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Das Mädchen von Treppi

Paul Heyse: Das Mädchen von Treppi - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleL'Arrabbiata / Das Mädchen von Treppi
authorPaul Heyse
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008301-x
titleDas Mädchen von Treppi
pages25-64
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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»Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen«, erzählte er. »Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in endloses Verhör und Gefängnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest, ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel an der Kammertür eines schönen Mädchens. – Du hast vielleicht gehört, daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig, als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach, nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet hätte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo getan haben würde. Ich antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's, daß alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre.«

»Die Elenden! die Gottlosen!« unterbrach ihn das Mädchen und ballte die Faust.

»So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem Garten vor der Stadt.«

Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. »Geh nicht hinunter, Filippo«, sagte sie. »Sie wollen dich ermorden.«

»Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das aber?«

»Ich sehe es hier und – hier!« Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn und Herz.

»Du bist auch eine Zauberin, eine Strega«, fuhr er mit Lächeln fort. »Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande machen. Wer weiß aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß? Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es, Kind! damit wäre nichts geändert.«

»Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen«, fuhr er nach einigem Schweigen fort, »deiner törichten alten Liebe ihren Willen zu tun. Vielleicht hat alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu, einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen wollen?«

Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus den Zügen gewichen, alle Röte von den Lippen. »Du liebst mich nicht!« sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein andrer aus ihr und sie horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wütendes Wimmern und Toben des Hundes laut wurde. – »Du liebst mich nicht, nein, nein!« rief sie wie außer sich. »Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen? Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!«

Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken, ihren Mund an seinem Halse und heiße Tränen über sein Gesicht fließen. »Geh nicht in den Tod, Filippo!« schluchzte die Arme. »Wenn du bei mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe des Apennin. – Ja«, sagte sie und sah durch Tränen strahlend zu ihm auf, »du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergib mir das. Es bringt in die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten. Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn du meinst, daß sie dich dann verraten – so wollen wir selber fort, noch heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, bis Venedig, wohin du willst.«

»Halt!« sagte er strenge. »Es ist genug der Torheit. Du kannst mein Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege bin.« Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.

»Siehe Kind«, fuhr er fort, »das ist nun unglücklich genug und wir brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft. Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Tote in dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe, daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel – nicht wahr, Kind? Und nun – gute Nacht, gute Nacht, Fenice!«

Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht. Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. »Hab ich nicht genug gebüßt«, sprach sie halblaut, »daß ich vor sieben Jahren eine Nacht lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den Händen – ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und stürbe.«

»Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt. Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben. Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für zwei. Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und dann – laß uns einander vergessen!«

»Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht! Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit diesen guten Armen. Auf Tod und Leben – du bist mein, Filippo!«

»Still!« rief er überlaut. Die Röte stieg ihm jählings in die Stirn, indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte. »Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt – hast du darum ein Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen, ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist alles aus zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?«

Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg, schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun. Doch fügte er kein Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm, als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holztür nicht weit vom Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an den Herd zurück.

Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb er eine Zeitlang dicht neben der Tür stehen, um zu horchen, was sie beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel, und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun, daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales, sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen, Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der Tür.

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