der schwache Wind nur wenig frische Luft durch den Schacht in den Raum gelangen ließ und die Sonne den ganzen Tag auf das Deck brannte. Wir beeilten uns daher so viel wie möglich, um die Qualen der Eingeschlossenen nicht unnötig zu verlängern, aber es war doch schon fünf Uhr geworden, bis wir unsere Vorbereitungen beendet hatten. Um die Vorräte hinunterzuschaffen, mußten wir allerdings, auf unsere Gefahr hin, die Falltür öffnen. Wir bewaffneten uns mit schweren Eisenstangen, worauf ich durch den Schacht hinunter rief. Man antwortete mir augenblicklich:

Ja, Herr! Im Namen Allahs, Wasser! Wasser! ertönte Nakiers Stimme wie aus weiter Ferne.

Wir werden euch gleich zu essen und zu trinken geben, erwiderte ich. Aber nur ein einziger darf die Sachen in Empfang nehmen. Wenn sich beim Öffnen der Tür mehr als einer zeigt, schließen wir augenblicklich wieder zu, und ihr bekommt keinen Bissen, keinen Trunk. Schickt Punmeamootty!

Wir schwören bei Allah! Nur einer kommen! antwortete die Stimme.

Ich wandte mich nun nach der Falltür, wo Abraham und Jakob schon kampfbereit standen, löste das Schloß und schob den Deckel ein paar Zoll zurück. Von der Sonne geblendet, vermochte ich in dem dunkeln Raum anfangs nichts zu unterscheiden. Auf meinen Anruf meldete sich Punmeamootty mit furchtsam zitternder Stimme.

Hände zeigen! schrie ich, worauf sich seine ausgestreckten Finger wie die eines Ertrinkenden emporschoben.

Sonst keiner von euch da?

Alle hinten! Alle hinten! stammelte er kläglich.

So schnell wie möglich reichte ich einige Säcke Schiffszwieback, das gekochte Fleisch und den Kübel mit Wasser hinunter. Als ich den Riegel wieder vorschob, hörte ich unten einen lauten Schrei, hielt mich aber nicht auf und lieh Jakob als Wache bei der Falltür zurück.

Als Helga und ich etwas später unser bescheidenes Abendessen verzehrten, rief Jakob nach mir.

Ich fürchte, die Kerle ersticken unten, sagte er. Sie klopfen fortwährend und schreien durch den Schacht.

Ich horchte hinunter, wo eine schwache Stimme stöhnte:

Luft, Herr! oder wir alle sterben müssen!

Wir können weiter nichts tun, als die Tür eine Spalte weit öffnen, meinte Jakob. Wie aber verhindern, daß sie dabei ausbrechen? Halt, ich hab's!, und mit einer Fixigkeit, die seinem guten Herzen Ehre machte, sprang er davon und kam mit zwei Stücken Holz wieder, die im Boot dem Ruderer als Stützpunkt für die Füße dienten. Diese klemmte er unter die Schiebetür, so daß dadurch eine Spalte entstand, die zwar genügend Luft einströmen ließ, aber selbst dem schlanksten menschlichen Körper keinen Raum zum Durchschlüpfen bot. Nachdem ich mich von der Festigkeit des Verschlusses überzeugt hatte, rief ich durch die Spalte: Wie steht's nun?

Ich hörte zunächst nur ein dumpfes Murmeln in der Nähe der Tür, unterschied aber bald Nakiers Stimme:

Allee right, Herr! O wie schön jetzt atmen! Weshalb Ihr uns hier gefangen halten?

Auf weitere Vorstellungen und Bitten erwiderte ich jedoch nichts, sondern war froh, den Armen eine Erleichterung verschafft zu haben, konnte mich aber beim Gedanken an die Öffnung in der Tür, wenn sie sonst auch noch so fest verschlossen war, eines unbehaglichen Gefühls nicht verwehren. Wir wagten auch nicht, sie einen Augenblick unbeobachtet zu lassen, und lösten einander in der Wache ab. Schreckliche, ermüdende Stunden schlichen auf diese Weise dahin, trotzdem draußen auf dem Ozean eine wunderbare Nacht ihren Zauber um uns spann.

Millionen von Sternen funkelten am Firmament, das Meer flimmerte und leuchtete, und der Mond zog seine silberne Straße durch die dunkle Flut. Nur zuweilen, wenn ich der Geliebten kleine Hand auf meinem Arm fühlte, wich meine Angst einem tiefen Glücksgefühl. Der alte Ozean selbst hatte mir das Weib meiner Liebe als köstliches Geschenk dargebracht und mich in Not und Gefahr ihr Herz gewinnen lassen. In knappen vierzehn Tagen hatte sich dieser abenteuerreichste, tragische und doch so schöne Abschnitt unseres Lebens abgespielt.

