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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Neuerdings trug sich Makarow mit dem Buch eines anonymen Autors, »Triumphe des Weibes«. Er pries es so flammend und beredt, daß Klim sich das dicke Buch von ihm auslieh. Er las es aufmerksam durch, fand aber darin nichts der Begeisterung Würdiges. Der Verfasser schilderte in ledernem Stil die Liebe Ovids und Korinnas, Petrarcas und Lauras, Dantes und Beatrices, Bocaccios und der Fiametta. Das Buch war angefüllt mit prosaischen Übersetzungen der Elegien und Sonette. Lange und argwöhnisch grübelte Klim darüber nach, was in aller Welt seinen Kameraden daran so bezaubert haben konnte. Da er es nicht entdecken konnte, fragte er Makarow selbst.

»Du hast es nicht verstanden?« staunte der, schlug das Buch auf und las den ersten besten Satz aus dem Vorwort des Verfassers:

»›Der Sieg über den Idealismus war gleichzeitig der Sieg über das Weib.‹ Da hast du die Wahrheit. Die Höhe der Kultur wird durch das Verhältnis zur Frau bestimmt, verstehst du?«

Klim nickte zustimmend, tat einen Blick in Makarows scharfes Gesicht, in seine frechen Augen und begriff sogleich, daß Makarow die »Triumphe des Weibes« wegen der zynischen Geständnisse Ovids und Bocaccios, keineswegs aber wegen der Dantes und Petrarcas brauchte. Ohne Zweifel diente ihm das Buch lediglich dazu, Lida in eine geeignete Gemütsverfassung zu bringen.

»Wie einfach ist alles im Grunde«, dachte er mit einem scheelen Blick auf Makarow, der mit Wärme von Troubadours, Turnieren und Duellen sprach.

Im Eßzimmer fand Klim die Mutter, die erfolglos versuchte, ein Fenster zu öffnen. Mitten im Zimmer aber stand ein dürftig gekleideter Mann in schmutzigen, langen, bis an die Knie hinaufreichenden Stiefeln. Er hielt den Kopf weit zurückgeworfen, hatte den Mund geöffnet und schüttete ein weißes Pulver auf seine herausgestreckte, zu einem »Boot« gefaltete Zunge.

Klim trat zu seinem Onkel, machte eine Verbeugung und reichte ihm die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. Jakow Samgin, ein Glas Wasser in der einen Hand, rollte mit den Fingern der anderen aus der Hülle des Pulvers ein Kügelchen, leckte sich die Lippen und sah in das Gesicht seines Neffen mit einem unnatürlich glänzenden Blick seiner grauen Augen, deren Lider entzündet waren. Nachdem er einen Schluck Wasser genommen hatte, stellte er das Glas hin, ließ das Papierkügelchen fallen und drückte sodann mit seiner dunklen, knochigen Hand die Hand des Neffen. Mit hohler Stimme fragte er:

»Das ist wohl der jüngere? Klim? Und Dmitri? Aha, Student? Naturwissenschaftler natürlich?«

»Sprich lauter, das Chinin macht mich allmählich taub«, verständigte Jakow Samgin Klim. Er setzte sich an den Tisch, schob das Service mit dem Ellenbogen zur Seite und zeichnete mit dem Finger einen Kreis aufs Tischtuch.

»Also einen geheimen Treffpunkt gibt es nicht? Zirkel sind nicht mehr da? Sonderbar. Was treibt man denn jetzt?«

Die Mutter zuckte die Achseln und zog die Augenbrauen in eine Linie zusammen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, sagte Samgin zu Klim:

»Du staunst? Hast solche noch nicht gesehen? Ich, mein Lieber, habe zwanzig Jahre in Taschkent, im Gebiet von Semipalatinsk zugebracht, unter Menschen, die man gut und gern Wilde nennen kann. Ja. Als ich in deinen Jahren war, nannte man mich ›L'homme qui rit‹.«

Klim bemerkte, daß sein Onkel L'homme wie »Ljom« aussprach.

»Hab Gräben ausgehoben. Bewässerungskanäle. Dort wütet das Fieber, Freund.«

Der Onkel musterte das Eßzimmer und rieb sich fest die Backe ab.

»Hm, Iwan ist reich geworden. Was macht er? Sein Geschäft geht?«

Er sandte noch einmal seinen tastenden Blick durch das Zimmer und entfärbte es in Klims Augen.

»Wie ein Bahnhofsbüfett.«

Er brachte ins Eßzimmer den Geruch dumpfigen Leders und noch einen anderen, ebenso schweren. Von seinen knochigen Schultern hing eine weite, eisengraue, vorn aufgeknöpfte Jacke herab, darunter wurde ein graues Hemd von grobem Leinen sichtbar. Um den runzligen Hals, unterhalb des spitzen Adamsapfels, schlang sich, zu einer Schnur zusammengedreht, ein seidenes Tuch, alt und rissig in den Falten. Das erdfarbene Gesicht, die greisen, spärlichen Nadeln des gestutzten Schnurrbarts, der kahle, verräucherte Schädel mit den Überresten krausen Haars im Nacken, hinter den dunklen, ledernen Ohren, – das alles machte ihn einem alten Soldaten oder einem ausgestoßenen Mönch ähnlich. Doch seine Zähne blitzten weiß und jung, und der Blick seiner grauen Augen war klar. Dieser ein wenig zerstreute, doch tiefsinnige Blick unter buschigen Brauen und tiefen Stirnfalten hervor schien einem Halbverrückten zu gehören. Der ganze Onkel hatte etwas beklemmend Fremdes. Die Möbel büßten unter seiner Gegenwart ihr solides Aussehen ein, die Bilder verblaßten, vieles andere wurde schwer, überflüssig, beengend. Des Onkels Fragen klangen wir die Fragen eines Examinators, die Mutter war erregt, antwortete trocken, kurz und schuldbewußt.

