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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Vierunddreißig. Eine Analyse und zwei Majestätsbeleidigungen

Ernster Aufruhr droht von einer Seite, die sonst durchaus nicht zur Partei der Dame von Massabielle gehört. Unter den Arbeitern der Provinz geht das Gerücht um, Bernadette Soubirous sei geraubt und ins Gefängnis oder Irrenhaus überführt worden. Der Besuch des rotbärtigen Psychiaters in Lourdes ist nicht unbemerkt geblieben. Jacomet mußte ihn unter Gendarmeriebedeckung in einem eigenen Wagen aus der Stadt bringen lassen, denn Antoine Nicolau hatte hoch und heilig geschworen, den Postomnibus aufzuhalten und noch vor Bartrès den außerordentlichen Professor nicht nur zu verprügeln wie jenen »englischen Millionär«, sondern ihm glatt den Garaus zu machen.

Bernadette bleibt nach dem Besuch des Rotbarts verschwunden. Da entfaltet der Müller Antoine eine wilde politische Propaganda. Er spricht zu den Arbeitern des Sägewerks Lafite und der Großmühle Claverie, zu den Arbeitern der Wagenfabrik Duprat, der Ziegelei Sourtroux und der Spiritusbrennerei Paguès. Er spricht zu den Schieferbrechern, Steinhauern, Holzfällern, Wegemachern, von denen er die meisten kennt:

»Sind wir freie Männer in Frankreich oder Sklaven?« fragt er hetzerisch.

»Sklaven sind wir«, schallt es ihm entgegen, und diese Antwort ist nicht einmal ganz falsch, denn des Kaisers Herrschaft ist unkontrolliert und absolut, dank dem Gesetze der Sûreté Générale. Antoine Nicolau findet ein williges Ohr für seine Demagogie zugunsten Bernadettens. Wenn man auch im katholischen Süden lebt, so ist es doch dasselbe Arbeitsvolk, das in den Jahren 1789, 1830, 1848 die Barrikaden bestiegen hat, um sich den Privilegierten entgegenzuwerfen, zu denen in seinen Augen auch »Le bon Dieu« und »La Très Sainte Vierge« gehörten. Bernadette Soubirous ist ein Kind dieses Arbeitsvolkes von Frankreich, eines seiner allerärmsten Kinder. Seit Monaten vergewaltigen die Privilegierten dieses Kind und martern es durch Polizei, Staatsanwaltschaft, Untersuchungsgericht, Psychiatrierung und nicht zuletzt durch die Kirche selbst. Und warum all diese Quälerei? Weil nicht einer adligen Betschwester, sondern diesem schlichten Volkskind La Très Sainte Vierge erschienen ist und durch die Quelle der verrufenen Grotte Massabielle die Kranken geheilt werden. Was geht das, zum Teufel, den Jacomet, den Dutour, den Massy und den Kaiser an? Gar nichts geht das den Jacomet, den Dutour, den Massy und den Kaiser an! Die sollten lieber zusehen, daß die Hungerlöhne, die Arbeitslosigkeit und das Sterbenselend des Volkes abgeschafft werden. Aber nein, vom Kaiser bis zu Jacomet hinunter sorgen sie nur dafür, daß die Besitzenden und Regierenden keinen Sou verlieren. Hingegen sperren sie eine harmlose Grotte zu und verbieten dem Volke zum Hohn das köstliche Quellwasser, das so manchem Siechen schon geholfen hat. Warum? Um es bald teuer verkaufen zu können und damit ihre eigenen Flaschen und Geldtaschen zu füllen. Und jetzt das Ungeheuerlichste! Sie entführen dieses unschuldige Kind des Arbeitsvolkes, um es im Kerker oder im Narrenturm zu begraben für alle Zeit ...

Am ersten Donnerstag des Monats August bricht der Sturm los. Mehr als tausend Arbeiter legen um vier Uhr nachmittags ihr Werkzeug hin und ziehn in geschlossenen Reihen gen Massabielle. Jacomet hat gerade noch Zeit, die gesamte verfügbare Gendarmerie, fünfzehn Mann an Zahl, im Laufschritt zur Grotte zu jagen. Die Bewaffneten bilden eine Mauer vor dem Plankenverschlag. Nach einer wüsten Wut- und Schimpfattacke kommt es zum Kampf. Die Gendarmen müssen vom Leder ziehen, um drei Angriffe der Masse zurückzuwerfen. Darauf geht ein Steinhagel auf sie nieder, durch den Belhache ziemlich erheblich unterm rechten Auge verletzt wird. Der Bürgermeister, der Kommissär, der Staatsanwalt, das halbe Landgericht erscheinen am Tatort, um die Situation zu retten. Jacomet, der reden will, wird niedergeschrien. Vital Dutour wird niedergeschrien. Der alte Volkstribun Lacadé hat die bessere Art. Man hört seine ersten Sätze an. Dann aber unterbricht ihn Nicolau:

»Wo ist Bernadette?«

»Bernadette ist in Sicherheit«, schreit Lacadé. »Ich verpfände euch meinen Kopf für sie. War ich nicht immer euer Mann, Leute? Habt ihr mich nicht frei gewählt? Wenn ihr mir Vertrauen schenkt, so werde ich euch Vertrauen schenken. Nicolau, mach Schluß mit diesem verbrecherischen Unfug, dann sollst du erfahren, wo Bernadette sich aufhält ...«

Und diese Lockung wirkt auf Antoine Nicolau.

Der Polizeirapport Jacomets ist ganz danach angetan, den Baron Massy in die schwärzeste Schwermut zu stürzen. Knapp nach dem mißglückten Internierungsversuch durch den Rotbart dieser Schlag, der ernsteste von allen. Die Zeitungen stürzen sich auf die »Vorfälle von Lourdes«, die sie mit scheinheiliger Besorgnis ausbreiten. Das französische Volk sei ein Volk der selbständigen Vernunft, aber nicht des blinden Gehorsams. Man könne Kosaken und Preußen absolut beherrschen, nicht aber die große Nation Voltaires und der Enzyklopädisten. Die gallische Rasse besitze Ironie genug, eine abergläubische Episode zu benutzen, um ihre warnende Stimme zu erheben. Die arme Bernadette sehe eine mystische Dame in der Höhle von Massabielle. Gewisse Kreise mögen in derselben Höhle die Flammenschrift erkennen, mit welcher das souveräne Volk all jene vermahnt, die seine natürlichen Rechte schmälern möchten. Das sind die Worte, die »La Petite République« zu drucken wagt, worauf der Zensor einen Teil der Nummer beschlagnahmt, während der andere seine Leser schon erreicht hat.

Auf der Jakobsleiter der Ämter beginnt wieder das übliche Gedränge von Anfragen und Rückäußerungen. Vom Kaiser selbst ist noch immer keine Willensentscheidung zu erlangen. Jetzt ist er Gatte, Vater, Sommergast von Biarritz, genießt das Seebad, und wenn Finanzminister Fould mit seinen Querelen auftaucht, läßt er sich verleugnen. Baron Massy ist des unfruchtbaren Geschäftsganges müde. Er hat der Grotte von Massabielle, die seinen Stolz so oft erniedrigte, bittere Rache geschworen. Nach der ersten Betroffenheit sieht er plötzlich den Weg dieser Rache vor sich. Mögen die »subversiven Elemente« sich sammeln zu Tausenden, zu Zehntausenden, möge eine regelrechte Revolution ausbrechen in Lourdes, ihn soll's nur freuen. Er wird nicht zögern, diese höllische Grotte mit den Geschützen des Artillerieregiments von Tarbes zusammenkartätschen zu lassen, auf eigene Rechnung und Gefahr.

An den Unterpräfekten, an den Bürgermeister, an den Polizeikommissär von Lourdes ergeht die schärfste Weisung des Barons. »Sollten sich die Unruhen wiederholen, sollte es zu neuen Tätlichkeiten gegen die bewaffnete Macht kommen, so hat sowohl die kaiserliche Gendarmerie als auch die allenfalls zur Assistenz herangezogene Truppe nach vorheriger gesetzmäßiger Verwarnung von der Feuerwaffe Gebrauch zu machen.« Lacadé erschrickt heftig, als er diesen Befehl in Händen hält. »Die Schlacht von Massabielle« mit vielen Toten und Verwundeten, das wäre der wünschenswerte Prolog mitnichten für das blühende Trinkkur- und Versandgeschäft heilsamen Mineralwassers. Kann man auf einem Schlachtfeld ein Kasino errichten mit Cafégarten, Musikpavillon, Croquetplätzen, italienischen Festen und Feuerwerk? Du gütiger Himmel! Der Bürgermeister stürzt entsetzt zum Dechanten.

