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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Vierte Reihe
Die Schatten der Gnade

Kapitel Einunddreißig. Sœur Marie Thérèse verläßt die Stadt

Man hält Bernadettens Ohnmacht anfangs für einen besonders tiefen Zustand der Entrückung, wie ihn ja hier alle schon an dem Mädchen kennen. Niemand ist deshalb ängstlich. Erst als nach langer Zeit Bernadette im Schoße der Mutter die Augen aufschlägt und ihr Gesicht keine Farbe gewinnt wie sonst, sondern von Atemnot verzerrt ist, schreit die Soubirous auf. Die Atemnot steigert sich zu einem schweren Anfall von Herzasthma. Das Antlitz des Mädchens ist ganz verfärbt, die weit aufgerissenen Augen irren ins Leere nach Rettung. Bernadette droht zu ersticken. Der Anfall geht nach einer Viertelstunde vorüber. Doch Bernadette liegt völlig kraftlos auf dem Boden und kann sich nicht rühren.

Da nimmt sie zum zweiten- und letztenmal im Leben Antoine Nicolau in seine Arme und trägt sie behutsam den langen Weg in die Rue des Petites Fossées zurück. Hinterher drängt der flüsternde, entsetzensvolle Weiberhaufen mit den zum Teil noch brennenden Kerzen. Es sieht wahrhaftig aus wie ein Begräbnis, und Onkel Sajou scheint mit seiner Weissagung, man werde aus dem Cachot gar bald einen Sarg heraustragen, nur allzu recht zu haben. Am merkwürdigsten benimmt sich die Soubirous, die unter Menschen sonst eher ein zurückhaltendes Wesen zeigt. Sie führt laute, ja beinahe schreiende Lästerreden gegen die Dame. Wie komme ihr Kind, wie komme sie selbst, wie komme ihre arme Familie dazu, so hart geprüft zu werden von unheimlichen Mächten, die weder vom Pfarrer noch vom Bischof als himmlisch und heilig anerkannt sind. Die Dame sei gar nicht die Allerseligste Jungfrau, sondern vermutlich ein Gespenst des Abgrunds, eine Gesandte des Teufels, und die gescheiten Priester wüßten genau, warum sie die Grotte mieden. Wie könnte diese Dame ein gütig hohes Wesen sein, da sie doch der armen Bernadette den Kopf verdrehe, so daß die zu gar nichts Rechtem mehr brauchbar sei. Und jetzt, anstatt das »Asthma« zu heilen, erwürge der schöne Nachtmahr das Mädel heimlich, ohne daß dieses etwas merke. Solche keifende Anwürfe erhebt die Mutter gegen die Dame, bis ihre Schwester Bernarde Casterot sie zornig anfährt:

»Halt endlich deinen dummen Mund!«

Doktor Dozous wird sogleich in den Cachot gerufen. Er ordnet an, daß man Bernadette unverzüglich ins Hospital der Schwestern von Nevers bringe. Nach der Untersuchung aber beruhigt er die Eltern. Es sei keine gefährliche Krankheit, sondern immer wieder das alte Asthma, an dem die Bernadette seit ihrer Kindheit leide. Dazu komme noch eine tiefe Erschöpfung der Nerven und des Herzens, die sich die Kleine während der aufregenden Wochen der Erscheinungen zugezogen habe.

Erschöpfung, das ist wohl ein treffendes Wort. Zu Tode erschöpft vom Umgang mit dem Unbegreiflichen, liegt Bernadette in einem Zimmer des Hospitals. In den ersten Tagen rasen die Phantasmen um ihr Bett. Von der Dame aber träumt sie nicht. Von der Dame träumt sie nie. Von der Dame darf sie nicht träumen. Noch drei oder vier Anfälle des Asthmas hat sie zu überstehen. Die Pausen dazwischen aber werden immer größer. Dann klingt die Atemnot ab. Der Bildertanz an den Wänden beruhigt sich. Das Gewicht der Erschöpfung hebt sich von den schmalen Gliedern. So schwächlich Bernadette auch auf den ersten Blick erscheint, ihr junger Körper besitzt zähe Kräfte. Ein neues Wohlbehagen beginnt ihre Muskeln zu dehnen. Eines Morgens – es ist etwas mehr als eine Woche seit dem Abschied aller Abschiede vergangen – fühlt sie sich recht frisch und gesund. Sie springt aus dem Bett und fragt die diensthabende Schwester, ob sie nach Hause zurückkehren dürfe. Die Schwester heißt sie die Visite des Arztes abwarten.

