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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 10
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Schiff in Sicht.

So verbrachten wir den Nachmittag. In unserem Leben war einer jener Momente eingetreten, wo das Schicksal scheinbar den Atem anhält, und wir nichts tun können, als warten, warten, warten ...

Wir fuhren mit einer Schnelligkeit von acht bis neun Meilen die Stunde.

Ihre Heimat entschwindet in immer größere Fernen, Hugh, sagte Helga. Gott gebe Ihrer Mutter die Kraft, auszuharren!

Ernst blickte ich in ihr blasses Gesicht.

Und was werden Sie nach Ihrer Rückkehr in Kolding beginnen, Helga?

Das werde ich mir noch überlegen müssen. Lassen Sie, bitte, meine Zukunft meine eigene Sorge sein, Hugh.

Die sanfte Stimme schwankte.

Nein, Helga. Was ich Ihrem sterbenden Vater versprochen habe, halte ich auch. Ich bringe Sie zu meiner Mutter: denn dadurch, daß ich Sie vom Tode errettete, habe ich mir das Recht erworben, so viel Glück in Ihr Leben hineinzutragen, wie in meiner Macht steht.

Ein Blick voll heißer Dankbarkeit lohnte mir ...

Arme, kleine, tapfere Helga! Damals ahnte ich noch nicht, wie schnell im Herzen eines jungen Mannes das Mitleid für ein schönes, verlassenes Geschöpf sich in Liebe verwandelt.

Die Sonne sank über den wild erregten, schäumenden Fluten, die sich vor dem dunstig roten, westlichen Himmel tief dunkelgrün abhoben. Der Wind hatte nicht mehr an Stärke zugenommen. Allmählich gewöhnte ich mich an die Bewegung des Schiffes und bewunderte immer mehr seine Seetüchtigkeit, wenn ich sah, wie leicht sich der Bug, bis an die Reeling mit kochendem Gischt bedeckt, auf den Wellenberg hinaufschwang, um gleich danach wieder graziös hinabzutauchen. Dabei blieb das Innere vollständig trocken, so daß ich die Grundlosigkeit meiner Befürchtung, eine einzige über Bord gehende See würde den ganzen ungedeckten Logger einfach zum Sinken bringen, sehr bald einsah.

Diese Dealer Logger genießen ihren guten Ruf mit Recht, sagte ich zu Helga. Ich wundere mich nicht mehr über die Kühnheit der Mannschaft, damit nach Australien segeln zu wollen.

Ja, nur die Leute taugen ungleich weniger, erwiderte Helga leise. Abraham macht die Besteckrechnung auf seine Art, und ich verstehe genug von Nautik, um zu sehen, daß er sich dabei täglich um drei bis vier Meilen irrt. Wo sollen wir da hingeraten?

Hier wurden wir durch Abraham unterbrochen, der Helga freundlich das gedeckte Vorderteil für die Nacht zur Verfügung stellte. Meinen Dank wehrte er mit den Worten ab:

Sie ist 'ne Seemannstochter!

Seine Stimme zu rauhem Flüstern dämpfend, fügte er noch hinzu:

Tragen Sie Tommy nichts nach! Er ist ein guter Kerl, kann es bloß nicht so äußern. Hat viel Pech in der Ehe gehabt. Seine erste Frau trank und pflegte ihm dann Schemel und andere Dinge, aber immer recht harte Sachen, an den Kopf zu werfen, und die zweite hatte zwar zehn Kinder, war aber ein gefühlloses Ungeheuer!

Ehe Helga sich zurückzog, wollte sie durchaus wissen, wo ich unterkommen würde. Ich wies auf den Raum unter dem überstehenden Rand des Decks, den Abraham, um Helga zu beruhigen, noch mit einem Segel zu überdachen versprach. Ich beschloß noch ein Pfeifchen zu rauchen, während Jakob auf der Leeseite im Schutze des Focksegels saß und Abraham steuerte. Unser Gespräch drehte sich um Helga, und wieder mußte ich Abraham die Geschichte von ihres Vaters Tode auf dem Floße erzählen.

Darf ich fragen, Mr. Tregarthen, ob Sie verheiratet sind? fragte er unvermittelt.

Nein!

Und sie, Miß Helga? Ist ihr Herz noch frei?

Ja, das weiß ich nicht!

Hm, wenn's so ist, dann weiß ich schon, wie es kommen wird.

Na?

Na, Sie werden die junge Dame natürlich heiraten.

Die See hat schon wunderbarere Dinge zu wege gebracht, erwiderte ich lachend. Jedenfalls müßten Sie uns aber zu diesem Zwecke schleunigst nach Hause befördern.

Das soll geschehen, und ich glaube nicht, daß Sie mit der Hochzeit warten werden, bis Tommy, Jakob und ich aus Sidney zurück sind, um auf Ihr Wohl ein Gläschen leeren zu können.

