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Das Mädchen von Treppi

Paul Heyse: Das Mädchen von Treppi - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleL'Arrabbiata / Das Mädchen von Treppi
authorPaul Heyse
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008301-x
titleDas Mädchen von Treppi
pages25-64
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Sie waren kaum allein, als Fenice eine Messinglampe, die seitwärts am Herde stand, ergriff und hastig anzündete. Das Herdfeuer erlosch mehr und mehr, die drei roten Flämmchen der Lampe erhellten nur einen kleinen Teil des weiten Raumes. Es schien, als habe die Dunkelheit den Fremden schläfrig gemacht, denn er saß am Tische, den Kopf auf die Arme gelegt, den Mantel dicht um sich gezogen, als gedenke er so die Nacht zuzubringen. Da hörte er seinen Namen rufen und sah empor. Die Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch, ihm gegenüber stand die junge Padrona, die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit großer Gewalt.

»Filippo«, sagte sie, »kennt Ihr mich nicht mehr?«

Er sah eine Zeitlang forschend in das schöne Gesicht, das vom Schein der Lampe und mehr noch von der Angst zu glühen schien, welche Antwort ihrer Frage werden würde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns wert. Die weichen langen Augenwimpern sänftigten, wie sie langsam auf und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase. Der Mund blühte in der rötesten Jugend; nur hatte er, wenn er schwieg, einen Zug von Entsagung, Schmerz und Wildheit, dem die schwarzen Augen nicht widersprachen. Jetzt erst, als sie am Tische stand, zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt, besonders die Schönheit des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem Besinnen:

»Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!«

»Es ist nicht möglich«, sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der Gewißheit. »Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten. Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einprägen.«

Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst völlig aus seinen besondern Gedanken loszumachen. »Ja, Mädchen«, sagte er, »wer sieben Jahre zu nichts anderm braucht, als einem schönen Mädchenkopf nachzudenken, der muß ihn wohl zuletzt auswendig wissen.«

»Ja«, sagte sie nachdenklich, »so ist es, so sagtet Ihr auch damals, daß Ihr an nichts anderes denken würdet.«

»Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?«

Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. »Warum sollte ich nicht? Ich habe es ja an mir selbst erfahren, daß Ihr recht hattet.«

»Kind«, sagte er mit einer gutmütigen Miene, die seinen entschiedenen Zügen wohl stand, »das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Männerworte nicht viel mehr wert sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrücklich ausgemacht ist. Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt denk ich, ehrlich gesagt, selten an euch. Liebes Kind, man hat so viel Wichtigeres zu denken.«

Sie schwieg, als ob sie das alles nicht verstünde und ruhig abwarten wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging.

»Es dämmert jetzt freilich in mir auf«, sagte er nach einigem Sinnen, »daß ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich hätte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege auf und ab stürmte.«

»Ich wußte es wohl«, sagte sie, und ein rührender Glanz der Freude erschien auf den Lippen, »ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht vergessen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen, auch nicht seinen alten Haß auf Euch von damals, – noch ich – meine alte Liebe.«

Das sagte sie mit so großer Festigkeit und Heiterkeit, daß er immer erstaunter zu ihr aufsah. »Ich besinne mich nun auch auf ein Mädchen«, sagte er, »das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich hätte sonst die Nacht auf den Klippen zubringen müssen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel -«

»Ja«, unterbrach sie ihn, »sehr!«

»Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihr, zu dem sie nicht viel über zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr endlich das schlafende finstre Mündchen mit einem Kuß aufzuwecken dachte – ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungesteinigt davonkam. Wenn du jenes Mädchen bist, wie kannst du von deiner alten Liebe zu mir reden?«

»Ich war funfzehn Jahr', Filippo, und schämte mich sehr. Ich war immer so trotzig gewesen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken. Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch, wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden, und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur, daß er nicht mehr hier schaltet und schilt – seine Seele sei im Paradiese! Und vor der Mutter schämte ich mich am meisten. Wißt Ihr noch, gerade an demselben Fleck saßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den Wein, den wir von Pistoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das Fenster, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger, natürlich, aber nicht schöner. Ihr habt noch heut dieselben Augen, mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Tier! Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst.

