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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
projectidb222f8e3
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Kapitel Vierundvierzig. Nicht für mich fließt diese Quelle

Dies aber sind die großen Zusammenhänge, die Marie Thérèse Vauzous in einer blitzhaften Erleuchtung sah, als sie niedersank angesichts des furchtbaren Zeichens, das Bernadette ihr enthüllte.

Die Jungfrau von Massabielle hat ein harmloses Geschöpf zum Werkzeug ausersehen und ihm als ersten Auftrag einen hartnäckig wiederholten Bußruf in den Mund gelegt, obwohl dieses Geschöpf in seiner Kindlichkeit und Einfalt diesen an die Sünder der ganzen Welt gerichteten Mahnruf gar nicht verstehen kann. Buße, Buße, Buße! Und immer wieder! Die Welt ist schmutzig. Die Welt ist krank! Beten Sie für die Sünder! Beten Sie für die kranke Welt! Wie die Buße zur Sünde in heller, so steht die Sünde zur Krankheit in dunkler Beziehung. Der Bußruf ist nur eine Vorbereitung für den eigentlichen Plan der Dame. Unter absonderlichen Umständen (Erdewürgen, Erbrechen) schürft das ahnungslos einfältige Kind die Gnadenquelle aus der Erde, die allgemach ihre Kraft zu erkennen gibt und durch unbegreifliche Heilwerke den ganzen Erdkreis mit Für und Wider in Bewegung setzt. Durch die Auffindung der Quelle ist die praktische Aufgabe des Kindes beendet, und es scheint aus dem Dienst der Dame entlassen zu sein. Die kirchliche Obrigkeit unterwirft die Phänomene einer skrupelhaften, ja beinahe widerstrebenden Prüfung, die volle vier Jahre in Anspruch nimmt. Dann erst erklärt sie sich für überzeugt und erkennt den übernatürlichen Charakter jener Phänomene an. Was aber geschieht mit Bernadette, der Mittlerin zwischen Dame und Welt? Der Bischof von Tarbes hat längst seine Verpflichtung erfaßt, diese wundersame Kreatur Gottes in die Obhut der Kirche zu nehmen. Er verpflanzt sie in einen der rühmlichsten Ordensgärten Frankreichs, damit sie dort im Verborgenen blühe und jene dem geistlichen Menschen erreichbare Vollkommenheit anstrebe, die einzig und allein der gnadenhaften Bevorzugung von einst entsprechen kann. Unter die Gärtnerinnen dieses Ordens hat aber die Vorsehung niemanden anders bestellt als die Nonne Marie Thérèse, Tochter des Generals Vauzous. Diese ist beauftragt, einen gewissen Typus heranzuziehen, wie ihn die tausendjährige Weisheit der Kirche wünscht, die den Menschen und seine Möglichkeiten so genau kennt. Unter hundert Fällen gelingt es auch fünfundneunzigmal, die verschiedenen Persönlichkeiten diesem erprobten Typus anzupassen. Wie seltsam aber, die Nonne Vauzous, nach außen die untadelige Vertreterin des Typus, leidet in ihrem unersättlich strebsamen Inneren an einem willensmächtigen Ich, das sich trotz aller Askese und Selbsterziehung nur äußerlich und scheinbar dem Durchschnitt anformt. Ihre Herkunft, ihr Blut, ihre Bildung, ihre Intelligenz, ihre Energie sind unüberwindliche Anfechtungen eines tief verborgenen Stolzes. Die unbeugsame Kraft der Persönlichkeit ist der tiefere Grund, warum die Vauzous weder mit sich noch mit Bernadette fertig werden kann. Denn auch Bernadette ist Diamant. All das bedeutet aber keine seelische Arithmetik. Es geht im dunklen Spiel der Anziehung und Abstoßung vor sich. Niemand weiß davon, nicht ihr Beichtvater und am allerwenigsten sie selbst, die Novizenmeisterin. Sie muß immer wieder Anstoß nehmen an Bernadette. Sie tat es schon in Lourdes. Damals aber hatten alle Anstoß genommen, nicht nur die weltlichen Behörden, sondern auch die Kapläne, Dechant Peyramale und der Bischof Bertrand Sévère. Bis zur endgültigen Entscheidung durch die Kommission hatten sie der Kleinen ebenso mißtraut wie sie, die Lehrerin. Zum Unglück aber ist Marie Thérèse Vauzous trotz der sonnenhellen Sprache der Tatsachen weiter dazu verurteilt, an der Bevorzugten zu zweifeln. Dagegen wehrt sie sich in stundenlangen Gebeten. Die Gebete aber scheinen nicht erhört zu werden. Immer wieder stürzt sie ein Wesenszug, ja ein unbefangenes Wörtchen Marie Bernardes in seelische Not. Mag alles bestätigt sein, sie selbst kann es in ihrer innersten Seele nicht fassen, daß diese, wie es ihr scheint, gewöhnliche, oberflächliche und insgeheim widerspenstige Natur unter allen andern Menschen auserkoren sein soll. Im unbekanntesten Dunkel ihres Gemütes blutet die schreckliche Frage: ›Warum sie und warum nicht ich?‹ Und eine noch andere, schrecklichere Frage: ›Ist mein Weg des ewigen Willenskampfes der richtige, wenn es eine andere gibt, die unbewußt durch alle Schwierigkeiten hindurch sich den Himmel ertanzen darf?‹ Viele Jahre lang gelingt's Marie Thérèse, diesen peinigenden Zwiespalt vor Marie Bernarde, vor allen andern und zumal vor dem eigenen Gewissen geheimzuhalten. Erst jener wiederholte Traum vom Höllenschlund bei Massabielle zerreißt den Nebel, der diesen Zwiespalt verbirgt. Sie, die Selbstbeherrschung in Person, ist ihrer nicht mehr mächtig und fordert von dem armen Kinde ein Zeichen seiner Begnadung. Und siehe, sie empfängt das Zeichen und versteht es in einer jähen und niederschmetternden Erleuchtung. Bernadette trägt ein Stigma. Es ist das Stigma ihrer Todeskrankheit. Durch diese Krankheit wird diejenige, die unter der Führung der Allerseligsten Jungfrau aus dem Nichts die Quelle der tausend Heilungen hervorgegraben hat, die Protagonistin aller Kranken der Welt. Gott gewährt ihr somit nach allen Wundern, die er durch sie tut, noch eine zweite Gnade, die Gnade der Passion, die Gnade der Nachahmung Christi. Der Nonne Vauzous schwindelt. Auf dem Boden liegend, preßt sie ihr trockenes Gesicht in die knochigen Hände. Nicht mit Gedanken zu fassen ist das Entsetzlich-Herrliche, das an dem Mädchen Bernadette geschieht. Zerknirschung und Ehrfurcht vor dem Mysterium bis zum Grauen preßt Marie Thérèse zu Boden. Die so schrecklich Bevorzugte hat aber ihr Knie wieder verhüllt und lächelt ein bißchen, als sei dies alles selbstverständlich und könne gar nicht anders sein.

