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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Neunundvierzig. Ich liebe

Marie Dominique Peyramale ist mit seinen achtundsechzig Jahren noch immer ein Riese. Seine Augen brennen aber nicht mehr so feurig wie früher. Sie schauen nun aus einem breiten, schon etwas gedunsenen Priestergesicht mit beherrschtem Blick. Von all seinen Feinden hat das eigene Temperament dem Dechanten am übelsten mitgespielt. Als der Pastoralbrief seines Gönners Bertrand Sévère Laurence vor siebzehn Jahren erschien und Lourdes zu einem neuen Mittelpunkt der katholischen Christenheit erhob, da glaubte Peyramale, er sei zum natürlichen Beherrscher dieses verwandelten Lourdes bestimmt. Er stritt mit den Architekten, er verwarf ihre Pläne, er entwarf eigene Pläne für die Basilika, für die Krypta, für eine künftige Rosarienkirche unterhalb der Basilika. Seine Selbstherrlichkeit erbitterte die Leute. Sie rannten dem alten Bischof die Türen ein. Der aufrechte und bewunderungswürdige Greis, nach Monseigneur Forcades Worten, aber war nicht der Mann, dem Urheber solcher Behelligungen diese zu verzeihen. Peyramale ist durch die Entwicklung der Dinge größenwahnsinnig geworden, dachte er. Man muß ihm auf die Finger klopfen. Der Bischof klopfte dem Pfarrer von Lourdes sehr unsanft auf die Finger. Peyramales monumentale Pläne, der Stolz seines Herzens, wurden teils gestrichen, teils nach dem Geschmack der kleinen Leute abgeändert. Die Ohrenbläser und Intriganten behielten recht. Der Kunstsinn von Küstern, Betschwestern und Muckern setzte sich durch. Marie Dominique, Nachfahre dreier Generationen von Ärzten und Gelehrten, ein Mann von Wissen und künstlerischer Vorstellungskraft, hatte einen gewaltigen Komplex sakraler Bauten erträumt, die alles durch ihre Wucht in Schatten stellen sollten, was in diesem Jahrhundert an Weihtümern errichtet worden war. Nun sah er seinen hohen Traum durch die Verwirklichung zerstört. Die Zuckerbäcker der kirchlichen Architektur und Kunst siegten auf der ganzen Linie.

Der ehrgeizige Dechant hatte aus Lourdes ein zweites Rom machen wollen. Wenn man an die Menschenströme denkt, die jahraus jahrein dahin wallfahrten, wurde es auch eine Art zweites Rom. In diesem Rom aber war der herrische Mann Peyramale alles eher als der Papst. Die Millionen Pilger und Kranken, die man während eines Jahres zählte, bedurften einer Armee von Klerikern zu ihrer Betreuung. Diese aber konnten nur die Orden stellen. Sie nahmen die Obsorge für die Hospitäler und die heiligen Stätten in die Hand. Peyramale mußte es allgemach erleben, daß er auf das Altenteil des Ortspriesters zurückgedrängt wurde, dem aller Einfluß auf das neue und wesentliche Lourdes entzogen blieb. Einst, vor den Zeiten der Grotte, da war er der unbeschränkte König seines Sprengels. Wenn die Leute ihn tief grüßten, so entrichteten sie einen Tribut. Jetzt hingegen fühlte er sich als entthronter König. Wer ihn grüßte, der grüßte ihn eben nur. Das Bitterste aber war, daß er diese große Niederlage nach seiner eigenen, nicht ganz gerechten Überzeugung einem listigen Schleicher verdankte, der Schlange, die er an seinem Busen genährt hatte. Père Sempet, ein Ordenspriester, hatte die längste Zeit unter ihm als dritter Kaplan gedient, und er, Peyramale, hatte diesen Sempet stets seinen beiden andern Mitarbeitern vorgezogen, dem Abbé Pomian mit der scharfen Zunge und dem harmlosen Abbé Pènes. Weiß Gott, Sempet schien noch harmloser zu sein als Pènes. Während aber der dritte Kaplan vor ihm dienerte und buckelte, hatte dieser mönchische Leisetreter mit atemberaubender Schlauheit und Energie die ganze Macht an sich gerissen, Stück um Stück. Und jetzt ist er Kurator der Grotte und der größte Mann von Lourdes, und nicht minder ist er die fixe Idee und die Gedankengeißel des alten Dechanten.

