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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Dreißig. Der Abschied aller Abschiede

Die Wochen verrinnen, und unentschieden wogt der Kampf gegen das Mirakel weiter. Duboë, der Unterpräfekt, flucht, Vital Dutour flucht und Jacomet am meisten. Die langweiligen Amtsstuben des Städtchens Lourdes haben sich mittlerweile in Generalstabsbüros verwandelt, wo täglich neue Pläne gegen die Feindin in der Grotte Massabielle geschmiedet werden, welche, obwohl sie selbst verreist ist, am Morgen und am Abend das erregte Volk ins Treffen schickt. Man hat in der Nemours-Kaserne drei weitere Gendarmerie-Brigaden unterbringen müssen, denn d'Angla und seine Leute sind längst nicht mehr imstande, den Dienst zu bewältigen. Alle zwei Stunden zieht eine neue Wache vor der Grotte auf, die jetzt nicht mehr durch ein paar Planken, sondern durch eine zusammenhängende Bretterwand von der Welt abgeschlossen ist. Würde die Dame jetzt in der Nische erscheinen, so wäre sie eine Gefangene. Genau diese Vorstellung, daß nämlich die Gendarmerie jene segenbringende Himmlische frevlerweise in Gefangenschaft gesetzt hat, hegt das erbitterte Volk der Pyrenäen. Es ist Ehrensache, sie immer wieder mit List oder Gewalt zu befreien. Für die Bewaffneten ist der wochenlange Nachtdienst, dessen Ursache ihnen so empörend widersinnig erscheint, keine Kleinigkeit. Der strengste Vorgesetzte muß es begreiflich finden, daß die mißbrauchten Wachtposten, die jede zweite Nacht vom Strohsack gescheucht werden, dann und wann im Dienste einschlafen. Man liegt ja schließlich nicht gegen die Österreicher oder Preußen zu Felde, sondern gegen die Dorfbewohner des Gave-Tals, die hartnäckig die Grotte der Dame belagern. Dies freilich tun die Bauernburschen des Tales Batsuguère mit großer taktischer Begabung. Sie sind sehr erfinderisch in den Hinterhalten, die sie der Staatsgewalt legen. Da dehnt sich zum Beispiel gegen drei Uhr nachts das Tal weithin in voller Finsternis. Der Mond ist untergegangen. Nur der Gave poltert seinen wütenden Monolog in die Stille. Jetzt geschieht nichts mehr, denkt der schwarzbärtige Belhache, der zur Stunde das Wachkommando führt. Er hat seit zwei Tagen eine neue Geliebte, die im Saillet-Wäldchen seiner wartet. Es ist Sommer. Sie hat ihm zu dieser ungewöhnlichen Stunde das Stelldichein gegeben. Belhache gibt vor, die Weiber aus dem Effeff zu kennen. So raffiniert aber ist die Wissenschaft dieses Schürzenjägers noch lange nicht, um zu argwöhnen, daß solch ein lüderliches Ding seelenruhig ein Schäferstündchen riskiert, wenn es damit der Allerseligsten Jungfrau einen Gefallen erweisen und sich selbst himmlische Protektion erwerben kann.

»Ich gehe für einen Moment fort«, sagt Belhache zu dem Hilfspolizisten Leo Latarpe, der die Wache hält. Dem Latarpe, einem Kollegen Bouriettes, wächst die ganze Geschichte schon zum Halse heraus. Für lumpige dreißig Sous muß er seinen guten Schlaf opfern. Was kann ihm geschehen? Er wird der Gemeinde kündigen, dazu ist er fest entschlossen. Gehst du für einen Moment fort, Belhache, denkt er, so hau ich mich irgendwo ins Heu.

