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Das Mädl aus der Vorstadt

Johann Nestroy: Das Mädl aus der Vorstadt - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Mädl aus der Vorstadt
authorJohann Nestroy
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008553-5
titleDas Mädl aus der Vorstadt
pages1-85
created19981225
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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Dritter Akt

Eleganter Garten, über den Hintergrund zieht sich ein Gitter mit Tor, inner dem Gitter rechts steht ein Teil des eleganten Wohngebäudes, Parterre ein paar Stufen erhöht, mit praktikablem Eingang, rechts gegen den Vordergrund steht eine Schaukel, links ein Gartentisch mit Stuhl.

Erste Szene

Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Knöpfel.

(Madame Storch ißt Obst, Rosalie und Peppi pflücken Blumen, Sabine steht bei der Schaukel, Knöpfel raucht eine Zigarre.)

Madame Storch. Mädln, reißt's nicht so viel Blumen ab!

Knöpfel. Seid's nur nicht unbescheiden oder was!

Sabine. Nehmt euch ein Beispiel an der Madame.

Rosalie. Der ihre Lieblingsblumen sind die Plutzerbirn'!

Sabine. Ich glaub' immer, der Blumen- und Obstverlust wird heut' dem Herrn von Kauz sein geringster Verdruß sein.

Peppi. Warum aber der Schnoferl auch das Mädl, die Thekla, herausb'stellt hat?

Sabine. Um die nimmt er sich auf einmal gar heiß an!

Rosalie. Und erst seit er g'hört hat, daß ihr Vater g'stohlen hat! Das muß einen eignen Reiz für ihn haben.

Madame Storch. Sie kann deßtwegen die ehrlichste Person sein.

Rosalie. Kinder sind ja oft ihren Vätern ganz unähnlich, da hat man ja Beispiele –

Sabine. Wenn jed's die Fehler seiner Eltern und Anverwandten haben müßt' –

Rosalie. Ich hab' einen Vettern, der halt't's nirgends aus, der geht alle Jahr' drei-, viermal auf und davon.

Sabine. Und du wirst vielleicht zeitlebens sitzen bleiben.

Madame Storch. Still, still, niemand ausrichten!

Knöpfel. Wär' nicht übel, in so einem Haus die Schicklichkeit verletzen oder was!

Rosalie. Die Schicklichkeit verletzt der Herr vom Haus selbst am allermeisten.

Sabine. Jawohl, Damen einladen und nicht zu Haus sein, das is etwas arg.

Madame Storch. Mir hat der Bediente g'sagt, er is in der Früh um fünf Uhr zu einem wichtigen G'schäft, und er erwart't ihn alle Minuten.

Sabine. Wann die Minuten einmal in die Stunden ausarten –

Rosalie. Plündern wir ihm zur Straf' dort (nach rechts in die Szene zeigend) das ganze Rosenboskett.

Sabine und Peppi. Ja, das tun wir!

(Rosalie, Peppi, Sabine laufen rechts ab.)

Madame Storch (ihnen nacheilend). Aber, Mädln! Treibt's nur nicht gar zu arg, er könnt' doch bös werden! Mädln! (Geht ihnen nach.)

Knöpfel (allein). Die Madln treib'n's – wann s' nur an Buschen hab'n oder was, so sein s' schon glücklich oder wie! I estimier' die Blumen nit. Mich int'ressiert nur die Blume von Wein oder was. I geh' jetzt in 'n Keller von Herrn von Kauz oder wem; und wann i auffa kumm', bin ich gewiß recht lustig oder was! (Geht ins Haus ab.)

Zweite Szene

Kauz. Dann Dominik.

Kauz (allein, durchs Gittertor kommend, sehr echauffiert). Glücklich abgemacht! Mir is ein Stein vom Herzen. Spitzbub', der Käfer! Wie er gemerkt hat, mir liegt soviel an seiner augenblicklichen Abreis', verlangt er zweihundert Stück Dukaten Reisegeld von mir. Weil er nur fort is! Wenn er getrunken hat, der Schlingel, red't er gar unvorsichtig in den Tag hinein. Und den damaligen Brief von mir hat er richtig auch noch aufbewahrt! Daß ich den wieder hab', geht mir über alles! Der int'ressierte Schuft war obendrein noch dumm, ich hätt' ja nicht um tausend Dukaten den Brief in seinen Händen gelassen! Hat mich echauffiert, die G'schicht', sehr echauffiert! (Zieht den Rock aus und hängt ihn über einen Gartenstuhl.) Dominik! – Dominik!

