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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
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Kapitel Neun. Frau Soubirous gerät außer sich

Die Soubirous hat keinen leichten Tag gehabt an diesem elften Februar. Mehr als eine Stunde mußte sie bei der Nachbarin Croisine Bouhouhorts zubringen. Es ist immer wieder dieselbe Geschichte. Unbegreiflich, warum der gütige Himmel sich dieses elenden, ganz und gar lebensuntauglichen Geschöpfes nicht erbarmt! Freilich, dieser zweijährige Junge ist das einzige Kind der Bouhouhorts, und wie alle unglücklichen Mütter fällt sie schreiend dem Tod in die Arme, anstatt ihn gottergeben gewähren zu lassen. Das Kind Bouhouhorts wird niemals auf die Beine kommen. Diese Beine sind übrigens nicht dicker als der Daumen eines Mannes und verkrümmt dazu. Alle drei oder vier Wochen kommt einer jener schrecklichen Krämpfe über das Kind, wie gerade heut. Die Krämpfe gehen vom Gehirn aus. Dann zieht es die Knie hoch, beinah bis zum Kinn, verdreht die Augen nach oben und verliert das Bewußtsein.

Louise Soubirous steht, wie alle Schwestern Casterot (allen voran die kluge Bernarde), im Ruf einer besonderen medizinischen Tüchtigkeit. Nicht nur die Bouhouhorts ruft sie zu Hilfe, sondern so manche andre Frau der Rue des Petites Fossées. Croisine jedenfalls, ein ziemlich schwächliches und unerfahrenes Weib, könnte ohne Louisens Beistand gar nicht auskommen. Sie verliert sofort den Kopf. Mutter Soubirous hat mit großem Eifer ihre bewährten Mittel angewandt. So arm sie selbst ist, sie hat mit ihrem eigenen Krankenöl nicht gespart und den ganzen Körper des Kindes damit eingerieben. Dann hat sie den Kleinen fest in heiße Tücher gepackt und ihm mit großer Mühe ein paar Tropfen eines bestimmten Tees eingeflößt. Zuletzt ist sie mit ihm eine gute halbe Stunde lang durch die Stube getanzt, das starre Körperchen unaufhörlich schüttelnd, damit sein Blut in Bewegung komme. Die Folge dieser Kur war, daß der kleine Juste sich erbrach und ihr Kleid beschmutzte. Zugleich mit dieser Katastrophe aber war auch der Krampf überwunden.

Louise Soubirous kehrt schweißübergossen und atemlos in den Cachot zurück. Zu ihrem größten Mißvergnügen gewahrt sie, daß inzwischen alle Vögel ausgeflogen sind. Jean Marie und Justin, diese Gassenjungen, haben unverschämterweise ihr strenges Verbot mißachtet und Reißaus genommen. Noch schlimmer aber erscheint es ihr, daß sich auch der Mann François davongemacht hat, ohne ihre Rückkunft abzuwarten. Es steht sehr zu befürchten, daß er »nur auf einen Sprung« bei Vater Babou eingekehrt ist, trotz des Schwurs der Enthaltsamkeit, den er ihr zum prächtigen Weihnachtsgeschenk gemacht hat. Louise sinkt erschöpft auf einen Stuhl und seufzt bewußtlos das Lied ihres Lebens, das sie so oft am Tag zu wiederholen pflegt:

»Praoubo de jou ... ich arme Frau ...«

Schon aber bindet sie sich wieder das Kopftuch um. Es fällt ihr nämlich ein, daß Madame Millet ihren Waschtag manchmal abzusagen und zu verschieben pflegt. Der Waschtag im Hause Millet ist eine geheiligte Prozedur, die unter Oberaufsicht der genauen und frommen Witwe abgehalten wird. Gegen Ende der Woche aber fährt Madame Millet dann und wann nach Argelès, um die dortigen Latapies zu besuchen. Elise Latapie, ihr heiß geliebtes Adoptivkind, vor einigen Monaten verstorben, gehört zu diesem Zweig der weitverbreiteten Familie. Wenn Madame Millet nach Argelès fährt, entfällt der Waschtag. Für Louise Soubirous entfallen damit dreißig Sous, das warme Mittagessen, das Vesperbrot und allerlei kulinarische Zuwendungen, die ihr die Hausfrau oder die Köchin für die Kinder einpackt. Sie hat die bestimmte Empfindung, daß heute ein ungünstiger Tag ist, an dem alles schiefgeht und somit vermutlich die Absage der freitägigen Wäsche erfolgen werde.