Für Peyramale beginnt nun eine Woche, in der er recht wenig zum Essen und zum Schlafen kommt. Zuerst einmal nimmt er sich den Antoine vor:

»Du gottverlassener Esel«, brüllt er ihn an, »du Unsinniger! Was tust du? Was wiegelst du mir die Leute auf? Soll sich Menschenblut mit der Quelle der Bernadette vermischen? Alles wär damit aus für das Mädel. Und man würde sie mit Recht aus der Welt schaffen wie eine Verbrecherin. Und diese Quelle, die vielleicht ein großer Segen ist, würde verflucht sein für alle Zeit! Begreifst du endlich, was du tust, du Esel, du unseliger?!«

Antoine Nicolau wird blaß und senkt den Kopf.

»Gleich kommst du mit«, donnert der Pfarrer, »und zeigst mir die Rädelsführer alle!«

Daß Marie Dominique Peyramale der Priester der Mühseligen und Beladenen war vom ersten Tage an, das zeitigt nun seine guten Früchte. Er kennt die Bauern, die Arbeiter und armen Leute, und sie kennen ihn. Er hat ihre Sprache heraus. Mit dem ganz kleinlauten Antoine tritt er in die Werkstätten von Lafite, Claverie, Sourtroux und Baguès. Seine unwiderstehlich rauhe Stimme ruft die Männer zur Vernunft:

»Ich weiß, was ihr vorhabt für den nächsten Donnerstag. Zu Zehntausenden wollt ihr kommen von allen Seiten, hein? Nichts anderes werdet ihr erreichen, als daß die Soldaten in euch hineinpfeffern und eine Menge sterben und Krüppel bleiben. Und wofür das? Für die Freiheit der Grotte? Macht mir nichts vor! Eure eigene Sache vermengt ihr mit einer andern Sache. Das tut nicht gut. Das geht miserabel aus ...«

»Wir wollen die Bernadette sehn«, entgegnen ihm die Männer.

Peyramale gibt sich nicht zufrieden. Er geht in die Häuser, die Hütten, die Keuschen. Die Weiber beschwört er, ihren Männern das Leben zu vergällen, damit sie von dem Wahnsinne abstehn:

»Und wenn die Dame wirklich die Allerseligste Jungfrau ist«, ruft er, »was wird sie zu euch Undankbaren sagen?!«

Die Weiber versprechen auf dieses starke Argument hin alles, verlangen aber ihrerseits, Bernadette zu sehen.

Zwei Tage vor der angesetzten Revolte ruft der Dechant Louise Soubirous und Bernadette aus Cauterets heim. Am Mittwoch führt er sie in einem Fiaker kreuz und quer durch Stadt und Umgebung spazieren. Und wiederum tut der frische Anblick des Mädchens, dem der Aufenthalt in den Bergen sichtlich wohlgetan hat, die tiefste Wirkung. Bernadette lächelt achtlos vor sich hin. Die Menschen aber jubeln ihr zu, als der Siegerin.

 

Bürgermeister Adolphe Lacadé brütet dumpf über einem gewichtigen Schreiben, das er vor wenigen Minuten geöffnet hat. Die Stunde ist da, dachte er. Der große Filhol hat seine Analyse gesandt. Im Angesichte Frankreichs und der ganzen Welt kann nunmehr die stärkste Heilquelle der Erde dem leidenden Publikum von der voraussetzungslosen Wissenschaft übergeben werden. An dieser strahlenden Tatsache zweifelte der Bürgermeister nicht, als er mit feierlichen Händen den Brief entsiegelte. Doch schon die erste flüchtige Lesung läßt ihn zusammensinken.

Zwar sind sie alle vorhanden, die braven Karbonate, Chlorate, Silikate, Kalk, Eisen, Magnesium und Phosphor des Apothekers Latour. Wie es sich für die größte Leuchte der Hydrologie und Balneologie gebührt, hat der gründliche Filhol die Liste noch um einige glänzende Namen vermehrt, obwohl von diesen Stoffen nur Spuren sich finden: Ammoniak und Pottasche. Ach, wie gut hört sich das Wort Pottasche an! Es klingt wie ein Fleckputzmittel für die sündigen Eingeweide von Völlerern. Was aber helfen all diese schönen, heilsamen Kunstwörter, wenn das Resultat alle Hoffnung niederschmettert? Denn unter das saubere Kontoblatt seiner chemischen Rechnung schreibt Professor Filhol mit roter Tinte die furchtbaren Sätze:

»Aus obiger Untersuchung geht klar hervor, daß die übersandte Wasserprobe der Quelle von Lourdes als gewöhnliches Trinkwasser bezeichnet werden kann, dessen Zusammensetzung genau den Quellwässern jener Bergzüge entspricht, deren Boden stark kalkhaltig ist. Es enthält nicht die geringste aktive Substanz, die für eine therapeutische Eignung sprechen würde. Es kann daher ohne Nutzen und ohne Schaden genossen werden.«

»Ohne Nutzen und ohne Schaden«, murmelt Lacadé bitter. Da findet er noch einen kurzen, an ihn selbst gerichteten Brief im Umschlag. Darin liest er:

»Die außergewöhnlichen Wirkungen, die man durch den Gebrauch dieses Wassers angeblich erzielt haben will, lassen sich, zumindest vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft aus, nicht durch die verschiedenen, von der Analyse ermittelten Salze erklären, die darin aufgelöst sind.«

Welch ein tückisches Ungeheuer von einem Satz, ergrimmt der Bürgermeister. Heute lassen sich die Heilungen durch die ermittelten Salze noch nicht erklären, dafür aber morgen vielleicht. Der Herr Professor, es ist wahrhaftig niederträchtig, läßt durch die Haupttür das Wunder ein, während er augenzwinkernd die Hintertür für die Wissenschaft freihält. Zwei Gesichter hat der Herr Professor. Von ihm hätte man das am allerwenigsten erwartet. Es ist ein Dolchstoß in den Rücken des Fortschritts und des guten Geschäfts. Was bezweckt der Herr Professor damit?

So wie Staatsanwalt Dutour immer fragt: Cui bono? so fragt Lacadé stets: Ad quem finem? Zu welchem Zweck? Er fragt's freilich nicht in Latein. Doch er kennt sich selbst zu genau, um nicht zu argwöhnen, daß jede menschliche Handlung nichts anderem diene als dem vorher errechneten Gewinn. Er hat den Filhol vermutlich unterschätzt. Diese Professoren sind heute keine Narren mehr. Eine Kapazität wie Filhol weiß genau, daß seine Analyse schweres Bargeld wert ist, worüber er freilich keine Rechnung schicken kann. Sein Spruch schafft Kurorte aus dem Nichts und läßt sie wieder verdorren. Warum sollte er der Stadt Lourdes für Gottes Barmherzigkeit zu einem Riesengeschäft verhelfen? Lacadé schlägt sich mit der Faust an die Stirn. O du Idiot! Zu blind, zu geizig warst du, um nach Toulouse zu reisen und an den Herrn Professor einen oder zwei Tausender zu wenden. Leerem Geschwätz hast du vertraut, das zu verraten vorgab, aus Toulouse werde eine märchenhafte Analyse einlaufen. Da hast du dich hinreißen lassen, das Gutachten Latours im »Lavedan« zu veröffentlichen. Und vorgestern noch, hol dich der Teufel, Lacadé, warst du so eitel und unvorsichtig, dich vor dem Gemeinderat mit der Kurkommission wichtig zu machen, ungeachtet der gestielten Augen des Pfiffikus Labayle. Über Sechzig bist du alt und noch immer vorschnell, aus dieser blöden Gier, die du nicht loswerden kannst. Was jetzt? Kein Zurück gibt es mehr. Du kannst Filhols Analyse nicht ungeschehen machen. Du kannst sie nicht verbrennen. Du mußt sie veröffentlichen. Wahrscheinlich hat sie der Herr Professor auch schon in der »Dépèche de Toulouse« publiziert. Jetzt heißt es die Suppe auslöffeln. Mit diesen Kopfschmerzen, mit diesen gottverdammten Kopfschmerzen ...