Doktor Dozous hat in der Zwischenzeit Bernadettens wegen wiederum dem Dechanten einen Besuch abgestattet. Für ein schwächliches Mädchen, das sich noch in der Entwicklung befindet, für eine schwere Asthmatikerin allzumal, sei der Cachot der ungeeignetste Aufenthalt. Der Mangel an Licht und Luft müsse früher oder später bei diesem gefährdeten Wesen zur Schwindsucht führen. Schnellste Abhilfe sei vonnöten. Die Männer einigen sich rasch. Peyramale sucht daraufhin die Oberin des Hospitals auf und schlägt ihr in seinem und im Namen des Arztes vor, Bernadette Soubirous bis auf weiteres im Krankenstande zu belassen. Er habe nicht nur gesundheitliche, sondern auch noch andere schwerwiegende Gründe für diesen Vorschlag. Die Oberin, die eine Zuneigung zu Bernadette gefaßt hat, ist überdies froh, dem gefährlichen Dechanten gefällig sein zu dürfen.

Peyramale läßt Bernadette, die auf ihre Entlassung wartet, vor sich rufen. Das Mädchen sieht den Pfarrer nicht mehr ganz so kleinlaut an wie in den Februartagen. Was mag es wieder geben? Doch wie hat sich der schwarze Mann in der Soutane verändert, seitdem er sie mit dem Besen aus dem Tempel kehren wollte! Peyramale zieht seine Riesenfigur gewissermaßen zusammen, um die niedliche Kleine durch seine stürmische Massigkeit nicht in Schrecken zu versetzen. Er verjagt sogar aus seiner rauh verschleierten Stimme das gewohnte Wettergrollen, das sonst seine Freundlichkeiten begleitet. Hinter seiner Freundlichkeit heute wird sogar etwas wie Scheu und Schüchternheit fühlbar:

»Liebe Bernadette«, sagt er, »du bist jetzt völlig gesund und könntest ruhig heimgehn. Doch Doktor Dozous und ich haben beschlossen, daß es für dich besser ist, du bleibst die nächste Zeit noch hier. Die Mutter Oberin ist so gütig, damit einverstanden zu sein. Was meinst du dazu?«

Bernadette blickt den Dechanten apathisch an und sagt kein Wort. Dieser meint, das Leben im Hospital behage ihr nicht:

»Du wirst natürlich nicht mit den Kranken zusammen wohnen, mein Kind«, so fährt er fort. »Das möcht ich mir als ein Gesunder auch nicht wünschen. Die Mutter Oberin wird dir daher eine Kammer geben, in der du tagsüber machen kannst, was du willst. In der Nacht teilst du sie dann mit der Aufsichtsschwester. Du bist ganz frei. Du kannst bei den Deinigen so viel Zeit verbringen, wie du nur willst. Freilich, die Hausordnung mußt du einhalten und pünktlich bei den Mahlzeiten erscheinen, denn der Doktor und ich legen großen Wert darauf, daß du von den lieben Schwestern gut herausgefüttert wirst. Bist du einverstanden, wie?«

Bernadette nickt schweigend, und ihre schwarzen Augen sehen den Pfarrer still an.

»Das ist noch nicht alles«, lockt Peyramale weiter. »Ich weiß, daß du von den Fremden sehr oft belästigt wirst und daß die Neugierigen dich ausholen ohne Erbarmen. Ich möchte das verhindern. In diesem Hause wirst du davor geschützt sein. Die Mutter Oberin läßt dir auch sagen, daß du dich im großen und im kleinen Garten aufhalten kannst, sooft und solang du willst. Gefällt dir das?«

»O ja, das gefällt mir sehr gut, Monsieur le Curé«, sagt Bernadette und lächelt offen den Dechanten an, zum erstenmal im Leben ganz ohne Furcht.

Es gefällt ihr wirklich sehr gut, eine Zuflucht zu haben und frei zu sein. Sosehr sie an ihren Eltern hängt, die häusliche Gemeinschaft war so drückend in den letzten Wochen, das Kämmerchen bei den Sajous mußte sie mit dem Anhören endlosen Geschwätzes bezahlen. Jetzt kann sie in den Cachot kommen, wann sie will, und hat immer eine Ausrede, sich zu drücken, denn Bernadettens Drang nach Einsamkeit ist größer denn je. Immer, wenn sie allein ist, so ist sie auch allein mit ihrer Liebe, der jener Abschied nicht nur nichts angehabt hat, sondern die er durch beständige Sehnsucht versüßt. Was sie da empfindet und in sich verschließt an Erinnerung, an Wiedervergegenwärtigung, das könnte sie keinem Menschen begreiflich machen, nicht einmal sich selbst.

