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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Siebenunddreißig. Eine letzte Versuchung

Der Dechant hat klagend zum Bischof gesprochen: »Bernadette ist noch so jung.« Der Bischof hat geantwortet: »Sie wird älter werden.« Und der Bischof sorgt dafür, daß Bernadette älter wird, ehe das endgültige Urteil über ihre Dame und über sie selbst gefällt ist. Zwischen das Wunderbare und die Anerkennung des Wunderbaren legt Monseigneur die dichteste Isolationsschicht, die es gibt: die Zeit. Er verfährt damit genau nach den weisen Vorschriften Benedikts XIV., wie sie im zweiundfünfzigsten Kapitel des dritten Buches seines großen Werks »Von der Seligsprechung und Kanonisierung der Heiligen« festgelegt sind. Die Zeit ist die schärfste Säure der Welt, ein Königswasser, in dem nur das lauterste und schwerste Gold Bestand hat. Jedes leichtere Metall, mag's auch seinen Eigenwert besitzen, wird zerfressen und schließlich aufgelöst. Das meiste, was die Menschen einen Tag lang erregt, ist am nächsten Morgen schon wie ein Traum. Selbst das Angedenken der glorreichsten und schwärzesten Tage der Völker verblaßt beim Hahnenschrei einer neuen Sensation. Die Affäre von Lourdes hat über Gebühr die Zeitungen beschäftigt. Der Bischof darf vermuten, daß sich nun, am Ende des ersten Jahres, die Erregung legt. Vielleicht spricht am Ende des nächsten Jahres kein Mensch mehr von Massabielle, und die Geschichte der Erscheinungen und Heiligungen bleibt eine liebliche Erinnerung ohne größere Folgen. Monseigneur Bertrand Sévère hat darum seiner Kommission volle vier Jahre zur Arbeitsdauer bestimmt. Vor Ablauf dieser Zeit soll das Material gesichtet, erforscht und registriert, aber keine letzte Erkenntnis gefaßt werden. In einem großen Zeitraum liegt mehr Erkenntniskraft als im scharfsinnigsten menschlichen Verstand. Man wird zum Beispiel sehen, ob die Wunderheilungen sich fortsetzen werden oder verschwinden. Man wird sehen, ob die Volksbewegung, die von Lourdes sich über ganz Frankreich ausbreitet, Bestand hat oder nur eine flüchtige Anwandlung der durch den Nihilismus der Oberschicht ermüdeten Massen war. Durch die lange Wartefrist endlich unterwirft der Bischof das übernatürliche Prinzip selbst der strengsten Prüfung auf seine Echtheit.

Was nun die Heilungen betrifft, so scheinen sie wahrhaftig nicht zu Ende zu gehn, sondern mehren sich von Monat zu Monat. Die Ärzte der Kommission, schon aus Berufsgründen durchaus nicht geneigt, die »himmlische Kurpfuscherei« zu protegieren, untersuchen jeden einzelnen Fall auf das allerpeinlichste. Die Befunde werden von der Kommission gesammelt und dem Bischof vorgelegt. Dieser siebt und teilt sie in drei Klassen ein: Da sind zunächst jene Heilungen, die äußerst merkwürdig und ganz und gar ungewöhnlich erscheinen. Die Medizin erklärt sich außerstande, den organischen Heilungsprozeß zu verstehen und zu definieren. Was aber die Wissenschaft nicht definieren kann, ist noch lang nicht wunderhaft, urteilt der Bischof. Es folgen jene Fälle, deren Unerklärlichkeit so mächtig ist, daß die ganze Kommission sich einhellig bereit findet, ihnen den Charakter des Mirakels zuzuerkennen. Zu diesen Heilungen zählen kopfgroße Geschwüre zum Beispiel, die nach längerem Gebrauch der Quelle zurückgehn und gänzlich abklingen, oder Lähmungen, die sich innerhalb weniger Tage erheblich bessern. Der Bischof leugnet den hohen Wert dieser Phänomene nicht, will aber seine Erkenntnis nicht allein auf sie gründen. Die Heilsamkeit der Quelle ist an sich kein entscheidender Beweis. Später einmal könnte sie die Wissenschaft auf natürliche Gründe zurückführen, indem sie ein bis dahin unbekanntes Ingrediens in diesem Wasser entdeckt. Selbst die unfaßbare Polyvalenz der Gnadenquelle, die ihre Kraft jedem erkrankten Organ ausnahmslos zuwendet, genügt dem Bischof noch nicht. Auch hierfür könnte die Zukunft einmal eine immanente Ursache ausforschen. Nur das Element der Blitzartigkeit wird, nach Auffassung Monseigneurs, für alle Zeiten unerklärlich bleiben. Wenn ein blindes Auge von einer Sekunde zur andern sehend wird, wenn ein abgestorbener Nerv einen atrophischen Muskel urplötzlich spannt, dann ist der berechtigte menschliche Zweifel an seiner letzten Grenze angelangt und muß sich beugen.