Die Burschen des Tales Batsuguère liegen inzwischen in einer der Höhlen des Spelunkenberges auf Hinterhalt. Sie haben ihre Späher ausgestellt. Als die Luft rein ist, pürschen sie sich an die Grotte heran, überhäufen den Bretterverschlag mit Werg und anderem brennbarem Zeug, um ja keinen Lärm zu verursachen, und stecken ihn gründlich in Brand. Was nützt es, daß Belhache zu einer empfindlichen Strafe verdonnert wird? Am nächsten Morgen haben die tausend Grottengänger nur mehr die verkohlten Sparren der Plankenwand vorgefunden, die sie von der Dame trennen. Sie sammeln die Reste dieses ihr dargebrachten Opferbrandes und nehmen sie als Trophäen nach Hause. Es ist aber eine gänzlich irrige Annahme der Pariser Presse, den Fanatismus des Glaubens oder Aberglaubens allein für diesen aufrührerischen Schabernack verantwortlich zu machen, den das Volk der Regierung spielt. Die Gendarmerie weiß genau, daß sich unter den Empörern, die sie dann und wann festnimmt, nicht selten die unduldsamsten Freidenker und Gottesleugner befinden. Die sollten logischerweise froh sein, daß der Staat ihren Kampf führt. Aber der Mensch ist nicht logisch, und jene Gottesleugner sind nicht nur gegen die Allerseligste Jungfrau voreingenommen, sondern nicht minder gegen den Staat. Sie benützen frischgemut, wider den Vorteil ihrer eigenen Überzeugung, die gute Gelegenheit, den Behörden Schwierigkeiten zu machen. Ganz genau empfinden sie, daß Bernadettens Dame eine Unruhestifterin ist und die Priester in schwere Bedrängnis versetzt, und daß nicht nur in den Augen des Präfekten, sondern auch in den Augen des Bischofs ein Aufruhr, welche Gründe er immer habe, einen Aufruhr vorstellt. Nachdem die Verteidiger der Dame die Plankensperre zum vierten Male demoliert haben, geschieht etwas Unerwartetes. Alle Arbeiter in Lourdes weigern sich, eine neue Wand zu errichten. Man schickt nach Zimmerleuten und Tischlern in die Dörfer der Umgebung. Sie kommen, hören und kehren um. Selbst die höchsten Lohnsätze locken sie nicht zurück. Viele Tage lang bleibt zur Schmach der Obrigkeit die Grotte offen. Dann müssen zähneknirschend die Gendarmen selbst mit Werkzeug ausrücken und den Verschlag zusammennageln.

Die schwersten Aufpasserdienste hat der kleine Callet zu leisten. Er ist dazu bestellt, es zu verhindern, daß jemand aus der Quelle trinke, die sich in frischem Lauf eine Rinne zum Savy längst gegraben hat. Kaum aber dreht Callet den Rücken, hat sich schon irgendwer hingekauert und schöpft Wasser. Der Polizist stürzt sich auf jeden, den er ertappt, und nimmt mit ihm ein Strafprotokoll auf. Fünf Francs beträgt der Bußpreis für die Übertretung des Trinkverbots. Wer zahlen kann, muß bar zahlen. Wer nicht zahlen kann, dem wird das Geld von seiner nächsten Löhnung abgezogen. An manchem Tag hat Callet dreißig und mehr Strafprotokolle zu verfassen. Rives und sein Kollege, Friedensrichter Duprat, ersinnen darüber hinaus noch vertracktere Schikanen. Wenn mehrere Personen zugleich sich straffällig machen, so wird nicht nur von jedem einzelnen, sondern auch von der ganzen Gruppe eine Pauschalbuße eingehoben. Da hat die Gemeinde einen prächtigen Zuschuß, denkt Callet grollend, und ich hab einen Dreck ...

Der einzige Machthaber, der sich in unverminderter Würde und bester Nervenverfassung überall sehen läßt, ist der Urheber dieses folgenreichen Staatsstreiches, Monsieur le Maire. Lacadé lächelt über die Unruhe der staatlichen Autoritäten. Die haben kein rechtes Ziel, das ist es. Er aber hat ein rechtes Ziel. Bald wird er die Bombe platzen lassen. Schon befindet sich die neue Wasserprobe in Händen des großen Filhol. Hat einmal die hohe Wissenschaft ihr Wahrwort gesprochen, hat sie das Urteil des kleinen Apothekers Latour nicht nur bestätigt, sondern erweitert und vertieft, dann ist der unerwartetste aller Siege erfochten. An diesem Sieg zweifelt Lacadé keinen Augenblick. Wie ein erlösender Blitz wird Filhols Gutachten in die Öffentlichkeit Frankreichs einschlagen und die Frage von Massabielle erleuchten und beantworten für alle Zeit. Dann muß nur mehr eine Kommission der berühmtesten Ärzte zusammentreten und der leidenden und in Unwissenheit befangenen Menschheit enthusiastische Fremdwörter entgegenschleudern: Chlorat, Karbonat, Calcium, Magnesium und Phosphor vor allem.

