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Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten

Washington Irving: Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten - Kapitel 21
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typebiography
authorErnst August Neumeister
titleDas Leben Mohammeds, des arabischen Propheten
year1866
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Zwanzigstes Capitel.

Henda reizt Abu Sofian und die Koreischiten auf, den Tod ihrer in der Schlacht von Beder gefallenen Verwandten zu rächen. – Die Koreischiten rücken aus, von Henda und deren Genossinnen begleitet. – Schlacht von Ohod. – Henda's wilder Triumph. – Mohammed tröstet sich durch Verheirathung mit Hend, der Tochter Omeya's.

Da Mohammeds Macht in Medina wuchs, so stieg auch die Feindschaft der Koreischiten an Heftigkeit. Abu Sofian führte den Oberbefehl in der heiligen Stadt und wurde unaufhörlich zum Kriegszuge von seiner Gattin Henda gedrängt, da der ungestüme Geist derselben keine Ruhe finden konnte, bis an denen, welche ihren Vater und Bruder erschlagen hatten, Blutrache geübt worden war. Auch Akrema, Abu Jahls Sohn, der des Vaters Haß gegen den Propheten geerbt hatte, schrie nach Rache. Im dritten Jahre der Hegira, im Jahre nach der Schlacht von Beder, rückte Abu Sofian ins Feld; er stand an der Spitze von drei tausend Mann, von denen die meisten Koreischiten waren, obschon sich auch Araber der Stämme Kanana und Tehama dabei befanden. Sieben hundert trugen Brustharnische und zwei hundert waren beritten. Akrema war einer der Hauptleute, wie auch Khaled Ibn al Waled, ein Krieger von unbezwinglicher Tapferkeit, der nachher zu großem Ruhme aufstieg. Die Banner trug Abd al Dar's Geschlecht, ein Zweig des Stammes Koreisch, welcher auf den obersten Platz in der Versammlung, auf den ersten Rang in der Schlacht und auf das Tragen der Fahnen beim Auszuge der Armee ein Erbrecht hatte.

In der Nachhut des Heeres folgte die rachgierige Henda mit fünfzehn vornehmen Frauen aus Mekka, Anverwandte der in der Schlacht von Beder Erschlagenen; bald erfüllten sie mit Jammern und Klagen um die Gefallenen die Luft, bald feuerten sie durch den Schall der Pauken und kriegerische Gesänge die Truppen an. Als sie durch das Dorf Abwa zogen, wo Mohammeds Mutter Amina begraben lag, so konnte Henda nur mit Mühe abgehalten werden, daß sie die modernden Gebeine nicht aus dem Grabe riß.

Als Al Abbas, Mohammeds Oheim, welcher noch in Mekka wohnte und für einen Feind des neuen Glaubens gehalten wurde, sah, daß seinem Neffen Verderben drohte, wenn dieses Heer sich durch Ueberrumpelung auf ihn stürzte: so sandte er heimlich einen Eilboten ab, um ihn von der Gefahr zu unterrichten. Mohammed war in dem Dorfe Koba, als ihn die Botschaft erreichte. Sogleich eilte er nach Medina zurück und berief eine Versammlung seiner vorzüglichsten Anhänger. Indem er die Unzulänglichkeit ihrer Streitkräfte, um zu Felde ziehen zu können, darstellte, sprach er seine Meinung dahin aus, daß sie in Medina, wo ihnen sogar Frauen und Kinder durch Steinwürfe von den Gipfeln der Häuser beistehen könnten, einen Angriff abwarten sollten. Die ältern unter seinen Bekennern schlossen sich seiner Meinung an; aber die jungen Leute, voll hitziger Tapferkeit zu allen Zeiten und trunken von dem letzten Siege am Beder, stimmten für ein redliches Gefecht im offenen Felde.