Heftig wirft sie die schwere Tür des Cachots hinter sich zu. Onkel Sajou, der Steinmetz und Hausbesitzer, hockt auf dem oberen Treppenabsatz und raucht feierlich seinen Knaster. Madame Sajou duldet nämlich nicht, daß er »den Salon verstinkt«. Im Gegensatz zu den Soubirous, die nur aus Gnade und Barmherzigkeit das Gefängnis bewohnen dürfen, nennen die Sajous drei kleine Räume ihr eigen, von denen einer, mit ererbten Möbeln angefüllt, als Salon, das heißt als Kapelle der Bürgerlichkeit, geschont und verehrt wird.

»Lieber Vetter André«, sagt Louise gehetzt. »Ich springe nur auf drei Minuten zu Madame Millet ... Gleich bin ich wieder zurück ...«

André Sajou krümmt müde den linken Zeigefinger zum Zeichen, daß er begriffen habe. Die Steinbildnerei ist ein wortkarges Handwerk, gelten doch Granit und Marmor, vorzüglich zu Grabkreuzen verarbeitet, als Sinnbilder des Schweigens. Den Soubirous gegenüber pflegt aber Onkel Sajou sein Schweigen noch zu übertreiben, man ist zwar verwandt – in Lourdes ist alles miteinander verwandt –, der Mißerfolg jedoch zwingt zur Vorsicht wie eine ansteckende Krankheit. Man tut seine Christenpflicht, hält aber womöglich Abstand, um nicht mitverwickelt zu werden in die Misere.

Das Haus von Madame Millet liegt an der Ecke der Rue Bartayrès. Es ist eins der stattlichsten Häuser Lourdes'. Als Monseigneur Bertrand Sévère Laurence, Bischof von Tarbes, auf seiner letzten Diözesanreise nach Lourdes kam, stieg er weder bei dem Dechanten Peyramale im Pfarrhaus noch auch im Konvent der Schwestern von Nevers ab, sondern bei der steinreichen Witwe, wo seitdem ein eigenes Appartement für ihn bereitgehalten wird. Frau Millet hat sich diese Auszeichnung durch die kirchliche Obrigkeit wohl verdient, denn sie ist nicht nur eine fromme, sondern auch eine streitbare Katholikin. Monseigneur, der scharfsinnig praktische Mann, findet zwar die Zimmer von Madame Millet mit ihrer Überschwemmung von Gardinen, Vorhängen, Überzügen, Spitzendecken recht muffig. Die Betten gleichen beklemmenden Aufbahrungen. Sie schrein gewissermaßen danach, daß man in ihnen sterbe. Selbst die dicke Kerze auf dem Nachttisch ist ein Kirchenlicht. Überdies bezeigt die gute Millet für den Geschmack des Kirchenfürsten eine allzu fürwitzige und allzu oberflächliche Neugier für jenseitige Angelegenheiten. Es ist schon die reinste Geisterseherei, welche sich nach dem Tode der Nichte Elise Latapie, die sie an Kindes Statt angenommen, ins Unerlaubte gesteigert hat. Andrerseits aber – und das ist für Monseigneur maßgebend – leben soundso viele Organisationen von den Unterstützungen der vermögenden Rentnerin. Man denke nur an den Verein der Marienkinder, dem man nicht nur prächtige Feste alljährlich, sondern auch zahlreiche Werke der Caritas verdankt. Und dies ist bloß einer von sieben Vereinen.

Louise Soubirous setzt den altmodischen Türklopfer in zaghafte Bewegung. Der ehrwürdige Philippe, Madame Millets Diener, öffnet ihr höchst persönlich. Der Anblick dieses makabren Philippe, das Bild des dunklen Vorsaals, den ein Hauch von Naphthalin und Tod durchweht, erfüllt das Herz der Soubirous jedesmal mit erschauernder Ehrfurcht. Wie in allen Räumen dieses Hauses, so herrscht auch hier der Horror Nudi, der Abscheu vor dem Nackten, darum sind alle Wände mit ganz dunklen Bildern zugeklebt und alle Gegenstände mit zahllosen vergilbten Spitzendecken belegt, die Louise sehr genau aus der Wäsche kennt. Sie werden immer gelber.