In einer heimlichen Zusammenkunft hat Lacadé bereits dem Postmeister Cazenave und dem Cafétier Duran eine kühne Idee offenbart. Nicht nur ein großes Hotel soll erbaut werden, sondern auch ein glänzendes Kasino, mit griechischen Säulen wenn möglich, inmitten eines gepflegten Kurparks am Ufer des Gave. In der Grotte von Massabielle aber werden die hübschesten Mädchen von Lourdes zu den heiteren Walzer- und Cancanklängen der Kurmusik in zierlich bemalten Bechern vornehmen Kranken den Heiltrank kredenzen. A. Lacadé sieht in seiner Phantasie diese vermögenden Kurgäste schon anrollen. Und zwar in der Eisenbahn, deren lange Pfiffe die verschlafensten Täler der Pyrenäen erwecken.

 

Bernadette arbeitet daheim. Bernadette geht in die Schule. Bernadette wartet. Bernadette wartet geduldig. Am Ostermontag hat sie die tiefste Gemeinschaft mit der Dame erlebt, die ihr vergönnt gewesen ist von Anfang an. Kaum hat sie sich an diesem Tag, von der »Fremdheit der Welt« geschüttelt, ins Leben zurückfinden können. Sie weiß nun, daß die Dame mit ihr kein Ende gemacht hat und daß in ihrem letzten Gruß die Verheißung des Wiedersehens lag. Das ist alles, was Bernadette sich erträumt. Wie jeder tief Liebende gibt sie den Gedanken an eine fernere Zukunft keinen Raum. Durch nichts ist ihre Hoffnung widerlegt, daß die Gemeinschaft mit der Dame dauern werde, solange das Leben dauert. Sie hält es für ganz natürlich, daß die Abstände zwischen Wiedersehen und Wiedersehen immer länger werden müssen, denn wie viele Aufgaben hat die Dame in der weiten Welt zu lösen, und wie wenig kann Bernadette ihr bieten. Wo sich die künftigen Begegnungen abspielen werden, ob in, ob außerhalb der Grotte, darüber macht sie sich keine Sorgen. Sie kennt nun die Eigenart der Dame schon zu genau, um zu fürchten, daß die Gendarmerie oder ein paar Planken ein ernstliches Hindernis für ihren Willen sein könnten. Die Dame wird Bernadette rufen und sie finden. Gleichgültig wann! April und Mai und Juni gehn dahin ...

Den Kampf, den sie selbst entfesselt hat, betrachtet Bernadette mit völliger Apathie. Man kann nicht einmal sagen, daß er ihr gleichgültig sei. Er ist gar nicht vorhanden für sie. Sie versteht ihn nicht. Sie sieht ihm zu wie ein verschlafenes Kind. Wichtig ist nur, daß der Staatsanwalt, der Richter, der Kommissär sie in Ruhe lassen. Ihr Ohr bleibt vollkommen taub für die täglichen Rufe der Anhänger: »O du Begnadete ... o du Bevorzugte ... o du Seherin ... o du Wundertäterin.« So unglaubwürdig es klingt, auch diese Rufe versteht sie nicht. Die Leute sind toll allzumal. Sie selbst ist keines Wunders sich bewußt. Die Dame hat gesagt: »Trinken Sie von der Quelle und waschen Sie sich.« Bernadette hat diesen Befehl ausgeführt. Das ist alles. Was für ein Wunder? Die Dame hat eben gewußt, wo unter der Erde die Quelle läuft. Über all diese Dinge spricht Bernadette mit niemandem ein Wort. Wenn ein anderer davon beginnt, und sei's Maman oder Marie, dann geht sie still davon.

