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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Zwölf. Die ersten Worte

Es ist also beschlossen, daß die Sache mit Bernadettens Dame abgetan sei und begraben für immer. Im Cachot wird mit fühlbarem Eifer nicht mehr davon gesprochen. Obwohl die Stadt voll ist von den aufgebauschten Erzählungen der Schulmädchen, tut Vater Soubirous so, als gehöre er zu den wenigen, die von dem aufregenden Vorfall, dessen Mittelpunkt seine Tochter gewesen ist, noch nichts gehört haben. Seine Gemütsverfassung freilich scheint trotz der verminderten Nahrungssorgen bedenklich getrübt zu sein. Er kommt und geht ohne Gruß. Er sitzt am Abend mit trotzig aufgestemmten Ellenbogen bei Tisch. Und wenn er sich dem Schlaf ergibt, was bekanntlich auch untertags geschieht, dann klingt selbst sein Schnarchen gekränkt und hadernd. Diese bedrückenden Lebensäußerungen dienen dem Zweck, in Bernadette jede Neigung zur Rückfälligkeit radikal zu ersticken. Soubirous macht den Eindruck eines strenggesinnten Bürgers, der über das Schicksal grollt, das ihm ein ungewöhnliches Kuckucksei ins gewöhnliche Nest gelegt hat.

Maman jedoch ist der Bernadette gegenüber voll zärtlicher Sanftmut und Aufmerksamkeit, gänzlich wider ihre rasche und rauhe Natur. Sie bringt dem Mädel kleine Geschenke heim. Sie tröstet es in jedem Wort, ohne die Wunde zu berühren, denn sie fühlt genau das Opfer, das Bernadette der Familie bringt. Sie dispensiert sie sogar in dieser Woche vom Schulbesuch. Durch all diese Mildigkeiten hofft sie zu bewirken, die Dame werde in der aufgestörten Seele ihres Kindes nach und nach in Vergessenheit geraten.

Bernadette selbst scheint weder die Zärtlichkeit der Mutter noch die gekränkte Verschlossenheit des Vaters zu bemerken und erst recht nicht die neugierige Scheu, mit der ihr die beiden kleinen Brüder begegnen. Sie ist gleichmütig freundlich und ergibt sich mehr als sonst den häuslichen Arbeiten. Dabei vermeidet sie jedes Zusammentreffen mit den Nachbarn. Nur selten tut sie den Mund auf. Als Marie einmal auf die Dame in der Grotte anspielt, gibt sie nicht nur keine Antwort, sondern verläßt den Raum. Ihr Herz freilich blutet Tag und Nacht, und zwar nicht so sehr, weil sie den Anblick der Dame entbehren muß, als bei dem Gedanken, daß die Holdselige unbeschuht und leichtbekleidet, wie sie ist, im kalten Februarwetter stundenlang vergeblich auf sie wartet. Sie durchleidet die Qualen eines Treuliebenden, den die Gewalt der äußeren Umstände daran hindert, das ersehnte Stelldichein einzuhalten. Sie kann nur hoffen, daß einem Wesen, so vornehm und wissend wie die Dame, ihre Zwangslage nicht unbekannt geblieben ist. Mit zerrissener Seele versteigt sie sich darüber hinaus zu der schrecklichen Hoffnung, die Dame werde ihr nicht allzu lange treu bleiben, sondern der ins Leere verschwendeten Gunstbeweise müde werden und sie, die kleine Bernadette Soubirous, schließlich und endlich ganz vergessen.

Dafür aber, daß dieses todestraurige Ziel nicht erreicht wird, sorgen Madame Millet und Mademoiselle Antoine Peyret. Die Witwe Millet ist am Sonntagabend von Argelès heimgekehrt. Sie hört sofort nach ihrer Ankunft durch Philippe und die Köchin von der seltsamen Begebenheit bei der Grotte. Die kleine Soubirous, Tochter ihrer Aushilfswäscherin, habe dort eine Erscheinung gehabt, ein junges Mädchen mit nackten Füßen. Durch den Anblick dieses Mädchens sei la petite voyante, die kleine Seherin, in eine ähnliche Entrückung versetzt worden, wie sie auf religiösen Bildern dargestellt zu werden pflegt. Es habe beinahe eine Stunde gedauert, ehe Bernadette aus ihrer Ekstase wieder zum Leben erweckt werden konnte.

Die erstaunliche Neuigkeit ist Wasser auf die metaphysische Mühle der Frau Millet, dieser ansonst strengen Katholikin, deren naseweises Interesse für die Geisterwelt jedoch das Unbehagen des hohen und niederen Klerus erregt. Madame kann die ganze Nacht nicht schlafen. Sie sieht immerwährend ihre Nichte Elise Latapie, das arme sanfte Kind, das wie eine leibliche Tochter in ihrem Haus gelebt hat und hier auch in ihrem blühenden achtundzwanzigsten Jahr abgeschieden ist. Oh, wie verwaist ist nun das allzu geräumige Haus, das der verewigte Millet vor vierzig Jahren erbaut hat, eine stattliche Kinderschar vergebens erhoffend. Madame Millet treibt einen leidenschaftlichen Kult mit dem Andenken Elises. Das Zimmer der Toten wird instand gehalten, so daß sie täglich wieder einziehen könnte. Alle Sachen und Sächelchen stehn an ihrem Platz, die Bücher, die Puppen aus der Kinderzeit, das Nähkörbchen, die Stickereitambourins, zwei Bonbonschachteln mit versteinerten Süßigkeiten drin und vor allem im Schrank die Wäsche, die Schuhe, die Kleider. In dieser Nacht der Schlaflosigkeit verbringt die Millet, den korpulenten Leib von einem Pelzmantel umhüllt, eine volle Stunde in dem ungeheizten Zimmer Elises. Sie hofft auf irgendeine rosige Botschaft, die sie einerseits vom jenseitigen Wohlergehen ihres Ziehkindes in Kenntnis setzt und andrerseits ihr eine fröhliche Wiedervereinigung, wenn auch durchaus nicht allzubald, in sichere Aussicht stellt. In der Tat gelingt es der Witwe auch, sich Elise Latapie lebhafter vorzustellen als sonst, und zwar tritt die Abgeschiedene vor ihr geistiges Auge deutlich in dem Kleide, das sie als Präsidentin des Vereins der Marienkinder bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte. Es ist ein prächtiges Kleid aus weißem Satin und mit einer blaugeflochtenen Gürtelschnur. Antoinette Peyret, die Schneiderin, hat es nach einem Pariser Musterschnitt komponiert und aus Freundschaft für ihre Vereinsschwester dafür nur vierzig Francs, den puren Macherlohn, begehrt. Gegen Morgen wird es der Frau Millet völlig klar, daß jenes Mädchen, welches der kleinen Seherin erschienen ist, niemand anders sein kann als ihre geliebte Nichte, und zwar im Festkleid, als Präsidentin der Marienkinder.

