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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
projectidb222f8e3
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Kapitel Siebzehn. J. B. Estrade kommt von der Grotte

Nach diesem tragischen Montag feiert Bernadette schon am nächsten Morgen ein Wiedersehen ohnegleichen mit der Dame. Es ist ihr so, als sei sie nicht nur einen Tag von der Angebeteten getrennt gewesen, sondern eine endlose Zeitstrecke, die sich nur ausdrücken läßt in den Maßen des Elends und der Entbehrung. Aber auch die Dame scheint von dem Wiedersehen mit ihrem Schützling herzlich ergriffen zu sein. Wenn sie auch dasselbe Gewand trägt wie immer, so hat sie sich doch mit Schönheit und Holdseligkeit geschmückt wie noch nie. Ihre Wangen sind frischer als je, freier als je treten die hellbraunen Locken unter dem Schleier hervor, und das Gold der Rosen auf den blutlosen Füßen brennt. Die Macht und Huld der blauen Augen aber ist so stark, daß Bernadette heute sofort in ihre Trance verfällt, die eine volle Stunde dauert.

Es sind nicht mehr als zweihundert Personen gekommen, der engere Zirkel gewissermaßen, darunter selbstverständlich auch die Schneiderin und Madame Millet, die sich durch das Ausbleiben der Erscheinung und den Witz der Gendarmen in ihrem Glauben nicht beirren ließ. Die Gendarmerie ist ebenfalls auf dem Posten, und zwar in Gestalt des Brigadiers d'Angla, der von der Behörde zur Überwachung abgeordnet ist. D'Angla hofft das Lob seiner Vorgesetzten zu ernten, wenn er sie heute von dem endgültigen Mißerfolg des Theaters in Kenntnis setzen darf. Zu seinem Verdruß aber bemerkt er, daß dieses Theater gar kein Mißerfolg zu werden verspricht. Wie immer, wenn die Ekstase das Gesicht Bernadettens verwandelt und sie ihre seltsam naiven Riten vor der Nische vollführt, zuckt eine elektrische Erschütterung durch den Körper der knienden Frauen. So wankelmütig die Gefolgschaft im allgemeinen auch ist, so schnell bereit, bei jedem Versagen in Spott auszubrechen, solange »la petite voyante« in ihrem Antlitz und Gehaben die Realität der Dame darstellt, weicht der Bann nicht. Der Brigadier, einer der Freunde und Gäste Durans, ärgert sich grün und blau über das, was er sieht. Nun geht der Rummel wieder von vorne an, denkt er. Dutour und Jacomet sind Schlappschwänze, denn sie haben ihm nicht die Erlaubnis zum Einschreiten gegeben, wie es bei politischen Versammlungen üblich ist. Da reitet d'Angla der Teufel, so daß er einen schweren Fehler begeht. Sehr laut ruft er: »Daß es noch im neunzehnten Jahrhundert so viele Idioten gibt!« Ein Aufrauschen des Zorns geht durch die Menge. Zur Antwort beginnt eine Stimme eines der vertrautesten Marienlieder anzuschlagen. Es wächst zum Chor:

»Nous voulons Dieu! Vierge Marie,
Prête l'oreille à nos accents;
Nous t'implorons, Mère chérie,
Viens au secours de tes enfants!
Bénis, o tendre Mère,
Ce cri de notre foi ...«

