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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
projectidb222f8e3
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Kapitel Sieben. Die Dame

Bernadette wendet den Blick zur nächsten Pappel, um zu erkennen, ob in der Höhe vielleicht doch irgendein Wind beschäftigt sei, der sich im Dornstrauch von Massabielle verfangen hat. Atemlos starr verhält sich das sonst so zittrige Pappellaub. Sie dreht ihr Gesicht wieder der Grotte zu, die nicht weiter als zehn Schritt von ihrem Sitz entfernt liegt. Nun klammert sich auch die wilde Rose wieder regungslos an den Felsen. Wahrscheinlich war's eine Täuschung vorhin.

Dies aber ist keine Täuschung. Denn Bernadette reibt die Augen, schließt sie, öffnet sie, schließt sie, öffnet sie, wohl zehnmal, und es bleibt trotzdem. Das Tageslicht ist bleiern nach wie vor. Nur in der spitzbogenförmigen Nische des Grottenfelsens verweilt ein tiefer Glanz, als sei die altgoldene Neige stärkster Sonnenstrahlung dort zurückgeblieben. In dieser Neige eines wogenden Lichtes steht jemand, der wie aus der Tiefe der Welt gerade hier an den Tag getreten ist, nach einem langen, aber mühelosen und bequemen Weg. Dieser Jemand ist durchaus kein ungenaues Gespenst, kein durchsichtiges Luftgebild, keine veränderliche Traumvision, sondern eine sehr junge Dame, fein und zierlich, sichtbar aus Fleisch und Blut, eher klein als groß, denn sie steht gelassen und ohne anzustoßen in dem engen Oval der Nische. Die sehr junge Dame ist nicht gewöhnlich, aber keineswegs unmodern gekleidet. Zwar ist sie nicht eng geschnürt und trägt keine Pariser Krinoline, aber der feine Schnitt des schneeweißen Kleides deutet doch die zarte Taille an. Bernadette hat jüngst die Hochzeit der jüngeren Tochter Lafite in der Kirche mitangesehen. Am besten ließe sich die Gewandung der Dame noch mit der einer vornehmen Braut vergleichen. Da ist vor allem der lose, köstliche Schleiermantel, der vom Kopf bis zu den Knöcheln reicht. Reizenderweise aber scheint die bräutliche Dame keine mit Brennschere und Schildpattkämmen aufgetürmte Frisur zu tragen, wie es in ihren Kreisen Brauch ist, da ein paar freiheitssüchtige Locken des hellbraunen Haares unter dem Schleier hervordringen. Ein ziemlich breites blaues Gürtelband, locker unter der Brust geknotet, hängt bis über die Knie hinab. Welch ein Blau aber, beinahe schmerzhaft angenehm! Nicht einmal Mademoiselle Peyret, die Schneiderin der reichen Herrschaften von Lourdes, würde entscheiden können, von welcher Art der weiße Stoff des Kleids sei. Manchmal leuchtet er wie Atlas oder Satin, manchmal ist er stumpf, wie ein unbekannter, ganz zarter, überaus schneeiger Samt, dann wieder wie ein hauchdünner Batist, der jede Regung der Glieder in sein Faltenspiel überträgt.

Das Auffälligste aber bemerkt Bernadette zuletzt. Die junge Dame geht bloßfüßig. Die schmalen kleinen Füße wirken elfenbeinern, ja fast alabastern. Nicht das geringste Rot oder Rosa ist ihrer Blässe beigemischt. Es sind völlig ungebrauchte Füße. Sie bilden einen merkwürdigen Gegensatz zu der sonst so lebendigen Körperlichkeit des zierlichen Mädchens. Das Verwunderlichste aber sind die goldenen Rosen, die über den Wurzeln der langen Zehen an beiden Füßen angebracht sind, man sieht nicht wie. Man erkennt auch nicht, von welcher Art diese beiden Rosen sind, ob feinste Bijouterie oder stark aufgetragene Malerei.

