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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 13
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Kapitän Joppa Bunting.

Inzwischen hatte sich Abraham von seinem ersten Schreck erholt, und es erfolgte nun eine ähnliche Explosion wie damals, als wir den Belgier passierten. Kopfschüttelnd betrachtete der Kapitän dies tolle Gebaren und meinte schließlich:

Die Leute von Deal scheinen sehr aufgeregter Natur zu sein.

Nehmen Sie es ihnen nicht übel, Kapitän, bat ich. Es ist ein großer Fehlschlag und schwerer Verlust für die armen Teufel.

Ja, aber solche Sprache dulde ich nicht an Bord. Vise, kommen Sie einmal her!

Abraham näherte sich mit seinem breiten wiegenden Gang.

Abraham, sagte der Kapitän, von ihm zu Jakob blickend, der noch immer klatschnaß an der Reeling stand. Es hat Sie einer jener Schicksalsschläge betroffen, die im Grunde zu unserem Besten dienen ( – Teufel noch 'mal! – brummte Abraham), wenn wir in unserer Kurzsichtigkeit die Weisheit der Vorsehung auch nicht erkennen. Glaubten sie wirklich, in dem kleinen, offenen Boot Australien erreichen zu können?

Ja! schrie Abraham.

Das war ausgeschlossen, donnerte der Kapitän. Sie beide allein? Wer führte das Boot?

Ich! antwortete Abraham.

Sie! Der Kapitän brach in ein lautes Gelächter aus. Der gnadenreiche Himmel hat ein Wunder getan, als er Ihren Logger neben meiner Bark untergehen ließ, um Ihr Leben zu retten, das Sie in unglaublicher Torheit aufs Spiel setzten.

Dabei schlug er die Augen gen Himmel, bis nur noch das Weiße von ihnen zu sehen war, und ich konnte beim Anblick seines Mienenspiels und des grenzenlosen Erstaunens, das, mit unterdrückter Wut gepaart, sich auf Abrahams Gesicht spiegelte, nur mühsam meine Fassung bewahren.

Der arme alte Abraham stand da und murmelte Dinge; die ganz gewiß nicht fromm waren und sicherlich nicht salbungsvoll gewirkt hätten!

Jetzt machen Sie, daß Sie in trockene Kleider kommen, wärmen Sie sich und essen Sie etwas! sagte der Kapitän zu Jakob. Ich hoffe, daß Sie beide als Entgelt für Ihren Aufenthalt hier an Bord mitarbeiten werden. Der Steuermann wird Ihnen Ihre Lagerstätte zeigen.

Die beiden Leidensgenossen trollten ab.

Gute, alttestamentarische Namen: Abraham und Jakob, äußerte sich der Kapitän wohlgefällig zu uns. Ich bin so glücklich, Joppa zu heißen. Diese niedern Klassen des Volks verstehen den Segen eines Unglücks gar nicht zu schätzen, fuhr er fort, und sind nicht im geringsten dankbar dafür. Ich bin überzeugt, daß Sie, mein Fräulein, als die Bark Ihres seligen Vaters unterging, nicht gegen das Schicksal gemurrt haben.

Doch Helga blieb stumm.

Versteht dieser Abraham eigentlich etwas von Nautik? fragte mich der Kapitän nach kurzer Pause.

Nicht gerade viel; mit der Breite kommt er noch allenfalls zurecht, bei der Länge dagegen verlegt er sich aufs Raten.

Und damit wollte er nach Australien? Aber sonst ist er ein ordentlicher Mann, nicht wahr? Ich befinde mich nämlich in etwas fataler Lage, müssen Sie wissen. Mr. Ephraim Jones ist mein einziger Steuermann: der zweite, Winstanley mit Namen, der gleichzeitig Zimmermann war, muß am Tage nach der Ausreise verrückt geworden sein, jedenfalls sprang er über Bord. Nun muß ich mich mit Jones in die Wachen teilen, was sehr unbequem und anstrengend für mich ist. Vielleicht könnte Abraham Winstanleys Stelle ausfüllen.

Aber er will doch nach Hause, wandte ich ein.

Nun, den Dealer Matrosen möchte ich sehen, der sich nicht durch den Klang von Silberdollars verführen ließe, meinte der Kapitän lächelnd.

Natürlich, Kapitän Bunting, ist dies doch kein Hinderungsgrund, Fräulein Nielsen und mich bei erster Gelegenheit nach Hause zu senden? fragte ich ihn, und dankte ihm herzlich, als er sich dazu bereit erklärte. Gleichzeitig ließ ich einfließen, daß ich für alle durch uns verursachte Unkosten aufkäme.

Sie sprechen zu einem Samariter, nicht zu einem Pharisäer! wehrte er ab.

Dann beauftragte er Mr. Jones, eine reichliche Mahlzeit auftischen zu lassen und warf dann prüfende Blicke auf Horizont und Kompaß, wobei er mit einem der mahagonifarbenen Leute sprach.

