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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
projectidb222f8e3
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Kapitel Zwei. Massabielle, ein verrufener Ort

Die Rue des Petites Fossées ist eine der schmalen Gassen, die den Burgfelsen von Lourdes umlagern. Sie steigt winkelzügig an, ehe sie in den Stadtplatz Marcadale mündet. Es ist hell geworden. Man sieht aber dennoch nur wenige Schritte weit. Der Himmel hängt tief herab. Ein Vorhang, gewirkt aus Regen und dicken Schneeflocken, schlägt Soubirous ins Gesicht. Die Welt ist leer und stumpf. Nur die Clairons der Dragonereskadron auf dem Kastell und in der Nemours-Kaserne unterbrechen mit ihren morgendlich spritzigen Signalen die Öde. Obwohl hier unten im Gave-Tal der Schnee nicht liegenbleibt, dringt die eisige Kälte in sonderbaren Stößen bis in die Knochen. Es ist der Anhauch der Pyrenäen, die hinter den Wolken lauern, die schneidende Botschaft der gedrängten Kristallhäupter, vom Pic du Midi bis zum furchtbaren Dämon Vignemal, dort zwischen Frankreich und Spanien.

Die Hände Soubirous' sind rot und klamm, seine unrasierten Backen naß, die Augen brennen ihm. Dennoch steht er vor dem Bäckerladen Maisongrosse lange Zeit unentschlossen, ehe er eintritt. Er weiß, es ist vergeblich. Während des vorjährigen Karnevals hat ihn Maisongrosse hie und da als Austräger beschäftigt. Im Fasching geben die Brüderschaften und Innungen ihre Feste. Da ist zum Beispiel der große Ball der Schneider und Näherinnen, welche die heilige Lucia verehren. Der Ball findet im Hotel der Postmeisterei statt, und die Firma Maisongrosse liefert das Gebäck, vom Brot angefangen bis zu den feinen Cremetorten und Krapfen. Bei dieser Gelegenheit hatte Soubirous damals die ansehnliche Summe von hundert Sous verdient und überdies seinen Kindern eine Tüte voll Bäckereien mit nach Hause gebracht.

Er faßt sich ein Herz. Er tritt in den Laden. Der mütterliche Duft des warmen Brotes umhüllt ihn, betäubt ihn. Ganz weinerlich wird ihm zumute. Der dicke Bäcker steht inmitten des Raums, die weiße Schürze um den gewaltigen Bauch, und kommandiert seine zwei Gehilfen, die schweißübergossen die schwarzen Blechplatten mit den frischen Brötchen aus dem Backofen ziehen.

»Könnt ich Ihnen heut vielleicht behilflich sein mit irgendwas, Monsieur Maisongrosse?« fragt Soubirous leichthin. Seine Hand greift dabei in einen der offenen Säcke und läßt wollüstig das Weizenmehl durch die erfahrenen Müllerfinger gleiten. Der Dicke würdigt ihn keines Blickes. Er hat eine kropfige Stimme:

»Was für einen Tag haben wir heut, mon vieux?« knurrt er.

»Donnerstag, Ihnen zu dienen, jeudi gras ...«

»Und wieviel Tage haben wir noch bis zu Aschermittwoch?« forscht Maisongrosse weiter, wie ein verschlagener Schulmeister.

»Sechs Tage sind's wohl noch, Monsieur«, zögert der Müller.

»Da habt Ihr's«, triumphiert der Dicke, als habe er eine Wette gewonnen. »Sechs Tage, dann ist dieser ganze lausige Karneval zu Ende. Und die Vereine bestellen sowieso nichts mehr bei mir, sondern bei Rouy. Mit der guten alten Zeit ist es Wasser. Man geht zum Pâttissier und nicht zum Boulanger. Und wenn das Geschäft schon im Fasching so aussieht, da könnt Ihr Euch ausrechnen, was die Fastenzeit bringen wird. Noch heute werfe ich einen von diesen Nichtsnutzen da hinaus ...«

François Soubirous überlegt, ob er den Bäcker rundheraus um ein Brot bitten soll. Lange würgt er an einem Wort. Er hat aber den Mut nicht. Nicht einmal zum Betteln tauge ich, geht's ihm durch den Kopf. Wie ein unzufriedener Kunde rückt er ein wenig an seiner Mütze und verläßt den Laden.