»Nun, und was für Zirkel habt ihr auf dem Gymnasium?« vernahm Klim, und da er schlecht unterrichtet war, antwortete er unsicher, doch achtungsvoll, als wäre es sein Lehrer Rziga, der fragte:

»Tolstoianer. Dann noch Ökonomisten . . . ein paar.«

»Erzähle!« forderte der Onkel auf, »Die Tolstoianer sind eine Sekte? Man erzählte mir, sie gründen Kolonien in den Dörfern.«

Er schüttelte den Kopf.

»Das hat sich überlebt. Wir haben es selbst getan. Ich kenne ja die Sektierer gut, ich war Propagandist bei den Molokanen im Gouvernement Saratow. Über mich, sagt man, hat Stepniak geschrieben, – Krawtschinski, kennst du ihn? Gussew – das bin ich.«

Gut, daß er die Antworten nie abwartete. Immerhin, über die Tolstoianer wollte er Genaues wissen.

»Nun, was machen die denn? Kolonien, schön, aber sonst?«

Klim schielte zur Mutter hin, die am Fenster saß. Er hätte sie gern gefragt, warum es kein Frühstück gab. Aber die Mutter blickte zum Fenster hinaus. So teilte er denn, um nicht aus dem Konzept zu kommen, dem Onkel mit, im Flügel wohne ein Schriftsteller, der ihm besser als er über die Tolstoianer und alles Wissenswerte Auskunft geben könne, er selbst sei zu sehr mit den Wissenschaften beschäftigt.

»Für uns waren die Wissenschaften kein Hindernis«, tadelte der Onkel und schürzte seine greise Lippe. Dann fragte er ihn nach dem Schriftsteller:

»Katin? Kenne ich nicht.«

Es gefiel ihm sehr, daß der Schriftsteller unter Polizeiaufsicht stand, er lächelte:

»Ah, also einer von den Ehrlichen. Zu meiner Zeit waren ehrliche Schriftsteller – Omulewski, Nefedow, Boshin, Stanjukowitsch, Sassodimski. Lewitow war ein Schwätzer. Slepzow liebte den Klatsch. Uspenski ebenfalls Es gab zwei Uspenskis, der eine schrieb frech, der andere so so la la, mit einem ironischen Lächeln.«

Er überließ sich seinen Gedanken. Plötzlich fragte er die Mutter:

»Ich vergaß, Iwan schreibt mir, er habe sich von dir getrennt. Mit wem lebst du denn, Wera? Wohl mit einem reichen Mann? Advokat, wie? Aha, Ingenieur. Liberaler? Hm . . . Und Iwan ist in Deutschland, sagst du? Warum nicht in der Schweiz? Er ist zur Kur dort, nur zur Kur? Früher war er gesund. Aber ohne feste Grundsätze. Das war allen bekannt.«

Er schrie wie ein Tauber, seine heisere Stimme klang herrisch. Auch die kargen Antworten der Mutter wurden lauter, noch einige Augenblicke, und sie würde zu schreien anfangen.

»Wie alt bist du, fünfunddreißig, siebenunddreißig, was? Jugendlich«, sagte Jakow Samgin, verstummte unvermittelt, zog ein Pulver aus seiner Jackentasche, nahm es ein, trank ein paar Schlucke Wasser nach, setzte das Glas fest auf den Tisch und befahl Klim:

»Nun denn, führe mich zu deinem Schriftsteller. Zu meiner Zeit hatten Schriftsteller etwas zu sagen.«

Über den Hof bewegte sich Onkel Jakow, indem er sich langsam umblickte wie jemand, der sich verlaufen hat und mühsam längst vergessene Einzelheiten aus seinem Gedächtnis hervorsucht.

»Das Haus gehört Iwan?«

»Dem Großvater, aber Warawka hat es ihm abgekauft.«

»Wer?«

Klim wußte nicht, wie er antworten sollte, da antwortete der Onkel, ihm ins Gesicht blickend, selbst:

»Verstehe, der Ehegenosse deiner Mutter. Warum wirst du verlegen? Eine ganz gewöhnliche Sache. Die Frauen lieben das, – Luxus und dergleichen. Was für ein Stutzer bist du, Bruder«, schloß er unvermittelt.

Katin empfing Samgin achtungsvoll wie einen Vater und überschwenglich wie ein Jüngling. Er lächelte, verbeugte sich, schüttelte mit beiden Händen die dunkle seines Gastes und sagte hastig:

»Ich sah Sie vom Fenster aus und fühlte sofort: das ist er! Sarachanow schrieb mir aus Saratow . . .«

Onkel Jakow musterte lächelnd die ärmliche Behausung, und Klim bemerkte sofort, wie sein dunkles, runzliges Gesicht heller und jünger wurde.

»Na, na«, sagte er, während er auf dem verfallenen Sofa Platz nahm. »So, so. Na, in Saratow weilt noch der und jener. In Samara scheinen irgendwelche . . . Ich verstehe nicht. Simbirsk ist wie eine unbewohnte Hütte.«

Er zählte noch einige Wolgastädte auf und fragte schließlich:

»Nun, und was macht ihr hier? Reden Sie lauter und nicht so schnell, ich höre schlecht, das Chinin macht taub«, und als wage er nicht zu hoffen, daß man ihn verstehe, hob er die Hände und zupfte an seinen Ohrläppchen. Klim dachte, diese von der Sonne versengten, dunklen Ohren müßten bei der Berührung knistern.