Lacadé preßt die Hände gegen die Schläfen, seine Kopfschmerzen jedoch, ein altes Übel, das von der Verdauung kommt, werden immer schlimmer. Er stöhnt eine geraume Weile in seinem Büro herum. Plötzlich aber hält er im Wandern inne und starrt in einen Winkel:

Wie, wenn Filhol, dieser geriebene Bursche, noch gescheiter wäre als gescheit? Wie, wenn er, hundertfach mir überlegen, die einzig richtige Fährte gewittert hätte? Die Kopfschmerzen Lacadés überschreiten jetzt das gewohnte Maß. Seine Phantasie füllt sich mit einer Hetzjagd unausgegorener, aber interessanter Einfälle. Er läutet dem Sekretär Courrèges und gibt den Auftrag, sogleich in aller Heimlichkeit eine Flasche Quellwassers von Massabielle hierher zu bringen. Eine halbe Stunde später steht das Geforderte auf dem Tisch. Lacadé hat das klare Wasser aus der Flasche in einen Kristallkrug geleert. Nun funkelt es in der altgoldenen Nachmittagssonne, dieses sonderbare Naß, das als gewöhnliches Trinkwasser keine therapeutische Eignung besitzt und doch schon so manche Heilung verursacht hat. Bouriette sieht auf seinem blinden Auge, und das lahme Kind Bouhouhorts läuft herum. Lacadé betrachtet lange die spielenden Lichter im Kristall, die ein schwankes, regenbogenhaftes Gebilde an die Wand werfen. Beim heutigen Stande der Wissenschaft, denkt er, läßt sich nichts damit anfangen. Das bedeutet aber nicht, daß man nicht doch noch zum Ziel kommen kann. Nicht auf einem Rückzuge freilich, sondern auf einem Vormarsch in anderer Richtung. Kurgäste sind Kurgäste und bringen ihr Geld ins Land, gleichgültig, ob sie Karbonate und Phosphate suchen oder das Wunder. Pfeift nicht eine Lokomotive?

Der Bürgermeister geht zur Tür und sperrt sie äußerst behutsam ab, damit Courrèges und Capdeville ja nicht das Knirschen des Schlüssels vernehmen. Leise auch zieht er die schweren Fenstervorhänge zu, als schäme er sich vor Gott des Versuches, den er nun wagt. Das Zimmer ist in purpurnes Dunkel gehüllt und der Prismenglanz des Kruges erloschen. Lacadé prüft den Stand seiner Kopfschmerzen. Sie sind noch saftig genug, stellt er fest. Dann schenkt er sich ein Glas Mirakelwasser voll, geht damit in eine Zimmerecke, kniet dort ächzend nieder und beginnt ein paar Aves herunterzubeten. Da ihn die Knie, die viel zu tragen haben, gar bald gewaltig schmerzen, trinkt er schon vor dem zehnten Ave das Glas auf einen Zug leer. Nach dieser Anstrengung legt er sich erschöpft aufs Sofa, um die Wirkung abzuwarten. Von Zeit zu Zeit stellt er die Frage an sich: Sind die Kopfschmerzen besser geworden? Es ist verwirrend. Er weiß es selbst nicht. Man muß es noch einmal versuchen, beschließt er und kniet und betet und trinkt von neuem. Beim drittenmal ist er fast sicher, daß die Kopfschmerzen zu weichen beginnen. Da lacht Adolphe Lacadé, der Bürgermeister von Lourdes, den alten Jakobiner Lacadé aus und wundert sich darüber, was der aufgeklärteste Mensch zu tun imstande ist, wenn er sich mit sich selbst allein weiß. Und die Kopfschmerzen sind wirklich vorübergegangen ...

Das beweist nichts anderes, meint Lacadé, als daß der Mensch, der Schmerzen hat, auch Glauben hat. Da aber viele Schmerzen haben, und nicht nur gewöhnliche Kopfschmerzen, so haben viele auch Glauben. Und die Glauben haben und gar nichts andres mehr in ihren Schmerzen, die werden kommen.

Ein besonders gutes Publikum dürfte das nicht sein, erwägt der Bürgermeister noch, ehe er ermüdet einschläft.

 

