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Das Lied von Bernadette

Franz Werfel: Das Lied von Bernadette - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDas Lied von Bernadette
publisherBertelsmann-Lesering
printrun1.-220. Tausend
year1953
firstpub1941
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150220
modified20170428
projectidb222f8e3
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Kapitel Acht. Die Fremdheit der Welt

Erst nach guten zwanzig Minuten stehen Marie und Jeanne wieder am Bach. Sie haben in der Niederung zwischen Massabielle und dem Gemeindewald eine große Menge Abfallholz aufgelesen. Die Mädchen sind kaum imstande, es heranzuschleppen. Sie keuchen und schwitzen und haben vor Mühe kein Aug für Bernadette. Es ist Marie, die zuerst erschrickt. Da drüben am Bachesrand kniet ihre Schwester auf dem Geröll in sonderbar steifer Haltung. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hält sie ihren Rosenkranz. Der weiße Strumpf liegt neben ihr auf der Erde. Sie ist leichenblaß. Selbst ihre sonst so frischen Lippen haben keine Farbe. Die Augen starren in die Richtung der Grotte, aber es sind die Augen einer Blinden, in denen das stumpfe Weiße vorherrscht. Auf dem versteinten Gesichtchen, das nicht mehr zu atmen scheint, liegt ein selig überlegenes Lächeln, wie es Marie einst an der Leiche einer Nachbarin gesehn hat.

»Bernadette, holla, Bernadette«, schreit die Schwester.

Keine Antwort! Die Kniende hat nichts gehört. Nun ruft auch Jeanne Abadie sie an:

»Du dort, mach keine blöden Späße!«

Keine Antwort! Die Kniende hat nichts gehört. Marie wird von der Angst gepackt. Ihr Mund verzieht sich. Ihre Stimme zittert:

»Oh, vielleicht ist sie tot ... Das Asthma hat sie sicher getötet. Heilige Jungfrau!«

»Ach was«, stellt die lebenskundige Abadie fest. »Wäre sie tot, so würde sie daliegen. Hat man schon einen Toten gesehn, der kniet?«

Die jüngere Schwester aber schluchzt auf:

»Und wenn sie doch tot ist, Jesus Maria ...«

»Wir werden sie schon aufwecken. Die macht sich sicher einen Narren aus uns. Komm ...«

Sie hebt ein paar Steinchen auf und beginnt nach Bernadette zu werfen. Endlich trifft ein Geschoß dieser Steinigung die Kniende auf die linke Brust. Sie hebt den Kopf. Sie blickt um sich. Langsam kehrt die Lebensfarbe in ihre Wangen zurück. Sie holt tief Atem. Sie fragt:

»Was gibt es denn?«

Zwischen dem Anprall des Steinchens und diesem »Was gibt es denn?« vergehen nur einige Sekunden. Diese Sekunden aber bedeuten einen langen, langen Weg, der sich in Zeitmaßen gar nicht ausdrücken läßt. Als der plötzliche Stoß Bernadettens Brust traf, war die Dame nicht mehr da. Auf welche Weise sie entschwunden ist, könnte das Mädchen nicht sagen. Sie ist nicht zerflossen. Sie hat sich nicht in dem Lichtschein aufgelöst. Wie könnte sie das auch, da sie ja doch in lebendigster Weise Fleisch und Blut zu sein scheint und in die kostbarsten Stoffe gekleidet ist? Sie ist aber auch nicht sichtbar davongegangen oder in die erloschene Nische zurückgetreten. Am ehesten könnte man meinen, die Beglückende habe aus Zartheit des Herzens, um die Beglückte nicht traurig zu machen, diese in eine sanfte Geistesabwesenheit gewiegt, ehe sie den Ort verließ. Das Wohlbefinden war so neuartig, so wonnevoll, daß Bernadette nichts vom Abschied merkte ...

Für dieses Wohlbefinden aber muß sie bezahlen nach ihrer Rückkehr in den gewohnten Zustand des Bewußtseins. Da ist vor allem dieses unheimliche, mit Ekel untermischte Erstaunen vor dem, was sie sieht, das sie nur nach und nach freigibt. Sie könnte kein Wort finden dafür. Es ist fast ein Brechreiz des Erstaunens über die Fremdheit der Welt ringsum. Ist dieser Stein ein Stein? Was ist das, ein Stein? Und hier dieser Fuß, ist das mein Fuß, dieses weit entfernte, fühllose Ding? Bernadette muß sich mühsam von allen Seiten erst in die Selbstverständlichkeit zurücksuchen, ehe sie fragt: »Was gibt es denn?«

»Was gibt es denn? Das fragen wir dich«, schimpft die Abadie.