Zuerst empfindet Bernadette einen kurzen zuckenden Schreck und dann eine lange Furcht. Es ist dies aber keine Furcht, die ihr bekannt ist, keine Furcht, die einen zwingt aufzuspringen und davonzurennen. Es ist eine weiche Umklammerung der Stirn und der Brust, von der man wünscht, sie möge dauern und dauern. Später löst sich diese Furcht in etwas auf, wofür dieses Kind Bernadette keinen Begriff hat. Am ehesten könnt es Trost heißen oder Tröstung. Bernadette hat bis zu diesem Augenblick nicht gewußt, daß sie trostbedürftig sei. Sie weiß ja gar nicht, wie schwer ihr Leben ist, daß sie Hunger leidet, daß sie im finstern Loch des Cachots mit fünf Menschen zusammen haust, daß sie nächtelang um Atem ringen muß. Das war seit je so und wird wahrscheinlich immer so sein. Es ist die nackte Selbstverständlichkeit. Jetzt aber ist sie mehr und mehr eingehüllt von diesem Trost, der keinen Namen hat, der eine heiße Flut von Erbarmen ist. Hat sie Erbarmen mit sich selbst? Ja! Aber das Selbst dieses Kindes ist jetzt so aufgesprengt, so weltenweit, daß die Süßigkeit des Erbarmens seinen erschauernden Körper durchdringt bis in die Spitzen der jungen Brüste.

Während aber die Wellen dieser liebeerschütterten Getrostheit Bernadettens Herz überspülen, bleiben ihre Augen unablässig, frei und fest auf das Antlitz der jungen Dame gerichtet. Diese ist ihrerseits damit beschäftigt, ihr Antlitz dem Mädchen darzubieten, darzubringen. Obwohl es ruhig dort in der Nische verweilt, scheint es immer näher zu kommen, je mehr Bernadettens Blick sich daran festsaugt. Sie könnte die Schläge der Wimpern zählen, die dann und wann, sehr selten, das herrliche Weiß und Blau der Augen verdecken. Der Teint ist trotz seiner Makellosigkeit so lebendig, daß man an den leicht geröteten Wangen die Frische des Wintertags ablesen kann. Die Lippen sind nicht etwa feierlich zusammengepreßt, sondern stehn ein wenig offen, wie unbewußt, und lassen den jugendlichen Schmelz der Zähne durchschimmern. Bernadette aber bemerkt gar nicht die einzelnen Elemente dieser Lieblichkeit, sondern schaut und schaut das Ganze.

Es kommt ihr gar nicht der Gedanke, sie habe es hier mit etwas Himmlischem zu tun. Bernadette kniet nicht im Dämmer einer Kirche. Sie sitzt auf einem Steinblock, nah an der Mündung des Savy-Bachs in den Gave, in dieser kahlen, klaren Februarwelt und hält ihren Strumpf in der schlaffen Hand. Nichts andres ist ihr bewußt als die nie erträumbare Schönheit dieses Frauenbilds, von der sie trunken ist, unersättlich. Die Schönheit der Dame ist die erste und letzte Macht, die das Kind der Soubirous nicht freigibt.

In der Lähmung ihres Entzückens besinnt sich Bernadette plötzlich, daß ihr Benehmen unstatthaft sei. Sie sitzt, und die Dame steht. Auch geniert es sie, daß ihr rechter Fuß unbekleidet ist und der andre einen Strumpf trägt. Was tun? Schuldbewußt erhebt sie sich. Die Dame lächelt befriedigt. Dieses Lächeln ist eine weitere Auflichtung ihrer Holdseligkeit. Bernadette vollführt nun das linkische Kompliment der Schulmädchen von Lourdes, wenn sie einer der Lehrschwestern, dem Abbé Pomian oder gar dem Herrn Pfarrer Peyramale auf der Straße begegnen. Die Dame beeilt sich, diesen Gruß zu erwidern, bei weitem nicht so herablassend wie die genannten Autoritäten, sondern voll freier Kameradschaftlichkeit. Sie nickt mehrere Male, und ihr Lächeln wird noch um einen Grad heller. Der Gruß schafft eine neue Lage. Die Beziehung hat sich angesponnen. Zwischen der Beglückten und der Beglückenden entsteht und wogt hin und her ein Strom der freudigsten Sympathie, des ältesten Verbundenseins, ja das Innewerden einer herzbewegenden Mitverschworenheit. Jesus und Maria, denkt Bernadette, sie steht und ich stehe. Damit ein verehrender Unterschied sei zwischen ihrer Haltung und der der Dame, kniet sie aufs Ufergeröll nieder, das Gesicht voll der Nische zugewandt.

