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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Neunzehn. Anstatt des Wunders ein Ärgernis

Die ganze Stadt spricht von der Botschaft des Dechanten an die Dame. Marie Dominique Peyramale hat sich auf seinem Posten damit als Meister gezeigt, der den schwierigsten Situationen gewachsen ist. Die Freidenker und Antiklerikalen sehen in dieser Aufforderung einen saftigen Witz, lachen und sind zugleich verwirrt, weil es sich jetzt nicht mehr so leicht behaupten läßt, daß die Kirche die Erscheinungen begünstige, wenn nicht gar auf dem Gewissen habe. Dieselbe Botschaft versetzt anderseits die Gläubigen aller Grade in große Erregung. Wahrhaftig, wenn's die Allerseligste Jungfrau ist, so ist es auch die Königin des Rosenkranzes und der Rosen. Wird sie sich die Gelegenheit entgehen lassen, dieses bescheidene Rosenwunder zu wirken, das noch dicht an der Schwelle des Natürlichen läge, jetzt, wo der März bereits nah ist? Es wäre wirklich nicht zu viel verlangt, daß der Himmel seinen Anhängern diesen geringen Beistand leistet, um ihre Lage in einer gottlosen Welt zu verbessern. Ja, ja, der Pfarrer von Lourdes ist ein schlauer Mann, das muß man wirklich sagen.

Cafétier Duran empfängt seine Klienten mit einem Augenzwinkern:

»Wollen Sie wetten, daß wir demnächst ein nettes Wunderchen erleben. Ich bitte Sie, das Wetter ist schön, mittags scheint die Sonne, und in vier Tagen haben wir März. Für das, was noch zu tun übrigbleibt, werden gewisse Damen sorgen. Ein großes Kohlenbecken unters Felsloch gestellt! Ein paar Wärmflaschen um den Strauch gelegt! Cazenave macht's nicht anders in seinem Wintergarten. Und er erzielt die schönsten Nelken und Gladiolen zur Weihnachtszeit. Ich halte jede Wette.«

Mit diesen Worten spielt der gute Geist des Café Progrès das vorsichtige Prävenire.

Ein andres Wunder aber ist der Schrei nach dem Wunder, der jetzt durch alle Ortschaften der Pyrenäenländer geht, nachdem mit Blitzesschnelle bis ins letzte Bergdorf das Gespräch des Pfarrers mit Bernadette bekannt geworden ist. All diese schwerhändigen Bauern, Hirten, Kleinhäusler, Straßenarbeiter, Waldleute, Schieferbrecher scheinen plötzlich erwacht zu sein zur furchtbaren Erkenntnis der menschlichen Schiffbrüchigkeit und Ausgestoßenheit auf dieser Erde. Sie nehmen für einen Augenblick den Fluch des Leidens und der Plage nicht mehr hin wie die Zugochsen. Den wirklichen Schiffbrüchigen gleich, verlangt ihre Seele danach, im endlosen Nebel des Irdischen einen himmlischen Wimpel zu erblicken, der ihnen Rettung verheißt: ein Wunder wird geschehn, der Rosenstrauch wird blühn im Februar.

