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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Es begann damit, daß Klim Samgin, der sich zur Schule verspätet hatte, rasch durch das Schneegestöber eines Februarsturms hindurchschritt und plötzlich, dicht vor dem gelben Gebäude des Gymnasiums, auf Dronow stieß. Iwan stand auf dem Trottoir, in der einen Hand hielt er den Riemen seiner Schultasche, die er über die Schultern geworfen hatte, die andere, mit der Mütze, hing ihm am Körper herab.

»Man hat mich von der Schule gejagt«, stammelte er. Auf seinem Kopf und in seinem Gesicht schmolz Schnee, die ganze Haut seines Gesichts von der Stirn bis ans Kinn schien Tränen auszuscheiden.

»Wofür?« fragte Klim.

»Kanaillen.«

Klim riet ihm: »Setz die Mütze auf.«

Iwan hob langsam den Arm, als wäre die Mütze aus Eisen. Der Schnee war in sie hineingerieselt, und so, wie sie war, voll Schnee stülpte er sie sich auf den Kopf, um sie einen Augenblick später wieder abzunehmen und auszuschütteln. Während er sich mit Klim entfernte, redete er abgebrochen:

»Das ist Rziga . . . und der Pfaffe. Ich übe einen schädlichen Einfluß aus, behaupten sie . . . und überhaupt, sagt er, du, Dronow, bist eine zufällige und unerwünschte Erscheinung im Gymnasium. Sechs Jahre haben sie mir Wissen verabfolgt und nun . . . Tomilin behauptet, daß alle Menschen auf der Welt eine zufällige Erscheinung sind . . .«

Klim schlenderte Schulter an Schulter mit Dronow heimwärts. Er folgte aufmerksam seinen Worten, ohne sich zu wundern, ohne ihn zu bedauern, während Dronow immerfort stammelte und die Worte gleichsam aus sich herauskratzte.

»Den Kopf haben sie mir abgeschlagen, die Kanaillen! Schädlicher Einfluß! Sehr einfach, der Rziga hat mich dabei ertappt, wie ich mich mit Margarita geküßt hab.«

»Mit ihr?« fragte Klim. Er verlangsamte den Schritt.

»Na ja doch, und er, Rziga, selbst . . .«

Doch Klim hörte nicht mehr zu. Jetzt war er sowohl unangenehm wie feindselig erstaunt. Er erinnerte sich Margaritas, der Näherin mit dem runden, blassen Gesicht und den dunklen Schatten unter den tiefliegenden Augen. Diese Augen waren von unbestimmter gelblicher Farbe, ihr Blick schläfrig, müde. Sie mußte schon bald dreißig sein. Sie nähte und besserte die Wäsche der Mutter, Warawkas sowie seine aus. Sie »kam ins Haus«. Es war verletzend, zu erfahren, daß ihn Dronow selbst in bezug auf diese Frau überflügelt hatte.

»Und sie?« fragte er und blieb stehen, unschlüssig, was er sonst noch sagen sollte.

»Daß sie mir nur kein ›Wolfsbillett‹Zeugnis, das die Aufnahme des Relegierten in ein anderes Gymnasium unmöglich machte. D. Ü. ausstellen«, knurrte Dronow.

»Erlaubt sie dir denn . . .?«

»Wer?«

»Margarita.«

Dronow zuckte heftig mit der Schulter, als stoße er jemand beiseite und sagte:

»Welches Weib erlaubt es denn nicht?«

»Und bist du schon lange mit ihr zusammen?« verhörte ihn Klim.

»Ach, laß mich in Ruhe«, schnitt Dronow ab, bog unvermittelt um die Ecke und verschwand sofort im weißen Brei des Schnees.

Klim ging nach Hause. Er konnte nicht glauben, daß diese züchtige Näherin einen Dronow gern küssen sollte, wahrscheinlicher war, daß er sie gewaltsam geküßt hatte. Und gierig natürlich. Klim schauderte geradezu, als er sich vorstellte, wie Dronow beim Küssen schmatzte und mit der Zunge schnalzte.

Während er ablegte, hörte er, wie die Mutter im Salon ein neues Musikstück einübte.

