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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Sechsundzwanzig. Nachbeben oder Äffen des Mirakels

Bernadette geht nicht mehr zur Grotte seit Donnerstag. Die Frauen von Lourdes aber gehn weiter zur Grotte, am Morgen und am Abend. Der von Jacomet beschlagnahmte Weihetisch ist im Wagenschuppen der Mairie untergebracht. Bereits am Freitag aber strahlt er, blumenbekränzt und kerzenbesteckt, wieder in der Felsnische von Massabielle. Der Polizeikommissär läßt ihn neuerdings konfiszieren. Am nächsten Tage hat man ihn zum zweitenmal zurückgestohlen. Das Spiel wiederholt sich, bis auf Entscheidung des kaiserlichen Staatsanwalts der Tisch zu Brennholz zerhackt wird. Madame Millet reicht eine Klage ein wegen Entwendung und Vernichtung ihres Eigentums. Gleichzeitig spendet sie einen neuen Weihetisch, der viel pompöser ist als der erste. Bürgermeister Lacadé, der nach Ansicht Dutours im Kampf gegen die Dame merkwürdig lax geworden ist, rät dem Staatsanwalt, die Politik der Nadelstiche aufzugeben. Sie stamme aus dem Ärger, und der Ärger sei im Großen wie im Kleinen der erfolgloseste aller Politiker.

»Wenn man einen Schlag führt«, meint Lacadé, »dann muß er entscheidend sein. Und wir werden diesen Schlag führen, cher procureur. Verlassen Sie sich drauf.«

Vital Dutour, durch diese abgeklärten Weisheiten bestürzt, argwöhnt, daß Lacadé an einer eigenen Intrige spinnt. In den nächsten Tagen aber wird seine Aufmerksamkeit durch neue, sehr ungewöhnliche Phänomene gefesselt. Als habe der Himmel durch Intervention der Dame in Lourdes zuviel des Guten getan, scheint der höllische Widerpart den begreiflichen Wunsch zu empfinden, nun auch ein wenig zur Geltung kommen zu dürfen. Er erreicht es in Form einer epidemischen Geistesstörung, die da und dort ausbricht. Es wimmelt auf einmal im Lande Bigorre von Sehern, Ekstatikern, Mondsüchtigen und Traumwandlern. Nicht allein der Erfolg ist es, der diese Nachahmung hervorruft. Das Psychopathische steht seit eh und je in tiefem Zusammenhang mit dem Diabolischen. Der Glaube an das Göttliche ist nichts andres als die wesensüberzeugte Anerkennung, daß die Welt einen Sinn habe, das heißt eine geistige Welt sei. Der Wahnsinn ist die vollkommenste Aberkennung dieses Sinnes. Mehr als das, er ist die gleichnishafte Sinnlosigkeit der Schöpfung im Geschöpf. Wo die letzte Evidenz des Sinns in einer Seele wirklich fehlt – dies aber ist äußerst selten –, tritt der Wahnsinn in sein Recht. Daher kommt es, daß Zeiten, die den göttlichen Sinn des Universums leugnen, vom kollektiven Wahnsinn blutig geschlagen werden, mögen sie in ihrem Selbstbewußtsein sich auch noch so vernunftvoll und erleuchtet dünken.

