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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 21
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Wir bemächtigen uns des Schiffs!

Die Kajüte des Kapitäns bot einen grauenhaften Anblick; eine halb getrocknete Blutlache am Boden, Blutstropfen überall. Mein Grauen mit Mühe unterdrückend, setzte ich Abraham in fliehender Eile unseren Plan auseinander. Er folgte mir mit gespanntester Aufmerksamkeit.

Eine ausgezeichnete Idee! sagte er, mit einer Stimme, die vor Aufregung heiser war. Das muß gehen! Die Hauptsache ist, daß wir die Schufte alle zusammenbekommen.

Hastig durchsuchten wir die große Kiste und sämtliche Schubladen nach Waffen, aber vergeblich. Ich war tief enttäuscht, hatte ich doch bestimmt darauf gerechnet, daß der Befehlshaber einer derartigen Mannschaft wohl bewaffnet sein würde.

Dann brachten wir eine Mappe mit Karten, ein paar Sextanten, einen Chronometer und ähnliche Instrumente in die Kabine des Steuermanns hinüber. Ich fand eine große Karte von Südafrika, nahm sie unter den Arm und ging mit Abraham an Deck. Wieder fiel mein Auge auf den gräßlichen Fleck, aber gleichzeitig durchzuckte mich der Gedanke, daß man ihn bei unserem Kriegsplan verwenden könnte. Ich glaubte Helga in ihrer Kajüte und wollte sie holen, als ich meinen Namen vom Oberdeck her rufen hörte und sie dort neben Nakier stehen sah. Die kluge Helga spielte die Liebenswürdige, um ihn in Sicherheit zu wiegen.

Nakier hat mir von seiner Heimat erzählt, rief sie. Was für ein herrliches Land voller Blumen und Vögel muß es sein! Entzückt schlug sie die Hände zusammen.

Nakier starrte sie mit unverhohlener Bewunderung an, und mich überkam ein Gefühl grimmiger Wut bei der Vorstellung, daß dieser gelbe Schuft mit den fürstlichen Allüren sich etwa in Helga verlieben könnte.

Wo ist nun die Mosselbai, von der ihr spracht? sagte ich.

Er wies mit dem Zeigefinger auf die Stelle.

Ah so! das ist östlich von Agulhas, aber noch weit bis Capstadt.

Oh nein! antwortete er, viel Wagen, viel Pferde, viel Ochsen!

Er schien wirklich zu glauben, daß wir diese Mosselbai für den von ihm bestimmten Ort hielten.

Sehen Sie hier, Helga, sagte ich. Der Weg ist für Sie und Abraham nicht zu verfehlen. Ausgezeichnete Sextanten und alle andern notwendigen Instrumente sind unten vorhanden.

So elend mir sonst auch zu Mute war, hätte ich mich über das wichtige Gesicht, mit dem Abraham die Karte studierte, totlachen können.

Ich wollte schon lange gern einmal in jene fremden Gegenden, sagte er ernsthaft. Capstadt soll ein feiner Ort sein, wo es für unsereinen 'n guten Schluck zu trinken gibt. Aber sind bei der Geschichte für ein paar arme Teerjacken, wie mein Maat und ich, nicht etliche Pfund zu verdienen?

Wir davon später sprechen, Misser Vise, entgegnete Nakier. Wir alle brauchen Geld.

Aus Furcht, daß Abraham aus seiner Rolle fallen könnte, schickte ich ihn frühstücken und raunte ihm noch schnell zu, Jakob alles zu erzählen.

Das Wetter blieb an jenem Morgen wundervoll, der Himmel strahlte in wolkenlosem Blau, und die Sonne brannte, als wären wir zehn Grad südlicher. Kurz nach zehn Uhr flaute die schwache Brise jedoch vollständig ab, so daß ich so etwas wie Ruhe vor dem Sturm befürchtete, aber ein Blick auf den gleichmäßig hohen Stand des Barometers belehrte mich eines besseren. Um elf Uhr frischte ein leichter Nordost auf, der Vorläufer des Passatwindes, wie ich annahm.

Weit und breit zeigte sich kein Schiff, was mir übrigens sehr lieb war.

Kurz vor Mittag holte ich zwei Sextanten, von denen ich einen Abraham, den anderen Helga reichte. Jener schien jedoch nicht recht zu wissen, was er damit anfangen sollte, und hantierte so ungeschickt herum, daß ich ärgerlich wurde, weil sein Gebaren Nakiers Verdacht erregen konnte.

Helga stand an der Reeling, das Gesicht der Sonne zugewandt, und hielt den Sextanten ans Auge, während Nakier und alle anderen ihr Tun mit gespanntestem Interesse verfolgten. Denn jetzt sollte sie beweisen, daß sie das Vertrauen in ihre Kenntnisse auch wirklich verdiente. Unbeschreiblich reizvoll hob sich ihre dunkelgekleidete Gestalt und das sonnenbeschienene goldene Gelock von dem hellen Hintergrunde ab.

Acht Glas! ertönte ihre klare Stimme mit dem leichten nordischen Akzent.