Sie bittet um eine Arbeit. Man beschäftigt sie in der Küche des Hospitals. Bernadette wäscht nun das Geschirr nach den Mahlzeiten. Dieser Arbeit war sie daheim nicht sehr gewogen. Wie alle jungen Mädchen aber leistet sie in der Welt ganz fröhlich, worüber sie zu Hause den Mund verzieht. Unter den dienenden Schwestern gibt es ein paar jüngere und heitere Geschöpfe. Die singen sogar in der Küche. Dies freut Bernadette. Das ganze Haus geht mit ihr behutsam, scheu und ein bißchen argwöhnisch um. Niemand kennt sich aus in dieser Wundertäterin. So scheint es.

Das Zimmerchen, das Bernadette bewohnt, ist kahl, winzig, weiß getüncht, geht aber auf den Garten hinaus. Sie kann, wie sie es liebt, halbe Stunden lang am Fenster sitzen und völlig sinnverloren auf die Baumkronen starren. Dann und wann wird sie bei diesem gedankenvoll gedankenlosen Müßiggang überrascht, der für einfältige Beobachter unverständlich und daher aufreizend ist. Ein leerer Kopf hält's nämlich nicht aus, wenn er nicht jederzeit alle Hände voll zu tun hat. Und wenn er feiert, dann will er auch sofort schlafen. Eine der Wärterinnen, sehr ärgerlich über die Nichtstuerin, erzählt dem Concierge, einem guten Bekannten von François Soubirous:

»Da sitzt es da, das komische Ding, mit einem ganz eingefallenen Gesicht, rührt sich nicht, stiert aus dem Fenster wie eine arme Närrin ... Ich ruf sie dreimal an und bekomm keine Antwort ...«

Der Concierge des Hospitals der Schwestern von Nevers, auch ein Stammgast von Babou, zitiert diesen Ausspruch daselbst in der »medizinischen Ecke«. So heißt nämlich der Tisch, an dem sich die Hausdiener der Ärzte von Lourdes versammeln. Der Valet des Doktor Lacrampe, ein bewährter Diagnostiker, dessen Scharfblick den kompliziertesten Fall nicht unentschleiert läßt, spricht sein Urteil, gegen welches seine Zechgenossen niemals Berufung einzulegen wagen: »Dementia paralytica progressiva sed non agitans! Das hab ich schon vor Monaten konstatiert.« Das Konsilium der Ärztediener nickt mit jener stummen Geschäftsmäßigkeit, mit welcher die Medizin der Krankheit und dem Tode gegenübersteht. Das dunkle lateinische Todesurteil des Dieners jedoch macht alsbald als Diagnose des Herrn die Runde durch Lourdes.

In der Kammer Bernadettens steht ein schmales, eisernes Feldbett und ein Diwan. Der Diwan ist für die Aufsichtsschwester bestimmt. Da sich der Konvent und das Hospital der Schwestern von Nevers nicht in demselben Gebäude befinden, muß allnächtlich eine verantwortliche Person zur Stelle sein. Zu diesem Dienst bestimmt die Mutter Oberin nur ältere und erfahrene Klosterfrauen. Die Aufsichtsschwester hat dafür zu sorgen, daß nächtlicherweile in ernsten Fällen Arzt und Priester gerufen, daß unruhige Kranke besänftigt und getröstet werden. Auch führt die Oberschwester den Schlüssel zum Medikamentenschrank, den man den gewöhnlichen Pflegerinnen nicht anvertraut. Im allgemeinen ist's ein leichter Dienst, da gegenwärtig nur wenige Schwerkranke im Hause liegen. Die Aufsichtsschwester, und somit auch Bernadette, werden in der Nacht fast niemals gestört. Die Klosterfrauen schlafen zumeist sehr tief, da sie während dieses Dienstes von nächtlichen Gebetsverpflichtungen befreit sind.