Meine Mutter! Wenn ihr von dem Dampfer die Botschaft übermittelt worden war, wußte sie wenigstens, daß ich noch am Leben war. Wie aber würde sie Helga empfangen, das landfremde Mädchen, das ich ihr als Tochter bringen wollte?

Endlich dämmerte der Morgen, und Helgas teilnahmsvollen Blicken sah ich es an, daß die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Zeit an mir nicht spurlos vorübergegangen sein mußten. Wir frühstückten und füllten dann den leer heraufgesandten Wasserkübel von neuem. Nakier benutzte die Gelegenheit, um uns beim Koran zu beteuern, daß wir nicht das geringste von ihnen zu befürchten hätten, falls wir sie frei ließen, predigte aber tauben Ohren.

Am Nachmittag frischte der matte Luftzug zu einer steifen Brise auf und die Bark neigte sich tüchtig unter dem Segeldruck. Kühl wehte es um unsere erhitzten Gesichter; scharf durchschnitt der Kiel das hoch aufrauschende Wasser und zog einen langen, schimmernden Streifen hinter sich her. Helga hatte ihre Berechnungen gemacht und meinte, daß wir, wenn der Wind anhielte, in nicht zu langer Zeit Teneriffa sichten würden. Sie stand plaudernd neben mir an der Reeling; Abraham ging auf dem Vorderdeck, Wache haltend, auf und ab, und Jakob lag in Rufweite in festem Schlaf. Plötzlich fiel mein Blick auf den von der Abendsonne mit rötlich goldenem Anstrich verzierten Hauptmast, den bis zur Höhe von etwa zwanzig Fuß ein flimmernder Dunst in schraubenartigen Windungen umzitterte. Ich schrieb dies im ersten Augenblick der erhitzten Atmosphäre zu, als Helga aufschrie:

Das Schiff brennt!

Gleichzeitig brüllte auch Abraham: Feuer! Mr. Tregarthen! Feuer! Durch die Tür qualmt schon der Rauch!

Ich übergab Helga das Steuer und weckte rasch Jakob auf. Wir hatten uns nicht getäuscht! Am Fuß des Hauptmastes kräuselte ein Rauchwölkchen in bläulichen Wirbeln. Von unten hörte ich halb ersticktes Geschrei, stürzte zu der Öffnung in der Tür und fragte, was es gäbe. Nakier antwortete, daß einige Leute durch unvorsichtiges Umgehen mit der Lampe die Ladung in Brand gesteckt hätten.

Bei eurem Gott, ihr lassen uns rasch hinaus oder wir elend verbrennen müssen!

Ich rannte mit Jakob nach hinten, doch bei dem ersten Versuch, die in den Schiffsraum führende Luke aufzuheben, quoll uns eine solche Rauchwolke entgegen, daß wir nach Luft ringend zurückprallten. Vor Entsetzen fast gelähmt, stand ich vor dieser neuen Katastrophe, der schlimmsten Gefahr, die einen Seefahrer treffen kann.

Um Gottes willen! Was sollen wir tun! stöhnte ich.

Das ist einfach genug! sagte Jakob, der sich am raschesten von uns zu fassen schien. Wir müssen das Schiff verlassen!

Und die Malaien umkommen lassen? rief ich schaudernd.

Hört! wie sie unten schreien! schrie Abraham, vor Erregung zitternd. Wir müssen ein Boot verproviantieren, und ehe wir abfahren, muß der letzte von uns die Tür aufstoßen, damit sie herauskönnen. Dieser letzte werde ich sein.

Nein, du nicht! Du kannst ja nicht schwimmen! protestierte Jakob.

Ich nehme eine Boje und springe über Bord.

Nein! Du gehst mit ins Boot und ich bleib' als letzter an Bord.

Ein vielstimmiges Schreien und Winseln, das nichts Menschliches mehr hatte, schallte von unten herauf und ließ uns das Blut in den Adern erstarren. Doch es war unmöglich, diese zur höchsten Wut aufgestachelten Bestien frei und auf uns loszulassen.

In rasender Eile warfen wir alles, was wir von Lebensmitteln in der Eile erreichen konnten, in das Boot, verstauten ein paar Gefäße mit Wasser darin, sowie zusammengerollte Segel, Ruder, Instrumente und alles mögliche andere, während das immer stärker anschwellende Geheul unsere Hast und unsere Kräfte verdoppelte.

Wenn uns die Wilden nicht verfolgen sollen, müssen wir ihnen auch das andere Boot wegnehmen, rief Abraham.

Er schlug den Boden des Boots mit einer Axt ein.

Ist alles fertig? fragte ich.

Da rief Helga im letzten Moment:

Halt, Hugh! mein Päckchen – das Bild!