»Warum so früh?« fragte sie. Klim erzählte die Sache mit Dronow und fügte hinzu:

»Ich bin nicht zur Schule gegangen. Dort herrscht wahrscheinlich große Erregung. Iwan war ein glänzender Schüler. Er hat vielen geholfen und besitzt eine Menge Freunde.«

»Das ist vernünftig von dir«, lobte die Mutter. In ihrer neuen blauen Matinee sah sie heute besonders jung und bezwingend schön aus. Sie nagte an ihren Lippen, warf einen Blick in den Spiegel und lud ihren Sohn ein:

»Bleib ein wenig bei mir.«

Und während sie mit leichtem, schwebendem Schritt im Zimmer auf und ab ging, begann sie gedämpft:

»Rziga hat mich davon benachrichtigt, daß man Iwan streng bestrafen würde. Er hat verbotene Bücher und unanständige Photographien in die Klasse geschmuggelt. Ich sagte Rziga, in den Büchern stünde gewiß nichts Gefährliches, das sei wohl nur Prahlerei von Dronow.«

Klim brachte solide sein Sprüchlein an:

»Ja, Prahlerei oder jener bei Kindern und Jugendlichen verbreitete Hang zu Pistolen . . .«

»Sehr treffend«, belobte lächelnd die Mutter. »Aber schädliche Bücher zusammen mit unanständigen Bildern, – das spricht schon von einer verdorbenen Natur. Rziga sagt sehr wahr, die Schule sei eine Anstalt, bestimmt, eine Auslese von Menschen zu treffen, die fähig sind, so oder anders das Leben zu bereichern und zu verschönen. Nun wohl, womit könnte ein Dronow das Leben verschönen?«

Klim lächelte spöttisch.

»Es ist doch ein wenig eigentümlich, daß Dronow und dieser verwilderte, schwachköpfige Makarow deine Freunde sind. Du bist ihnen so unähnlich. Du sollst wissen, daß ich auf deine Vernunft vertraue und nicht etwa für dich fürchte. Mir scheint nur, dich zieht ihre Genialität an. Aber ich bin überzeugt, diese Genialität ist nichts als Frechheit und Geriebenheit.«

Klim nickte zustimmend. Ihm gefielen die Worte der Mutter sehr. Er erkannte an, daß Makarow, Dronow und einige andere Gymnasiasten in Worten gescheiter waren als er, war aber überzeugt, klüger zu sein, nicht in dem, was er sagte, sondern irgendwie anders, solider, innerlicher.

»Natürlich, auch Pfiffigkeit ist eine Tugend, aber von zweifelhafter Art, häufig wird sie, milde gesprochen, zur Unredlichkeit«, fuhr die Mutter fort, Klim behagten ihre Worte immer mehr. Er stand auf, umschlang innig ihre Taille, ließ aber sogleich wieder los: er hatte plötzlich, zum erstenmal, in seiner Mutter die Frau gefühlt. Dies verwirrte ihn so, daß er die zärtlichen Worte, die er ihr sagen wollte, vergaß und sogar eine Bewegung von ihr weg machte, aber die Mutter legte selbst ihren Arm auf seine Schulter, zog ihn an sich und sagte etwas über den Vater, über Warawka und die Motive für ihren Bruch mit dem Vater.

»Ich hätte dir das alles schon längst sagen müssen«, vernahm er, »aber ich wiederhole, da ich weiß, wie aufgeweckt und nachdenklich du bist, hielt ich es für überflüssig.«

Klim küßte ihr die Hand.

»Gewiß, Mama, es ist unnötig, davon zu sprechen. Du weißt, ich verehre Timofej Stepanowitsch sehr.«

Er empfand eine Erregung, die ihm neu war. Vor dem Fenster gischtete lautlos dichte weiße Trübe. Im milden, farblosen Dämmerlicht des Zimmers schienen alle Gegenstände gleichsam in tiefstes Sinnen versunken und verblaßt. Warawka liebte Gemälde, Porzellan. Nach des Vaters Fortgang hatte alles im Hause sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, war behaglicher, schöner und wärmer geworden. Die schlanke Frau mit dem mageren stolzen Gesicht war dem Jüngling nie so innig nahe gerückt wie in diesem Augenblick. Sie sprach zu Klim wie zu einem Gleichgestellten, bestechend freundschaftlich, und ihre Stimme klang ungewöhnlich weich und klar.

»Mich beunruhigt Lida«, sagte sie, während sie mit ihrem Sohn in gleichem Schritt auf und ab wandelte, »dieses Mädchen ist anormal und von ihrer Mutter her erblich schwer belastet. Erinnere dich an die Geschichte mit Turobojew. Natürlich, es war eine Kinderei, aber . . . Und zwischen ihr und mir besteht auch nicht ein solches Verhältnis, wie ich es wünschte.«

Sie blickte ihrem Sohn in die Augen und fragte lächelnd:

»Du bist doch nicht in sie verliebt? Ein wenig, wie?«

»Nein«, antwortete Klim fest.

Nachdem sie in mißbilligendem Ton noch einiges über Lida gesprochen hatte, fragte sie, vor dem Spiegel stehen bleibend:

»Du kommst gewiß mit deinem Taschengeld nicht aus?«

»Ich habe reichlich.«

»Du Lieber«, sagte die Mutter, umarmte ihn und küßte ihn auf die Stirn. »In deinem Alter braucht man sich gewisser Wünsche nicht mehr zu schämen.«

Da verstand Klim den Sinn ihrer Frage nach dem Geld, errötete tief und wußte nicht, was er ihr erwidern sollte.