Anders freilich verhält es sich mit Sœur Marie Thérèse Vauzous. Bernadette muß auch mit ihr eine gemeinsame Nacht verbringen. Es ist zum großen Teil eine schlaflose Nacht für das Mädchen, obwohl es, um der strengen Gegnerin nicht lästig zu werden, keine Bewegung macht, die Augen geschlossen hält und gleichmäßigen Atem heuchelt. Von außen kommt keine Störung. Da der helle Schein des Juli-Vollmonds in die Kammer fällt, ist Bernadette imstande, ihre Lehrerin durch die langen, halbgeschlossenen Wimpern hindurch Minute um Minute zu beobachten. Sie tut es aus einer Neugier heraus, gegen die sie sich nicht zu wehren vermag.

Während die andern Aufsichtsschwestern sich in der Dunkelheit entkleiden und unter die Decke strecken, legt Marie Thérèse nicht einmal den schweren Habit ab. Das einzige Kleidungsstück, dessen sie sich entledigt, ist die Nonnenhaube. Unter ihr entblößt sich der geschorene Kopf, dessen kurzes, dichtes Blondhaar einen schmalen Jünglingsschädel offenbart. Wird sie ihre Schuhe ausziehen, fragt sich Bernadette. Sœur Vauzous trägt grobe, platte Schnürstiefel. Oh, wie müssen da am Abend die Füße weh tun! Die Nonne behält die Stiefel an, und zwar die ganze Nacht. Sie schlüpft nicht unter die Decke, sondern bleibt immer auf ihr liegen. Vorerst aber kniet sie hin und betet eine volle Stunde. Sie betet nicht den behaglichen Rosenkranz, wie alle Welt, sondern vermutlich ein sehr erregendes Gebet, denn man hört sie dazwischen seufzen vor großem Leid. Manchmal klingt es auch, als streite sie mit jemandem. Bernadette wendet ihren verhüllten Blick nicht von der Vauzous. Sie stellt sich selbst die Frage, ob der Rücken und die Schultern der Betenden sich ein einziges Mal bewegen werden. Die Schultern und der Rücken aus Stein bewegen sich nicht.

Bernadette nimmt im Bett eine Lage an, daß sie die Schlafgenossin ganz unauffällig durch einen Liderritz beobachten kann. Die Vauzous liegt im grellen Mondlicht starr auf dem Diwan, die Hände über der Brust gekreuzt, wie eine gotische Steinfigur auf ihrem Katafalk. Auch sie schläft nicht. Ihre Augen sind offen. So regungslos sie auch ausgestreckt ist, die wachende Bernadette empfindet die verborgenen Qualen in der Seele der Schlaflosen. Mehrmals im Laufe der Stunden erhebt sich Marie Thérèse behutsam lautlos, kniet nieder vor dem Kruzifix und verrichtet immer wieder ein langes Gebet. Bernadette erinnert sich an die peinvolle Schulstunde damals, in der die Lehrerin von den heiligen Männern und Frauen erzählte, jenen Einsiedlern und Einsiedlerinnen der Wüste, die sich von Wurzeln, wildem Honig und Wasser nährten, die tagelang fasteten und hintereinander alle Gebete beteten, die es gibt, wofern sie nicht neue Gebete erfanden. Das Bild von den eisernen Gürteln mit rostigen Spitzen, die jene Eremiten unter der Kutte trugen, hat sich dem Gedächtnis der schlechten Schülerin scharf eingeprägt, wie starke Bilder es immer tun. Oh, gewiß ist Sœur Vauzous so heilig wie die Einsiedlerinnen in der Wüste und den kahlen Gebirgen. Vielleicht kämpft sie jetzt gegen ihre bösen Gedanken und Wünsche, obwohl man gar nicht annehmen darf, daß sie dergleichen in ihrer Brust verschließt.

Auf dem Nachttischchen beim Diwan steht ein Teller mit einem schönen, frischen Pfirsich. Es ist jetzt die Zeit der Pfirsiche, und nirgends gedeihen sie köstlicher als im Lande Bigorre. Selbst im Kalklicht des Mondes blickt die runde Frucht rot und saftig drein. Bernadette überkommt eine mächtige Gier nach diesem Pfirsich. Plötzlich aber geht es dem Mädchen durch den Kopf, daß Sœur Vauzous das lockende Obst nur deshalb neben sich hingestellt habe, um ihre eigene heftige Begierde ununterbrochen bekämpfen zu müssen, denn also taten jene Eremiten und Eremitinnen auch, denen die unerbittliche Nonne so auffällig gleicht. Die Dame aber, überlegt Bernadette, die so oft nach Buße rief, hat niemals gefordert, daß man keine Pfirsiche esse. Warum soll man auch keinen Pfirsich essen? Sie schmecken herrlich. Man bekommt schon welche für einen Sou, so daß sogar Maman dann und wann ein paar kaufen kann. Bernadette wünscht sich, Sœur Vauzous würde endlich in den Pfirsich beißen. Sie sieht aber die Figur wie aus Stein bewegungslos auf dem Diwan liegen, bis der weiße Mond davongeht.

