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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 20
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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In der Gewalt der Meuterer.

Schweigend, regungslos, standen die gelben Gesellen um den Tisch. So still war es, daß ein jeder des andern Atemzüge hören konnte. Eine geisterhafte Stille, durch das dumpfe Klatschen des Großsegels an den Mast und das leise Gurgeln der an den Planken des Schiffsrumpfes hinaufleckenden Wellen nur noch verschärft.

Niemand sprach ein Wort. Helga, dicht an meiner Seite stehend, schmiegte sich an mich an. Jakob und Abraham rührten sich nicht. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Die gelben Mörder starrten zu uns herüber, starrten Helga an ...

Da kam Punmeamootty zurück, feierlich schreitend, einen Folianten auf den flachen Händen, den er Nakier überreichte. Dieser gab das Buch Helga:

Da, Herrin, ihm sein der Koran, unser Heiligtum. Sieh nach, ob ihm richtig sein!

Es war ein in Leder gebundenes Manuskript mit reichem Gold- und Farbenschmuck. In welcher Sprache die roten Schriftzüge geschrieben waren, konnte ich nicht unterscheiden: meinetwegen hätte es ebenso gut der Talmud sein können.

Ich will deinem Worte glauben, sagte ich zu Nakier. Er wandte sich zu den Leuten und rief ihnen etwas zu, worauf alle, ihre Körper unter heftigen Gestikulationen verrenkend, »Al-Koran!« schrien. »Al-Koran!«

Hierauf trat Nakier mit dem Buche an das Ende des Tisches und blieb dort stehen, während alle Augen sich auf ihn richteten.

Herrin und ihr alle! rief er. Ihr wissen, weshalb wir töten Kapt'n und Misser Jones? Sie schlechte, böse Männer! Sie wollten arme Muselmänner in Hölle schicken. Wir kamen her zu arbeiten, wir gaben ihnen dies für ihr Geld – dabei erhob er seine geballten Fäuste – und nicht dies, das Allah gehören! Hier schlug er auf seine Brust.

Ein beifälliges Murmeln lief um den Tisch; jedes der lederfarbenen Gesichter nickte zustimmend.

Wir nicht alle Malaien, fuhr er fort, aber wir alle Menschen, Herren! Wir haben Hunger, wir trinken, wir weinen und lachen, wie ihr Weiße, die ihr nicht glauben an den Propheten. Wir haben getötet die bösen Männer; es war Gerechtigkeit!

Die melodische Stimme wurde schneidend, das dunkle Auge flammte auf, und die Hand zuckte nach der leeren Dolchscheide. Die Leute waren wie elektrisiert.

Nakier sprach weiter: Dies Schiff ist nach der Tafelbai bestimmt. Einige von uns gehören nach Capstadt. Wenn wir ankommen, sie fragen: Wo ist der Kapt'n? Wo ist Misser Jones? Und wir das nicht wollen sagen.

Wo wollt ihr denn hin? fragte ich.

In die Nähe von Capstadt.

Was meint ihr damit?

O, dort sein ein Fluß; wir ankern, setzen an Land und gehen – gehen.

Helga erschrak.

Ihr und eure Leute wollt also, daß wir euch irgendwo an Land befördern sollen? sagte Abraham.

Nein! Nein! rief Nakier, nicht irgendwo! In die Nähe von Capstadt. Nicht zu weit!

Ihr wißt doch, Nakier, entgegnete ich niedergeschmettert, daß die junge Dame und ich nach Hause wollen. Der Kapitän bestand darauf, uns mitzunehmen. Ihr könnt doch unmöglich von uns verlangen, daß wir in dieser Barke nach Capstadt fahren.

Wer wird dann aber das Schiff führen? fragte Nakier.

Nun, Mr. Vise, erwiderte ich, mich zu dem Bootsmann wendend.

Ich werde den Teufel tun! schrie Abraham, ich habe keine Ahnung von der Länge.