Ich sprang in die Kabine hinunter, die sie zu Kapitän Buntings Zeiten bewohnt hatte, und nahm das Päckchen an mich. Hier war nichts zu spüren von Rauch. Plötzlich fiel mir ein, daß ich am Tage vorher in der Kabine des ermordeten Steuermannes einen Beutel mit Gold- und Silbermünzen gesehen hatte, wahrscheinlich die Ersparnisse des Unglücklichen, die Frucht langer Mühen und schwerer Arbeit. Da ich nicht einen Pfennig besaß, steckte ich das Geld zu mir. Dann hastete ich nach oben.

Jetzt – los!

Helga und ich stiegen in das Boot, Abraham und sein Freund fierten es herunter, und nach einigen Augenblicken berührten wir den Meeresspiegel. Abraham folgte uns, am Takelwerk herabkletternd, und machte sich sofort daran, den Mast aufzurichten, während ich das Boot an der durch einen Besanspütting geschlungenen Fangleine festhielt.

Paßt auf! schrie Jakob von oben, uns seine Stiefel, Mütze und Jacke zuwerfend. Ich werde von dieser Seite über Bord springen. Fischt mich heraus!

Das freigewordene Steuer hatte die Bark in den Wind gebracht, so daß die Segel backlagen. Das Meer hob und senkte sich kaum merklich.

Lassen Sie Fräulein Nielsen die Fangleine halten, sagte Abraham. Wir wollen die Riemen nehmen.

Da wir hart längsseits lagen, so konnten wir nicht sehen, was auf Deck vorging. Ich rechnete damit, daß die Gefangenen zu sehr von der Sonne geblendet und von der frischen Luft benommen sein würden, um Jakob noch vor seinem Sprunge zu erwischen.

So warteten wir in atemloser Spannung; die Sekunden dehnten sich zu Stunden.

Dann ein heiseres Gebrüll und der Ruf gerade über unseren Köpfen: Aufgepaßt! Jetzt!

Los! schrie Abraham.

Helga ließ die Fangleine fallen.

Rückwärts! Abraham stieß das Boot ab, und dann legten wir uns mit ganzer Kraft in die Riemen.

Kaum den Bruchteil einer Sekunde sah ich Jakobs Körper in kühnem Hechtsprung durch die Luft sausen, dann verschwand er im Wasser.

Doch gleich darauf tauchte sein rotes Gesicht in kurzer Entfernung von uns auf, ein paar Ruderschläge, und ich faßte ihn ins Genick, um ihm ins Boot zu helfen.

Brav gemacht, Jakob! sagte ich. Nehmen Sie einen Schluck Branntwein! Die Sonne wird Sie schnell trocknen.

Wo sind die Malaien? fragte Abraham.

Mit denen habe ich mich nicht aufgehalten, antwortete Jakob. Ich schrie ihnen nur zu:

Jetzt könnt ihr kommen! und sprang.

In diesem Momente erblickte ich Nakier und Punmeamootty, die ganz ruhig an der Reeling standen und uns nachsahen. Sehr schnell erschienen auch die übrigen; doch beobachteten uns alle seltsamerweise mit kühler Neugierde.

Aber ehe wir noch unserem Erstaunen über dies rätselhafte Benehmen Worte leihen konnten, brach die ganze Versammlung in ein schallendes Gelächter aus.

Sie winkten uns ironische Abschiedsgrüße zu, während Nakier spöttisch die Mütze schwenkte und uns tiefe Verbeugungen machte.

Dann erteilte er mit lauter Stimme, deren vollem, melodischen Klange man nicht das geringste von der vorangegangenen Schwäche anmerkte, einige Befehle; die Leute verteilten sich hurtig auf ihre Posten, das Marssegel schwang herum, der Bug der Bark fiel langsam ab, die Segel füllten sich wieder, und ruhig – als ob nicht das mindeste Außergewöhnliche vorgefallen wäre – glitt das Schiff mit den vom Nordost geblähten Segeln dahin.

Starr vor Staunen gafften wir ihm nach. Es gehörte wirklich kein großer Aufwand von Scharfsinn dazu, um in kürzester Zeit zu merken, daß wir die Opfer eines unendlich schlau angelegten Tricks geworden waren, bei dem die farbige Bande gar nicht viel riskiert hatte. Ich konnte mir ungefähr zusammenreimen, wie sie die Sache angefangen hatten. Das Anbrennen einer wollenen Decke genügt ja vollkommen, um ein ganzes Schiff mit Qualm zu erfüllen. Jedenfalls zog jetzt – ein glänzender Beweis ihrer Verschlagenheit – die Bark im leuchtenden Blau des Morgens fort nach Südwest.