Das erste dieser äffischen Phänomene begegnet der Mitschülerin Bernadettens, Madeleine Hillot, jenem blassen Mädchen mit den langen Gliedern und dem hübschen Sopran, das einst zur Gruppe der Jeanne Abadie gehörte. Madeleine ist äußerst musikalisch. Das Göttliche ergreift das ganze Wesen dessen, den es begnadet. Das Dämonische will es sich leicht machen und wählt daher unsre Talente, um sich einen Eingang zu bahnen. Die krankhafte Eitelkeit aller Talentierten hat darin ihren Ursprung. Auch bei Madeleine Hillot wählt es das begabteste Organ, ihr Gehör. Eines Nachmittags kniet das Mädchen in der Grotte und betet einen Rosenkranz. Plötzlich fühlt sich Madeleine von einer ganz leisen, aber engelhaften Vokalmusik umwogt. Der Atem bleibt ihr stehn, so fein und doch so voll ertönen die Chöre, wie sie sich's nie hat vorstellen können. Sie denkt zuerst nichts, sondern lauscht nur hingegeben. Als sie aber zur Besinnung kommt, wandelt sie ein toller Stolz an: nun bin auch ich auserwählt. – Ganz schwach, aber vorwitzig mischt die Sängerin ihre eigene Stimme in die Himmelstöne. Sie kommt nicht weit damit, denn schon beim nächsten Takt drängen sich die absonderlichsten Kakophonien in das reine Geflecht. Instrumente sind's, die das Grunzen von Schweinen, das Kreischen von Pfauen, das Kolken von Raben meisterhaft nachahmen. Dazwischen trompetet es gepreßt wie aus Blechtrichtern. Der ruhige Wandel der Musik schlägt um in einen stolpernden Tanzrhythmus, zu dem irgendwelches Schlagzeug einen gleichmäßigen Lärm pocht, wie im afrikanischen Busch. Das Ärgste aber ist, daß der Hillot, als sie aufspringt, die Beine zu diesem Tanz zu schlenkern beginnen. Sie stürzt schreiend davon. Polizeikommissär Jacomet ist ein gewissenhafter Mann. Nebenbuhlerische Phänomene sind ihm und dem Staatsanwalt nicht unerwünscht. Der Polizeirapport bewahrt Madeleine Hillots akustische Vision für eine ferne Zukunft auf.

Wenige Tage später sieht ein junger Bursche aus Omex, der das Gave-Ufer entlang geht, einen großen Ballon aus Feuer über dem Spelunkenberg schweben. Er schlägt ein Kreuz, der Ballon zerplatzt. Auch dieser Bursch läuft aufs Kommissariat. Vital Dutour aber streicht den Feuerballon aus den Akten, die ihm Jacomet vorlegt. Er meint, es handle sich hier vermutlich nicht um eine Geistesverwirrung, sondern um die seltene Naturerscheinung eines Kugelblitzes. Aus dem Rapport jedoch nicht gestrichen wird die Erzählung einiger Kinder zwischen acht und elf Jahren, die in der Grotte um die einsame Mittagszeit die ganze Heilige Familie versammelt gesehen haben. Von Jacomet ins Gebet genommen, machen sie die possierlichsten Schilderungen. Die Madonna, ganz in starres Gold gekleidet, habe ausgesehen wie die Königin im Kartenspiel. Der heilige Josef trug einen Sack auf dem Rücken und eine silberne Heugabel in der Hand. Gäste der Heiligen Familie seien auch dagewesen und, Milloc essend, an einem Tisch gesessen – der heilige Peter und Paul. Warum grad die? Sie waren's halt, Herr Kommissär.

Schon unheimlicher sind zwei andre Fälle. Ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter in der Nähe von Massabielle in den Gave schaut, wird von einem nur ihm sichtbaren Anblick so grauenhaft erschreckt, daß es in einen Starrkrampf verfällt und für zwei Stunden die Sprache verliert. »Laid« ist das erste Wort, das es wieder stammeln kann. Das heißt soviel wie »Dämon«.

