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Das Mädl aus der Vorstadt

Johann Nestroy: Das Mädl aus der Vorstadt - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Mädl aus der Vorstadt
authorJohann Nestroy
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008553-5
titleDas Mädl aus der Vorstadt
pages1-85
created19981225
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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Fünfzehnte Szene

Schnoferl. Die Vorigen.

Schnoferl (kommt mit Küchenvortuch, ein großes Geschirr, in welchem er Teig abrührt, tragend, aus der Türe links, ohne die beiden zu bemerken). Der Teig muß nur noch ein wenig abg'schlagen werden, und es wird sich ein Gugelhupf bilden, über den die Nachwelt stau – (erblickt Gigl und Thekla) was is denn das!? – Mamsell!

Gigl. Sie logiert in Haus.

Thekla. Nur ein Zufall hat mich grad heut' hierhergebracht.

Schnoferl. Ich führ' ihn her, daß er s' vergißt, und der Zufall führt sie her, daß s' ihn wieder dran mahnt! Ah, ich sag's, der Zufall muß ein b'soffener Kutscher sein – wie der die Leut' z'samm'führt, 's is stark!

Gigl. Ich lass' nicht mehr von ihr!

Schnoferl. Ob's d' stad bist! (Zu Thekla.) Und dann is noch sehr die Frag', ob das auch wirklich ein Zufall war. Mir scheint, Sie steigen dem jungen Menschen nach und delektieren sich an der sukzessiven Abnahme seiner Vernunft.

Thekla (beleidigt). Mein Herr –

Gigl (böse werdend). Schnoferl, ich sag' dir's –

Schnoferl (zu Gigl). Ruhig! (Zu Thekla.) Glauben Sie, ich genier' mich vor Ihnen? Ich sag' Ihnen offen, daß ich Sie für eine Versteckte halt'. Warum zeigen Sie sich nicht in Ihrer wahren Gestalt?

Gigl (zu Schnoferl). Hörst, jetzt wird's mir z' arg!

Schnoferl (zu Gigl). Ruhig! (Zu Thekla.) Sie sind eine Handarbeiterin, die Fuß fassen will in den Herzen der Männer, indem sie ihnen die Köpf' verrückt durch melancholischen Anstrich und scheinheilige Kokettur!

Thekla (zu Schnoferl). Was hab' ich Ihnen getan, daß –

Gigl (drohend). Schnoferl, zum letztenmal –

Schnoferl (zu Gigl). Ruhig! (Zu Thekla.) Sie werden um kein Haar anders sein als wie die, die um kein Haar anders sind als wie Sie, spielen aber die Überspannte, die Reine, die Verklärte, als wie die Jungfrau von Orleans, bevor s' zum Militär gangen is.

Thekla. Das is zuviel! (Bricht in Tränen aus und sinkt in einen Stuhl.)

Gigl. Jetzt muß ich zu einem verzweifelten Mittel schreiten! Schnoferl, wie du noch ein Wort red'st – (reißt den Kochlöffel mit einer Portion Teig aus dem Geschirr, welches Schnoferl hält) ich papp' dir die Lästerschul' zu. Da haben wir's, sie weint! (Wirft den Löffel in das Geschirr.)

Schnoferl. Richtig, sie weint, ohne mir dabei ein Maul anzuhängen – das kann keine gewöhnliche Handarbeiterin sein! (Indem er sie betrachtet.) – Mamsell – sie tut sich völlig verschluchzen – (etwas gerührt) Mamsell – Sie müssen meine Worte nicht als Beleidigung nehmen.

Gigl. Als was soll sie 's denn nehmen, du Grobian, du!

Schnoferl (zu Thekla). Ich habe dadurch nur – es is reine Freundschaft für meinen Freund – er paßt nicht für Ihnen, er hat eine höhere Bestimmung, drum meiden Sie ihn!

Thekla. Das hab' ich ja so getan, ich bin deswegen ausgezogen.

Schnoferl. Mit 'n Ausziehen allein is es nicht abgetan.

Thekla. Ich hab' ihm g'sagt, daß er keine Hoffnung hat.

Schnoferl. Das glaubt er nicht, bis Sie nicht einen andern Liebhaber nehmen.

(Thekla schüttelt traurig den Kopf.)

Schnoferl. Sollt' denn das gar so schwer sein?

Thekla. So schwer, daß ich's nicht übers Herz bring'. Ich entsag' ihm, ich muß ihm entsagen, aber auch kein anderer soll –

Schnoferl. Ja, dann nutzt's nix, und wenn S' ihn auch bei der Türe hinauswerfen, da bleibt er unt' auf der Gassen stehn und schmacht't Ihnen die Fenster an. Und was kommt am End' heraus? Ein zweiter Ritter Toggenburg wird aus ihm; das war der große Liebesmathematiker, der das Fensterln auf die höchste Potenz erhoben hat, der hat auch immer hinüberg'schaut und g'schaut, und so saß er, eine Leiche, eines Morgens da – Sie werden g'hört haben von der G'schicht'.

