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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Fünfunddreißig. Die Dame besiegt den Kaiser

Die Fenster des Kaisers gehen auf den Atlantischen Ozean hinaus, dessen Brandungsdonner bis in das Zimmer dringt, denn die Sommervilla zu Biarritz ist hoch über den Klippen errichtet. Die Fenster sind trotz der lauen Septembernacht nicht geöffnet. Der Zigarettendunst lastet dicht im Raum und sammelt sich um den Kronleuchter und die pompösen Petroleumlampen, die auf den beiden Arbeitstischen stehen. Diese einsame Stunde zwischen zwölf und ein Uhr nachts schätzt der Kaiser besonders hoch. Wie so viele Hörige des Tabaks schläft er schwer und spät ein, und seine geistige Klarheit und Produktivität steigert sich nach Mitternacht. Es ist die Stunde träumerischen Planens für den mächtigsten Herrn der gegenwärtigen Welt. Das gelbliche Gesicht des Fünfzigjährigen, dessen Wangen sonst einen merkwürdig polierten Glanz zeigen, ist entspannt und durchfurcht. Das schwarz gefärbte Haar, meist sorgfältig von links nach rechts in die Stirn frisiert, hält keine Ordnung mehr. Die tagsüber lang ausgezogenen und mit Pomade gesteiften Schnurrbartenden hängen unregelmäßig herab. Der Monarch trägt einen angenehmen, seidenen Schlafrock und weiche Hausschuhe. In solchem Négligé das künftige Schicksal des Kontinents in aller Beschaulichkeit vorzugestalten, das ruft ein prickelndes Behagen an der Macht hervor.

Napoleon III. geht in dem geräumigen Zimmer zwischen den beiden Arbeitstischen hin und her, als säßen an ihnen unsichtbare Sekretärs-Dämonen, denen er allnächtlich die Ordre de Bataille dieses Jahrhunderts diktiere. Auf dem größeren Tisch liegt ausgebreitet eine Karte von Oberitalien, mit geheimnisvollen Einzeichnungen in roter, grüner, blauer Tinte übersät. Sie war beigeschlossen dem fünfmal versiegelten Feldzugsplan des Generalstabs, den gestrigen Tages der Kriegsminister persönlich nach Biarritz gebracht hat. Daß die Sache mit Italien so weit gediehen ist, ahnt die Welt noch nicht. Selbst der große Mann Savoias, Graf Cavour, wird vorerst noch auf dem langsamen Feuer der Unsicherheit gefügig gemacht. Die Zeitungen aber schreiben über den modernen Sinn und die Naturverbundenheit des Kaisers, der täglich ein langes Schwimmbad im Ozean nimmt.

Auch auf dem kleineren Tische liegen unter Bergen von Akten und Zuschriften die Landkarten von Algier, von Äquatorialafrika und Mittelamerika. Der Kaiser hat eine polyphone Art zu träumen. Sein Oheim Bonaparte hatte eine kleine Welt vor sich, blieb stets an Europa und ans Mittelmeer gefesselt, konnte nicht einmal den Kanal überwinden, um Britannien zu strafen. Bei allem Kult, den man mit dem Gründer der Dynastie treibt, der dritte Napoleon fühlt sich dem ersten überlegen. Sein Werk sind keine Schlachten, die, indem sie gewonnen werden, schon verloren sind. Sein Werk ist das vollkommene Eisenbahnnetz, das er in der knappen Zeit von sieben Jahren über Frankreich geworfen hat. Nicht prahlerische Eroberungen sind sein Ziel, sondern der harmonische Ausbau einer durch den französischen Geist zivilisierten Welt, die bis zum Kongo, bis nach Ostasien und vielleicht sogar nach Mexiko reichen wird.