»Meine gute Soubirous«, beginnt Philippe im Tonfall eines hohen, aber dafür herablassenden Prälaten, »es ist sehr verständig von Euch, daß Ihr hierher kommt, Ihr erspart mir einen Weg. Wir haben den Waschtag auf kommende Woche verschoben. Wir sind morgen in Argelès bei der Verwandtschaft. Seit dem Ableben unsrer gottseligen Mademoiselle Elise wohnen wir stets den hl. Seelenmessen in Argelès bei. Wir werden Euch zur Zeit rufen ...«

Frau Soubirous macht bei Erwähnung der Toten, wie es sich gehört, das lange und saure Gesicht eines Trauerbesuchs. Zugleich aber donnert ihr der Schreck in den Ohren. Das Gefürchtete ist eingetreten, das Budget des Wochenendes umgestürzt. Sie weiß wirklich nicht mehr ein noch aus. Auf dem Heimweg versucht sie, in der Epicerie von Lacaze einen Rand Speck, ein Stück Seife und eine Handvoll Reis auf Rechnung zu bekommen. (Die baren zwölf Sous, die sie noch besitzt, wagt sie nicht herzuzeigen, da man sie ihr sogleich als Abschlagszahlung entziehen würde.) Die Lacaze verweigert's rundheraus. Allzuhoch steht sie in der Kreide. Im Torgang des Cachots empfängt sie André Sajous knarrende Stimme:

»Liebe Cousine«, empört er sich, »es ist die Pflicht jeder Mutter, aufzupassen, daß ihre Brut den Nachbarn nicht lästig fällt. Da seht nur Eure Herren Söhne an! Die klettern im Hof herum wie die waghalsigen Einbrecher. Jetzt sind sie nur in den weichen Dreck gefallen. Das nächste Mal wird's ihnen schlimmer ergehn ...«

»Ich wollte nur der Katze nach, Maman«, zetert Justin, der Jüngere.

»Und ich habe dem Justin nur aus dem Misthaufen heraushelfen wollen«, verteidigt sich Jean Marie ohne Tränen. Wortlos stößt die Soubirous die beiden über und über kotbeschmierten Sünder in die Stube. Sie ist viel zu entsetzt und angeekelt, um die Kraft zu haben, sie zu schlagen. Nur ein Gedanke bedrängt die Frau: die Buben haben nichts anderes anzuziehen, als was sie am Leibe tragen. Sie reißt ihnen die Kleider herunter. Glücklicherweise ist noch heißes Wasser im Kupferkessel. Sie gießt es in den Waschtrog. Sie beginnt wie eine Wilde zu spülen und zu schrubben, als wolle sie ihre arme Seele sich aus dem Leib waschen. Für Jean Marie und Justin ist's ein neues Abenteuer, halb nackt herumzutollen trotz der Kälte.

Dieses Bild bietet sich François Soubirous dar, als er eintritt. Hoheitsvoll umwölkt bleibt er in der Tür stehn. Die Söhne würdigt er keines Blicks.

»Ich dulde es nicht, daß du dich so abschuftest«, ruft er mit vibrierender Stimme aus. »Du bist eine Casterot, und ich bin nur ein Soubirous. Wer sind die Nicolaus? Du darfst dein Vertrauen zu mir nicht verlieren ...«

Ohne in der Arbeit innezuhalten, wirft sie dem Mann einen prüfenden Blick zu. Er tritt hinter sie:

»Ich war bei Maisongrosse, ich war bei Cazenave, ich war bei Cabizos.«

»Und bei Babou warst du auch«, sagt sie.