Die Person, die sich am wenigsten um solch ein Wunder bekümmert, ist Bernadette. Schon am nächsten Tage, kaum vor der Grotte angelangt, entledigt sie sich in überstürzter Weise der Aufträge, die sie vom Pfarrer empfangen hat. Nicht wie sonst kann sie sich in ihr verzücktes Schauen und Hören versenken. Beängstigend steht das Spiel der Welt zwischen ihr und der Dame. Sie sprudelt die Worte des Dechanten tonlos und ohne Absatz hervor, weil sie viele von ihnen kaum über die Lippen bringt, so herrisch, so von oben herab und unangemessen erscheint ihr Peyramales Botschaft. Kann man denn derartig mit der Dame umgehn: »Der Pfarrer von Lourdes hat gesagt, daß Sie selbst das Geld für Ihre Kapelle beschaffen sollen.« – »Der Pfarrer von Lourdes hat gesagt, daß er keine Aufträge von unbekannten Damen entgegennimmt.« – »Der Pfarrer von Lourdes will künftig in Ruhe gelassen werden von Ihnen.« – »Der Pfarrer von Lourdes wünscht, daß Sie es machen, daß die Heckenrose unter Ihren Füßen aufblüht.« – Die Dame hört sich all diese Ungezogenheiten ruhig an. Nicht ein einziges Mal zeigt sich auf ihrem Gesicht jene erblassende Trübung wie sonst, wenn etwas Unpassendes geschieht oder gesagt wird. Dann und wann lächelt sie zu Bernadettens hastigem Bericht flüchtig und nicht gerade sehr aufmerksam. Nichts als ein halber Blick auf die wilde Rose beweist, daß sie die Forderung Peyramales zur Kenntnis genommen habe. Die Dame ist zerstreut. Sie neigt sich zu ihrem Schützling nicht herab. Ihre kristallblauen Augen sind heute schmerzhaft in die Ferne gerichtet. Sie, von der man behauptet, daß sie nur eine Erscheinung sei, scheint selbst Erscheinungen zu haben, und zwar Erscheinungen der Qual und des Grauens, denn ihre Lippen bilden immer wieder das Wort: »Buße!« Sie hat viel Ekel diesmal, erkennt Bernadette und versucht alles zu tun, um der Dame den Aufenthalt in dieser ekelerregenden Welt durch Buße zu erleichtern. Sie küßt unaufhörlich den Boden, sie rutscht sich die Knie blutig. Sie ruht nicht, bis auch ihre Handflächen ganz wund sind. Sie will die Menge anfeuern, ihr bei dieser Buße zu helfen. Das gelingt aber nur sehr unvollkommen, da die wenigsten ihre Absicht begreifen und insgesamt alle lieber ein Wunder schauen möchten, als Unbequemlichkeiten auf sich nehmen, um das Leiden der Dame herabzumindern. Trotz des schönen Wetters fröstelt die Dame. Die Rosen auf den Füßen sind ganz matt. Sie zieht sich schon nach zwanzig Minuten zurück. Die Leute erzählen, daß Bernadettens Gesicht heute sich kaum verändert hat.

 

Die Gläubigen betrachten diesen Donnerstag, den fünfundzwanzigsten Tag des Februars, als den Stichtag des Rosenwunders. Er ist, einschließlich des elften, an dem die Dame das erstemal zu Bernadette kam, der dritte Donnerstag der Erscheinungen. Die Erregung der Wundersüchtigen, die das Verhalten der Dame so kühn vorausberechnen, ist begreiflich. Nicht nur die Bäuerinnen des Tales Batsuguère, sondern auch Madame Millet, Tante Bernarde, die Bouhouhorts, die Nicolaus, die Sajous und sehr viele andre sind überzeugt davon, daß heut oder nie sich etwas Großes ereignen wird.

Zwischen dem Bürgermeister und dem kaiserlichen Staatsanwalt einerseits und dem kaiserlichen Staatsanwalt und dem Polizeikommissär andrerseits hat es sehr heftige Auftritte gegeben. Einer macht den andern für die klägliche Situation verantwortlich, in die sich die Behörden hineinmanövriert haben. Vor allem aber ist die Pariser Presse völlig des Teufels. Dutours politischer Instinkt hat's vorausgerochen. Die großen Zeitungen benützen diese leidige, aber harmlose Geschichte dazu, um das absolute Regime des Kaisers, das einem Putsch sein Dasein verdankt, aus dem Hinterhalt heuchlerisch anzufallen: »Wie ein Blitz erhellen«, so schreibt »Journal des Débats«, »diese traurigen Erscheinungen von Lourdes den ganzen materiellen und geistigen Tiefstand, in dem das Volk unsrer südlichen Provinzen zu leben verurteilt ist. Was ist seit nunmehr zehn Jahren dafür getan worden, daß diese so hochbegabte Bevölkerung den Anschluß an das moderne Zeitalter finde? Nichts ist getan worden, weniger als nichts, und zwar aus kalter Absicht. Ein Volk, dessen Schulerziehung größtenteils noch immer in den Händen von Mönchen und Nonnen liegt, kann sich niemals zu den Höhen des freien Gedankens aufschwingen, der das Ende jeder Tyrannei bedeutet. Die Entfesselung des religiösen Fanatismus ist der sicherste Handgriff, die Menschheit von ihren höchsten Zielen abzulenken, als da sind die Eroberung und Organisierung des Globus. Der kaiserliche Minister für Kultus und Unterricht, Monsieur Roulland, möge sich diese Zeilen zu Herzen nehmen.«