Dies ist das böseste Jahr in der gesamten Karriere des kaiserlichen Staatsanwalts Vital Dutour. Mit der hartnäckigen Erkältung im Februar begann's. Ein wochenlanger Schnupfen, eine geschwollene, rote Nase sind durchaus nicht danach angetan, das Selbstbewußtsein eines herrschsüchtigen Mannes zu erhöhen. Dann kam das sonderbare Verhör mit Bernadette Soubirous, wobei sich Vital Dutour seine erste Schlappe zuzog. Ein guter Jurist weiß Amt und Leben aufs schärfste zu trennen. Wohin käme man, würden das Schicksal jedes Angeklagten, der Zweifel über die Rechtlichkeit dieses oder jenes Urteils seine Spuren ins Gemüt graben? Die Herren vom Gericht müssen schnell die Kunst erlernen, beim Verlassen des Justizgebäudes all die kummervollen Lasten abzuwerfen, die ihnen ihr Beruf auflädt. Darin gleichen sie naturgemäß den Ärzten, die auch nicht an jedem Sterbebette in Tränen ausbrechen können. Mit der sichersten Routine weiß Vital Dutour schon an der Pforte des Verhandlungssaals oder des Amtszimmers die soeben gepflogenen Vernehmungen und Verhöre zu vergessen. Jenes Verhör mit Bernadette Soubirous aber kann er nicht vergessen. Es miniert in ihm weiter, dieses Verhör, heute noch, nach einem halben Jahr. Ihm scheint es, als sei er selbst verhört worden anstatt zu verhören, als habe das gleichmütige, unberührbare, unerreichliche Wesen dieses Mädchens die Forderung an ihn gestellt, sein Leben zu ändern. Es muß zur Schande der kaiserlichen Staatsanwaltschaft offen bekannt werden, Dutour ist seit Wochen tief verstört. Aus dieser Verstörtheit und nicht etwa aus philosophischen Gründen erklärt sich seine Erbitterung, ja sein Haß gegen Bernadette Soubirous, gegen die Dame, die Grotte, die Quelle und das ganze Mirakelwesen, das seine Nerven bis in den Schlaf hinein peinigt. Er hat sich darüber mit den Herren von der Tafelrunde im Café Français zerstritten, mit Estrade, Dozous, Direktor Clarens und noch einigen andern, die entweder schwanken oder hemmungslos ins Lager des Mystizismus übergegangen sind, wie der Steuerverwalter. Andrerseits ist Dutour auf die banale Gesinnungsgemeinschaft mit Herrn Duran und seinesgleichen auch nicht gerade stolz. Restaurant und Kaffeehaus bilden für einen Junggesellen, der durch die unerforschliche Vorsehung der französischen Justizverwaltung in einem großen Dorf zu leben gezwungen ist, einen Ersatz für Heim, Familie, Theater und kultivierte Vergnügungen. Dutour hat die angenehme Gesellschaft verlassen, in der sich einst die regeren Geister tummelten. Er teilt nun die Gesellschaft des öden Jacomet und einiger ebenso öder Juristen und Garnisonsoffiziere.

Nach der unverzeihlich plumpen Geschichte mit dem Lockspitzel, deren er sich zähneknirschend schämt und die trotz aller Abdichtungen dennoch den Weg in die Zeitungen gefunden hat, erhält Dutour von der Oberstaatsanwaltschaft aus Pau einen haushohen Rüffel. Nach dem Aufruhr vor der Grotte, während dessen der Gendarm Belhache eine Wunde empfing, wird Dutour in Person nach Pau beordert. Sein Vorgesetzter Falconnet, ein älterer Herr, empfängt ihn händeringend.

»Der Kaiser beklagt sich über die Justiz«, quengelt Falconnet. »Ich habe einen schrecklichen Brief des Ministers bekommen. All das muß anders werden. Ich sitze nicht an der Quelle. Sie sitzen an der Quelle. Tun Sie etwas, Herr!«

Tun Sie etwas, Herr! Tun Sie etwas, Herr! Diese Melodie traben die Postpferde, als Dutour nach Lourdes zurückfährt.

Was aber soll er tun? Falconnet hat es leicht, Vorschriften zu machen. Der Staatsanwalt läßt sämtliche Gendarmen und Polizisten antreten und schärft ihnen ein, das Gerede der Menschen, die stets um die Grotte versammelt sind, genau abzuhorchen. Jedermann, der despektierliche Äußerungen gegen die Regierung gebrauche oder sich gar zu einem hochverräterischen Wort hinreißen lasse, möge erbarmungslos festgenommen werden.

Bereits am nächsten Tage erscheint der kleine Callet mit einer Gefangenen triumphierend vor dem kaiserlichen Staatsanwalt, in dessen Büro sich gerade der Kommissär Jacomet befindet. Es ist eine gewisse Cyprine Gesta, eine Dame der guten Gesellschaft Lourdes', Freundin der Madame Millet und ihres Kreises. Der gute Polizist Callet hat einen »Pique« auf die bessere Gesellschaft im allgemeinen und auf die Frau Gesta im besonderen.

»Sie hat behauptet«, quäkt er heiser, »daß der Skandal erst dann aufhören wird, bis der Kaiser und die Kaiserin persönlich zur Grotte kommen.«

»Stimmt diese Angabe, Madame?« fragt Dutour.