Während Marie Dominique Peyramale, seine abgebrauchte Reisetasche in der Hand, soeben den Bahnhof von Nevers verläßt, erinnert er sich an eine Einflüsterung Sempets, der sich über Bernadette mehr und länger lustig gemacht hatte als Pomian und Pènes und alle anderen: »Wissen Sie, Herr Dechant, was diese famose Heilige tut, wenn sie aus der Verzückung erwacht? Sie beginnt unverzüglich sich die Läuse aus dem Haarpelz zu kratzen.« – Peyramale ist geneigt, das unrühmliche Ende seiner Laufbahn als gerechte Strafe anzusehn, hat er sich doch als ungläubiger Thomas benommen, und das noch im letzten großen Gespräch, welches er mit Bernadette führte, zur Adventszeit '63. Doch, o unbegreifliche Vorsehung, denkt er, dieser vertrackte Sempet, der noch viel ungläubiger war als ich, ist durch sie erhöht worden.

Der Riese, der mit seinem Koffer durch die Straßen von Nevers stapft, ist mächtig erregt. Das nahe Wiedersehen mit jener, welche er mit dem Besen aus dem Tempel kehren wollte, bedrängt sein Herz. Bernadette Soubirous war das gnadenreichste Ereignis seines Lebens. Er war ein blinder, stupider Esel, gegen alles Verdienst gewürdigt, an der Wiege des großen, modernen Wunders zu stehen. An ihn hatte die Dame die Forderung gerichtet, eine Kapelle zu bauen und Prozessionen abzuhalten. Zum Danke dafür hatte er sie mit blödsinnigen Gegenforderungen um Geld und blühende Heckenrosen verulkt. Ganz recht hatte sie gehabt, ihm seine Pläne zu streichen und die Prozessionen andern zu überlassen. Aber wie steht's mit Sempet? Warum duldet sie Sempet? Der Kerl scheint halt zu geschickt zu sein. Er hat sich niemals wirklich exponiert. Peyramale war oft schon nahe daran gewesen, zu Bernadette zu fahren. Der Gedanke aber, ihr möchte sein Anblick nicht erwünscht sein, hatte ihn immer davon zurückgehalten und vor Jahren ihm den Gedanken mit dem Muttergottesbildchen eingegeben. Von ihrer Krankheit hörte man schon sehr lange Zeit. Genaue Berichte aber waren nie zu erlangen, auch in Nevers nicht. Erst die sonderbaren Worte »Cher Monsieur le Curé, ich denke an Sie. Ihre Bernadette« hatten den Pfarrer so sehr erschüttert, daß er sich alsogleich zu der langen Reise entschloß. Schon war die Fahrkarte gekauft, als lästige Ereignisse eintraten, die ihn zwangen, die Abreise für einige Zeit zu verschieben. Während er aber diese störenden Geschäfte abwickelte, erfüllte ihn zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ein tiefes Unbehagen, eine innerste Unruhe, die sich oft bis zu einem dumpfen Schuldgefühl steigerte. Er konnte sich des Bewußtseins nicht erwehren, von Bernadette Soubirous als ihr alter Beschützer angerufen zu sein. Nachdem er endlich all seine Pflichten erfüllt hatte, war die heilige Karwoche angebrochen. Daß ein Pfarrer seine Herde vor den größten Feiertagen des Jahres im Stiche läßt, ist wahrhaftig mehr als ungewöhnlich. Peyramale tat's. »Und was, wenn ich nicht mehr da wäre?« sagt er zu seinem Stellvertreter, der den Dienst übernahm. »Ich bin ein alter, kranker Mensch und lebe doch nur mehr aus Versehen, weil unser nachsichtiger Herrgott ein Auge zudrückt.«

