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Das Mädchen von Treppi

Paul Heyse: Das Mädchen von Treppi - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleL'Arrabbiata / Das Mädchen von Treppi
authorPaul Heyse
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008301-x
titleDas Mädchen von Treppi
pages25-64
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinauszueilen und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen. Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig über seine weichherzige Regung. »Es ist das einzige, was bleibt«, sprach er für sich, »wenn Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind!« – - Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah. Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die Mauerlücke und sah hinaus.

Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut und hie und da ein kümmerlicher Busch. – »Hier ist freilich kein Ort«, sagte er im stillen, »zu vergessen, was man geliebt hat. – Ich wollte, es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind – aber Torheit, Torheit, Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein! nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in Treppi wacht.«

Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den Kopf: sie will sich ein Leid antun. Ohne Besinnung sprang er nach der Tür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Tür und bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüten nach, da plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft. Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im Schatten.

Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien, doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Öffnung hinaus, konnte aber nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Tür des Gemachs nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Tür, horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein kurzes Wort – es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett, wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine tausend wogenden Gedanken Herr wurde.

Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte, ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen, dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus, und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der Tür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und trat in das Nebengemach.

Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.

»Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte«, herrschte er sie an.

»Ja«, sagte sie gleichgültig. »Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern begegnen müßt.«

»Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein. Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen, Mädchen. Wo sind meine Leute?«

»Fort.«

»Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Törin, als ob sie fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!« Und er schritt rasch auf die Tür zu, um hinauszugehn.

Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton: »Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrat ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja.«

Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. »Nein«, brach er endlich heraus, »mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und da – mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri.«

Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Tür, selbst jemand zu suchen, der ihn hinunterführte. »Macht Euch keine Mühe«, sagte sie, »Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden. Wenn Ihr mir nicht glaubt – seht nach!«

»Und überhaupt«, fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und Ärger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte, »warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise durch die Berge.«

»Pest!« murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die Sonne stieg, und alles wohl erwogen, – was hatte er im Grunde Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmütigen Blick ihrer großen Augen Zeugnis annehmen zu dürfen, daß keinerlei Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß.

»Wenn du denn so vernünftig geworden bist«, sagte er jetzt trocken, »so mag es sein, so komm!«

Ohne eine sonderliche Äußerung der Freude stand sie auf und sagte: »Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts.« Sie stellte ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Währenddessen hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röte auf ihren Wangen und etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. »Es soll keiner mehr daraus trinken«, sagte sie, »seit Eure Lippen daran gehangen!«

Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem Geist: »Ob sie dir Gift gegeben?« dann zog er es vor zu glauben, daß es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.

»Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen«, sagte sie draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. »Ihr hättet auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als gestern.«

Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die tot und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar, lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht seit sieben Jahren stehengeblieben, während alles andere sich entwickelte.

Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang. Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins Gesicht und sie blieb stehn. »Der ist schlecht!« sagte sie finster. »Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus verschließen müssen.«

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