Monsieur Roulland nimmt sich diese Zeilen so stark zu Herzen, daß er seinen Kabinetts-Chef mit gesträubten Haaren beschwört: »Schaffen Sie mir diese verrückten Erscheinungen vom Hals.« Er begeht freilich den Kardinalfehler, keine bestimmte Anweisung zu geben, wie solches zu geschehen habe. Der Kabinetts-Chef wendet sich wehklagend an das Ministerium des Inneren und an den Justizminister Delangle. Das Ministerium des Innern verfaßt gepfefferte Anfragen, die an Baron Massy, den Präfekten von Tarbes, herabgelangen. Entsprechend feuert Minister Delangle den kaiserlichen Oberstaatsanwalt von Pau, Herrn Falconnet, an, unverzüglich nach dem Rechten zu sehn. Der erbitterte Präfekt richtet nun seinerseits immer schärfere Anfragen an den Unterpräfekten Duboë in Argelès und an den Polizeikommissär von Lourdes. Gleichzeitig fordert der kaiserliche Oberstaatsanwalt Falconnet vom kaiserlichen Staatsanwalt Dutour Rechenschaft über die inkriminierten Vorfallenheiten. So steigen auf der Jakobsleiter der Bürokratie die dienstlichen Anfragen und dienstlichen Rückäußerungen auf und nieder, ohne daß es zu einem Beschluß, geschweige denn zu einer Maßnahme kommt. Da aber nicht einmal die oberste zuständige Stelle, das Kultusministerium, eine entscheidende Aktion wagt, werden die unteren Behörden immer unsicherer. Gegen »Apparitionen« des Jenseits im Diesseits scheint kein Paragraph gewachsen zu sein. Um das Gesicht zu wahren, einigt man sich auch fürderhin auf »strenge Überwachung« von demselben hervorgerufenen Unregelmäßigkeiten. Da aber im Weltleben wie im Staatsleben immer der Schwächste dran glauben muß, stülpt man dem kleinen Polizeibeamten Jacomet den Kessel aufs unschuldige Haupt. Der Arme sieht durch die Hartnäckigkeit der Dame seine Stellung bedroht. Man wird ihn, wenn das so weitergeht, mit einem elenden Ruhegehalt in Pension schicken. Jacomet verlebt böse Stunden. Er ist erbittert und angstvoll zugleich. Nur jene Entschlossenheit jedoch kann ihn retten, die seinen Vorgesetzten mangelt. Er ist bereit, an jenem Donnerstag ein Exempel zu statuieren. Zu diesem Zweck hat er nicht nur den gesamten Sicherheitsdienst von Lourdes aufgeboten, sieben Gendarmen und Callet, sondern auch noch Sukkurs aus Argelès angefordert. Die dortige Brigade sendet drei weitere Gendarmen. Es sind demnach vor Massabielle schon um sechs Uhr früh elf Bewaffnete versammelt, um die Dame, Bernadette und ihre Anhänger in die Schranken zu weisen.