Immer wieder beugt sich der Kaiser über die Generalstabskarte von Oberitalien. Dieser Krieg mit Österreich läßt sich nicht vermeiden. Der blitzgescheite Cavour, überzeugt, Marionettenspieler zu sein, ahnt nicht, daß er nur die Marionette in der Hand eines Größeren ist, Cavours Ziel bildet ein durch das Haus Savoia geeintes Italien. Dies ist nun das Ziel des Kaisers ganz und gar nicht. Er denkt nicht daran, einen Vittorio Emanuele mit einer neuen Großmacht zu belehnen. Zwar einst, in seiner abenteuerlichsten Jugendzeit, hat er den Carbonaris und der »Giovane Italia« feierlich zugeschworen, die Erhebung und Einigung aller Italiener zum siegreichen Ende zu führen. Dies aber waren die republikanischen Blütenträume eines reisenden Habenichts und hoffnungslosen Prätendenten. Louis Napoleon hat niemandem zugeschworen, das Haus Savoia über Gebühr zu erhöhen und damit dem Hause Hohenzollern ein schlechtes Beispiel zu geben. Sein Plan ist origineller und zweckmäßiger: Italien wird geeinigt, aber nicht nur unter einem Monarchen, sondern unter vieren, die man nach Bedarf gegeneinander ausspielen kann. Ein geschlossener Staaten- und Dynastenbund, dessen Bewegungsfreiheit gehemmt ist. Und er, Napoleon, überträgt den Vorsitz dieser Föderation niemandem anders als dem Papst in Rom, dem Souverän des Kirchenstaates. Es ist die gelöste Quadratur des Zirkels italienischer Politik. Es ist aber auch ein gewaltiges Geschenk an die Klerikalen aller Nationen und zugleich wieder eine Kontrolle der katholischen Parteien überall. Die Liberalen werden rasen. Dessen ist sich der Kaiser bewußt. Sie werden Zeter und Verrat schreien. Die Klerikalen und die Liberalen sind die beiden Enden des Waagbalkens der kaiserlichen Herrschaft. Diesen Balken in möglichstem Gleichgewicht zu halten, das ist die ganze Kunst. Nicht religiöse Gesinnung veranlaßt den Kaiser zu dem geplanten Riesengeschenk an Rom. Er selbst denkt und empfindet liberal, wie alle Welt. Aber der Vorrang eines französischen Weltimperiums beruht darauf, daß weder die Italiener noch die Deutschen in den Besitz eines echten Nationalstaates gelangen. Darüber freilich darf man nicht laut sprechen, ohne die Schlapphüte und törichten Rauschebärte Europas, einschließlich Frankreichs, zu ergrimmen. Es muß im Gegenteil alles getan werden, damit die Liberalen nicht vor dem großen Schlage Lunte riechen und vergrämt werden. Ist es ein Zufall, daß die radikalen Zeitungen trotz aller Zensur aufsässiger sind von Tag zu Tag?

Darum ist auch diese Affäre von Lourdes nicht die Bagatelle, wie dem Kaiser all die Unfähigen, wie Fould, Roulland, Delangle immer wieder weismachen wollen, schon aus dem Grunde, weil sie seit geschlagenen acht Monaten mit der Wundergeschichte nicht zu Rande kommen. Der Kaiser hat so etwas in den Fingerspitzen. Es ist nicht zu glauben, seit acht Monaten bildet dieses triste Lourdes ein Prunkstück des internationalen Journalismus. Der Kaiser wird von allen Seiten zu irgendeiner Entscheidung gedrängt. Seine bewährte Kunst, nichts zu hören und zu sehen, sich gewissermaßen taktisch tot zu stellen, wird täglich arg in Anspruch genommen. Gestern hat Herr de Ressegnier vorgesprochen, ein ehemaliger Deputierter der Hochpyrenäen, und heute hat sogar Monseigneur Salinis, Erzbischof von Auch, einen Besuch abgestattet, in welchem er sich auf das dringendste gegen die Einmischung der Behörden in Lourdes aussprach. Merkwürdig genug ist der Besuch dieses Kirchenfürsten, wenn man bedenkt, wie vorsichtig der Episkopat Frankreichs schweigt und die Entwicklung abwartet. Der Kaiser hat dem Deputierten und dem Prälaten ausweichend geantwortet. Ressegnier muß übrigens eine Denkschrift zurückgelassen haben. Wo ist sie nur? Wohin habe ich sie getan? Wenn diese verdammten Sekretäre und Lakaien nicht immer Ordnung stiften wollten auf meinen Tischen! In meiner Unordnung ist mehr Ordnung als im saubersten Archiv. Endlich findet der Kaiser die Denkschrift Ressegniers.

