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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Sechsundvierzig. Die Hölle des Fleisches

An demselben Tage, an dem der alte Dechant Peyramale endlich nach Nevers reisen kann, kommt ein Fremder in Lourdes an. Es ist Hyacinthe de Lafite, der Schriftsteller, der seit jenem Frühling vor einundzwanzig Jahren den Boden dieser Stadt nicht mehr betreten hat. Es sind zwei offenbare und ein verborgener Grund, die Herrn de Lafite zu dieser Reise bewogen haben. Einer seiner Neffen, der ihn in Paris besuchte, hat ihn auf das dringendste eingeladen, einige Wochen vor der Osterzeit in seiner Villa bei Lourdes zu verbringen. Die Lafites besitzen längst nicht mehr das alte Herrenhaus auf der Chalet-Insel. Es ist, wie letztere selbst, vom Bistum Tarbes aufgekauft und der Regulierung des Gave und den neuen Anlagen zum Opfer gefallen. Verschiedene Mitglieder dieser Familie haben sich in der schönen Umgebung behagliche Sommerhäuser gebaut, die weitab liegen vom Kranken- und Pilgergetriebe dieses seltsamen Orts.

Hyacinthe de Lafite ist noch immer derselbe arme und unberühmte Mann, der er vor dreimal sieben Jahren gewesen. Sein jugendliches Streben, den klassischen Alexandriner zu neuem Leben zu erwecken und der romantischen Seele damit einen marmornen Leib zu schenken, ist kläglich verworfen und überholt. Kein Mensch denkt mehr an Alexandriner, an Klassik oder Romantik. Die Literatur hat atemlose Mühe, die Entwicklung der Menschheit realistisch einzuholen. Man beschreibt das Leben der Lokomotivführer, Schiffsheizer, Fabrikarbeiter und Bergleute in den Kohlenminen. Man hat sich aufs Kleine und Unscheinbare geworfen. Man entblättert die geschlechtlichen Seelennöte kleinstädtischer Bürgersfrauen und die Gefühlsverwirrungen von Handlungskommis. Die edle französische Sprache treibt sich, zu Lafites Mißvergnügen, in Markthallen, Kaufhäusern und Kaschemmen der Vorstädte herum, liebedienerisch bemüht, die ordinärste Schwebung des Argots einzufangen. Und diese ganze Trivialität ist in die altüblich fade Metaphysik des Fortschritts und der Wissenschaft getaucht. Kein Wunder, daß in solchen Zeitläufen ein höchst seltsames Werk wie »Die Gründung von Tarbes« nicht einmal vollendet werden, geschweige denn zur Geltung kommen konnte.

Wer von einem längst verschollenen Lobwort Victor Hugos und ansonsten von gelegentlichen Zeitungsartikeln lebt, kann es sich nicht leisten, prächtige Einladungen auszuschlagen, die ihn für Wochen versorgen. Als zweiter Grund kommt hinzu, daß Lafite vor einiger Zeit einen alten Bekannten aus Lourdes wiedergesehen hat. Es ist Jean Baptiste Estrade, der längst schon zum Direktor des Steueramtes in Bordeaux aufgestiegen ist. Herr Estrade pflegt alljährlich seinen Urlaub in Lourdes zu verbringen, und zwar just in den Frühlingswochen um Ostern. Er hat mit solch eindringlicher Herzlichkeit den Wunsch kundgetan, seinen ehemaligen Gefährten aus dem Café Français in der so völlig verwandelten Wunderstadt umherzuführen, daß dieser sich zu einem Versprechen hinreißen ließ.