Der Schriftsteller schilderte nun das Leben der Intelligenz im Ton eines Menschen, der voraussieht, daß man ihn wegen irgendeiner Sache beschuldigen wird. Er lächelte verlegen, bewegte entschuldigend die Hände, nannte Namen von Freunden, die Klim kaum bekannt waren, und fügte regelmäßig kummervoll hinzu:

»Er hat ebenfalls einen Posten bei der Landschaftsversammlung angenommen . . . als Statistiker.«

»Bei der Landschaftsversammlung, das ist gut«, billigte Onkel Jakow, schränkte aber ein: »Das genügt aber nicht.«

Dann seufzte er, seinen Adamsapfel vorschiebend:

»Verwildert seid ihr.«

»Klugwerden nennt man das jetzt«, erklärte schuldbewußt Katin. »Es gibt sogar eine Erzählung zu dem Thema Verrat an der Vergangenheit. Die heißt wörtlich so: ›Klug geworden.‹ Sie ist von Bobrykin.«

»Bobrykin ist ein Schwätzer«, verurteilte der Onkel. Er hob die Hand. »Ahmen Sie ihn nicht nach, Sie sind jung. Man darf Bobrykin nicht nachahmen.«

Leise ging die Tür auf. Scheu trat die Gattin des Schriftstellers ins Zimmer. Er sprang auf und nahm sie an der Hand:

»Meine Frau. Jekaterina, Katja.«

Jakow Samgin musterte freundschaftlich die Frau und schmunzelte:

»Eine Popentochter?«

»Ja.«

»Die ganze Erscheinung! Man irrt sich nicht. Kinder?«

»Sie sterben alle.«

»Hm. Und was liest denn jetzt so die Jugend?«

Katin sprach jetzt leiser und weniger lebhaft. Ungeachtet der Freude, mit der der Schriftsteller den Onkel begrüßt hatte, schien er ihn zu fürchten wie ein Schüler seinen Lehrer, während Onkel Jakows heisere Stimme heftiger wurde und in seinen Worten zahlreiche gurrende Laute mittönten.

Klim wäre gern weggegangen, es schien ihm aber unpassend, den Onkel allein zurückzulassen. Von der Ofenecke aus beobachtete er, wie die Frau des Schriftstellers um den Tisch herumging und geräuschlos das Teeservice aufdeckte, während sie scheue Blicke auf den Gast warf.

Sie schrak sogar zusammen, als Onkel Jakow sagte:

»Die Revolution wird nicht mit Zwischenakten gemacht.«

Klim war froh, als das Mädchen ihn zum Frühstück holte. Onkel Jakow lehnte die Einladung ab.

»Ich nähre mich nur von gekochtem Reis, Tee und Brot. Und wer frühstückt auch um zwei Uhr?« tadelte er, nach einem Blick auf die Wanduhr.

Daheim im Eßzimmer lief Warawka stirnrunzelnd und sich den Bart mit einem Kamm striegelnd auf und ab. Er empfing Klim mit der Frage:

»Und der Onkel?«

»Er nährt sich nur von gekochtem Reis.«

Schweigend ging man zu Tisch. Die Mutter seufzte und fragte:

»Wie gefällt er dir?«

Klim, der die Stimmung erriet, antwortete:

»Er ist sonderbar.«

Die Mutter lehnte sich zurück, kniff die Augen zu und sagte:

»Wie ein Gespenst.«

»Ein hungernder Hindu«, bekräftigte ihr Sohn.

»Er kann nicht älter sein als fünfzig«, grübelte laut die Mutter. »Er war fröhlich, ein flotter Tänzer, ein Spaßvogel. Plötzlich ging er ins Volk, zu den Sektierern. Eine unglückliche Liebe scheint dabei mitgespielt zu haben.«

»Sie haben alle eine unglückliche Liebe mit einer ganzen Geschichte. Diese Geschichte heißt ›Messalina‹, Klim. Sie liebt den Umgang mit jungen Leuten, aber nur flüchtigen. Er hat kaum mit ihr zu spielen und zu träumen angefangen, da haben schon neue Liebhaber seinen Platz eingenommen.«

Er wischte sich sorgfältig mit der Serviette den Bart ab und begann eindringlich zu belehren, daß nicht die Herzen und die Tschernyschewskis die Geschichte machen, sondern die Stevensons und Arkwrights, und daß in einem Land, wo das Volk an Hausgeister und Zauberer glaubt und die Erde mit einem Holzpflug aufritzt, Gedichte nichts vermögen.

»Als erstes brauchen wir einen guten Pflug. Dann erst ein Parlament. Kühne Reden sind wohlfeil. Man muß Worte finden, die die Instinkte bändigen und zugleich den Verstand wecken«, krähte er immer hitziger, durch irgendwas gereizt, und sein Gesicht lief rot an. Die Mutter schwieg besorgt, und Klim verglich unwillkürlich ihr Schweigen mit der Furchtsamkeit der Schriftstellersgattin. Auch die jähe Erbitterung Warawkas hatte etwas Verwandtes mit dem erregten Ton Katins.

»Ich gedenke, ihn im Zwischenstock unterzubringen«, sagte still die Mutter.

»Aber Dronow?« wandte Warawka ein.

»Ja, ich weiß auch nicht . . .«

Warawka zuckte die Schultern.

»Wie du willst.«

Aber Onkel Jakow weigerte sich im Zwischenstock zu wohnen.

»Treppensteigen ist schädlich für mich, ich habe kranke Beine«, erklärte er und zog zum Schriftsteller, in das kleine Zimmer seiner Schwägerin. Die wurde in der Kammer untergebracht. Die Mutter fand es taktlos von Onkel Jakow, nicht bei ihr zu leben. Warawka stimmte ihr darin zu:

»Es ist eine Demonstration.«

Onkel Jakow führte sich in der Tat ein wenig ungewöhnlich auf. Wenn er im Hause vorsprach, grüßte er Klim zerstreut und wie einen Fremden, schritt durch den Hof wie über eine Straße und blickte erhobenen Hauptes, den mit grauen Borsten verzierten Adamsapfel weit vorgereckt, mit den Augen eines Unbekannten in die Fenster, Er verließ den Flügel erst gegen Mittag, während der größten Hitze, und kehrte abends zurück, mit nachdenklich gesenktem Kopf, die Hände vergraben in den Taschen seiner dicken kamelhaargelben Hosen.

»Eine alte Axt«, nannte Warawka ihn. Er verhehlte nicht seine Unzufriedenheit mit Jakow Samgins Anwesenheit im Flügel. Täglich sagte er in grobem Ton etwas Herabsetzendes über ihn, was offensichtlich die Mutter bedrückte und selbst das Dienstmädchen Fenja ansteckte, die sich gegen die Bewohner des Flügels und ihre Gäste ängstlich und feindselig benahm, als hielte sie sie für imstande, das Haus anzuzünden.