Wie um zu beweisen, daß sie die Absicht des Mädchens verstanden habe, macht die Dame mit ihren alabasternen Füßen, auf denen die goldenen Rosen erglänzen, ein Schrittchen aus dem Portal auf den äußersten Rand des Felsens. Weiter kann oder will sie nicht kommen. Dann öffnet sie ein wenig die Hände, eine umfangende oder emporziehende Gebärde andeutend. Die Hände gleichen den Füßen an Schmalheit und Blässe. An ihren Innenflächen ist kein Rot oder Rosa zu bemerken.

Es geschieht nun längere Zeit nichts. Die junge Dame scheint vielleicht gezwungen, oder besser, willens zu sein, Bernadette die ganze Initiative zu überlassen. Diese aber hat längere Zeit keinen Einfall mehr, sondern kniet nur und schaut und schaut und kniet. Dadurch breitet sich zwischen beiden eine sanfte Verlegenheit aus, die das Mädchen ein wenig bedrückt, das im Gefühl seiner dienstbaren Unwürdigkeit der Dame die Begegnung mit aller Kraft erleichtern möchte.

Zugleich aber beginnen in dem verzückten Geiste Bernadettens kleine Wachheiten aufzubrechen, spitze Punkte erwägender Bewußtheit. Woher ist die Dame gekommen? Aus dem Innern der Erde? Kann etwas Gutes aus dem Innern der Erde kommen? Das Gute, das Himmlische kommt von oben. Es benützt Wolken und Sonnenstrahlen als Fahrzeuge, um sich herabzusenken, wie die Bilder in den Kirchen es darstellen. Wer aber immer die junge Dame ist und woher sie auch auf ihren bloßen Füßen gekommen sei, ob auf natürlichem, ob auf nicht natürlichem Wege, eines bleibt unverständlich: warum hat sie sich gerade Massabielle ausgesucht, die schmutzige Felsenhöhle, diesen Ort des Hochwassers, der angespülten Knochen, des Gerölles, der Schweine, der Schlangen – einen Winkel, den alle Welt verabscheut?

Bernadettens Argwohn nimmt sich selbst nicht sehr ernst. Ihr ganzes Wesen jubelt über die Schönheit der Dame. Es gibt keine Schönheit, die rein körperlich wäre. In jedem Menschengesicht, das wir schön nennen, bricht ein Leuchten durch, das, obwohl an physische Formen gebunden, geistiger Natur ist. Die Schönheit der Dame scheint weniger körperlich zu sein als jede andere Schönheit. Sie ist das geistige Leuchten selbst, das Schönheit heißt. Überwältigt von diesem Leuchten und ein bißchen auch, um sich über die Wesensart der Dame zu vergewissern, will Bernadette ein Kreuz schlagen.

