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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Sechzehn. Die Dame und die Gendarmerie

Sœur Marie Thérèse Vauzous steht vor den Bankreihen. Ihr fein geformtes Gesicht, von der Natur so schön gedacht, ist noch verfallener als sonst. Die Augen sind eingesunken, die Lippen zusammengepreßt. Selbst die Kinder bemerken es, wie schlecht ihre Lehrerin heute aussieht. Der Grund dafür liegt in der Nachtwache, die Sœur Marie Thérèse von gestern abend bis auf diesen Morgen gehalten hat.

Dechant Peyramale hatte den Kaplan Pomian mit einer gewissen Sache beauftragt, die der Katechet seinerseits – er mußte plötzlich nach Saint Pé verreisen – an die Klassenlehrerin weitergegeben hat. Es ist durchaus kein leichter Auftrag, dessen Pomian nun ledig ist. Die Nonne Vauzous hat die ganze Nacht über schwierigen Büchern zugebracht, wodurch ihr aber ihre Aufgabe durchaus nicht erleichtert worden ist. Die Forderung des Dechanten besteht freilich in nichts anderem, als daß Bernadette vor ihren gesamten Mitschülerinnen gebührend darauf hingewiesen werde, daß es eine schamlose Überheblichkeit im allerbesten Falle sei, wenn ein junges, noch nicht einmal zur ersten Kommunion zugelassenes Mädchen von sich frischweg erklärte, daß es mit der Allerseligsten Jungfrau in intimem Verkehr stehe. Peyramale hat sogar ausdrücklich gewünscht, daß die komische Seite dieser leidigen Jugendverirrung nachdrücklich betont werde. Unter Schulmädchen hat die Affäre begonnen. Er hofft, daß sie unter dem Spottgelächter derselben Schulmädchen begraben werden kann. Für nichts ist Lächerlichkeit tödlicher als für überspannte Geschichten. Was den guten Pomian anbelangt, hat der Dechant seine Hoffnung auf den rechten Mann gesetzt, denn Pomian ist kein übler Humorist, wenn auch nicht von solch urkräftiger und volkstümlicher Art wie er selbst. Sœur Marie Thérèse Vauzous freilich besitzt nicht die geringste vis comica, stammt sie doch aus den strengsten Kreisen Frankreichs, die grundsätzlich keinen Spaß verstehn. Ihr Vater ist ein königstreuer General, vormals Lehrer in Saint Cyr, jetzt durch den Kaiser pensioniert, ihre Mutter ist die Tochter eines Professors der Staatswissenschaften, gegen dessen konservative Auffassung der berühmte de Maître ein jakobinischer Tumultuant war. Die militärische und professorale Skrupelhaftigkeit liegt der Vauzous im Blut. So geschah es, daß sie heute nacht, bei Vorbereitung ihrer Aufgabe, in allzu tiefes Wasser geriet und über die großen Probleme der Gnade, der Freiheit, der Sünde, des Verdienstes manche erhabene, schwer entzifferbare Seite las. Insbesondere der Begriff Gnade hatte ihren Geist bedrängt. Sœur Marie Thérèse ist zu dieser Stunde aufgewühlt, müde und ohne Frieden. Was sich ihr Geist niemals eingestehen würde, ihr dumpferes Herz fühlt das eigene Lebensopfer in Frage gestellt. Der Ehrgeiz einer starken Seele macht vor drittletzten und vorletzten Zielen nicht halt. Genügen Strenge, Gebet, Arbeit, Losschälung, Abtötung des Fleisches, Demütigung des Geistes, wie sie diese übt, um das Ziel zu erreichen ...?

Die Lehrerin wirft einen Blick auf den linken Eckplatz der sechsten Bank in der Mittelreihe. Bernadette Soubirous ist anwesend, nachdem sie eine ganze Woche gefehlt hat. Während alle Mädchen, wie gewöhnlich, miteinander schwatzen, sitzt sie schweigend da, den gesenkten Blick auf ihr Pult, gerichtet. Das Mädel scheint äußerst verdonnert zu sein, nachdem ihr die Behörden am gestrigen Sonntag das Handwerk gelegt haben, denkt die Nonne.