Merkwürdig aber ist es, daß auch Antoinette Peyret ihrerseits im Laufe des Montags denselben Gedanken faßt. Um die Vesperzeit eilt sie fliegenden Fußes zu ihrer Gönnerin und Kundin. Die Peyret ist noch jung, aber ein häßliches und windschiefes Ding. Aus ihrem länglichen Gesicht kundschaften unermüdlich blinzelnde Augen hervor. Als Tochter eines Gerichtsvollziehers kennt sie die armseligen Blößen des Lebens und der Menschen. Ihrer flinken Art gemäß hat sie den Gedanken, der auch die Madame Millet überfiel, schärfer ausgedacht. Worauf weisen die nackten Füße der Erscheinung hin? Sonnenklar auf den Zustand der Buße, in dem sich auch die reine Seele des Marienkindes Elise befindet, wie alles Sterbliche, das gestorben ist. Büßer gehen bloßfüßig. Im Fegefeuer gibt's keine Schuhe und Pantinen vermutlich. Die Nichte der reichen Millet ist eine arme Seele, die besondrer Gebetsbemühungen ihrer Angehörigen und Freunde bedarf, um ihren trauervollen Aufenthalt abzukürzen. Das ist der Grund, warum sie der kleinen Soubirous erschienen ist, und zwar tatsächlich an einem Ort, der gut zum Eingang des Fegefeuers taugen könnte. Wer aber kann wissen, ob Elise Latapie ihrer gütigen Tante und in weitem Abstand auch ihrer bescheidenen Freundin nicht auch einige persönliche Wünsche oder Kundmachungen zu übermitteln habe. Madame Millet und Mademoiselle Peyret sperren sich ins Zimmer der Toten ein, um sowohl diese Theorie durchzuberaten als auch die Praxis, die zu ergreifen sei. Der Diener Philippe, der sich schon seit einem Jahrzehnt den majestätischen Plural angewöhnt hat, ist höchst erstaunt über diese Geheimkonferenz.

Mittwoch gegen vier Uhr – das Glück will es, daß nur die Soubirous und Bernadette zu Hause sind – betritt vornehmer Besuch den Cachot. Als erster erscheint Philippe, der einen Korb auf den Tisch stellt, in dem zwei gebratene Hühner und zwei Flaschen Dessertwein auf das appetitlichste verpackt sind. Er macht vor Louise, anders als sonst, eine Herrschaftsverbeugung und kündigt Madame an, die ihm auf dem Fuße folgt. Louise starrt recht erschrocken das Präsent an und den Diener. Zwei Minuten später rauscht die hochbusige Rentierswitwe in den Raum, der für sie ein allzu enges Gefängnis wäre, und hinter ihr die huschige Peyret mit der schiefen Schulter. Die Millet ist peinlich betroffen von dem finsteren Elend, das sie sieht.

»Meine liebe Frau«, beginnt sie, »ich wollte mich einmal umsehn nach Euch. Ihr müßt mir für diese Kleinigkeiten nicht danken ... Ich habe sogar die Absicht, Euch zu bitten, jeden Mittwoch und Samstag bei uns mitzuhelfen, ganz abgesehen von der Wäsche. Mein Haus ist so groß, leider ...«

Die Soubirous weiß durchaus nicht, was sie von dieser verschwenderischen Gunst zu halten hat. Madame Millet ist zwar sonst nicht engherzig, aber sehr genau, und was für Arbeit sollte es, du gütiger Himmel, in dem Haus geben, das durch Überzüge und Schutzdecken gegen jedes Stäubchen abgedichtet ist? Eine Tagesbedienung, zweimal in der Woche, das macht zusammen vielleicht vier Francs aus, sind sechzehn Francs im Monat, ein ganzes Vermögen. Und das wird einem gleich bei der Begrüßung hingestreut. Was mag dahinter stecken? Unterwürfig mißtrauisch wischt Louise zwei Holzstühle ab und schiebt sie stumm dem Besuch hin. Bernadette steht vor dem kleineren Fenster. Ihr Gesicht ist ganz im Schatten, aber ihr schwarzes Haar leuchtet rötlich golden, denn die Wintersonne ist vor dem Untergang aus den Wolken getreten und dringt jetzt sogar in den Hof des Cachots.

