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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 15
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Die Malaien.

Wir saßen bis nach neun Uhr plaudernd beisammen. Die Gemütlichkeit der Kajüte nach dem unwirtlichen Aufenthalt in dem offenen Logger, das Gefühl der Sicherheit, die Aussicht auf ein richtiges Bett und nicht zuletzt das Glas Punsch hatten mich in heiterste Stimmung versetzt.

Ist es hier nicht besser, als auf dem Logger, Helga? fragte ich, auf unsere behagliche Umgebung und meine bequeme Pantoffeln deutend. Lächelnd stimmte sie zu, während Kapitän Buntings Gesicht vor Befriedigung strahlte.

Sie sind wohl noch nicht viel gereist, nicht wahr, Mr. Tregarthen?

Ich verneinte.

Junge Leute sollten sich die Welt ansehen, dozierte er und erging sich längere Zeit in Gemeinplätzen über den Wert des Reisens.

Aber Sie sind schon weit umher gekommen? wandte er sich schließlich lächelnd an Helga.

Nicht übermäßig viel, antwortete sie, ich war einmal in Rio und auf Jamaica. Ferner habe ich meinen Vater auf einigen kürzeren Fahrten nach portugiesischen und Mittelmeerhäfen begleitet.

Für Ihre Jugend gerade genug. Die Tafelbai kennen Sie also noch nicht?

Nein.

Helga, Sie sehen müde aus, unterbrach ich jetzt das Gespräch.

Ich denke, wir ziehen uns zurück. Entschuldigen Sie unsern frühen Aufbruch, Kapitän Bunting.

Oh, bitte sehr, Ihre Ermüdung ist leicht begreiflich, sagte er, ich will Sie in Ihre Kojen führen.

Er ließ sich von Punmeamootty eine Laterne bringen und ging uns nach dem Quarterdeck voran. Nach der Wärme unten überrieselte uns jetzt in dem kalten Winde ein eisiger Schauder. Das Licht spiegelte sich in den nassen Planken, in der Takelage sauste und pfiff es unheimlich, und mit sonderbar schluchzendem Ton brach sich das Wasser an den Planken des Schiffsrumpfes.

Gestatten Sie, daß ich Ihnen behilflich bin, Fräulein Nielsen, sagte der Kapitän, die Laterne hochhaltend, um die Öffnung einer Falltür zu beleuchten.

Doch Helga setzte, ohne zu zögern, den Fuß auf die erste der als Stufen dienenden Holzleisten und war im Augenblick verschwunden, uns gleich darauf zurufend, daß sie sicher unten angelangt sei.

Was für eine außerordentliche Gelenkigkeit bei einer jungen Dame! rief der Kapitän.

Nun Sie, Mr. Tregarthen!

Vorsichtig kletterte ich hinab, und dicht hinter mir folgte der Kapitän. Beim matten Schein der Laterne war von dem Raume, in dem wir uns jetzt befanden, nicht viel zu sehen. Es schien der vordere Teil des Zwischendecks zu sein, an dessen Ende die Ladung verstaut war, die ich in matten Umrissen unterscheiden konnte. Die Türen der Kojen, die nicht größer waren als ein Taubenschlag, mündeten auf einen kleinen Korridor. Was mich am meisten in Erstaunen setzte, war das Höllenkonzert hier unten, ein Gemisch von knatternden, quietschenden, stöhnenden Tönen. Die Laterne warf riesengroße Schatten, die beim Schwanken des Schiffes einen so tollen Tanz aufführten, daß in einer furchtsamen Seele alle Märchen von sagenhaften Ungeheuern und Seegespenstern lebendig werden mußten.

Ich wünschte wirklich, schrie der Kapitän, um den chaotischen Lärm zu übertönen, Sie hätten mir gestattet, Sie besser unterzubringen, Fräulein Nielsen. Hoffentlich werden Sie morgen anderen Sinnes sein.

Er öffnete die nächste der kleinen Türen auf der Backbordseite. Der winzige Raum war so wohnlich wie möglich hergerichtet. Ich bemerkte sogar einen Spiegel und einen Waschtisch (beides stammte höchstwahrscheinlich aus der Kabine des Kapitäns). Auf einem Tischchen lagen Kamm und Bürste, und ein Stück Teppich bedeckte den Boden.

Sie sind zu gütig, sagte Helga, die Kabine ist wirklich allerliebst.

Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und angenehme Träume! Er streckte seine Hand aus und hielt die ihre länger fest, als gerade nötig war.