»Bist du ganz und gar übergeschnappt? Bei Massabielle zu beten, wo die Schweine fressen? In der Kirche bist du weniger fromm ...«

Bernadette ist wieder ganz bei sich, ein Schulmädel, das einem andern Schulmädel über den Mund fährt:

»Das geht dich gar nichts an, das ist meine Sache ...«

»Gott, wie hast du mich erschreckt, Bernadette!« klagt Marie.

»Ich hab schon gemeint, du bist am Asthma gestorben ...«

Ein flüchtiges Mitleid mit ihrer Schwester ergreift Bernadette.

»Ich komm zu dir«, ruft sie und streift schnell nun auch den linken Strumpf vom Fuß. Als sie dann dasteht, kommt es ihr vor, sie sei durch die Begegnung mit der Dame um einen halben Kopf gewachsen, kräftiger geworden, nerviger und auch hübscher. Jenes Ekelgefühl des Erstaunens vor der Fremdheit der Welt macht dem unternehmenden Bewußtsein eines Rekonvaleszenten Platz, der sich »wie neu geboren« fühlt. Bernadette schlingt sich die Strümpfe um den Hals, nimmt die Pantinen in die Hand und durchwatet mit festen, leichten Schritten das Eiswasser des Baches. In der Mitte, dort wo ihr das Gewässer bis an die Knie reicht, bleibt sie stehn und wundert sich:

»Was seid ihr doch für Schwindlerinnen, ihr beide! Dieser Bach ist ja lau wie Abwaschwasser ...«

Marie schüttelt ärgerlich den Kopf:

»Jeanne hat recht, bei dir ist was nicht in Ordnung im Oberstübchen. Mir brennen die Beine noch immer von diesem Abwaschwasser ... Komm und hilf uns lieber!«

Bernadette gesellt sich zu ihnen, ohne auf ihre nassen Füße zu achten. Sie teilen die Knochen in drei gleiche Anteile. Sie verfertigen aus dem stachligen Holz- und Reisighaufen drei Wellen, die sie mit den dünnsten und festesten Ruten zusammenbinden. Es ist keine leichte Arbeit. Bernadette ist diesmal die schnellste und fleißigste Arbeiterin. Während sie ihre Welle fertig macht, fragt sie plötzlich:

»Habt ihr nichts gesehen?«

In ihrer Sprache klingt's so: »Aouet bis a rè?«

Marie sieht die Schwester von der Seite an. Sie kommt ihr verändert vor, so bestimmt, so zielbewußt und viel älter als vor einer halben Stunde. Auf dem rundlichen Kindergesicht liegt ein beinah herrischer Zug.

»Hast du vielleicht was gesehn?« fragt die Jüngere. Die begehrlichen Augen der Abadie blinzeln neugierig:

»War irgend jemand bei der Grotte?«

»Labets, a rè«, schneidet Bernadette das Gespräch ab. Und das heißt: »Nein, nein, gar nichts ...«

Sie setzt sich hin und zieht rasch ihre Strümpfe an. Dann hebt sie mit einem einzigen Ruck die größte der Reisigwellen hoch und legt sie sich auf den Kopf in der Art, wie die Frauen hier Lasten zu tragen pflegen. Die beiden andern Mädchen haben die größte Mühe, ihre Wellen in die Höhe zu bekommen.

»Wir gehen über den Berg in die Stadt zurück, es ist der kürzeste Weg«, entscheidet Bernadette. Die Abadie bekennt:

»Nicht um alles in der Welt würd ich noch einmal durchs Wasser laufen!«

»Ein sehr steiler Weg ist das«, wendet Marie furchtsam ein.

Bernadette aber beachtet sie nicht. Sie steigt mit großen Tritten über das Gerölle, ohne einen Blick mehr zur Grotte und Nische emporzusenden. Einige Meter hinter Massabielle beginnt der elende Pfad, der über den Rücken der Montagne des Espélugues hinab in die Nähe des Pont Vieux führt. Bernadette geht voran. Jeanne folgt ihr in ziemlichem Abstand. Zuletzt kommt Marie. Die Mädchen schweigen, denn die Last ist groß und der Pfad nicht nur steil, sondern an mancher Stelle führt er gefährlich nah am Absturz vorbei. Besonders schlimm ist das letzte abschüssige Stück, eh man die Höhe erreicht hat. Da muß man eine Art Kamin überwinden, unter den Füßen den nackten Fels, der vom Regen ganz ausgewaschen ist. Holzschuhe sind hier keineswegs die richtige Ausrüstung.

»O Gott, ich komme nicht weiter«, keucht Marie vor der letzten Steigung.

Bernadette, die schon oben ist, setzt ihre Welle auf die Erde, läuft das böse Stück zurück, um der Schwester zu Hilfe zu kommen. Ohne ein Wort zu sagen, nimmt sie ihr den Reisigbund vom Kopf und trägt ihn, schwingenden Schrittes, auf die Höhe.

