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Das Mädl aus der Vorstadt

Johann Nestroy: Das Mädl aus der Vorstadt - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Mädl aus der Vorstadt
authorJohann Nestroy
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008553-5
titleDas Mädl aus der Vorstadt
pages1-85
created19981225
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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Elfte Szene

Schnoferl (auf einem Teller aus Eiweiß einen sogenannten Schnee schlagend, kommt aus der Seitentüre rechts). Die Vorigen.

Schnoferl. Madame Storch, wo is Mehl und Butter?

Madame Storch (nach der Seitentüre links zeigend). Da drin im Speis'kasten finden Sie alles.

Schnoferl. Hören S' auf! Alles! Ja, 's fehlt überall hint' und vorn.

Kauz. Was fehlt denn? Nur sagen, ich schaff' alles her!

Schnoferl (zu Kauz). Das is einmal a vernünftige Red! Gehn S' einkaufen! (Zu Madame Storch.) Hab'n S' kein Korb? G'schwind her damit!

Rosalie (in die Türe links ablaufend). Gleich!

Kauz. Ich bring' also –

Schnoferl. Schunken, Zungen, Kälbernes, kalte Pasteten, alle Punschingredienzen, Zucker, Rum, Lemoni, g'selchte Würsteln –

Kauz. Schön, ich werd' mich auszeichnen.

Rosalie (aus der Türe links zurückkommend). Da is der Korb! (Bringt einen Einkaufkorb.)

Schnoferl. Der is viel zu klein. Haben S' nicht noch ein'?

Rosalie. O ja! (Geht wieder Türe links ab.)

Kauz (den einen Korb nehmend). 's halt't auch 's Gleichg'wicht besser, wenn man zwei Körb' tragt.

Madame Storch. Ich geh' zu der Brotsitzerin ein Service ausleihn, und die Rosalie muß den Bürstenbinder um Trinkgläser anreden.

Rosalie (aus der Türe links zurückkommend, einen großen Einkaufkorb bringend). Der wird doch groß genug sein!

Kauz. Nur her damit! (Nimmt auch den zweiten Korb.)

Schnoferl. So, jetzt kaufen S' recht ein, dann sind Sie ein lieber Mann.

Madame Storch. Komm, Sali!

Rosalie (leise zu Kauz). Aber sehn S', er is ja gar nicht mokant, der Schnoferl.

Kauz (leise zu Rosalie, indem er abgeht). Oh, ich sag' Ihnen, wenn er anfangt, ein infamer Kerl, mein Freund!

(Kauz geht mit Madame Storch zur Mitteltüre ab, Rosalie geht bis an die Türe mit, dann kehrt sie rasch zu Schnoferl zurück.)

Zwölfte Szene

Rosalie. Schnoferl.

Rosalie. Sie sind allein, Herr Schnoferl?

Schnoferl. Gegenwärtig nicht, denn Sie sind bei mir!

Rosalie (ohne auf Schnoferls Worte zu achten). Das sollen Sie nicht leiden!

Schnoferl. Ich kann Ihnen doch nicht fortschaffen.

Rosalie. Was reden S' denn zusammen! Sie sollen nicht leiden, daß sich die Sabine Ihrem Freund so aufdringt. Er zeigt offenbare Absichten auf mich, und diese Sabine –! Sie sollten ihr das verbieten als ihr quasi Verehrer.

Schnoferl. Jawohl, diese Verehrung ist immer nur äußerst quasi gewesen.

Rosalie. Schad', daß auf meiner Gitarre keine Saiten sind! Wenn ich ihm was singet –

Schnoferl. Ja, jemand durch Gesang erobern ist schwer, wenn man seinen Geschmack nicht weiß, denn der Gesang ist ein Proteus, der in gar vielerlei Gestalten erscheint.

Rosalie. Freilich, freilich! Dem einen gefallt das, dem andern das –

Schnoferl. Jetzt denken Sie sich erst, wenn man was singen will, was allen g'fallen soll, hören S', das muß eine Aufgabe sein.