Am Nachmittag suchte er Dronow im Zwischenstock auf. Dort stand an den Ofen gelehnt bereits Makarow, blies Rauchwolken gegen die Decke und glättete mit dem Finger den dunklen Schatten auf seiner Lippe, während Dronow mit untergezogenen Füßen, in der Stellung eines Schneiders auf dem Bett hockte und weinerlich jemand drohte:

»Ihr lügt! Ich komme doch noch auf die Universität!«

Gleich hinter Klim öffnete die Tür sich noch einmal. Auf der Schwelle erschien Lida. Sie blinzelte und fragte:

»Hier werden wohl Fische geräuchert?«

Dronow rief grob:

»Tür zu! Es ist nicht Sommer!«

Makarow verbeugte sich schweigend vor dem Mädchen und zündete sich am Zigarettenstummel eine neue an.

»Was für ein schlechter Tabak«, sagte Lida. Sie ging zum vom Schnee verklebten Fenster, blieb dort, allen das Profil zuwendend, stehen und begann Dronow auszufragen, weshalb man ihn davongejagt habe. Dronow stand ihr widerwillig und wütend Rede und Antwort. Makarow bewegte seine Brauen, zwinkerte und fixierte durch den Rauchschleier die kleine dunkelbraune Figur des Mädchens.

»Warum gibst du dumme Bücher zum Lesen weiter, Iwan?« sagte Lida. »Du hast Ljuba Somow »Was tun«Programmatischer Roman eines Begründers der Volkstümler-Bewegung, N. G Tschernyschewskis. D. Ü. geliehen. Aber das ist doch ein ganz dummer Roman. Ich habe versucht, ihn zu lesen, und es wieder aufgegeben. Er ist nicht zwei Seiten von Turgeniews ›Erste Liebe‹ wert.«

»Junge Mädchen lieben das Süßsäuerliche«, sagte Makarow und, selbst verlegen über seinen ungeschickten Ausfall, begann er heftig die Asche von seiner Zigarette abzublasen. Lida würdigte ihn keiner Antwort. In dem, was sie gesagt hatte, hörte Klim den Wunsch, jemand zu verwunden, und fühlte auf einmal sich selbst getroffen, als sie schnippisch erklärte:

»Ein Mann, der eine Frau einem anderen abtritt, ist natürlich ein Waschlappen.«

Klim rückte seine Brille zurecht und bemerkte lehrhaft:

»Indessen, wenn man die Geschichte der Beziehungen Herzens ins Auge faßt . . .«

»Des Schönredners ›Vom anderen Ufer‹?« fragte Lida. Makarow lachte, drückte die Zigarette an einer Ofenkachel aus und schleuderte das Mundstück zur Tür.

»Weshalb belustigt Sie das?« fragte herausfordernd das junge Mädchen. Einige Minuten später wiederholte sich die Szene im Stadtpark. Doch heute spielten sowohl Makarow als auch Lida sie in schroffem Ton.

Klim, der ihrem Streit angestrengt folgte, hörte, daß sie sich zwar bekannte Worte zuschrien, daß aber der Zusammenhang dieser Worte unfaßbar war, und ihr Sinn von jedem der Streitenden auf seine Weise entstellt wurde. Es gab im Grunde gar nichts zu streiten, doch sie stritten erbittert, rot, mit fuchtelnden Händen. Klim erwartete, daß sie sich im nächsten Augenblick beschimpfen würden. Die raschen, harten Bewegungen Makarows erinnerten Klim fatal an das krampfhafte Zappeln der Hände des ertrinkenden Boris Warawka. Lidas großäugiges Gesicht verwandelte sich in jenes neue, fremde Antlitz, das dunkle Unruhe erregte.

»Nein, sie sind nicht verliebt«, überlegte Samgin, »Sie sind nicht verliebt, das ist klar.«

Dronow verfolgte vom Bett aus die Streitenden mit irren Augen. Er wiegte sich leise. Sein flaches Gesicht verzog sich von Zeit zu Zeit zu einem mitleidigen Lächeln.

Plötzlich riß Lida sich von ihrem Platz los und ging hinaus, wobei sie die Tür heftig zuschlug. Makarow wischte sich die schweißnasse Stirn und sagte blasiert:

»Wütend ist die.«

Er brannte sich eine Zigarette an und fügte hinzu:

»Aber gescheit. Na, auf Wiedersehen.«

Dronow grinste ihm nach und streckte sich auf dem Bett lang aus.