»Sie stimmt aufs Wort, Monsieur«, nickt Cyprine Gesta, eine rundliche Dreißigerin, mit dem ruhigsten Gesicht der Welt. Diese Ruhe einer durch sein Machtgeheiß Verhafteten reizt den Staatsanwalt:

»Ist es wirklich Ihre Meinung, daß die Majestäten zur Grotte kommen werden, die von ihrer eigenen Regierung gesperrt ist?«

»Es ist meine feste Überzeugung, Monsieur, daß die Majestäten auf ihre alberne Regierung pfeifen und demnächst zur Grotte der Dame von Massabielle pilgern werden ...«

Genau bei dieser höhnischen Antwort verliert der abgebrühte Staatsbeamte Dutour den Kopf. Wie von einem verhängnisvollen Einfluß besessen, springt er auf und schreit:

»Das ist Majestätsbeleidigung. Ich erhebe gegen Sie die Anklage wegen Majestätsbeleidigung!«

»Tun Sie das ruhig, Monsieur«, erwidert Madame Gesta mit vollendeter Ironie. »Darf ich mir aber die Frage erlauben, worin diese Majestätsbeleidigung besteht?«

»Darin, daß Sie die geistigen Qualitäten der Majestäten den Ihrigen gleichsetzen, Madame.«

Wenn ein Vernünftiger die Vernunft einbüßt, geschieht es meist gründlich. Ein sonst streng beherrschtes Gefühlsleben rächt sich dann durch überraschende Eruptionen. Vital Dutour, grün vor Galle, erhebt wirklich diese lächerliche Anklage gegen Madame Cyprine Gesta. Schon nach kürzester Zeit kommt die öffentliche Verhandlung vor dem Friedensrichter Duprat zum Austrag. Unter dem Freuden- und Hohngelächter des voll gedrängten Auditoriums muß Duprat, ein Freund des kaiserlichen Staatsanwalts, die Angeklagte Cyprine Gesta vom Vergehen der Majestätsbeleidigung freisprechen und kann sie nur mit Ach und Krach zu den üblichen fünf Francs verurteilen.

Nun aber kennt die Besessenheit Dutours keine Grenzen mehr. Was in Lourdes nicht gelungen ist, wird vielleicht in Pau unter den Augen Herrn Falconnets gelingen. Der Staatsanwalt legt gegen diesen Freispruch Berufung ein. Der Prozeß wird an die höhere Instanz in Pau abgetreten. Am Tage der Verhandlung muß Cazenave einen zweiten Postwagen einschieben, denn eine große Schar sommerlich hell gekleideter Frauen, lachend und scherzend, läßt es sich nicht nehmen, die Verbrecherin zu begleiten. Es geht wie zu einem Fest. Die Damen kommen voll auf ihre Kosten. Pau bestätigt nicht nur den Freispruch, sondern hebt auch noch die kleine Verurteilung auf. Oberstaatsanwalt Falconnet sagt vor Zeugen:

»Dieser arme Dutour bedarf zehnmal mehr der Psychiatrierung als die ganze Bernadette Soubirous.«

Gebrochen schleicht der kaiserliche Staatsanwalt in seinem Büro umher. Die Wunde, die er sich, Gott weiß warum, selbst zugefügt hat, ist unheilbar. Er hat sich zum Gespött der Zeitungen gemacht und wahrhaftig nicht nur der klerikalen. Seine Karriere, so vermutet er, ist zu Ende. Für Zeit und Ewigkeit verdammt zur schwärzesten Provinz, so lautet das Urteil. Sooft er sich im Spiegel sieht, zieht er eine angeekelte Grimasse.

Callet aber, der Zauberlehrling, ist nicht abzuschrecken. Nach einer Woche schon rückt er mit neuer Beute an. Es ist diesmal eine pompöse Dame in ausladender Glockenkrinoline. Braune Seide. Violetter Sonnenschirm. Aus der Stirn gestrichen das hochfrisierte Blondhaar, auf dem ein Blumenhütchen schwebt. Callet stellt mit Nachdruck das Corpus delicti auf den Tisch Dutours, eine große Flasche.

»Die Dame hat aus der Quelle geschöpft«, erhebt der kleine Polizist die Anklage, »und will die Flasche nicht hergeben. Dann hat sie am Rande Blumen und Gras abgepflückt und sich nicht wegjagen lassen ...«

»Wie heißen Sie, Madame?« beginnt Dutour das Verhör gelangweilt.