Um Himmels willen, Mann! Reden Sie nicht so! Fräulein Nielsen und ich müssen auf ein anderes Schiff.

Ich auch! schrien Abraham und Jakob.

Wir alle wollen an Bord eines anderen Schiffes, sagte ich zu Nakier. Dann könnt ihr mit der Barke machen, was ihr wollt!

Ein scharfes: Nein! Nein! ertönte rings umher. Nakier erhob, Ruhe gebietend, die Hand.

Wir kein anderes Schiff sprechen dürfen!

Wenn ihr uns festhalten wollt aus Angst, daß wir nicht den Mund halten, rief Abraham, so will ich euch im Namen aller schwören, daß wir nichts verraten werden.

Helga, die regungslos in ihrem Stuhl gesessen hatte, flüsterte mir zu: Sie sehen doch, daß dies eine abgekartete Sache ist. Wir müssen scheinbar einwilligen und sie schwören lassen, sonst sind wir geliefert.

Ich sah den entschlossenen Gesichtern an, daß Helga recht hatte und weiteres Zögern Gefahr bedeutete. Die gelben Schurken hatten unser Leben bis jetzt nur geschont, damit wir sie sicher an Land befördern sollten, und würden uns drei, da sie Helga genügend nautische Kenntnisse zutrauten, einfach umbringen, wenn wir ihnen widersprachen.

Hastig flüsterte ich dem Bootsmann zu: Kein Wort weiter, wenn euch euer Leben lieb ist! und wandte mich dann zu Nakier: Ihr wollt nach Südafrika in die Nähe der Tafelbai?

Ja, Herr!

Könnt ihr mir die Stelle auf der Karte zeigen?

Ja, Herr!

Und wir sollen versprechen, kein vorüberfahrendes Schiff anzurufen?

Abermaliges zustimmendes Nicken Nakiers.

Und dann?

Dann ihr schwören und wir schwören auf den Koran und sein euer Freund.

Ich stelle aber noch Bedingungen, sagte ich, mühsam Festigkeit heuchelnd. Wo werden wir wohnen?

Hier. Von uns niemand herkommen.

Ferner hoffe ich, daß wir, wie bisher, bedient werden.

Ja, Herr, wir alle wollen euch und der Herrin dienen. Wir euch diese Räume geben.

Dabei wies er auf die Kabine des Kapitäns und Steuermanns. Helga flüsterte mir zu:

Lassen Sie sie jetzt schwören!

Nakier, rief ich, wir willigen in eure Vorschläge ein und übernehmen die Führung des Schiffes, doch vorher müßt ihr bei diesem eurem heiligen Buche schwören, uns kein Leid zuzufügen und unseren Befehlen zu gehorchen.

Nakier hielt eine Ansprache an seine Leute. Zweifellos war er der Urheber des ganzen Dramas. Sein faszinierender Blick hielt die andern im Bann; trotzdem wurde hier und da ein Murren der Unzufriedenheit laut. Doch plötzlich erhob Nakier beide Hände und zischte in herrischem Ton ein paar Worte, worauf lautlose Stille eintrat. Er ergriff das Buch und reichte es dem zunächst Stehenden. Dann sagte er in englischer Sprache:

Herrin und ihr, Herr, Misser Vise und Jakob, wir jetzt schwören den Muselmanneid. Ich nicht gut sprechen eure Sprache, aber ihr sollen hören meinen Schwur in Englisch. Er richtete seine Augen gen Himmel und rief mit klangvollem singenden Ton: Im Namen Allahs, des gütigsten und gnädigsten Herrn aller Dinge! Wenn ich diesen Eid brechen, o, Allah, ich mögen fahren zur Hölle!

Nun nahm einer nach dem andern das Buch, hielt es mit ausgestrecktem Arm über seinem Kopf und schwur den Eid in seiner Muttersprache.