»Ihr habt ein sehr liebes Kind, meine Gute«, seufzt die Millet, »und ein ganz besondres Kind ... Ihr müßt glücklich sein ...«

»Begrüß doch die Herrschaften, Bernadette«, winkt die Soubirous. Bernadette reicht einer nach der andern wortlos die Hand und zieht sich sofort wieder auf ihren Beobachtungsplatz beim Fenster zurück. Madame Millet holt ein Spitzentuch hervor, mit dem sie ihre Augen abtupft:

»Auch ich hab ein Kind gehabt, kein eigenes, das heißt mehr als ein eigenes, Ihr wißt es ja ... Und Elise ist einen heiligmäßigen Tod gestorben, eine mutige Dulderin, und der Dechant Peyramale hat eigens einen Brief an Seine Gnaden den Herrn Bischof nach Tarbes geschrieben über diesen Tod, daß man sich an ihm ein Beispiel nehmen soll ...«

»Und gerade deshalb kommen wir hierher, Madame Soubirous«, unterbricht die sachliche Peyret die weinende Kundin.

»Ja, reden Sie, liebe Peyret«, nickt die Kurzatmige. »Reden Sie! Ich könnt's gar nicht ...«

Die Tochter des Gerichtsvollziehers entwickelt nun mit der ihr eigenen Geschäftsmäßigkeit ihre Theorie über Bernadettens Dame. Sie läßt keinen Zweifel zu. Die nackten Füße und die Identität des Kleides, das sie selbst geschneidert hat, beweisen, daß die Dame niemand anders sein kann als die jüngst abgeschiedene Elise Latapie im peinvollen Zustand einer Fegefeuerseele. Elise habe das Kind Bernadette Soubirous dazu ausersehen, gewissermaßen ihre Postbotin zu sein zwischen Diesseits und Jenseits, um der liebenden Tante und Ziehmutter wichtige Meldungen und Wünsche zukommen zu lassen. Das sei der offensichtliche Sinn der Erscheinungen, die Bernadette gehabt hat. Madame Soubirous möge daher gestatten, daß die Tochter ihre Sendung zu Ende führe und das Anliegen der Elise getreulich verdolmetsche, damit das arme Seelchen seine Ruhe finden kann.

Die Soubirous sitzt niedergedonnert da und wagt es nicht, den Kopf zu heben:

»Aber das ist doch alles ... beinah verrückt«, stammelt sie.

»Man könnt auch wirklich verrückt werden darüber«, schluchzt die Millet laut.

Zwischen Mutter und Tochter sind, ehe der Besuch kam, sonderbare Dinge vorgegangen, ohne daß ein Wort gewechselt wurde. Maman, der die schweigsame Depression Bernadettens die Kehle zuschnürte, war schon nahe daran, dem Kinde anzubieten, es möge am Sonntag heimlich zur Grotte gehn. Und Bernadette war nahe daran, sich vor Maman hinzuwerfen und laut aufzuschrein: »Laß mich hin, o laß mich doch hin!« Jetzt aber wächst im Herzen der Mutter wieder die Furcht und das Entsetzen.

»Es müßte natürlich sehr bald geschehen«, mahnt die Schneiderin.

Louise denkt an die sechzehn Francs im Monat. Sie denkt an die Lebensgefahr, in der sie ihre Tochter vermutet, wenn sich diese neuerdings einem solchen Zustand der Entrückung aussetzt.

»Vor kommendem Sonntag ist es unmöglich ...«

»Ich nehme das bereits als eine Zusage«, fällt ihr Madame Millet rasch ins Wort.

»Nein, nein, mein Mann wird das nie erlauben ...«

»Das ist keine Mannsgeschichte. Männer verstehen diese Dinge nicht«, sagt die Rentierswitwe aus alter Erfahrung.

»Wer wird seinem Mann gleich alles erzählen«, lacht die Peyret.

»Mesdames, ich kann es wirklich nicht zulassen, Sie müssen das einsehn von einer Mutter ... Wollen Sie die Bernadette krank machen und zum Gespött der Leute? ... Ich kann's nicht erlauben, als Mutter ...«

Die dicke Millet erhebt sich stolz:

»Auch ich bin eine Mutter, meine Beste, das heißt, mehr als eine Mutter. Auch ich habe ein Kind meines Herzens, das sehr leidet. Wenn ich an die Mühe denke, die dieses Kind gehabt haben mag, den weiten Weg hierher zu finden, dann wird es mir kalt bis in die Knochen ... Ich zwinge Euch zu nichts, Frau Soubirous. Wenn ich aber die Tür hinter mir geschlossen haben werde, dann tragt Ihr die ganze Verantwortung ...«

»Mein Kopf ... Das ist zuviel für meinen Kopf«, stöhnt die Soubirous.

»Und was meint unsere liebe Bernadette dazu«, beginnt die Schneiderin zu locken.

Bernadette steht noch immer gegen das rötliche Abendlicht, das um ihr Haar flammt. Sie steht gespannt da, als wippe sie auf den Zehenspitzen. Sie gleicht einem Springer im Augenblick, da er sich abstößt. Was kümmert sie die dicke Millet dort, was die häßliche Peyret, was die dumme arme Fegefeuerseele und dieser ganze Unsinn? Sie weiß nur eines: ihre herrliche Dame will sie sehn. Ihre herrliche Dame kann auch listig sein, um ihr eine neue Begegnung zu ermöglichen. Zu keinem anderen Zweck hat sie diese Frauen hierher gesandt. Mit einer leichten, klingenden und siegessicheren Stimme antwortet Bernadette:

»Maman soll es entscheiden ...«

 