Um zur Postmeisterei zu gelangen, muß er nun den Platz überqueren. Cazenave steht schon höchst persönlich inmitten seiner Gespanne und Wagen auf dem großen Hof. Als ehemaliger Sergeant des Trainregiments in Pau ist er ein Frühaufsteher. Seine Dienstzeit liegt lange zurück, damals regierte noch der fette Bürgerkönig. Cazenave hört es nicht ungern, wenn man ihn nachträglich avancieren läßt und als Offizier anspricht. Er trägt zu jeder Tageszeit hohe Stiefel, blankgewichst, und eine Reitgerte, mit welcher er die Stiefelschäfte martialisch bearbeitet. Im violett angelaufenen Gesicht trägt er den schraubenförmig gedrehten Knebelbart des Kaisers, sorgfältig schwarz gefärbt. Cazenave ist demgemäß überzeugter Bonapartist, worunter er eine Parteigesinnung versteht, in der sich »La France« und »Gloire« auf »Progrès« reimen. Seitdem man eine Bahnlinie von Toulouse über Tarbes und Pau nach Biarritz gebaut hat – der Kaiser und zumal die Kaiserin Eugénie halten sich oft in Biarritz auf –, gehn die Geschäfte des Posthalters zu Lourdes noch glänzender als früher. Jeder Vergnügungsreisende und Kurgast, der die Pyrenäenbäder besuchen will, ist gezwungen, bei Cazenave haltzumachen. Cazenave ist Herr über alle »Gelegenheiten«, die teuer oder billig, bequem oder unbequem die Erholungsbedürftigen nach Argelès, Cauterets, Gavarnie und Luchon bringen. Jetzt ist es freilich noch sehr weit bis zur Saison. Mit welchen Lockmitteln man diese verlängern und den Fremdenverkehr heben könnte, das bildet einen unerschöpflichen Diskussionsstoff zwischen Cazenave und dem ehrgeizigen Bürgermeister von Lourdes, Monsieur Adolphe Lacadé. – Soubirous hat in seiner Jugend vierzehn Tage beim Militär gedient, länger hat man ihn nicht behalten. Er deutet also, so gut er kann, soldatische Haltung an und tritt hin vor Cazenave:

»Guten Morgen, Herr Postmeister! Wär eine kleine Arbeit für mich da?«

Cazenave bläst die Backen auf und stößt mißbilligend die Luft aus.

»Ah, du bist es wieder, Soubirous? Wirst du denn nie auf gleich kommen, Sapristi? Man muß seinen Platz ausfüllen. Keinem von uns wird etwas geschenkt ...«

»Gott meint es nicht gut mit mir, Monsieur ... Ich hab kein Glück seit Jahren ...«

»Unser Glück kommt von Gott, es ist möglich. Unser Unglück kommt von uns selbst, mein Freund ...«

Die Reitpeitsche pfeift bekräftigend zu dieser Maxime. Soubirous senkt den Blick:

»Meine Kinder können gewiß nichts für ihr Unglück.«

Der Postmeister ruft dem Pferdeknecht Doutreloux einen Befehl zu. Soubirous strafft sich noch einmal:

»Vielleicht gibt es doch etwas ... mon capitaine ...«

Cazenave wird sogleich wohlwollender:

»Ich helfe einem alten Krieger immer gern ... Heut aber gibt es wirklich nichts ...«

Es ist deutlich wahrzunehmen, wie des Müllers Körper schwer wird. Er wendet sich langsam zum Gehen. Da ruft ihn Cazenave zurück:

»Halt, mein Lieber! Zwanzig Sous könntest du dir schließlich verdienen. Es ist keine reinliche Arbeit freilich. Die Mutter Oberin des Hospitals verlangt, daß man allerlei Unrat wegführt und verbrennt vor der Stadt. Verbandzeug, Charpie von Operationen, Wäsche von ansteckend Kranken und ähnliche Geschichten. Spann dort den Braunen vor den kleinen Leiterwagen, wenn du magst ... Zwanzig Sous!«

»Können es nicht dreißig sein, mon capitaine?«

Cazenave gibt darauf keine Antwort mehr.