Gute Nacht, Helga, sagte ich.

Gute Nacht, Hugh.

Ich konnte den Ausdruck ihrer Augen bei dieser Beleuchtung nicht recht erkennen; doch schien es mir, als ob sie noch etwas auf dem Herzen hätte. Daher beugte ich mich zu ihr nieder, doch sie fuhr nur stumm mit der Hand über meinen Ärmel, als ob sie sich von einer eklen Berührung reinigen wollte.

Sie brauchen sich nicht im Dunkeln zu entkleiden, Fräulein Nielsen, rief der Kapitän, der inzwischen an die für mich bestimmte Koje getreten war. In Ihrer Tür ist eine Öffnung, ich hänge die Laterne hier an der Decke auf, und Punmeamootty kann sie in einer halben Stunde holen. Gute Nacht, Mr. Tregarthen!

Ich wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an Helgas Tür.

Wollten Sie mir noch etwas sagen, Helga? Weshalb strichen Sie über meinen Ärmel?

Haben Sie mich denn nicht verstanden, Hugh? Es war die Berührung jenes Mannes, die ich damit abwischen wollte.

Armer Kerl! Ist er Ihnen wirklich so widerwärtig? Dabei hat er seine halbe Kabine für Sie ausgeplündert!

Nochmals gute Nacht, Hugh!

Verwundert und geärgert über Helgas Benehmen ging ich in meine Koje. Wenn sie ihrer grundlosen Abneigung auch weiterhin in dieser Weise Ausdruck gab, so konnte unser Aufenthalt hier höchst ungemütlich werden. Wie unklug, ihren törichten Mädchenlaunen so die Zügel schießen zu lassen! Wer konnte wissen, wie lange wir gezwungen waren, hier an Bord zu bleiben und auf Kapitän Buntings Gastfreundschaft angewiesen zu sein!

Ein Rundblick in meiner Koje belehrte mich, daß ich lange nicht so gut aufgehoben war wie Helga: ein paar Decken in der Bettlade, und auf der Erde eine alte Zinnschüssel, die je nach der Bewegung des Schiffes bald hier, bald dort hin rutschte, das war alles. Um dem Klappern der Schüssel ein Ende zu machen, schleuderte ich sie in die nächste Koje, in der ein Mischmasch von alten Segeln und ähnlichem Gerümpel aufgestapelt lag, die intensiv nach Teer rochen. Kaum hatte ich mich ausgestreckt, als ich auch schon trotz des infernalischen Spektakels fest einschlief.

Ich erwachte gerade in dem Moment, als ich träumte, der gelbe Bewohner der Höhle, in die ich mich nach meiner Aussetzung auf einer einsamen Insel verkrochen hatte, erschiene im Eingange, um mich abzuschlachten. Es war halb acht, und in der Kojentür stand Punmeamootty, der mich fragte, ob ich Wasser haben wolle.

Jawohl, antwortete ich nun ganz munter, die Schüssel liegt nebenan, und wenn möglich, bitte ich auch um ein Stückchen Seife und ein Handtuch.

Als er mir das Gewünschte brachte, erkundigte ich mich nach dem Wetter.

Sehr gutes Wetter, Herr! erwiderte er, stehen bleibend.

Ihr werdet auch froh sein, wieder nach Capstadt zu kommen, nicht wahr? sagte ich. Stammt Ihr von dort?

Nein, Herr, ich sein aus Ceylon.

Wieviele Singhalesen seid Ihr?

Drei.

Und die anderen?

Ein Birmane, einer Penang, einer Singapore, alle so.

Aber ist in Capstadt eure Heuer zu Ende?

Ja, Herr, ja! beteuerte er hastig.

Ihr seid alle Mohammedaner?

Ja, alle.

Seine düsteren Augen hefteten sich erwartungsvoll auf mich.

Ihr verstehen Schiffahrt, Herr?

Nein, ich habe keine Ahnung davon; doch deshalb haben wir nicht Schiffbruch erlitten.

Aber die schöne junge Dame ihm verstehn? Grinsend zeigte er sein blendend weißes Gebiß.

Überrascht fragte ich ihn, woher er das wisse.

Ich hören, Euch Kapitän erzählen. Sie schöne, junge Herrin und sehr gut für arme Muselmänner.

Ich weiß, was Ihr meint, Punmeamootty. Es tut uns beiden leid. Der Kapitän meint es gut, er meint es wirklich gut, wiederholte ich, als ich den Mann mit den Zähnen knirschen hörte, aber seine Güte ist auf falschem Wege. Fräulein Nielsen und ich werden uns bemühen, ihn umzustimmen, obgleich unseres Bleibens hier vielleicht nicht lange sein wird. Nichts in Sicht?