»Die zieren sich. Verstellen sich«, begann er leise hinter bedeckten Augen. Dann fragte er Klim, der am Tisch saß, in grobem Ton:

»Hast du Lida gehört? Sie hat dreist erklärt, in der Liebe gibt es kein Mitleid. Was? Die wird vielen den Hals umdrehen.«

Dronows roher Ton empörte Klim nicht, seitdem Makarow einmal gesagt hatte:

»Wanjka ist im Grunde eine ehrliche Haut. Er ist nur darum so roh, weil er nicht wagt, anders zu reden, aus Furcht, sich lächerlich zu machen. Die Roheit ist bei ihm ein Abzeichen seines Handwerks, wie beim Feuerwehrmann der alberne Helm.«

Dronow horchte auf das Heulen der Windsbraut im Ofenrohr und fuhr mit der gleichen, tristen Stimme fort:

»Ich bin mit einem Telegraphisten bekannt. Er bringt mir das Schachspielen bei. Er spielt blendend. Er ist noch nicht alt, vielleicht vierzig, aber schon kahl wie der Ofen dort. Der hat mir über die Weiber gesagt: »Aus Höflichkeit sagt man Weib. Wenn man ehrlich sein will, muß man Sklavin sagen. Das Gesetz der Natur hat sie zum Gebären bestimmt, sie zieht aber das Huren vor.«

Plötzlich fuhr er wie von einer Tarantel gestochen hoch und sagte, mit der Faust gegen die Wand trommelnd:

»Ihr lügt, Teufel! Ich komme doch auf die Universität. Tomilin hat mir seine Hilfe zugesagt.«

Klim, der geduldig mitangehört hatte, wie Dronow Rziga und die anderen Lehrer beschimpfte, fragte lässig:

»Wie steht es jetzt zwischen dir und Margarita?«

»Was steht?« fragte Dronow erst nach einer Weile zurück.

»Nun dieses – ist es Liebe?«

»Liebe«, wiederholte Dronow nachdenklich und senkte den Kopf. »Es ist so gewesen: erst küßten wir uns, und dann geschah das übrige. Es ist nicht der Rede wert, mein Lieber.«

Wieder begann er mit dem Gymnasium. Klim hörte ihm noch einige Zeit zu und ging dann weg, ohne erfahren zu haben, was er gern wissen wollte.

Er fühlte sich wie festgeleimt und gefesselt an die Gedanken an Lida und Makarow, Warawka und die Mutter, Dronow und die Näherin. Doch ihm schien, diese lästigen Gedanken lebten nicht in ihm, sondern irgendwo draußen und würden nur durch Neugier herbeigerufen. Es lag etwas unversöhnlich Kränkendes in dem Umstand, daß es Beziehungen und Stimmungen gab, die er nicht begreifen konnte. Das Grübeln über die Frauen wurde ihm zur wichtigsten Beschäftigung, in ihm vereinigte sich alles Wirkliche und Bedeutungsvolle, alles übrige wich zur Seite, wurde zu einer seltsamen Erscheinung zwischen Traum und Wachen.

Wachtraum schien auch alles, was das geräuschvolle Leben im Flügel ausmachte. Dort war ein langhaariger Mensch mit einem feinen, blassen und unbeweglichen Gesicht aufgetaucht. Er ähnelte in nichts einem Bauern, trug aber nach Bauernart einen grauen hausgewebten Rock, schwere Filzstiefel, ein vertragenes blaues Hemd und ebensolche Hosen. Bald schwenkte er seine feinen Hände, bald drückte er sie an die eingefallene Brust und hielt dabei den Kopf so seltsam, als habe man ihn früher einmal heftig gegen das Kinn gestoßen, so daß sein Kopf nach hinten geschleudert wurde, und er ihn seit der Zeit nicht mehr senken könne, sondern immerfort nach oben blicken müsse. Er drang in die Menschen, sich vom lasterhaften Stadtleben loszusagen, aufs Land zu gehen und die Scholle zu ackern.

»Das ist alt«, wehrte der Mensch, der einer Amme glich, ab. Der Schriftsteller tat das gleiche:

»Wir haben's versucht – und uns dabei verbrannt.«

Der als Bauer vermummte Mensch sprach im Ton des Priesters auf der Kanzel:

»Ihr Blinden! Voll Eigennutz seid ihr hingegangen, mit der Predigt des Bösen und der Gewalt. Ich aber rufe euch auf zum Werk der Liebe und des Heils. Mit den geheiligten Worten meines Lehrers sage ich euch: Werdet einfältig, werdet wie die Kinder, werfet ab alle hoffärtige Lüge, die ihr erdacht habt und die euch verblendet!«

Aus der Ofenecke ertönte Tomilins Stimme:

»Ihr wollt, die Juweliere sollen Pflugscharen schmieden. Wird aber eine solche Rückkehr zur Einfachheit nicht gleichbedeutend mit Verwilderung sein?«