Was der Bischof kaum erwartet hat, er begegnet ein paar solchen unwiderlegbaren Fällen, die er der letzten Klasse seiner Sichtung einfügen muß. Am Ende sind es fünfzehn blitzartige Heilungen, denen sich auch die schärfste Kritik nicht mehr entziehen kann. Zwei dieser Heilungen begeben sich noch in früher Zeit.

Da ist Marie, die älteste Tochter der Familie Moreau zu Tartas. Diese Sechzehnjährige, die in Bordeaux die Schule besucht, wird vom einen Tag zum andern von einer furchtbaren Augenkrankheit befallen. Doktor Bermond, der berühmte Ophthalmologe der Universität Bordeaux, befindet Netzhautablösung auf beiden Augen, unabwendbare Erblindung. – Nur allzu schnell erfüllt sich diese Diagnose. Nach wenigen Wochen schon hat sich der blutige Schleier vor den klaren Augen des hübschen Mädchens vollständig geschlossen und wird um einen Schatten dunkler nach jedem Erwachen. Wie es in verzweifelten Fällen immer wieder geschieht, die Familie kämpft und kämpft und will sich mit dem grausamen Schicksal nicht aussöhnen. Die Erblindete wird mit hundert Marterkuren gequält. Da alles nichts fruchtet, entschließt man sich, nach Paris zu fahren, um die dortigen Leuchten zu konsultieren. Ein letzter Versuch. Am Tage vor der Abreise fällt Vater Moreau eine Zeitung in die Hand, die über die jähe Heilung einer gewissen Madame Rizot durch die Quelle von Lourdes berichtet. Da erinnert sich Moreau an die Geburtsstunde seiner armen Tochter. Es war eine furchtbare Niederkunft. Arzt und Hebamme gaben das Kind schon verloren. In dieser schweren Stunde gelobte Moreau, dieses Kind, wenn es ein lebendiges Mädchen sei, Marie zu nennen, obwohl der Name Marie Moreau unangenehm holpert und den Wohlklang verletzt. Man ändert sofort das Reiseziel und geht nach Lourdes. Die Grotte ist erst kurze Zeit wieder geöffnet. Der blinden Marie Moreau wird ein in der Quelle getränktes Taschentuch einige Minuten lang auf die Augen gelegt. Als man das Tuch fortnimmt, bricht das Mädchen in einen gellenden Schrei aus, der allen unvergeßlich bleibt, die ihn hören. Der purpurne Schleier vor dem Licht ist zerrissen. Marie sieht. Man hält ihr ein bedrucktes Blatt vor die Augen. Marie kann's lesen. Eine Abordnung der bischöflichen Kommission begibt sich nach Bordeaux zu Doktor Bermond. Er wird um Einsicht in die Notizen gebeten, die er sich über den hoffnungslosen Zustand der Patientin während der letzten Untersuchungen gemacht hat. Die ganze Geschichte geht dem Professor so stark wider den Strich, daß er sich längere Zeit wehrt, ehe er sein Journal preisgibt.