Die Nonne Vauzous diagnostiziert richtig in ihrer Erleuchtung. Der Tumor auf Bernadettens Knie stammt nicht aus einer vorübergehenden Infektion. Er ist und bleibt das Zeichen einer Todeskrankheit. Die Knochentuberkulose ist eine der langwierigsten Todeskrankheiten und eine der schmerzhaftesten dazu. Die großen Unterbrechungen verschärfen noch die endgültige Hoffnungslosigkeit. In den anfälligen Perioden treten Nervenentzündungen als grausame Komplikationen hinzu. Die Passion des Mädchens von Lourdes währt nicht sieben Tage, sondern mehr als sieben Jahre. Sieben Jahre sind zweitausendfünfhundertfünfundfünfzig Tage.

Bernadette gibt sich der Krankheit hin, wie sie sich allem hingegeben hat, was das Leben brachte, absichtslos und bis auf den Grund. So hat sie die Wünsche der Dame erfüllt, indem sie bittere Kräuterspitzen kaute, indem sie nasse Erde schlang, indem sie sich zweimal an demselben Tage in die Löwenhöhle Peyramales wagte. So hat sie den Verhören standgehalten und der psychiatrischen Untersuchung und den törichten Ausfragereien der Neugierigen, den Beschimpfungen, Anhimmelungen und Belästigungen. So auch nimmt sie jetzt die Krankheit an in völliger Natürlichkeit, ohne ein einziges Mal mit einem Worte des Geheimnisses zu gedenken, das die Nonne Vauzous erkannt hat und das auch ihrem eigenen Herzen nicht verborgen bleibt. Sie sagt einmal zu Nathalie:

»Man hat mir halt diese Krankheit geschickt, weil man gar nichts andres mit mir anzufangen weiß ...«

In diesen lächelnden Worten steckt keine Spur von typenhafter Demut. Sie sind nicht verschieden von der Antwort, die Bernadette am ersten Tage der Oberin Imbert gab, als diese fragte, was sie könne: »Oh, pas grand' chose, Madame la Supérieure.« Diese Antwort kam nicht aus der Demut, sondern aus einer noch selteneren Tugend, aus der herbsten, der nüchternsten Selbsteinschätzung, die weder durch die Gunst des Himmels noch durch den Beifall der Welt ins Wanken gebracht werden kann. Auch in ihrer langen Krankheit spielt Bernadette keinen Augenblick lang die Heldin und starke Dulderseele. Wenn die Schmerzen zu arg werden, klagt und jammert sie und bittet um betäubende Medikamente. Die Nonne Vauzous, wäre sie jemals krank – aber sie ist es nicht –, würde im bittersten Leiden keinen Klagelaut von sich geben, sondern starr und bleich wie eine mittelalterliche Königin ihre Qualen verschweigen und aufopfern. Nicht so Bernadette. Sie denkt nicht daran, das Unabwendbare aufzuopfern. Sie schielt nach keinem Lohn. Sie hat die furchtbare Geschwulst am Knie nur deshalb so lange verheimlicht, um von ihrer Arbeit nicht abberufen zu werden. Nun aber muß sie nicht länger schweigen. Wenn sie doch so gut wie möglich die Wehelaute zurückhält, so geschieht's aus Angst, man werde sie in die Infirmerie bringen. Sie aber will daheim bleiben, nicht anders als ihre verewigte Freundin, Sœur Sophie.

Die Krankheit liegt vor Bernadette wie ein gewaltiger Berg, durch den sie mit ihren schwachen Händen sich durchgraben muß, um irgendwann ans Licht zu kommen. Sie gräbt sich durch in Hunderten von Tagen, ohne den Mut zu verlieren, mit der heiteren Unverwüstlichkeit des guten Arbeiters. Sie ist vollbeschäftigt, ohne Pause. Das Liegen wird zur Kunst, das Sitzen, jede Bewegung im Bett, das Atmen, das Einschlafen, das Erwachen. Mit derselben Ausschließlichkeit wie einst ihre Stickereien betreibt sie nun das Kranksein. Sie zeigt keine Ungeduld. Nicht ein einziges Mal wünscht sie, es möchte schon zu Ende gehn. Zu ihrer hohen Verwunderung bemerken die Nonnen, wie sehr Marie Bernarde am Leben hängt, obwohl es nichts anderes ist als marterndes Leid. Die Caries der Knochen in den Beinen, in den Schultern, erfordert dann und wann operative Eingriffe. Man muß in solchen Zeiten Bernadette in die Infirmerie überführen. Darf sie dann wieder ins Mutterhaus zurückkehren, feiert sie in all ihrer Schwäche mit Scherzen einen Freudentag.

Die alte Kraft Bernadettens, die Seelen zu verwandeln, bewährt sich jetzt in ihrer Krankheit stärker als je. Die Schwestern von Nevers kennen nun die ganze Köstlichkeit des Schatzes, der ihnen geliehen ist. Marie Bernardes Zelle wird zur Herzkammer des Hauses, ohne daß irgend etwas Besonderes geschieht. Wie eh und je, so auch jetzt, spricht das Mädchen von Lourdes niemals ein Wort, das über das Gewöhnliche und greifbar Wirkliche hinausgriffe. Aus Bernadettens Mund kommt keine Erbaulichkeit und kein mystischer Hinweis. Doch hie und da verbirgt sich in den einfachsten Antworten eine schimmernde Bedeutung, die erst viel später gefühlt wird und Sœur Nathalie, ja selbst der Mutter Imbert Tränen in die Augen treibt.