»Euer Majestät«, liest er flüchtig, »wollen gnädigst von der Frage der Erscheinung absehen, obschon Hunderte und Tausende von Zeugen des Glaubens sind, daß hier eine Kundgebung höherer Mächte wirklich stattgefunden hat. Es ist hingegen Tatsache und steht außer jedem Zweifel, daß jenes Wasser der in der Grotte so wundersam entsprungenen, jetzt aber von der Polizei gesperrten Quelle keinem Menschen zum Nachteil gereichen kann. Die von Professor Filhol (Toulouse) durchgeführte Analyse hat diese Unschädlichkeit restlos dargetan. Es ist erwiesene Tatsache, daß eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kranken durch den Genuß dieses Wassers die Gesundheit wiederfand. Im Namen der Gewissensfreiheit, öffnen Sie den Zutritt zur Grotte von Massabielle, Sire! Im Namen der Menschlichkeit, gewähren Sie den Leidenden Heilung! Im Namen der freien Forschung, geben Sie Raum der wissenschaftlichen Durchleuchtung! ...«

Der Kaiser muß laut lachen, als er die Denkschrift in den Papierkorb wirft. Aha, nun bemühen die Herren von der rückschrittlichen Seite auf einmal die Gewissensfreiheit, die Menschlichkeit, die freie Forschung, genau so wie die Herren von der fortschrittlichen Seite den Himmel bemühen, wenn es ihnen in den Kram paßt! Hohl und lügnerisch ist alles in dieser Welt. Jeder will nur das Stückchen Macht für sich und seine Parteigruppe erjagen, das ihm Sattheit und Überlegenheit gewährt. Wissenschaft oder Himmel, beide sind für ihn nur die zielstrebige Verlängerung dieses Stückchens Macht ins Abstrakte. Dem klerikalen Herrn de Ressegnier ist die Quelle, die Jungfrau und die Gesundheit seiner Nebenmenschen gleichgültig wie der Straßenstaub. Er will einen Erfolg haben, das ist alles. Er will sich rächen an seinen Gegnern, da er in den letzten Wahlen von einem Liberalen geschlagen wurde ... Es ist schon ein großes Gefühl, der Kaiser zu sein, der nicht lügen und buhlen muß um die Macht, sondern sie besitzt. In mancher Beziehung hat es der Kaiser besser als der liebe Gott. Der liebe Gott stützt sich hienieden nur auf die Klerikalen. Ich aber stütze mich auf die Gegensätze, auf die Klerikalen und die Liberalen. Meine Herren Klerikalen, Sie bekommen demnächst einen fetten Bissen. Infolgedessen werden Sie auf einen innerpolitischen Sieg verzichten müssen. Die Herren Liberalen hingegen sollen sich in den nächsten Monaten meiner ausgesprochenen Gunst erfreuen.

Der Kaiser blickt auf die Uhr. Halb eins. Er war die ganze Zeit unruhig, da er sich vor dem Schlafengehen noch nach dem Befinden Loulous erkundigen wollte. Loulou, sein einziger Sohn, ist seit zwei Tagen etwas unwohl. Nichts Besonderes. Leichte Temperaturen. Aber bei einem zweijährigen Kinde muß man immer auf gefährliche Überraschungen gefaßt sein: Louis Napoleon ist nicht in Palästen aufgewachsen, sondern in bürgerlichen Wohnungen. Er ist ein Mann mit erprobten Nerven. Er ist ein wenig ängstlich, aber nicht halb so übertrieben wie Eugénie. An Loulous Gesundheit jedoch hängt die Zukunft des korsischen Kaiserhauses.

Der Kaiser läutet und läßt sich Rock und Schuhe reichen. Er ist nicht mehr jung und seiner sicher genug; um sich vor Eugénie Montijo gehn zu lassen. Da sie aus unbedeutenden Verhältnissen stammt, hält sie besonders auf Förmlichkeit. Louis Napoleon hört, daß man vor einer halben Stunde den Arzt geweckt habe. Unruhig betritt er das Kinderzimmer. Er findet seine Frau in Tränen aufgelöst am Bettchen Loulous, der recht gleichgültig mit roten Wangen und glänzenden Augen daliegt. Nur wenn Madame Bruat oder die Wärterin die Kompresse auf seiner Stirn auswechselt, verzieht er das Gesicht und greint ein wenig. Der Arzt lächelt dem Kaiser beruhigend zu:

»Es hat nicht viel zu bedeuten, Sire, der Prinz fiebert sehr leicht, wie wir alle wissen ...«

»Das ist die Diphtheritis, die echte häutige Bräune«, stöhnt Eugénie.

»Zu diesem Befund liegt nicht der geringste Anlaß vor, Madame«, widerspricht der Arzt. »Der Hals des Prinzen ist ganz leicht gerötet, weiter nichts. Wir haben Ähnliches doch schon oft erlebt ...«

»Ist eine Kinderkrankheit zu befürchten, Scharlach oder Masern?« fragt der Kaiser.