Klim, vom Verlangen nach dem Weibe gepeinigt, fühlte, daß er abstumpfte, bleichsüchtig und hinfällig wurde wie Makarow, und er beneidete haßerfüllt Dronow, der zwar das Wolfsbillet erhalten, sich jedoch beruhigt hatte, und nachdem er in Warawkas Kontor eingetreten war, beharrlich fortfuhr, sich bei Tomilin für die Reifeprüfung vorzubereiten.

Klim, der nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, besuchte zuweilen den Schriftsteller. Dort waren neue Gestalten aufgetaucht: die langnäsige Heilgehilfin Isakson und ein kleiner Greis, dessen Augen hinter dunklen Gläsern versteckt waren. Er rieb sich jeden Augenblick die rundlichen Hände und rief:

»Das unterschreibe ich!«

Es kam ein Handwerker, nach seinen Händen zu urteilen, ein Schlosser. Seine Lieblingsredensart war:

»Das haben wir so nötig wie der Hund ein fünftes Bein.«

Die Fensterläden wurden geschlossen, die Scheiben verhängt, doch die Frau des Schriftstellers trat trotzdem von Zeit zu Zeit ans Fenster, hob die Gardine hoch und starrte auf das schwarze Quadrat. Ihre Schwester eilte auf den Hof, sandte Blicke zum Tor hinaus, und Klim hörte sie später beruhigend zu Katins Frau sagen:

»Niemand. Es ist keine Seele draußen.«

Klim achtete fast gar nicht auf die ihm allzu bekannten Reden und Streitigkeiten. Sie gingen ihn nichts an, interessierten ihn nicht. Auch der Onkel trug nichts Neues bei, er war wohl der am wenigsten Redegewandte von allen, seine Gedanken waren grobgezimmert und liefen alle auf eins hinaus: »Man muß das Volk auf eine höhere Stufe heben.«

Klim suchte den Flügel stets dann auf, wenn er vermutete oder sah, daß Lida hinging. Das bedeutete, daß auch Makarow dort sein würde. Aber seine Augen sagten ihm, daß sie noch etwas anderes als Makarow hinzog. Aus einem Winkel und – trotz der verqualmten Stickluft – fest in einen orangefarbenen Schal gehüllt, fixierte sie mit zusammengepreßten Lippen und dem strengen Blick ihrer dunklen Augen die Menschen. Klim fand, in diesem Blick und in Lidas ganzem Betragen lag etwas Neues, beinahe Komisches, ein gewisser gemachter Witwenernst.

»Was sagst du zu meinem Onkel?« fragte er und wunderte sich sehr, als er die merkwürdige Auskunft erhielt:

»Er sieht aus wie Johannes der Täufer.«

In einer Frühlingsnacht – sie und Klim hatten den Flügel verlassen und wandelten im Garten – sagte sie:

»Seltsam, daß es Menschen gibt, die nicht nur an sich denken. Mir scheint, darin liegt etwas Unsinniges. Oder – Gekünsteltes.«

Klim sah sie fast unwillig an: sie hatte gerade dem Ausdruck verliehen, was er empfand, wofür er aber noch keine Worte gefunden hatte.

»Und dann«, fuhr das Mädchen fort, »steht bei ihnen alles gewissermaßen auf dem Kopf. Mir scheint, sie sprechen von der Liebe zum Volk mit Haß und vom Haß gegen die Regierung mit Liebe. Jedenfalls höre ich es so.«

»Aber es ist natürlich nicht so«, sagte Klim, in der Hoffnung, sie würde fragen: »Wie ist es dann?« und dann würde er vor ihr glänzen, er wußte schon, womit und wie. Doch das Mädchen schwieg, schritt sinnend weiter und wickelte das Tuch fest um ihre Brust. So getraute Klim sich nicht, ihr zu sagen, was er wollte.

Er fand, Lida sprach zu ernst und zu gescheit für ihr Alter. Es berührte ihn unangenehm, immer häufiger überraschte sie ihn damit.

Einige Tage darauf sollte er abermals fühlen, daß Lida ihn bestahl. Nach dem Abendessen fragte die Mutter Lida aus, was im Flügel gesprochen wurde. Das Mädchen saß neben Wera Petrowna am offenen Fenster und antwortete gezwungen und wenig höflich. Plötzlich jedoch drehte sie sich schroff auf dem Stuhl herum und begann, schon einigermaßen gereizt, zu reden:

»Auch Vater fürchtet, diese Leute könnten mich irgendwie anstecken. Nein, ich denke, alle ihre Reden und Diskussionen sind nichts als Versteckspiel. Die Leute verstecken sich vor ihren Leidenschaften, vor der Langenweile, vielleicht vor dem Laster . . .«

»Bravo, meine Tochter!« rief Warawka aus, der sich, eine Zigarre im Bart, im Sessel rekelte.

Lida fuhr leiser und ruhiger fort:

»Man muß sich selbst vergessen. Das wollen viele, glaube ich. Nicht Menschen wie Jakow Akimowitsch. Er . . . ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll . . . er hat sich der Idee mit einemmal und für immer als Opfer vorgeworfen . . .«

»Wie ein Blinder, der in eine Grube gestürzt ist«, warf Warawka ein. Klim, der fühlte, daß er vor Verdruß blaß geworden war, grübelte darüber nach, wie es sein konnte, daß alle ihm zuvorkommen. Tomilins Ausspruch, daß die Menschen sich in den Ideen voreinander versteckten, hatte ihm besonders gefallen, und er hielt ihn für wahr.

»Tomilin sagt das«, bemerkte er ärgerlich.

»Ich habe nicht gesagt, daß ich es selbst erdacht habe«, gab Lida zurück.

»Du hast es von Makarow gehört«, beharrte Klim.