Das Leben wird der Soubirous-Tochter nicht leicht gemacht. Aus aller Welt kommen die Neugierigen in den Cachot mit ihrer albernen und lästigen Ausfragerei. Bernadette versteckt sich, so gut sie kann. Aber die stolzen Nachbarn, all die Sajous, Ourous, Bouhouhorts, Ravals und nicht zuletzt die Piguno, zerren sie immer wieder hervor, um mit ihr Staat zu machen. Sie muß Rede und Antwort stehn den Fremden. Die Art, wie sie das tut, ruft lebhafte Enttäuschung hervor. Das Mädchen hat sich einen geistesabwesenden Leierton angeeignet, mit dem sie ihre Geschichte herunterhaspelt, als ginge diese sie selbst nichts an, als sei sie gezwungen, auf dem Jahrmarkt irgendeine Moritat aus uralter Zeit aufzusagen. Hinter diesem Singsang aber verbirgt sie ihre Scham. Die Besucher bieten der Familie immer wieder heimlich Geld an. Bernadette hat ihre liebe Not, den Ihrigen aufmerksam auf die Finger zu sehn, damit zumindest die Brüderchen nicht schwach werden. Es ist der einzige Punkt, in dem die Gleichmütige keinen Spaß versteht. Zwischen ihr und den Angehörigen wächst die Kluft von Tag zu Tag. Vater, Mutter, Geschwister, sie alle empfinden eine sonderbare Art von Furcht vor Bernadette. Unheimlich ist ihnen diese Hausgenossin, die eine unerlaubte Beziehung mit dem Himmel unterhält. François Soubirous hat sein Gelübde nicht mehr erneuert und schleicht zu Babou, wenn er weiß, daß nur wenige Leute im Schankraum sich befinden. Dann brütet er wortlos dumpf in einem Winkel. Not leidet er keine mehr. Cazenave hat ihn fest angestellt und seinen Lohn erhöht. Louise Soubirous ist mißgestimmt und zänkisch. An den Ruhm ihres Wunderkindes hat sie sich inzwischen gewöhnt. Die Februartage des hohen Glanzes sind aber vorüber. Nun hat man eine Seherin zur Tochter. Arme Leute aber müssen sich einrichten. Dann und wann nähert sich Bernadette ihrer Mutter mit verstohlener Zärtlichkeit. Sie hat das Bedürfnis, wie damals, in jener ersten, schlaflosen Nacht des elften Februar, den Kopf in Mamans Schoß zu legen. Das Herz der Soubirous aber wird in solchen Augenblicken gegen ihren eigenen Willen so seltsam hart. Sie tut, als bemerke sie nichts, obwohl ihr dann beim Wasserholen oder Wäschepracken ganz elend zumute ist und sie die Tränen nicht zurückhalten kann.

Am schlimmsten ist es in der Schule. Jeanne Abadie und die andern Mädchen legen ein höchst verkrampftes Wesen an den Tag und begegnen der Bernadette in einer Art, die unnatürlich aus Ehrerbietung und Spott gemischt ist. In der Bank rücken ihre Nachbarinnen geniert zur Seite. Man spricht kaum mit ihr. Sie geht in den Pausen allein herum mit ihrem weißen Beutel. Für die Lehrerin aber ist Bernadette überhaupt nicht vorhanden. Nicht einmal mehr in den leeren Raum der Prüfung wird sie gestellt. Hundertmal stärker als alle Geistlichen ist die Nonne Vauzous über das heidnische Treiben des niederen Volkes erbittert, das einem Lumpenkinde nachläuft, weil dieses die Vision irgendeiner modisch eleganten Fee vortäuscht, die auch nicht einen einzigen Zug mit der Muttergottes gemeinsam hat. Alles in der Tochter des Generals Vauzous bäumt sich dagegen auf, den Ekstasen dieses Lumpenkindes und dem heidnischen Treiben dieser Bergbewohner den geringsten Wert zuzumessen. Die Nonne empfindet das Ganze als eine schadenfrohe Revolution der unteren, bisher wohltätig gefesselten Kräfte, die den gebahnten Hochweg des echten Glaubens und der echten Frömmigkeit bedrohen. Deshalb spricht sie, als die Zeit gekommen ist, mit der äußersten Knappheit zu dem Mädchen:

»Auf Befehl des Herrn Pfarrers wirst du zum Tisch des Herrn gehen, Soubirous Bernadette!« Hinter diesen trockenen Worten aber tönt's: Dir geschieht damit Gnade und Barmherzigkeit, nicht aber Recht. – So wird der Soubirous-Tochter auch noch das Brot der Engel versalzen.