Der dritte, geheime Grund aber bleibt selbst dem verborgen, der ihn hat. Hyacinthe de Lafite fühlt sich krank, nein, er weiß sich todeskrank. Das Übel steckt im Kehlkopf, wo sich schon mehrfach Geschwülste gebildet haben, die freilich wieder zurückgegangen sind. Auf die scharfe Frage des Patienten, ob dies »Krebs« sein könne, hat ein Arzt diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen. Seiner schwermütigen Natur gemäß, nimmt der Literat Lafite diese Möglichkeit für absolute Sicherheit. Er hält sich für einen verlorenen Mann. Er glaubt nicht mehr, daß ihm irgend etwas helfen könne, weder die Wissenschaft noch das Wunder von Lourdes. Sein stolzes Bewußtsein verwirft eins und das andre. Lourdes aber ist immerhin eine Heilstätte, von der nicht nur die klerikalen Zeitungen behaupten, daß sie hundertfach erprobt sei. Ein nüchterner Mann wie Estrade rühmt sich, Augenzeuge einiger Blitzheilungen gewesen zu sein. Seit dem Gespräch mit dem Steuerdirektor arbeitet in Lafite eine dunkle Unruhe, die er nicht versteht. Auf der Reise denkt er: Man wird nun wieder einige Zeit in dem alten Pyrenäennest leben und Erinnerungen auffrischen. Weiter nichts.

Hyacinthe de Lafite ist neunundfünfzig. Die Bekannten, die ihn wiedersehen, finden im stillen, er sei weit über seine Jahre hinaus gealtert. Sie finden aber auch, daß der schöne weißhaarige Kopf des Schriftstellers mit den scharf abgeeckten Schläfen und den bleichen, eingefallenen Wangen noch eindrucksvoller sei als früher und zweifellos auf Genie hindeute. Von diesen Bekannten ist so mancher gestorben, darunter der Schulmann Clarens, der gegnerische Partner geistvoller Debatten, und der alte, ruhmbedeckte Lacadé, der stets gegen den Dichter voll herablassender Jovialität war. In seiner Todesstunde hat Lacadé die allerkühnsten Kurortträume weit übertroffen gefunden.

Zwischen Estrade und Doktor Dozous geht Lafite den Boulevard de la Grotte hinab, die neue Hauptstraße, die über den vor einigen Jahren gebauten Pont Michel zum Weihbezirke führt. Es ist ein strahlender Sonnentag. Lafite blinzelt ziemlich fassungslos die Verwandlung an, die das alte Felsennest erfahren hat. Hotel reiht sich an Hotel. Doch nicht zeigen diese Bauten jene klösterliche Einfachheit, Ruhe und Würde, die dem Ernst des Ortes entspräche. Nein, es prangt da ein Hexensabbat von stukkaturbeladenen Fassaden, von Ausgeburten einer giftigen Architektur, die unter heiligen Aufschriften ihre Fratze nur schlecht verbirgt. Wenn man sich umblickt, könnte man denken, man sei in einem ganz billigen Badeort oder im Vergnügungsbezirk einer Hafenstadt, nicht aber im Lourdes der Mirakel. Überall herrscht der Geschmack des kleinen Kurkasinos, des provinziellen Varietétheaters und Hippodroms. Mit Schreck sieht Lafite im Erdgeschoß der Häuser in endloser Folge die Gewölbe der Weihwarenhändler. Der heilige Krimskrams, der dort ausgeboten wird, verschlägt ihm den Atem. Schon Meister Fabich aus Lyon gelang es vor beträchtlichen Jahren, den echten karrarischen Marmor, aus dem er die Dame meißelte, in Margarine zu verwandeln. In Tausenden von Exemplaren steht nun der grelle Gips dieses Bildwerks, von dem sich Bernadette mit Grauen wandte, allenthalben zu Gebote, verschärft noch durch das töricht schreiende Himmelblau des Gürtels. Ringsum ist ein Babylon der religiösen Konfektion aufgestapelt. Bernadette spielt darin eine Hauptrolle. In ihrem weißen Capulet kniet sie, eine Syrupmadonna anbetend, nicht nur auf Öldrucken, Lithographien, Bilderbögen, sondern auch auf Decken, Tüchern, Stickereien und in voller Plastik sogar auf Briefbeschwerern und Tischaufsätzen. Hyacinthe de Lafite muß seiner Empörung Luft machen.

