Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Nestroy >

Das Mädl aus der Vorstadt

Johann Nestroy: Das Mädl aus der Vorstadt - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Mädl aus der Vorstadt
authorJohann Nestroy
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008553-5
titleDas Mädl aus der Vorstadt
pages1-85
created19981225
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
Schließen

Navigation:

Sechste Szene

Madame Storch. Die Vorigen.

Madame Storch (in großer Aufregung zur Mitte eintretend). Mir wird übel!

Alle (außer Gigl, der wenig Anteil nimmt). Die Madame –!

Madame Storch. Mir wird übel!

Schnoferl. Was is denn da gut dafür?

Madame Storch. Ein' Sessel!

Schnoferl (zu Gigl). Gigl, steh auf!

Madame Storch. Ah, ist das Ihr Freund? Freut mich, die Ehre zu haben.

Gigl. Ich bin so frei –

Madame Storch (für sich). Recht ein artiger Mann!

Schnoferl (Madame Storch den Stuhl präsentierend). Is Ihnen vielleicht noch gefällig, unwohl zu sein?

Madame Storch. Es wird bereits besser.

Schnoferl. Was is Ihnen denn passiert?

Madame Storch. Eine Keckheit, eine Verwegenheit – wenn nur mein Bruder da wär' – ein Herr is mir nachgegangen.

Schnoferl. Und das hat Ihnen um die Fassung gebracht?

Rosalie (zu Peppi und Sabine). 's g'schieht ihr halt nicht gar oft.

Sabine (zu beiden). Da müßten wir alle Tag' ohnmächtig nach Haus kommen.

Madame Storch (zu Schnoferl und Gigl). Und stellen Sie sich vor, bis ins Haus herein verfolgt er mich!

Schnoferl. Ja, die jungen Leut' haben eine Effronterie –

Madame Storch. Oh, der war nicht jung.

Schnoferl. Aber die Effronterie wird er noch von der Zeit her haben, wie er jung war.

Madame Storch (affektiert ängstlich). Ich hör' was an der Tür, wenn er etwan gar – oh, meine Herren, schützen Sie mich!

Rosalie (zu Sabine). Die braucht ein'n Schutz!

Sabine. Jetzt wird gleich mir übel wer'n.

Schnoferl (zu Madame Storch). Sei'n Sie ruhig, den woll'n wir – Gigl, geh her!

Gigl. Was soll denn g'schehn, niederschlag'n oder hinauswerfen?

Schnoferl. Keins von beiden, wir müssen ihm was tun, was ihn geistig demütigt, ohne ihn körperlich zu verletzen.

Gigl. Wie tut man das?

Schnoferl. Was im Mittelalter ein Schlag mit der flachen Klinge auf den Rücken war, das is in der neueren Zeit ein Schlag mit der flachen Hand auf den Hut. Stell' dich da her!

(Gigl und Schnoferl stellen sich zu beiden Seiten dicht an die Türe.)

Madame Storch. Wie glücklich ist man, wenn man unter Männerschutz –

Schnoferl (mit gedämpfter Stimme). Still!

Siebente Szene

Kauz. Später Knöpfel. Die Vorigen.

Kauz (öffnet leise die Mitteltüre und spricht, noch außerhalb). Da muß es sein! (Er schleicht einen Schritt herein, a tempo schlagen ihn Gigl und Schnoferl zugleich auf den Hut, daß er ihm übers Gesicht herab bis auf die Schultern zu sitzen kommt.)

(Die Mädchen lachen.)

Kauz. Zu Hilfe! Zu Hilfe! (Bemüht sich, den Hut wieder in die Höhe zu ziehen.)

Schnoferl. Sie ist vollbracht, die kühne Tat!

Gigl (Kauz von allen Seiten betrachtend). Das is ja –

Kauz (hat endlich den Hut wieder hinaufgebracht). Verdammt, ich wär' bald erstickt!

Schnoferl (ihn erkennend). Was Teuxel?! Seh' ich recht –!?

Gigl. Der Herr von Kauz!

Kauz (äußerst betroffen). Schnoferl, Gigl –!?

Madame Storch, Peppi, Sabine, Rosalie (für sich). Sie kennen sich!?

Kauz (aufgebracht zu Gigl). Und du hast dich unterstanden –

Gigl. Ich bitt' um Verzeihn, ich hab' Ihnen nicht aus eigenem Antrieb den Hut angetrieben, (auf Schnoferl deutend) von dem is diese Idee.

Schnoferl. Oh, ich bitt', diese Idee is nicht neu und wahrscheinlich mit der Erfindung der Hüte selbst von gleichem Alter. Übrigens haben wir in Sachen geängstigter Tugend kontra unbekannten Verfolger gehandelt, das adelt unsere Tat und überhebt uns jeder Entschuldigung.

Madame Storch (zu Kauz). Mir is unendlich leid, ich hab' nicht gewußt, daß Sie ein Bekannter von diesen Herren –

Schnoferl (Kauz präsentierend). Ein, das abgerechnet, scharmanter Partikulier.