Die Schule schließt, wie überall in Frankreich, am fünfzehnten Juli. Am Tage danach, die Schatten werden schon abendlich länger, sitzt Bernadette auf einer kleinen Weide am Lapaca-Bach, einem Plätzchen, das in entgegengesetzter Richtung zu Massabielle liegt. Sie bevorzugt's, seitdem sie nicht mehr zur Grotte geht. Hier ist es sehr still unter den uralten Steineichen der Provence. Aus der fernen Scharte des Tals wächst das Pyrenäenhaupt des Pic du Midi blauweiß in den bewegungslosen Himmel. Bernadette hat nun unendliche Zeit, um nachzusinnen, nachzufühlen. Dieses Nachsinnen und Nachfühlen kreist immer nur um das eine Wort: wann? Vom Saint Pierre in Lourdes schlägt es ein Viertel nach sieben. Ehe der einsame Schlag verhallt ist, hat Bernadette eine Antwort auf ihr ewiges »Wann?«. Die Antwort lautet: »Jetzt«. Dieses Jetzt ist eingebettet in eine schwerflüssige Feierlichkeit ganz besonderer Art. So stark wie noch nie bisher fühlt Bernadette sich entzweit in eine beinahe fühllose Körperlichkeit und einen selbstherrlichen Antrieb. Dieser Antrieb ohnegleichen reißt sie empor. Sie rennt in die Stadt zurück, um Tante Lucille zu verständigen. Unterwegs besinnt sie sich eines andern. Sie will niemanden heute bei sich haben. Ganz allein will sie sein mit der Dame. Leider aber kann sie es nicht verhindern, daß man auf ihren Lauf aufmerksam wird und sogleich ein paar der Eifrigsten hinter ihr drein sind, während andere eiligst die Neuigkeit in den Häusern verkünden: Bernadette geht zur Grotte.

Sie weiß nicht, warum, aber sie nimmt nicht den kürzeren Waldpfad, sondern wählt genau den Weg, den sie mit Marie und Jeanne Abadie am elften Februar gegangen, am Savy-Bach entlang, über den Mühlsteg der Nicolaus, über die Chalet-Insel bis zur Ribères-Wiese an der Landzunge. Am jenseitigen Ufer vor Massabielle lungern Callet und der Gendarm Pays. Als sie Bernadettens und des ihr nachfolgenden Haufens gewahr werden, stellen sie sich sofort in feindselige Positur, der Gendarm Gewehr bei Fuß. Bernadette aber macht keine Anstalten, den Mühlbach zu durchschreiten, sondern sinkt genau auf derselben Stelle in die Knie wie damals, vor nun schon undenkbarer Zeit. Mit einer beschwörenden Geste scheucht sie die Menschen zurück, damit sie ihr ja recht weit vom Leibe bleiben. Die Schar, die ununterbrochen wächst – Mutter, Schwester, Tanten, die Nicolaus sind dazugestoßen – bildet einen weiten, ehrfürchtigen Halbkreis. Manche der Frauen zünden ihre Kerzen an. Wie aber könnten einfache Kerzenflammen sichtbar werden in diesem ungeheuren Sonnenuntergang, der jetzt das Gave-Tal durchdröhnt? Der Spelunkenberg, das Saillet-Wäldchen brennen. Der Gave ist ein feurig kochender Lavastrom. Die purpurnen Spitzen am Rande der Welt scheinen zu schmelzen wie Wachs.