Als er zu uns zurückkehrte, fragte ich ihn, aus welchen Landsleuten seine sonderbare Mannschaft bestände.

Es sind meistens Malaien, aber auch ein paar Singhalesen sind darunter, antwortete er. Ich habe sie durch Zufall bekommen und mußte noch froh darüber sein. Die reguläre europäische Besatzung, die ich in der Themse an Bord genommen hatte, benutzte die Gelegenheit, als wir auf der Dealer Reede drei Tage wegen widrigen Windes still lagen, um, bis auf Jones und Winstanley, in dunkler Nacht mit dem Quarterboot spurlos zu verduften. Da hörte ich, daß im Seemannsheim in Dover eine malaische Mannschaft logierte, elf an der Zahl. Ihr Schiff, das sie auf der Fahrt von Ceylon am Kap ausgenommen hatte, war aus der Godwinbank gestrandet. Als sie erfuhren, daß ich auf der Ausreise nach dem Kap war, boten sie mir ihre Dienste eifrig und um geringen Lohn an. Nun sind sie da, – leider lauter Mohammedaner, aber ich hoffe, Gutes in ihnen zu wirken.

Seine letzten Worte erschienen mir sehr rätselhaft!

Aber da in demselben Augenblick Jones uns zu Tisch bat, zerbrach ich mir darüber weiter nicht den Kopf.

Die Kabine bot mit ihrem sauber gedeckten und mit appetitlichen Bissen besetzten Tisch einen anheimelnden Anblick. Trotzdem hier unten, da bereits die Sonne sank, tiefe Dämmerung herrschte, sah ich deutlich die funkelnden Augen Punmeamoottys, der das Amt eines Stewards bekleidete. Der Kapitän befahl, die Lampe anzuzünden und fragte dann Helga, ob sie vor dem Essen noch ein wenig Toilette machen wolle. Wo werden wir Sie unterbringen? überlegte er. Unten sind ein paar kleine dunkle Löcher, das ist aber nichts für eine Dame. Mr. Jones wird Ihnen seine Kabine abtreten, er kann im Zwischendeck schlafen.

Und wo bleibt Mr. Tregarthen? fragte Helga.

Für ihn muß eine der Kammern unten zurecht gemacht werden.

Ich möchte aber nicht zu weit von Mr. Tregarthen getrennt sein, sagte Helga mit offenbarem Widerstreben. Unter dem Blick des Kapitäns, der bald sie, bald mich betrachtete, schoß ihr das Blut in die Wangen.

Fräulein Nielsen und ich haben in den letzten Tagen so vieles gemeinsam durchgemacht, daß sie mich auch jetzt in ihrer Nähe zu haben wünscht, fügte ich hinzu.

Nun, so sei's drum, sagte der Kapitän mit großartiger Handbewegung. Einstweilen steht Ihnen meine Kabine zur Verfügung, Fräulein.

Helga ging etwas zögernd.

Ich wundere mich, daß Sie nicht daran gedacht haben, fuhr er fort, daß eine so reizende junge Dame, nach all den Unannehmlichkeiten und Unbequemlichkeiten der letzten Tage, auch einmal Sehnsucht hat, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Wenn Sie dasselbe tun wollen, finden Sie das Nötige in Mr. Jones' Kabine.

Ich beherzigte diesen Wink und begab mich in die Kabine des Steuermanns. Durch ein kleines Fenster konnte ich bis zum Achterdeck sehen und entdeckte dort Abraham und Jakob, die mit mürrischen Gesichtern, die Arme bis an die Ellenbogen in die Taschen vergraben, an der Kombüse lehnten. Fast die ganze übrige Mannschaft in ihrer buntscheckigen, wie aus dem Trödlerladen zusammengestoppelten Kleidung, stand um sie herum, und einer sprach leise und dringlich, unter heftigen Gestikulationen, auf sie ein, wobei er sich öfter, wahrscheinlich nach dem Steuermann, scheu umblickte.

Doch unsere beiden Bootsleute straften ihn mit schweigender Verachtung.

Ich wusch mich und kehrte dann in die Kabine zurück, in die auch Helga gleichzeitig eintrat. Sie sah frisch und anmutig aus, und wenn sie sich von allen Strapazen erst völlig erholt haben würde, mußte sie zu einer der entzückendsten Mädchenerscheinungen erblühen, die je eines Mannes Herz fesselten.

Der Kapitän nahm seinen Platz am oberen Ende des Tisches ein und machte mit großem Aufwand von Würde den Wirt. Das Schiff krachte und ächzte in allen Fugen; doch waren Tisch und Geschirr gut gesichert. Punmeamootty bediente uns geräuschlos, nur als der Kapitän sich den Schinken reichen ließ und dabei weitläufig die Nützlichkeit des Schweins im allgemeinen, im Gegensatz zur Kuh im besonderen erörterte, gewahrte ich einen schielenden, lauernden Seitenblick im Auge des Malaien.