Die andere Heilung ist nicht weniger blitzartig. Auch sie betrifft einen jungen Menschen aus Bordeaux. Es ist Jules, der zwölfjährige Sohn des Zollbeamten Roger Lacassagne. Herr Lacassagne ist eine martialische Erscheinung und, im Gegensatz zu Herrn Moreau, nicht der leisesten religiösen Anfälligkeit verdächtig. Jules wird das Opfer einer sehr seltenen und sehr seltsamen Erkrankung, die in der Volkssprache Veitstanz heißt. Bei diesem grausamen Leiden sind es weniger die krankhaften Gliederverrenkungen, die den Patienten gefährden, als eine geschwulstige Verdickung der Speiseröhre, welche nach und nach jede Aufnahme fester Nahrung unmöglich macht. Der Hausarzt Doktor Noguès und der Konsiliarius Professor Roquer wenden alle inneren und alle äußeren Heilmittel an, wie sie im Buche und wie sie nicht im Buche stehn. Sie zeigen die bekannte Polypragmasie aller Ärzte, die sich ihre Ohnmacht selbst nicht eingestehn wollen. Die Speiseröhre des Knaben verschließt sich immer mehr. Zuletzt bleibt nur noch ein stricknadelstarker Kanal offen, der unter großen Beschwerden ein paar Tropfen Milch oder Suppe durchläßt. Jules Lacassagne schmilzt hin zu einem Schatten, der rettungslos dem Hungertode preisgegeben ist. Die Mutter bringt ihn in ein Seebad. Vielleicht wird die Kraft des Ozeans helfen. Sie hilft nicht. Am Strande, wohin man ihn täglich trägt, findet Jules einen gelben Zeitungsfetzen. Mit matten Händen greift er danach und liest einen Bericht über die Heilung der jungen Marie Moreau. Den Fetzen steckt der arme Junge zu sich, wagt aber vorerst nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen. Er kennt Charakter und Gesinnung des Vaters gut und fürchtet, dieser werde ihn auslachen. Erst viele Tage später, als man ihn als hoffnungslosen Todeskandidaten nach Bordeaux zurückgebracht hat, erzählt er Maman stockend von Lourdes und Marie Moreau. Madame Lacassagne beschwört ihren Gatten, die Reise noch am selben Tage anzutreten. Der Mann ist ohne jeden Widerspruch bereit, denn vor dem Tode steht der Unglaube auf schwächeren Füßen als der Glaube. In seinen eigenen Armen trägt Roger Lacassagne den Sohn zur Grotte. Als ehemaliger Offizier liebt er kein Gefackel. Wenn es Wunder gibt, meint er, so müssen sie exakt eintreten. Deshalb hat er gleich eine Tüte voll weicher Biskuits mitgebracht. Nachdem Jules das erste Glas Schluck für Schluck mit unendlicher Mühe getrunken hat, reicht ihm der Vater ein Biskuit und kommandiert recht streng: »So, und nun iß!« Und jetzt geschieht das ganz und gar Absurde: Jules ißt. Er beißt ab und kaut und schluckt ohne Beschwerden wie jeder andere Mensch. Der baumlange Lacassagne mit seinem grauen Bürstenhaar kehrt sich ab, taumelt wie ein Wahnsinniger, schlägt die Brust mit der Faust und keucht: »Jules ißt ... Jules ißt ...« Die Menschen vor der Grotte brechen in Tränen aus. Jules aber ißt in stummer Nachdenklichkeit weiter, während es vielen scheint, die erste Morgenröte der Genesung überhauche seine Wangen.

Marie Moreau und Jules Lacassagne sind nur zwei von den fünfzehn, die Bischof Laurence als nicht natürliche Heilprozesse anerkennt, die alle Bedingungen erfüllen. Und immer wieder ist das letzte Zeugnis der Ärzte vor der Heilung maßgebend. Und am willkommensten sind Monseigneur jene Ärzte, welche Andersgläubige oder eingestandenermaßen Glaubensfeinde sind.

 

Fünfzehn Menschen werden in dieser ersten Zeit zwischen zwei Atemzügen geheilt. Hunderte genesen auf unbegreiflichem, aber langsamerem Wege. Tausende und Zehntausende kommen nach Lourdes, um Gesundheit und Leben wiederzufinden. Eigenwillig wie die Dame, die während den Tagen der Erscheinungen nichts tat, was man erwartete, beträgt sich auch die Quelle. Ihre Gnadenwahl ist undurchdringlich.