Dominik (aus dem Hause kommend). Was schaffen Euer Gnaden?

Kauz. Sind die Frauenzimmer da?

Dominik. Schon über zwei Stund'!

Kauz. Werden viel lange Weil' g'habt haben!

Dominik. Nein, sie unterhalten sich recht gut.

Kauz. Bring mir mein' Spenser!

Dominik. Gleich! (Geht zum Stuhl und will den Rock mitnehmen.)

Kauz. Nichts, den Rock laß da!

(Dominik geht ins Haus ab.)

Kauz (allein). Wenn so ein Dumrian was herausfallen ließ' –! (Rollt den Rock sorgfältig zusammen.) 's steckt die Brieftaschen drin und in der Brieftaschen der Brief – wär' nicht übel!

Dritte Szene

Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Der Vorige.

(Die Mädchen tragen jede große Rosenbuketts am Kleid und in der Hand.)

Madame Storch. Ah, endlich einmal!

Rosalie, Sabine, Peppi. So spät? G'hört sich das?

Kauz (läßt den Rock auf den Stuhl fallen, neben welchem er stand). Meine Damen – Geschäftsüberhäufung – Pardon! – Und in Hemdärmeln! Pardon! Dominik, mein' Spenser! Pardon!

Madame Storch. Genieren Sie sich nicht!

Kauz. Sie werden sich ennuyiert haben?

Madame Storch. Wir haben uns indessen im Garten alles ang'sehn.

Kauz. Jetzt heißt's, das Versäumte nachholen!

Rosalie. Spielen wir was!

Kauz. Recht, mein Engel! Was wollen Sie spielen?

Sabine. Verstecken!

Kauz. Gut, spielen wir Verstecken, dazu is mein Garten wie gemacht. Oh, das is ein schönes Spiel, man versteckt, man sucht sich, man find't sich – ja, ja, spiel'n wir Verstecken!

Madame Storch. Nein, das is nichts, Blindekuh is viel hübscher.

Kauz. Blindekuh is auch nicht schlecht. Wer is die blinde Kuh?

Sabine. Dem Herrn vom Haus gebührt das Vorrecht.

Kauz. Gut, nur g'schwind verbunden! (Zu Madame Storch.) Madame, verwandeln Sie mich in den blinden Liebesgott.

Rosalie. Das wär' ein Moment für einen Maler, jetzt könnt' er den Amor in Hemdärmeln malen.

Sabine (für sich). Den Witz hätt' ich auch noch z'samm'bracht.

Kauz (indem ihm die Augen verbunden werden). Nehmen Sie sich in acht, meine Damen! Die ich erwisch', lass' ich sobald nicht mehr aus. (Mit verbundenen Augen.) Also achtgeben, wir werden gleich eine haben! (Fängt an, nach den Mädchen zu haschen. Alle ziehen sich nach der Kulisse links, er verfolgt sie, plötzlich ziehen sich alle sehr schnell gegen den Hintergrund. Kauz vermutet sie noch immer links und geht haschend in die Kulisse links ab.)

Vierte Szene

Vorige ohne Kauz.

Sabine. Jetzt sucht er uns dort!

Alle (lachen). Hahahaha!

Sabine. Still!

Madame Storch. Wenn er nur nicht ins Bassin fällt

Sabine. Die armen Goldfisch'! A paar hundert erdruckt er als wie nix.

Rosalie. Wißt's, was wir ihm tun? Verstecken wir ihm seinen Rock!

Sabine. Oder ziehen wir ihn einer Statue an!

Peppi. Hängen wir 'n dort auf einen Baum!

Madame Storch. Aber zuerst die Säck' durchsuchen, ob nichts drin is, was verdorben werden könnt'! (Die Mädchen durchsuchen die Taschen.)

Peppi. Ein ostindisches Schnupftuch!

Sabine. Das wird keinen Sprung kriegen, wenn der Rock vom Baum herunterfallt.

Rosalie. Eine Tabakdose!

Sabine (in der Seitentasche suchend). O je, die Brieftaschen!