Soubirous tut, wie man ihm geheißen. Er spannt den klapprigen Braunen, das schlechteste Roß der Postmeisterei, vor den kleinen Leiterwagen. Die Fuhre holpert zum Hospital, das von den Klosterschwestern der heiligen Gildarde zu Nevers geleitet wird, denselben, die auch in der Schule unterrichten. Der Concierge des Krankenhauses hat die drei Kisten mit dem Unrat schon bereitgestellt. Sie sind nicht schwer, stinken aber wie die Pest nach dem Elend allen Fleisches. Die Männer laden sie auf den Wagen.

»Gib acht, Soubirous«, warnt der Concierge, ein medizinischer Fachmann. »Da steckt der Satan der Infektion drin. Bring's weit hinaus, bis nach Massabielle, verbrenn's und schmeiß die Asche in den Gave!«

Das Regnen und Stöbern hat aufgehört. Der Wagen knattert über schlechtes Pflaster. Das Hospital der Schwestern von Nevers liegt am nördlichen Stadteingang, dort wo die Nationalstraßen von Pau und Tarbes einander kreuzen. Soubirous muß sein Gefährt die steile Rue Basse hinabbremsen, um Lourdes durch das westliche Tor Baous zu verlassen. Als er die alte Römerbrücke, den Pont Vieux, überschritten hat, lockert sich endlich seine erstarrte Hand. Er läßt den Braunen auf dem Karrenweg, der das Flußufer entlang führt, gleichgültig dahintrotten. Hier macht der Gave ein scharfes Knie. Tausendstimmig aufbegehrend rauscht das uralte Berggewässer, als sei es durch die beinahe rechtwinklige Wendung überanstrengt und geärgert. Riesige Granitblöcke stellen sich dem zornigen Flußlauf überall in den Weg. Soubirous hört dem Gave nicht zu. Er hat nicht nein gesagt, der Postmeister, ganz bestimmt wird er mir die dreißig Sous ausbezahlen. Vier Brote kaufe ich, acht Sous, aber nicht bei Maisongrosse, meiner Treu, nicht bei Maisongrosse. Ein halbes Pfund Schafkäse kaufe ich, der ist nahrhaft, macht zusammen mit dem Brot vierzehn Sous. Zwei Liter Wein dazu, macht vierundzwanzig Sous. Dann ein paar Würfel Zucker, damit die Kinder etwas Süßes und Starkes in den Wein haben ... Ach was, am besten, ich geb die dreißig Sous gleich der Louise. Sie soll's einteilen. Dann brauch ich nichts zu verrechnen. Für mich behalt ich keinen Knopf. Das gelob ich heilig ...