Inmitten dieser Ströme von Menschen und Ereignissen lebt Bernadette, als ginge sie's nichts an. Es geht sie nichts an. Die Erweckung der Quelle ist nicht ihre Tat. Sie war das Geschäft, das die Dame mit der Welt hatte. Wenn die Menschen sie, Bernadette Soubirous, um der Gnaden- und Wunderquelle willen preisen, so versteht sie's noch immer nicht. Die Wirklichkeit der Dame wird für sie mit dem Abstand der Zeit immer größer. Bernadette duldet keine Verwechslungen. Wenn man ihr dankt, so kommt ihr das so lächerlich vor, wie wenn jemand dem Geldbriefträger danken wollte anstatt dem Absender. Mit Dank und Lob und Ruhm aber wird sie unausgesetzt belästigt. Die Leute werfen sich ihr in den Weg, knien nieder, berühren ihre Kleider, besonders an Tagen, wo sich große Heilungen ereignet haben. Wird sie auf diese Art gequält, dann erweckt der Zorn das resolute Wesen in ihr. Eines der vielen Weiber, die ihr erregt durch die Gassen nachfolgen, schreit immer: »O du Begnadete, o du Bevorzugte, o du Heilige!« Da dreht sich das Mädchen mit blitzenden Augen um und zischt:

»Mein Gott, wie dumm sind Sie doch!«

Bernadette lebt wie neben der Zeit. Besser: Sie lebt in einer eigenen Zeit. Und diese Zeit ist eine monotone Wartezeit, obwohl sie das Gespräch zwischen Dechant und Bischof nicht kennt. Es gleicht jenem Bewußtseins-Provisorium, aus Fremdheit und Ekel gemischt, das nach den einzelnen Ekstasen eintrat. Nun aber ist dieses Provisorium dauernd. Denn Bernadette weiß mit unendlicher Sicherheit, daß die Dame auf Erden nie wieder zu ihr kommen wird. Die Zeit geht langsam dahin und ist schnell vorüber. Alle bewegen sich in ihr, nur Bernadette hat das Gefühl, daß die Zeit an ihr vorbeifließt und sie selbst stehenbleibt. Sie wird älter und spürt es nicht. Nicht ohne Einfluß ist die Begegnung mit der Allerschönsten auf ihr Äußeres geblieben. Bernadette, die Kränkliche, ist bereits mit sechzehn Jahren sehr schön. Nichts in ihrem Gesicht erinnert mehr an die gewöhnlichen Züge François' und Louises Soubirous. Eine ganz fremde Verfeinerung, von der Natur ursprünglich gar nicht beabsichtigt, schimmert von ihrem Antlitz. Die frühere Rundlichkeit des Kindergesichtes ist einem blassen Oval gewichen, in dem unter einer gemeißelten Stirn die noch immer sonderbar apathischen Augen größer und größer werden. Diesem Adel widerspricht die bäurische Kleidung, an die Bernadette gewöhnt ist. Sie will nicht anders aussehn als ihre Mutter und Schwester.

Oft lebt sie zu Hause bei den Ihren, oft auch im Hospital, wo man ein Zimmerchen stets für sie bereit hält. Das geschieht deshalb, weil der Bischof eine ständige Beaufsichtigung angeordnet hat und weil in gewissen Zeiten die Zudringlichkeit der Neugierigen ganz unerträglich wird. Viele von den Zudringlichen, besonders wenn sie auf Rang und Namen hinweisen können, lassen sich auch im Hospital nicht vertreiben.

»Oh, wie schön ist es, wenn man krank im Bette liegt«, seufzt Bernadette einmal. Da kommt irgendein pedantischer Abbé aus Toulouse mit ein paar Damen, vor denen er sich wichtig machen will. Bernadette hegt durchaus keine ersterbende Ehrfurcht vor geistlichen Personen. Nicht wenig wurde sie von ihnen ja ins Gebet genommen. Noch jüngst setzte ihr die Kommission erheblich zu. Nichts Verhuschtes und Scheinheiliges ist in ihrem Wesen. Wenn sie den Mund öffnet, so gehört jedes Wort ihr. Sie ist freimütig bis zur Unhöflichkeit.

»Ich will einmal sehen, ob man dir glauben kann, Bernadette«, sagt der Abbé von Toulouse.