Madame Storch. Da gebt's gut acht drauf!

Rosalie (zu Sabine, den Rock nehmend). Steck' sie indessen ein!

Sabine (die Brieftasche nehmend). Wo soll denn ich die großmächtige Brieftaschen –?

Rosalie, Peppi. Da kommt er –

Madame Storch. G'schwind fort!

Rosalie, Sabine, Peppi. G'schwind fort!

(Alle laufen Seite rechts ab.)

Fünfte Szene

Kauz (allein). Dann Frau von Erbsenstein.

Kauz (von der Seite links zurückkommend, mit verbundenen Augen haschend). Hätt' mir's nicht gedacht, daß die Mädln so schwer zu bekommen sind. Hab' eine! (Umfängt einen links im Vordergrunde stehenden Baum.) Nein, das is wieder ein Baum! (Geht haschend nach dem Hintergrund.)

Frau von Erbsenstein (von links hinter dem Gitter kommend, noch von außen zu einem Bedienten, weicher sie begleitet). Der Wagen soll zurück ins Gasthaus fahren. (Der Bediente geht zurück, Frau von Erbsenstein tritt zum Gittertore ein.)

Kauz (erhascht Frau von Erbsenstein in dem Moment, als sie zum Gittertor eintritt, in der Meinung, es sei eines von den Mädchen). Erwischt! Erwischt!

Frau von Erbsenstein (erschrocken). Was soll denn –!?

Kauz (triumphierend, noch mit verbundenen Augen). Das ist jetzt die blinde Kuh!

Frau von Erbsenstein. Aber, Herr Onkel-!?

Kauz (erschrocken, als er die Stimme seiner Nièce erkennt, die Binde von den Augen reißend). Meine Nièce!

Frau von Erbsenstein. Was treibt denn der Herr Onkel für Faxen?

Kauz (sehr verlegen). Ich spiele ein Gesellschaftsspiel.

Frau von Erbsenstein. Also haben Sie Gesellschaft?

Kauz. Nein! (Beiseite.) Gott sei Dank, sie sind nicht da! (Laut.) Ich bin allein, wie du siehst, mutterseelenallein und spiel' Blindemäuserl.

Frau von Erbsenstein. Da tappen Sie so allein herum?

Kauz. Ich spiel' den ganzen Tag nichts als Blindemäusl. Aber wie kommt's denn, Nièce, daß du zu mir aufs Land heraus –? Das is dir schon ein paar Jahr' nicht eing'fall'n.

Frau von Erbsenstein. Na, es is hier sehr hübsch, und der Schnoferl hat mir heut' früh ein Billett geschrieben, worin er mich ersucht, hier mit ihm zusamm'zutreffen, meine Gegenwart wäre äußerst notwendig, und da ich ohnedem noch eine Abrechnung mit ihm hab' –

Kauz. Der Schnoferl –? Hm, hm –! Das is ein Mißverständnis. Der Schnoferl is nicht da, ich erwart' ihn auch gar nicht. Dann hast du auch den Tag nicht gut gewählt, es is ein Donnerwetter im Anzug, du fürchst dich davor, und auf 'n Land schlagt's gar so leicht ein, solltest wirklich lieber so g'schwind als möglich in die Stadt zurück –

Frau von Erbsenstein. Ich muß doch erst hier im Garten ein wenig ausruhen.

Kauz. Hat zu wenig Schatten, der Garten, Frau Nièce, dein weißer Teint ging z'grund', geh lieber ins Zimmer hinein, aber ins vordere Zimmer, wo die schöne Aussicht is, da steht ein Ruhbett. (Führt sie gegen das Haus.)

Frau von Erbsenstein. Der Herr Onkel is ja heut' gar voller Aufmerksamkeit.

Kauz. Nicht mehr als Schuldigkeit!

Frau von Erbsenstein (für sich). Mir kommt die ganze Sach' nicht richtig vor. (Geht in das Haus ab. Kauz hat sie bis an die Türe begleitet und kommt zurück.)

Sechste Szene

Kauz. Dann Gigl.