Madame Storch (sehr höflich zu Kauz). Oh, ich bitte, gefälligst Platz zu nehmen.

Kauz. Oh, ich dank', die Füß' tun mir nicht weh, eher der Kopf.

Schnoferl. G'schicht Ihnen recht! Warum haben Sie diesen Kopf in ein Haus gesteckt, wo Sie nix zu suchen haben?

Kauz. Ich hab' hier was zu suchen! (Auf Gigl zeigend.) Den jungen Herrn da hab' ich gesucht, meine Nièce hat mir den Auftrag gegeben, seine Schritte zu beobachten.

Schnoferl. Und deßtwegen –?

Kauz. Ja, deßtwegen.

Madame Storch (für sich). Der alte Herr is ein Pfiffikus!

Schnoferl (zu Kauz). Was g'schieht mir denn, wenn ich's nicht glaub'?

Kauz (erbost). Und überhaupt is das Ganze kein Grund, einen distinguierten Mann, der doch kein Schulbub' mehr is, auf eine so normalmäßige Weise zu behandeln.

Schnoferl. Trösten Sie sich, kurz war der Schmerz, und wenn auch die Freude nicht ewig is, so soll sie doch den ganzen Abend dauern. (Ihm die Anwesenden vorstellend.) Hier die aimable Pfaidlerin, Wäschfabrikantin und Hemdhandlerin Madame Storch und hier ihre Nichte und Verwandten.

Knöpfel (eintretend). Ich hör' ein' Lärm oder was!

Schnoferl (Knöpfel präsentierend). Und hier vor allem Herr Knöpfel, der Herr vom Haus und Bruder der Madame Storch.

Kauz. Bitte, es nicht ungütig zu nehmen.

Schnoferl (zu Knöpfel, Gigl und Kauz vorstellend). Meine intimsten Freunde Gigl und Kauz.

Knöpfel (komplimentierend). Dero Besuch ist mir unendliche Ehre oder was.

Kauz. Nur damit ich auf den jungen Menschen ein wachsames Auge haben kann, wage ich es, von Ihrer gütigen Erlaubnis zu profitieren. (Für sich.) Diese Mädeln, diese Madame – das wird ein deliziöser Abend! Ich bin in die Heimat der Grazien gedrungen, ich bin doch ein Teufelskerl, ich!

Knöpfel (für sich). Die Herren suchen meine Bekanntschaft oder was? Da muß ich mich zeigen und ein nobles Traktament – wenn ich nur bei Kassa wär' jetzt oder wann! (Zu Kauz und Gigl.) Sie entschuldigen einen Augenblick! – I muß geschwind rückständige Gelder eintreiben oder was. (Nimmt seinen Hut und eilt zur Mitte ab.)

Schnoferl. Und jetzt wollen wir bloß auf Unterhaltung denken.

Kauz (fidel). Das is recht!

Schnoferl. Ein großes Souper aus 'n Stegreif arrangieren. (Zu Madame Storch.) Nur geschwind nachg'schaut, was von Alimenten in Haus is und was fehlt –

Kauz. Ich schaff' alles her, nur sagen, was abgeht!

Alle. Scharmant!

Schnoferl. Also in die Kuchel, Speis'zettel g'macht und z'samm'g'holfen von allen Seiten! Gigl, rühr' dich!

Gigl. Was soll ich denn tun?

Schnoferl. Feuer machen und als Kucheljung' die weitern Befehle dieser reizenden Köchinnen erwarten.

Die Mädchen. Das wird prächtig wer'n!

Madame Storch. Also, vorwärts! (Mit Gigl, Rosalie, Peppi und Sabine zur Seitentüre rechts ab.)

Kauz (ihnen folgen wollend). Bitte, mich auch als Küchenmädel zu betrachten.

Schnoferl. Herr von Kauz, auf ein Wort!

Achte Szene

Kauz. Schnoferl.

Kauz. Was denn? Nur g'schwind!

Schnoferl. Sie gehn mir unter anderm a bissel stark in Füßen herum.

Kauz. Ich hab' Ihnen schon g'sagt, warum ich da bin.

Schnoferl (ihn messend). Sie nobler Mann, der so viel Glück macht in der eleganten Welt, der seine Leidenschaften noch nie über a Glacis getragen, ich hab' halt doch recht g'habt mit der Bruckengassen! Sie steigen der Madame Storch nach.

Kauz (verlegen). Das heißt –

Schnoferl. Was es heißt, das brauchen Sie mir nicht zu erklären.

Kauz. Sie is wirklich nicht übel, diese Madame Storch, und auch ihre Arbeiterinnen, aber wie kommt's denn, daß Sie den Gigl –?

Schnoferl. Das will ich Ihnen sagen. Er glaubt an einem solchen Mädl sein Ideal gefunden zu haben. Nun will ich ihm diese ganze Mädlgattung näher zu kennen geben, damit er dann einsieht, wie Ihre Nièce, die er plantieren will, hoch erhaben ist im Vergleich mit diesem Wesen-Genre.