Gigl. Ich heirat' s', ich seh' nicht ein –

Schnoferl. Eben weil du nichts einsiehst, willst du s' heiraten und eine andere aufopfern, die so hoch über dieser steht wie die Zeder übern Petersil, wie die Giraff' über der Wildanten, wie der Himalaya über der Türkenschanz'! (Zu Thekla.) Mamsell, ich sag' Ihnen –

Sechzehnte Szene

Rosalie. Dann Madame Storch. Sabine. Peppi. Die Vorigen.

Rosalie (zur Mitteltüre eintretend, ein kupfernes Gugelhupfmodel bringend). Da is 's Gugelhupfbeck!

Schnoferl. Nur her damit! (Stellt sich zum Tisch links und füllt während dem Folgenden den Teig in das Becken.)

Madame Storch (kommt, Tischtuch und Servietten tragend, mit Peppi und Sabine aus der Türe rechts). Jetzt g'schwind den Tisch gedeckt! Sabine, die Gläser sind noch beim Hausmeister drunt'.

Sabine. Gleich! (Läuft zur Mitte ab.)

Thekla (für sich). O Gott! Wenn ich nur fort'gangen wär'!

Madame Storch (zu Schnoferl). Schnoferl, helfen S' den Tisch tragen.

Schnoferl (mit dem Gugelhupf beschäftigt). Stören Sie mich nicht – Sie sehen ja –

Madame Storch. Sie werden doch nicht wollen, daß wir Frauenzimmer –

Schnoferl (läßt ärgerlich seine Arbeit stehen und läuft zu einem im Hintergrund stehenden Tisch). So komm, Gigl! (Er trägt mit Gigl den Tisch vor.)

Madame Storch (zu Schnoferl). Sie sind doch manchmal ein recht ungalanter Mensch.

Schnoferl. Na, ja, es is ärgerlich – (eilt zu seiner früheren Beschäftigung am Gugelhupfbecken zurück) wenn man bei so einem Werk aus der Begeisterung herausgerissen wird, man find't sich nicht wieder drein. (Arbeitet fort.)

Madame Storch (zu Thekla). Was is denn das? Die trüben Augen –

Thekla (welche mit Gigl den Tisch deckt). Ich hab's Ihnen ja g'sagt, daß ich in keine fröhliche Gesellschaft pass'.

Schnoferl (für sich, bei seiner Arbeit). Er ist der Vollendung nah! (Laut.) Mamsell Peppi! (Ihr das gefüllte Gugelhupfbecken übergebend.) Hier übergeb' ich Ihnen diesen Gugelhupf, behandeln Sie ihn mit Sorgfalt, stellen Sie ihn in einen warmen Backofen, geben Sie oben Glut, unten brennendes Feuer und rundherum wieder Glut, auf daß er Farb' und Festigkeit gewinnen und recht bald wieder im Kreise teilnehmender Freunde erscheinen möge.

(Peppi geht in die Türe rechts ab.)

Madame Storch. Mit was werden wir beim Souper den Anfang machen?

Schnoferl. Wir müssen erst sehen, was der Herr von Kauz alles bringt.

Gigl (zärtlich). Thekla!

(Thekla seufzt.)

Madame Storch (Gigl und Thekla betrachtend). Mir scheint, die zwei kennen einand'.

Siebzehnte Szene

Die Vorigen. Kauz. Später Knöpfel.

Kauz (ruft, noch unter der Türe). Proviant! Proviant! (Kommt mit übervoll von Eßwaren bepackten Körben keuchend herein.)

Madame Storch und Rosalie. Der Herr von Kauz kommt!

Schnoferl. Na, hat hübsch eingekauft!

Madame Storch (zu Kauz). Aber wie können Sie so schwer tragen?

Kauz (keuchend die Körbe niedersetzend). Jugendkraft, meine Aimableste, nichts als Jugendkraft! (Thekla erblickend.) Was is das? Die Mamsell Thekla –?

Thekla. Ein Zufall –!

Rosalie (für sich). Der kennt s' auch? Das is gut, ein jeder kennt sie, und sie tut so unbekannt.

Knöpfel (tritt ein). Was seh' ich? Man hat ein Souper bereitet? Man überrascht mich oder wen?

Schnoferl. Nur auspacken nacheinand' und auf die Flaschen obacht geben!

(Rosalie und Madame Storch packen mit Kauz die Körbe aus.)

Knöpfel. Ah, die prächtige Westfälinger!