Bei diesem Anblick brach in den beiden Bootsleuten die Wut los ... Abraham schleuderte seine Mütze zu Boden und brüllte hinter dem immer kleiner werdenden Schiff her, wobei der triefend nasse Jakob, dem die schwarzen Haare im roten Gesicht klebten, aus vollem Halse mit einstimmte.

Ich fahre ihnen nach, knirschte Abraham wutschnaubend. Ich werde den bunten Hanswursten doch nicht meinen Lohn lassen. Soll ich denn nichts als Pech und immer wieder Pech haben? Erst die »Morgenfrühe« und jetzt diese Geschichte, die gut ihre drei- bis vierhundert Pfund für jeden von uns hätte abwerfen können. Und dabei hat man noch Mitleid mit den Bestien und ihrem Gewinsel gehabt!

In dieser Tonart ging es weiter, und wenn Abraham eine Pause machte, fiel Jakob ein, bis ihnen beiden der Atem ausging und sie keuchend verstummten.

Helga saß am Steuer und brachte das Boot so hart an den Wind, daß es ganz schräg lag und wir in sausender Fahrt dahinschossen. So hockten wir nun, ein verlassenes Häuflein Menschen, im kleinen, offenen Boot mitten im unermeßlich weiten Ozean; dazu kein Schiff in Sicht und die nächste Küste Hunderte von Meilen entfernt; außerdem aber noch am direkten Kurse dorthin durch den Nordost verhindert.

So ernst unsere Lage aber auch war, fühlte ich mich doch wie von einem Alp befreit, wenn ich an die eingeschlossene Mörderbande dachte. Zwar empfindet der Mensch seine Hilflosigkeit wohl niemals stärker, als wenn er das verhältnismäßig sichere Deck eines großen Schiffes verläßt und sich einem kleinen Boot anvertraut. Nirgends scheint ihm der Tod näher; denn nur ein paar gebrechliche Planken trennen ihn von der ungeheuren Wasserwüste der bodenlosen Tiefe.

Beim Gedanken daran überläuft auch den Beherztesten, selbst im heißen Tropenhauch, ein kaltes Frösteln. Nach den eben gemachten Erfahrungen jedoch kam ich nicht zu vollem Bewußtsein dieses beklemmenden Gefühls. Ich hatte die Tigerin Ozean in ihrer ganzen Raserei kennen gelernt, seit ich mich im Bereich ihrer Klauen befand. Jetzt schlummerte sie; würden wir entfliehen können, ehe sie erwachte?

In flammendem Scharlach stand die Sonne tief am Horizonte, während sich im Osten ein violetter Hauch zeigte.

Nichts zu sehen! sagte Jakob.

Wenn der Wind nur etwas nach Norden herumginge, damit wir direkten Kurs auf Teneriffa nehmen könnten! Dann würden wir bald den Peak sehen können, meinte ich.

Die Brise hielt und das Boot hatte eine Fahrt, als wenn es am Schlepptau eines Dampfers hinge.

Die Glut im Westen verblaßte; in silbernen Schleiern stieg die Nacht herauf und die Mondstrahlen zauberten aus unserem kleinen Fahrzeug ein Gebilde aus geschnitztem Elfenbein.

Wir zündeten eine Laterne zur Beleuchtung des Kompasses an, suchten uns aus unseren Vorräten ein Abendessen zusammen und plauderten in abgerissenen Sätzen über die Vorgänge des Tages.

Zuweilen glaubten unsere müden Augen in der Ferne ein Licht flimmern zu sehen, doch immer erwies es sich als eine Täuschung unserer überreizten Nerven.

Gegen fünf Uhr morgens erwachte ich aus einem leichten Halbschlummer durch den Ruf Abrahams:

Schiff in Sicht!

Ah – hinter uns tauchten die roten, grünen und weißen Positionslichter eines Dampfers auf, der anscheinend direkt in unserem Kielwasser fuhr. Deutlich hörte man durch die stille Luft das Arbeiten der Maschine.

Schwing die Laterne, Jakob! schrie Abraham, oder sie fahren uns über; und wenn ich bis drei zähle, müssen wir alle zusammen schreien: Schiff ahoi!

Mehrere Male stießen wir mit voller Lungenkraft diesen Ruf aus, wonach plötzlich das grüne Licht verschwand.

Sie sehen uns! Sie sehen uns!

Die Maschine stoppte ab, eine große, dunkle Masse näherte sich uns, und eine helle Stimme rief:

Boot ahoi! Was gibt's?

Wir treiben! antwortete Abraham. Werft ein Tau herüber und nehmt uns auf!

Fünf Minuten später lag das Boot mit abgetakelten Segeln neben dem Dampfer; wir vier waren mit unseren wenigen Sachen sicher an Bord, die Maschine stampfte, das Wasser am Bug rauschte auf, und der Kapitän erkundigte sich teilnehmend nach unseren Erlebnissen.

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