Nein, Herr.

Er zögerte noch, da ich aber nichts mehr hinzufügte, ging er mit kurzem Gruß hinaus.

Helgas Tür war geschlossen, wahrscheinlich hatte sie eine unruhige Nacht gehabt und holte ihren Schlaf jetzt nach. Doch als ich an Deck kam, sah ich sie schon im Gespräch mit den beiden Bootsleuten. Die Planken waren noch feucht vom Scheuern, und der Schornstein der Kombüse rauchte verheißungsvoll. Eine Gruppe von Farbigen stand leewärts mit dampfenden Näpfen in der Hand und frühstückte. Nakier starrte mit untergeschlagenen Armen zu uns herüber. Die Sonne stand erst eine halbe Stunde über dem Horizonte und warf, durch unendlich zarte Wolken verschleiert, ein vielfarbiges Strahlennetz über den Himmel. So weit ich dem Stande der Sonne nach urteilen konnte, wehte die leichte Brise, der die Bark ihre volle Leinwand zeigte, aus Südost.

Guten Morgen, Abraham! Wie geht's Jakob? Sie kommen mir beide gerade recht, begrüßte ich die Gesellschaft. Oh! Und Helga, wie hübsch sehen Sie wieder aus! Hat Ihnen der Kapitän vielleicht heimlich mit seinem Waschständer Schönheitsmittel eingeschmuggelt?

Ach, scherzen Sie nicht, Hugh, erwiderte Helga. Sehen Sie doch, rings umher ist noch nichts zu erblicken.

Ich habe Fräulein Nielsen erzählt, sagte Abraham, daß die farbigen Kerle von ihr wie von einer Gottheit sprechen. Besonders jener Nakier da hinten steht wie eine Bildsäule und starrt immerzu her. Und was sagte der Bursche zu mir:

Sie seien keine Engländerin, Sie haben zu schöne Augen. Engländer sein sehr schlecht; einig' gut, aber viel sehr, sehr schlecht.

Da steckt das Schweinefleisch dahinter, meinte Jakob.

Abraham, sagte ich leise, damit der auf- und abgehende Steuermann uns nicht hörte, ehe Sie Kapitän Buntings Anerbieten annehmen –

Ich hab' schon angenommen. In der Nacht, als ich Wache hielt, kam er ein paarmal herauf und bei der Gelegenheit habe ich zugesagt, nachdem ich mit Jakob alles besprochen hatte.

Nun, ich hoffe, daß Sie sich die Sache reiflich überlegt haben. Bedenken Sie, daß die Bark gerade kein beneidenswerter Aufenthalt sein dürfte, wenn der Kapitän auf seinen Ideen besteht.

Ganz recht, Herr, antwortete Abraham. Aber uns gehen ja schließlich die Beschwerden der Leute nichts an. Hier handelt es sich um unseren Verdienst. Wo ist die »Morgenfrühe«? Wo sind meine fünfzehn Pfund und Jakobs acht? Außerdem, warum essen die ledernen Gesellen kein Schweinefleisch? Was für uns gut genug ist, muß für die Sorte lange gut sein.

Da in diesem Augenblick der Kapitän heraustrat, flüsterte ich Abraham nur noch schnell zu: Warten Sie beide lieber noch ein wenig, ehe Sie Ihre Namen in die Schiffsliste eintragen lassen.

Der Kapitän kam, jeder Zoll der höfliche Wirt, lächelnd auf uns zu. Ein Blick genügte, um mir zu zeigen, daß er ganz ungewöhnliche Sorgfalt auf seinen Anzug verwendet hatte. Sein Doppelkinn verschwand in einem gestärkten Kragen, der größten Rarität an Bord eines Segelschiffes. Eine feuerrote Halsbinde vervollständigte diese gewählte Toilette. Er schüttelte mir flüchtig die Hand, widmete dann aber seine ganze Aufmerksamkeit Helga, erkundigte sich, wie sie geruht habe, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ihr Schlummer von dem Lärm unten nicht zu arg gestört worden sei. Dann ersuchte er sie, sich nach dem Achterdeck zu bemühen, wo sie wenigstens ungestört sei, wenn auch die Eleganz und der Luxus eines modernen Postdampfers hier leider gänzlich fehlten. Wir stiegen die Treppe hinauf und hatten nun einen weiten Rundblick über die unendliche Wasserwüste, die tatsächlich wie eine Wüste, öde und leer, vor uns lag.