So unglaublich es denen auch erscheinen mag, die jenen Teil des Atlantischen Ozeans kennen, sahen wir drei volle Tage nichts als Himmel und Wasser. Die frische nördliche Brise hielt an, und unablässig starrten Helga und ich auf die endlose Weite des Ozeans, die aber öde blieb wie zuvor, bis mir die ewigen Wellenlinien vor den Augen verschwammen und in mir ein Gefühl der Uebelkeit erregten. Woran lag es, daß wir keinem Schiff begegneten? Waren wir so weit vom Kurs abgekommen?

Der Sonntagmorgen brachte herrliches Wetter und Ostwind. Als ich von meinem Lager auftauchte, stand Jakob am Ruder und wies mit dem Finger vorwärts. Mit einem Satze war ich am Bugspriet. In der Ferne schimmerte das leuchtend weiße Segel eines Schiffes.

Es kommt gerade auf uns los! sagte Jakob

Schnell ein Signal! rief ich überglücklich. Was nehmen wir?

Wir hissen den Union Jack Englische Flagge. Ist sie umgekehrt gehißt, so bedeutet das ein Notsignal. und wenn sie nicht blind sind, werden sie ihn ja wohl sehen, meinte Tommy.

Jetzt erschien auch Helga. Freudig brachte ich ihr die frohe Botschaft.

Endlich! rief sie, Hugh, die Heimat rückt wieder näher!

Abraham blickte scharf durch die hohle Hand und suchte dann ein altes Fernrohr hervor. Es ist ein Ausländer, sagte er, ein Belgier.

Ja, bestätigte Tommy. Er wird gleich hier sein, setzte er mit einem sehnsüchtigen Blick nach dem Kochofen hinzu. Zum Kaffeekochen ist keine Zeit mehr.

Abraham befestigte nun die englische Flagge an einer Stange, winkte mehrere Male damit und machte sich bereit, die Segel herunterzulassen. In atemloser Spannung erwarteten wir die Ankunft der Bark.

Hart längsseits halten, Jakob, schrie Abraham. Ich werde sie anrufen und sie werden das Marssegel backbrassen, so daß die Herrschaften übersteigen können.

Die Bark lief unter vollen Segeln. Schneeweiß erschien der Rumpf auf dem dunkelblauen Wasser, und die Segel schimmerten perlmutterfarben in der Morgensonne. Doch als das Schiff näher kam, verlor es viel von seinem schmucken Aussehen. Der Rumpf zeigte Rostflecken, und die Schothörner der Raasegel standen ungleich weit von den Scheibgatten in den Raanocken ab.

Schmutzig wie ein Portugiese, brummte Abraham. Aber 's ist ein Belgier. Hab die Belgier auch nie recht leiden können!

Aber dann geht das Schiff wohl auch nach Belgien? fragte Helga.

Nun ist es schon ganz gleich, Helga, sagte ich. Belgien ist nicht weit von England, und so kommen wir wenigstens nordwärts.

Scheinen nicht viele Leute an Bord zu sein, meinte Jakob. Ich sehe bloß einen Kopf.

Tommy schwenkte noch einmal die Flagge.

Nieder das Ruder, Jakob! rief Abraham, und im selben Augenblick ließ er die Fock herunter. Nur unter dem kleinen Besansegel schaukelte der Logger langsam der Bark entgegen, die gerade auf uns zuhielt, als wollte sie uns übersegeln. Bis auf wenige Kabellängen kam sie an uns heran, dann wandte sie das Steuer und bog aus.

Gleichzeitig sprang ein Mann an die Reeling und brüllte uns in unverständlichen Lauten etwas zu.

Schiff ahoi! gellte Abrahams Ruf. Hier sind zwei Schiffbrüchige an Bord, die gern in ihre Heimat wollen. Seid barmherzig und nehmt sie auf!

Daraufhin erschien auf dem Hinterdeck ein zweiter Mann, dessen Gesichtszüge man jetzt schon genau erkennen konnte. Er verzog keine Miene und rührte keine Hand, ebenso wie der andere, der uns jetzt mit untergeschlagenen Armen beobachtete.

Plötzlich winkte der erste uns mit der Hand einen feierlichen Abschiedsgruß zu und verschwand dann samt seinem Kumpan. Abrahams Gesicht färbte sich dunkelrot. Seid Ihr Menschen? Nennt Ihr Euch Seeleute? Na, wartet nur, bis ich an Land komme! Ich werde Euch schon überall herumbringen, Ihr Lumpengesindel, Ihr schmierige Fährknechte, Ihr! So ging's noch eine Weile weiter, und die unfreiwillige Komik, die der biedere Abraham dabei entwickelte, wirkte auf Helga und mich trotz unserer grenzenlosen Enttäuschung überwältigend. Endlich warf er seine Mütze zu Boden, trocknete sich den Schweiß von der Stirn und sagte mit einem tiefen Atemzuge der Erleichterung:

Denen habe ich's wenigstens ordentlich gegeben!

Noch einige grollende Worte, wie ein in der Ferne abziehendes Gewitter, dann wurden die Segel gehißt und Abraham nahm das Ruder. Jetzt aber kam mir die kalte Gleichgültigkeit der herzlosen Schufte erst recht zum Bewußtsein. Wie lange würden wir noch auf Erlösung warten müssen? Bis Capstadt oder gar bis Australien?

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