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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 2
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Vor dem Sturm.

Ich wurde durch fernes Donnerrollen aus dem Schlafe geschreckt. Ein Blick aus dem Fenster meines Zimmers zeigte mir das unheimliche Schauspiel eines heraufziehenden Unwetters. Dunkle Gewitterwolken, aus denen nur hier und da ein grünlich fahler Schein hervorbrach, bedeckten den Himmel, doch lag die See noch ruhig da, und träge nur brachen sich die bleigrauen Wellen an den Klippen, die rings die Bucht umrahmten.

Wie ausgestorben dehnte sich die weite, öde Wasserfläche hin; nur die hüpfenden Schaumflocken der Brandung drüben am Deadlow-Felsen und den beiden Nachbarklippen, die im ganzen Umkreise die »Zwillinge« hießen, brachten Farbe und Leben in das düstere Bild. Eine unheimliche Stille brütete in der Luft; kein Windhauch regte sich. Das dumpfe Grollen des Donners war verstummt.

Als ich einige Stunden später ins Wohnzimmer trat, schänkte meine alte Mutter mit zitternder Hand mir den Kaffee ein.

Wieder so schlechtes Wetter heute, Hugh! seufzte sie.

Ja, erwiderte ich, auf See braut sich ein tüchtiges Gewitter zusammen: Hast du's vorhin nicht donnern hören?

Sie nickte.

Hoffentlich brauchst du heute nicht mit dem Rettungsboot hinaus, Hugh! Ich hatte diese Nacht wieder einen so schrecklichen Traum. Ich sah dich mit den Leuten ins Boot steigen und bei hellem Sonnenschein in die Bucht hinein segeln. Plötzlich aber verdüsterte sich der Himmel, und es wurde immer dunkler, so wie jetzt. Die See ging hoch, und mit Aufbietung aller Kräfte suchtet ihr wieder die Küste zu erreichen, aber vergeblich. Euer Boot jagte pfeilschnell in die offene See hinaus ...

Träume sind Schäume, Mutter, sagte ich lachend. Unsere »Jeanet« – so hieß das Rettungsboot – wird heute schwerlich etwas zu tun bekommen: denn weit und breit ist kein Segel in Sicht. Muß ich aber trotzdem heute in Sturm und Wetter hinaus, so sitze ich doch immer noch weit lieber in unserer »Jeanet« als im größten Londoner oder Liverpooler Dreimaster. Ich kenn' das Boot!

Nach dem Frühstück ging ich an den Strand hinunter, um nach dem Rettungsboot zu sehen, dessen Vormann ich seit zwei Jahren war. Daß ich in so jungen Jahren bereits diesen verantwortungsvollen Posten bekleidete, verdankte ich einem sehr traurigen Ereignis. Nachdem mein Vater viele Jahre als Kapitän auf einem Kauffahrteischiffe gefahren war, hatte er seine Ersparnisse in ein paar Schiffsparten angelegt, Anteilen an dem Kapitalwert verschiedener Schiffe, und etwa 15 Jahre vor Beginn dieser Erzählung mit einem jener funkelnagelneuen Fahrzeuge eine Probefahrt von der Themsemündung nach Swansea angetreten, wo es seine nach südamerikanischen Häfen bestimmte Ladung einnehmen sollte. Doch kaum hatte der schmucke Dreimaster das North Foreland-Kap hinter sich, als ein schweres Wetter aufzog, in dem das Fahrzeug auf Grund geriet. Vergeblich hatten die Schiffbrüchigen Notsignale gegeben, Böllerschüsse abgefeuert und Raketen steigen lassen: als man ihnen vom Lande aus endlich zu Hilfe eilen konnte, war das Schiff geborsten, und der größte Teil der 26 Mann starken Besatzung hatte den Tod in den Fluten gefunden. Nur acht konnten noch gerettet werden. Mein Vater war ertrunken. Tief erschüttert durch den Verlust seines einzigen Bruders, ließ damals Onkel Georg Tregarthen, ein wohlhabender Kaufmann in London, auf seine Kosten ein Rettungsboot bauen, das er nach meiner Mutter »Jeanet« taufte und – zum Gedächtnis an jene traurige Begebenheit – der Heimatstadt meines verstorbenen Vaters schenkte. Ich selbst hatte zu jener Zeit die Kinderschuhe ausgetreten, war aber schon eine richtige Wasserratte und galt mit zwanzig Jahren als einer der kühnsten und gewandtesten Bootsführer unserer Küste. Daher erhielt ich, als der bisherige Führer alt wurde und ausscheiden mußte, das Kommando der »Jeanet«, die unter meiner Führung im Verlauf von zwei Jahren dreiundzwanzig Männern, fünf Frauen und zwei Kindern das Leben rettete ...