Trotz der Aussicht auf die dreißig Sous – ein unerwartetes Himmelsgeschenk – wird es Soubirous immer dumpfer und schwerer ums Herz. Er spürt seinen Hunger als eine Art Übelkeit, die durch den Gestank der jammervollen Ladung hinter dem Kutschbock abscheulich verschärft wird. Die Fahrt geht vorbei am Besitztum des Herrn de Lafite, des sagenhaft reichen Mannes von Lourdes, der ebenso wie Soubirous als einfacher Müller begonnen hat, ehe er vom verwunschenen Glück zur schwindelnden Höhe emporgehoben wurde. Das ausgedehnte Grundstück liegt auf der sogenannten Chalet-Insel, die durch den Gave-Bogen und die Sehne des Savy-Bachs gebildet wird, der sich einige Schritte jenseits des Felsens Massabielle in den Fluß ergießt. Das Besitztum besteht aus dem Herrenhaus im Stil Heinrichs IV. mit vielen Türmchen und Erkerchen, aus dem Park, aus weiten Wiesenflächen und dem imposanten Sägewerk. In Lourdes wird diese Sägemühle mit Ehrfurcht »die Fabrik« genannt. Sie ist weitläufig gebaut, und ein prächtiger Staudamm sammelt die Kräfte des schmächtigen Mühlbachs zu ungeahnten Leistungen. Es gibt außerdem noch eine kleine, alte Mühle an diesem Bach. Soubirous kann sie jetzt von seinem Kutschbock sehen. Sie gehört Antoine Nicolau und seiner Mutter. Er beneidet diesen Nicolau hundertmal mehr als den ganzen Herrn de Lafite mitsamt seinem Schloß, seiner Fabrik und seinen Equipagen. Das Allzugroße flößt keinem Neid ein. Mit Nicolau aber kann er sich messen. Ist er vielleicht schlechter als Nicolau? Er ist vermutlich besser als Nicolau. Älter und erfahrener ist er sicher. Der unbegreifliche Himmel hat es eben so eingerichtet, daß die Besseren auf dem trockenen sitzen und die Schlechtern auf der Türschwelle der Savy-Mühle gelassen den Radschaufeln zuschauen dürfen, wie sie sich drehn und drehn. Soubirous versetzt dem Gaul einen Peitschenhieb über die knochige Kruppe, daß er einen Sprung macht und zu traben beginnt. Der Weg verliert sich im rostigen Heidegras. Die schönen Silberpappeln Herrn de Lafites liegen weit zurück. Die Chalet-Insel wird öde. Nur wilder Buchs und ein paar Haselnußstauden wachsen hier. Die beiden Striche von Erlengebüsch, die den Gave rechter Hand, den Savy-Bach linker Hand einsäumen, eilen aufeinander zu.

Am linken Ufer der beiden Wasserläufe erhebt sich die felsige Anhöhe der Montagne des Espélugues. Es ist ein unbedeutender, niedriger Rücken, dieser »Spelunkenberg« oder »Höhlenberg«. Wenn man sich vornehmer ausdrücken will, kann man ihn auch Berg der Grotten nennen. In sein Gefelse hat die Natur nämlich ein paar Grotten eingesprengt. Die größte unter ihnen hat Soubirous nun vor Augen, die Grotte Massabielle. Sie ist ein vielleicht zwanzig Schritt breites, zwölf Schritt tiefes Loch in der Kalkwand, einem Backofen nicht unähnlich. Nackt, feucht, angefüllt mit dem Geröll des Gave, dessen geringstes Hochwasser sie stets überschwemmt, bietet sie keinen erfreulichen Anblick. Zwischen dem Gerölle wächst ein wenig Farnkraut und Huflattich. Ein einziger magerer Dornstrauch klammert sich auf halber Höhe der Grotte etwa an den Felsen. Es ist eine wilde Rose, die einen ovalen oder spitzbogenförmigen Ausschnitt umarmt, eine schmale Pforte gleichsam, die in eine steinichte Nebenkammer der Grotte führt. Man könnte fast meinen, diese Pforte oder dieses gotische Fenster sei in unbekannter Zeit von primitiver Menschenhand in den Fels gehauen worden. Die Höhle Massabielle ist nicht sehr beliebt beim Volke von Lourdes und bei den Bauern der Nachbardörfer im Tale Batsuguère. Die alten Weiber wissen von allerlei Schauer- und Geistergeschichten zu erzählen, die sich dort begeben haben. Wenn Fischer, Hirten, Holzsammlerinnen aus dem nahen Saillet-Wäldchen, vom Gewitter überrascht, in Massabielle Zuflucht suchen, so pflegen sie ein Kreuz zu schlagen.

François Soubirous ist kein altes Weib, sondern ein vom Leben geprüfter Mann, den Schauergeschichten nicht besonders schrecken. Auf der Landzunge zwischen Gave und Savy-Bach hat er sein Gefährt angehalten. Er klettert vom Bock und überlegt, wo und wie er seinen Auftrag am schnellsten erfüllen könne. Vielleicht wäre es gut, die Fuhre durch den seichten Bach zu lenken und den Spitalsunrat in der Grotte zu verbrennen, wo das Zeug schneller Feuer fängt als draußen in der Luft. Soubirous zögert. Der alte, morsche Wagen könnte durch die spitzen Steine im Bach Schaden nehmen.