Damit aber hat auch Jacomet nicht gerechnet, daß an diesem Stichtag des Wunders ungefähr fünftausend Menschen aus aller Welt zusammenströmen werden. Sie drängen von den Landstraßen über den Spelunkenberg, das Saillet-Wäldchen, die Chalet-Insel gegen die Grotte. Jacomet befiehlt den Gendarmen, einen Kordon zu ziehn und den Zugang für die große Masse zu sperren. Nur Bernadette mit ihrem engsten Gefolge wird durchgelassen, außerdem Doktor Dozous, das Geschwisterpaar Estrade und einige andere Notabilitäten. Den Müller Antoine Nicolau, diesen ältesten männlichen Stammgast von Massabielle, weist Jacomet grob zurück. Daraufhin läßt sich Antoine dicht vor dem Brigadier d'Angla auf die Knie nieder und beginnt mit bockiger Stimme ein Marienlied zu intonieren. Ein großer Teil der Menge gehorcht unverzüglich seinem Beispiel. Der Polizeikommissär Jacomet erweist der Dame mit seinen Anordnungen weniger einen Schaden als einen Dienst. Das Portal der Grotte ist ungefähr ebenso groß wie der Ausschnitt einer Schauspielbühne. Dadurch, daß die dicht gedrängten Zuschauer heute einen weiten Halbkreis um diese Bühne bilden, dadurch, daß die vorderen Reihen knien, die hinteren stehen, bekommen mehr etwas zu sehen als sonst. Der Kommissär hat für die ihm verhaßte Szene eine Ordnung gestiftet, wie er sie gar nicht beabsichtigte.

Bernadette hat heute wiederum eine ganz neue Dame vor sich. (Oh, niemals kommt ihre bangende Liebe der Geliebten auf den Grund.) Es ist auch heute nicht die Absicht der Erscheinenden, ihren Liebling zu beglücken. Deshalb verfällt Bernadette diesmal nicht in die tiefe Ekstase, die der Menge das Unsichtbare sichtbar macht. Die Dame war dabei noch niemals so feierlich wie am heutigen Donnerstag. Um ganz genau zu sein: sie ist überhaupt das erstemal wirklich feierlich. Ihr überwältigender Liebreiz hat einen strengen und entschlossenen Zug. Selbst das Lächeln und kopfneigende Grüßen, diese herzinnigen Zeichen jeder neuen Wiederbegegnung, erfolgen gemessen, offiziell und gleichsam nur andeutungsweise. Auch der Faltenwurf des Kleides ist starrer als sonst, der Saum des Schleiermantels wird nicht vom Winde bewegt, und die sonst in die Stirn fallenden freien Locken sind sorgsam verborgen.

Bernadette fühlt alsogleich, daß sie ein Übriges tun müsse heute. In vielen Nächten hat sie sich schon überlegt, wie sie nötigenfalls näher ans Felsoval gelangen könnte. Es liegen Steinblöcke genug vor der Wand, auf denen man sich leicht wenigstens bis zum Dornstrauch aufschwingen kann, der wie ein struppiger Kinnbart das Portal einsäumt. Die Dame schlägt ihr erstes Kreuz, das Bernadette nachzeichnet. Dann winkt sie leise mit dem Zeigefinger das Mädchen heran. Und schon hat Bernadette den richtigen Steinblock erklettert und sich mühelos so weit emporgeturnt, daß ihr Gesicht bis zum Strauch reicht. Ohne den ausdrücklichen Wunsch der Dame hätte sie diese Annäherung nie gewagt. Denn ihr Scheitel ist nun wenige Zentimeter nur von den blutlosen Füßen entfernt, auf denen die goldenen Rosen flammen. In einem Anfall von leidenschaftlicher Hingabe, der zugleich ein Überangebot von Buße ist, taucht Bernadette ihren Kopf in den Dornenbusch und küßt ihn. Glücklicherweise werden ihre Wangen nicht sehr zerkratzt, und nur zwei oder drei Blutstropfen lösen sich ab. Die Stimme der tausendköpfigen Menge dahinter rauscht auf. Schon die behende Grazie, mit welcher sich das Mädchen in ihrem verblichenen Capulet zur Wand emporschwang, hat Bewunderung erregt. Die schmerzverachtende Zeremonie mit dem Dornbusch aber weist unmittelbar auf das Wunder hin, das sich binnen weniger Minuten ereignen muß. Die Erregung der Masse nimmt es schon vorweg. Einige Phantasten sehen bereits den vom Blute der petite voyante gedüngten Wildzweig hellrot von lauter aufbrechenden Rosenknospen. Es ist der bisher größte Augenblick in Bernadettens »tollen Offizien«, wie Peyramale es genannt hat.