Mutter Josephine Imbert empfängt den Pfarrer von Lourdes mit Freundlichkeit und Ehrerbietung. Das violette Kollar des Domherrn beweist, daß der Entthronte dennoch mit allerlei Würden bedacht worden ist und Anspruch auf den Titel Monseigneur besitzt. Die Oberin trägt ihm sofort die Gastfreundschaft ihres Hauses an. Was Sœur Marie Bernarde anbelangt, so sei es unbegreiflich, daß sie noch lebe, habe doch die Krankheit, nach dem Urteil der Ärzte, längst ihren armen Körper aufgezehrt. Nur noch die unglaublich starke und hartnäckige Seele des ärmsten Kindes friste das irdische Leben weiter. Vielleicht liege es im höheren Ratschluß, daß die Bevorzugte der Mutter Gottes noch die Passionswoche dieses Jahres zu durchleben habe. Doktor Saint Cyr jedoch hat schon vor drei Tagen die Überzeugung ausgesprochen, daß der Tod der Seherin von Lourdes nur mehr eine Frage von Stunden sein könne. Schmerzen aber leide Marie Bernarde seit gestern keine mehr. Monseigneur Lelonge, der Bischof, habe angeordnet, daß kein Besuch bei der Sterbenden ohne seine ausdrückliche Bewilligung vorgelassen werden dürfe. Sie, Mutter Imbert, fürchte, daß man auch bei dem hochwürdigen Herrn Pfarrer von Lourdes keine Ausnahme von dieser Regel machen könne. Es werde aber sofort in der bischöflichen Kanzlei angefragt werden. Indessen möge es sich der Herr Kanonikus möglichst bequem machen und von den Strapazen der Reise bei einem Imbiß sich erholen.

Peyramale will schon wegen der Anfrage beim Bischof zornig werden, beherrscht sich aber und sagt mit seiner noch immer rauh verschleierten Stimme:

»Bernadette Soubirous ist ein Kind meiner Pfarrgemeinde. Die Vorsehung hatte sie lange Jahre unter meinen schwachen Schutz gestellt ...«

»Wer wüßte das nicht, Monseigneur«, lächelt die Oberin mit einer Kopfneigung. »Wenn man sich auch in unserem Hause auf höhere Anordnung hin nicht viel mit jenen großen Ereignissen beschäftigen durfte, so sind sie uns doch alle in ihren Einzelheiten wohlbekannt ...«

Am frühen Nachmittag holen Mère Vauzous und Sœur Nathalie den Pfarrer von Lourdes ab, um ihn in die Infirmerie zu führen. Das Herz des alten Mannes klopft.

»Wird sie mich erkennen?« fragt er.

»Oh, sie ist so klar und so ruhig wie noch nie«, erwidert Nathalie, ohne ihre Tränen zu verbergen.

Ein recht geräumiges Krankenzimmer mit zwei hohen Fenstern und drei Betten, alle drei von einem spitz zulaufenden Schleierhimmel verhängt. Zwei dieser Betten sind leer. Bernadette liegt im dritten, das in der rechten Ecke des Raumes steht. An der Gegenwand eine schmale Kommode mit einer Madonnenstatue drauf, doch nicht die von Fabich. Darüber ein Kruzifix. Das ist alles, bis auf einen Lehnsessel und ein paar sehr kleine Holzstühle ringsum. Marie Dominique Peyramale geht mit schwerem Schritt, der höchst unangenehm in sein Ohr knarrt, auf das Bett in der rechten Ecke zu. Er sieht vor sich nicht eine Nonne von fünfunddreißig Jahren, sondern ein sehr junges Mädchen mit einem ganz schmalen Alabastergesicht. Die Flügel der unsäglich fein geschwungenen Nase zucken. Der Kindermund hat ein wenig Farbe. Die ziemlich hohe Stirn ist halb verdeckt von einer Kompresse. Die großen, dunklen Augen sind aufmerksam und apathisch zugleich. Es sind die Augen Bernadette Soubirous'. Der Dechant, ein Siebziger bald, errötet vor Verlegenheit. Er räuspert sich und sagt nach einer Weile:

»Da bin ich nun gekommen ...«

Man schiebt ihm eines der Zwergstühlchen hin. Mit großer Vorsicht läßt sich der Riese drauf nieder. Er hat berechtigte Angst, der Sitz werde unter seinem Gewicht zusammenbrechen. Auf der Bettdecke liegen zwei kleine, vergilbte Elfenbeinhände, die den Versuch machen, sich dem Gaste hinzustrecken. Der Versuch glückt nicht. Höchst behutsam ergreift der Pfarrer von Lourdes mit seiner gewaltigen Hand eines dieser ohnmächtigen Miniaturhändchen und haucht einen ehrfürchtigen Kuß darauf. Es vergehen zwei volle Minuten, ehe Bernadette eine ganz leise Stimme erhebt, die aber merkwürdig deutlich und hell in den Raum klingt:

»Monsieur le Curé, ich habe Sie nicht angelogen ...«

Peyramale zwingt ein Aufschluchzen nieder:

»Weiß Gott, ma Sœur, Sie haben mich nicht angelogen«, flüstert er. »Aber ich, nur ich war Ihrer nicht würdig.«

Ein Nachklang von Angst fliegt über das Mädchengesicht:

»Man fragt mich immer wieder, immer wieder ...«

Und dann, nach einer harrenden Pause, bekennt Bernadette mit einem zitternden Atemzug:

»Ich habe sie gesehen. Ja, ich habe sie gesehen ...«

Der Dechant weiß nicht, wie und warum ihm plötzlich das alte Du wieder auf die Lippen kommt, als wären nicht zwei Jahrzehnte vergangen, und vor ihm läge nicht die Nonne Marie Bernarde, das erhabene Siegel der Vollendung auf dem Antlitz, sondern die kleine Bernadette Soubirous, dieses Geschöpfchen, quellklar, und man kennt sich doch nicht aus in ihm. Peyramale bringt seinen schweren, müden Kopf näher an die Sterbende:

»Ja, du hast sie gesehen, o mein Kind«, nickt er, »und du wirst sie wieder sehen ...«

In die großen Augen tritt ein verdunkelndes Nachdenken. Das Nachdenken zieht Erinnerungen ins Licht. Dort sitzt der Pfarrer in seinem Studierzimmer am Kamin. Und ich bin auch da und mein Capulet hab ich um, weil's recht kalt ist. Und ich will doch Dienstmädchen werden bei Madame Millet. Und er fragt, ob die Dame keinen besseren Posten weiß für mich ...

Da aber dringt's mit einem Seufzer über Bernadettens Lippen:

»O nein, Monsieur le Curé, es ist gar nicht sicher, daß mich die Dame zu ihrem Dienstmädel nehmen wird ...«

Endlich gelingt dem Dechanten der leichte, freie Ton, um den er von Anfang an kämpft:

»Wenn etwas sicher ist, mein Kindchen«, sagt er, »so ist es das. Es ist das mindeste, was die Dame für dich tun wird ...«

In die Augen des Mädchens tritt ein winziger Schimmer von Schelmerei, ja von Spott. Alle Menschen sind so lieb und mild jetzt. Meinen sie's aber auch aufrichtig oder flunkern sie nur aus Mitleid?