»Es ist nicht wichtig, ob Sie mir glauben, Hochwürden«, erwidert sie mit erdrückender Aufrichtigkeit. Der Abbé erhebt darauf seine Stimme:

»Wenn du lügst, so bist du die Ursache, daß wir alle eine große Reise vergeblich gemacht haben ...«

Bernadette schaut ihn ehrlich erstaunt an, ehe sie antwortet:

»Aber Hochwürden, ich hätte gerne darauf verzichtet, die Ursache dieser Reise zu sein ...«

Ein Schulmeister aus der Umgebung namens Loyson spottet ein andermal:

»Die Dame hätte dir ein besseres Französisch beibringen sollen.«

»Das ist der Unterschied zwischen ihr und Ihnen«, versetzt Bernadette nach kurzem Nachdenken. »Sie hat sich bemüht, Patois zu sprechen, was ihr schwerfällt, nur damit ich sie leichter verstehn kann ...«

Die Soubirous wohnen noch immer im Cachot. Onkel Sajou aber hat ihnen jetzt einen Raum mehr abgetreten. Im vierten Jahre der Kommission heiratet Marie. Ihr Mann ist ein Landwirt aus der Nähe von Saint Pé de Bigorre. So geht's zu im Leben. Marie hatte immer auf die ländlichen Neigungen Bernadettens mit Verachtung herabgeblickt. Die älteste Schwester sitzt bei der Hochzeit und ist fröhlich mit den Fröhlichen, aber in der Art einer Verwandten, die aus weiter Ferne kommt, um wieder in diese weite Ferne zurückzukehren. Als die Schwestern an diesem Tage für einige Minuten allein sind, wird Marie von einem plötzlichen Weinkrampf gepackt. Sie preßt Bernadette leidenschaftlich an sich:

»Ah, ah, warum kann man dich nicht haben«, schluchzt sie. »Und ich war doch auch dabei, und jetzt verlier ich dich, o meine Schwester ...«

Auch Jeanne Abadie verläßt Lourdes. Sie geht als Stubenmädchen nach Bordeaux. Cathérine Mengot hingegen, die frühreife Nymphe Monsieur Lafites, konditioniert jetzt als reifere Nymphe in Tarbes. Auch viele der anderen Mitschülerinnen und ersten Zeuginnen zerstreuen sich in der Welt. Als der alte Philippe stirbt, spricht Bernadette den Wunsch aus, Dienstmädchen bei Madame Millet zu werden. Dechant Peyramale, den sie ins Vertrauen zieht, ist ganz entsetzt:

»Beim Himmel, das ist nicht der richtige Beruf für dich, Bernadette.«

»Aber ich bin doch schon so alt und helfe meinen Eltern noch immer nicht, und diese Arbeit könnt ich sehr gut machen ...«

»Glaubst du etwa, daß dich die Dame zum Dienstmädel ausersehen hat?« schüttelt Peyramale den Kopf.

Bernadette wirft dem Dechanten einen langen, verdeckten Blick zu, in dem ein unbeschreibliches Lächeln aufgelöst ist:

»Ich wär sehr zufrieden, wenn sie mich zum Dienstmädel nehmen möcht, einmal ...«

»Hast du das vielleicht schon ausgehandelt mit ihr, mein Kind?« fragt der Dechant.

Bernadette blickt traurig vor sich hin:

»Die Dame wird mich nicht nehmen«, sagt sie. »Ich bin ja viel zu ungeschickt ...«

Ehe das letzte Jahr der Frist zu Ende geht, wird Marie Dominique Peyramale nach Tarbes berufen. Er hat eine sehr lange Unterredung mit Monseigneur, diesmal wieder in dem unfreundlich kahlen Schlaf- und Arbeitszimmer. Es ist knapp vor Beginn der Adventszeit. Heimgekehrt, läßt der Dechant Bernadette sofort ins Pfarrhaus rufen. Dicker Schnee liegt auf den Akazien- und Platanenästen des Gartens. In eisigen Stößen dringt die Kälte wieder einmal bis auf die Knochen. Es ist der eisige Anhauch der Pyrenäen, die schneidende Botschaft der gedrängten Kristallhäupter, des Pic du Midi und weit dahinten des Dämons Vignemal. Im Cachot ist es hundekalt. Im Studierzimmer Peyramales ist es köstlich warm. Geschäftig knattert das Feuer der Lärchenklötze. Ganz durchfroren tritt Bernadette durch die Tür. Sie geht auch im Winter nur in ein weißes Capulet gewickelt, obwohl es nicht mehr dasselbe ist wie vor Jahren.