Die Begegnung verläuft an diesem Donnerstag anders als die beiden vorigen Male. Vor allem: Bernadette ist nicht frei wie sonst, denn Madame Millet hat sie mit einer lästigen Aufgabe beladen. Sie hat heute nicht die rechte Zeit, sich grenzenlos in die Schönheit ihrer Dame zu versenken. Auch am Anfang dieser großen Liebe tritt die Welt mit ihren Störungen zwischen die Gemeinschaft, die alles Unzugehörige ausschließen möchte. Wiederum ist die Dame bereits anwesend, obwohl es erst sechs Uhr geschlagen hat. (Eine Bedingung Frau Soubirous'. Der Gang mußte in der Morgendämmerung angetreten werden, damit jedes Aufsehen unterbleibe.) Welch eine zarte Aufmerksamkeit, daß immer die Beglückende die Beglückte erwartet, wo doch sonst bei allen Rendezvous der Welt das Umgekehrte die Regel ist. Bernadette kniet auf einen weißen flachen Stein hin, weniger um anzubeten als um zu beichten. Die Worte entkeuchen atemlos ihrem Herzen, während ihr Mund stumm bleibt:

Entschuldigen Sie bitte, daß ich so lange nicht gekommen bin. Aber ich habe doch Maman in der Savy-Mühle versprechen müssen, niemals wieder zur Grotte zu gehn. Es ist so schrecklich für mich, Madame, daß Sie gewartet haben bei diesem schlechten Wetter ...

Die Dame macht eine beruhigend wegwerfende Gebärde, als wolle sie sagen:

Tut nichts, mein Kind, ich bin's gewohnt, bei jedem Wetter auf meine Leute zu warten.

Ich bin auch heut nicht allein, Madame, verzeihen Sie, sprudelt es weiter stumm aus Bernadette. Frau Millet und Fräulein Peyret, die Schneiderin, wissen Sie, sind mitgekommen. Das heißt, Maman hat mir nur wegen der Millet erlaubt, zu Ihnen zu gehen. Maman meint, die Millet wird ihr vier Francs in der Woche für die Bedienung zahlen. Und weil doch auch Papa seit letztem Freitag Postbeamter ist, könnten wir dann viel besser leben. Ich bin vorausgerannt, nur um Ihnen das alles schnell zu sagen. Die Millet ist alt und dick, oh, Sie wissen ja das alles, Madame. Sie konnte mir nicht nachkommen. Leider hör ich die beiden schon. Die haben sich irgend etwas ausgedacht, entschuldigen Sie bitte! Ich weiß ja so genau, daß Sie nicht die Elise Latapie sind und nicht aus dem Fegefeuer ...

Die Dame nickt und lächelt ermunternd, wie um anzudeuten:

Nur keine Sorge, wir werden schon fertig werden mit Madame und Mademoiselle. Hauptsache, daß sie bei Maman die Erlaubnis erwirkt haben.

Die Stimme der Peyret ist da:

»Vorsicht, meine Teure! Halten Sie sich an meiner Hand fest. Noch ein Schrittchen und noch eins, und hier, und hier. So! Wir haben's geschafft ...«

Bernadette hört hinter sich den pfeifenden Atem der dicken Frau.

»Dort oben steht die Dame«, flüstert sie ihr zu, ohne die Augen von der Nische abzuwenden. »Sie hat Sie jetzt begrüßt ...«

»Ah, meine arme, süße Elise«, stammelt die Millet. »Ich seh dich nicht! Warum seh ich dich nicht? Wie geht es dir drüben?«

Mit starren Fingern zündet sie die geweihte Lichtmeßkerze an, die sie mitgebracht hat, und dies ist die erste Kerze von Massabielle. So schwer es ihr fällt, Madame Millet läßt sich auf beide Knie nieder, hebt die gefalteten Hände hoch und singt mit fröstelnder Stimme:

»Rede zu mir, Elise ... Ein Wort nur, sag ein Wort ...«

Antoinette Peyret ist mißtrauisch geworden. Man hat ihr doch berichtet, daß angesichts der Dame das Antlitz der kleinen Soubirous sich so überirdisch verschöne, daß es nicht wiederzuerkennen sei. Nichts davon trifft zu. Bernadettens Gesicht ist so irdisch und so gewöhnlich wie immer. Da klopft die Schneiderin mit ihren spitzen Fingerknöcheln das vor ihr kniende Mädchen auf den Rücken:

»Nur die Wahrheit reden, hörst du? Nur die lautere Wahrheit! Sonst wirst du sicher bestraft werden einst!«

Bernadette, ohne sich umzudrehen:

»Ich hab nichts Unwahres gesagt ...«

»Schweig«, flüstert die Peyret, »und bete deinen Rosenkranz.«

Bernadette zieht gehorsam den Rosenkranz hervor und beginnt ihn gestört abzuhaspeln. Schon aber nach den ersten Aves hat die Tochter des Gerichtsvollziehers ein kleines Tintenzeug aus der Tasche geholt und einen Bogen Kanzleipapier. Sicher ist sicher. Sie will ein Dokument davontragen, schwarz auf weiß:

»So, und jetzt geh zu der Dame hin«, wispert sie scharf, »und ersuche sie, alles aufzuschreiben, recht deutlich, ihre Wünsche und Beschwerden, und wie viele Messen sie braucht. Die liebe Tante Millet wird alles tun, was in ihren Kräften steht ...«