»Soubirous, Bernadette«, ruft sie, »komm heraus und stell dich vor die erste Bank.«

Bernadette schleicht durch das scharfe Geflüster der Klasse vor die erste Bank und stellt sich, wie so oft, in den leeren Raum der Prüfung. Sœur Marie Thérèse aber beachtet sie nicht, sondern wendet sich an die andern:

»Meine lieben Kinder! Wir werden heute über etwas sprechen, was weder zum Lehrstoff gehört noch im Katechismus steht. Der Herr Katechet wird euch darüber nicht ausfragen, ihr müßt es nicht lernen. Aber schwätzen sollt ihr auch nicht, sondern aufpassen und eure Köpfe weit auftun, denn es ist wichtig. Ihr Mädchen wißt, denn ich hab's euch hundertmal gesagt, daß wir Menschen alle Sünder sind, der eine mehr, der andre weniger, aber insgesamt wir alle. Würdet ihr, wie es die heilige Religion fordert, jeden Abend treulich euer Gewissen erforschen, ehe ihr euch mit dem letzten Gebet des Tages niederleget, was käme da alles heraus? Lüge gegen eure Eltern und andre Leute, deren ihr euch beinahe in jeder wachen Stunde schuldig gemacht habt. Vielleicht sogar das Begehren nach unrechtem Gut. Jedenfalls aber Unaufmerksamkeit bei der heiligen Messe, nachlässiges Beten des Rosenkranzes, Faulheit, Unaufrichtigkeit oder Dreistigkeit, schlechte Gedanken und die hundert kleinen Unarten, von denen ihr besessen seid. Die Cathérine Mengot zum Beispiel beißt wieder ihre Fingernägel. Höret gut zu jetzt! Der Herrgott hat uns Menschen nicht alle gleich geschaffen. Einige haben schwerer an ihren Sünden und Fehlern zu tragen, andere wieder leichter. Es gibt wohl auch in unserer Stadt ein paar Menschen, die weniger Fehler haben als die andern. Ich glaube aber, sie befinden sich nicht hier unter uns. Hast du mich verstanden, Bernadette Soubirous?«

»Ja, ma Sœur, ich habe Sie verstanden«, erwidert Bernadette im Ton einer recht teilnahmslosen Schülerin.

»Oder hast du etwa die Ansicht, daß sich unter uns jemand befindet, der mehr wert ist als die andern?«

Bernadette schaut die Vauzous verwundert aus ihren übernächtigen Augen an, denn auch sie hat nicht geschlafen:

»Nein, ma Sœur«, sagt sie mechanisch.

»Ich danke dir für deine Bescheidenheit, Soubirous«, nickt die Lehrerin und erntet ein Gelächter der Klasse. »Ruhe! Gehn wir weiter. In seiner unendlichen Güte aber hat der Herrgott im Laufe der Zeiten einige ganz wenige Ausnahmen in Menschengestalt auf die Welt gesandt, das heißt, Menschen, wie wir sie nicht kennen, Menschen, die beinahe keine Sünden und Fehler begingen, die nicht logen und nach unrechtem Gut begehrten, die nicht nachlässig beteten, die nicht unaufrichtig, faul und frech waren, und die sich auch nicht so unartig den Kopf kratzten wie dort die Annette Courrèges. Diese Ausnahmen, die fast ohne Sünde waren, habt ihr alle in den heiligen Geschichten kennengelernt. Wer weiß eine davon zu nennen? Soubirous!«

Bernadette tut den Mund nicht auf. Schon aber fuchtelt die Hand Jeanne Abadies in der Luft herum. Die Vauzous ruft sie freundlich an:

»Nun, Abadie! Wen weißt du zu nennen?«

»Den heiligen Josef«, platzt Jeanne heraus.