»Da hat sich vor zwanzig Jahren ein wunderschönes Märchen abgespielt. Ein unschuldiges Kind sah die Jungfrau und beschrieb sein Erlebnis in der leibhaftigsten und unverbrauchtesten Art. Da aber kommt diese infame Zeit und Menschheit und würdigt das originelle Märchen auf das schmutzige Niveau ihrer eigenen Konvention herab. Und die Kirche patronisiert diesen Greuel ...«

»Was das abscheuliche Zeug da anbelangt, haben Sie wohl recht«, sagt Estrade. »Aber vielleicht ist die Kirche, die es duldet, weiser, als wir denken. Die starken Geister haben sich von ihr abgewandt, und übriggeblieben ist neben einer sterilen Aristokratie nur das einfache Landvolk. Die Kirche läßt den Jahrmarktsgeschmack dieses Volkes gewähren, das einen andern nicht verstehen würde. Oder glauben Sie vielleicht, daß die Kirche ihre Heiligenbilder von irgendeinem Bürgerschreck moderner Kunstausstellungen malen lassen sollte?«

»Ich widerspreche Ihnen leidenschaftlich, lieber Estrade«, ereifert sich der Schriftsteller. »Als die Kirche noch etwas wert war, stand an ihrer Seite die höchste Kunst. Denn nichts Menschliches auf dieser Erde ist heiliger als die Schönheit, die in der höchsten Kunst sich inkarniert. Eine Kirche ist daher in meinen Augen nicht mehr heilig, die der Schönheit abschwört, weil sie den Geschmack der Troglodyten entweder teilt oder nicht verletzen will ...«

»Könnte man Ihren Satz nicht auch umdrehen, mein Freund?« lächelt Estrade. »Als die Kunst noch etwas wert war, stand ihr die Kirche zur Seite ...«

Doktor Dozous, der stumm neben den beiden einhergegangen ist, weist auf ein großes Gebäude jenseits der Brücke:

»Wir werden jetzt das Ernsteste sehen, was es auf der Welt gibt«, sagt er.

Unter Führung des alten Arztes durchschreitet man den Vorhof des Hospitals »Zu den Sieben Schmerzen«. Hier warten in dichten Reihen die rikschaartigen Karren, in denen die Kranken zur Grotte, zum Quellbad in den Piscinen und zur Basilika geschoben werden von ihren Wärtern, die Brancardiers heißen. Dann treten die Herren durch den Flur des Mitteltrakts in einen schier endlosen Saal, wo lange Tische aufgestellt sind, an denen sich soeben Hunderte von Menschen zur Mahlzeit niederlassen. Es herrscht eine gute Ordnung hier, als würde jeder einzelne dieser Leidenden um seiner Zuversicht willen die klaglose Abwicklung der täglichen Notwendigkeit bewußt fördern. In einem langen Gänsemarsch gehen die bedienenden Schwestern zwischen den engbesetzten Tafeln und füllen die Teller mit Suppe und die Gläser mit dunkelrotem Wein. Die Leute scheinen gar nicht betrübt zu sein, sondern merkwürdig angeregt. Sie schwätzen und lachen. Vielleicht erzählen sie einander Geschichten vom alltäglichen Kriegsschauplatz des Wunders. Denn in Lourdes ist das Wunder der Alltag.

»Es sind die Schmerzlosen«, sagt Dozous leise zu Lafite. »Wir befinden uns hier gewissermaßen im ersten Kreis dieses höchst dantesken Hauses. Es ist der Kreis der Lahmen und der Blinden ...«

Als der kurzsichtige Lafite ein schärferes Bild von der Menge gewinnt, sieht er, daß hier wirklich fast nur Krüppel und Blinde versammelt sind. Man humpelt an Krücken und Stöcken zu Tisch, verkrümmte Gliedmaßen hängen schlaff herab. Das opalene Zwinkerlächeln der Lichtberaubten grinst ins Leere. Lafite kämpft seine Beklemmung nieder:

»Und wie viele von diesen Unglücklichen werden geheilt?« fragt er den Arzt.