Die Dame aber scheint dieser Improvisation keine besondre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hat andre Absichten. Eindringlich, jede Silbe klar absetzend, wie man sehr wichtige Befehle einem Kinde einschärft, sagt sie jetzt in ihrem fehlerfreien, aber fremdartig vornehmen Patois:

»Annat héoué en a houn b'y-laoua!«

Und diese Worte bedeuten:

»Gehen Sie dort an die Quelle trinken und sich waschen.«

Mit zwei Sprüngen ist Bernadette wieder unten, ohne ihr Gesicht von der Dame abgewandt zu haben. Quelle? denkt sie, wo ist denn hier eine Quelle? Zunächst bleibt sie ratlos. Dann aber meint sie, daß die Dame des Dialekts doch nicht so völlig mächtig sei und die Bezeichnungen für Quelle und Bach nicht genau auseinanderhalte. Bernadette läßt sich schnell auf die Knie fallen und beginnt – sie hat in dieser Fortbewegungsart eine große Meisterschaft erreicht – in die Richtung des Mühlbachs zu rutschen. Als sie schon ein beträchtliches Stück überwunden hat, dreht sie ihr Gesicht wieder zur Nische. Die Dame schüttelt ziemlich ungeduldig den Kopf. Aha, überlegt das Mädchen, sie will nicht, daß ich aus dem Savy trinke, sondern aus dem Gave. Schnell wechselt sie die Richtung zum Fluß, dessen Ufer etwa dreißig Schritt von ihrem Platz entfernt hegt. Die Stimme der Dame aber ruft sie zurück:

»Nicht zum Gave, bitte!«

In diesen vier Worten und in dem warnenden Ton liegt eine gewisse Verurteilung des Gave, der für die Zwecke der Dame nicht taugt. Obwohl der cholerisch vorüberjagende Fluß, besessen von Zeit und Vergänglichkeit, nach Ansicht des Direktors Clarens ein ewiges »Ave« in sich einschließt, scheint sein Gewässer der Tummelplatz feindseliger Kräfte zu sein. Wohin nun? staunt Bernadette und blickt mit offenem Mund zur Nische. Die Dame läßt sich herbei, noch einmal den Satz mit der Quelle zu wiederholen, und wie um dem Mädchen zu helfen, schließt sie folgendes Sätzchen an:

»Annat minguia aquero hierbo que troubéret aquiou!«

Und diese Worte bedeuten:

»Gehen Sie von den Pflanzen essen, die Sie dort finden!« Bernadette blickt sich sehr lange in der Grotte um, ehe sie im äußersten rechten Winkel eine Stelle entdeckt, wo kein Sand und Geröll, sondern eine Handvoll Gras und ein paar schäbige Kräuter wachsen, darunter das Blümchen Dorine, auch Steinbrech genannt, weil's in seiner demütigen Hartnäckigkeit die Kraft besitzt, sich durch Felsgestein ans Licht zu arbeiten. Eilig rutscht Bernadette dorthin. Sie beginnt mit dem zweiten Teil des Befehls, indem sie einige Gras- und Kräuterspitzen abrupft und sie hinunterschluckt. Dabei steigt in ihr eine Kindheitserinnerung auf. Einst besuchten sie die Eltern in Bartrès. Sie hatte ihre Schafe auf die Weide geführt, und Papa, damals noch ein selbstbewußter Müller, lag neben ihr im Gras. Einige der weidenden Tiere hatten grünliche Flecken am Rücken. »He, siehst du, Bernadette«, sagte Soubirous, scherzhaft gestimmt, doch mit düstrem Gesicht, »diese armen Bestien dort. Ihnen steigt das viele widerliche Gras bis ins Fell.« Bernadette aber, die niemals Witze versteht und alles für wahr hält, was man ihr sagt, litt ein schreckliches Mitleid für ihre Schafe und brach in Tränen aus. Diese grünlichen Tierrücken und ihre eigenen Tränen fallen ihr jetzt ein, da die Dame sie dazu anhält, selbst von den widerlich bitteren Kräutern zu essen.