»Ich bin krank«, stöhnt Soubirous, »ich bin sehr krank ... Gebe Gott, daß ich sterbe. Oh, ihr Armen ...«

Louise hängt gerade die nassen Kleidungsstücke, von denen noch immer ein durchdringender Mistduft ausgeht, auf die Wäscheleine, die zwischen der Feuerstelle und dem kleineren Fenster ausgespannt ist. Soubirous' Geständnis: »Ich bin sehr krank« hat sie nicht völlig kalt gelassen. Wahrhaftig, der Mann schaut zum Erbarmen aus. Wer würde in ihm den verwegenen Müllerburschen Soubirous der dreißiger Jahre erkennen? Seit Tagen hat er schon keine anständige Mahlzeit im Leibe. Wie er sich schuldig fühlt an ihrem Los, so fühlt sie sich mitschuldig an dem seinen. Mag er auch vorhin bei Pere Babou drei Achtel Kräuterteufel, freigehalten oder auf Borg, jedoch mit äußerst schlechtem Gewissen, heruntergegossen haben, wer kann's ihm verdenken bei der schlechten Ernährung? Der Ärmste verträgt nichts mehr. Louise, die Hartgeprüfte, ist eine parteiische Ehefrau, die den Ihrigen gegen jedermann verteidigt, sogar gegen sich selbst. Wenn er ihr nur nicht wirklich krank wird! Das fehlt noch!

»Es wird am besten sein, du legst dich wieder einmal ins Bett, Soubirous ...«

»Ja, da hast du recht, es wird wohl das beste sein«, erwidert er mit herzlich erfreutem Tonfall, als seien durch den trefflichen Vorschlag alle Schwierigkeiten aus der Welt gezaubert. Und schon hat er sich wieder hingehauen, durch die Absolution seines Weibes von der Reue so ziemlich erlöst. Sie entnimmt einer Tüte getrocknete Lindenblüten und wärmt in einem Blechtopf Wasser. Nach einer Weile führt sie ihrem Kranken die bewährte »Infusion« eigenhändig an die Lippen. Sie hat die Erfahrung längst gemacht, daß Lindenblüten, bitter genossen, die wirksamste Arznei gegen das Leiden sind, an dem Soubirous im Augenblick laboriert. Er wehrt sich wie einer, der aus Gram nicht genesen will, sie aber zwingt ihn streng, den heißen Absud hinunterzuschlürfen. Soubirous liegt da mit dem Gesicht eines Überwinders. Einem schwachen Mann muß man immerfort Mut machen, auch das weiß Louise längst:

»Bei Millet wird keine Wäsche sein Freitag«, erzählt sie. »Aber morgen tu ich mich um. Etwas findet sich schon. Vielleicht bei der Frau des Friedensrichters Rives.«

»Morgen«, röchelt Soubirous höhnisch, »... nicht einmal Cazenave braucht mich morgen für eine Mistfuhr ... En garde, mon capitaine ...!«

Sie streicht ihm die Decke glatt. Sie wartet, bis er einschläft. Und mit seiner außergewöhnlichen Begabung für den Schlaf geschieht das recht schnell. Die Frau läßt noch eine Weile die Hände im Schoß liegen. Sie erinnert sich, daß es ähnlich um ihn stand, als er vor Jahresfrist aus der Untersuchungshaft unerwartet nach Hause kam. Damals hatte er sich glänzend reinwaschen können gegen jene niederträchtige Anzeige. Nicht er hatte den Eichenbalken im Sägewerk Lafites gestohlen. Zum Kuckuck, was hätte er auch mit einem gewaltigen Eichenbalken anfangen sollen? Trotz seiner vor dem Kommissär Jacomet, dem Richter Rives und dem kaiserlichen Staatsanwalt Dutour dargetanen Unschuld aber war der Mann tagelang gebrochen, schlaff wie ein nasser Strumpf und schlief ohne aufzuhören. Sonderbar, wie wenig diese Männer Witz und Ausdauer im Pech zeigen! Ja, wenn es gut geht, wenn die Zwanzig-Sous-Stücke in der Hosentasche klimpern, das ist dann ein Prahlen und Erzählen und Aufführen. Man bezahlt eine Runde nach der andern. Wenn aber das Brot ausgeht und die Ehre dazu, dann trinkt man die Runde selbst und legt sich hin und schläft. Dann muß das arme Weib zappeln, daß man nicht draufgeht.

»Haltet den Mund, ihr lausigen Fratzen«, zischt die Soubirous.