Gehorsam nimmt Bernadette Feder und Tinte in Empfang und nähert sich der Dame dicht an den Felsen. Sie tritt auf einen der Steinblöcke und hebt das Schreibzeug mit ausgestreckten Händen zur Nische empor. In dieser Haltung verweilt sie. So eindrucksvoll, so überaus wahrhaftig aber ist diese Haltung, daß die beiden Frauen erschrecken, sie könnten gewürdigt sein, ein Wunder mit Augen zu schauen, wie die Welt es noch nie gesehen hat. Die Millet ist besessen von einem ständigen Bedürfnis nach jenseitigen Offenbarungen und Wundern. Steht aber ein solches in Aussicht wie jetzt, dann wird ihr das Herz schwach, und eisiges Grauen krabbelt ihr über den Rücken. Sie verläßt daher, von der Peyret gefolgt, eilig die Grotte und kniet ziemlich weit von dem möglichen Wunder am Bachesrand nieder. Unter Tränen gluckst sie ins Leere:

»Schreib mir alles auf, Elise ... Ich werde an dir nicht sparen ...«

Nach einer Weile kommt Bernadette aus der Grotte mit einem ganz hellen Gesicht voll Selbstverständlichkeit. Sie reicht der Peyret das Schreibzeug und den Bogen.

»Das Papier ist leer«, stellt die Schneiderin im Ton eines Kriminalkommissärs fest, der nun weiß, woran er ist.

»Und was hat die Dame gesagt?« forscht die Millet erleichtert und betrübt zugleich.

»Sie hat den Kopf geschüttelt und gelacht«, erwidert Bernadette.

»Gelacht hat die Dame?«

»Ja, sie hat ein bißchen gelacht ...«

»Sehr interessant«, meint die Peyret spitz. »Deine Dame kann also lachen. Ich glaube nicht, daß arme Fegefeuerseelen lachen ... Jetzt geh aber und frag sie nach ihrem Namen.«

Folgsam wie immer, kehrt Bernadette ins Innere der Grotte zurück. Sie ist tief verlegen, weil sie die Dame heut mit so vielen Dummheiten belästigen muß. Diese aber scheint eine unerschöpfliche Geduld zu besitzen, denn sie steht trotz des grauen Februarwetters unbewegt in ihrem eigenen Glanz. Nur das Gold der Rosen auf ihren Füßen wird manchmal ganz matt. Bernadette tritt mutig an den Felsen heran:

»Verzeihn Sie bitte, Madame ... Aber die beiden Frauen möchten Ihren Namen wissen ...«

Das Antlitz der Dame wird nachdenklich zerstreut wie die Miene einer fürstlichen Persönlichkeit, der gegenüber man einen Taktfehler begangen hat. Bernadette sinkt in die Knie und nimmt ihren Rosenkranz. Nach dem Gebet ist das alte Lächeln der Dame wieder zurückgekehrt. Und jetzt ertönt zum erstenmal in Bernadettens Ohr ihre Stimme. Eine Stimme, die angesichts der jugendlichen Mädchenheit fast ein wenig zu mütterlich tief ist:

»Wollen Sie mir die Güte erweisen«, sagt die Dame, »fünfzehn Tage nacheinander hierher zu kommen.«

Sie spricht diese Worte nicht gut französisch, sondern im Patois des Landes Béarn und Bigorre, den Bernadette und die Ihren sprechen. Genau übersetzt, sagt sie auch nicht Güte (boutentat), sondern Gnade (grazia). Wollen Sie mir die Gnade erweisen, sagt sie also, und schließt nach einem sehr langen Schweigen mit viel leiserer Stimme noch ein Sätzchen an:

»Ich kann nicht versprechen, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in jener.«

Als Bernadette nach dieser abschließenden Unterredung wieder vor die Grotte tritt, hat sich ein Häuflein Menschen um die kniende Millet mit ihrer Kerze geschart. Mutter und Sohn Nicolau, Marie, Jeanne Abadie, Madeleine Hillot, vor allem aber ein paar Bauern und Bäuerinnen aus dem Tal Batsuguère, wo das Gerücht von den Erscheinungen bei Massabielle ein großes Aufsehen hervorgerufen hat. Zu diesen Landleuten gesellen sich immerfort neue, denn heute ist Donnerstag, und man wandert mit seinen Lasten zum Wochenmarkt nach Lourdes.

»Hat sie ihren Namen genannt?« ruft die Peyret dem Mädchen entgegen.

»O nein! Sie hat's nicht getan ...«

»Hast du sie überhaupt gefragt?«

»Ich hab gefragt, wie Sie's gewünscht haben, Mademoiselle ...«

»Schwindelst du nicht, Bernadette? Ich hab dich genau beobachtet. Du hast ja nicht den Mund auf getan ...«

Bernadette sieht die Schneiderin erstaunt an:

»Wenn ich mit der Dame rede«, versetzt sie, »dann rede ich hier mit ihr ...«

Und bei diesem ›hier‹ tippt sie mit dem Zeigefinger aufs Herz.

»Aha«, blinzelt die Inquisitorin. »Redet die Dame etwa auch nur hier mit dir?«

»Nein, die Dame hat heute wirklich mit mir geredet.«

»Hat die Dame denn überhaupt eine Stimme?«

»O ja, sie hat genau so eine Stimme, wie sie selbst ist ...«

Und getreulich berichtet Bernadette alles. Antoinette Peyret ist nun sicher, sie ertappt zu haben:

»Und du willst gescheiten Leuten einreden«, höhnt sie, »daß eine Dame, eine Seele aus dem Jenseits oder vielleicht sogar ein Engel, zu einem dummen Fratzen, wie du einer bist, ›Sie‹ sagt und ›Wollen Sie mir die Güte erweisen‹?«

Bernadettens Gesicht erhellt sich zu einem verwunderten Entzücken:

»Ja, das ist wirklich komisch ... Die Dame hat ›Sie‹ zu mir gesagt.«

 