Aber noch Schlimmeres steht ihr bevor, da sie den ersten und wichtigeren Teil des Befehls ausführen muß: »Gehen Sie dort an die Quelle, trinken und sich waschen.« Da die Dame von einer Quelle spricht, so muß eine Quelle vorhanden sein, das ist für Bernadette ausgemacht. Ist die Quelle nicht über der Erde da, so muß sie unter der Erde da sein. Das Mädchen starrt auf den mageren Erdfleck, von dessen bitterem Grün sie soeben gekostet hat. Dann beginnt sie, ihn mit beiden Händen aufzukratzen, aufzuwühlen, wie ein Maulwurf. An der Rückwand der Grotte lehnen die Spaten und Krampen der Wegarbeiter. Bernadette denkt nicht daran, eines der Grabscheite heranzuholen, um sich ihr Werk zu erleichtern. Wilden Eifers scharrt sie mit ihren Händen die Erde auf, immer in Furcht, die Dame könne über ihre lässige und erfolglose Arbeit ungeduldig werden. Auch jetzt, während sie den unbegreiflichen Auftrag erfüllt, nach einer Quelle zu suchen, die es nicht gibt, denkt sie nicht eine Sekunde lang über die Absichten der Dame nach. So feinfühlig Bernadette immerfort die Beziehung ergrübelt, die ihr einsames Ich mit dem einsamen Du der Dame verbindet, so wenig kümmert sie sich um die heimlichen Zwecke der Dame. Sie gehorcht blind und bewußtlos, weil sie überschwenglich liebt. Auch hierin ist sie völlig weiblich, daß ihr der gestaltende Plan des geliebten Wesens fast gleichgültig ist und ihr nichts andres bietet als neuen Raum zur Hingabe.

Als Bernadette ein Loch von der Tiefe und Breite einer Milchschüssel etwa ausgehoben hat, stößt sie auf schlammigen Boden. Die nächsten Klumpen holt sie nun leichter aus der kleinen Grube. Sie schöpft tief Atem und macht eine Pause, weil die Arbeit sie ermüdet hat. Da bildet sich auf dem Grund des Loches ein bißchen schmutziges Wasser, nicht mehr als in ein halbes Weinglas hineingeht. Dieses karge Naß würde durchaus genügen, um sich damit die Lippen zu netzen und Stirn und Wangen anzufeuchten. Zweifellos versteht die Dame unter »Trinken und Waschen« eine symbolische Handlung dieser Art. Die Dame freilich hat es mit den Symbolen viel bequemer als die Soubirous-Tochter. In der adligen Welt, aus der sie zu kommen scheint, sind die Sinnbilder daheim. In der Soubirous-Welt hingegen wird alles nur wörtlich und sachlich begriffen. Das Mädchen würde es für eine glatte Betrügerei ansehen, nicht wirklich zu trinken und sich zu waschen.

Sie gräbt deshalb noch ein Stück tiefer, wodurch sich das bißchen Wasser, das vermutlich von der letzten Überschwemmung in den Boden gesickert ist, ganz verliert und mit dem Schlamm vermischt. Es bleibt Bernadette nichts andres übrig, als einen besonders feuchten Klumpen in die Hand zu nehmen, sich ihn übers ganze Gesicht zu schmieren und einen andern feuchten Klumpen in den Mund zu stecken und ihn herabzuwürgen. Letzteres gelingt erst nach vielen verzweifelten Schlingversuchen, wobei sich das grausam mit Schmutz bestrichene Gesicht des Mädchens vor Abscheu und Willensanspannung verzerrt. Kaum aber ist der schreckliche Bissen Erde durch wütende Schluckbewegungen in die Speiseröhre gerutscht, als sich der noch nüchterne Magen gegen diese Speise der Toten empört. Brechreiz schüttelt Bernadette. Sie muß sich angesichts von fünftausend Wundersüchtigen übergeben. Und es dauert lang, bis der Klumpen Erde wieder heraus ist.