Acht Glas! echote Abraham, obgleich es seinen Feststellungen mit dem Sextanten nach auch wohl gut Mitternacht hätte sein können.

Ich trug ihm auf, Tinte, Papier und Journal nach oben zu bringen, damit Helga die nötigen Eintragungen machen könne, während die Leute sich anschickten, ihr Mittagessen aus der Kombüse zu holen. Sie sprachen eifrig miteinander; Helgas Zeitfeststellung mittels des Sextanten hatte ihnen augenscheinlich mächtig imponiert. Ich winkte Nakier herbei und ersuchte ihn, uns das Mittagsmahl oben servieren zu lassen, da die Kapitänskajüte in ihrer jetzigen Verfassung kein Aufenthaltsort für eine Dame sei.

Abraham erschien mit den gewünschten Sachen, und ich fragte ihn, wer jetzt beim Steuerruder an die Reihe käme.

Jakob ist dran!

Ich rief nach Jakob, der augenblicklich herbeieilte. Als er die Speichen des Rades ergriff, schoß der Malaie, der das Ruder bisher bedient hatte, zu seiner Mahlzeit davon.

Abraham, mit dem Bleistift in der Hand, schien vollständig in seine Berechnungen vertieft, und Helga, die das Oberlicht als Tisch benutzte, machte emsig Ausarbeitungen, umgeben von Chronometer und Karten. Ihr Heldenmut erfüllte mich mit größter Bewunderung: wenn unser Plan fehlschlug, traf sie wahrscheinlich das schrecklichste Los, doch trotzdem verriet ihr schönes, in seiner Ruhe wie aus Marmor gemeißeltes Gesicht in keinem Zuge auch nur die leiseste Furcht.

Als sie fertig war, bezeichnete sie auf der Karte die Stelle, wo wir uns augenblicklich befanden, mit genauer Angabe des Breitengrades.

Tragen Sie alles wieder nach unten, Abraham, sagte ich, aber kommen Sie sofort wieder herauf! Fräulein Nielsen will in ihre Kabine gehen, und ich übernehme nicht allein die Verantwortung für die Führung des Schiffes.

Der Steward brachte uns eine Platte mit kaltem Fleisch, Zwieback und Wein und setzte ein paar Stühle hin. Während er die Speisen auf einem Tischtuch ordnete, holte ich eine große Weltkarte von unten. Trotzdem ich um alle Schätze der Welt keinen Bissen hätte herunterwürgen können, widmete ich mich mit scheinbarem Eifer unserer Mahlzeit. Helga, die ein Biskuit zerkrümelte und ein paar Tropfen Wein trank, begegnete meinem Blick mit ihrem tapferen Lächeln.

Helga, noch ist es Zeit, sagte ich. Wir können ohne Sie handeln, und wenn unser Plan mißlingt, wird Ihnen nichts geschehen, weil die Schurken ohne Sie hilflos sind.

Es ist besser, wenn ich dabei bin, erwiderte sie.

Der gelbe Koch und noch zwei andere Burschen standen rauchend in der Kombüsentür; die anderen waren unten beim Essen. Ich breitete die Karte aus; wir steckten die Köpfe zusammen und vertieften uns anscheinend in eine lebhafte Debatte mit öfterem lauten Widerspruch meinerseits. Eben öffnete Abraham die Tür zum Vorderdeck und kam mit seinem breiten, wiegenden Seemannsgang auf uns zu, gefolgt von verschiedenen anderen, die sich unterwegs ihre Pfeifen anzündeten. Helga und ich stritten uns noch immer, und Abraham beteiligte sich nun auch an der Auseinandersetzung.

Die Komödie hat jetzt lange genug gedauert, flüsterte ich Helga zu. Nun mag es losgehen! Gott steh' uns bei!

Schon oft in meinem Leben war ich in großer Gefahr gewesen und wußte sehr gut, was es heißt, dem Tode ins Auge zu schauen. Während es sich sonst aber immer nur um die Rettung von Menschenleben aus Seenot gehandelt hatte, wobei ich nichts anderes als mein eigenes Leben riskierte, war mir heute mein Herz zentnerschwer. Denn fiel auch nur der Schatten eines Argwohns auf uns, so waren wir im Zeitraum einer Sekunde von Messern durchbohrt.

Als ich mich der Tür näherte, die zu den Mannschaftsquartieren führte, trat Nakier heraus; wahrscheinlich war er herbeigeholt worden.

Es gibt noch mehr Häfen an der südafrikanischen Küste, sagte ich zu ihm. Ich bin mit der Mosselbai gar nicht einverstanden. Wie verhalten sich eure Leute dazu?

Sie meiner Meinung sein.

Weshalb sollen wir denn durchaus um Agulhas herumfahren? Wißt ihr nicht, daß in der Simonsbai Kriegsschiffe zu liegen pflegen, und daß wir leicht einem Kreuzer begegnen können?

Die Leute lauschten mit vorgestreckten Hälsen.