»Im Laufe der Jahrzehnte sind schon sehr viele geheilt worden. Dennoch aber gehören die unwiderleglich übernatürlichen Heilungen zu den Seltenheiten. Sie müssen eigens von dem ärztlichen Konstatierungsbüro bearbeitet und bestätigt werden. Und Sie können sicher sein, mein Freund, daß die Skepsis von uns Ärzten nicht um einen Grad widerstandsloser geworden ist. Erleichterungen freilich und Besserungen schwerer organischer Gebrechen finden häufig statt. Sehen Sie sich diese Leute an! Wenn dann einmal nur ein einziger unter Hunderten und Tausenden durch das echte Mirakel plötzlich sehend wird oder den Gebrauch seiner Beine wiederbekommt, so wird die Seele aller andern mitgerissen. Eine Hoffnung steigert sich, für die es keinen Begriff gibt. Ist es dieses Jahr nicht gelungen, so wird es das nächste Jahr gelingen. Verstehen Sie ...?« Dozous öffnet eine Tür: »Wir kommen nun zu den unbeweglichen Schmerzlosen ...«

Drei neue Säle. Eng aneinander geschlossene Bettreihen. Still liegen die Kranken unter ihren weißen Decken. Hier und dort zeichnet sich ein orthopädischer Apparat ab. Neben manchem der Betten sitzt ein Gatte, eine Gattin, eine Mutter oder sonst ein Verwandter. Unter den Bettstellen gewahrt man die armseligen Gepäckstücke der kleinen Leute, die Koffer zu sechs Sous. Ein steifes Schweigen herrscht, im Gegensatz zum Speisesaal. Unendlich müde scheinen diese Unbeweglichen zu sein, noch immer tief erschöpft von der langen Eisenbahnreise zur Station »Letzte Hoffnung«. Ein Teil dieser fahlen Gesichter hält die Augen versonnen in die Weite gerichtet, ein anderer Teil schläft einen sonderbar versunkenen Schlaf.

Nun aber muß Hyacinthe de Lafite sich fest in die Hand nehmen, denn man dringt ein in die inneren Kreise des Hauses. Sein ganzes Leben lang hat der Empfindsame den Anblick von Krankheit und Häßlichkeit ängstlich gemieden. Obwohl als Romantiker in seinen Schriften der Nachtseite des Lebens mit Vorliebe zugewandt, ist er ihr in Wirklichkeit stets ausgewichen. Nie hat er gewußt, daß es das gibt, was es hier gibt. Er schließt oft seine Augen. Seine Ohren kann er nicht schließen, wenn in den Zimmern der Schmerzhaften ein wellenhaft mattes Gejammer, jähe Aufschreie, kollerndes Phantasieren ihn umringt. Hier liegen »die inneren Krankheiten«, Menschen mit zerstörten Lungen, denen der Blutschaum von den Lippen gewischt werden muß, Menschen mit verkrebsten Eingeweiden, die den Kot nicht halten können. Lafite möchte schnell diesen Kreisen entkommen. Doch der unerbittliche Dozous lenkt ihn in ein Seitenzimmerchen. Dort sitzt in einer Art von verstellbar hochgeschraubtem Lehnstuhl ein etwa elfjähriger Knabe mit einem Blick in den Augen, den Lafite nicht vergessen wird. Die formlosen Beine des Knaben zeigen von den Hüften abwärts bis zu den Fußsohlen alle Sorten von Rot, die es gibt, vom hellen Lachsrot zum lackartig tiefen Rötlichbraun. Aus offenen Gangränen rinnt Blut und Eiter. Das davon durchtränkte Verbandzeug liegt aufgewickelt am Boden. Neben dem Knaben sitzt eine alte, verhutzelte Dame, die einzige, die es während der Bahnfahrt neben ihm ausgehalten hat, denn ein unerträglicher Fäulnisgestank strömt von den Beinen aus.