»Und wenn schon?«

»Onkel Jakow ist ein Opfer der Geschichte«, sagte Klim eilig. »Er ist nicht Jakob sondern Isaak.«

»Verstehe ich nicht«, sagte Lida und zog die Brauen hoch. Klim, der wegen dieser Worte, die niemand beachtete, auf sich selbst wütend war, stammelte ärgerlich:

»Wenn Makarow betrunken ist, redet er immer einen entsetzlichen Unsinn zusammen. Er nennt sogar die Liebe ein rudimentäres Gefühl.«

Warawka lachte schallend und schwang seine Zigarre. Wera Petrowna lächelte herablassend und bemerkte:

»Er kennt den Begriff ›rudimentär‹ nicht.«

Lida sah sie an und ging still zur Tür, Sie schien beleidigt durch das Gelächter ihres Vaters. Warawka ächzte und wischte sich Tränen aus den Augen.

»Oh, oh, ach, Kinder, Kinder!«

Klim hatte Lust, Lida zu folgen und mit ihr Streit zu suchen. Doch Warawka, der sich endlich sattgelacht hatte, wandte sich zu ihm und sagte mit einem Ausfall gegen die Schule:

»Man lehrt euch nicht das, was ihr wissen müßt. Vaterländische Geschichte, das ist das Fach, das gleich in den untersten Klassen gelehrt werden sollte, wenn wir Anspruch darauf erheben wollen, eine Nation zu sein. Das Land der Russen ist immer noch keine Nation, und ich fürchte, es wird noch einmal so heftig durcheinandergeschüttelt werden müssen wie im 17. Jahrhundert. Dann werden wir wahrscheinlich eine Nation sein.«

Mit wachsender Lebhaftigkeit sprach er davon, daß die Stände einander ironisch und feindlich gegenüberstehen wie Rassen mit ganz verschiedenartiger Kultur, daß jeder von ihnen überzeugt sei, daß alle anderen ihn nicht verstehen und sich ruhig damit abfinden, und alle zusammen glauben, die Bevölkerung dreier, aneinandergrenzender Gouvernements bestehe, ihren Bräuchen, Sitten und sogar ihrem Dialekt nach, aus anderen Menschen, schlechteren, als die Einwohner einer bestimmten Stadt.

Klim langweilte sich. Er verstand nicht, über Rußland, das Volk, die Menschheit und die Intelligenz nachzudenken. All das lag ihm fern. Von den sechzigtausend Einwohnern seiner Stadt kannte er vielleicht sechzig oder hundert und war doch überzeugt, die ganze Stadt, die staubig war und aus drei Vierteln aus Holz bestand, gut zu kennen. Vor der Stadt floß träge der trübe Fluß, über ihm, am Klosterfriedhof ging die Sonne auf, vollendete ohne Hast ihren Lauf und sank hinter den Schlachthof in die Gemüsegärten zurück. Ohne sich zu beeilen und in ihr Los ergeben, lebten Adlige, Händler, Kleinbürger und Handwerker, und die Geistlichkeit und die Beamten waren ihre Hirten, die sie schoren.

Und je schärfer er die Liebhaber der Wortgefechte und Meinungsverschiedenheiten beobachtete, desto argwöhnischer begegnete er ihnen. In ihm meldeten sich dunkle Zweifel an dem Recht dieser Menschen, die Aufgaben des Lebens zu lösen und ihm ihre Entscheidungen aufzuzwingen. Dazu bedurfte es verläßlicherer, weniger verzweifelter und in jedem Fall nicht halb wahnsinniger Menschen, wie Onkel Jakow einer war.

Tomilin wurde für Klim der einzige, der jenseits aller Zweifel stand und am meisten Mensch war. Er hatte sich dazu verurteilt, über alles nachzudenken, und konnte oder wollte selbst nichts tun. Er versuchte nicht, den Zuhörer mit seinen Gedanken aufzuzäumen, gab nur von sich, was er dachte, und kümmerte sich offenbar wenig darum, ob man ihm zuhörte. Er lebte, ohne jemand zur Last zu fallen, ohne zu verlangen, daß man ihn besuche, wie dies die familiären Liebenswürdigkeiten und lächelnden Grimassen des Schriftstellers Katin forderten. Man konnte zu ihm kommen oder es lassen. Er weckte weder Sympathie noch Antipathie, während die Leute im Flügel zwar unruhiges Interesse, aber zugleich auch dunkle Feindseligkeit gegen sich hervorriefen. Schließlich mußte man zugeben, daß Makarow recht hatte, wenn er von diesen Menschen sagte:

»Jeder von ihnen will mich abrichten wie einen Hund für die Hühnerjagd.«

Diese Absicht merkte auch Klim, und da er sie selbstsüchtig und für seine eigene Freiheit bedrohlich fand, lernte er es, jedesmal, wenn er dem Ansturm des einen oder anderen Glaubenslehrers ausgesetzt war, eine Antwort schuldig zu bleiben oder ihr geschmeidig auszuweichen.

Seine sexuellen Regungen, entzündet durch das beständige selige Lächeln Dronows, wurden immer qualvoller. Das war schon Warawka aufgefallen, den Klim, als er eines Tages durch den Korridor ging, zur Mutter sagen hörte:

»In seinem Alter war ich in meine leibliche Tante verliebt. Beunruhige dich nicht, er ist kein Romantiker und nicht dumm. Schade, daß unser Dienstmädchen ein Scheusal ist.«

Der Zynismus, womit Warawka das Dienstmädchen erwähnte, verletzte Klim, unangenehm war auch, daß sein Schmachten bemerkt wurde, doch alles in allem wirkten Warawkas gelassene Worte lösend. Zwei Tage später gingen die Mutter und Warawka ins Theater, Lida und Ljuba Somow zu Alina. Klim lag in seinem Zimmer, er hatte Kopfschmerzen. Es war still im Haus. Plötzlich drang Kichern aus dem Eßzimmer, etwas klatschte schallend wie eine Ohrfeige, ein Stuhl wurde gerückt, und zwei Frauenstimmen begannen leise zu singen. Klim stand geräuschlos auf und öffnete vorsichtig die Tür: das Mädchen tanzte mit der Weißnäherin Rita einen Walzer rund um den Tisch, auf dem gleich einem bronzener Götzen der Samowar leuchtete.