Mir ist dies keineswegs unangenehm, sagte der Kapitän bedeutungsvoll, worauf er Mr. Jones' Bericht über Wetter, Fahrt usw. entgegennahm.

Der Steuermann stand in respektvollster Haltung vor ihm. Sein wenig ansprechendes Äußere und seine schäbige Kleidung ließen darauf schließen, daß es ihm wahrscheinlich nicht leicht geworden war, eine Stelle zu bekommen, und daß er die einmal erlangte durch größte Willfährigkeit festzuhalten bemüht sein würde.

Ich benutzte die Gelegenheit, um mir endlich einmal das Schiff bei Tageslicht gründlich anzusehen. Es mußte mindestens vierzig Jahre alt sein; viel Veraltetes in seiner Bauart verriet mir dies so deutlich, wie die Runzeln im Antlitz eines Menschen. Die Ausstattung war die denkbar einfachste, nirgends bot eine Verzierung, ein Beschlag von blitzendem Metall dem Auge einen wohltuenden Ruhepunkt. Auch die Boote paßten in ihrer Art voll und ganz zum Schiffe; das Langboot diente sogar als Hühnerstall. Das einzig Neue waren die Segel, die sich in fleckenloser Reinheit im Winde bauschten.

Der Kapitän forderte Helga zu einem Rundgang auf; da ich jedoch mit Mr. Jones sprechen wollte, blieb ich zurück, sah aber noch, wie der Kapitän dem jungen Mädchen den Arm bot, den Helga ablehnte.

Wenn Abraham Vise mitsegelt, werden Sie leichteren Dienst haben, Mr. Jones, sagte ich. Er ist ein guter Kerl! Ich hätte, offen gestanden, nicht den Mut, nur mit einem einzigen Europäer unter so viel Malaien zu fahren.

Wir waren unser drei, bis Winstanley verschwand, entgegnete er.

Nun kam Abraham zur Ablösung, ließ sich von Jones den Kurs geben, warf einen sachverständigen Blick auf Horizont und Takelage und trat laut gähnend seinen Posten an. Ich amüsierte mich köstlich über die wichtige Miene, mit der er den Kompaß studierte, durfte mich aber nicht mit ihm unterhalten, da er im Dienst war.

Um halb neun gab eine kleine Glocke in der Kajüte das Zeichen zum Frühstück. Das beste, was die Speisekammer hergeben konnte, stand auf dem Tisch: Schinken, Pökelfleisch, Kaffee, sogar Marmelade. Der Steward bediente uns flink und gewandt, Helga mit besonderem Eifer, wobei seine dunklen Augen respektvoll auf ihr ruhten, während sie dagegen ab und zu dolchscharfe Blicke seitwärts nach dem Kapitän schossen. Mr. Jones hatte wohl schon gefrühstückt und war sicher froh, sich jetzt nach so langer Zeit wieder einmal ordentlich ausstrecken zu können.

Im Laufe des Gesprächs erkundigte sich Helga nach der gegenwärtigen Lage des Schiffes.

Wir sind auf der Höhe von Madeira, antwortete Kapitän Bunting, ungefähr hundert Meilen östlich von der Insel entfernt. Ich habe noch einen Sextanten: dürfte ich Sie da wohl bitten, heute mittag meine Berechnung zu bestätigen?

Doch Helga wehrte errötend ab und sagte sehr kühl:

Würde es Ihnen große Unbequemlichkeiten verursachen, den Umweg über Madeira zu machen und uns dort abzusetzen? Wir finden da sicher Fahrgelegenheit nach England.

Kapitän Bunting schüttelte mit sentimentalem Augenaufschlag den Kopf, während ich an seiner Stelle antwortete:

Sie verlangen zuviel, Helga! Wenn ein Schiff vom Kurs abweicht, verliert es im Unglücksfalle die Versicherungssumme. Und wie wäre es, wenn wir uns einige Tage in Madeira aufhalten mühten? Wohltätigkeitsanstalten gibt es bei dem armen portugiesischen Volk dort nicht, und wie es kam, daß ich meine Börse zu Hause vergaß, kann sich Kapitän Bunting leicht vorstellen.

Gewiß! pflichtete der Kapitän mir bei, ließ den Gegenstand fallen und sprach von anderen Dingen, immer so, daß jedes Wort, auch wenn er sich an mich wandte, für Helga berechnet war.

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