Die Bekreuzung ist ein sehr probates Mittel gegen die tausend Ängste der Seele, die Bernadette seit ihrer Kindheit verfolgen. Da sind nicht nur die ungeheuerlichen Träume der Nacht. Auch am hellichten Tage sind ihre Augen mit der Gabe gesegnet, in alle Dinge wie in Rahmen Bilder hineinsehen zu müssen. Die Wände des Cachots strotzen von großen, feuchten Flecken. Wenn man im Winkel hockt oder morgens schlaflos die Mauern anstarrt, nehmen diese Flecken im raschen Wechsel die unglaubwürdigsten Formen an. Diese Formen sind zumeist dem dämonischen Bereich des Verzerrten und sinnlos Zusammengesetzten entsprungen. Auch spielt Orphide, der große bärtige Ziegenbock der Bäuerin Laguès in Bartrès, unter diesen Gesichten eine häufig wiederkehrende Rolle. Einst hat das bösartige Tier die kleine Hirtin mit eingelegten Hörnern über eine Wiese gejagt. (Oh, warum muß gerade sie, die das Süße liebt, das Reizende, Niedliche, Gefällige, so oft scheußlichen Phantomen ausgesetzt sein?)

Bernadette, den Blick auf die blutlosen Füße der Dame geheftet, will die Hand heben, um ein Kreuz zu schlagen. Es ist unmöglich. Der Arm hängt schwer und lahm herab wie eine fremde Last. Nicht einen Finger kann sie rühren. Auch diese Lähmung ist ihr nicht unbekannt aus Angstträumen, wenn gegen den Andrang des Teuflischen Muskeln und Stimme versagen, um den Beistand des Heilands anzurufen. Jetzt und hier aber scheint ihre Ohnmacht, den Arm zu heben, einen besonderen Grund zu haben. Vielleicht hat die Dame ihre abwägenden Gedanken erraten und will sie bestrafen dafür. Vielleicht aber hat Bernadette selbst, mit dem Versuch sich zu bekreuzen, die gute Sitte verletzt und einen unverzeihlichen faux pas begangen. Denn was das Kreuz anbetrifft, so gehört zweifellos der Dame dort der unbedingte Vorrang.

Und wirklich, die Dame in der Nische hebt jetzt äußerst langsam, ja lehrhaft, die rechte Hand mit ihren gebrechlichen Fingern und schlägt über ihr ganzes Antlitz ein großes, beinah leuchtendes Kreuz, wie es Bernadette noch von keinem Menschen gesehen hat. Es scheint in der Luft schweben zu bleiben. Dabei wird ihr Gesicht sehr ernst, und dieser Ernst ist eine neu ausgesandte Welle jener Lieblichkeit, die atemlos macht. Bernadette hat bisher im Leben wie alle andern Leute beim Bekreuzigen Stirn und Brust nur ungenau betupft. Jetzt aber fühlt sie von einer milden Gewalt ihre Hand ergriffen. Wie man einem Kinde, das nicht schreiben kann, die Hand führt, so zeichnet jene milde Gewalt dasselbe große und unaussprechlich vornehme Kreuz mit der eiskalten Hand des Mädchens auf dessen Stirn. Und nun nickt und lächelt die Dame wieder, als sei etwas Wichtiges und gar Köstliches gelungen.

Nach diesem Kreuz entsteht eine neue Pause, vom entzückten Schauen und Lieben ausgefüllt. Bernadette möchte etwas sagen, in Worte ausbrechen, ja nur in formlose Laute, stammelnd, verehrend, zärtlich. Aber darf sie es wagen zu sprechen, ehe die Dame gesprochen hat? Sie greift in ihren Beutel, sie zieht den Rosenkranz hervor. Etwas Besseres könnte sie nicht tun ...