»Eins, zwei, drei«, unterwies halblaut Rita. »Nicht mit den Knien schubsen . . . eins, zwei!« Das Dienstmädchen neigte den Kopf vor und blickte ängstlich auf ihre Füße. Rita, die über die Schultern des Dienstmädchens hinwegblickte, sah, daß Klim in der Tür stand, stieß das Mädchen zur Seite, verbeugte sich von ihm, steckte mit beiden Händen ihr zerzaustes Haar auf und sagte munter und laut:

»Ach, entschuldigen Sie!«

»Bitte, bitte!« wehrte Klim hastig ab, während er die Hände in die Tasche steckte. »Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, aufspielen?«

Das verlegene Dienstmädchen ergriff den Samowar und eilte hinaus. Die Näherin machte: »Nein, weshalb denn?« und begann das Geschirr vom Tisch abzuräumen und auf ein Tablett zu stellen.

Klim erinnerte sich später nur dunkel, was dann geschah.

Er handelte im Zustand der Furcht und eines plötzlichen Rausches. Er packte Ritas Hand, schleppte sie in sein Zimmer und flehte im Flüsterton:

»Bitte . . . bitte . . .«

Sie kicherte in sich hinein, entriß ihm ihre weiße Hand und ging neben ihm her. Gleichfalls flüsternd wiederholte sie:

»Was tun Sie? Darf man denn das?«

Später, vom Bett aufspringend, beugte sie sich über ihn, preßte sein Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn dreimal auf die Lippen, dabei keuchte sie:

»Ach Sie, Sie, Sie!«

Als Klim wieder zu sich gekommen war, staunte er: wie war dies alles einfach! Er lag auf dem Bett und ihn schwindelte. Sein Körper, gesättigt mit wohliger Ermattung, schien gleichwohl leichter und stärker geworden zu sein. Er glaubte sich zu erinnern, daß Ritas heißes Geflüster, ihre drei letzten Küsse sowohl Lob als auch Dankbarkeit ausgedrückt hatten.

»Und doch habe ich ihr nichts dafür versprochen«, dachte er und legte sich sofort die Frage vor, womit Dronow sie wohl bezahlte.

Die Erinnerung an Dronow kühlte ihn ein wenig ab, sie hatte etwas Dunkles, Zweideutiges und doppelt Lächerliches. Als rechtfertige er sich vor jemandem, sagte Klim beinahe laut:

»Natürlich werde ich mir das nicht noch einmal mit ihr erlauben.« Aber eine Minute später beschloß er schon: »Ich werde ihr verbieten, mit Dronow . . .«

Er hatte Lust, aufzustehen, die Lampe anzuzünden, sich im Spiegel zu betrachten, aber die Gedanken an Dronow fesselten ihn, bedrohten ihn mit Unannehmlichkeiten. Doch Klim unterdrückte ohne besondere Anstrengung diese Gedanken. Er erinnerte sich Makarows, seiner düsteren Ängste, der armseligen »Triumphe des Weibes«, des »rudimentären Gefühls« und all des lächerlichen Unsinns, der das Dasein dieses Menschen ausfüllte. Kein Zweifel, Makarow hatte dies alles erdichtet, um sich ein Ansehen zu geben, und führte im geheimen einen unsittlicheren Lebenswandel als die anderen. Wenn er trank, mußte er auch mit Weibern schlafen, das war klar.

Diese Betrachtungen gestatteten Klim, an Makarow mit verächtlichem Lächeln zu denken. Er schlief bald ein, und als er erwachte, fühlte er sich als ein neuer Mensch. Heiterkeit brodelte in ihm. Er hatte Lust zu singen. Die Frühlingssonne blickte gnädiger als gestern in sein Zimmer. Trotzdem zog er es vor, seine neue Stimmung vor den anderen geheim zu halten, benahm sich ehrbar wie immer und gedachte bereits freundlich dankbar der Weißnäherin.

Etwa fünf Tage später, er hatte sie in dem angenehmen Bewußtsein verbracht, einen so ernsten Schritt mit solcher Einfachheit getan zu haben, drückte das Dienstmädchen Fenja ihm heimlich ein kleines zerknülltes Kuvert mit einem gepreßten blauen Vergißmeinicht in einer Ecke in die Hand. Auf dem gleichfalls mit einem Vergißmeinicht verzierten Papier las Klim nicht ohne Stolz:

»Wenn Sie mich nicht vergessen haben, kommen Sie morgen, wenn die Abendmesse ausgeläutet wird. – Stumpfe Ecke, Haus Wessjoly. Fragen Sie nach Marg. Waganow.«

Margarita empfing ihn so, als käme er nicht zum ersten, sondern zum zehnten Mal. Als er eine Schachtel Konfekt, ein Körbchen mit Gebäck und eine Flasche Portwein auf den Tisch stellte, fragte sie mit einem schalkhaften Lächeln:

»Sie wollen also Tee trinken?«

Klim umschlang sie und sagte:

»Ich will, daß du mich liebst.«

»Ach, ich kann es ja nicht!« antwortete die Frau und lachte ein sehr gutherziges Lachen.

Wunderbar einfach war alles an ihr und rings um sie her in der kleinen, sauberen Stube, die mit einem seltsam berauschenden Geruch erfüllt war. Im Winkel, an der Wand, stand mit dem Kopfende zum Fenster das Bett, bedeckt mit einer weißen Piquédecke. Eine weiße Gardine verhängte die Scheiben. Über das Dach herab neigten sich die blaßroten Zweige blühender Kirschen und Äpfel. Eine Wespe trommelte gegen die Fensterscheibe. Auf der Kommode die mit einer gehäkelten Decke geschmückt war, stand ein Spiegel ohne Rahmen, waren Schächtelchen und Döschen adrett aufgestellt. In einer Ecke leuchtete milde der Silberornat der Ikone. Der Platz vor der Tür war mit einem hellgrauen Stück Kaliko ausgelegt. Dies alles war unendlich friedlich und still, das Summen der Wespe schien hierher zu gehören, alles war unendlich fern der Wirklichkeit und dem gewohnten Dasein Klims.