»Nun, wie geht es Ihnen, Monsieur?« fragt Dozous mit vollendeter Heiterkeit.

»La Sainte Vierge hat mir geholfen«, erwidert der Knabe kurzatmig. »Einige Stellen sind schon abgetrocknet. Sehen Sie doch, Monsieur ...«

»Das ist prächtig, mein Liebling. Und morgen wird sie dir wieder helfen. Und Tag für Tag, die ganze Woche, bis alles trocken ist ...«

»O ja, Monsieur, das glaub ich fest«, sagt der Junge, und in seinen Augen ist ein todesmatter, aber süßer Blick. Lafite rennt aus dem Zimmerchen. Er gerät in die Zimmer der Moribunden. Hier liegen diejenigen, die an der Schwelle der letzten Hoffnung zusammengestürzt sind. Man hat die meisten schon mit den Sterbesakramenten versehen. Priester stehen an den Betten. Mit Entsetzen fühlt Lafite seinen eigenen Tod, der ihm in der Kehle sitzt. Er prüft seine Gurgel. Vor einer Stunde hat er noch schlucken können. Jetzt spürt er einen dicken Knoten im Kehlkopf. Sein eigener Tod nährt sich von all dem Sterben ringsum. Er weiß, daß er ebenfalls zu dem langen Zug dieser Verurteilten gehört, mag er auch noch so gut den vornehmen Fremden spielen, der dieses Inferno besichtigt, als drohe es ihm selbst nicht. Er ringt nach Atem. Er fürchtet, schwach zu werden und sich vor seinen Begleitern zu blamieren ...

Der Weg geht weiter. Man betritt das Zimmer der lupuskranken Frauen. Sie sitzen auf ihren Betten, regungslos und schweigend, den Kopf mit dichten schwarzen Schleiern verhüllt, denn sie vertragen auch untereinander ihren Anblick nicht. Der Arzt fordert eine der Frauen auf, den Schleier zu lüften, Lafite und Estrade wenden sich eine Sekunde lang ab. Die Form eines Totenkopfs. Die Farbe von rohem Schinken. Augen, übermäßig funkelnd, in blutigen Löchern. Weggefressen die Nase, weggefressen die Lippen. In den offenen Nasenlöchern stecken Wattepfropfen. Die Frau hat nämlich soeben eine Tasse Kaffee getrunken, und da muß sie sich vorsehen, daß der Trank nicht in falsche Öffnungen gerät. Doktor Dozous spricht mit diesem dunkelroten Totenkopf so selbstverständlich sachlich wie mit einem normalen Wesen:

»Wir haben im Vorjahr einen weit schlimmeren Fall bei uns gehabt als Sie, Madame. Und der Patientin ist geholfen worden, vollständig geholfen. Verstehn Sie mich? ... Und nun geben Sie mir das Wort, auszuharren und keine Dummheiten mehr zu machen.«

Der dunkelrote Totenkopf bejaht eifrig.

Im Hinausgehen flüstert Dozous seinen Freunden zu:

»Sie hat gestern versucht sich umzubringen ...«

»Und ist es wahr, daß ein solches Gesicht je geheilt worden ist und je geheilt werden kann«, fragt Lafite nicht ohne Mühe.

»Es ist wahr«, erwidert der Arzt, »und Sie können die Photographien im Büro nachprüfen. Die zuletzt geheilte Lupuskranke hat es vorerst gar nicht gemerkt, daß sie plötzlich wieder eine Nase und einen Mund hatte.«

In einer der Nebenkammern steht eine kleine Frau unbeweglich im Winkel, das Gesicht zur Wand gekehrt. So steht sie den ganzen Tag. Sie erweckt den Eindruck eines traurig unartigen Kindes, das man zur Strafe in die Ecke gestellt hat und das sich nun zum Trotz abkehrt.