»He du, was heißt das?« schreit Marie. »Ich bin doch die Stärkere ...«

Jeanne Abadie aber lacht unter ihrem Bündel:

»Die ist auf einmal zum Korporal aus der Nemours-Kaserne geworden, und vorhin hat sie sich vor dem bißchen kalten Wasser gefürchtet ...«

Als der Kamm des waldigen Hügels erklommen ist, gibt Bernadette, immer die erste, einen schnelleren Marschtakt an.

»Warum rennst du so, du Schaf?« schilt Marie. »Nachher wirst du keine Luft mehr bekommen ...«

Bernadette antwortet nicht. Sie denkt nicht mehr an ihr »Athma«. Sie kämpft mit sich. Grenzenlos sehnt sich ihre Seele danach, von der Dame zu sprechen. Wie ein Liebender ist sie, der verschmachtet, weil er seine Liebe verschweigen muß. Sie weiß aber auch in der Tiefe ihres Herzens ganz genau, daß Unabsehbares geschehn wird, wenn sie der Versuchung erliegt und den Mund öffnet. Ich sag's nicht, ich sag's nicht, wiederholt sie immer wieder in sich hinein.

»Was zischelst du da mit dir selbst?« fragt die Abadie.

Bernadette bleibt stehn und hält den Atem an:

»Ich möcht euch etwas sagen. Aber ihr müßt mir schwören, daß ihr mich nicht verratet. Die Mutter darf davon nichts hören, sie würde mit dem Bettklopfer auf mich losgehn ... Sag kein Wort zu Haus, Marie, schwör mir's!«

»Ich schwör's! Du weißt doch, daß ich immer und über alles den Mund halt.«

»Aber Jeanne hat heut gewünscht, daß mich der Teufel holt. Wünschst du das wirklich, Jeanne?«

»Du Schwachkopf, das sagt man doch nur so, ohne etwas dabei zu denken. Also los!«

»Nein, du mußt mir vorher schwören, daß du nichts sagst, nicht bei uns zu Hause und nicht bei dir zu Hause und auch nicht in der Schule ...«

»Ich geb dir mein Wort. Aber schwören, nein, schwören tu ich nicht. So mir nichts, dir nichts herumschwören, das ist eine Sünde. Willst du mich vielleicht zu einer Sünde verleiten, jetzt, ein paar Monate vor der Erstkommunion? Los! Was war bei der Grotte?«

Bernadette atmet, so tief sie kann. Ihre Stimme bebt, so unaussprechlich süß ist es, das Geheimnis ihrer Begegnung zum erstenmal preiszugeben:

»Ich hab eine Dame gesehn, ganz in Weiß, mit einem blauen Gürtel und einer goldnen Rose auf jedem Fuß ...«

Sie lauscht entzückt ihren eigenen Worten nach, in deren Armut das Unfaßbare umschlossen liegt. Ihr Herz klopft ihr bis in den Kopf. Marie aber ist über Bernadette tief ergrimmt. Sie wirft ihr Reisigbündel auf die Erde:

»Oh, dich kenn ich. Du willst uns Angst machen, jetzt wo wir noch im Wald sind und es dämmrig ist. Mir aber wirst du keine Angst machen mit deiner blöden Dame in Weiß ...«

Sie hat eine Haselrute aus dem Bündel gezogen und versetzt Bernadette ein paar Hiebe damit über die Hand. Die scheint's gar nicht zu fühlen.

»Warum schlägst du sie?« sagt Jeanne Abadie nachdenklich. »Vielleicht war wirklich eine Dame dort ...«

»Ja, und ich wollte ein Kreuz machen, und ich konnte nicht, dann aber hab ich dasselbe Kreuz schlagen können wie die Dame ...«

Bernadette bricht plötzlich ab und geht schneller. Auf keine der neugierigen Fragen von Jeanne Abadie gibt sie mehr eine Antwort. Am östlichen Fuß des Bergleins, dort wo man das prächtige Sägewerk von Lafite sieht, wirft sie sich jäh ins Gras:

»Ich bin so entsetzlich müd ... Ruhn wir aus!« Sie drückt den Kopf fest an die nasse Erde. Möge die gefürchtete Erkältung kommen, Husten, Schnupfen, Halsschmerz, Atemnot. Ihr ist's gleich. Fast wünscht sie sich die Krankheit. Die beiden andern setzen sich neben sie auf den Boden und betrachten erstaunt ihr leidenschaftliches Gesicht. Nach einer Weile stößt sie hervor:

»Haltet mich fest! Ich möchte zurück nach Massabielle ...«

»Glaubst du vielleicht, daß deine Dame dort auf dich warten wird?« zwinkert die Abadie.

»Ich weiß es«, sagt Bernadette.

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