Bernadette ist völlig unberührt von diesen Vorgängen. Während sie ihre Komplimente macht, hinkniet, sich erhebt, lächelt, mit offenem Munde lauscht, erschrocken ist, beruhigt und wieder erschrocken, glaubt sie, ein Liebesgespräch ohne zeitliche Grenzen zu führen. Die echte weibliche Liebe verzehrt sich ja in dem beständigen Versuch, das Geliebte in seinem so fremden Wesen zu ergründen, nicht um der Neugier, sondern um der siegreichen Hingabe willen. Bernadette hat nun schon so manche der scharf ausgebildeten Eigenschaften der Dame ergründet. Sie weiß, daß die Dame äußerst sparsam mit dem Wort ist und nichts sagt, was nicht eine bestimmte Absicht verfolgt. Sie weiß – und dies ist ein Schmerz -, daß die Dame nicht nur zu ihr gekommen ist, um sie zu entflammen, sondern aus einer wohlerwogenen Absicht, die Bernadette noch nicht kennt und die nichts mit ihr zu tun hat. Sie glaubt, daß es der Dame gar nicht sehr leicht wird, die tägliche Reise in die Grotte zu machen, daß dazu sogar eine große Selbstüberwindung gehört. Sie weiß, mit dem tiefsten Spürsinn ihrer Liebe, daß die Dame trotz ihres heiteren Grüßens, ihres Nickens, Lächelns etwas verbirgt, einen leichten Ekel wahrscheinlich vor allem, was sie sehen muß. Bernadette ahnt den Ekel der Dame aus eigener Erfahrung. Jedesmal, wenn sie aus ihrem Liebesgespräch ins Leben zurückkehrt, muß sie ihn überstehn, zugleich mit jenem Erstaunen über die Fremdheit der Welt. Wahrscheinlich, so argwöhnt sie, ekelt sich die Dame vor ihr noch tausendmal mehr, als sie sich selbst damals vor ihrer Schwester Marie geekelt hat. Daher stammen auch gewisse Neigungen und Abneigungen der Dame. Sie liebt es zum Beispiel nicht, wenn man ihr zu nahe kommt. Nur in den größten Augenblicken ruft sie Bernadette zum Felsen heran, tritt auf den äußersten Vorsprung, beugt sich zu ihr nieder. Man darf daher nie zudringlich sein. Die Dame liebt es auch nicht, daß man ihr Verhalten als vorhergesehen und selbstverständlich betrachtet. Sie ist frei. Sie fühlt keine Verpflichtung. Sie kommt und geht selbstherrlich, wie es ihr paßt. Bernadette hat ihr deshalb keinen einzigen Vorwurf wegen ihres gestrigen Ausbleibens gemacht. Die Dame vermischt sich nicht. Sie weiß genau, was sie wert ist. Deshalb ist auch die einzige gemäße Haltung ihr gegenüber das Knien, womöglich mit einer brennenden Kerze in der Hand. Wenn man in der Grotte hin und her läuft oder ihr gar den Rücken kehrt, so verdüstert ein nervöser Leidenszug den Glanz ihres Antlitzes. Wenn man hingegen etwas Schweres tut – das hat Bernadette schon heraus – und zum Beispiel, ohne aufzustehn, übers Geröll an den Felsen heranrutscht, dann strahlt sie vor Freude. Das muß wahrscheinlich mit jenem Wort zusammenhängen, das die Dame schon einige Male vor sich hingeflüstert hat: »Buße«. Obwohl Sœur Marie Thérèse diesen Begriff in der Katechismus-Stunde schon erwähnt hat, so besitzt Bernadette doch nicht viel Vorstellung davon, was er bedeuten mag. Erst ihr unruhender Eifer, der Dame angenehm zu sein, läßt sie ahnen, worum es sich dabei handelt. Buße ist alles Erschwerende, Lästige und Schmerzhafte, das man gegen seine eigene Faulheit und Behaglichkeit unternimmt. Sind die Knie vom Rutschen blutig geschürft, dann ist's eine besonders gelungene Buße. In diesem Fall macht die Dame oft eine seltsame Gebärde. Es sieht so aus, als würde sie mit den hohlen Händen Wasser schöpfen (das unsichtbare Wasser der Buße) und es dann anbietend emporhalten, ein Beweis, daß sie es nicht für sich selbst behalten will. Das unermüdliche Liebesmühen des Mädchens, die Wünsche der Dame zu ergründen, hat sie noch zu schärferen Einsichten geführt. Unzweifelhaft hängt das Wort Buße mit dem leichten Ekel zusammen, der sich zuweilen auf den holden Zügen malt. Da hat doch die Dame vor einigen Tagen befohlen: »Bete für die Sünder«, und fast unhörbar und nur wie für sich selbst fügte sie hinzu: »Für die kranke Welt.« Bei diesen Worten schien sie Dinge vor sich zu sehn, die ihr Entsetzen so lebendig steigerten, daß sie ganz blaß wurde. Die Sünde ist das Böse, das Schlechte. So viel hat Bernadette schon gewußt. Durch Ergründung ihrer geliebten Dame lernt sie jetzt – und diese Wissenschaft entspricht ihrer eigenen Empfindung –, daß dieses Böse und Schlechte nichts anderes ist als das Häßliche, das den sichtbaren Ekel der Allerschönsten erregt. Durch Buße aber wird der Abscheu der Allerschönsten gemildert und vielleicht sogar die Ursache des Abscheus ...