Mohammed gab ihrem Geschrei nach, aber seine Streitkräfte betrugen, als er sie musterte, kaum tausend Mann; blos hundert hatten Harnische und nur zwei waren beritten. Die Herzen derjenigen, welche vor Kurzem den Ausmarsch schreiend verlangten, erfüllten sich jetzt mit bangen Ahnungen, und sie wollten den Kampf gern innerhalb der Mauern erwarten. »Nein,« erwiderte Mohammed, »es ziemt sich nicht für einen Propheten, das Schwert in die Scheide zu stecken, wenn er es einmal gezogen hat, noch, wenn er einmal ausgezogen ist, zurückzukehren, bis Gott zwischen ihm und dem Feinde entschieden hat.« So sprechend führte er die Armee vorwärts. Ein Theil derselben bestand aus Juden und Khazraditen, welche Abdallah Ibn Obba Solûl führte. Mohammed lehnte den Beistand der Juden ab, wofern sie nicht den Islam annähmen, und da sie sich weigerten, so hieß er sie nach Medina zurückgehen; darauf wendete sich auch ihr Beschützer Abdallah mit den Khazraditen rückwärts; auf diese Weise verminderte sich die Armee ungefähr bis auf sieben hundert Mann.

Mit dieser geringen Streitmacht stellte sich Mohammed auf dem Hügel Ohod, ungefähr sechs Meilen von Medina, auf. Seine Stellung wurde durch Felsen und durch andere Ortsschwierigkeiten theilweise vertheidigt, und die Bogenschützen wurden so gestellt, daß sie ihn in Flanke und Rücken deckten. Er war mit einem Helme und zwei Panzerhemden bekleidet; auf seinem Schwerte stand die Inschrift: »Furcht bringt Schimpf, vorwärts liegt Ruhm; Feigheit errettet keinen Menschen von seinem Geschicke.« Da er nicht geneigt war, an der Schlacht thätigen Antheil zu nehmen, so vertraute er sein Schwert dem tapfern Krieger Abu Duddschana an, welcher schwur, es so lange zu schwingen, als es Schärfe und Härte hätte. Was ihn selbst betrifft, so nahm er einen Platz ein, wo er das Feld wegen des Commandos überblicken konnte.

Die Koreischiten marschirten mit fliegenden Bannern im Vertrauen auf ihre Anzahl an den Fuß der Anhöhe. Abu Sofian führte das Mitteltreffen; hundert Reiter befanden sich auf jedem Flügel; der linke wurde von Akrema, dem Sohne Abu Jahls, der rechte von Khaled Ibn al Waled befehligt. Als sie vorrückten, schlugen Henda und ihre Gefährtinnen die Pauken und sangen ihr Kriegslied, die Namen derjenigen, welche in der Schlacht von Beder getödtet worden waren, von Zeit zu Zeit ausschreiend. »Muth, ihr Söhne Abd al Dar's!« riefen sie den Standartenträgern zu. »Vorwärts zum Gefecht! packet den Feind! schlagt darauf los und schonet nicht! Scharf seien eure Schwerter und mitleidslos eure Herzen!«

Mohammed zügelte die Ungeduld seiner Truppen, indem er ihnen befahl, das Gefecht nicht anzufangen, sondern fest zu stehen und den Vortheil des aufsteigenden Terrains zu wahren. Vornämlich wurden die Bogenschützen angewiesen, ihren Posten zu halten und die Schlacht gehen zu lassen wie sie wollte, damit ihn die Reiterei nicht im Rücken anfallen könnte.