François ist kein Mann der raschen Entscheidungen. Er kratzt sich den Kopf, als sein Ohr auf ein dumpfes Gegrunze aufmerksam wird, in das sich rauhe Laute mischen. Dort, das ist Leyrisse, der Schweinehirt. Er kommt ans Ufer gerannt, während sich seine schwarzen Säue in dem kleinen Morast zwischen Massabielle und dem Gemeindeforst wälzen. Auch Leyrisse ist ein von Gott geschlagener Mann. Soubirous verachtet ihn nicht wenig. Denn erstens ist Leyrisse ein Kretin, zweitens hat er einen Wolfsrachen, bellt und heult daher, wenn er redet, und drittens hütet er die Schweine der ganzen Gegend, was der gelernte Müller Soubirous für ungefähr die niedrigste Profession auf Erden hält. Leyrisse ist ein kleiner, stämmiger Bursche mit einem allzu großen Rotkopf auf dem Blähhals. Seine Gestalt ist von Kopf bis Fuß in Felle gewickelt. Er gleicht einem fest verschnürten Paket. (Schuldirektor Clarens meint, der Urmensch der Pyrenäen müsse ausgesehen haben wie Leyrisse.) Erregte Zeichen macht er zu Soubirous hin. Der Sauhirt ist immer erregt, wie all jene Unglücklichen, die sich durch eine Sprachstörung nur schwer verständlich machen können. Der Müller winkt ihn zu sich. Leyrisse durchwatet den Bach mit großen Schritten, als sei kein Wasser darin. Sein zottiger Hund folgt ihm, nicht minder erregt als der Herr.

»He, Leyrisse«, ruft Soubirous dem Hirten zu. »Willst du mir helfen?«

Leyrisse ist ein gutmütiges Wesen, dessen größter Ehrgeiz darin besteht, wo es nur kann, seine Brauchbarkeit und Lebenstüchtigkeit zu beweisen. Mit starken Armen hebt er die Kisten vom Wagen und trägt sie, wie Soubirous befiehlt, zur äußersten Spitze der Landzunge, wo er ihren Inhalt auf den Boden stürzt. Es erhebt sich eine übelriechende Pyramide aus blutiger Watte, eitrigen Verbandwickeln, schmutzigen Leinwandfetzen. Der Müller, an die reinlichste Arbeit gewöhnt und leicht von Ekel heimgesucht, zündet sich eine Pfeife an, um ein besseres Arom in die Nase zu bekommen. Er bildet sich ein, unter dem Unrat unaussprechliche Dinge erkannt zu haben, einen abgeschnittenen menschlichen Finger zum Beispiel. Rasch wirft er Leyrisse sein Päckchen mit den Schwefelhölzern zu, damit er den Haufen in Brand setze. Es ist schrecklich kalt geworden. Windstille herrscht. Der leicht entzündliche Graus lodert sofort auf. Hirt und Hund freuen sich, umtanzen das seltsame Opfer, dessen Qualm, vom Himmel günstig angenommen, kerzengerade emporsteigt.

Soubirous hat sich auf einen Stein niedergelassen, schweigt, sieht zu. Nach einer Weile setzt sich der gute Sauhirt an seine Seite. Er zieht ein Schwarzbrot aus dem Proviantbeutel und ein Stück Speck. Er schneidet von beiden zwei gleiche Portionen ab. Mit belfernder Liebenswürdigkeit bietet er Soubirous seinen Teil an. Dieser greift mit Heißhunger nach der würzigen Speise, der ersten dieses Tages. Schnell aber beherrscht er sich und beginnt langsam nachdenklich zu kauen, wie es sich für einen ehrsamen Mühlenbesitzer ziemt, der so hoch über dem Schweinehüter und Dorfkretin steht. Die Augen starr aufs Feuer gerichtet, das seine Nahrung blitzschnell verzehrt, murmelt er:

»Wenn man nur eine Schaufel hätte hier ...«

Kaum hört der dienstwillige Leyrisse das Wort Schaufel, als er schon aufspringt, durch das Bachwasser läuft, als wär es keins, und aus der Grotte zwei Spaten herüberbringt. Arbeiter, die gegen die Hochfluten des Gave eine Mauer aufführten, mögen sie dort gelassen haben. Inzwischen hat das Feuer jene greulichen Reste fleischlicher Qualen zu Asche gebrannt. Es kostet die beiden Männer nicht viel Mühe, den Aschenhaufen und was sonst vom verkohlten Zunder übrigbleibt, in den Gave zu schaufeln, der auch diese Gabe mit seinem cholerischen Temperament zum Flusse Adour und durch ihn in den Ozean führt.