Am heutigen Tage sieht sich die Dame veranlaßt, Bernadette zu ersuchen, die Versammelten zur Buße aufzufordern. Mit Tränen in den Augen wendet sich die Entrückte an die Menge und flüstert dreimal das Wort »Buße«. Dies ist das erste von den Ereignissen, die diesen Dienstag auszeichnen. Das zweite ist ein unverzeihlicher Angriff auf die Dame, der Bernadette in Angst und Empörung versetzt. Irgendein Mann nämlich geht in der Grotte herum und klopft mit einem langen Stock die Wände ab. Er pfeift dabei leise. Bernadette hat sich nun in ihren Zustand schon so gut eingewöhnt, daß ihr nichts mehr entgeht, wenn sie es auch meist nicht zu erkennen gibt. Der pfeifende Mann nähert sich auf seiner Forschungsreise der Felswand mit der Nische. Er beginnt mit seinem Stock in dem Dorngebüsch herumzustochern. Dem Mädchen bleibt das Herz stehn, denn jetzt beklopft der Unverschämte die zarten Füße der Dame, die zurückweicht.

»Gehn Sie fort!« schreit Bernadette gellend. »Sie tun der Dame ja weh. Jetzt ist sie gekränkt ...«

Inzwischen aber haben Antoine und zwei andere Burschen den Missetäter schon gepackt und zur Grotte hinausbefördert.

»Wenn noch einmal Tätlichkeiten vorkommen«, ruft der Brigadier d'Angla mit Stentorstimme, »werde ich den Platz räumen lassen ...«

Sofort jedoch stimmt die Menge ein neues Marienlied an:

»O ma Reine, o Vierge Marie,
Je vous donne mon cœur,
Je vous consacre pour la vie
Mes peines, mon bonheur.«

Das dritte Ereignis aber wiegt für Bernadette am schwersten und erfüllt sie mit weit größerer Furcht, als sie vor einer neuen Begegnung mit Dutour oder Jacomet hätte. Zum erstenmal nämlich gibt ihr die Dame einen praktischen Auftrag. Während sie bisher nur für die Folgen des ihr zuteil gewordenen Glückes leiden mußte, wird sie jetzt zu einem aktiven Schritt verurteilt, der sie erzittern läßt. Nachdem sich die Dame von dem Angriff des Mannes mit dem langen Stock erholt hat, winkt sie Bernadette zu sich heran. Ihre Stimme klingt sehr ernst:

»Gehen Sie bitte zu den Priestern und sagen Sie ihnen, daß man hier eine Kapelle erbauen soll ...«

Und etwas undeutlicher und viel leiser fügt sie hinzu:

»In Prozessionen möge man kommen.«

 

J. B. Estrade, der Steuerverwalter, hat sich von seiner Schwester überreden lassen, beim heutigen Gang zur Grotte anwesend zu sein, und zwar nicht ohne vorher die schwersten inneren Widerstände zu überwinden. Schon am vergangenen Sonntag, als er Zeuge des Verhörs bei Jacomet war, hatte ihn die Fasziniertheit der Bernadette – seine eigenen Worte – in hohem Grade selbst fasziniert. In dem kindlichen Persönchen schien eine Bestimmtheit und Überzeugungskraft zu stecken, gegen die Estrade seinen eigenen kühlen Sinn nicht recht behaupten konnte. Der Steuerverwalter fürchtete sich vor seiner eigenen Empfänglichkeit, und dies war der Grund, warum seine Schwester es so schwer hatte, ihn zu überreden, sich das Schauspiel einmal mit eigenen Augen anzusehen. Im stillen erhoffte auch er, nicht anders wie Dutour und Jacomet, einen Mißerfolg Bernadettens.

Estrade ist das, was man einen praktizierenden Katholiken nennt. Er gehört mit Bewußtsein der Kirche an und erfüllt in üblichem Maße ihre Forderungen. Da diese Kirche die geistige Heimat seiner Eltern und Voreltern gewesen ist, sieht er als bescheidener Mann, als mittlerer Beamter, der keine großen Rosinen im Kopf hat, durchaus keinen Grund, eine Ausnahme von der Regel zu machen. Für ihn, wie für so viele andre, bildet die Anhänglichkeit an die römische Kirche einen wohltätig exakten Patriotismus auf dem unexaktesten Gebiet des Lebens, auf dem der Ewigkeit. Dazu kommt noch, daß er als schwermütig behagliche Natur politisch sehr konservativ empfindet, was seine Treue für die konservativste Macht dieser Erde noch fördert. Im übrigen aber ist Estrade ein denkender und belesener Mann. Infolgedessen steht sein verschwiegener Geist allen Anfälligkeiten der historischen Kritik offen, nicht anders als der Geist aller denkenden und belesenen Leute dieses Zeitalters. Er besitzt aber die Kraft oder die Schwäche, beide sehr unbequemen Elemente zur Seite zu schieben, sowohl das des echten Zweifels als auch das des echten Glaubens, um in der unantastbaren Mitte zu schweben, als braver Bürger und Katholik.