Auch das Innere der Grotte, die jetzt bis zur halben Höhe durch die neue Plankenwand verschalt ist, flammt von diesem Sonnenuntergang. Oder ist es ein anderes Feuer, von dem sie erglüht? Die kniende Bernadette kann nur den obersten Teil der Felsnische sehen, die Linie des Spitzbogens. (Die Gendarmen haben schon dafür gesorgt, daß neue »Apparitionen« auch aus der Ferne unmöglich gemacht werden.) Gerade aber unter dem Bogen der Nische dringen dichte Schwaden goldener Glut hervor. Und dieses bewegte Weiß dort? Ist es nicht der Brautschleier der Dame? Ja, zweifellos steht sie im Felsen, die Dame, wenn Bernadette sie auch nicht sehen kann. Oh, wie wenig traumhaft, oh, wie wirklich ist die Dame, da ein paar Bretter sie unsichtbar machen können wie jeden andern Körper. Bernadette blickt hilfesuchend umher. Was soll sie tun, um einen Platz zu finden, von wo die Dame zu sehen ist?

Beim Umherschauen verweilt ihr Blick eine Sekunde lang am Gave-Ufer, ein paar Schritt vom Ort, wo der Bach in den Fluß mündet. Sie sieht weg, sieht wieder hin, blinzelt. Es ist unmöglich. Wie damals reibt sie sich die Augen. Dann wird sie jäh totenblaß, die Gesichtshaut spannt sich, die Pupillen wachsen.

»Dort steht sie«, ruft Bernadette, »ja dort ...«

Die verengten Stimmen der Frauen weit dahinten wiederholen den Ausruf:

»Dort steht sie ... ja, dort steht sie ...«

Die Dame steht vor der Grotte, nahe dem Ufer des Flusses. Die Wächter bemerken sie nicht, obwohl Bernadette sogleich von Angst gepackt wird, Callet oder Pays könnten ihr zu nahe treten. Glücklicherweise aber ziehen sich die Männer auf die andere Seite der Grotte zurück, um die gefährlichen Weiber besser im Auge zu behalten, damit keine von ihnen etwa aus der Quelle trinkt. Die Dame aber steht zum erstenmal mit ihren ungebrauchten wächsernen Füßen auf ebenem Boden. Die Rosen auf diesen Füßen erstrahlen. Die Dame ist mehr denn je die Dame vom elften Februar, das jugendliche Geschöpf, die schwebend zierliche Mädchenheit. In der großen Doppel-Woche, da sie täglich Bernadette zur Grotte entboten hatte, da war die Dame voll von Plänen und geheimen Absichten. Sie brauchte Bernadette, damit diese zum Pfarrer gehe, Kapellen und Prozessionen begehre und die Quelle aus der Erde scharre. Heute ist das anders. Die Dame verbirgt keine Zielstrebigkeit mehr in ihrem Herzen, die von der gemeinsamen Einsamkeit der Liebe etwas wegnähme. Heute erst ist die volle, ungeteilte Liebe der Beglückenden der Beglückten zugewandt. Noch nie hat der Brautschleier so lebendig im Winde gespielt. Noch nie drangen die braunen Locken freier unterm Schleiersaum hervor. Noch nie waren die Augen kristallblauer, der halb geöffnete Mund köstlicher geschweift. Noch nie war der weiße Stoff des Kleides, der blaue des Gürtels atemberaubend unbekannter als heute, da ihn die versinkende Abendglut nachfärbt. Nicht gnadenvoll ist jetzt das Lächeln der Dame dort drüben, sondern gespielinnenhaft ...

Bernadette öffnet langsam die Arme und läßt sie langsam sinken. Dann tastet sie, ohne die Augen abzukehren, in ihrem Beutel nach dem Rosenkranz. Die Dame schüttelt kaum merklich den Kopf. Den Rosenkranz werden Sie noch tausendmal beten, mag das heißen. Heute aber wäre selbst das Gebet eine Verschwendung. Es ist die Zeit gekommen, zu schauen und nur zu schauen.

Bernadette will »mit ihrem Herzen« etwas stammeln. Die Dame aber führt bedächtig den Finger an den Mund. Das mag bedeuten: Schweigen Sie. Was hätten Sie mir zu verraten, was ich nicht schon wüßte? Und auch ich habe Ihnen nichts mehr zu verkünden. Bernadette aber kann die schreckliche Frage nicht bändigen, die ihr trotz allem stumm aus dem Herzen bricht:

Ist es das letzte Mal, o Madame, ist es wirklich das letzte Mal?