Klim bemerkte, daß der Lehrer lauter geworden war, und seine Worte überzeugter und schroffer klangen. Sein Haar wuchs ihm immer wilder übers Gesicht, er wurde offensichtlich immer ärmer, seine Jacke war an den Ellenbogen so sehr durchgescheuert, daß Löcher eingerissen waren. In den Hosenboden war ein dunkelgraues Dreieck eingesetzt. Die Nase spitzte sich zu. Das Gesicht hatte einen hungrigen Ausdruck bekommen. Oft schüttelte er schief lächelnd den Kopf, die roten Haare fielen ihm über die Wangen und mischten sich mit dem Bart. Geduldig warf er sie mit beiden Händen immer wieder hinter die Ohren zurück. Gelassener als alle, trat er dem als Bauer verkleideten Mann, sowie einem anderen kahlen, rotgesichtigen entgegen, der behauptete, nur Käsesieden und Bienenzucht könne das Volk retten.

Klim bedrückte das Übermaß von Widerspruch und Eigensinn, womit jeder dieser Menschen seine Wahrheit verteidigte. Der Mann im Bauernkostüm sprach streng und mit apostolischer Inbrunst von Tolstoi und den beiden Gestalten des Christus – der kirchlichen und der volkstümlichen –, von Europa, das an übergroßer Empfindsamkeit und geistiger Armut zugrunde gehe, von den Verirrungen der Wissenschaft. Die Wissenschaft verachtete er vor allem.

»In ihr bergen sich alle Quellen unserer Irrtümer, in ihr wohnt das Gift, das unsere Seelen zerrüttet.«

Ein wirbelhaariges Männchen mit einem Kneifer hüpfte erregt vom Sofa, aus dessen zerfetztem Bezug die Bastfüllung zottige Bärte heraussteckte, auf, und brüllte mit einem Baß, der alle Stimmen übertönte:

»Barbarei!«

»Sehr richtig«, bekräftigte der Schriftsteller. Tomilin erkundigte sich neugierig:

»Glauben Sie im Ernst, daß die Rückkehr zur Weltanschauung der chaldäischen Hirten für uns möglich und heilsam sei?«

»Das Handwerk! Die Schweiz, – da haben Sie es!« versicherte der Kahle mit heiserer Stimme der Gattin des Schriftstellers. »Viehzucht. – Käse, Butter, Leder, Honig, Holz und weg mit der Fabrik!«

Das Chaos der Ausrufe und Reden wurde dauernd übertönt vom machtvollen Baß des Mannes mit dem Kneifer. Er war ebenfalls Schriftsteller und verfaßte populärwissenschaftliche Broschüren. Er war sehr klein. Daher schien sein enormer, von widerspenstigen dunklen Haaren bedeckter Kopf auf den schmalen Schultern wie angesetzt, sein von den Haaren bedrängtes Gesicht nur eben angedeutet und seine ganze Gestalt unfertig. Aber sein sehr tiefer Baß besaß eine unerhörte Gewalt und erstickte mühelos alle Schreie wie Wasser die Kohlenglut. Er stürzte in die Mitte des Zimmers vor, schwankte wie ein Betrunkener, beschrieb mit den Händen in der Luft Kreise und Ellipsen und sprach über den Affen, den prähistorischen Menschen und den Mechanismus des Weltalls so überzeugt, als habe er eigenhändig das Universum erschaffen, die Milchstraße hingestreut, die Sternbilder aufgehängt, die Sonne angezündet und die Planeten in Bewegung gebracht. Alle hörten ihm aufmerksam zu. Dronow riß gierig den Mund auf und starrte, ohne zu blinzeln, so angestrengt in das Gesicht des Redners, als erwarte er aus seinem Munde die Wahrheit, die alle Zweifel löste.

Die Züge des Mannes im Bauernkostüm blieben unbewegt, ja sie versteinerten noch mehr. Sobald er die ganze Rede angehört hatte, begann er im Diskant wie von der Kanzel herab:

»Wenngleich die Astronomen seit jeher berühmt sind wegen ihrer Entdeckungen über die Geheimnisse des Himmels, flößen sie doch nur Schrecken ein, da sie verschweigen, daß sie das Dasein des Geistes, der alles Lebendige erschaffen hat, leugnen.«

»Nicht alle leugnen ihn«, berichtigte Tomilin, »nehmen Sie nur Flammarion.«

Doch ohne seinen Einwand zu beachten, fuhr der Tolstoianer fort, schwelgerisch, wie Klim fand, ein grauenvolles Bild zu malen: grenzenlose, schweigende Finsternis, in der die zitternden, goldnen Würmer der Milchstraße sich krümmen und Welten entstehen und verschwinden:

»Und inmitten dieser unendlichen Vielzahl der Sterne, verloren in unbesiegbares Dunkel, irrt unsere winzige Erde, die Behausung der Kümmernisse und Leiden. Nun bitte, stellt euch dies vor und die Schrecken eurer Einsamkeit auf ihr, die Schrecken eurer Nichtigkeit in der schwarzen Leere, inmitten der zornig flammenden Sonnen, die zum Erkalten verurteilt sind . . .«

Klim hörte sich diese Schrecken kaltblütig genug an. Nur dann und wann rieselte ihm ein unangenehmer Schauer den Rücken hinab. Die Art, wie man sprach, fesselte ihn mehr als das, was man sprach. Er sah, daß der großköpfige, unfertige Schriftsteller mit Entzücken vom Mechanismus des Weltalls redete, daß aber auch der als Bauer vermummte Mensch mit Wonne die Schrecken der Einsamkeit des Erdballs im Weltenraum ausmalte.