Nicht einen Augenblick glaubt er an die objektive Wirklichkeit von Bernadettens Dame. Auch jetzt nicht, da er der Grotte den Rücken kehrt, ohne sich von seiner Schwester verabschiedet zu haben. Er wählt den ungebahnten Weg am Mühlbach entlang, um nicht mit der großen Menge in die Stadt heimkehren zu müssen. Estrade ist, man kann's nicht leugnen, von großer Unruhe über das Gesehene erfüllt. Er gedenkt vergangener Jugendtage, wo das »Göttliche«, wie er's nannte, ihn dann und wann mit erhabenen; weltumarmenden Gefühlen überwältigt hat. Dieses Göttliche aber scheint kein Freund des Mannesalters zu sein. In der Jugend, ja, da saust es herab und flügelt wieder davon in jähen Annäherungen und Verfernungen. Ein unbegreiflicher Strom durchschüttert die Seele dann und jagt die Tränen der Ewigkeitsgewißheit in die brennenden Augen. Was ist das? Estrade wundert sich sehr, daß ihm die Augen brennen und feucht sind.

Nichts andres als der Anblick dieser armen Kataleptikerin hat seine bürgerliche Steifheit so erstaunlich aufgeschmolzen. Er sieht vor sich das Kreuz, mit dem Bernadette sich einige Male bezeichnet hat. Ein Kreuz, das sie langsam über ihr ganzes Gesicht schlug. Wenn es einen Himmel gibt, denkt Estrade, und die seligen Geister einander begrüßen, so muß es mit solchen langsam vornehmen Kreuzen geschehn. Er kann die seltsame Kraft nicht begreifen, mit der dieses dumpfe Pyrenäenkind in jedem Blick, in jedem Schritt, in jeder Gebärde die Wirklichkeit dessen ins Leben übertrug, was es nicht gab. Wie Bernadette zum Beispiel fragend aufsah, die Dame nicht recht verstand, wiederum mit verzweifelter Spannung horchte und dann plötzlich voll der kindischsten Freude, die Dame endlich begriffen zu haben, den Boden küßte. Dies alles war ein Zeremoniell von solch ungeheuerer Lebensnähe des Göttlichen, daß daneben ein feierliches Hochamt zu leerem Schaugepränge zerrann.

So tief ist Estrade in seine unruhigen Empfindungen versunken, daß er den Spaziergänger zuerst gar nicht bemerkt, der ihm beim Sägewerk entgegenkommt. Es ist Hyacinthe de Lafite, in seine weite Pelerine gehüllt. Dieses Kleidungsstück einer vergangenen Mode wird von gewissen Herren, darunter Lacadé, Dutour und auch Dozous, als eine Äfferei bekrittelt. Gewisse Frauen hingegen finden es sehr kleidsam und seufzen beim Anblick des so bemäntelten Literaten: »Armer Lafite, er muß sehr viel Unglück in der Liebe gehabt haben.« An eine Traurigkeit, die aus rein geistigen Quellen stammt, pflegen Frauen ja nicht zu glauben.

»So früh auf, mein Freund?« begrüßt Lafite den Steuerverwalter.

»Die Frage gebe ich Ihnen zurück, mein Bester. Ich habe in dieser Stunde niemanden gewisser im Bett vermutet als Sie.«

»Man irrt sich in mir. Ich gehe niemals vor neun Uhr schlafen.«

»Wie, schon um neun Uhr abends?«

»Nein, um neun Uhr morgens, Freund ... Die Nacht ist meine große Gönnerin. Sie verdoppelt meine geistigen Kräfte. Ich verbringe sie mit Arbeit und Studium. Heute zum Beispiel sind mir ein paar Alexandriner gelungen, die ich selbst nicht übel finde. Nichts aber übertrifft die Zeit zwischen fünf und sieben Uhr früh nach durchwachter Nacht. Nur in diesen Stunden kann der reine Klarsinn an die Grenzen der Menschheit gelangen ...«

»Ich könnte nicht sagen, daß es mir heute um diese Zeit ebenso ergangen ist«, brummt Estrade. »Soeben komme ich von der Grotte ...«

»Alle gehn zur Gotte«, lächelt Lafite. »Erst Dozous, jetzt Sie, Clarens wird der nächste sein, und den Schluß werden Lacadé und Duran machen ...«