»Richtig«, sagte er, »er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angetan, Fenice. Ich weiß, daß ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus zurückkommen wolltest, daß ich aufstand und dich draußen suchte. Dein weißes Kopftuch sah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du sprangst in die Kammer neben dem Stall.«

»Das war meine Schlafkammer, Filippo. Da durftet Ihr doch nicht hinein.«

»Aber ich wollt' es. Ich weiß noch, wie lange ich stand und pocht' und bettelte, der schlechte Gesell, der ich war, und meinte, der Kopf müsse mir springen, wenn ich dich nicht noch einmal sähe.«

»Der Kopf? Nein, das Herz, sagtet Ihr. Ich weiß sie noch alle wohl, die Worte, alle!«

»Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen.«

»Mir war zumut wie zum Sterben. ich stand im hintersten Winkel und dachte, wenn ich mir nur das Herz fassen könnte, an die Tür zu schleichen, den Mund an die Spalte zu legen, durch die Ihr spracht, daß ich den Hauch empfunden hätte.«

»Törichte verliebte Jugend! Wäre deine Mutter nicht gekommen, ich stände wohl noch da; du hättest denn inzwischen aufgemacht. Ich schäme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen Ärger und Grimm davonging und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte.«

»Ich habe im Finstern gesessen und gewacht«, sagte sie. »Gegen Morgen überfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne sah – wo wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich hatte einen solchen Haß, ein menschliches Gesicht zu sehen, als hätten sie Euch umgebracht, damit ich Euch nur nicht mehr sähe. Ich lief fort, wie ich ging und stand, die Berge auf und ab, zuweilen schrie ich nach Euch, zuweilen verwünschte ich Euch, denn um Euch konnte ich nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene an, da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg gewesen. Der Vater schlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter sprach nicht mit mir. Sie wußten wohl, warum ich weggelaufen war. Nur der Hund war mit mir gewesen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen rief in der Einsamkeit, heulte er.«

Es entstand eine Pause, in der die Blicke der beiden Menschen aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: »Wie lange sind deine Eltern nun tot?«

»Drei Jahr'. Sie starben in derselben Woche – ihre Seelen seien im Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen.«

»Nach Florenz?«

»Ja, Ihr sagtet ja, Ihr wäret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere draußen bei San Miniato, an die wiesen mich welche von den Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in die Stadt geschickt, nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst hinunter und suchte Euch. Am Ende hörten wir, daß Ihr längst fortgezogen, keiner wollte recht wissen, wohin.«

Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach. Fenice wandte sich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verriet sie keine Spur einer ähnlichen Unruhe, wie sie ihn umhertrieb. Er kam endlich auf sie zu, sah sie eine Weile an und sagte dann: »Und wozu gestehst du mir das alles, la Poveretta

»Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt, mir einen Mut dazu zu fassen. Ach, wenn ich es Euch damals gestanden hätte, es hätte mich nicht so unglücklich gemacht, dieses feige Herz. Aber ich wußte, daß Ihr wiederkommen mußtet, Filippo; nur daß es so lange dauerte, das hatte ich nicht gedacht, das tat mir weh. – Ein Kind bin ich, so zu sprechen. Was kümmert mich, was nun vorüber ist? Filippo, da seid ihr, und hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!« - -

»Liebes Kind!« sagte er leise, und verschwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte. Sie empfand es aber nicht, daß er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und über ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es war, als wären ihr ihre Worte seit lange bekannt, als habe sie sich tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen, und das und das wirst du ihm sagen.

»Ich habe schon viele heiraten sollen, hier oben, und als ich in Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir süße Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden, die süßer waren, als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr lassen sie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und so schön wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wüßten, daß du nun bald kommen würdest.« – Dann wieder:

»Wo willst du mich nun hinführen? Willst du hier oben bleiben? Nein, es taugt nicht für dich. Seit ich in Florenz war, weiß ich, daß es traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden verkaufen, dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den Leuten hier satt. In Florenz mußten sie mich alles lehren, was eine Städterin braucht, und sie verwunderten sich, wie rasch ich jedes begriff. Freilich, ich hatte nicht viel Zeit und alle Träume sagten mir, daß es hier oben sein würde, wo du mich zu suchen kämest. – Ich habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das ist alles eingetroffen.«

»Und wenn ich nun schon eine Frau hätte?«

Sie sah ihn groß an. »Du willst mich versuchen, Filippo! Du hast keine. Auch das hat mir die Strega gesagt. Aber wo du wohnest, das wußte sie nicht.«

»Sie hat recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß sie oder du, daß ich je eins haben will?«

»Wie könntest du mich nicht wollen?« sagte sie mit unerschütterlichem Vertrauen.

»Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib mir deine Hand; versprich mir, daß du mich verständig anhören willst bis zu Ende, meine arme Freundin!« Als sie nichts von dem allen tat, fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das Auge traurig auf sie geheftet, während das ihrige wie in Ahnungen, die ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hinirrte.

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