»Wie kommst du gerade auf den heiligen Josef?« staunt die Nonne. »Doch lassen wir das und gehn wir weiter. Auch noch in späterer Zeit kamen solche Wundermenschen zur Welt, wenn sie es auch schwerer hatten als jene, die wir aus der heiligen Geschichte kennen ... Ich spreche von den Fürbittern, die wir anrufen in unsern Litaneien. Von diesen Auserwählten will ich euch nun etwas erzählen. Das waren zumeist Gottesmänner, Eremiten, Einsiedler, Einsiedlerinnen, Ordensmänner, Klosterfrauen. Sie gingen in die Wüste, in kahle, zerrissene Gebirge, wie es unsre Pyrenäen sind. Dort nährten sie sich von Wurzeln, wildem Honig und einem Schluck Wasser im Tag. Oft aber nährten sie sich überhaupt nicht, sondern fasteten lange Zeit. Auch wachten sie die Nächte durch, um hintereinander alle Gebete zu beten, die es gibt. Viele erfanden auch neue Gebete. Manche geißelten sich selbst mit ledernen Peitschen. Andre wieder trugen eiserne Gürtel mit rostigen Spitzen, die sie ins Fleisch stachen, unter ihrer groben Kutte. Wißt ihr, warum sie das taten? Sie taten es, um ihre bösen Gedanken und Wünsche zu bekämpfen, wenn auch nur sehr wenig von solcher Sündhaftigkeit in ihnen steckte. Sie taten es, um den Teufel zu verjagen, der eifersüchtig war auf ihr gottgeweihtes Leben und sie deshalb immer wieder versuchte und bedrängte. Das Verhalten dieser heiligen Menschen nennt man Askese, liebe Mädchen. Merkt euch dieses Wort. Wenn sie es unter großen Mühen und Qualen sehr weit gebracht hatten in dieser Askese und alle Anwandlungen und Versuchungen des Teufels überwunden waren, dann geschah es, daß einige unter ihnen mit ihren Augen sehen konnten, was wir niedrige und gewöhnliche Menschen nicht sehen können. Sie sahen die verklärten Körper, zum Beispiel die heiligen Engel, die uns umgeben. Sie hatten Erscheinungen. Der Heiland selbst trat vor sie hin mit Dornenkrone und Wundmalen in einem Strahlenkranz. Oder auch die Allerseligste Jungfrau, das nackte Herz von Schwertern durchbohrt, die Hände gefaltet und den weinenden, aber verklärten Blick zum Himmel gekehrt ... Soubirous, hast du das verstanden?«

Bernadette schreckt auf. Sie hat nichts gehört, nichts verstanden, sondern mit entsetzlichem Herzweh an die schöne Dame gedacht, die vergeblich ihrer wartet. Stumpf und wortlos blickt sie die Lehrerin an. Diese schüttelt den Kopf:

»Nicht einmal verstehn tut sie das!«

Die Mädchen rutschen hohnbereit auf den Bänken. Sœur Marie Thérèse tritt auf Bernadette zu und ruft laut:

»Also du willst dich vergleichen mit diesen höchsten Gottgeweihten der Welt?«

»Nein, ma Sœur.«

»Hast du dir deine Erscheinungen vielleicht durch Kandiszucker-Lutschen verdient?«

»Nein, ma Sœur.«

Bei dieser Antwort bricht das Hohngelächter los. Alle Zeuginnen von Massabielle wiehern, selbst Marie kann ein säuerliches Grinsen nicht unterdrücken. Die Vauzous läßt den Sturm verebben:

»Siehst du, Soubirous, selbst deine Kameradinnen können nur lachen über dein Treiben. Anstatt dich mit einer ernsten Arbeit zu befassen, heckst du einen ganz und gar verrückten Schwindel aus, nur um dich billig hervorzutun. Ich habe dich bis jetzt für dumm gehalten. Aber du bist gar nicht dumm, sondern was viel Ärgeres. Sehr viel habe ich nie von dir erwartet. Das aber hätte ich doch nicht gedacht, daß du mit dem Heiligsten dein Spiel treiben wirst und den Polichinell machen für müßige und beschränkte Leute ... So, und jetzt geh zurück in die Bank und schäm dich, daß du die heilige Fastenzeit durch deinen verspäteten Faschingsrummel so unverschämt störst!«

Nachmittags schleicht Bernadette wieder zur Schule. Sie ist gebeugt von unaussprechlicher Trauer. Sie geht allein. Sie weicht allen aus. Nicht einmal die Gesellschaft von Marie könnte sie ertragen heut. Mittwegs begegnet ihr aber die Peyret und huscht ein Stück an ihrer Seite. Der Kopf der Verwachsenen wackelt vor moralischer Entrüstung:

»Eine untreue Person bist du, Bernadette. Untreu gegen die Dame und untreu gegen deine Wohltäterin, die Madame Millet. Wie haben wir heute früh bei Massabielle gewartet, Madame Millet und ich und viele, viele Leute. Ich möchte hundert Francs wetten, hat Madame Millet gesagt, daß die Bernadette nicht untreu wird ...«

»Aber man hat's mir doch verboten«, stößt das Mädchen hervor.