An der Spitze der Verwandelten befindet sich Marie Thérèse Vauzous. Doch wiederum ist diese Verwandlung nur ein Werk der Selbsterziehung. Nachdem Mère Vauzous besiegt ist von Bernadette, nachdem sie ihren eigenen willensstarren Weg zum Heil verworfen sieht, opfert sie ihn auf und bemüht sich um eine einfache Demut, die ihr wesensfremd ist. Vor allem aber nimmt es die Generalstochter auf sich, dem ewig-überlegenen Volkskinde zu dienen bei Tag und Nacht. Unerbittlich reißt die Herrische die ganze Pflege an sich. Oft ist daher die Oberin gezwungen, Streitigkeiten zwischen der ehemaligen Novizenmeisterin und der zweiten Assistentin Nathalie zu schlichten, welch letztere sich aus der Nähe der geliebten Marie Bernarde nicht verdrängen lassen will. Es gehört aber zur bitteren Ironie des Lebens, daß Bernadette, wenn ihre Lehrerin und Meisterin ihr mit der alten Unnachgiebigkeit gewisse Dienste leistet, sich durchaus nicht glücklich fühlt, sondern bestürzt ist und sehr beschämt über diese unpassende Umdrehung des Verhältnisses. So geschieht es, daß trotz aller Verwandlung und Aufopferung die alte Geißel ihr als neue Geißel erhalten bleibt.

Der Lauf der Krankheit bringt es mit sich, daß Bernadette schon im zweiten Jahr nicht mehr ihre Beine gebrauchen kann. Da sie aber sowohl am Chorgebet wie auch an der Mahlzeit teilnehmen will, so muß sie in die Kapelle und ins Refektorium getragen werden. Es entspinnt sich wiederum ein Kampf zwischen Marie Thérèse und Nathalie. Mutter Imbert aber hat es diesmal leicht, ihre Entscheidung zu treffen. Nathalie ist ein schwächliches Geschöpf. Mère Vauzous, groß und sehnig, hätte die Kraft, drei solcher Elfen wie Bernadette in den Armen zu tragen. Sie nimmt sie daher auch mehrmals im Tag in ihre Arme und trägt sie mit großer Behutsamkeit über die Treppen, wobei die Kranke immer recht verschüchterte Augen bekommt.

Man hat im Kreise der Schwestern oft darüber gesprochen, aber aus unbestimmten Gründen wagte es bisher keine, diesen Vorschlag ernst und offen zu machen. Bernadette geht es seit ein paar Wochen viel besser, und sie hat sogar an Gewicht zugenommen. Da wendet sich gegen Ende eines Mahles Mutter Joséphine Imbert an sie:

»Ich möchte wetten, mein teures Kind, daß Sie selbst sehr oft an dasselbe gedacht haben wie wir andern. Während Sie aber so viel litten, konnte man ja eine lange Reise nicht in Erwägung ziehn.«

»Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen, Madame la Supérieure«, sagt Bernadette vorsichtig.

Mutter Imbert zwingt sich zu einem Lächeln:

»Sollten Sie die Wohltat, die der Welt durch Sie erwiesen worden ist, nicht für sich selbst in Anspruch nehmen?«

»Was wollen Sie damit sagen, Madame la Supérieure? Ich bin ja so dumm ...«

»In Ihrem gegenwärtigen Zustand, ma Sœur, wo Sie sich so sehr erleichtert fühlen, könnte man doch ganz gut eine Reise nach Lourdes riskieren ...«

»O nein, ma Mère, das geht nicht«, erwidert Bernadette rasch und erschrocken.

»Warum sollte es nicht gehn, meine liebe Tochter?«

»Weil die Quelle nicht für mich da ist, Madame la Supérieure.«

Die Nonnen an den Tischen schweigen lange. Endlich fragt Nathalie:

»Das begreif ich nicht. Warum sollte die Quelle gerade bei Ihnen nicht wirken, ma Sœur ...?«

»Nein, nein, für mich ist die Quelle nicht da«, erklärt Bernadette hartnäckig.

»Woher wissen Sie das, mon enfant«, forscht die Vauzous, einen langen Blick auf die Kranke richtend.

»Ich weiß es eben«, nickt Bernadette.

»Hat es Ihnen die Dame gesagt?« fragt die Vauzous.

»Die Dame spricht nicht mehr zu mir.«

»Hat es Ihnen die Dame etwa zu fühlen gegeben?«

»O nein, die Dame beschäftigt sich nicht mehr damit ...«

Und sie sagt noch einmal kurz, ehe sie das Gespräch auf andere Dinge bringt: »Ich weiß es halt ...«

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