»Du bist groß geworden, Bernadette«, empfängt sie der Dechant. »Man kann gar nicht mehr zu dir sagen: ma petite. Deinem alten, bösen Pfarrer aber wirst du doch noch erlauben, dich zu duzen ...«

Er rückt ihr den Lehnstuhl zum Kamin und schenkt zwei Gläschen Wacholderschnaps ein. Dann setzt er sich ihr dicht gegenüber:

»Hör einmal, meine Liebe«, beginnt er, »du weißt vielleicht schon, daß die Arbeiten der bischöflichen Untersuchungskommission beinahe abgeschlossen sind. Nach Neujahr wird alles in Händen Seiner Gnaden sein ... Hast du übrigens eine Vorstellung von der Tätigkeit dieser Kommission, Bernadette?«

»O ja, Monsieur le Curé«, erwidert sie im Schulmädchenton. »Die Herren untersuchen und prüfen alle Geheilten.«

»Gewiß, das tun sie auch. Aber meinst du, das sei die ganze Aufgabe der Kommission?«

»Die Kommission hat's schwer«, weicht Bernadette aus. »Es kommen ja immer neue Geheilte dazu ...«

Peyramale stochert angelegentlich in seiner Pfeife:

»Und du, mein Kind«, fragt er, »was ist mit dir? Glaubst du etwa, dein Fall gehöre nicht in die Arbeiten der Kommission?«

»Ich hab doch den Herren alle Fragen beantwortet«, versetzt das Mädchen mit erschrockener Raschheit. »Hoffentlich werd ich damit nichts mehr zu tun haben.«

»O Bernadette«, seufzt Peyramale, »stell dich nicht unwissend. Du bist ein äußerst logisches Köpfchen, mehr als die meisten Frauen sonst. Die Dame hat dich unter allen Kindern auserkoren. Die Dame hat dich geheißen, die Quelle aus der Erde zu holen. Die Quelle ist eine Gnadenquelle, eine Wunderquelle, die Tag für Tag Heilungen vollbringt. Die Dame hat manches zu dir gesprochen. Sie hat dir Geheimnisse anvertraut. Sie hat dir sogar ihren Namen genannt. Ihre Worte hast du der Kommission unter heiligem Eid wiederholt. Du bist der Mittelpunkt einer Geschichte, wie man sie in unserer Zeit noch nicht vernommen hat. Glaubst du, dies alles liege im üblichen Lauf der Welt, und du könntest nun sagen: Ich hab das Meinige getan, nun laßt mich mein Leben leben ...«

»Aber ich hab doch das Meinige getan«, sagt Bernadette, der das Blut aus den Lippen weicht.

Der Dechant sticht mit seinem Zeigefinger ins Leere:

»Du bist wie eine Kugel, die man abgeschossen hat, Bernadette. Niemand kann deine Bahn mehr ändern. Paß jetzt gut auf. Die Kommission hat über dich, ja, über dich, mein Kind, einen sehr großen, sehr wichtigen Bericht abgefaßt. Dieser Bericht gibt die hohe Möglichkeit zu, daß du eine Bevorzugte himmlischer Mächte sein könntest, und daß einzig und allein auf deine Hand, welche die Quelle hervorbrachte, eine große Fülle bestätigter Wunder zurückgeht. Verstehst du das genau? Dies ist der Bericht, der, mit der Unterschrift unseres Bischofs versehen, nach Rom gesandt werden wird, an den Heiligen Vater und seine Kardinäle. Und die größten und weisesten Männer der Kirche werden dich im Auge behalten, Jahre und Jahrzehnte lang, und dann ...«

Hier unterbricht sich der Fünfzigjährige, weil sein durchfurchtes Gesicht errötet bis unters graue Haar:

»Es fällt mir schwer, ma petite, solche Worte in den Mund zu nehmen«, fährt er heiser fort. »Ich hätt's nie geglaubt, daß mich der Herrgott dazu bestimmen würde einmal. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Bernadette Soubirous, die da vor mir sitzt, die Tochter von François Soubirous, das Mädel, das ich einst mit dem Besen aus dem Hause jagen wollte, Jesus Maria, die Zunge erstarrt einem, – es ist nicht ausgeschlossen, daß dieses unwissende Ding, die Schlechteste im Katechismus, wie sag ich's nur, daß du, lang, lang nach unserem Tode, nicht vergessen sein wirst wie wir andern, sondern ...«

Bernadette hat verstanden. Sie springt hoch, kalkweiß:

»Das ist entsetzlich«, schreit sie auf, »das kann nicht sein ... das will ich nicht ...«

»Ich versteh dich wohl, meine arme Kleine«, nickt der Pfarrer vor sich hin, »es ist auch keine Kleinigkeit.«

Bernadette fällt zurück, ringt um Atem, schluchzt, stammelt immer wieder:

»Ich will das nicht ... Nein, ich will das nicht ...«

»Ja, ja, ich weiß«, sagt der Pfarrer, »aber was läßt sich dagegen tun?«

Nun geht er hin und her, die Hände auf dem Rücken. Nur das Knacken des Feuers und das kindliche Schluchzen des Mädchens unterbricht die Stille. Endlich bleibt Peyramale vor Bernadette stehen:

»Sind die geistlichen Schwestern im Hospital und in der Schule nicht sehr lieb?« fragt er.

»O ja, sie sind sehr, sehr lieb, Herr Pfarrer«, stammelt Bernadette.

»Und könntest du dir nicht vorstellen, einmal eine von den Ihren zu sein?«

»O nein, mein Gott, das ist ja viel zu hoch für mich«, erschrickt Bernadette unter Tränen. »Warum haben Sie mich nicht Dienstmädchen werden lassen bei Madame Millet?«

Peyramale legt ihr sanft die Hand auf den Scheitel:

»Ich weiß alles, mein Kind. Das Leben in der Welt ist das Leben in der Welt ... Zu den drei heiligen Gelübden aber darf niemand gezwungen werden. Man legt sie ab, weil die Seele ehrlich und brennend danach verlangt, sich Gott zu opfern. Dies ist eine strenge Forderung. Das dritte Gelübde, der Gehorsam, der dürfte dir wohl am schwersten fallen, mein Seelchen. Der Dame warst du gehorsam, jawohl. Sonst aber bist du eine eigensinnige und freiheitssüchtige Person. Der Herr Bischof hat recht. Können wir die kleine Soubirous, zu der die Allerseligste Jungfrau sich herabgeneigt hat, herumlaufen lassen wie eine Wilde? fragt er. Der Heilige Vater und seine Kardinäle halten Beratungen über ihre Erscheinungen und Wunder ab, und sie will leben, wie alle anderen Frauen leben? Nein, nein, sagt der Herr Bischof, die Bernadette ist eine kostbare Blume, die wir in Obhut nehmen müssen ... Siehst du das ein, mein Kind?«

Bernadette sitzt tief gebeugt da und gibt keine Antwort.

»Vor langer Zeit hab ich zu dir gesprochen«, daran erinnert jetzt Peyramale. »›Du spielst mit dem Feuer, o Bernadette!‹ Aber du bist selbst nicht schuld daran, mit dem Feuer gespielt zu haben. Deine Dame ist das himmlische Feuer, o Bernadette. Sie hat dich über alle Menschen erhöht. Es ist wirklich möglich, ma petite, daß dein Name deinen Tod überleben wird. Meinst du, das verpflichtet zu nichts? Willst du plötzlich dein Schicksal schwänzen wie die Schule und Dienstmädchen bei einer alten Witwe werden? Der Himmel hat dich erwählt, meiner Treu, es bleibt dir nichts anderes übrig, jetzt mußt du den Himmel erwählen, mit ganzer Seele. Ist das nicht wahr? Sag selbst ...«

»O ja, das ist wahr«, haucht Bernadette nach langem Schweigen.

Peyramale wechselt in eine leichtere Tonart hinüber:

»Nächstens einmal wird hier der Bischof Forcade von Nevers auftauchen. Das ist ein gar freundlicher Herr, nicht halb solch eine Kratzbürste wie unser Bischof. Er wird dich dies und jenes fragen, und du wirst ihm dies und jenes antworten, völlig aufrichtig, und ganz wie's dir ums Herz ist. Ihm untersteht das Mutterhaus der Schwestern von Nevers, die du ja seit deiner Kindheit so gut kennst. Die Regel dieses Ordens ist schön und erhaben, und die Frauen dort sind keine Kellerpflanzen, sondern stehen mitten im praktischen Leben. Du glaubst doch nicht wirklich, daß es besser ist, bei fremden Leuten im Dienst zu sein oder ihre Wäsche zu waschen ...«

Bernadette, die sich vollkommen beruhigt hat, wendet ihre aufmerksamen Augen nicht von Peyramale, der wieder auf und ab geht.