Die Dame, die diese Frage genau versteht, gibt keine Antwort darauf, auch eine stumme nicht. Ihr Lächeln wird nur noch leichter, froher, aufmunternder, kameradschaftlicher. Und in Wirklichkeit bedeutet dieses Lächeln: Das letzte Mal ist etwas, was unsereins nicht versteht. Wir müssen einen längern Abschied nehmen heut, gewiß, aber ich bleibe in der Welt und Sie bleiben in der Welt ...

Die Dame macht nun eine dritte Gebärde. Sie fährt sehr langsam mit ihren bleichen Fingern an ihrer Gestalt entlang, von der Brust bis zum Gürtel. Hier bin ich noch, mag das heißen. Da gibt Bernadette ihr banges Fragen auf und versinkt ins Schauen, wie sie noch nie versunken ist. Sie schaut bewußtlos, mit einer unbegreiflichen Anspannung ihrer Nerven, als müsse sie alle Vorratskammern der Seele mit dem Anblick füllen, als müsse sie das jetzt noch verweilende Bild der Dame einhamstern in jedes Winkelchen ihres Selbst, für die mageren Zeiten von dieser Stunde bis zur Stunde des Absterbens. Denn Bernadette weiß: Es ist der Abschied. Doch auch die Dame gibt alles her. Sie bietet, sie bringt sich dar in stetigen Wellen der Annäherung bis an die Grenze der Möglichkeit.

Längst ist die Dämmerung schon angebrochen. Die Nacht kommt, Stufe für Stufe. Der reiche Sternenhimmel des Juli entschleiert sich allgemach. Das immer stärkere Kerzenlicht im Rücken der Knienden macht die Welt vor ihren Augen dunkel. Noch hat die Dame sich nicht entzogen. In einer gar bedächtigen Zartheit des Herzens hat sie gerade diese Stunde gewählt, wo der Abschied des Lichts ihren eigenen Abschied in sich aufnimmt. Sie will Bernadette nicht verlassen wie sonst. Sie will auch nicht die Entrückung des Mädchens vertiefen, um sich fortzustehlen. Sie will sich luftig und schwerelos davonheben und so wenig wie möglich Schmerz hinterlassen. Als Bernadette kaum noch etwas sieht und die Gestalt nur mehr ein unbestimmtes Leuchten ist, beginnt die Dame zu gehen. Sehr langsam und ohne sich von dem Mädchen abzukehren. Es scheint, als ob sie die Hand hebe und ihrem Liebling winke, wie scheidende Menschen einander zu winken pflegen. Auch Bernadette hebt einmal die Hand, aber die Kraft zu winken fehlt ihr. Sie starrt in die Nacht. Ist diese Helle am Flußufer dort noch die Dame? Oder ist sie's nicht mehr? Die Sterne wachsen. Sie scheinen aufzuglühen vor Lust, ihre Königin zu empfangen. Soll Bernadette zu den Sternen blicken? Sie starrt nach wie vor ins Dunkel, dort, wo das letzte weiße Leuchten zerronnen ist.

Bernadette bleibt noch einige Minuten lang auf den Knien, ehe sie auftaumelt und der dichtgedrängten Kerzengruppe entgegenstrebt. Welch ein langer Weg ist das! Sie geht und geht, und die andern kommen ihr entgegen, und doch erreichen sie einander nicht. Endlich steht sie vor den Menschen und sieht die angeflackerten Gesichter. Das Gesicht der Mutter, die ihr das Capulet umhängt, da es kalt geworden ist. Das strenge Gesicht Tante Bernardes, die sofort Fragen zu stellen beginnt. Das gute Gesicht Antoines, der ihr forschend in die Augen sieht. All diese Gesichter erkennt sie noch. Und sie erkennt auch all diese wohlbekannten Stimmen, die auf sie einreden und nach interessanten Neuigkeiten von der Dame dürsten. Sie wiederholt die Gebärde der Dame und führt langsam ihren Zeigefinger an den Mund. Dann, ganz unerwartet, sinkt sie plötzlich um. Sie sinkt in Ohnmacht, nicht wie etwas, das sich selbst fallen läßt, sondern wie etwas, das fallen gelassen wird.

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