Kauz (allein). Lebensphilosophie, verlaß mich nicht! Was tu' ich jetzt mit die Mädln? Ich muß schauen, daß s' nicht daher kommen. – Ich schwitz' vor Verlegenheit, und jetzt auf einmal die kühle Luft! (Ruft gegen das Haus.) Dominik, meinen Spenser! Er kommt nicht – ich zieh' meinen Rock an. (Will den Rock vom Stuhle nehmen.) Wo is denn mein Rock? – Den haben g'wiß die Mädln – wär' nicht übel! Da muß ich gleich – (will rechts ab.)

Gigl (zum Gittertore eintretend). Grüß' Ihnen Gott, Herr von Kauz!

Kauz (betroffen). Der Gigl –!?

Gigl. Wie lang soll ich denn dem Fiaker sagen, daß er warten soll?

Kauz. Wie kommst denn du her?

Gigl. Mit 'n Fiaker.

Kauz (wie oben). Ich will wissen, wer dich auf die Idee gebracht hat –

Gigl. Weil's der Schnoferl so wollen hat.

Kauz. Der Schnoferl –?

Gigl. Hat mir ein Billett geschrieben, worin er mich ersucht, hier mit ihm zusamm'zutreffen, meine Gegenwart wäre äußerst notwendig!

Kauz (für sich). Ich weiß nimmer, bin ich Herr in mein' Hause oder der Schnoferl – ich muß 'n fortbringen – halt, so geht's! (Zu Gigl.) Weißt du, was der Schnoferl für eine Absicht hat?

Gigl. Ja, er will hier mit mir zusammentreffen.

Kauz. Aber weißt du, warum?

Gigl. Das hat er mir nicht g'schrieben, also kann es nicht seine Absicht sein.

Kauz. Er will hier zwischen dir und meiner Nièce eine Versöhnung –

Gigl. Vor Versöhnung bin ich sicher, der beleidigte Stolz eines Weibes versöhnt sich nie! Ich wollt', ich wär' ebenso sicher vor ihrer Rache, denn die Rache des Stolzes eines beleidigten Weibes ist fürchterlich.

Kauz. Das is es eben! Sie is da!

(Man hört in der Szene rechts die Mädchen lachen.)

Gigl. Da lacht was in Ihrer Einsamkeit.

Kauz. Lachen? Ich hab' nichts g'hört – tumml dich nur! (Man hört wieder lachen.)

Gigl. Sie haben Gesellschaft?

Kauz. Was fallt dir ein! Es müßten nur Leut' in den Garten – es sind mehrere Aus- und Eingäng', die öfters offen – und da kommen einem öfters –

Siebente Szene

Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Vorige.

Die Mädchen. Ah, der Herr von Gigl hier?

Gigl. Aufzuwarten!

Die Mädchen. Das is scharmant!

Gigl. Muß aber gleich wieder fort!

Madame Storch. Was fällt Ihnen ein?!

Sabine (zu Rosalie). Nimm die Brieftaschen, ich kann mich nicht immer damit herumschleppen. (Gibt ihr die Brieftasche und tritt dann zu Gigl.) Nein, nein, Sie müssen dableiben, wir lassen Ihnen nicht fort.

Rosalie (leise zu Gigl, ihn beiseite ziehend). Wenn ich Ihnen aber sag', daß jemand in der Näh' is!

Gigl (hastig). Wer?

Rosalie (leise). Die Thekla!

Gigl (freudig). Is 's möglich –? Wo?

Rosalie (leise). Der Schnoferl hat sie herausb'stellt, er hat ihr Aufschlüsse über ihre Familienangelegenheiten (macht die Pantomime des Stehlens) versprochen. Sie will aber nicht eher her, bis der Schnoferl da is, sie wart't mit ihrer alten Mahm in einem Bauerngarten unt'. Stecken S' derweil die Brieftaschen ein, ich hab' s' von der Sabine – 's is wegen ein' Spaß – ich hol' Ihnen die Thekla. (Eilt zum Gittertore ab.)

Gigl. Oh, Sie Engel –! (Die Brieftasche einsteckend.)

Kauz. Gigl, verplausch' dich nicht, es is höchste Zeit, daß du gehst.

Gigl. Nein, jetzt is es höchste Zeit, daß ich bleib'!

Kauz. Fürchst du denn nicht die Rache des Zornes eines –

Gigl. Nein, ich fürcht' nix, ich bin Mann, und wenn mir die Mädln hier alle beistehn, was kann mir die Erbsenstein tun?

Kauz (für sich). Da soll doch der Teufel

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