Dieses Verhör, das die Peyret mit Bernadette anstellt, hat eine ganz unerwartete Wirkung. Die Schneiderin hatte ursprünglich keine besonderen Zweifel an der Aufrichtigkeit des Mädchens genährt. Echter Jenseitsglaube, Neugier, Liebedienerei, Lüsternheit nach Unerhörtem war der gemischte Grund, der sie veranlaßte, ihrer Gönnerin Millet zu diesem Abenteuer zuzureden. Erst in der Grotte hat das freie Gehaben der kleinen Soubirous sie zum Argwohn gereizt. Die selbstverständlichen und so natürlichen Antworten des Mädchens in einer nicht natürlichen Sache aber gewinnen das Herz der herumstehenden Zeugen und nehmen es gegen die böswillige Peyret ein. Bernadette spricht von der Erscheinung mit einer solchen Klarheit und Genauigkeit, wie andre kaum von der sichersten Realität sprechen. Wer ihr zuhört, muß an das Widersinnige unwillkürlich glauben.

»Gesegnet bist du«, sagt eine der Bäuerinnen. »Der Himmel weiß, wer dich besucht.«

Madame Millet hat wenig Hoffnung mehr, in der Dame ihre eigene Nichte nahe zu wissen. Die Worte, die Bernadette berichtet hat, sprechen lebhaft gegen diese Hoffnung. Dennoch ist sie nicht enttäuscht, sondern umarmt das Mädchen:

»Welch ein begnadetes Kind du bist, ma petite voyante. Sei bedankt. Ich bin eine alte kranke Frau. Aber ich werde in den nächsten fünfzehn Tagen täglich mit dir zur Grotte pilgern ... Ich glaube, auch Sie werden keinen Tag versäumen, meine gute Peyret ...«

»Keinen einzigen Tag, Madame«, erklärt die Schneiderin, die ebenso rasch wie widerwillig ihre Taktik ändert. »Wir werden von Bernadette noch manche Wahrheit erfahren ...«

Die ziemlich strapazierte Witwe haucht:

»Ich fühle mich so recht erhoben und beruhigt. Ich werde Philippe ebenfalls mitnehmen. Es wird ihm guttun.«

Da kann auch Jeanne Abadie nicht anders, als die Überlegenheit und Führerschaft Bernadettens anzuerkennen, obwohl sie selbst die Beste in der Klasse ist und jene die Schlechteste:

»Ich komme natürlich jeden Tag«, sagt sie, »ich bin ja schließlich die erste, die von der Dame etwas erfahren hat ...«

»Wieso bist du die erste?« fährt Marie auf. »Die erste bin ich, weil ich doch die Schwester bin ...«

Antoine Nicolau massiert seinen Schnurrbart, was er immer tut, wenn er verlegen wird:

»Wie wäre es, liebe Mutter«, wendet er sich lässigen Tones an die Müllerin, »wenn wir Mademoiselle Bernadette einladen, die nächsten fünfzehn Tage bei uns zu wohnen. Das obere Kämmerchen ist zwar kalt, aber sie hätte es so viel näher nach Massabielle ...«

»Ich hätt ja eine große Freude mit der Bernadette«, erwidert die Nicolau vorsichtig, »aber ich will mich in nichts einmischen. Es ist die Sache ihrer Eltern, zu bestimmen, was jetzt mit ihr geschehen soll ...«

»Um den Vorzug, Bernadette bei mir zu haben, werde ich bitten«, verkündet die Millet majestätisch.

Bernadette weiß gar nicht, was mit ihr geschieht. Alle Leute reden auf einmal so hochtrabend, so gewählt, ja fast gepreßt. Was wollen die eigentlich alle? Sie kann es durchaus nicht verstehen, daß die Huld, die ihr die Dame erweist, ihre eigene Stellung unter den Menschen mit einem Schlag verändert.

»Wir müssen jetzt aber nach Hause gehn«, sagt sie.

Der Pont Vieux ist voll von Marktfahrern. Manche von ihnen schließen sich der sonderbaren Schar an, die unter Vorantritt Bernadettens und Madame Millets, welche ihre brennende Kerze noch immer in der Hand hält, zum Cachot zieht. Von Mund zu Mund geht die Neuigkeit:

»Das junge Mädchen ist wieder in die Grotte gekommen ... Zum drittenmal am heutigen Donnerstag ... Ei, ausgerechnet zu der kleinen Soubirous ... Bei der rappelt's halt ... Die Leute sind auf den Hund gekommen ... Laßt euch doch nicht von einer armen Schwachsinnigen lächerliche Bären aufbinden ... Herrgott noch einmal, die reiche Millet ist dabei ... Ja, wenn man so viel Geld hat, dann hat man keine bessern Sorgen ...«

Je tiefer man in die Stadt eindringt, um so dichter wird die Spöttelei. Dennoch aber ist der Zug auf hundert Personen angewachsen, als man in die Rue des Petites Fossées biegt. Der Stadtpolizist Callet, der soeben aus der Gaststube Babous tritt, sieht erstaunt diese ›Demonstration‹ und überlegt, ob es nicht seine Pflicht sei, ›die Ordnung wiederherzustellen‹. Das Regime Kaiser Napoleons, der selbst durch einen Putsch ans Ruder gekommen ist, hat einen Heidenrespekt vor Massenansammlungen. Callet rennt spornstreichs zum Bürgermeister Lacadé und dann zu Jacomet, dem Polizeikommissär, um Rapport zu machen. Dies sind nämlich die beiden Zivilgewalten, deren Exekutive der ehemalige Flurhüter in seiner bescheidenen Person vereinigt. Die Soubirous stürzt mit entsetzten Augen und wirren Haaren aus dem Cachot:

»Mein Gott, was ist das nun wieder?«

Marie fuchtelt ihr beruhigend entgegen:

»Bernadette ist heute ganz gesund, Maman. Die Dame hat ihr ›Sie‹ gesagt und ›Wollen Sie mir bitte die Güte erweisen, fünfzehn Tage nacheinander hierher zu kommen‹ ...«

»Das alles bringt mich um«, ächzt die Soubirous. »Ich werde mein Kind verlieren ...«

Die Leute drängen in den Torgang. Madame Millet, Mademoiselle Peyret, die beiden Nicolaus, die Mädchen treten in den düstern Vorraum.