»Eine solche Möglichkeit kann man niemals ausschließen, Sire. Vorderhand aber ist jede Besorgnis überflüssig. Ich würde anregen, daß Ihre Majestät sich ruhig zu Bett begeben.«

»Es ist die Bräune, die häutige Bräune«, wiederholt Eugénie tonlos.

Der Kaiser, sehr fahl im Gesicht, tritt näher:

»Du solltest wirklich schlafen gehen, Teuerste«, sagt er zärtlich und legt dabei die Hand auf die Brust des Kindes: »Loulou wird brav sein. Nicht wahr, Loulou, Maman soll schlafen gehn ...«

Damit ist aber Loulou durchaus nicht einverstanden. Er schluchzt herrisch:

»Nein, Maman soll nicht schlafen gehn. Maman soll bei mir bleiben!«

Eugénie wendet ihr leidenschaftlich verweintes Gesicht zum Kaiser empor:

»Oh, Louis, du darfst mir meine Bitte nicht abschlagen«, ruft sie. »Bruat hat eine Flasche Quellwasser von Lourdes mitgebracht. Wir werden Loulou ein Glas davon geben ...«

»Muß das sein, Liebste?« sagt der Kaiser, unangenehm berührt.

»Es muß sein, Louis. Sehr viele Menschen sind schon geheilt worden durch dieses Wasser. Ein zweijähriges Kind wie Loulou ist geheilt worden, vom einen Augenblick zum andern ...«

»Darüber weiß man nichts Bestimmtes, Liebste.«

»Wer nur eine Spur von Glauben in sich hat, weiß es, Louis.«

Der Kaiser kann seine Betroffenheit kaum verbergen.

»Wenn andre sich lächerlich machen, mein Kind, wir sollten es nicht tun, wir dürfen es nicht ...«

»Für das Leben meines Kindes mach ich mich gern lächerlich, Louis.«

Der alte Arzt zwinkert dem Kaiser bedeutsam zu:

»Dieses Wasser ist völlig harmlos. Wenn Madame es so sehr wünscht, so kann man's dem Prinzen ruhig einflößen ...«

Auf diesen Vorschlag eines geeichten Mediziners muß der Kaiser den Rückzug ergreifen:

»Ich möchte nur«, sagt er zögernd, »daß man's nicht an die große Glocke hängt.«

Da aber flammt Eugénie auf:

»Das wär nicht nobel. Das wär niedrig undankbar, Louis. Wie soll die Quelle helfen, wenn man sie schon vorher verleugnet. Im Gegenteil! Ich gelobe hier vor Gott und Menschen, daß ich mich bekennen werde zur Quelle und zur Allerseligsten Jungfrau von Lourdes, wenn sie mein Kind rettet!«

Madame Bruat kommt mit dem Wasserglas. Der Kaiser verläßt achselzuckend den Raum.

Am übernächsten Morgen erscheint die Kaiserin persönlich im Schlafzimmer des Kaisers, um zu melden, daß Loulou völlig fieberfrei ist:

»Die Quelle von Massabielle hat geholfen, Louis.«

»Das ist eine leichtfertige Konstatierung, mein Schatz. Loulou war doch schon öfters krank und ist immer wieder schnell gesund geworden mit Gottes Hilfe. Du tust wahrscheinlich den Pulvern des Doktors großes Unrecht.«

»Du bist ein Atheist, Louis.«

»Das wär weitaus das Dümmste«, lächelt der Kaiser, »was ein Souverän sein könnte.«

»Du bist schlimmer als ein Atheist, Louis. Du hast nicht die demütige Fähigkeit, Gott zu danken für die Gnade, die er uns erwiesen hat. Und gestern noch hast du den ganzen Tag gezittert vor Angst, es könnte Scharlach oder Bräune sein ...«

Der Kaiser, der in fünf Jahren seiner Ehe nicht fünf derartige Morgenbesuche seiner Gattin empfangen hat, fühlt sich äußerst geniert, da er mit Haarnetz und Schnurrbartbinde überrascht worden ist:

»Du tust mir Unrecht, Liebe«, sagt er enerviert. »Ich weiß, daß wir nur der Gnade Gottes das Leben Loulous verdanken. Diese Überzeugung aber verpflichtet mich noch lange nicht, meiner Vernunft zu kündigen und zu glauben, daß ein Glas Trinkwasser aus den Pyrenäen Loulou vom Scharlach gerettet hat.«

Eugénie Montijos klassisches Antlitz wird hart und spitz:

»Du leugnest also auch die geringste Möglichkeit, daß es das Wasser von Massabielle war, das Loulou binnen vierundzwanzig Stunden fieberfrei gemacht hat.«

»Auch dies ist ungerecht«, leidet der Kaiser mit halb geschlossenen Augen. »Ich halte neben den vielen natürlichen Erklärungen, die es gibt, auch eine übernatürliche für nicht unmöglich. Nur habe ich gar keinen Anlaß, ein Mirakel für sicher zu nehmen, solange Natur und Medizin vollkommen zur Erklärung ausreichen. Überlassen wir das doch den alten Weibern! Unser Kind ist gesund. Daß Gott geholfen hat, weiß ich. Daß der Arzt und die Natur geholfen haben, das weiß ich ebenfalls. Daß Lourdes geholfen hat, ist möglich, ich weiß es aber nicht ...«

»Ich aber weiß es, Louis«, sagt die Kaiserin kampfbereit, »und niemand wird mich abhalten, zu danken, auch du nicht!«

»Warum sollt ich dich abhalten davon, Liebe?« meint der Kaiser versöhnlich.

»Also, Louis, du bist bereit, meinen Wunsch zu erfüllen«, fällt Eugénie schnell ein. »Ich hab für uns beide gelobt, daß du, wenn das Lourdeswasser hilft, die Sperre der Grotte aufheben wirst ...«

Louis Napoleon kann seinen Unwillen kaum mehr bezwingen:

»Gelübde legt man für sich selbst ab, Beste«, sagt er, »und nicht für andere. Und außerdem ist Lourdes ein heikles Politikum. Im Augenblick darf ich aus schwerwiegenden Ursachen die liberalen Parteien nicht verstimmen ...«

»Meine Gründe als Frau und Mutter sind viel schwerwiegender als jede Augenblickspolitik«, erwidert Eugénie erblassend, und Eigensinn, Ehrgeiz und Energie machen ihr Gesicht für den Gatten unangenehm.

»Meine Regierung«, erklärt er nach einer Pause heiser, »hat von allem Anfang an in dieser Affäre eine ablehnende Haltung eingenommen. Und nicht nur meine Regierung, sondern ebenso der französische Episkopat, meine Liebe, dem nicht einmal du ausgesprochenen Atheismus zum Vorwurf machen kannst. Wir sind alle abhängig von der öffentlichen Meinung. Die öffentliche Meinung unserer Zeit lehnt sich gegen die muffige Mystik zurückgebliebener Bevölkerungsteile auf. Sie tut es, weil sie im Kampf steht um einen neuen Geist. Dieser Geist fördert mich. Stell ich mich ihm in den Weg, vernichtet er mich. Hör gut zu: wenn ich die Sperre jener Grotte aufhebe, blamiere ich meine eigene Regierung, das heißt mich selbst. Und das forderst du von mir? Du forderst, daß ich gegen alle politische Vernunft dem Zeitgeist ins Gesicht schlage und ohne Notwendigkeit öffentlich Widerruf leiste?«

Eugénie tritt dicht an den Gemahl heran und ergreift seine beiden Hände:

»Louis«, sagt sie mit sehr dunkler Stimme, »der Kaiser ist abhängig von noch viel größeren Mächten als der öffentlichen Meinung. Du spürst es ja selbst. Warum würdest du dich sonst mit Madame Frossart beraten, der Wahrsagerin und Hellseherin? In deiner Stellung gibt es keinen gleichgültigen Atemzug und keine opportunistische Ausflucht, mein Freund. Wenn du träumst, machst du Geschichte. Der Souverän kommt nicht um den Himmel herum. Das hast du selbst immer gesagt. Und gerade diesmal willst du um den Himmel herumkommen? Jetzt, wo das größte Jahr deiner Regierung vor dir steht? Bedenke! In Frankreich fließt eine Gnadenquelle, die Heilung um Heilung vollbringt. Du selbst hast deinem Sohn, der in Gefahr war, zu trinken gegeben von ihr ...«

»Um bei der Wahrheit zu bleiben, Madame«, knirscht Napoleon, »nicht ich war's, weiß Gott ...«

»Gleichgültig«, sagt die Spanierin, »Loulou ist fieberfrei. Jene Macht, die durch ein unschuldiges und begnadetes Mädchen die starke Quelle von einer Stunde zur andern hervorbrachte, hat sich dir gnädig erwiesen. Und du wagst es, diese Macht um ihren Lohn zu betrügen? Hältst du es wirklich für weniger gefährlich, Gott und der Jungfrau ins Gesicht zu schlagen als deinem sogenannten Zeitgeist? Und das, nachdem du ein Gelöbnis des Dankes geleistet hast? ...«

»Das hast du geleistet, nicht ich«, insistiert der Kaiser hoffnungslos.