Ehe ich an jenem Gewittermorgen das Bootshaus betrat, zündete ich mir noch ganz gemächlich eine Pfeife an. Dabei fiel es mir so recht auf, wie still die Luft noch immer war; die Flamme des Streichholzes flackerte nicht einmal. Nur die Brandung ging etwas höher, und in ihr Klatschen und Plätschern mischte sich ein seltsam hohler Ton.

Ein Möwenschwarm umkreiste mit schrillem Kreischen den Deadlow-Felsen und die »Zwillinge«; doch nicht wie sonst stießen die weißschimmernden Vogelkörper blitzschnell auf den Wasserspiegel hinab, um sich dann mit der zappelnden Beute wieder emporzuschwingen. Unruhig flatternd schienen die Tiere auf den Ozean hinauszuspähen, der seine Wogen durch die Oeffnungen des Klippengürtels in unsere abgeschiedene Bucht wälzte.

Nicht weit vom Bootsschuppen stand die Hütte des Strandwächters und daneben ein hoher Flaggenmast. Mit dem Fernrohre unter dem Arm lehnte der Wächter in der Tür und plauderte mit einem alten Seemann namens Isaak Jordan. Hinter der Hütte stiegen die Felsen steil und dunkel empor und gipfelten in der sogenannten Sturmspitze, die unseren Strandwinkel trefflich vor den rauhen Nordwinden schützte.

Von der Landzunge aus, auf der das Bootshaus stand, zog sich eine alte Holzmole, die schon fünfzig Jahre lang den Wogen und Stürmen getrotzt hatte, im weiten Bogen in die See hinaus. Bei ruhiger See löschte manchmal ein Kohlenschiff, das seinen Kurs um die »Bischofsnase«, eine steile Klippe hinter dem Deadlow-Felsen, genommen hatte, seine Ladung an diesem Pier, und zur besten Fangzeit staute sich an dem alten Holzgerüst eine ansehnliche Menge der schlank und spitz gebauten Lugger aus Penzance. Heute jedoch war von der Küste bis zum Horizont kein Fahrzeug zu entdecken. Auch der Strand lag leer und öde da, nur in der Nähe der Mole waren ein paar Männer emsig dabei, ihre Boote hoch aufs Trockene zu ziehen, denn die Wetteraussichten wurden immer drohender.

Ich trat in das Bootshaus und überzeugte mich, daß die »Jeanet« vollkommen seeklar war und jeden Augenblick flott gemacht werden konnte. Zu diesem Zwecke führte vom Schuppen aus eine ziemlich steile Helling so weit in die See hinein, daß sie auch bei niedrigstem Wasserstande benutzt werden konnte.

Da sah ich Isaak Jordan gemächlich auf mich zuschlendern. Der Alte war ein Original, das auf viele Meilen im Umkreise nicht seinesgleichen fand. Aus seinem verwitterten, von unzähligen Fältchen und Runzeln durchfurchten Gesicht blickten ein Paar trübe, tiefliegende Augen von ebenso unbestimmter Farbe, wie sie sein schäbiger Südwester aufwies, der schon manchen Sturm erlebt haben mochte. Ein einziger, von zahllosen Priemchen dunkelgelb gefärbter, auffallend großer Zahn ragte – wie der Deadlow-Felsen – in einsamer Pracht aus dem eingefallenen Munde. Jordan stammte nicht aus unserer Gegend. Vor etwa fünfzig Jahren war ein Wrack in unsere Bucht verschlagen worden, und an Deck des Wracks hatte man halbtot einen Mann gefunden. Als er nach geraumer Zeit wieder zu sich kam, stellte sich heraus, daß er das Gedächtnis ganz und gar verloren hatte. Nicht einmal auf seinen Namen vermochte er sich zu besinnen. Seitdem hatte er, auch als sich nach mehreren Jahren sein Gedächtnis wiederfand, dieses Fleckchen Erde nur verlassen, um sich in der Bucht ein Gericht Fische zu angeln oder als Sackträger auf den löschenden Schiffen ein paar Pfennige zu verdienen.

Guten Morgen, Mr. Tregarthen, rief er, heute gibt's Arbeit für uns – he?