Alle weiblichen Wesen von Lourdes tragen den Rosenkranz ständig bei sich. Er ist das treue Werkzeug ihrer Frömmigkeit. Die Hände armer, hart arbeitender Frauen vermögen es nicht, stille zu stehn. Ein Gebet mit leeren Händen, das wäre nicht das Rechte für sie. Das Rosenkranzgebet aber ist eine Art von himmlischer Handarbeit, ein unsichtbares Nadelwerk, eine Strickerei oder Stickerei, aus den fünfzig Ave Marias der Perlenschnur emsig gewirkt. Wer in Jahr und Tag gehörig viele Rosenkränze betet, der bringt schon ein tüchtiges Gewebe zustande, mit dem dereinst das große Erbarmen einen Teil seiner Schuld zudecken kann. Die Lippen murmeln zwar nur automatisch die Worte des Engels an die Jungfrau, die Seele aber ergeht sich auf der Weide der Heiligkeit. Wenn die Gedanken dabei auch öfters von den Gesätzchen abirren und über den unvernünftigen Preis der Eier seufzen, und wenn man sogar dann und wann über einem Ave für ein paar Minuten einnickt, so ist das kein Unglück, denn man verliert sich in einer größeren Geborgenheit als sonst. Mutter Soubirous hält es mit dem Rosenkranz wie alle andern Frauen zu Lourdes. Bernadette aber, die noch sehr jung ist und alles eher als eine Frömmlerin, sie, die von Sœur Marie Thérèse Vauzous für eine unwissende Heidin gehalten wird und wirklich von den Geheimnissen des Glaubens kaum die notdürftigste Ahnung hat – Bernadette trägt ihren Rosenkranz mit Stolz im Beutel, ist er doch das Zeichen fraulicher Erwachsenheit.

Jetzt hält sie ihre dürftige, aus schwarzen Kügelchen gefädelte Gebetschnur der Dame aufmunternd entgegen. Diese scheint das schon längst erwartet zu haben. Wiederum lächelt und nickt sie und scheint sich über des Mädchens lobenswerten Einfall innig zu freuen. Auch in ihrer leicht erhobenen Rechten wird ein Rosenkranz sichtbar, nicht der kümmerliche eines Taglöhnerkinds, sondern eine lange Kette mit großen, schimmernden Perlen, die fast bis zur Erde reicht, wie man sie an keiner Königin noch gesehn hat. Am Ende der Schnur blitzt ein goldnes Kruzifix im wogenden Licht.

Bernadette ist froh, ihre eigene Stimme zu hören, obwohl ihr diese Stimme ganz unbekannt vorkommt: »Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnaden«, beginnt sie die erste Zehnerreihe der Aves. Dabei beobachtet sie die Dame scharf, ob sie mitbetet. Deren Lippen aber bleiben unbewegt. Es scheint, als sei es nicht ihre Sache, den Gruß des Engels zu sprechen. Sie kontrolliert gleichsam nur mit sanfter Hingabe die murmelnde Tätigkeit des Mädchens. Jedesmal, wenn ein Ave zu Ende ist, läßt sie zwischen Zeigefinger und Daumen die Perle gleiten. Sie wartet aber immer darauf, daß Bernadette zuerst ihr schwarzes Kügelchen weiterschiebt. Nur wenn nach der abgebeteten Reihe die Anrufung kommt »Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist«, geht durch die Gestalt der Dame ein starker Atemzug, und ihr Mund bildet stumm diese Worte mit. Noch nie hat Bernadette ihren Rosenkranz so langsam hergesagt. Er ist gewiß ein starkes Mittel, die Dame festzuhalten. Nichts ist ihr wichtiger. Sie fürchtet, die Allerliebste, an deren Gesicht sie sich mit all ihren Seelenkräften festsaugt, werde müde werden, werde es satt bekommen, einer Soubirous-Tochter wegen in dem unbequemen Steinloch zu verweilen, hart am Rand eines abschüssigen Felsens, von dem man leicht herunterstürzen kann. Es ist ihr gewiß sehr peinlich, ununterbrochen angestarrt zu werden, und das noch dazu bei diesem Wetter. Oh, bald wird sie davongehen und mich allein lassen ... Nach dem dreißigsten Ave verlieren sich auch diese angstvollen Nebengedanken und Gefühlsschatten. Ohne daß ihre Augen ermatten, ist Bernadette nur mehr Schauen. Das Leben aller andern Sinne zieht sich zurück. Sie spürt die Steine nicht, auf denen sie kniet. Sie spürt die eisige Kälte nicht, die sie umweht. Eine warme, eine glückselige Schläfrigkeit umhüllt sie.

Wie gut geht es mir doch, oh, wie gut ...

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