Auf Dronow wirkten diese Reden ungemein stark. Er krümmte den Rücken, blickte sich um und flüsterte bald Klim, bald Makarow zu:

»Wer, glaubst du, hat recht?«

Fieberhaft kratzte er sich mit dem Fingernagel die linke Augenbraue und knurrte:

»Zum Teufel nochmal, studieren muß man. Mit den Bettelpfennigen des Gymnasiums kommt man nicht weit.«

Auch Makarow befriedigten die hitzigen Wortgefechte bei Katin nicht.

»Sie wissen viel und verstehen es anzubringen, und das alles ist auch wichtig, aber es leuchtet nur und wärmt nicht. Und ist nicht die Hauptsache.«

Dronow fragte schnell:

»Was ist denn die Hauptsache?«

»Du fragst dumm, Iwan«, antwortete Makarow voll Ärger. »Wüßte ich es, wäre ich der Weiseste der Weisen.«

Spät nachts, nach der langen Redeschlacht, begleiteten sie zu dritt Tomilin. Dronow hielt ihm seine Frage entgegen:

»Wer hat recht?«

Tomilin schritt langsam aus und blickte mit seinen porzellanen Augen in die Sterne. Widerwillig begann er:

»Diese Frage ist nicht am Platz, Iwan. Es handelt sich um den unvermeidlichen Zusammenprall zweier Gewohnheiten, über die Welt nachzudenken. Diese Gewohnheiten begleiten uns von Urzeit her. Sie sind unversöhnbar und werden immer die Menschen in Idealisten und Materialisten scheiden. Wer recht hat? Der Materialismus ist einfacher, praktischer und zuversichtlicher. Der Idealismus ist schön, aber unfruchtbar. Er ist aristokratisch, stellt höhere Ansprüche an den Menschen. Alle Systeme der Welterklärung enthalten, mehr oder weniger kunstvoll verborgen, Elemente des Pessimismus. Im Idealismus gibt es davon mehr als in dem ihm entgegengesetzten System.«

Nach einigem Schweigen verlangsamte er noch mehr seinen trägen Schritt und sagte:

»Ich bin kein Materialist, aber auch kein Idealist. Alle diese Leute aber . . .« Er deutete mit der Hand über seine Schulter hinweg. »Sie wissen wenig, darum sind sie Gläubige. Plump und ungeschickt wiederholen sie uralte Gedanken. Natürlich, jeder Gedanke hat seinen unstreitigen Wert. Richtig aufgefaßt, kann er, selbst wenn er falsch ausgesprochen wird, Erwecker einer Menge neuer Gedanken sein, wie ein Stern, der seine Strahlen nach allen Seiten verstreut. Aber der absolute, reine Wert eines Gedankens verschwindet mit dem Prozeß seiner praktischen Verwertung. Hüte, Schirme, Schlafmützen, Brillen und Klistiere, das sind die Dinge, zu denen der reine Gedanke kraft unserer Sehnsucht nach Ruhe, Ordnung und Gleichgewicht verarbeitet wird.«

Er blieb stehen und zeigte mit der Hand über seine Schulter hinweg:

»Byron schrieb zwar Gedichte, doch begegnet man nicht selten auch tiefen Gedanken bei ihm. Hier ist einer: ›Der Denkende ist weniger wirklich als sein Gedanke.‹ Die dort – wissen das nicht.«

Mürrisch, unwirsch schloß er:

»Der Mensch ist das denkende Organ der Natur, eine andere Bedeutung kommt ihm nicht zu. Durch den Menschen strebt die Natur zur Erkenntnis ihrer selbst. Darin liegt alles.«

Als sie Tomilin bis zu seiner Wohnung geleitet und sich von ihm verabschiedet hatten, sagte Dronow:

»Er fängt an, wichtig zu tun, als hätten sie ihn zum Erzpriester geweiht. Und an den Hosen sind Flicken.«

Alle diese Gedanken, Worte und Eindrücke drangen durch jenes Andere, Beherrschende in Klims Bewußtsein. Sein Gedächtnis, gleichsam bestrebt, sich von der unnützen Last eintöniger Bilder zu befreien, weckte sie hartnäckig zum Leben, als wäre es mit geheimnisvoller Kraft zu einem Busch herangewachsen, der Blüten trug, die zu schauen ein wenig beschämend, aber sehr interessant und sehr angenehm war. Ihn wunderte, wieviel er von jenen Dingen sah, die als unanständig und schamlos gelten. Er brauchte nur einen Augenblick die Augen zu schließen, und er sah die schlanken Beine Alina Telepnews, wenn sie beim Eislauf hinfiel, sah die nackten melonenförmigen Brüste des schläfrigen Dienstmädchens, die Mutter auf Warawkas Schoß und den Schriftsteller Katin, wie er die dicken Knie seiner halb entkleideten Frau küßte, die auf dem Tisch saß.