Eine geradezu klassische Dämonisierung spielt sich im Hause Cénac ab, wo Jacomet und Estrade wohnen. Dort haben bescheidene Kleinbürger einen elfjährigen Sohn namens Alex, auf den sie überaus stolz sind. Alex ist ein wahrer Musterknabe, der Erste in der Schule, vorzüglich in allen Fächern. Sein Fleiß, seine Gelehrsamkeit, seine peinliche Sauberkeit sind groß. Er meidet seine Mitschüler, deren Umgangston ihm zu plebejisch ist. Er liebt in Anzug und Gehaben die feierliche Steifheit und will; nach seiner Zukunft befragt, Richter werden. Dieser Alex wird ohne jeden erkennbaren Grund von einer Stunde zur andern toll. Er fällt seine Mutter an und verwundet sie mit dem Taschenmesser. Darauf verschanzt er sich in der Küche und traktiert die Hausgenossen, die ihn mit lockenden Beschwörungen belagern, mit den unflätigsten Worten, worunter das immer wieder hervorgebrüllte »Merde« noch das harmloseste ist. Die Eltern schwören alle Eide, daß ihr Alex solche Worte niemals gehört haben könne. Endlich wird der Junge überwunden. Man muß den Besessenen ans Bett festbinden. Er hat Schaum vor dem Mund, und aus den Augen brennt ihm Haß und Tollwut von solcher Schrecklichkeit, daß die honetten Eltern den Anblick nicht ertragen können. Schon ordnet Doktor Peyrus die Überführung von Alex in die geschlossene Anstalt nach Tarbes an. Da rennt aber die Mutter zu Père Beluze, einem ihr bekannten Ordenspriester, der sich zur Zeit in Lourdes aufhält. Beluze nimmt an dem Rasenden einen regelrechten Exorzismus vor, der glücklicherweise gelingt. Schon einige Tage später wandelt Alex wieder zur Schule, steif, besonnen, abgezirkelt, die Freude seiner Eltern.

Während dieser Zeit findet Bernadette eine Menge Epigonen. Estrade hat zu seinem Mißvergnügen, Jacomet zu seinem Vergnügen die Gelegenheit, einige davon selbst zu beobachten. Sie haben ihrer Meisterin die äußern Gebärden ganz gut abgeguckt, das Komplimentieren, Grüßen, Lächeln, Nicken, Armeheben. Aber gerade sie scheinen entsandt zu sein, um den weltenweiten Abgrund zwischen Echt und Unecht zu erleuchten. Wenn sie die Dame zu sehen vorgeben, wird für alle Anwesenden die Nische noch leerer, als sie vorher war. Doch auch unter ihnen gibt's einen Fall, der merkwürdig ist. Eines Morgens vor sieben Uhr verbreitet sich mit Windeseile das Gerücht, Bernadette gehe heute zur Grotte. Schnell macht sich eine große Menschenmenge auf den Weg. Und wirklich, man findet Bernadette kniend, mit einer brennenden Kerze, wie sie leibt und lebt. Das weiße Capulet, das ihr Gesichtchen tief beschattet, der lange Kittel, die Pantinen. Sie wäscht sich, den Zuschauern den Rücken kehrend, in der Quelle, sie trinkt, sie ißt die Kräuterspitzen, sie rutscht umher, sie stößt lange zitternde Seufzer hervor, sie flüstert: »Buße! Buße!« Die Kopie ist so täuschend, daß beinahe keiner von den Zeugen der großen Doppelwoche stutzig wird. Nur bleibt das Ganze sonderbar wirkungslos, weil alles schon dagewesen und wie abgegriffen ist. Nach zehn Minuten aber springt die Kopie auf, wirft das Capulet zurück und zeigt ein braunes, etwas blatternarbiges Mädchengesicht, das vergnügt grinst. Die Kleine schürzt den Kittel und beginnt, vor der staunenden Menge zu tanzen. Ehe man sie aber fangen kann, schwingt sie sich über die Felsen wie ein Bergtier davon. Einige Leute behaupten, es sei eine blutjunge, spanische Zofe, die Madame Lacrampe wegen frechen Diebstahls jüngst entlassen habe. Andre wieder sehn in ihr ein Zigeunermädchen aus dem Lager, das vor wenigen Tagen aus der Gegend von Lourdes vertrieben wurde. Genaues weiß niemand über die Unbekannte. Jacomet meldet an den Präfekten eine »schwere Religionsstörung«, Hyacinthe de Laute ist aber von dieser Episode gefesselt:

»Man könnte um die heilig tuende Zigeunerin ein Tanzspiel dichten«, meint er, »zu dem Maestro Giacomo Meyerbeer die Musik schreiben müßte im Stil von ›Robert le Diable‹.«

 

Mit diesen dämonischen Auflockerungen, die sich seit dem Urlaub der Dame immer noch vermehren, hängt vermutlich auch der Sündenfall François Soubirous' zusammen. Soubirous hat seit zwei Wochen mindestens das Estaminet Vater Babous nicht mehr betreten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste: die Wirtschaft Babous ist mittlerweile zur Bank der Spötter, zum Heim der Lästerer, zum Diskutierklub der Ungläubigen geworden. Es entspricht, auf einer niedrigeren Stufe, dem Café Français. Obwohl Soubirous nicht gerade als Vorkämpfer des Wunderglaubens auftritt, so ist er doch als Vater der Erstbetroffene jener himmlisch irdischen Unregelmäßigkeiten. Scham und Stolz verbieten es ihm, den schnapsduftenden und tabakgeräucherten Redeschlachten beizuwohnen, in denen entweder der Verstand oder die Wahrheitsliebe seines Töchterchens durch den Dreck gezogen werden. Ein anderer Grund aber ist wichtiger: François Soubirous hat ein stilles, aber starkes Gelübde abgelegt, bis auf weiteres dem Kräuterteufel zu entsagen. Und diesem Gelübde dient er nun schon seit vielen Tagen mit einer unerwarteten Willenskraft. Es wäre eine große Ungerechtigkeit, Soubirous einen schlichten Trunkenbold zu nennen. Schon sein echter Sinn für Würde läßt eine schandbare Aufführung nicht zu. Kein Mitbürger könnte behaupten, er hätte jemals den Müller Soubirous in sinnverwirrter oder torkelnder Verfassung angetroffen. Die zwei bis drei Achtelliter des Kräuterteufels, die der Vater der Wundertäterin zu seinem Glücke braucht, entsprechen genau dem Hohlmaß des Unglücklichseins, mit welchem er allmorgendlich erwacht. Merkwürdig genug, seit den so glanzbringenden Geschichten, die seine Bernadette aufführt, hat sich dieses Hohlmaß des Unglücklichseins nicht etwa verringert, sondern noch um ein gutes Stück erweitert. Bei all seinem Leichtsinn ist Soubirous ein schwerfälliger Mensch, der sich in Schwarzseherei gefällt. Der Ruhm, der nun seit einem Monat schon auf den Cachot niederregnet, erfüllt den Mann nicht nur mit Unruh und Besorgnis, sondern mehr noch mit einer heimlich dumpfen Eifersucht gegen die Ruhmbringerin. Er nimmt in seinem schweigsamsten Herzen der Tochter den überheblichen Glanz verdammt übel, den sie um den niedrigen Namen Soubirous gesammelt hat. Gleichzeitig natürlich sind manche Folgen dieses Glanzes recht angenehm. Gemischte Gefühle, wie man sieht. François Soubirous gehört zu jenen Verstockten, die aus dem »Untensein« die Süßigkeit eines vorwurfsvollen Hochmuts saugen. Da sind die Weiber anders, denkt er. Die freuen sich, wenn sie in das ungewaschene Maul der Leute kommen.

Um dem ehemaligen Müller sein inneres Gleichgewicht wiederzugeben, hätte es jetzt mehr bedurft als drei Achtelliter täglich. Er trinkt in strenger Erfüllung seines Gelübdes keinen einzigen. Es ist ein Kampf bis aufs Messer, den er gegen sich selbst führen muß. Der Zweck des Gelübdes besteht nach wie vor in dem Anliegen, es möge alles gut ausgehn, das heißt, sich im Sande verlaufen. Zugleich aber weiß François Soubirous auch, was er sich selbst als Vater einer Wundertäterin schuldig ist. Er geht daher jetzt täglich in die Kirche. Ebenso aber ist er gezwungen, mehrmals im Tage an Babou und an andern Schenken vorüberzuschleichen. Das bedeutet immer wieder einen Höhepunkt des Kampfes, der in ihm wogt.