Die von Akrema geführten Reiter des linken Flügels versuchten jetzt, die Moslemen in der Flanke zu fassen, wurden jedoch von den Bogenschützen zurückgeworfen und wichen in Verwirrung. Hierauf erhob Hamza das moslemische Kriegsgeschrei: Amit! Amit! (Tod! Tod!) und stürzte mit seinen Streitkräften auf das Centrum (Mitteltreffen) hinab. Zu seiner Rechten befand sich Abu Dudschana, mit Mohammeds Schwerte bewehrt, um den Kopf ein rothes Band, auf welchem geschrieben war: »Hülfe kommt von Gott! der Sieg ist unser!«

Der Feind wurde durch diesen Stoß zum Wanken gebracht. Abu Duddschana schlug gewaltig mitten in sie hinein, tödtliche Streiche nach jeder Seite austheilend mit dem Ausrufe: »Das Schwert Gottes und seines Propheten!« Sieben Standartenträger aus Abd al Dar's Geschlechte wurden nach einander niedergehauen und das Centrum begann zu weichen. Die moslemischen Bogenschützen, welche den Sieg für gesichert hielten, vergaßen Mohammeds Befehl, verließen ihre Stellung und zerstreuten sich mit dem Geschrei »Beute! Beute!« zur Aufsuchung derselben. Darauf nahm Khaled, seine Reiterei wieder vereinigend, von dem von den Bogenschützen verlassenen Terrain Besitz, griff die Moslemen im Rücken an, trieb einige in die Flucht und brachte die übrigen in Verwirrung. Mitten in dem Wirrwarr drängte sich ein Reiter, Namens Obbij (Obbidsch) Ibn Chalaf, durch den Haufen und schrie: »Wo ist Mohammed? Es ist keine Sicherheit, so lange er lebt.« Aber Mohammed ergriff die Lanze eines Begleiters und stieß sie durch den Hals des Götzendieners, welcher todt vom Pferde fiel. »Auf diese Weise starb«, sagt der fromme Al Jennabi (Dschennabi), »dieser Gottesfeind, welcher einige Jahre vorher dem Propheten gedroht hatte: ›Ich werde einen Tag finden, an welchem ich dich tödten werde.‹ ›Nimm dich in Acht!‹ war die Erwiderung, ›wenn es Allah für gut findet, wirst du selbst durch meine Hand fallen.‹«

Mitten in dem Handgemenge traf ein Stein von einer Schleuder Mohammed an den Mund, spaltete ihm die Lippe und brach ihm einen der Vorderzähne aus; auch im Gesichte wurde er durch einen Pfeil verwundet, dessen eiserne Spitze in der Wunde stecken blieb. Dazu wurde Hamza, während er einen Koreischiten erlegte, von Waksa's, eines äthiopischen Sclaven Lanze durchbohrt; demselben war die Freiheit versprochen worden, wenn er den Tod seines Herrn, den Hamza in der Schlacht von Beder getödtet hatte, rächen würde. Auch Mosaab Ibn Omair, der Mohammeds Fahne trug, wurde hingestreckt, doch Ali ergriff das heilige Banner und trug es hoch auf mitten im Schlachtensturme.

Da Mosaab dem Propheten an Gestalt glich, so wurde von dem Feinde ein Geschrei erhoben, daß Mohammed getödtet wäre. Bei dieser Verkündigung wurde den Koreischiten doppeltes Kampfesfeuer eingehaucht; die Moslemen flohen in Verzweiflung, Abu Beker und Omar, welche verwundet waren, mit sich tragend. Raab, Malek's Sohn, sah Mohammed unter den Verwundeten in einem Graben liegen und erkannte ihn an seiner Rüstung. »O ihr Gläubigen!« rief er, »der Prophet Gottes lebt noch. Zur Rettung, zur Rettung!« Man zog Mohammed hervor und trug ihn die Anhöhe hinan auf den Gipfel eines Felsen, wo die Moslemen eine verzweifelte Gegenwehr vorbereiteten. Die Koreischiten ließen jedoch von ihrer Verfolgung ab, weil sie Mohammed für todt hielten, und begnügten sich mit der Plünderung und Verstümmelung der Todten. Henda und deren Gefährtinnen waren die ersten bei dem barbarischen Rachewerke, und die wilde Heldin suchte Hamza das Herz auszureißen und es zu verschlingen. Abu Sofian trug einen Theil des zerfetzten Körpers auf der Lanze und die Anhöhe im Triumphe hinabsteigend, rief er freudetrunken aus: »Der Krieg hat seine Abwechselungen. Die Schlacht von Ohod folgt auf die Schlacht von Beder.«