Es ist noch lange nicht elf Uhr, als François Soubirous, diesmal nicht mehr mit leerem Magen und hoffnungsloser Seele, vor Cazenave steht.

»Ihr Befehl ist ausgeführt, mon capitaine!«

Nach längerem Handel und mehreren, immer strammer wiederholten »mon capitaine«'s hält er schließlich fünfundzwanzig Sous in Händen. An der Ecke der Rue des Petites Fossées ist Soubirous noch immer bereit, den vollen Betrag an Louise abzuführen. Doch schon vor dem Estaminet Vater Babous tritt ihn der Versucher an, dem er, der Mühen des heutigen Vormittags eingedenk, nur einen erschöpften Widerstand entgegensetzt. Zwanzig Sous, ein rundes Silberstück, war der ausgesetzte Preis für seine Arbeit. Die fünf großen Kupferstücke sind ein Überpreis. Wo steht es geschrieben, daß ein guter Familienvater, der sich für die Seinen in der Winterkälte plagt wie selten einer, diese elenden fünf Sous, dieses Sündengeld nicht für sich selbst verwenden dürfe? Vater Babou begehrt für einen Achtelliter seines Selbstgebrannten Kräuterteufels nicht mehr als zwei Sous. Soubirous findet das äußerst preiswert. Er hält sich aber bei Vater Babou nicht länger auf, als man braucht, um einen einzigen Kräuterteufel zu leeren.

Im Cachot schlägt ihm ein angenehmer Dunst entgegen. Kein »Milloc« heute, kein Maisbrei, dem Himmel sei Dank! Maman bereitet eine Zwiebelsuppe. Diese Weiber sind nicht kleinzukriegen, denkt er. Sie schaffen immer wieder etwas her. Weiß Gott, vielleicht hilft ihnen der Rosenkranz, den sie stets in der Schürzentasche tragen. Soubirous macht sich zuerst längere Zeit in der Stube gleichgültig zu schaffen, ehe er seinem Weibe die Silbermünze überreicht, gelassen, als wäre das nur ein geringer Vorschuß auf die Louisdors, die er morgen zu erwarten habe.

»Du bist ein tüchtiger Bursche, Soubirous«, sagt sie nicht ohne anerkennendes Mitleid, und auch er ist überzeugt davon, daß er heut mit dem Leben ganz gut fertig geworden ist. Dann stellt sie einen Teller Zwiebelsuppe vor ihn auf den Tisch. Er löffelt, wie es seine Art ist, mit nachdenklicher Strenge. Sie sieht ihm zu und seufzt.

»Wo sind die Kinder?« fragt er, nachdem er sein Mahl beendet hat.

»Die Mädchen müssen gleich aus der Schule kommen, und Justin und Jean Marie spielen unten ...«

»Die Kleinen sollten nicht auf der Straße spielen«, bemerkt der ehemalige Müller mit standesbewußtem Tadel. Da sich Louise in keine Diskussionen über diesen Ehrenpunkt einläßt, erhebt sich Soubirous, gähnt, stöhnt, reckt und streckt sich:

»Ich bin tüchtig durchgefroren nach alledem, am besten, man geht zu Bett. Man hat sich's verdient ...«

Die Soubirous schlägt die Bettdecke zurück. Er tritt aus den Pantinen, wirft sich hin und zieht die Decke bis an die Nase. Wenn man auch bettelarm ist und ungerecht behandelt vom Schicksal, manchmal tut einem das Leben doch köstlich wohl, insbesondere nach getaner Pflicht. Soubirous fühlt Sättigung, steigende Wärme und eine ausgesprochene Zufriedenheit mit sich selbst, die ihn in einen raschen Schlaf hinübergeleitet.

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