Am zweiten Sonntag der Vakanz biegt er, vom Hochamt kommend, in die Rue des Petites Fossées ein. Da ereilt ihn vor dem Hause Vater Babous sein Schicksal in Gestalt des Polizisten Callet, des Brigadiers d'Angla und des Gendarmen Belhache. Diese Bewaffneten sind heute dienstfrei. Auch sie genießen die Ruhepause, die ihnen die Dame gönnt. Als sie Soubirous erblicken, fällt ihnen allen dasselbe ein, daß sie sich verschworen haben. Sie, die untergeordneten Organe, führen die Sache des Staates gegen das Wunder nicht minder als Minister Roulland, Präfekt Massy, Staatsanwalt Dutour und Kommissär Jacomet. Die Bloßstellung der moralischen Schwäche des Vaters, das wär kein übles Indiz in diesem Prozeß.

»Hein, großer Mann, warum so hochmütig?« ruft der Brigadier. »Du siehst ja so fein aus wie ein Bischof, wenn er in Zivil geht ...«

Soubirous trägt in der Tat einen bürgerlich schwarzen Sonntagsanzug, den ihm Cazenave geschenkt hat. Er will sich mit einem höflichen Gruß an den Gendarmen vorüberdrücken. D'Angla hält ihn fest:

»Nun, Soubirous, du kannst uns doch wirklich nichts Böses vorwerfen?«

François bleibt stehen und blickt finster vor sich hin:

»Den Engländer kann ich euch allen vorwerfen ...«

»Den Engländer«, ereifert sich der banditenbärtige Belhache.

»Wer hat es geduldet, daß Nicolau und Bouriette diesen Stockfisch zu Ayola geschlagen haben? Wir haben's geduldet, damit du deine Rache hast!«

»Meine Herren«, mahnt der Brigadier, »gleich wird's regnen. Wir verhandeln besser bei Babou da drinnen.«

»Ich geh nach Haus«, sagt Soubirous.

D'Angla packt ihn kameradschaftlich bei den Schultern:

»Nach Haus? Was machst du zu Haus um halb elf am Sonntag? Du wirst nicht nach Haus gehn, wenn dich die Gendarmerie zu einer Runde einlädt ...«

»Ich geh aber doch nach Haus«, trotzt Soubirous, während ihn die Männer schon ins Lokal bugsiert haben. Die beiden Gaststuben sind gesteckt voll, und zwar jederzeit, seitdem Lourdes die berühmteste Stadt von Frankreich geworden ist. Man muß Platz machen für die illustren Gäste. D'Angla winkt den gewaltigen Vater Babou heran:

»Nichts von deinem Selbstgebrannten heut! Bring etwas Besondres, Babou, und wenn die Dienstzulage draufgeht. Wir ehren unsern Freund ...«

Babou bläst die Backen auf und küßt seine Fingerspitzen:

»Im Keller hab ich noch drei Flaschen von dem Allerteuersten ...«

Mit den Liebhabern des gebrannten Weines ist es seit Urzeiten immer wieder dieselbe Geschichte. Man widersteht dem ersten Gläschen leichter als dem zweiten, dem zweiten leichter als dem dritten und so fort. Beim ersten Glas denkt Soubirous: die Obrigkeit darf man nicht beleidigen. Beim zweiten Glas denkt er gar nichts, sondern genießt die langentbehrte Wonne des brennenden Gebrannten. Beim dritten Glas ist er entschlossen, weiter zu trinken und schweigsam zu sein. Wenn er nicht viel spricht, kann ja kein Unglück geschehn. Um den Tisch der Bewaffneten drängen sich reihenweise die Kiebitze, als werde hier eine Hazardpartie mit hohen Einsätzen gespielt. D'Angla ist voll des Lobes für Soubirous:

»Du hältst dich glänzend, Freund, meiner Treu! Wenn man bedenkt, daß dein Name in allen Zeitungen der Welt steht, und ihr wohnt noch weiter in dem Cachot. Ich misch mich nicht hinein. Aber du könntest Geld machen, soviel du willst. Die reichen Betschwestern würden's dir nachwerfen, und niemand könnte dich zur Verantwortung ziehen. Aber wir von der Behörde wissen jetzt genau, daß du kein Geld machst, sondern derselbe arme Hund bist wie vorher: Alle Achtung, Soubirous!«

»Man tut, was man kann«, sagt der Belobte kurz.

Belhache, der nicht viel von der Unbestechlichkeit der Generäle, Minister, Präfekten und anderer Machthaber hält, pfeift durch die Zähne: »Himmelherrgott, da sind die großen Herren anders als du. Denen muß man gar nichts nachwerfen. Die holen sich's schon selbst.«

»Große Herren kenn ich nicht«, sagt Soubirous vorsichtig.

Einer von den Kiebitzen ruft dazwischen:

»Ein Mühlchen gebührt dir, Soubirous, weiß der Teufel. Am Lapaca stehen zwei leer, und heuer wird's Wasser genug geben, nach diesem Winter. Du solltest dir eine Mühle schenken lassen. Niemand könnt's dir verargen. Die Müllerei ist ein gemeinnütziges Gewerbe.«

»Ich bin kein schlechterer Müller als andere«, sagt Soubirous in Wahrung seiner Wortkargheit, obwohl das Thema sein Herz bedrängt.

Unter solch behutsamen Palavern wird die erste Flasche leer, wobei man dem Gast höflicherweise einen großen Vorsprung einräumt. Die lang ersehnte Befriedigung zieht übermächtig in die Seele des Eidbrüchigen ein. Man leert schon die Neige der zweiten Flasche, als d'Anglas treuherzig blonder Blick die Augen Soubirous' sucht:

»Für mich bist du ein großes Rätsel, Freund«, sagt der Brigadier. »Du hast eine begnadete Tochter. Zwanzigtausend wenigstens waren jüngst bei der Grotte. Und dich selbst sieht man nur äußerst selten dort. Was sollen wir davon halten? Und was hältst du selbst davon?«

»Ich bin ein unwissender Mensch. Es geht niemanden etwas an, was ich davon halte.«

»Sei kein glatter Aal, Soubirous! Glaubst du oder glaubst du nicht?«

Soubirous, dessen Vorsprung immer größer wird, kann die bereits schwere Zunge nicht mehr wahren:

»Ihr seid mir Ganzgescheite«, spottet er. »Weil ihr mit der Eisenbahn fahrt und herumtelegraphiert in den Ländern, glaubt ihr, die Allerseligste Jungfrau kann nicht mehr zu unsereinem kommen. Sie kommt aber zu unsereinem, meiner Seel. Und wenn sie es will, so fährt auch sie mit der Eisenbahn.«

»Gut gegeben«, brüllen die Kiebitze. »Warum soll die Allerseligste Jungfrau nicht mit der Eisenbahn fahren? Das müßte der Dechant Peyramale dem Bischof nach Tarbes telegraphieren.«

Der kleine Callet, der als erster hinüber ist, trommelt mit den Fäusten auf den Tisch:

»Nicht mit der Eisenbahn«, grölt er. »Mit dem Luftballon. Mit dem Luftballon. Und im Luftballon bringt sie die ganze Heilige Familie mit ...«

Solche primitiven Lästerungen vergnügen das Herz kleiner Leute, sie müssen nicht einmal ungläubig sein. Wenn man auf diese Weise mit dem Himmel anbindet, ist man ein verflixter Kerl, ohne besondere Spesen. Das stickige Lokal dröhnt vom Gelächter. In dieses Gelächter hinein fragt der Brigadier unversehens:

»Wie ist das, wenn man zur Heiligen Familie gehört, Soubirous?«

»Wie ist das, wenn was ...«, stammelt der Betrunkene.