Quodlibet

Rosalie.
Singen kann der Mensch auf unzählige Arten,
Lieblich, grimmig, piano und wieder mit Kraft –

Schnoferl.
Modern oder altmodisch, stürmischen G'sang oder zarten,
Ernsthaft, g'spaßig, kurzum, wie man's nur schafft!
(Mit sanftem Ton in veralteter Manier.)
Urteil' bedächtig
Von dem Verräter,
Denk', er bereuet,
Bereuet die Tat.

Rosalie.
Das is nix, jetzt muß man singen,
Daß die Brust ein' möcht' zerspringen,
Jetzt heißt's, wie ein Wachter schrein.

Schnoferl (in moderner Art mit forcierter Stimme).
Ich sah dich zornerbleichen,
Und zagst, die Hand zu reichen.
Kann Mitleid dich beschleichen
Mit unsrer Dränger Schar?
Doch wenn sie frech es wagen,
In Bande uns zu schlagen,
Dann darf die Rache tagen,
Dann trotzt man der Gefahr.

Rosalie.
Da ich's mit dieser Force nicht kann,
So stimm' ich lieber »Flinserln« an:
Mein Herzerl ist treu,
's is a G'schlösserl dabei,
Und a einziger Bua
Hat 's Schlüsserl dazua,
Und a einziger Bua
Hat 's Schlüsserl dazua.

Beide.
Erhabne Melodien
Hab'n gar ein' schönen Klang,
Alle Gattung Phantasien
Druckt aus ein solcher G'sang;
Es dringt tief in die Seelen
Die Einfachheit nur ein,
Drum darf bei solchen Stellen
Kein Giegesgages sein,
Giegesgages sein, Giegesgages sein,
Darf kein Giegesgages sein.

Schnoferl.
Giegesgages sein.

Sie.
Giegesgages sein.

Er.
Giegesgages sein.

Sie.
Giegesgages sein.

Beide.
Kein Giegesgages sein.

Er.
Der Geschmack ist verschieden,
Viele sind nicht zufrieden,
Wenn s' nicht tausend Noten
Herabgurgeln hör'n:
Du hast mich verblendet,
Mein Herz ist umgewendet,
So sei es denn vollendet,
Verbleib in deinem Wahn;
So sei es denn vollendet,
Verbleib in deinem Wahn.

Sie. Nur muß ich hier bemerken,
Auch in ältern Werken
Gibt's schöne Kol'ratur la la.

Er.
Da is von Lärm gar keine Spur,
's Orchester deckt den G'sang nicht zur.

Beide.
Andern g'fallt's wieder,
Wenn's drunter und drüber geht, nur.
(Hier ist Nacht auf dem Theater, Blitz und Donner.)

Er.
O Nacht voll Schrecken und Qualen –

Sie.
O Nacht voll Schrecken und Qualen –

Er.
Gräßlich die Blitze strahlen –

Sie.
Gräßlich die Blitze strahlen –

Er.
Mein Herz bebt –

Sie.
Im Herzen –

Er.
Es bebt, es bebt vor Wut.

Sie.
Mir stocket –

Er.
Mein Herz bebt –

Sie.
Im Herzen stockt das Blut.

Er.
O Nacht voll Qualen!

Sie.
O Nacht voll Qualen!

Beide.
Der Himmel droht Verderben.

Sie.
Im Herzen stockt das Blut.

Er.
Es bebt mein Herz vor Wut.

Beide.
Da g'fallt's mir in d' Wirtshäuser, wenn s' musizieren
Und allerhand Jux mit ein'm G'sangl aufführen.
Nur lustige Lieder tun s' dort produzier'n,
D' Harfenisten, die lassen ka Traurigkeit g'spür'n. –

Schön macht sich auch der Liebessang
Mit Wonne, Lust und Angst und Bang, Angst und Bang,
Wenn zwei überfüllte Herzen
Luft sich machen tun in Terzen –
Duide – - a Fermat',
Zwei Ellen lang.
Zwei Ellen lang!

(Beide ab.)

Dreizehnte Szene

Madame Storch. Rosalie. Thekla.