Die stumme, katzenhaft, sanfte Gattin des Schriftstellers goß an den Abenden ohne Pause den Tee in die Gläser. Sie war jedes Jahr schwanger. Früher hatte dies Klim abgestoßen, weil es ihm ein Gefühl des Abscheus erregte. Er teilte Lidas Ansicht, die brüsk bemerkte, schwangere Frauen hätten etwas Schmutziges. Doch nun, seit er ihre nackten Knie und ihr von Freude trunkenes Gesicht gesehen hatte, weckte diese Frau, die allen gleichmäßig freundlich zulächelte, in ihm eine Neugier, in der für Ekel kein Raum mehr war.

Selbst ihre fade Schwester, die um die Gäste bemüht war wie eine Magd, die sich etwas hat zuschulden kommen lassen und um jeden Preis die Zufriedenheit der Herrschaft erringen muß, – selbst dieses Mädchen, unscheinbar wie Tanja Kulikow, zog Klims Blicke durch ihren Busen, der eng in ein buntes Zitzjäckchen gepreßt war, an. Klim hörte, wie Katin sie anschrie:

»Bin ich schuld, daß die Natur junge Mädchen auf die Welt bringt, die nicht einmal Pilze marinieren können . . .«

Damals kam Klim dieser Hahnenschrei nur lächerlich vor, doch jetzt erschien ihm das langnäsige Mädchen mit dem pickligen Gesicht ungerecht beleidigt und sympathisch und das nicht nur, weil stille, unscheinbare Menschen überhaupt sympathisch sind, da sie nach nichts fragen und nichts verlangen.

Eines Abends brachte Klim dem Schriftsteller das neue Heft einer Zeitschrift. Katin empfing ihn, einen zerknüllten Brief schwenkend, und rief freudig erregt:

»Wissen Sie auch, Jüngling, daß in zwei oder drei Wochen Ihr Onkel aus der Verbannung zurückkommt? So nach und nach sammeln sich die alten Adler wieder!«

An der Wand platzten mit krachendem Geräusch die Tapeten. Durch den Spalt der angelehnten Tür steckte die Schwägerin ihr erschrockenes Gesicht.

»Es fängt an!« sagte sie und verschwand sogleich wieder.

»Meine Frau kommt nieder, warten Sie, bei ihr geht das rasch!« murmelte hastig Katin, nahm eine billige Bronzelampe vom Tisch und verschwand durch die schmale Tapetentür. Klim blieb in der Gesellschaft eines halben Dutzends Wiener Stühle am Tisch, der mit Büchern und Zeitungen beladen war, zurück. Ein weiterer Tisch nahm die ganze Mitte des Zimmers ein, auf ihm ragte ein erloschener Samowar, stand ungewaschenes Geschirr und waren die Teile einer auseinandergenommenen doppelläufigen Flinte verstreut. An der Wand lehnte das schwarze Sofa mit den heraushängenden Bastfetzen, darüber hingen Bildnisse Tschernyschewskis und Nekrassows. In einem goldenen Rahmen saß mit übergeschlagenen Beinen der fette Herzen. Neben ihm das finstere Gesicht Saltykows. Aus all diesem wehte Klim eine trübselige Armut an, nicht jene Armut, die den Schriftsteller hinderte, pünktlich seine Miete zu bezahlen, sondern eine andere, unheilbare, ängstigende und zugleich ergreifende.

Zehn Minuten später sprang der Schriftsteller aus der Wand heraus, hockte sich auf die Tischkante und prahlte:

»Erstaunlich leicht gebärt sie, die Kinder aber – wollen nicht leben.«

Er beugte sich zu ihm herab, stützte die Arme auf den Tisch und sprach hastig mit leiser Stimme:

»Jakow Samgin ist einer jener Matrosen auf dem Schiff der russischen Geschichte, die seine Segel mit ihrer Energie aufblähen, um seinen Lauf zu den Gestaden der Freiheit und Gerechtigkeit zu beschleunigen.«

Nacheinander titulierte er Jakow Samgin Steuermann, Schmied und Apostel, wiederholte aufgeregt: »Sie sammeln sich wieder, die Adler!« und verschwand hinter der Tür, von wo immer lauteres Stöhnen hereindrang. Klim entfernte sich eilig. Er befürchtete der Schriftsteller würde ihn über seine in der Zeitschrift veröffentlichte Erzählung ausfragen. Sie taugte nicht mehr als die übrigen Erzeugnisse Katins. In ihr gab es kindlich gutherzige Bauern, die, wie üblich, auf das Erscheinen der göttlichen Wahrheit warteten. Diese verhieß ihnen der Dorflehrer, ein redlich denkender Mensch, den zwei Bösewichte, der erbarmungslose Dorfreiche und der schlaue Pope, mit ihrem Haß verfolgten.