Als das Buch zu Nakier zurückkam, wandte er sich, einen kurzen Befehl erteilend, an Ong-Kew-Ho, der sofort die Kabine verließ. Gleich darauf trat der Mann vom Steuerrade ein, der ebenfalls den Eid leisten mußte. Das alles machte in der Tat einen ehrlichen Eindruck. Zuletzt schwur Nakier, und eine Minute darauf hatten all die gelben Schurken bis auf Nakier den Raum verlassen.

Ihr seht, Herrin, es ist alles richtig, sagte dieser lächelnd zu Helga.

Wir sind zufrieden, erwiderte sie aufstehend; dabei fiel ihr Blick auf den blutigen Fleck am Boden und ihr Gesicht verzerrte sich vor Grauen.

Morgen früh suchen wir den Platz auf der Karte, wo ihr uns hinsteuern. Ihr wissen Schiffahrt, Herrin?

Wir, sagte Helga, indem sie mit einer Handbewegung auf uns drei wies, wir werden tun, was ihr verlangt.

Wer geht diese Wache? fragte ich nun.

Ich habe die Steuerbordwache, meldete sich Abraham.

Allee right, Misser Vise! Schöne Nacht heute! Ich nun schlafen gehen.

Und Nakier verschwand lautlos in der Dunkelheit.

Nun, da die farbige Mannschaft uns verlassen hatte, erwachten wir alle wie aus einem gräßlichen Traum.

Vorsicht! flüsterte Helga, wir dürfen hier nicht zusammen stehen bleiben. Dort im Schatten beobachtet man uns.

Hier steht aber einer, schrie Jakob hitzig, dem es garnicht einfällt, mit einem Schiff voll blutgieriger Wilder nach dem Cap zu fahren.

St! Brüllen Sie nicht so! suchte ich ihn zu beschwichtigen.

Wütend sah er mich an, sprach aber leiser.

Wenn sie schlafen, klappen wir die Deckluken auf dem Vorderdeck zu, dann liegen sie wie in einem Brunnen, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir mit den drei oder vier auf Deck nicht fertig werden sollten.

Du meinst wohl, die werden nicht aufpassen, Freundchen? sagte Abraham. Meine Fäuste sind auch nicht von schlechten Eltern! Aber die Kerle sind geborene Messerstecher. Rühre einen an, und du hast sein Messer im Leib! Wir sind drei gegen elf, vergiß das nicht!

Es geht nicht, daß wir hier noch länger debattieren; wir werden beobachtet, sagte ich.

Gibt's hier denn keine Schußwaffen? fragte Abraham.

Ich hoffe, es wird auch ohne sie gehen, entgegnete Helga. Lassen Sie mir Zeit! Ich habe einen Plan, wie wir nicht nur uns, sondern auch das Schiff retten können.

Doch Jakob knurrte mit geballten Fäusten: Sollen wir drei Männer und ein Mädel, das so gut ist wie zwei von uns, hier sitzen und warten, bis wir abgeschlachtet werden, oder tun wir nicht besser, uns auf diese gelben Affen zu stürzen und ihnen einzeln das Genick zu brechen?

Sie sind wohl verrückt, fuhr ich ihn an.

Warum sollte es uns nicht glücken? murmelte er mit heiserer Stimme. Nach einigem weiteren Hin- und Herreden verließ er mit Abraham die Kabine, um die Wache zu übernehmen.

Ich werde Sie um vier Uhr ablösen, rief ich ihnen nach, schraubte die Lampe herunter und setzte mich neben Helga, um mit ihr zu beratschlagen.

Wir hatten manche gefahrvolle Stunden durchlebt, seit wir uns in jener furchtbaren Sturmnacht zuerst begegnet waren; aber nichts kam dieser Mittelwache auf der rings vom nächtlichen, schweigenden Ozean umgebenen Barke gleich. Zwei Stunden saßen wir, leise miteinander flüsternd, und fühlten dabei instinktiv, daß unheimliche Schatten in der Finsternis um uns huschten und stechende Augen uns durch das Oberlicht beobachteten. Obgleich der Gedanke an unsere eigene gefahrvolle Lage das Entsetzen über die Tragödie des Doppelmords überwog, blickte ich doch immer wieder nach den Lagerstätten der beiden Ermordeten hin, als ob sich dort in jedem Moment blutige Gestalten erheben müßten.