Nach dem Abzuge der Koreischiten stieg Mohammed vom Felsen herab und besuchte das Schlachtfeld. Als er den Leichnam seines Oheims Hamza, der so unmenschlich zerstückt und verstümmelt war, erblickte: so gelobte er, an siebenzig von den Feinden, wenn sie in seine Gewalt fielen, gleiche Gewaltthat zu verüben. Seinen Kummer milderte, wie uns erzählt wird, der Engel Gabriel, welcher ihm versicherte, daß Hamza mit dem Titel »der Löwe Gottes und seines Propheten« als Bewohner des Himmels eingeschrieben wäre.

Die Leiber der Getödteten wurden an den Stellen, wo sie gefallen waren, je zwei und zwei oder je drei und drei beerdigt. Mohammed verbot seinen Bekennern, die Todten durch Abschneiden des Haares, durch Zerreißen der Gewänder und auf andere unter den Arabern gebräuchliche Arten der Wehklage zu betrauern; doch gestattete er ihnen, dieselben zu beweinen, weil Thränen das belastete Herz erleichtern.

In der nach der Schlacht folgenden Nacht herrschte große Unruhe darüber, daß die Koreischiten einen zweiten Angriff machen oder Medina überrumpeln könnten. Am folgenden Tage marschirte er nach dieser Stadt hin, indem er sich in der Nähe des Feindes hielt und bei der Wiederkehr der Nacht zahlreiche Wachfeuer anzündete. Abu Sofian hatte jedoch Nachricht erhalten, daß Mohammed noch am Leben wäre. Er fühlte sich zu schwach, die Stadt anzugreifen, weil Mohammed noch im Felde stand und ihr zu Hülfe kommen konnte; er fürchtete, daß Letzterer durch die Bewohner derselben verstärkt werden und ihn mit überlegener Anzahl aufsuchen möchte. Deshalb begnügte er sich mit dem frischen Siege, schloß mit den Moslemen einen einjährigen Waffenstillstand und kehrte im Triumphe nach Mekka zurück.

Mohammed suchte wegen dieser demüthigenden Niederlage darin Trost, daß er wiederum ein Weib nahm, nämlich Hend, des einflußreichen Omeya Tochter. Sie war Wittwe und war mit ihrem Gatten unter der Zahl der Flüchtlinge in Abyssinien gewesen. Jetzt zählte sie achtundzwanzig Jahre und hatte einen Sohn Namens Salma, weshalb sie Omm Salma oder Mutter Salma's gemeiniglich genannt wird. Da sie sich durch Anmuth und Schönheit auszeichnete, so hatte Abu Beker und Omar, doch ohne Erfolg, um sie geworben. Sogar Mohammed stieß auf Schwierigkeiten. »Ach!« sagte sie, »was für ein Glück kann der Prophet Gottes bei mir erwarten? Ich bin nicht länger jung; ich habe einen Sohn und bin eifersüchtigen Characters.« »Was dein Alter anbelangt«, erwiderte Mohammed, »so bist du weit jünger als ich. Was deinen Sohn betrifft, so will ich ihm Vater sein. In Rücksicht deines eifersüchtigen Characters will ich Gott bitten, daß er ihn aus deinem Herzen vertilge.« Eine besondere Wohnung wurde in der Nähe der Moschee für die Braut eingerichtet. Die Ausstattung zum Haushalte bestand nach dem Berichte eines moslemischen Schriftstellers in einem Sack Gerste, einer Handmühle, einer Pfanne und einem Topf Fett oder Butter. Das waren bis jetzt die beschränkten Mittel des Propheten, oder vielmehr, das war die Einfachheit seiner Sitten und die Schlichtheit des arabischen Lebens.

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