Die Schneiderin, der keine Verwicklung sensationell genug sein kann, stichelt und hetzt weiter:

»Ah bah, verbieten? Wer kann dir verbieten, irgendwo hinzugehn? Laß dich nicht dumm machen von dem Jacomet. Er wollte dich ja nur erschrecken. Antun kann er dir gar nichts, denn was hast du dir zuschulden kommen lassen, und wenn sie dich wirklich einsperren, dann mußt du dich halt einsperren lassen, mein liebes Kind, Pflicht ist Pflicht ...«

»Sie wollen aber die Eltern auch einsperren, und dann müssen meine kleinen Brüder verhungern ...«

»Tut nichts, tut nichts«, eifert die Peyret. »Mögen sie die Eltern auch einsperren. Aber dein Wort darfst du nicht brechen, aber deine Pflicht darfst du nicht vernachlässigen ...«

Bernadette beginnt zu laufen, ohne Abschied, nur um die Schneiderin loszuwerden. Auch hat sie Angst, zu spät zum Unterricht zu kommen. Die Uhr vom Turm des Hospitals schlägt zwei. Zwischen dem Mädchen und der Schule liegt ein Straßenviadukt, der einen tiefer gelegenen Stadtteil überwölbt. Eben will sie diese Brücke betreten, als sie nicht weiterkann und hochatmend stehn bleiben muß. Etwas Unsichtbares liegt im Wege. Es ist wie ein mächtiger Balken, den sie trotz eifriger Versuche nicht übersteigen kann. Zugleich packt es sie, wie eine starke unnachsichtige Hand, bei den Schultern und zwingt sie umzukehren. Sie trottet langsam den Weg zurück, den sie gekommen ist. Noch hat sie die Place Marcadale nicht erreicht, als sie den knallenden Gleichtritt genagelter Stiefel hinter sich vernimmt. Sie ist verfolgt. Es sind die Gendarmen Pays und Belhache, die den Auftrag haben, sie zu überwachen. Die gewaltigen Männer in glänzender Uniform mit Schleppsäbel und Federnhut spielen sich an ihre Seite.

»Was ist mit dir, mein Schätzchen?« fragt der schwarzbärtige Belhache. »Man hat dir doch befohlen, in die Schule zu gehn und nicht hinter die Schule ...«

»Ich wollte ja in die Schule gehn«, berichtet Bernadette wahrheitsgemäß, »auf der Brücke aber liegt so ein großer Balken aus Luft, daß man nicht hinüber kann ...«

»Was ist das schon wieder für eine Sache, dieser dein Balken aus Luft«, knarrt der vertrocknete Pays, ein Vater von fünf Töchtern. »Mich wirst du nicht am Narrenseil tanzen lassen ...«

»Und jetzt gehst du nach Hause, mein Schätzchen, wie?« erkundigt sich der mildere und jüngere Belhache, der im Nebenberuf ein Schürzenjäger ist.

»Nein, ich geh nicht nach Hause«, sagt Bernadette nachdenklich, »ich geh zur Grotte ...«

»Zur Grotte, mein Liebling? Dann warte einmal ... He, Pays, hol schnell den Brigadier her!«

Nach drei Minuten schon kommt Pays mit d'Angla, dem prächtigen Brigadier, der sich im Laufen den Säbel umschnallt und, eine dicke Salamischeibe kauend, mit vollem Munde wiederholt:

»Ein Balken aus Luft, das ist das Neueste, ein Balken aus Luft!«

»Lassen Sie mich doch zur Grotte gehn«, bittet das Mädchen.

»Du nimmst es auf deine eigene Kappe«, entscheidet der Brigadier, seine blonden Favoriten krauend. »Aber wir gehen mit dir, alle drei.«

Damit er nicht zurückstehe, gesellt sich später auch noch Callet zu der bewaffneten Macht.