»Nein, ich bin gar nicht sicher, gar nicht sicher, o nein«, sagt die helle Stimme, unbestechlich wie eh und je. »Ich hab doch nichts andres leisten können als krank sein. Und vielleicht hab ich nicht genug Schmerzen gehabt ...«

Diesmal wird Peyramale mit dem Aufschluchzen nicht fertig:

»Du hast für alle Himmel genug Schmerzen gehabt, mein Kindchen, glaub mir's ...«

Es geschieht jetzt, daß so etwas wie ein halbfertiges Lächeln über das unbewegliche Mädchengesicht dahinhuscht. Und auf einmal spricht die helle Stimme nicht mehr Französisch wie bisher, sondern das grobe Patois ihrer Kindheit und Heimat:

»Ach wo, Herr Dechant«, sagt die kleine Soubirous aus der Rue des Petites Fossées. »Ich kenne die Kranken sehr gut. Wir übertreiben alle ein bißchen. Unsere Schmerzen sind gar nicht so schlimm ...«

Und stockend, nach einem heftigen Kampf um Atem:

»Ich glaub, ich hab viel weniger Schmerzen gehabt als Freuden ... damals ... damals ...«

Es ist zu viel. Das Alabastergesicht verzerrt sich. Die Augen treten vor. Doktor Saint Cyr, im Hintergrund des Zimmers, macht ein Zeichen. Sehr schwer erhebt sich Peyramale vom Sesselchen. Seine ländlichen Pfarrerschuhe knarren.

Es ist der sechzehnte April. Es ist Mittwoch. Ein heller, freundlicher Mittwoch. Morgen kommt Gründonnerstag mit seiner gewaltigen Liturgie. In dieser Zeit sind die Schwestern von Sainte Gildarde äußerst beschäftigt. Gegen Mittag kehrt die Assistentin Nathalie von einem Dienstgang heim. Im Torgang des Klosters hält sie etwas fest. Es ist ein sonderbarer Zwang, der sie hindert, weiterzugehen. Marie Bernarde, denkt Nathalie. Ohne sich zu besinnen, eilt sie in die Infirmerie, die zum Komplex der Konventsgebäude gehört. Die Pflegeschwestern haben Bernadette in den Lehnstuhl gehoben. Sie hat im Bett nicht länger atmen können. Jetzt hängt sie schief im Stuhl mit entsetzensvoll aufgerissenen Augen und schreit Nathalie entgegen:

»Ma Sœur ... j'ai peur ... j'ai peur ... ma Sœur ...«

Nathalie kniet zu ihr nieder, ergreift ihre Hände:

»Warum haben Sie Furcht, wovor haben Sie Furcht, meine Freundin?«

Die Brust der Kranken hebt und senkt sich mühevoll. Sie kann nur abgerissen stammeln:

»Ich hab so viel Gnade gehabt ... Ich muß sie einholen ... Ich kann's nicht ...«

»Denken Sie doch an unsern süßen Heiland, ma Sœur«, rät Nathalie und kämpft mit Macht gegen einen Weinkrampf an. Bernadette kann aber immer nur ein und dasselbe denken, an die Gnade ihres Lebens, der sie sich nicht gewachsen fühlt.

»Ich habe Furcht«, stöhnt sie immer wieder. »J'ai peur ... j'ai peur, ma Sœur ...«

Nathalie sucht nach beruhigenden Mitteln, findet nichts. Endlich legt sie ihre Hände Bernadette auf den Kopf, um ihr zu helfen:

»Sie haben wieder große Schmerzen«, flüstert sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Nicht genug ... nicht genug ...« keucht Bernadette.

Nathalie beugt sich tief zu ihr hinab:

»Wir alle werden Ihnen helfen, liebste Marie Bernarde ... Wir werden recht, recht fleißig für Sie beten die ganze Zeit, jetzt und später ...«

»O bitte, ma Sœur, tun Sie's ja sicher«, fleht Bernadette kindlich.

Sœur Nathalie läßt Mutter Imbert verständigen, daß es sehr schlecht gehe. Doktor Saint Cyr und Abbé Fèbvre mögen sofort gerufen werden – Bernadette wird noch einige Minuten von Qualen hin und her geschüttelt. Plötzlich aber kann sie wieder tief aufatmen und fragt mit nüchterner Stimme wie einer, der sich nach der Uhr erkundigt:

»Was für einen Tag haben wir heute?«

»Es ist Mittwoch der Karwoche, ma Sœur«, erwidert Nathalie.