Madame Storch (viele Teller tragend, noch unter der Türe mit Thekla sprechend). Nein, ich tu's nit anders, Sie müssen herein zu uns.

Rosalie (Eßzeug tragend, im Eintreten zu Thekla). Wie kann man denn gar so wildfremd tun gegen Nachbarinnen?

Madame Storch (hat ihre Teller auf einen Stuhl gestellt). Wissen Sie, daß uns das kränkt?

Thekla. Ich will ja niemand kränken, aber Sie dürfen mir's glauben, ich hab' keine Zeit.

Madame Storch. Was, keine Zeit! Zum Arbeiten is es zu spät.

Rosalie. 's hilft Ihnen nix, den heutigen Abend müssen S' bei uns zubringen.

Thekla. Aber, liebe Mamsell – liebe Madame –

Madame Storch. Ich müßt' nur sonst glauben, daß wir Ihnen zu schlecht sind –

Rosalie. Daß Sie aus Stolz –

Thekla. Du lieber Himmel, auf was sollt' ich stolz sein?

Madame Storch. Also geben Sie uns den Beweis!

Thekla. Nun gut, ich bleibe!

Madame Storch. So is's recht!

Rosalie. Sie müssen ja Leut' nicht zurückstoßen, die's herzensgut meinen mit Ihnen. (Leise zu Madame Storch.) Wenn die ein Glas Extrawein trinkt, bringen wir ihr ein Geheimnis nach 'n andern heraus.

Madame Storch (zu Thekla). Wir haben also Ihr Wort. (Zu Rosalie.) Rosalie, leih von der Konduktansagerin unten 's Gugelhupfbeck aus.

(Rosalie geht zur Mitte ab.)

Madame Storch (zu Thekla). Sie nehmen's nicht übel, daß wir Ihnen einen Augenblick allein lassen, häusliche Geschäfte – wir haben heute G'sellschaft, Sie werden sich gewiß gut unterhalten. (Geht Türe rechts ab.)

Vierzehnte Szene

Thekla. Dann Gigl.

Thekla (allein). Also G'sellschaft is hier? – Dann kann ich nicht bleiben – Heiterkeit und Schmerz tun nicht gut unter einem Dach, es muß eins das andere verletzen. – Ich hab' zwar versprochen – ich werd' mich morgen entschuldigen, aber fort muß ich! (Will zur Mitte ab.)

Gigl (kommt traurig aus der Seitentüre rechts mit einer Kaffeemühle im Arm). Ich halt's nicht aus bei die Mädln, mir g'schicht leichter, wenn ich allein bin!

Thekla (Gigl erblickend). Seh' ich recht –!?

Gigl. Thekla! (Läßt die Kaffeemühle fallen, daß die Kaffeebohnen herumrollen.) Da hab'n wir den Kaffee!

Thekla. Sie sind hier?

Gigl. Und Sie sind da?

Thekla. Nicht mit Willen, meine Nachbarinnen haben mich völlig gezwungen!

Gigl. Nachbarinnen –? Triumph, jetzt hab' ich so viel als die Adress'!

Thekla. Was kann Ihnen das helfen? Sie haben eine Braut –

Gigl. Ich habe keine mehr, ich hab' sie feierlich verschmäht!

Thekla. Dann werden Sie gewiß unter den vielen Mädln hier eine nach Ihrem Sinn finden!

Gigl. Glauben Sie, ich bin wegen die Mädln da? Mein Freund hat mich hergezaxelt, daß ich mich zerstreuen soll. Ich kann mich aber nicht zerstreuen; sein Sie versichert, ich hab' hier nichts getan als Kaffee g'rieben, das is doch g'wiß eine unschuldige Sach'! Thekla, ich bin jetzt frei, bin unabhängig, hab' Geld, Sie müssen mich heiraten, es kann kein Hindernis mehr sein! –

Thekla. O ja, es ist eines!

Gigl. Sie müßten nur einen heimlichen Mann haben, von dem ich nix weiß – Thekla, reden Sie!

Thekla. Sie verdienen mein Vertrauen, so will ich Ihnen also offen alles sagen –

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