Der Kapitän verflocht in seine Unterhaltung viele frommen Betrachtungen, augenscheinlich war er froh, jemand zu haben, bei dem er seine Salbung anbringen konnte. Es mag undankbar klingen, wenn ich so von ihm spreche, aber es liegt mir daran, ein getreues Bild dieses seltsamen Mannes zu geben. Wie ich ihn so vor mir am Tisch sitzen sah und salbungsvoll reden hörte, fiel es mir schwer, ihn für den Kapitän eines Ozeanfahrers zu halten, und ich war baß erstaunt, als ich erfuhr, daß er, der jetzt vierundvierzig Jahre alt war, seit seinem zwölften Jahre zur See fuhr.

Da müssen Sie ein gutes Stück Welt gesehen haben, sagte ich.

Es gibt wohl kaum etwas, das ich nicht kenne, antwortete er. Alle Weltteile habe ich besucht und alle Wunder und Schrecken des Meeres kennen gelernt. Ich bin mit einem Walfischfänger im ewigen Eise gewesen und habe einmal siebzehn Wochen am Äquator in Windstille zugebracht. Es ist ein schöner Beruf unter Gottes väterlichem Schutz, fuhr er fort. Wenn man nur nicht nötig hätte, dabei Geld zu verdienen! Geld beschmutzt die Seele. Ich könnte von Brot und Wasser leben, aber ich habe eine Tochter, Judith, für die ich sorgen muß.

Ist sie ihre einzige Tochter? fragte Helga mit plötzlich erwachter Teilnahme.

Mein einziges Kind, Fräulein Nielsen, ein gutes, frommes Mädchen. Sie ist ganz allein, wenn ich fort bin; mein liebes Weib schläft seit sechs Jahren.

Er seufzte, aber das Lächeln blieb trotzdem wie fest gefroren auf seinem Gesicht.

Draußen schien es jetzt völlig Nacht geworden zu sein; denn tiefschwarz spiegelte das Oberlicht das Innere der Kajüte wider. Mir kam es so vor, als ob der Wind aus einer schärferen Tonart pfiff und die Bark noch schwerer rollte. Man hörte das Klatschen eines Segels und ein eigentümliches Heulen.

Mr. Jones läßt das Großsegel aufgeien; aber das Barometer steht fest, sagte der Kapitän.

Und was sind das für Klagetöne? fragte Helga.

Die Mannschaft singt beim Ziehen des Taus. Das ist Seemannsbrauch, wie Sie, Fräulein Nielsen, es wohl aus eigener Erfahrung kennen werden.

In der Tat, rief ich, Fräulein Nielsen ist firm in allen nautischen Dingen.

Bitte, erzählen Sie mir doch, was Sie alles können. Es interessiert mich sehr, da derartige Kenntnisse bei einer Dame doch recht selten sind.

Nun gut, antwortete ich für Helga. Sie kann ein Schiff führen, sie kann steuern, den Klüver lösen, so schnell wie der geschickteste Matrose in die Takelage aufentern, sie kann Wache halten, die Höhe messen und den Platz eines Schiffes auf der Karte festsetzen, nicht wahr, Helga?

Sie scherzen, sagte der Kapitän aufhorchend, als ich das junge Mädchen beim Vornamen nannte.

Nein, nein, es ist alles wahr. Wir verdanken unsere Rettung ihren Kenntnissen und ihrem Heldenmut. Gott segne Sie, Helga, und beschere uns beiden eine glückliche Heimkehr!

Aber Sie müssen nicht solche Eile damit haben, wandte der Kapitän sich lächelnd an das junge Mädchen, ich möchte doch versuchen, Sie für das »Licht der Welt« zu gewinnen. Sie würden einen ausgezeichneten Steuermann abgeben.

Ich bemerkte denselben Ausdruck widerwilligen Zurückweichens im Gesicht Helgas, den ich schon öfter bei den Worten des Kapitäns an ihr beobachtet hatte. Witterte ihr feiner Fraueninstinkt hinter den Scherzen einen anderen Sinn? Mir erschienen sie völlig harmlos.

Doch sie antwortete nicht, und da wir lange genug bei Tisch gesessen hatten, zog ich die Uhr heraus.

Sie werden wohl müde sein, Helga, und zeitig zur Ruhe gehen wollen, es ist ein Viertel vor sieben.

Punmeamootty, schicken Sie mir Nakier, befahl nun Kapitän Bunting. Kann ich Sie wirklich nicht bewegen, Mr. Jones' Kabine zu nehmen, Fräulein Nielsen? Es wäre dort so viel gemütlicher für Sie.

Danke, nein! Ich bleibe lieber in der Nähe von Mr. Tregarthen.

Sie Glücklicher! sagte der Kapitän lächelnd.

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