»Meine teure Madame Soubirous«, beginnt die Rentnerin, nicht mehr von oben herab, sondern auf gleich und gleich. »Ich danke dem Himmel, daß er uns Bernadette geschenkt hat. Täglich werd ich mit ihr nach Massabielle wallfahrten. Mit meinen geschwollenen Füßen ist das eine sehr gute Buße. Sie aber bitte ich, meine Liebe, das Kind für diesen Zeitraum zu mir in Kost und Quartier zu geben. Es wird Ihnen hoffentlich nicht unwillkommen sein ...«

Es ist der Soubirous keineswegs unwillkommen. Ihre kränkliche Bernadette wird in einem weichen Bettchen liegen und fünfmal täglich zu essen haben, zweimal wenigstens davon einen gebratenen Hühnerflügel. Sie kratzt sich mit dem Stiel des Kochlöffels den Kopf:

»Lassen Sie mich bitte zu Atem kommen, Madame Millet, ich bin so überrascht ...«

Frau Millet läßt sich aber von ihren Gefühlen immer weiter fortreißen:

»Bernadette wird das schöne Zimmer meiner gottseligen Elise bewohnen dürfen. Es ist das Heiligtum meiner Wohnung, dieses Zimmer, Sie wissen's ja. Obwohl ich mir nicht klar bin, ob die Dame von Massabielle meine arme Elise ist oder nicht, Bernadette und niemand anderes soll in ihrem Bett schlafen ...«

Da kann auch die Schneiderin Peyret nicht länger an sich halten, um vor ihrer Gönnerin mit Großmut zu glänzen:

»Ach, was trägst du da für einen lächerlichen Kittel, liebe Bernadette ... Von mir bekommst du ein feines weißes Kleidchen, damit die Dame eine Freude hat an dir ...«

»Die Bernadette hat wirklich mehr Glück als Verstand«, flüstert die Abadie und stößt die Madeleine Hillot in die Rippen.

»Meine Damen«, fleht Louise, »erlauben Sie mir doch, daß ich mich mit Soubirous und meiner Schwester Bernarde Casterot zuerst berate. Ich kann ja die Verantwortung nicht allein tragen für diese fünfzehn Tage. Sehn Sie doch die vielen Menschen an! Heilige Jungfrau, was soll daraus werden?«

»Beraten Sie sich nur mit Ihrer Familie, Madame Soubirous«, gewährt die Millet hoheitsvoll. »Bernadette aber kann gleich mit uns kommen ... Wir werden übrigens das Marienkleid meiner Elise für sie umarbeiten, liebe Peyret. Elise war nicht viel größer ...«

Bernadette steht unbeteiligt da, wie es ihre Art ist. Sie denkt in dem Gestöber von Gunst, das auf sie niedergeht, über die Worte der Dame nach: Ich kann Ihnen nicht versprechen, Sie in dieser Welt glücklich zu machen. Sie kann es nicht versprechen und scheint es doch zu tun: heute!

 

Gegen vier Uhr nachmittags erscheint das Orakel der Familie, die kluge Bernarde Casterot, Bernadettens Taufpatin, im Cachot, wo sie vom Ehepaar Soubirous ehrerbietig empfangen wird. Sie ist von ihrer jüngsten Schwester Lucille begleitet, dem alten Mädchen, das den willenlosen Eindruck ihrer Dienerin macht. Das Orakel der Familie pflegt einen Fall, den man ihm vorlegt, mehrere Stunden zu überdenken, ihn auseinanderzulegen und wieder zusammenzusetzen, ehe es mit Weisheit sein Urteil fällt, gegen welches es dann freilich keine Berufung mehr duldet. Bernarde Casterot, verwitwete Tarbès, hat einen scharfsinnigen Kopf auf ihren bäuerischen Schultern sitzen, ganz im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sie für heillose Schwach- und Wirrköpfe hält. Nur ihrer gut geölten Vernunft hat die Casterot es zu verdanken, daß sich das Vermögen ihres Seligen nicht in Dunst aufgelöst hat und daß sie es sogar durch geschickte An- und Verkäufe geschickt vermehren konnte. Sie steht allein in der Welt, aber dafür um so fester. Noch vor wenigen Jahren hat sie einen Heiratsantrag glatt abgewiesen. Sie kennt allzu genau den schwankenden Charakter aller Männer, ihren Leichtsinn und mangelnden Realismus.

Bernarde sieht sich mißbilligend im Cachot um. Die Louise, ehemals die Hübscheste der Casterots, hätte ein besseres Schicksal verdient. Das kommt aber daher, wenn die Mädchen sich vermessen, aus Liebe zu heiraten, ohne zu bedenken, daß die Ehe eine praktisch ernste Sache ist. Aus Liebe heiratet man zumeist einen schönen Mann, wie auch dieser Müllerbursch Soubirous einer gewesen ist. Sind die Männer schon im allgemeinen Taugenichtse, so die schönen Männer samt und sonders haltlose Halunken. Ein flüchtiger Blick aufs Ehebett belehrt Bernarde Casterot, daß es in Eile geglättet ist, weil ihre Schwester den schönen Mann erst vor wenigen Minuten aus den Federn gejagt hat.