»Stört euern kranken Papa nicht, wenn er schläft.«

Nun wirft sie den allerletzten Knüppel ins Feuer, damit der Leidende es warm habe. Dann ergreift sie die beiden Blecheimer, um Wasser zu holen. Der nächste Brunnen befindet sich fünf Häuser gassenaufwärts, im Hof Babous. Wenn die Männer sich beim Schnaps versammeln, so die Frauen beim Wasser. (Das will jedoch nicht heißen, daß nicht auch die meisten unter ihnen ihre Flasche Kräuterteufel im Schrank haben, ganz zu schweigen vom Weine, der vor Gott ja nicht als Alkohol gilt.) Die Soubirous hört einige neueste Nachrichten, die nicht im »Lavedan« stehn. Madame Lacadé hält sich mit ihrer Tochter schon mehrere Wochen in Pau auf. Wenn ein junges Mädchen auf so lange Zeit verschwindet, muß das seinen delikaten Grund haben. Die Schneiderin Antoinette Peyret zieht aus der reichen Millet einen Hundert-Francs-Schein nach dem andern. Die echte Tochter eines Gerichtsvollziehers! Die kugelrunde Witwe hat drei schwarze Seidenkleider in Auftrag gegeben. Und das Beste! Monsieur de Lafite, der unheimliche Vetter aus Paris, ein Freimaurer, wenn nicht der Teufel selbst, ist jüngst der noch nicht vierzehnjährigen Cathérine Mengot durch die ganze Rue Basse nachgestiegen und hat die Frechheit gehabt, das Mädel nicht nur anzusprechen, sondern sogar abzutätscheln: »Cathérine, für mich bist du die süße Nymphe dieses Drecknestes!« So ein Schwein ... Kein Mann ist anders, alle sind sie brutal und selbstisch. Selbst der hochwürdige Pfarrer Peyramale hat gestern die Madeleine, seine langjährige Köchin, mit einem Tritt zur Tür hinausbefördert. Und der predigt gegen die Leidenschaften, der jähzornige Brausekopf! Mit dieser Wissenschaft und ihren Wassereimern beladen, schleppt die Soubirous sich nach Hause. Sie läßt die Eimer im Eingang stehn. Mögen die beiden Mädchen das Wasser später hineintragen. Es schlägt drei. Wo treiben Bernadette und Marie sich herum, sie müßten längst schon zu Hause sein vom Holzsammeln. Louise wird ärgerlich und ängstlich zugleich. Sie denkt an Cathérine Mengot und den Vetter aus Paris. Das Verderben lauert überall. Auch ihre Töchter sind hübsch und dumm. Dieser Gedanke wird durch das leidige Problem verdrängt, womit das heutige Abendessen bereitet werden soll.

Die Mädchen haben sich der Knochen wegen verspätet. Der Laden von Gramont liegt nämlich am andern Ende der Stadt. Und mit den schweren Reisigwellen auf dem Kopf sind sie nur langsam vorwärts gekommen. Der Lumpenhändler hat den beiden Schwestern und der Abadie je zwei Sous ausbezahlt. Bernadette und Marie haben im Gegensatz zu Jeanne beschlossen, keinen Kandiszucker, sondern Brot dafür zu kaufen. Dieses Brot und das viele Dürrholz besänftigt Madame Soubirous etwas, als die beiden endlich anrücken und ihre Lasten gleich neben der Tür hinwerfen.

»Wo steckt ihr so lange?« grollt sie. »Laßt ihr mich alles allein machen, ihr großen Frauenzimmer? Wer arm ist, hat kein Recht spazieren zu gehn. Holt mir gleich das Wasser her.«

Folgsam bringen Bernadette und Marie die Wassereimer. Folgsam schälen sie dann Rüben und Kartoffeln, für die Mutter Soubirous heute einen Teil der zwanzig Sous geopfert hat. Der Vater schnarcht vorwurfsvoll. »Er ist krank«, sagt Maman. Man schweigt. Manchmal schaut Bernadette ihre Schwester aus großen Augen forschend an. Marie senkt dann schnell den Blick und preßt die Lippen krampfhaft zusammen. Die Grimasse zeigt, daß sie in einem schweren Kampf zu unterliegen droht. Die Soubirous will den letzten Rest des Tageslichts, das vom Hof in den Cachot dringt, jetzt ausnützen:

»Kommt zum Fenster«, befiehlt sie, »damit ich euch die Haare durchkämme. Du zuerst, Marie!«

Dieses Durchkämmen ist ein allabendlicher Brauch. Die Soubirous hält, so gut es sich in diesem Gefängnis bewerkstelligen läßt, auf Sauberkeit. Nicht umsonst entstammt man der Familie Casterot. Justin und Jean Marie werden vor dem Schlafengehen täglich mit der harten Bürste abgerieben. Und ebenso wird das Haar der Töchter einer strengen Pflege unterzogen. In der Rue des Petites Fossées pflegen leider die Läuse von Haus zu Haus zu wandern. Die Reinlichkeit ist die letzte Würde des Menschen, die ihm übrigbleibt, wenn alles verloren ist. Marie bietet der mütterlichen Haarpflege das schwierigere Objekt dar. Ihr wächst auf dem Kopf eine dichte, eigensinnige Perücke. Bernadette hingegen hat das weiche schwarze Haar des Vaters geerbt. Während die Soubirous ihre Jüngere mit dem Staubkamm zu bearbeiten beginnt, schickt sie die Ältere um die beiden Brüder, die längst wieder auf den Gang entwischt sind. Maman hat einen Schemel zum Fenster gezogen. Marie kniet vor sie hin, ihr den Rücken zuwendend. Das dicke Haar knistert unter den energischen Strichen des Kammes:

»Hum ... Hum ...« macht Marie.

»Nicht so wehleidig, wenn ich bitten darf«, spottet die Mutter.

Nach einer Weile fängt Marie wieder an: »Hum ... Hum ... Hum ...«

»He du, hast du Halsschmerzen?«

»Nein, ich hab keine Halsschmerzen, Maman ...«

Als sie aber zum drittenmal die ominösen Kehllaute hervorbringt, wird die Soubirous argwöhnisch:

»Was hummst du da herum wie eine Fliege am Fenster?«

»Ich möcht was erzählen, Maman ... Es ist wegen Bernadette ...«

»Was gibt es wieder mit Bernadette?«

»Ah, Maman, Bernadette hat in der Höhle Massabielle eine junge Dame gesehn, ganz in Weiß mit einem himmelblauen Gürtel ... Und nackte Füße hat sie gehabt, mit zwei goldenen Rosen darauf ...«

»Praoubo de jou, was plapperst du da, du Unglückliche?!«

»Und Bernadette hat zuerst kein Kreuz machen können, dann aber hat sie ein Kreuz machen können, als es ihr die Dame erlaubt hat ...«

Marie atmet tief auf, als habe sie nicht ihr Wort gebrochen, sondern sich eines schweren Auftrags entledigt. Bernadette tritt in die Tür. Die Mutter fährt sie an:

»Was hast du gesehn, du Blödsinnige?«

»Du hast geplaudert ... Warum hast du geplaudert?« sagt Bernadette, und ein langer Blick trifft die Schwester. In ihrer Stimme aber ist kein Vorwurf, sondern eine Art erleichterten Aufatmens. Sie macht zwei Schrittchen auf die Mutter zu und spreizt die Finger, als hielte sie ihre Hände über ein wärmendes Feuer. Das Herz schmilzt ihr weg vor Lust, weil sie über ihr Geheimnis reden darf:

»O ja, Maman, ... ich habe gesehn eine wunderwunderschöne Dame, dort bei Massabielle ...«

Diese entzückten Worte sind der Tropfen, der den mühsam bewahrten Gleichmut der geplagten Frau zum Überlaufen bringt. Nach einem Tage voll hoffnungsloser Versuche und Enttäuschungen muß sie diesen Unsinn anhören, den die Herumtreiberinnen, die zu nichts taugen, nach Hause bringen. Am meisten aber empört sie das tief errötete Gesicht Bernadettens. Es ist das erglühende Gesicht einer Liebenden, die für ihre Liebe alles aufzuopfern bereit ist, und zwar mit Trotz und Widerstand. Die Stimme der Soubirous gellt so schrill, daß in ihrer Wohnung die Sajous aufhorchen:

»Was hast du gesehn? Nichts hast du gesehn! Keine wunder-wunderschöne Dame hast du gesehn, sondern irgendeinen weißen Stein ... Ihr seht wunder-wunderschöne Damen, ich aber rackere mich für euch ab, und keiner denkt daran, es mir leichter zu machen. O Heilige Jungfrau, was hab ich für nichtsnutzige Kinder! Sie stehlen Kirchenkerzen, sie fallen in den Dreck, sie wissen nichts vom Katechismus, und jetzt sehn sie noch wunder-wunderschöne Damen ... Wartet nur!«

Sie hat den schmiegsamen Stock erwischt, mit dem sie die Kissen beim Bettenmachen ausklopft. Den ersten Schlag erhält Bernadette über den Rücken. Marie versucht sich zu verstecken. Das reizt die Wütende noch mehr. Sie verfolgt die jüngere Tochter, bis auch die ihren Hieb sitzen hat. Die beiden Jungen, durchaus nicht unverdienterweise, bekommen ebenfalls eins ab.

»Da siehst du's! Jetzt schlägt mich Maman deinetwegen«, heult Marie.

Die Soubirous wirft den Stock weg. Sie hat sich vergessen. Sie hat einen Höllenlärm entfesselt. Sie hat nicht bedacht, daß ihr armer Mann krank ist und schläft. Dieser aber hat den Lärm nicht gebraucht, um zu erwachen. Er steht schon längst aufrecht da:

»Ich hab's gehört«, sagt er.

Soubirous ist ein schlanker, hochgewachsener Mann. Sein äußeres Pech und seine innere Schwäche haben ihn um alles gebracht, nur nicht um die schlichte Vornehmheit, die seiner Gestalt anhaftet. Den Kindern gegenüber wahrt er seine Autorität gerade dadurch, daß er die ganze Exekutive, auch die von Straf und Buße, vollkommen der tatkräftigeren Mutter überläßt. Die benützt ihn als eine Art letzter Instanz hinter Wolken, deren Entscheidungen sie heimlich anzurufen vorgibt, ehe sie diese in die Tat umsetzt. Jetzt aber geht Soubirous mit schwerem Schritt auf seine Tochter zu und packt sie am Halsausschnitt ihres Kittels. Der kurze Schlaf scheint ihn bis auf den schwermütigsten Grund der Nüchternheit hinabgezogen zu haben.

»Ich hab's gehört«, sagt er noch einmal. »Und du, fängst du jetzt schon an, Dummheiten zu machen? Du bist vierzehn Jahre vorüber, schau einmal an. Mit vierzehn Jahren verdienen sich andere nicht nur ihr Leben, sondern unterstützen auch ihre Eltern. Du siehst, wie es um uns steht. Ich kann euch nicht füttern ins Blitzblaue. Du aber fängst jetzt schon an, Dummheiten zu machen. Ich kenne das. Wichtigtuerei! Man erfindet Geschichten, prahlt mit Märchen, erzählt von Damen mit goldenen Rosen auf den nackten Füßen. Wohin soll das führen, ma petite? Wir sind anständige Müllersleute, deine Mutter und ich, und waren bescheiden, immer, weiß Gott. Und ich tu für euch die schmutzigste Arbeit, weiß Gott. Aber wer schöne Damen in Höhlen sieht und Schwindelmärchen erfindet, der gehört nicht zu den anständigen Leuten, sondern zu den Marktgauklern, zu den Seiltänzern und zu den spanischen Zigeunern. Also wenn du so eine bist, ma petite, dann mach dich schnell aus dem Staub und geh zu den Gauklern und Zigeunern!«

Soubirous hat ruhig und mit tiefer Stimme gesprochen. Es war die längste Erziehungsrede, die Bernadette jemals von ihrem Vater gehört hat. Sie sieht ihn völlig verständnislos an. Was will er von ihr? Ihre Augen sind fest und zugleich apathisch auf ihn gerichtet. Sie preßt ihre beiden Hände gegen die Brust: »Oh, Papa«, sagt sie. »Ich habe sie doch wirklich gesehn, die Dame ...«

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