Kauz. Daß nur der Kalten Pasteten nichts g'schieht!

Rosalie. Und die delikate Zungen!

Schnoferl. Ah, die muß sehr gut sein, das is gewiß keine böse Zunge.

Knöpfel (Bouteillen aus dem Korbe besehend). Champagner gar oder was?

Kauz. Daß nur der kalten Pasteten nix g'schicht!

Schnoferl. Hören S' auf mit Ihrer kalten Pasteten!

Achtzehnte Szene

Peppi. Vorige.

(Peppi kommt a tempo aus der Türe rechts.)

Schnoferl (auf sie zueilend). Was macht mein armer Gugelhupf? Wie geht es ihm?

Peppi. Er geht gar nicht, mir scheint, er wird, was man sagt, ein Dalk bleiben!

Schnoferl. Wie unzart! Wenn einer einen Dalken erzeugt hat, muß man es ihm nicht ins G'sicht sagen, das tut weh!

Kauz. Jetzt g'schwind die Sesseln gestellt! (Wirft einen Frauenhut von einem Stuhl herab und stellt ihn zum Tisch.)

Rosalie. Aber was treiben S' denn? Sie ruinieren mein' Hut!

Kauz. Absichtlich, um ihn morgen durch einen neuen zu ersetzen.

Rosalie. Oh, zu gütig!

(Thekla und Gigl stellen ebenfalls Stühle zum Tisch.)

Schnoferl. Also Platz genommen allerseits und niedergesetzt!

(Alle setzen sich, der Platz für Sabine bleibt leer.)

Kauz. Die kalte Pasteten soll den Anfang machen mit 'n Kaviar. Unterdessen schneiden wir die Schunken auf, dann kommt der g'sulzte Fisch.

Schnoferl. Und gleich einen Champagnerstoppel in die Luft spediert! (öffnet eine Bouteille.)

Neunzehnte Szene

Sabine (zur Mitteltüre herbeieilend). Vorige.

Sabine. Eine noble Dam' kommt, eine vornehme Frau!

Alle. Eine vornehme Frau?

Sabine. Sie hat bei der Hausmeisterin um die Mamsell Thekla g'fragt, dann hat ihr die Hausmeisterin g'sagt, daß sie da heroben is, und was für Herrn da sind –

Schnoferl. Wie kann denn die Hausmeisterin das wissen?

Sabine. Wahrscheinlich hat ihr's eine von uns plauscht.

Kauz, Schnoferl, Madame Storch (zugleich). Was kann denn das für eine Dam' sein.

Sabine (zur Mitteltüre hinaussehend). Sie kommt – sie is ganz rabiat – hinter mir nach auf der Stieg'n.

Zwanzigste Szene

Frau von Erbsenstein. Vorige.

Frau von Erbsenstein (zur Mitteltüre eintretend). Verzeihn, wenn ich ungelegen komme –

Schnoferl und Gigl (betroffen). Die Frau von Erbsenstein!

Kauz (ebenso, zugleich). Meine Nièce!

Frau von Erbsenstein. Das is ja recht eine scharmante Gesellschaft!

Schnoferl (zu ihr). Es is im Grund – keineswegs – weil eben –

Kauz (zu ihr). Ich bin bloß des Gigls wegen da –

Frau von Erbsenstein. Wahrscheinlich, um seine Verlobung mit dieser Mamsell (auf Thekla zeigend) zu feiern?

Kauz (verlegen). Wer sagt denn so was –?

Frau von Erbsenstein. Von mir aus ist keine Einwendung zu befürchten, ich will nur Herrn von Gigl seine Zukünftige zu erkennen geben.

Thekla (erschrocken). Himmel, sie weiß etwan –

Frau von Erbsenstein. Sie ist die Tochter des durchgegangenen Herrn Stimmer, der Sie, Herr Onkel, um die ungeheure Summe bestohlen hat.

Schnoferl (äußerst überrascht und gerührt). Die Stimmerische –!?

Madame Storch, Peppi, Rosalie, Sabine (untereinander). Sie is die Tochter von ein' Dieb!

Thekla (will aufstehen, sinkt aber Schnoferl in den Arm). Ich kann nicht mehr!

Schnoferl. Sei'n S' g'scheit, Herzerl, Stimmerische!

Frau von Erbsenstein. Jetzt wünsch' ich allerseits die beste Unterhaltung! (Durch die Mitte ab.)

Schnoferl. Wasser! Wasser!

Kauz. 's is kein Tropfen da, nix als Wein!

Gigl (zur Ohnmächtigen eilend, welche Schnoferl hält). Sie stirbt!

Schnoferl. Stimmerische, gib einen Laut von dir!

(Im Orchester fällt eine kurze Musik ein, während der allgemeinen Verwirrung fällt der Vorhang.)

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