Margarita sprach mit gedämpfter Stimme leichte Worte, die sie faul dehnte, und fragte nichts. Auch Klim fand nichts, wovon man mit ihr reden konnte. Er kam sich dumm vor, war ein wenig verlegen darüber und lächelte. Margarita saß Schulter an Schulter neben ihrem Gast und verschlang ihn mit ihren Blicken. Das erregte Klim sehr. Er streichelte scheu ihre Schulter und ihre Brust und fand nicht den Mut, weiter zu gehen. Als man zwei Gläser Portwein getrunken hatte, meinte Margarita:

»Nun, ins Bettchen?«

Sie erhob sich mit diesen Worten, entkleidete sich und riet auch Klim sorglich:

»Du solltest dich auch ganz ausziehen, es ist besser . . .«

Eine Stunde später saß sie auf dem Bettrand, ließ die Füße nackt baumeln und sagte vor Müdigkeit gähnend mit einem Blick auf Klims Socke:

»Das da muß gestopft werden.«

Klim nickte ein.

Nach dem fünften oder sechsten Wiedersehen fühlte er sich bei Margarita mehr zu Hause als in seinem eigenen Zimmer. Bei ihr brauchte man nicht auf sich aufzupassen, sie verlangte von ihm weder Geist noch gesittetes Benehmen, sie verlangte überhaupt nichts und bereicherte ihn unmerklich mit vielem, das er empfing wie etwas Wertvolles.

Von nun an sah er die Mädchen, die er kannte, mit anderen Augen an. Er bemerkte, daß Ljuba Somow fast ohne Hüften war, daß ihr Rock flach herabhing, dagegen hinten sich zu stark bauschte, und daß sie den hüpfenden Gang eines Sperlings hatte. Dick und plump gebaut, erzählte sie mit Vorliebe von Liebe und Romanen. Ihr Gesicht, das hübscher geworden war, rötete sich vor Erregung. In den guten grauen Augen leuchtete die stille Rührung eines alten Mütterchens, das die Wunder und den Erdenwandel der Heiligen und Märtyrer preist. Das brachte sie so naiv, ja manchmal so herzbewegend heraus, daß Klim es für nötig fand, sie auf jeden Fall durch ein freundliches Lächeln zu ermutigen, während er gleichzeitig dachte:

»Eine Schwachsinnige. Ein Schäfchen!«

Ihre Erzählungen reizten Lida fast stets, doch zuweilen erheiterten sie sie. Lida lachte zögernd, unsicher und mit schrillen Lauten. Wenn sie ein wenig gelacht hatte, blickte sie sich stirnrunzelnd um, als habe sie eine Ungehörigkeit begangen. Die Somow brachte Lida Romane. Lida las »Madame Bovary« und sagte unwillig:

»Was darin richtig ist, ist abscheulich, und was darin schön ist, ist Lüge.«

Über Anna Karenina äußerte sie sich noch härter:

»Hier sind alle Pferde, sowohl Anna wie Wronski und die übrigen.«

Die Somow empörte sich:

»Gott, wie bist du ungebildet, was für ein Monstrum! Du bist ja anormal!«

Auch Klim fand an Lida etwas Anormales. Er begann sogar ein wenig, ihren unverwandt-forschenden Blick zu fürchten, wenngleich sie nicht ihn allein, sondern auch Makarow so ansah. Doch bemerkte Klim, daß ihr Verhältnis zu Makarow freundschaftlicher wurde, und Makarow nicht mehr so ironisch und dreist mit ihr sprach.

Klim wunderte sehr Lidas Freundschaft mit Alina Telepnew, die zu einer ausgesprochenen Schönheit heranwuchs und offenkundig immer dümmer wurde, wie Klim nach dem Ausspruch seiner Mutter: »Dieses Mädel würde besser und klüger sein, wäre sie nicht so schön«, fand.

Klim erkannte sofort die Richtigkeit dieser Bemerkung. Die Schönheit des Mädchens war für sie eine Quelle unaufhörlicher Besorgnis. Alina wachte über sich wie über einen Schatz, der ihr nur für kurze Zeit gegeben war, mit der Drohung, daß er ihr genommen werde, sobald sie auch nur durch eine Kleinigkeit ihr bezauberndes Gesicht verdürbe. Schnupfen bedeutete für sie eine gefährliche Krankheit, erschrocken fragte sie:

»Ist meine Nase sehr rot? Die Augen sind trübe, nicht wahr?«

Ein einziges Pickelchen im Gesicht, eine Pustel, ein Mückenstich stürzten sie in Verzweiflung. Sie lebte in beständiger Furcht, dicker zu werden oder abzumagern, und hatte eine krankhafte Abneigung gegen den Donner.

»Mag es blitzen«, sagte sie. »Das ist ja schön. Aber ich ertrage es nicht, wenn über mir der Himmel kracht.«

Sie erfand für sich eine behutsame, gleitende Art zu gehen, und hielt sich so steif, als trüge sie ein Gefäß mit Wasser auf dem Kopf. Auf der Eisbahn schwebte sie in Ängsten, hinzufallen, und lief daher entweder allein, abseits, oder mit den erfahrensten Läufern, deren Gewandtheit und Kraft sie sicher war. Der einzige Zug an dem Mädchen, der Klim gefiel, war ihre Kunst, das Beste für sich herauszuschlagen. Sie verstand es stets, sich den vorteilhaftesten Platz an der Sonne auszuwählen. Etwas lächerlich war ihre übertriebene Reinlichkeit, ihr krankhafter Widerwille gegen Staub und Straßenschmutz. Bevor sie sich setzte, besah sie ängstlich prüfend den Stuhl oder Sessel und staubte heimlich mit ihrem Tuch die Sitzfläche ab. Hatte sie einen Gegenstand in der Hand gehalten, wischte sie sich sogleich die Finger. Sie aß so akkurat und gründlich, daß Makarow spöttelte:

»Sie essen religiös, Alinotschka! Nein, Sie essen gar nicht, wie etwa wir Sterblichen, Sie nehmen das Abendmahl.«

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, sagte Alina ruhig:

»Der Doktor hat mir gründliches Essen verordnet.«

Zuweilen hatten Alinas Ängste um ihre Schönheit Ausbrüche von Gereiztheit, ja, von Wut, zur Folge, so wie beim Dienstmädchen einer allzu anspruchsvollen Hausfrau. Wahrscheinlich waren es auch diese Ängste, die den unwiderstehlich sanften, hellblauen Augen Alinas einen fragenden Ausdruck gaben, der durch ihre langen, zitternden Wimpern flehend wurde.