»Noch eins«, sagt er plötzlich. »Du würdest dir doch lieber die Zunge abbeißen als mich um etwas bitten. Aber ich weiß nur zu gut, wie sehr dir der Zustand deiner Familie das Herz abdrückt. Deine Eltern plagen sich sehr, aber sie haben keinen glücklichen Griff und verstehen das Wirtschaften nicht. Nun, Bernadette, hier hast du meine Hand! Ich verspreche dir, noch ehe du von Lourdes fortgehst, werden deine Leute in der oberen Lapaca-Mühle sitzen, und ich selbst werde darüber wachen, daß es diesmal nicht wieder schief geht ...«

Peyramale hält ihr seine mächtige Hand hin, in der die ihre verschwindet. Plötzlich aber beugt sie sich über des Pfarrers Hand und küßt sie.

»So, und das wäre alles«, knurrt Peyramale. Als sie sich aber verabschieden will, hält er sie mit gerunzelter Stirn zurück:

»Nein, es ist noch immer nicht alles, Bernadette.«

Seine Stimme sagt das leise und tief. Schon vorhin, als er bis in die Stirn errötete, fiel es ihm schwer, zu reden. Jetzt ist es noch schwerer. Er zündet währenddessen mit viel Umständen die Petroleumlampe an:

»Versteh mich recht, Bernadette«, räuspert er sich. »Ich glaube dir. Wahrhaftig, ich glaube dir. Du hast mich überzeugt. Nur in einem einzigen Punkt kann ich meinen Zweifel noch immer nicht loswerden. Es sind die Worte ›L'immaculada Councepciou‹. Alles was deine Dame sonst gesprochen hat, ist unnachahmlich wie das Leben, und keiner kann sich's aus den Fingern saugen. Diese zwei Worte aber klingen so betont und gebrauchsfertig und sind ein faustdicker Hinweis, daß man meinen könnte, ein lederner Theologe habe sie gesprochen und nicht die Allerlieblichste, die du gesehen hast. Nimm jetzt all deine Kraft zusammen, liebe Seele, erforsche dein Gedächtnis und dein Gewissen. Sind dir diese Worte nicht doch von irgendwoher zugeflogen, und du hast sie in deiner Entrückung einfach mitgenommen als Worte der Dame? Es ist eine fürchterlich ernste Frage, Bernadette. Ich dürfte als Pfarrer von Lourdes und als Mitglied der Untersuchungskommission gar nicht so zu dir reden. Wenn du dich aber an denjenigen erinnern könntest, der dir diese zwei Worte zuerst genannt hat, wenn du die Möglichkeit zugeben wolltest, daß du müde, verträumt, unaufmerksam warst und es dir später nur so vorgekommen ist, als habe die Dame selbst diese Worte gesprochen, dann würde sich vielleicht manches ändern. Du müßtest vor der Kommission diese einzige deiner Aussagen widerrufen. Das Wesen der Dame wäre dann nicht mehr so übergenau bestimmt wie jetzt, und der Bericht hätte neu abgefaßt zu werden. Verstehst du mich? Oh, du bist klug genug, mich zu verstehn. Es ist wahrlich nicht die Sache des Pfarrers, so mit dir zu reden. Widerrufst du aber diesen einzigen Punkt, dann ist es nicht ganz und gar unmöglich, daß sich für dich irgendwo in der weiten Welt ein Mauseloch öffnet, in dem du dich verkriechen kannst zu einem gewöhnlichen Leben ... Willst du Bedenkzeit haben?«

Das Feuer schwätzt. Das Licht singt. Die zwei Menschen atmen laut. Ein kalter Zug dringt durch den Türspalt. Bernadette blickt starr in die Lampe, als interessiere sie nichts anderes als die allzu lange Flamme, die das Glas anzublaken beginnt.

»Ich brauche keine Bedenkzeit«, sagt sie endlich, »denn ich hab Sie nicht angelogen, Herr Dechant ...«

Peyramale schraubt die Flamme kleiner:

»Wer spricht von Lüge?«

Bernadette aber lächelt ihn an:

»Und ich will ja gar nicht in ein Mauseloch hinein ...«

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