Scheint so, Isaak, erwiderte ich.

Wann wird's losgehen?

Damit hat's noch gute Wege, meinte er mit einem prüfenden Blick auf die regungslos hängenden Wolken, aus denen sich jetzt einzelne schwere Tropfen lösten. Bis Abend wird das Wetter sich wohl halten, wenn nicht 'n tüchtiger Blitz die Regensäcke da oben aufschlitzt.

Aber der Blitz blieb aus, und der Regen hörte wieder auf. In der unheimlichen Stille war jeder Ton weithin vernehmbar. Man konnte das Rufen und Schreien der Seeleute auf der Mole, das Knirschen der Bootskiele im Sande, ja sogar das Wagengerassel in den Straßen des landeinwärts gelegenen Städtchens hören.

Beinahe zwei Stunden lang stand ich auf meinem Beobachterposten, und noch immer hatte sich das Wetter nicht geändert. Nur ein seltsam moderiger Salzgeruch wie von faulendem Seetang, den ich an unserer Küste noch nie wahrgenommen hatte, machte sich bemerkbar. Einer meiner Bootsleute, der eben von einem Ausguck auf der Sturmspitze zurückkam, meinte, es sei die Ausdünstung des sturmgepeitschten Meeres, die oft meilenweit die Atmosphäre durchdringe.

Kein Schiff in Sicht? fragte ich.

Nordwestwärts scheint etwas aufzutauchen!

Wird wohl ein Dampfer sein, erwiderte ich; ein Segler kommt bei dieser Windstille nicht vorwärts.

Dann verabschiedete ich mich von meinem Gefährten und schlenderte, da wir um ein Uhr zu essen pflegten, langsam nach Hause.

Meine Mutter fragte ängstlich nach den Wetteraussichten.

Wir werden wohl Sturm bekommen!

Hoffentlich ist kein Schiff in der Bucht? forschte sie.

Nein, beruhigte ich sie, nur draußen im Nordwesten ist so etwas wie ein Segel gesichtet worden.

Sie nickte und griff nach der Zeitung, während ich mir eine Pfeife stopfte. Als wir so gemütlich beieinander saßen, klopfte Rev. John Trembath, der Pfarrer von Tintrenale, im Vorübergehen ans Fenster und trat auf meine Einladung bei uns ein.

Heute bekommen Sie möglicherweise noch Arbeit, Mr. Tregarthen, sagte er nach den ersten Begrüßungsworten. Eben erzählte mir der alte Roscorla, von der »Bischofsnase« aus sei im Westen ein Segler gesichtet worden, der auf die Bucht Kurs hält.

Gnade ihm Gott, wenn wir Westwind bekommen, rief ich.

Den haben wir bereits, erwiderte Mr. Trembath.

Wenn das Wetter sich doch nur ein wenig aufklären möchte! klagte meine Mutter. Mir ist so angst, als stände uns heute noch etwas Schreckliches bevor. Glauben Sie an Träume, Mr. Trembath?

Nein, sagte der Geistliche kurz. Was haben Sie denn geträumt?

Kopfschüttelnd hörte er die Erzählung meiner Mutter an und sagte dann:

Papperlapapp! Sie haben sich gestern den Magen ein bißchen verdorben. Hätten Sie vor dem Schlafengehen ein Gläschen Ihres vorzüglichen Kirschlikörs getrunken, so brauchten Sie sich jetzt nicht mit trüben Ahnungen zu quälen.

Nachdem der Pfarrer während unserer ziemlich einsilbigen Unterhaltung behaglich ein Gläschen des gepriesenen Kirschlikörs geleert hatte, verabschiedete er sich, und ich eilte wieder an den Strand, um Ausguck zu halten.

Das Wetter hatte sich wenig geändert, nur das Gewölk war noch dichter geworden, und trotz der frühen Stunde herrschte schon ein ungewisses Dämmerlicht, wie sonst nach Sonnenuntergang. In der Bucht kräuselte eine leichte Brise die Wogen, während drüben am Deadlow-Felsen und an den »Zwillingen« schon eine starke Brandung donnerte und schäumte.

Vergebens spähte ich nach dem Schiffe aus. Die Bucht war leer und die Aussicht auf die offene See durch die steil aufragende »Sturmspitze« versperrt. Dann trat ich zu einer Gruppe von Seeleuten, die sich auf dem Molenkopf versammelt hatten, und unter denen ich auch ein paar Mann von der Besatzung des Rettungsbootes erblickte.

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