»Gleichgültig! Es ist geleistet. Es muß erfüllt werden! Weniger für mich als für dich. Denn dein Reich steht auf dem Spiel, Louis ...«

Der Kaiser geleitet Eugénie in ihre Zimmer zurück, ohne ein Wort mehr zu verlieren.

Der Tag verläuft für ihn äußerst unbehaglich. Dieses schöne Weib besitzt eine unwiderstehliche Kraft, ihn in Unruhe zu versetzen. Sie wird kalt und immer kälter und schließlich so eisig, daß man vor ihr nach Paris fliehen möchte. Auch hat man einiges andere auf dem Kerbholz, das sie einem an solch einem Tage zu fühlen gibt. Man hat keine Freude am Bad. Man kann nicht recht arbeiten. Man kann nicht einmal die schöne Mitternachtsstunde schöpferischer Einsamkeit genießen. Am bedenklichsten aber ist der Stachel, den die Rede des Weibes im Herzen des Mannes zurückgelassen hat. Eugénie ist im Recht. Sie darf ihr Gelübde nicht brechen. Und er darf es auch nicht brechen, obwohl er's gar nicht geleistet hat. Welche Macht auch immer hinter den Erscheinungen und Heilungen von Lourdes stehe, sie kann dieselbe Macht sein, die hinter der Weltgeschichte steht und somit auch hinter dem italienischen Unternehmen.

Nichtige Knirpse haben es leicht, Freidenker zu sein. Was riskieren sie dabei? Darf es aber der größte Monarch des Erdballs wagen, um die Freidenker nicht zu verstimmen, jene tausendfach reizbarere Macht zu verstimmen, die über Sieg und Niederlage der Nationen entscheidet? Schon solche kalten Überlegungen sind unvorsichtig, denkt der Kaiser, zwischen seinen Arbeitstischen spazierend, denn wer kann wissen, ob jener Macht, die überschwengliche Hingabe fordert, diese listigen Überlegungen verborgen sind? Wer Akten schmiert oder Waren verschleißt, kann sich ohne Schwierigkeiten über den Aberglauben lustig machen. Wer die Welt beherrscht, weiß aus täglicher Erfahrung, daß es in ihr nicht mit rechten Dingen zugeht, daß die Verquickungen der Geschehnisse nicht von ihm abhängen, daß er ein Spielball geheimer Kräfte und Gegenkräfte ist, die nach Anbetung und Opfer verlangen und immer wieder verlockt oder ausgesöhnt werden müssen. Ob die Kugel eines Attentäters trifft oder nicht, das hängt weniger von der Ballistik ab als von jenen Mächten, mögen sie ein dreieiniger Gott sein oder der Wille der Gestirne. Nur ein Herrscher erlebt es, wie sehr er außerhalb des erkannten Naturgesetzes steht, das heißt, inmitten des Wunders. Darum ist der Glaube der Könige und der Gewaltigen seit eh und je der Aberglaube ...

Am dritten Abend seines stummen Krieges mit dem Weibe gibt der Mann sich geschlagen. Es handelt sich nur mehr um die Form, welche er seiner Kapitulation zu verleihen gedenkt. Nach langem Hin und Wider entschließt sich der Kaiser zu einem sehr ungewöhnlichen Schritt. Er vermeidet den bürokratischen Geschäftsgang. Da er sich vor seinen Ministern schämt, umgeht er dieselben. Weder Fould noch Roulland oder Delangle werden verständigt. Der Kaiser wirft eine Depesche an den Präfekten von Tarbes aufs Papier:

»Sie haben den Zugang der Grotte westlich von Lourdes unverzüglich dem Publikum zu öffnen. Napoleon.«

Das ist alles. Die Depesche wandert aufs Telegraphenamt. Mit einer Abschrift wandert der Kaiser zur Kaiserin. Eugénie errötet tief:

»Ich wußte immer, Louis«, sagt sie, »daß du ein großes Herz besitzest, das sich selbst zu überwinden vermag ...«

»Tatsache ist, Madame«, erwidert er auf diese Deklamation äußerst förmlich, »daß die Dame von Lourdes in Ihnen eine vortreffliche Verbündete gefunden hat ...«

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