»Ich bin der Arzt, Madame, der Sie besucht«, grüßt Dozous. Langsam wendet sich die Frau um. Ihr Gesicht ist nicht einmal mehr so menschlich wie jener zerfressene Totenkopf von der Farbe des rohen Schinkens. Es ist ein zigarrenbraunes Gebilde von Wülsten, das von zwei Lippen beherrscht wird, die keine Lippen sind, sondern riesige violette Lappen, die, dicken Baumschwämmen gleich, nach allen Seiten wachsen. Dieses unausdenkbare Medusengesicht beginnt eifrig zu sprechen. Es klingt wie ein dumpfes Mummeln hinter Polstertüren. Dozous versteht und nickt zuvorkommend:

»Ihr Wunsch soll erfüllt werden, Madame. Man wird Sie nach Mitternacht zu den Piscinen bringen, wo Sie ganz allein sein werden und von niemandem gesehen ...« Hyacinthe de Lafite geht langsam die Treppen hinab, die Faust gegen sein Zwerchfell gepreßt. Klar kann er nicht denken jetzt. Entsetzte Fragen bäumen sich in ihm auf: Ist es die pure, wertfremde Natur, die geist- und gefühllose Göttin, die in einem beständigen Wucherungsprozeß ihre Geschöpfe nicht nur vernichtet, sondern ebenso gleichgültig zur lebendigen Verwesung durch solche Krankheiten verurteilt? Für sie sind die farbenfreudigen Flügel eines brasilianischen Schmetterlings und die farbenfreudige Zerstörung einer Lupusfratze ein und dasselbe. Schönheit und Scheußlichkeit unterscheidet sie nicht, diese Orientierungstafeln ihrer unseligsten Kreatur, des Menschen. – Oder ist es ein barbarischer Erdgott, dem Huitlipochtli der Azteken gleich, der aus solchen Schreckgesichtern und Qualgestalten perverse Opferwonnen saugt? – Oder ist es wirklich der theologische Gott der hebräischen Bibel und der christlichen Kirche, der diese absurden Krankheiten zuläßt als einen unbegreiflichen Syllogismus zwischen der uranfänglichen Schuld der beseelten, Mensch gewordenen Materie und ihrer Erlösung?

Als man endlich wieder in frischer Luft steht, sagt Doktor Dozous zu Lafite:

»Sie haben nun gesehen, mein Freund, wie tief die Hölle in unser Leben hereinreicht ...«

»Ja, Messieurs«, bekräftigt Estrade. »Und Lourdes ist auf dem Planeten der geometrische Ort, wo diese Hölle den Himmel schneidet ...«

Man geht weiter. Der Arzt nimmt Lafite unterm Arm:

»Sie haben nur einen winzigen Ausschnitt des Leidens gesehen, von dem die Welt voll ist, mehr als die Menschen ahnen. Und hierher strömt es in unaufhörlicher Wallfahrt. Morgen erwarten wir wieder fünf neue Züge mit Kranken. Und dabei, mein Lieber, es sind durchaus nicht nur die einfältig Frommen, die in Lourdes das Heil suchen, es sind nicht einmal nur Katholiken, die zu uns kommen, sondern auch Protestanten und Juden. Es sind die Verzweifelten, die keinen andern Ausweg mehr haben als diesen ...«

»Und viel öfters noch als die Krankheit wird die Verzweiflung geheilt«, sagt J. B. Estrade leise.

Doktor Dozous bleibt stehen und blickt um sich:

»Hätten wir das gedacht vor zwei Jahrzehnten«, lächelt er, »als wir im Café bei Duran saßen und über literarische und wissenschaftliche Fragen stritten? Hätten wir's gedacht, daß wie mit einem Zauberschlag dieses Lourdes entstehen würde? Und nur darum, weil eines der Elendskinder aus der verlausten Rue des Petites Fossées in der Höhle Massabielle die Allerschönste Dame sah und für sie kämpfte? Wenn es hier Wunder gibt, so ist Bernadette Soubirous das größte. Was sagen Sie dazu, Lafite, als Schriftsteller?«

Hyacinthe de Lafite, dem die Gabe des Wortes geliehen ist, sagt nichts.

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