»Ich habe nicht geahnt, daß man dort etwas zu sehen bekommt, was unvergeßlich ist ...«

»Aha, ich weiß schon. Das Hirtenmädchen aus dem Altertum, das Anno 1858 die Quellnymphe der Gegend sieht, die sich dort zweitausend Jahre gelangweilt hat.«

»Vielleicht würden Ihnen die Scherze vergehen, lieber Freund, wenn Sie selbst einmal Zeuge dieser sehr sonderbaren Ekstase wären. Sie sind ein Dichter. Sie haben die Pflicht, sich das anzuschauen.«

»Halt, Estrade«, sagt Lafite ernst und hält den Gefährten beim Arm fest. »Wenn ich nicht irre, so ist es das Evangelium Johannis, in dem der Satz steht: Selig sind, die da nicht sehen und doch glauben. Ich wende dasselbe auf die Literatur an. Stümper sind diejenigen, welche etwas gesehen haben müssen, um es darzustellen. Ich lehne es mit Hohn ab, dies und jenes persönlich erlebt zu haben, um es zu verstehen ...«

»Es gibt aber Erfahrungen, die keine Phantasie ersetzt«, meint Estrade.

Lafite bleibt stehen und atmet die reine Luft. Es ist der erste schöne Morgen seit Wochen. Nach einer kleinen Pause holt er zum Schlag aus: »Ihr alle werdet mit den religiösen Illusionsresten nicht fertig. Das ist es! In unserm Jahrhundert aber sterben die Götter. Es erfordert einige Kraft, den Tod der Götter zu überstehen, ohne auf Götzen hereinzufallen. Schlimme Zeiten sind das meist, wie die Geschichte uns zeigt. Sehn Sie sich doch die Kirche an in der heutigen Welt, die katholische, von den andern ganz zu schweigen. Was ist das alles zusammen? Das ist Christentum zu herabgesetzten Preisen, mein Herr, das ist der große Ausverkauf Gottes. Und es kann ja gar nicht anders sein, da die Grundlage des Ganzen, die Mythologie, zusammengebrochen ist. Ein allmächtiger, allwissender, allgegenwärtiger Gott, der sich durch eine außerhalb der Erbsünde gezeugte Jungfrau zu dem Zwecke gebären läßt, um jene bedürftige Welt zu erlösen, die er nicht besser geschaffen hat – das, Sie müssen mir's wohl zugeben, ist ebensosehr oder ebensowenig glaubenswürdig wie die Minerva, die dem Haupte des Zeus entspringt. Der Mensch aber ist selbst in seiner Mystik ein Gewohnheitstier. Die Alten konnten sich von ihrer Minerva ebenso schwer trennen wie wir von der Jungfrau. Auf unhaltbarem Grunde steht die Ruine des Glaubens, um die man allerhand deistische Gerüste errichtet hat, um sie zu stützen. Auf diesen Gerüsten pendelt ihr nun alle hin und her. Halten Sie mich, bitte, für keinen Tropf der Aufklärung, Freund. Ich weiß genau, daß der Mystizismus eine der schönsten menschlichen Kräfte ist, der in keinem Zeitalter ganz und gar verschwinden kann. Wenn ihr aber von euren Gerüsten irgendwo ein Stück Mystik erblicket, werdet ihr gleich schwindlig, denn ihr seid noch nicht stark genug, in den leeren Raum zu schauen, ohne zu wanken und ohne euer bißchen Geist zu verlieren ...«

»Es ist wahr, Lafite, ich bin heute schwindlig geworden bei Massabielle. Ich weiß nicht warum. Ich weiß gar nicht, ob das, was ich gesehen habe, irgend etwas mit Religion zu tun hat. Jedenfalls aber hat mich Bernadette in eine Gefühlswelt zurückgeführt, die ich, Gott sei dafür gedankt, noch nicht ganz verloren habe ...«

Sie gehen schweigend miteinander bis zum Pont Vieux. Der Gave wütet gegen die Brückenpfeiler. Da fragt Estrade, ohne die Weichheit in seiner Stimme bemeistern zu können:

»Haben Sie nicht auch die Hoffnung, Lafite, einmal nach Hause zu kommen?«

»Wohin?« ruft Hyacinthe de Lafite und schwingt seinen Hut zum Abschied. »Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, lieber Estrade, ich geh nach Hause schlafen. Denn mein einziges Zuhause ist der Schlaf und das redliche Nichts ...«

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