»Ich bin Madame Bruat«, sagt die Dame mit der etwas verlegenen Einfachheit derer, die einen klingenden Namen lieber verbergen möchten.

»Madame Bruat?« blickt der Staatsanwalt auf, »Bruat? Stehen Sie in Beziehung vielleicht zu Admiral Bruat, dem ehemaligen Marineminister?«

»Er ist mein Gatte«, erwidert die Dame.

Vital Dutour erhebt sich ziemlich betreten und schiebt ihr einen Sessel hin:

»Wollen Sie mir den Gefallen erweisen, Platz zu nehmen, Madame.«

Frau Bruat lehnt den Sitz ab:

»Ich bin verhaftet und von diesem Herrn durch die Stadt geführt worden. Ich will auch hier nicht besser behandelt werden als alle anderen Angeschuldigten. Darf ich erfahren, was man mir vorwirft?«

Der Glatzköpfige macht einen redlich erschöpften Eindruck:

»Madame«, sagt er halblaut, nachdem er mit einem Augenwink den schrecklichen Callet verscheucht hat, »Madame, Sie tragen einen großen Namen. Ihr Gemahl steht Seiner Majestät, dem Kaiser, nahe, wie man weiß ... Wir, die Beamten dieser Stadt, befinden uns seit vielen Monaten im Kampf gegen eines der tollsten Quiproquos dieses Jahrhunderts. Wir führen diesen Kampf im Auftrage der kaiserlichen Regierung, mit vollem Wissen und Willen Seiner Majestät. Gewisse, politisch einander sehr entgegengesetzte Kreise nehmen die Halluzinationen eines geistesschwachen Mädchens und die Gerüchte über angebliche Heilungen zum erwünschten Anlaß, die kaiserliche Regierung und damit den Kaiser selbst in dem schwächsten Punkt des herrschenden Systems zu treffen. Ich spreche von den Ausnahmegesetzen, auf welche sich ausschließlich die gegenwärtige Regierung stützt. Wird aber einer Autorität, die auf Ausnahmegesetzen begründet ist, der geringste Schaden zugefügt, so gerät sie in bedenkliche Not. Um diese absolute Autorität vor gefährlichen Schlappen zu schützen, haben wir die Grotte Massabielle gesperrt ... Nun aber kommen Damen wie Sie, Madame, die zu den höchsten Kreisen des kaiserlichen Frankreichs gehören, und zeigen dem Volke, daß sie selbst diese höchste Autorität verachten, indem sie sich ihr widersetzen. Was bleibt unsereinem dann zu tun übrig, Madame?«

»Die Anklage gegen mich zu erheben«, lächelt die Bruat, »die Anklage wegen Majestätsbeleidigung etwa ...«

Dutour nimmt diesen vergifteten Nadelstich hin, ohne mit der Wimper zu zucken:

»Ich werde, Madame«, sagt er nach einer längeren Pause, »von Ihnen die vorgeschriebene Buße von fünf Francs einzuheben gezwungen sein. Der zuständige Polizeikommissär wird sie in Empfang nehmen.«

»Mit größtem Vergnügen, Monsieur. Und ich will hundert Francs für die Armen Lourdes' noch dazulegen. Jetzt aber bitte ich um meine Flasche.«

»Die Flasche, Madame, bleibt konfisziert«, sagt der Staatsanwalt.

Die Dame lächelt ein wenig:

»Ich glaube nicht, daß sie konfisziert bleibt, Monsieur. Ich habe sie im Auftrage einer hochgestellten Persönlichkeit angefüllt.«

Dutour ist fest entschlossen, in diesem Punkte nicht zu weichen. Mit einem Ruck zieht er die Flasche an sich heran:

»Welcher Persönlichkeit, wenn ich fragen darf, Madame?«

»Ihrer Majestät der Kaiserin Eugénie«, antwortet Madame Bruat. »Ich habe nämlich die Ehre, die Bonne des kleinen Kronprinzen zu sein.«

Der gelbsichtige Dutour schiebt ihr die Flasche zu:

»Hier nehmen Sie, Madame!« Und er fügt ohne jede Entschuldigung hinzu: »Ich sehe nicht ein, warum ich in einer schwachsinnigen Welt als einziger meine Pflicht erfüllen soll.«

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