Ich war der festen Meinung, daß die Mannschaft zwar in der Tat beabsichtigte, das Schiff an die südafrikanische Küste in die Nähe von Capstadt zu bringen, daß wir drei Männer aber das Land nicht lebend erreichen sollten.

Und ihr Eid? entgegnete Helga.

Ihr Leben steht ihnen höher als ihr Eid.

Nach vielem Hin und Her stand gegen vier Uhr Helgas Plan fest, und wir gingen an Deck. Ich schickte Abraham und Jakob hinunter; unsern Plan konnte ich ihnen nicht mitteilen, weil der Bursche am Steuerrade die Ohren spitzte, bedeutete ihnen aber, daß ich sie später in alles einweihen würde. Wenn wir Glück hätten, sei das Schiff morgen unser. Dann schlenderte ich nach dem Steuer, sprach mit dem Mann am Rade ein paar Worte über den Kurs und ging dann mit Helga langsam auf und ab, wobei ich hin und wieder vorsichtig zurückblickte und auch einigemal Gestalten hinter dem Mast verschwinden sah.

Endlich fing es im Osten an zu dämmern; die Segel nahmen eine aschgraue Färbung an, und das Meer war noch immer leicht bewegt. Mit unheimlicher Deutlichkeit wurde jetzt im zunehmenden Licht der Blutfleck an der Reeling sichtbar.

Holt Scheuerbürsten! rief ich drei Leuten zu, die schwatzend herumsaßen, und kratzt den Fleck so schnell wie möglich fort!

Sie machten sich an die Arbeit, und mit einem wehen Gefühl im Herzen kehrte ich zu Helga zurück.

Die Sonne stieg empor; der klare, blaue Tropenhimmel versprach einen herrlichen Morgen, nur im Nordosten zeigten sich einige Silberwölkchen.

Helga kletterte nun tapfer durch die dunkeln Tiefen des Schiffes in ihre Kabine hinunter und lächelte mir ermutigend zu, als ich mich besorgt zeigte. Um sieben erschien Nakier oben, steckte, als er mich erblickte, seine Tonpfeife fort und näherte sich mit respektvollem Gruße. Was hatte dieser gefährlichste Schuft der ganzen Verbrecherbande doch für ein geschmeidiges, gewinnendes Äußere!

Schickt mir Abraham! sagte ich höflich, er hat zwar Freiwache, ich möchte aber mit ihm die Kapitänskajüte nach Karten und Instrumenten durchsuchen.

Unter Nakiers gesenkten Lidern schoß ein scharfer Blick hervor; dann bat mich der Malaie mit einschmeichelndem Lächeln, mich zuvor mit ihm über den zu bestimmenden Landungsplatz zu verständigen und schlug die Mosselbai vor.

Ich hatte zwar nie etwas von dieser Bucht gehört, meinte aber, sie nach der Karte auffinden zu können. Zu diesem Zwecke müsse ich mich jedoch aus den Aufzeichnungen des Kapitäns über die Lage des Schiffes orientieren und brauche daher Mr. Vise.

Zögernd holte Nakier Abraham, dem Jakob auf dem Fuße folgte, herbei. Die herumlungernden Leute der Deckwache schienen uns nicht zu beachten. Nakier schritt die Luvseite des Vorderdecks auf und ab.

Die Durchsuchung der Kabine ist nur ein Vorwand, raunte ich Abraham zu; ich wollte Sie allein sprechen, um Ihnen Fräulein Nielsens Plan mitzuteilen. Lassen Sie sich aber nichts merken und machen Sie das dümmste Gesicht, das Sie zu stande bringen können.

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