»Dann ist ja morgen Donnerstag«, staunt Bernadette.

»Ja, morgen ist Donnerstag, und was für ein großer Donnerstag!«

»Und was für ein großer Donnerstag«, wiederholt Bernadette, und das Glück des Ziels beginnt aus den großen Augen zu leuchten. Nathalie versteht nichts von diesem Glück. Sie denkt nicht daran, daß der elfte Februar ein Donnerstag war, als die Soubirous-Mädchen Holz suchen gingen und Bernadette am Savy-Bach saß, einen Strumpf am Fuß, den andern in der Hand, und sich die Augen rieb, ob sie träume oder wache. Und ein Donnerstag war's, als die Dame sprach: Gehn Sie zur Quelle, trinken und sich waschen. Und ein Donnerstag war's, als die Dame ihren Namen nannte. Der Donnerstag ist der Tag der Dame. Der Donnerstag ist der Tag der großen Geschenke. Und morgen ist wieder Donnerstag ...

»Ich habe keine Furcht mehr, ma Sœur, ich werde jetzt ruhig sein«, sagt Bernadette wie ein schuldbewußtes Kind, das einer ungeduldigen Wärterin Artigkeit verspricht.

Knapp nachher kippt sie im Lehnstuhl zur Seite. Man trägt sie aufs Bett. Man hält sie für tot. Doch der Atem kommt wieder, in schweren, kurzen Stößen. Das Krankenzimmer füllt sich. Der Arzt und der Kaplan walten ihres Amtes. Mère Imbert, Mère Vauzous und die andern Nonnen knien. Mère Marie Thérèse bietet selbst den Anblick einer Sterbenden. Nahe bei der Tür steht Marie Dominique Peyramale, viel zu groß, viel zu wuchtig für dieses Zimmer und diesen zarten Tod. Seine Hände sind inbrünstig gefaltet.

Bernadette hat wieder ihre Augen aufgetan. Sie versteht alles. Mit einer erstaunlichen Kraft, die man schon seit Tagen nicht mehr an ihr bemerkt hat, schlägt sie auf einmal eines der leuchtenden Kreuze übers ganze Gesicht, das die Erscheinung sie gelehrt hat. Die Gebete für die Agonie beginnen. Abbé Fèbvre stimmt das Hohelied Salomonis an, die Worte, mit denen die Mädchenseele den Bräutigam begrüßt:

»Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft. Tue mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme! Denn mein Haupt ist voll des Taus und meine Locken voller Nachttropfen ...«

Bernadettens Augen sind sonderbar funkelnd ins Leere gerichtet. Man meint, ihre Blicke suchen das Kruzifix an der Wand. Man legt's ihr auf die Brust. Sie preßt es leidenschaftlich an sich. Ihre Augen aber durchdringen weiter die Ferne. Auf einmal durchzuckt es ihren Leib. Eine neue Kraft scheint sie hochzuheben. Und aus ihrer Brust dringt mit einer sehr vollen, vibrierenden Frauenstimme lang nachhallend das Bekenntnis:

»J'aime ... Ich liebe!«

Das tiefe, vibrierende »J'aime« schwebt im Raum wie der Anschlag einer Glocke. Es ist so groß, daß die Gebete aussetzen, daß alles schweigt im Zimmer. Nur Marie Thérèse Vauzous rutscht mit kreuzhaft ausgespannten Armen zum Sterbebette, um näher zu sein der Begnadeten. Ihr Gesicht ist zerrissen von Schmerz. Wenige Menschen haben die Meisterin jemals weinen gesehn. Sie aber glaubt jetzt: die Dame ist im Zimmer. Die Allerseligste, Allerlieblichste ist persönlich gekommen, ihr Kind zu empfangen und hinüberzuführen. Unter vier Augen, in der gewaltigen Einsamkeit des Sterbens, habe die Entbehrende der Wiederkehrenden zugerufen: »Ich liebe! Ich liebe dich!« Nun ist auch sie, die Nonne Vauzous, die widerwillige Zweiflerin, so glaubt sie, gewürdigt, Zeugin zu sein der Erscheinung. Blick herab auf mich Verstoßene, Verhärtete, die voll Neides war in ihrer Gnadenlosigkeit! Schluchzende Laute dringen aus der Brust von Marie Thérèse. Mit brechender Stimme beginnt sie, das Ave zu beten. Bernadette aber sieht ihre alte Lehrerin mit einem aufmerksamen Blick an, der sich um Gehorsam bemüht. Sie weiß, man fordert von ihr, daß sie das Gebet nachspreche. Den Rest des Atems aber hat sie für den großen Ruf ihrer Liebe aufgebraucht. Bernadettens Lippen bewegen sich fleißig. Beim zweiten Teil des Aves gelingt es ihr, nachzumurmeln:

»Jetzt und in der Stunde ...«

Weiter kommt sie nicht.

Im allgemeinen verlöscht der Tod ein menschliches Gesicht mit einem jähen Handgriff. Das Gesicht Bernadette Soubirous' aber erleuchtet er mit einem jähen Handgriff. Genau in dem Augenblick, da der letzte Atemzug vollendet ist, bekommt sie das Antlitz ihrer Verzückungen wieder, als sie durch alle Gesichter und Gegenstände der Welt hindurch der Dame verbunden blieb, die sie schaute. Und vor diesem Antlitz fühlen alle dasselbe, was einst Antoine Nicolau fühlte und in die Worte kleidete: Gar nicht anrühren dürfte man solch ein Geschöpf.

J'aime! Aus Marie Dominique Peyramales Gehör schwindet das Liebesbekenntnis nicht. Er kniet noch immer regungslos in der Nähe der Tür. Man hat die Fenster aufgestoßen. Schattenhaft knien die betenden Nonnen um das Bett. Andre bewegen sich schattenhaft und haben die Leiche mit Habit und Haube bekleidet und lange, dicke Kerzen herbeigebracht und in die Leuchter gestellt und entzündet. Nicht viel von dieser huschenden Tätigkeit bemerkt der Kniende, den man ehrerbietig seiner Andacht überläßt. Nur manchmal wendet er den Blick zum Fenster, in welchem der Frühlingsschein sich silbrig verdünnt. Ein paar blühende Obstbäume des Gartens kann er sehn und Wolken, ziehende Wolken. Das ganze Leben wird Peyramale so unbeschreiblich leicht, bis in das massige Gewicht des eigenen Körpers hinein. Er fühlt es gar nicht, daß er noch immer auf seinen alten, rheumatischen Knien liegt. Erst nach und nach beginnt er zu ahnen, welch hohe Erquickung ihm durch diesen Tod zuteil geworden ist. Es hat sich alles verwandelt. Kann je noch in ihm ein Stachel, eine Bitterkeit weiterbrennen? Silbrig ist das Licht des Tages. Golden ist das Licht der Kerzen. Und Tageslicht und Kerzenlicht umschmeicheln das Antlitz Bernadettens in seiner bleibenden Entrücktheit. Peyramale kann sich nicht losreißen von diesem Antlitz, und verwundert hört er sich selbst flüstern:

»Dein Leben beginnt, o Bernadette.«

Diese Worte aber sagen nicht nur: Du bist jetzt im Himmel, o Bernadette. Sie sagen: Du bist jetzt im Himmel und auf der Erde, o Bernadette. Deine Augen haben mehr gesehen als die unsern. In deinem Herzen war mehr Liebe, als unsre harten Herzen es je fassen könnten. Deshalb bist du nicht nur wirksam und gegenwärtig, täglich, ja stündlich, in der Quelle von Massabielle, sondern in jedem dieser blühenden Bäume draußen. Dein Leben beginnt, o Bernadette.

Erstaunlich leicht richtet sich der riesige Peyramale auf, nimmt mit einem letzten Blick und Kreuz Abschied von Bernadette Soubirous und geht.

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