Die Mutter, Tante Bernarde, Tante Lucille stürzen herbei. Jemand bringt ein Gefäß mit Wasser aus dem Mühlbach. Man reinigt das Gesicht, das Kleid, die Hände des Mädchens. Alle schämen sich. Nur Bernadette, die zu Tode erschöpft in den Armen ihrer Mutter liegt, hat nicht die Kraft, sich zu schämen. Sie besitzt nicht einmal mehr die Kraft, zu bemerken, daß die Dame sie verlassen hat.

 

Was aber sehn die Menschen, die den Befehl der Dame nicht vernommen haben, die nichts wissen von »Trinken«, »Waschen«, »Kräuter essen«? Sie sehn zuerst, wie Bernadette, der Dornen nicht achtend, ihr Gesicht in den Busch taucht. Dieser asketische Kuß begeistert die Menge. Das Wunder bereitet sich vor. Dann aber erfolgt eine Antiklimax sondergleichen. Bernadette rutscht mit verwirrtem Gesicht auf die Menge zu, sie, die bisher den Leuten, wie der zelebrierende Priester, zumeist den Rücken gekehrt hat und sich, ebenso wie der Priester, nur umwandte, um ein Wort der Unsichtbaren zu verkündigen. Nun aber weiß sie nicht, wohin sie soll. Einmal wendet sie sich dahin, das andre Mal dorthin, wobei ihre Aufblicke zur Nische voll Zweifels und Unentschiedenheit sind. Ihr Gesicht aber ist das alltägliche Gesicht der Soubirous-Tochter. Danach irrt sie in der Grotte umher, um schließlich in einem Winkel Gras zu kauen, die Erde mit den eigenen Krallen aufzukratzen, sich Stirn und Backen mit dem schmutzigen Lehm vollzuschmieren und zum Schluß noch einen Brocken Erde zu schlingen, den sie mit großer Schwierigkeit wieder erbrechen muß. Darauf naht die Familie, um den unseligen Dreckfink mit feuchten Lappen wieder in menschenwürdigen Zustand zu versetzen.

Nichts als diese Vorgänge sehn und verstehn die Menschen. Was sich ihnen darbietet, ist das abstoßende Bild geistiger Gestörtheit, wie man dergleichen selbst in Irrenhäusern nur selten begegnet. Und dies ist das Wunder des heutigen Donnerstags. Nicht nur die Begeisterung und die Wut einer großen Menschenmenge, auch ihre Enttäuschung ist ein Elementarereignis. Nachdem bis zum Augenblick, da sich die Mutter und die Tanten dem erschöpften Kinde näherten, eine verbissene Totenstille geherrscht hat, erhebt sich nun ein langes und geducktes Gelächter, das keine Erlösung bringt. Die Menge lacht weniger über Bernadette als über sich selbst, über ihre eigene Dummheit und Leichtgläubigkeit. Tausende haben dank einer unbegreiflichen Betrunkenheit gehofft, daß hier in Lourdes etwas geschehen werde, das dem sinnlosen Leben einen Sinn gibt, das den unbeweisbaren Glauben beweist. Nun ist alles wieder schmutziger Alltag wie vorher, und kein Rosenwunder hat die Wirklichkeit durchbrochen. Bernadette ist eine arme Verrückte, die Dame der Irrwisch eines kranken Hirns. Dahingegen sind der Pfarrer und der Polizeikommissär nüchtern gescheite Köpfe, an die man sich halten soll.

»So was von übergeschnappt«, sagen jetzt die unbedingtesten Verteidiger Bernadettens. »Das hat man ja gar nicht geahnt.«

Jacomet nimmt seine Stunde wahr. Jetzt oder nie muß es gelingen, den Unfug auszutreten wie ein schwelendes Feuer. Was die Ministerien, die Préfecture, die Sous-Préfecture, die kaiserliche Staatsanwaltschaft, das Bürgermeisteramt nicht zustande gebracht haben, wird er, der untergeordnete Beamte, zustande bringen. Von den Vorgesetzten belobt, vom ganzen aufgeklärten Frankreich hochgeschätzt, vom sorgenbefreiten Klerus mit Dank bedacht, wird er in den von Monsieur Duran abonnierten Zeitungen über sich lesen dürfen: »Ein bescheidener Polizeikommissär zertritt der Hydra des Aberglaubens den Kopf.« Jacomet, von der bewaffneten Macht umgeben, wählt einen erhöhten Standort als Rednertribüne und läßt seine schneidendste Verhörstimme über den Plan schallen:

»Ihr lieben Leute! Nun seht ihr klipp und klar, wie man euch hänselt und an der Nase herumführt. Ein paar Bauernfänger, die wir noch herausfinden werden, machen sich lustig über euch und stiften Verwirrung. Ihr habt vorhin endlich mit eigenen Augen erkennen dürfen, daß die kleine Soubirous eine arme Kranke ist, die man in den nächsten Tagen in eine geschlossene Anstalt wird bringen müssen. Mit der Allerseligsten Jungfrau ist es demnach Wasser, liebe Leute. Die hat auch wahrhaftig was Beßres zu tun, als euch an einem ganz gemein schäbigen Donnerstag Ende Februar, wo's allerlei zu tun gibt, von der Arbeit abzuhalten. Die Allerseligste Jungfrau meint es gut mit euch und will nicht, daß ihr Zeit und Geld verliert. Sie ist ganz zufrieden damit, wenn ihr hübsch bei eurem Rosenkranz bleibt, und ganz genau dasselbe ist die Ansicht der Geistlichkeit. Die Allerseligste Jungfrau will auch nicht, daß die Polizei Schwierigkeiten und Mehrkosten hat. Seht doch die Herren Gendarmen hier! Eurer Verstiegenheit wegen haben wir noch drei aus Argelès zu Hilfe bitten müssen. Die Gendarmerie hat ohnehin einen sehr schweren Dienst bei Tag und Nacht, und ihr vergrößert noch diese Last. Für all die unsinnigen Mehrkosten, die ihr verursacht, könnte man so manches Gute stiften. Nehmt also endlich Vernunft an, ihr Guten! Wunder an einem ganz gewöhnlichen Wochentag? Ja, das war was! Nicht einmal am Sonntag gibt's Wunder. Der Herrgott duldet keine Unregelmäßigkeiten in der Natur, genau so wenig wie Seine Majestät der Kaiser Unregelmäßigkeiten und Unordnung im Staat duldet. Ich hoffe, daß ihr mich verstanden habt und daß morgen wieder Ruhe eintritt in unserer Gegend ...«

Nach dieser markigen und mit volkstümlichen Humoren gewürzten Rede beginnt die Menge sich zu zerstreuen, kleinlaut und betreten. Die meisten haben's schon immer gewußt, daß alles Schwindel sei und Wahnsinn. Einige schweigen in sich hinein und können mit der Enttäuschung und Blamage nicht so leicht fertig werden. Zwischen Bach und Grotte sitzt die dicke Millet auf einem Feldstuhl, den sie in letzter Zeit immer mitzunehmen pflegt. Um sie herum stehen Madame Baup, die Schneiderin Peyret, Mademoiselle Estrade und eine andere Dame der guten Gesellschaft von Lourdes. Sie heißt Elfride Lacrampe und ist die Nichte eines angesehenen Arztes. Die Millet läßt ihren Tränen freien Lauf:

»Mir ist zumut, als hätt' ich ein geliebtes Kind verloren«, schluchzt sie.

»Meine Schuld ist es nicht, teure Madame Millet ... Ich hab immer vor der Kleinen gewarnt«, nickt die Verwachsene angelegentlich. Madame Lacrampe aber hebt ihre verwaschenen Augen zum Himmel:

»Sie hätten mich nicht überreden sollen mitzugehen, liebste Freundin«, seufzt sie, zu der Witwe gewandt. »Sie wissen doch, wie gebrechlich mein Glaube ist. Diese Affäre hat leider meinen Glauben geschädigt.«

Doktor Dozous und Steuerverwalter Estrade wandern gemeinsam zur Stadt zurück. Sie reden nicht. Erst beim Sägewerk ergreift Estrade das Wort:

»Merkwürdig, daß auch unsereins nicht die Kraft besitzt, solchen Massensuggestionen zu widerstehn ...«

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