»Wo ist Bernadette?« fragt die Taufpatin.

»Oh, die wohnt jetzt bei Madame Millet«, entgegnet Louise ängstlich. »Sie ist über die fünfzehn Tage eingeladen worden.«

»Ein Fehler«, wettert die Casterot.

»Warum ein Fehler, Schwester?«

»Weil du nicht über deine Nasenspitze hinaus denken kannst ...«

Soubirous beginnt zornig hin und her zu gehn. In Gegenwart Bernardes nimmt er aus ehemännischer Charakterstärke immer die Partei der Schwägerin gegen seine Frau:

»Ein Fehler! Ich hab's ihr ja gesagt, daß es ein Fehler ist. Sie aber handelt nach eigenem Ermessen. Mich zieht sie nicht zu Rat. Ein schwerer Fehler, das Kind wegzugeben. Was werden die Leute sagen?«

»Das kann ich dir mitteilen, was die Leute sagen werden, Schwager«, lacht Bernarde schneidend. »Sie werden sagen, daß die Soubirous ein gutes Geschäft mit der Bernadette und ihrer Dame machen.«

»Ja, das werden sie sagen, gerade das! Ich hab's in den Ohren«, grollt Soubirous.

»Sie werden noch mehr sagen. Sie werden sagen, daß Bernadette all das nur erfunden hat, um die Millet zu beerben.«

»Natürlich werden sie das sagen.« Soubirous sendet einen grimmigen Hohnblick zu seiner Frau. »Welche Schande! Mit Dreck wird man beworfen werden.«

Bernarde duscht den Zornigen erbarmungslos ab:

»Ich finde es keine solche Ehre, in diesem Cachot zu leben ...«

»Aber ehrlich war ich mein Lebtag«, wirft sich Soubirous in die Brust, »und hab immer mehr gegeben als bekommen. Da kannst auch du nichts dagegen sagen, Schwägerin. Jetzt aber hab ich die Geschichte satt. Ich will nichts mehr hören davon. Schluß. Bernadette kommt nach Bartrès ...«

»Ein kopfloser Mann«, nickt Bernarde. »Ich kenne den Anblick von früher genau. Ich hab nicht viel Zeit, Schwager. Setz dich gefälligst auf deinen Hintern! Und ihr andern setzt euch auch und laßt mich endlich reden. Man hat mich gerufen. Ich wünsche nicht unterbrochen zu werden ...«

Gehorsam sitzen alle nieder. Bernarde allein bleibt vierschrötig stehn. Sie hat ihr Kopftuch und ihren schwarzen Umhang nicht abgenommen.

»Bernadette«, so beginnt sie ihr Resumé, »ist ein liebes Kind, nicht sehr pfiffig, hat keine Grütze im Kopf, was kein Wunder ist. Oft hab ich mir das Mädel angeschaut und gedacht, was ist mit der los? Meine Hand aber will ich dafür ins Feuer legen, daß sie uns mit der Dame nicht anschwindelt, einfach schon deshalb, weil sie nicht schlau genug ist zu solch einem verrückten und gerissenen Einfall. Sie sieht die Dame. Die andern sehn die Dame nicht. Unsere Großmutter hat uns Kindern oft erzählt, daß sie ein Mädel gekannt hat, dem der liebe Heiland einmal im dunklen Hausflur erschienen ist, leibhaftig und zum Anfassen. In früheren Zeiten kam das halt öfters vor. Die Dame kann also vom Himmel sein. Die Dame kann aber auch aus der Hölle sein, obwohl nichts darauf hinweist außer dem dreckigen Platz, wo sie sich aufhält. Es ist eine recht tolle Geschichte. Was daraus werden kann, weiß ich nicht, obwohl ich ganze fünf Stunden darüber nachgedacht hab. Für euch hoffe ich, daß die Sache im Sande verläuft. Bernadette wird fünfzehn Tage zur Grotte gehn. Sie muß es tun. Die Dame hat es gewünscht, und die Dame kann vom Himmel sein. Niemand darf es wagen, die Kleine an der Erfüllung dieses Wunsches zu hindern. Das ist meine Ansicht! ... Mein Rat aber ist dieser: Die Mutter gehört zur Tochter! Die Mutter soll nicht den Kopf in den Sand stecken und tun, als ob die Tochter einen harmlosen Unfug treibe, der sie nichts angeht. Du hast dich sehr dumm benommen bisher, Schwester. Jeden Tag mußt du von jetzt ab an der Seite deines Kindes stehn in Massabielle. So etwas ist doch kein Spaß. Denk nur dran, was es für die Bernadette bedeutet. Wenn du zu ihr stehst, wird den Leuten auch der Spott vergehn. Und nicht nur du, die ganze weibliche Familie hat für Bernadette einzutreten. Auch ich und diese Lucille da werden nach der Frühmesse täglich mit Bernadette zur Grotte gehn. Das ist mein fester Entschluß. Ihr aber könnt machen, was ihr wollt ...«

Das redegewaltige Orakel hat seinen weisen Spruch gesprochen. Das Ehepaar Soubirous schweigt kleinlaut. Louise klagt sich an, daß sie erst durch ihre Schwester an ihre Mutterpflicht erinnert werden mußte. François ist durch die Logik der Schwägerin nicht restlos überzeugt worden. Er fühlt aber nicht die Kraft in sich, dem Schicksal in den Weg zu treten. So beschließt er denn für seine Person, als unwilliger Vater, den Dingen so lange fern zu bleiben wie nur möglich.

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