Bernadette erwacht von dem Gefühl, daß lange Zeit schon unabwendbare Augen sie ansehen. Die Sonne steht im Fenster.

»Du bist aber eine Langschläferin«, sagt Marie Thérèse Vauzous.

Ein schneller Blick überzeugt das Mädchen davon, daß der Pfirsich unberührt auf seinem Teller steht.

»Ja, sofort stehe ich auf, ma Sœur«, erwidert Bernadette gefällig und fährt mit den Füßen aus dem Bett, während ihr das Achselband ihres Hemdchens von den magern Schultern rutscht.

»Schämst du dich nicht vor dir selbst?« flüstert Marie Thérèse. »Nimm gleich etwas um.«

Als Bernadette so schnell wie möglich das Zimmer verlassen will, hält sie die Lehrerin zurück:

»Warte einmal, setz dich aufs Bett hier«, sagt sie. »Ich möchte mit dir reden.«

Das Mädchen schaut die Nonne mit ihren dunklen, unbewegten Augen an. Marie Thérèse Vauzous könnte niemals erraten, wieviel Bernadette von ihr ahnt.

»Wenn du das nächste Jahr wieder zur Schule gehst, was ich dir dringend anempfehle«, beginnt die Vauzous, »dann wirst du mich nicht mehr finden. Ich verlasse Lourdes morgen. Ich kehre in unser Mutterhaus nach Nevers heim. Man hat mich zurückbefohlen.«

»Oh, Sie verlassen Lourdes, ma Sœur«, wiederholt Bernadette gleichmütig, ohne Bedauern oder Befriedigung zu verraten.

»Ja, ich gehe fort von hier, Bernadette Soubirous, und ich gehe sogar nicht ungern fort von hier. Sieh einmal an, was bist du doch für eine kleine Verführerin! Das dumme Volk hast du verführt. Die Herren Beamten hast du verführt, so daß sie dich nicht einsperren. Und jetzt verführst du auch noch solch einen charakterfesten Mann wie unsern Herrn Dechanten. Alle tanzen an deinem Faden, mein Kind. Nur eine nicht. Und das bin ich ... Denn ich, ich glaube dir nicht ...«

»Ich hab ja gar nie gewollt, daß Sie mir glauben, ma Sœur«, sagt Bernadette wahrheitsgemäß und auch ohne nur die leiseste Absicht, ihre Lehrerin zu verletzen.

»Natürlich! Das ist so eine deiner Antworten, die einen auf den Mund schlagen sollen«, nickt die Vauzous. »Ganz Frankreich hast du in Unruhe gebracht. O Bernadette, weißt du, was man in früheren Zeiten mit solchen Dingern gemacht hat, die mit zweideutigen Visionen von schönen Damen prahlten, allerlei Zauber mit Quellen trieben, das niedrige Volk aufhetzten und sich gegen die Gesetze der Obrigkeit und gegen die Heilige Kirche vergingen? Man hat diese Dinger auf Scheiterhaufen verbrannt, o Bernadette!«

Bernadette runzelt angestrengt die Stirne, erwidert aber nichts. Marie Thérèse Vauzous richtet sich hoch auf:

»Eines noch will ich dir sagen, Soubirous. Vielleicht war's dir in der Schule manches Mal, als nörgle ich an dir herum und behandle dich ungerecht. Das ist ein großer Irrtum. Unter all meinen Schülerinnen ist keine, um die ich mit solcher Sorge bange wie um dich. In dieser Nacht hab ich für dich unablässig gebetet. Und ich werde fortan täglich beten, daß unser Herrgott deine Seele nicht verkommen lasse, sondern sie beizeiten errette vor der schrecklichen Gefahr, in die du sie bringst ...«

Die Nonne nimmt nach diesen Worten den Teller mit dem Pfirsich vom Tisch. Einen Augenblick hat es den Anschein, sie wolle ihn Bernadetten geben. Doch sie besinnt sich anders und schenkt ihn dem ersten Kranken, der ihr auf dem Gange begegnet.

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