Ich stimme nicht mit Mr. Tregarthen überein, mischte sich nun Helga ins Gespräch. Er befürchtet starke Ostwinde und schwere See im südlichen Ozean, während ich glaube, daß wir das Kap ohne Gefahr umsegeln können.

Nein, nein! rief Nakier nun; kein Ostwind, schöne, glatte See!

Ich halte es für lächerlich, sagte ich in befehlshaberischen Ton, nach der Mosselbai zu segeln, wenn ihr für euren Marsch nach Kapstadt ebensogut diesseits des stürmischen Agulhas landen könnt.

Nakiers Augen funkelten.

Abraham und sein Maat sind auf meiner Seite, fuhr ich fort, doch hat Fräulein Nielsen gegen die Mosselbai nichts einzuwenden. Wir sind also unentschieden. Hier ist die Karte von Südafrika. Ruft alle zusammen. Ich will ihnen meine Ideen auf der Karte auseinandersetzen. Wenn sie trotzdem auf der Mosselbai bestehen, so mag es dabei bleiben. Steht ein Tisch in eurem Mannschaftsraum, auf dem wir die Karte ausbreiten können?

Ja, Herr, aber – sagte Nakier mit einem ungewissen Blick auf Helga.

Oh, dort komme ich schon hinunter, meinte sie, ich bin ein ebenso guter Seemann wie ihr und ans Klettern gewöhnt.

Alle gelb und braun schattierten Gesichter starrten auf Helga, wie sie nun leicht und anmutig auf den als Stufen dienenden, vorspringenden Holzklötzchen in den Schiffsraum hinabkletterte. Ich kam unmittelbar hinter ihr, und dann folgte einer nach dem anderen, bis der Raum, den eine qualmende Tranlampe nur notdürftig erhellte, und der außer ein paar Hängematten und etwas Ölzeug nichts Bemerkenswertes enthielt, gedrängt voll abenteuerlicher Gestalten war.

Ich breitete jetzt die Karte auf dem Tisch aus; und Schulter an Schulter beugten sich die Kerle stirnrunzelnd darüber, während Helga auf dem einen, Nakier auf dem anderen Ende die sich aufrollenden Ecken festhielten.

Ein seltsam phantastisches Bild, das sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt hat.

Seht her, begann ich meine Ansprache, berechnet euch, wieviel Zeit und wieviel Meilen Weges wir sparen könnten, wenn wir nach Sankt Helenabai oder der Saldanhabai gingen, statt nach der Mosselbai. Hier in der Simonsbucht liegen stets Kriegsschiffe. Stellt euch vor, ein Kreuzer erwischte uns, was dann?

Die wenigen, die mich verstanden, sahen Nakier fragend an, und einer erkundigte sich nach der Entfernung von der Saldanhabai nach Capstadt. Nakier antwortete heftig, worauf der Mann seinen schmutzigen Daumen auf die Stelle der Karte setzte, wo die Simonsbai lag, und mit der Hand an seinem Halse die sehr bezeichnende Bewegung des Hängens machte.

Nakier schrie: Nein! Nein! dazwischen, während der andere mich wieder: Wie weit? fragte.

Um es euch genau sagen zu können, muß ich zuerst einen Kompaß holen; in ein paar Minuten bin ich zurück.

Doch Helga rief mit gut gespieltem Schreck:

Nein, lassen Sie mich hier nicht allein! Ich werde lieber gehen.

Während sie nach oben stieg, redete ich eifrig auf die Leute ein und zeigte, nun meinerseits die Ecke festhaltend, auf der Karte hierhin und dorthin, um die Aufmerksamkeit von Helga abzulenken. Und da ich zu bemerken glaubte, daß meine Erwähnung der Kriegsschiffe Eindruck machte, sprach ich immer wieder davon.

Wenn ich auch an der Ermordung des Kapitäns und des Steuermanns ganz unschuldig bin, so wäre es mir doch verflucht unangenehm, wenn ein englischer Marineoffizier und ein Dutzend Mann an Bord kämen, sagte ich, mich in Hitze redend. Wie soll ich meine Unschuld beweisen? Ihr, Nakier, werdet doch nicht vortreten und erzählen, daß wir drei Engländer und die Dame gar nichts mit dem Verbrechen zu tun haben! donnerte ich, mit der Faust auf den Tisch schlagend. Ist daher diese Seite der Küste nicht viel sicherer und außerdem viel näher?

Wieviel näher? erkundigte sich wieder der Mann, der schon einmal gefragt hatte.

Hier, winkte ich ihn heran, haltet die Ecke der Karte. Fräulein Nielsen scheint den Instrumentenkasten nicht finden zu können. Ich muß Mr. Vise rufen.

Nun kam die Entscheidung!

In der Tür drehte ich mich um und schrie Nakier trotzig und herausfordernd zu:

Macht euren Leuten klar, daß ihnen bereits der Strick am Halse sitzt, wenn wir ein Kriegsschiff treffen!

Mit zwei Sprüngen erreichte ich das Deck, und in der nächsten Sekunde schlug ich mit den beiden Bootsleuten den Riegel an der Falltür krachend vor.

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