Kauz. Das is vernünftig. Oh, über diese rätselhafte Thekla werden wir bald Näheres – meine Nièce weiß schon was und is heut' ausgegangen, um mehr von ihr zu erfahren. Ich weiß nicht, was sie vorhat, aber so in Zorn hab' ich die Frau nicht g'sehn, seit ihr Mann tot is. Übrigens müssen Sie ihr nichts sagen, daß Sie mich da gefunden haben.

Schnoferl. Schon recht!

Kauz. Wissen Sie, man könnte mir das auslegen –

Schnoferl. Na, ja, sag' i, 's is schon recht.

Kauz. Und ich bin doch ein Mann, der –

Schnoferl. Ich weiß schon, was Sie für ein Mann sein.

Kauz. Aber sonst braucht's niemand z' wissen.

Schnoferl. Parole! Unter anderm, wissen Sie, daß es sehr gut is, daß wir per ungefähr da zusamm'treffen? Ich hätt' sonst heut' noch zu Ihnen müssen. Wir haben heut' vormittag von dem gewissen Käfer gesprochen.

Kauz (stutzend). Nun?

Schnoferl. Der is da.

Kauz (etwas betroffen). Was, der Käfer is hier?

Schnoferl. Nicht in dem Haus! An'kommen is er hier, ein guter Freund hat mir schon seine Adresse verschafft. (Einen Zettel hervorziehend und Kauz zeigend.) Morgen vormittag geh' ich hin und heiz' ihm ein.

Kauz (die Adresse besehend, decontenanciert). Gehn S' ja nicht hin, is ein schlechter Mensch, der Käfer!

Schnoferl. Nicht hingehen? Was fallt Ihnen ein?

Kauz (sich korrigierend). Das heißt, Sie sollen hingehn, hab' ich sagen wollen.

Schnoferl. Mir scheint, Sie wissen vor lauter Madame Storch nicht, was S' reden. Jüngling, Jüngling, dich hat's kurios packt.

Kauz. Morgen vormittag gehn Sie hin! Versäumen S' das ja nicht!

Schnoferl (den Zettel nehmend und einsteckend). Na ob!

Kauz (beiseite). Ich werd' aber schon in aller Fruh dort sein; ein Glück, daß ich jetzt die Wohnung weiß.

Neunte Szene

Madame Storch. Rosalie. Die Vorigen.

Madame Storch (zu Rosalie). Brav, da diskuriert er, und drin schreit alles um ihn!

Schnoferl. Hat die Speis'zettel-Sitzung schon einen Beschluß gefaßt?

Madame Storch. Vorderhand is man über einen Gugelhupf einig.

Schnoferl. Und ich werde diesen Gugelhupf ins Leben treten lassen.

Madame Storch. Schön, Sie haben darin eine eigene Geschicklichkeit. –

Schnoferl. Dauerhaft mach' ich's wenigstens, nach drei Tagen muß man's noch g'spüren, wenn man von mir ein'n Gugelhupf gessen hat. (Zur Seitentüre rechts ab.)

Zehnte Szene

Die Vorigen ohne Schnoferl.

Kauz. Und für mich haben Sie gar kein Geschäft?

Madame Storch. Wär' nicht übel! So einen Herrn wird man belästigen!

Rosalie. Schicket sich gar nicht.

Kauz. Warum nicht? Im Dienste der Damen schickt sich alles.

Madame Storch und Rosalie. Oh, zu gütig!

Kauz (vertraulich). Das einzige, was mich ein wenig geniert, is der Schnoferl.

Madame Storch. Ich hab' geglaubt, er is Ihr Freund?

Kauz. Ja, gar ein guter, lieber Freund, aber dabei ein äußerst mokanter Kerl; wir unterhalteten uns viel besser, wenn er nicht da wär'.

Rosalie. Das wird sich für heut' nicht ändern lassen.

Kauz. Für heut' nicht, aber für morgen. Ich hab' ein sehr schönes Landhaus in Weichselberg, einen prächtigen Garten mit Hutschen, Kegelstatt, Saletteln, Bosketteln und allem möglichen; da geben Sie mir morgen die Ehr', Frau von Storch, mit dem Herrn Bruder und der ganzen werten Familie, laden noch ein paar ein, wenn S' woll'n. Ich liebe Gesellschaft, vorzüglich weibliche Gesellschaft, bin ein jovialer Mann; da wird dann getafelt, gescherzt, geneckt, wir, werden uns prächtig divertieren. Aber nur dem Schnoferl nix sagen!

Madame Storch. Also, so ein' schön' Garten haben der Herr von Kauz?

Kauz. Das prächtigste Obst!

Rosalie. Da darf man aber vielleicht nix abreißen davon.

Kauz. Alles steht zu Befehl! Ich solltet's eigentlich verbieten, denn Sie reißeten 's deßtwegen doch ab, und verbotene Frucht schmeckt am süßesten.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.