Sie war fade in der Unterhaltung, sprach von nichts als von Kostümen, Bällen und Verehrern, und auch dies ohne Feuer, wie von einer langweiligen Pflicht.

Ihr wurde bereits von einem grauhaarigen General der Artillerie, einem schlanken und schönen Witwer, und vom zweiten Staatsanwalt Ippolitow, einem lustigen und gewandten, kleinen Mann mit einem schwarzen Schnurrbart im dunklen Gesicht, heftig der Hof gemacht.

»Nein, ich heirate nicht«, sprach sie mit ihrer tiefen Bruststimme. »Ich will zur Bühne.«

Sie sprach – ziemlich gut, mit schmelzender Stimme, doch allzu wollüstig – Gedichte von Fet und Fofanow, sang träumerisch Zigeunerromanzen. Aber die Romanzen klangen unbeseelt, die Verse tot, verwischt und abgestumpft durch ihre samtene Stimme. Klim schwor darauf, daß sie den Sinn der Worte, die sie langsam absang, nicht verstand.

»Eine Puppe, die zu schade zum Spielen ist«, sagte Makarow wegwerfend, wie er immer von Mädchen sprach.

Klim sah ihn scheel an. Er empfand immer heftiger den Stachel des Neides, sooft er vernahm, wie sicher die Menschen einander charakterisierten, Makarow besonders fand oft Urteile, die den Nagel auf den Kopf trafen.

Klim wünschte, wie in allem, so auch in Alina etwas Erkünsteltes und Gemachtes zu finden. Manchmal fragte sie ihn:

»Ich bin heute blaß, nicht wahr?«

Er verstand, daß Alina nur fragte, um ein übriges Mal die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch dies erschien ihm natürlich und gerechtfertigt und weckte in ihm sogar Teilnahme für das Mädchen. Diese wuchs nach den Worten der Mutter, die ihm sagten, daß man Alinas Schönheit als eine Strafe ansehen mußte, die ihr das Leben verbitterte, sie jede fünf Minuten vor den Spiegel jagte und sie auch alle Menschen als Spiegel behandeln ließ. Manchmal ahnte er dunkel, daß zwischen ihr und ihm etwas Gemeinsames bestand. Da er in dieser Erkenntnis jedoch etwas für ihn Demütigendes sah, versuchte er nicht erst, sie bis zu Ende zu durchdenken.

Makarow und Lida gingen in der Beurteilung Almas schroff auseinander. Lida behandelte sie schonend, ja zärtlich, eine Regung, die Klim an ihr neu war, Makarow verspottete Alina zwar nicht boshaft, aber ausdauernd, Lida erzürnte sich mit ihm. Die Somow, die sich um Privatstunden bewarb, versöhnte sie, indem sie ihnen die langen und fesselnden Briefe ihres Freundes Inokow vorlas, der den Telegraphendienst quittiert hatte und mit einer Genossenschaft Sergatscher Fischer nach dem Kaspischen Meer aufgebrochen war.

Alles in allem war das Leben zu Hause qualvoll, öde und unruhig. Die Mutter und Warawka rechneten abends besorgt und ungehalten etwas zusammen, wobei sie mit Papieren raschelten, Warawka klatschte auf den Tisch und jammerte:

»Idioten! Nicht einmal stehlen können sie richtig!«

Klim zog die Langeweile vor, die er bei Rita fand. Diese Langeweile war für ihn nicht Qual, sondern Beruhigung. Sie nahm seinem Denken die Schärfe und enthob ihn der Mühe krampfhafter Einfälle. Margarita zog ihn merkwürdig an durch die Einfalt ihrer Gedanken und Gefühle. Manchmal, wohl wenn sie argwöhnte, daß er sich langweile, sang sie mit kleiner, miauender Stimme höchst sonderbare Lieder:

Ich kann nicht einschlafen, nicht liegen,
Mich flieht der Schlummer.
Ich ginge gern zu Rita,
Doch weiß ich nicht, wo sie weilt.
Gern fragte ich einen Freund,
Der könnte mich zu ihr führen.
Doch mein Freund ist besser und schöner,
Ich fürchte, er verdrängt mich bei Rita.

»Was für ein dummes Lied«, gähnte Klim, aber die Sängerin belehrte ihn:

»Das ist eben das Schöne daran, Freundchen. Alle Lieder sind dumm, in allen kommt die Liebe vor, das ist eben das Schöne an ihnen.«

Sie liebte überhaupt, Klim Belehrungen zu erteilen, und das belustigte ihn. Das Mädchen kam ihm treusorgend wie eine Mutter entgegen, auch das war belustigend, aber auch ein wenig rührend. Klim bewunderte die Selbstlosigkeit Margaritas, er hatte sich die Meinung gebildet, alle Mädchen ihres Gewerbes seien habgierig. Doch wenn er Rita Näschereien und Geschenke mitbrachte, tadelte sie ihn:

»Närrischer kleiner Kauz! Für das Geld, das du für mich hinauswirfst, könntest du ein viel schöneres und jüngeres Mädchen finden!«

Sie sagte es so einfach und überzeugend, daß Klim nicht wagte, sie der Lüge zu verdächtigen.

Aber während sie von den Mädchen sprach, die schöner seien als sie, streichelte sie sich gleichzeitig mit den Händen Brust und Hüften und prahlte:

»Sieh, was für eine Haut ich habe! Nicht jedes Fräulein besitzt so eine.«

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