Die kleine Soubirous zwischen vier Uniformierten, dieser Aufzug bringt die Stadt auf die Beine. Die Piguno hat's gesehen. Die Piguno stürzt zu Tante Bernarde und dann sogleich in den Cachot. Die Fenster öffnen sich. Aus den Haustoren tauchen neugierige Weiber, die nassen Hände eilig in der Schürze trocknend. Schon in der Rue Basse traben achtzig, neunzig Menschen hinter Bernadette her. Diese aber fliegt heute nicht wie eine Schwalbe, wie ein Blatt vor dem Winde. Sie hat Blei in den Beinen.

In der Grotte bricht sie sofort in die Knie wie gefällt und streckt flehend die Hände zur Nische empor. Aber die Nische ist dunkel, aber die Nische ist leer, wie nichts auf der Welt leer ist. Der freie Rosenzweig überm Dorngestrüpp bewegt sich verdrießlich im Gave-Wind. Der Fluß rauscht gleichgültig heut. Und jetzt beginnt's auch noch zu regnen, so daß die Grotte nichts andres ist als ein nüchterner Unterstand für die vielen Leute.

Es ist ein Aufschrei des Entsetzens, der sich Bernadette entringt: »Ich seh sie nicht ... Heut ... Ich kann sie nicht sehn ...«

Bernadette zieht den Rosenkranz hervor und streckt ihn krampfhaft der Nische entgegen. Das Oval bleibt tödlich leer, mit häßlich brauner Dämmerung gefüllt, dem matten Abhub dieses zweiundzwanzigsten Februartages. Nur der Stein hinter dem Portal schimmert knöchern. Das Felsloch ist jetzt nichts als ein Felsloch, und daß jemals die Dame aus ihm hervortreten konnte, das scheint jetzt wirklich Lüge zu sein oder Ausgeburt kranker Phantasie. Bernadette wird vom tragischsten aller Reuegefühle geschüttelt, von der Verzweiflung des Liebenden, der unschuldig das Geliebte verlor, weil die Gewalten der Erde ihn daran hinderten, sein Wort zu halten. Die Dame ist von ihr bitter enttäuscht worden. Die Dame hat sich aus der unwirtlichen Grotte dorthin zurückgezogen, wo sie sonst zu leben pflegte, wie es ihrer würdig ist. Bernadettens Herz schreit stumm in die finstere Nische hinein: Haben Sie denn nicht gewußt, daß Herr Jacomet mich und Papa und Maman ins Zuchthaus schicken will, wenn ich zu Ihnen komme? Und ich bin doch zu Ihnen gekommen. Hätten Sie nicht wenigstens noch ein bißchen auf mich warten können, ehe Sie ein Ende machten? ... Plötzlich aber hat Bernadette einen Gedanken, in den sie sich, wie in eine letzte Hoffnung, flüchtet:

»Natürlich kann ich die Dame nicht sehn«, klagt sie laut auf. »Sie versteckt sich, weil so viele Gendarmen um mich herum sind ...«

Diese fatale Begründung für das Ausbleiben der Dame löst in der Menge ein langes Gelächter aus. Stimmen melden sich:

»Merkt ihr nun endlich, daß Bernadette auf den Kopf gefallen ist ... Aber gestern bei der Polizei soll sie sehr schlau geantwortet haben ... Laßt euch nichts weismachen, es ist ein armes Kind ...«

Ein Witzbold nimmt den schwarzbärtigen Gendarmen hoch:

»He, Belhache! Du siehst eben aus wie der Teufel. Das erklärt alles.«

Belhache streicht seinen Banditenbart. Im Umgang mit den scharfzüngigen Schieferbrechern, Straßenarbeitern, Vagabunden, Wirten und Wirtshaushockern des Landes Bigorre hat er sich eine ansehnliche Schlagfertigkeit erworben:

»Natürlich seh ich aus wie der Teufel«, gibt er zurück. »Und ich bin es auch. Leider aber bin ich nur ein armer Teufel, dem die Heilige Jungfrau zu Gelde verhelfen sollte, anstatt vor ihm davonzulaufen ...«

Der Scherz macht alsbald die Runde durch die Stadt. Eine Stunde später begrüßt der Cafétier Duran seine Gäste mit der Frage:

»Wissen Sie schon, daß die Allerseligste Jungfrau absolut nichts mit der Gendarmerie zu tun haben will?«

Auch Dutour und Jacomet sind unter den Gästen. Obgleich die Mißachtung ihres Verbotes eine Blamage für die Staatsgewalt bedeutet, sind die Herren doch nicht ganz unzufrieden mit dieser Wendung. Die vom Dechanten Peyramale als schärfstes Gegengift angesehene Lächerlichkeit ist nun glücklicherweise hervorgerufen. Nichts Besseres kann geschehn, als daß die Dame das Spiel selbst aufgibt. Der kaiserliche Staatsanwalt erteilt Jacomet den Auftrag, die Bewachung der Familie Soubirous weiter aufrechtzuerhalten, jedoch die Kleine an einem nächsten Gang zur Grotte nicht zu hindern. Nach dem heutigen Hereinfall, so meint er, werden die Leute das Theater von selbst satt bekommen.

Um diese Zeit aber befinden sich Bernadette, ihre Mutter, Tante Bernarde und Lucille und noch einige andere Personen in der Savy-Mühle. Das Mädchen konnte plötzlich nicht weiter. Man hat sie aufs Bett der Müllerin gehoben. Nun liegt sie aschgrau da, mit geschlossenen Augen, mühsam atmend. Wenn es einen Gegensatz zu dem Ausdruck der Verzückung gibt, so ist es dieser, der jetzt auf ihren Zügen liegt. Die Haut ist nicht gespannt, sondern erschlafft, und der nach Luft schnappende Mund geschwollen. Antoine hat ihr ein feuchtes Tuch auf die Stirn gelegt. Fräulein Estrade, die vorhin die Szene bei der Grotte mit angesehen hat, wendet sich an ein blasses und bekümmertes Weib, das neben dem Bette steht:

»Kennt Ihr das Kind vielleicht näher?«

»Wie soll ich es nicht kennen«, stöhnt die Soubirous. »Ich bin doch seine unglückliche Mutter. Das geht nun schon volle elf Tage so. Die einen lachen uns aus, die andern bedauern uns. Man kommt nicht zu sich selbst vor all den Leuten. Und die Polizei will einen ins Zuchthaus bringen. Oh, Heilige Jungfrau, warum werd ich so gequält? Da sehen Sie doch das Mädel an, Mademoiselle! Die ist ja schwerkrank ...«

Louise Soubirous, die alle Fassung verloren hat, wirft sich schluchzend über das Bett:

»Sprich doch etwas, mein Kind, sag doch wenigstens ein Wort!«

Da die Verzweiflung von Bernadette nicht weicht und sie ihr Schweigen nicht aufgibt, läuft Antoine in den Posthof, um Soubirous zu holen. Nun sitzt auch Papa am Bett, der schwanke, weichmütige Mann, vom Leiden seiner Tochter zum erstenmal ganz und gar überwältigt. Mit seinen groben Händen streichelt er ihre Knie, während auch ihm die Tränen die Backen herunterlaufen:

»Was ist dem Kindchen denn so Arges geschehn«, stammelt er. »Es hat nicht gehorcht ... Aber man hat sein Kindchen lieb ... Man wird es beschützen ... Sag, was du haben willst, mein Kindchen ...«

Bernadette öffnet die Augen nicht und schweigt. Erst als Antoine Nicolau den Vorschlag macht, Doktor Dozous zu rufen, bewegt sie sich und sagt ganz leise:

»Wenn ich sie nicht mehr seh, werd ich sterben ...«

Soubirous nimmt Bernadette bei den Händen und zieht sie mit Zärtlichkeit in die Höhe:

»Du wirst sie sehen, mein Kindchen, ich geb dir mein Wort darauf ... Niemand soll dich hindern. Und wenn sie mich einsperren, das kenn ich schon, du aber sollst sie sehen ...«

Auf dem Heimwege jedoch ist François Soubirous bereits betreten darüber, daß er sich, durch Mitleid verführt, zu einem solch unvorsichtigen Versprechen hat hinreißen lassen. Um mit seinem schweren Unbehagen besser fertig zu werden, drückt er sich am Cachot vorbei, zu Babou.

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