»Du gehörst doch jetzt zur Heiligen Familie, Soubirous.«

»Warum gehör ich zur Heiligen Familie?«

»Also – paß einmal auf! Was die Heilige Familie ist, das weißt du. Die Allerseligste Jungfrau und ihr Sohn und der brave heilige Josef ...«

»Der heilige Josef«, schreit irgendeiner. »Der kommt mir immer so vor wie der Prinzgemahl Albert von England, der Mann von der Königin Viktoria ...«

»Keine Gemeinheiten gegen fremde Staatsoberhäupter«, kräht Callet. »Sonst müssen wir einschreiten.«

»Der Prinz Albert kann manches, was der heilige Josef nicht kann«, bemerkt ein Kundiger. Der Brigadier aber, seine Favoriten krauend, ist äußerst beharrlich. Er hat wäßrige Fischaugen im rot gedunsenen Gesicht:

»Wenn die Allerseligste Jungfrau zu deiner Bernadette kommt«, sagt er, »so tut sie das aus verwandtschaftlichen Gründen. Das ist doch klar. Oder ist das vielleicht nicht klar? Sie fühlt sich halt verwandt mit der Bernadette, hein! Das kannst du doch nicht leugnen?«

»Das kannst du doch nicht leugnen«, wiederholt Callet und fährt mit schneidender Stimme auf Soubirous los: »Augenblicklich gestehst du, daß du zur Heiligen Familie gehörst.«

Soubirous hat eben das entscheidende Glas ausgetrunken, bei welchem der milde Rausch in tragisches Pathos umzuschlagen pflegt. Er richtet sich langsam auf und lallt düster:

»Ich gestehe, daß ich zur Heiligen Familie gehöre.«

Donnernder Applaus des Estaminets Babou. Callet überquäkt ihn: »Wenn man zur Heiligen Familie gehört, da wird nicht mehr gerülpst und gefurzt im Kämmerchen, das möchten wir uns ausgebeten haben ...«

»Ruhe«, donnert d'Angla und wartet, bis es wieder still ist. Dann nähert er sein rotes Gesicht über den Tisch dem gelblich blassen Gesicht Soubirous':

»Und jetzt sag mir, Soubirous, und schäm dich nicht, wie ist das, wenn man zur Heiligen Familie gehört?«

Soubirous blickt erloschen um sich. Dick perlt der Schweiß ihm von der Stirn. Er verträgt nicht viel. Er hat zu lang entbehrt. Er hat zu schnell getrunken. Sein Mund ist wie gelähmt:

»Wenn man zur Heiligen Familie gehört«, stammelt er. »Wenn man eine Heilige Familie hat, das ... das ... das ist ein Fluch!«

Und er sinkt zusammen und birgt den Kopf in die Arme. Niemand lacht mehr. Die Gendarmen und Callet gehn hinaus und stecken den Kopf in kaltes Wasser, bis sie sich wieder in der Macht haben und auf die Straße wagen können. Eine halbe Stunde später bringen sie François Soubirous heim. Durch diesen Aufzug entsteht in Lourdes das hartnäckige Gerücht, der kaiserliche Staatsanwalt habe Bernadettens Vater neuerdings verhaften lassen. Brigadier d'Angla, Gendarme Beihache und Polizist Callet schämen sich immerhin so tief, daß sie, nach einer kurzen Verabredung, den »schweren Trunkenheitsfall« nicht zur Anzeige bringen, obwohl ihre Vorgesetzten ihnen zweifellos dankbar dafür wären und das Wochenblättchen »Le Lavedan« einen teils moralischen, teils populärwissenschaftlichen Artikel bringen könnte, unter dem Titel:

»Die Tochter des Alkoholikers.«

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