Zu Hause meldete Klim der Mutter, daß der Onkel zurückkehrte. Sie sah fragend Warawka an. Der beugte seinen Kopf über den Teller und sagte gleichgültig:

»Ja, ja, diese Leute, denen die Geschichte befohlen hat, abzutreten, kehren allmählich von »weiten Reisen« zurück. Bei mir im Kontor sind drei von ihnen beschäftigt. Ich muß gestehen, sie arbeiten gut.«

»Aber . . .?« fragte die Mutter.

Warawka erwiderte:

»Darüber – später.«

Klim begriff, daß Warawka in seiner Gegenwart nicht sprechen wollte, fand das unfein und blickte fragend die Mutter an, aber er begegnete nicht ihren Augen. Sie sah zu, wie Warawka, müde, struppig und wütend, Stücke Schinken verschlang. Rziga kam, nach ihm der Rechtsanwalt. Beinahe bis Mitternacht spielten sie und die Mutter vortrefflich. Die Musik berauschte Klim, erfüllte ihn mit nie gespürter Ergriffenheit und stimmte ihn so lyrisch, daß er, als er seiner Mutter beim Abschied die Hand küßte, der Gewalt dieser neuen Regung nachgab und flüsterte:

»Meine Teure, meine Geliebte!«

Die Mutter umarmte ihn innig, streichelte schweigend seine Wange und küßte ihn mit ihren heißen Lippen auf die Stirn.

Sowie er im Bett war, bemächtigte sich seiner jenes Unbesiegbare, das sein Leben ausmachte. Er erinnerte sich eines Gesprächs mit Makarow, das er kürzlich gehabt hatte. Als Klim ihm von Dronows Liebesroman mit der Näherin erzählte, murmelte Makarow:

»So? Das Vieh.«

Er sagte diese drei Worte ohne Ärger und Neid, ohne Abscheu oder Verwunderung und so, daß das letzte überflüssig klang. Dann lachte er spöttisch und erzählte:

»Mein Zimmerwirt, ein Briefträger, lernt bei mir Geige, weil er seine Mama liebt und sie nicht durch eine Heirat betrüben möchte. »Eine Frau ist schließlich doch ein fremder Mensch«, sagt er. »Versteht sich, heiraten werde ich, aber erst nach Mamas Tode.« Jeden Sonnabend besucht er ein öffentliches Haus und danach ein Bad. Er spielt schon das fünfte Jahr, aber nichts wie Übungen, denn er schwört darauf, wenn er nicht vorher sämtliche Etüden durchgenommen habe, würde das Spielen von Stücken seinem Gehör und seiner Hand schaden.«

Makarow verstummte und wurde finster.

»Was soll das?« fragte Klim.

»Ich weiß nicht«, antwortete Makarow. während er aufmerksam den Rauch seiner Zigarette verfolgte. »Es besteht hier ein Zusammenhang mit Wanjka Dronow. Wanjka lügt zwar todsicher, er hat bestimmt keinen Liebesroman gehabt, aber daß er mit unzüchtigen Photographien gehandelt hat, ist wahr.«

Er schüttelte heftig den Kopf und fuhr fort, leise und erbost:

»Eine blöde Stimmung. Alles ist unwichtig, außer dem Einen. Ich fühle mich nicht als Mensch, sondern nur als ein Organ des Menschen. Beschämend und widerlich ist das. Als schärfe irgend so ein Inspektor dir ein: »Du bist ein Hahn, mach, daß du zu den dir zugewiesenen Hennen kommst!« Und ich will die Henne und will sie auch nicht. Ich will Übungen spielen. Du, gescheiter Kopf, fühlst du etwas derartiges?«

»Nein«, log Klim in bestimmtem Ton.

Man schwieg eine Weile. Makarow saß zusammengekrümmt, mit übereinandergeschlagenen Beinen. Klim fixierte ihn interessiert und fragte:

»Was empfindest du denn für das Weib?«

»Die Furcht Gottes!« sagte finster Makarow, stand auf und griff nach seiner Mütze.

»Ich werde irgendwohin gehen.«

Als Klim sich dieser Szene erinnert hatte, dachte er mit Ärger an Tomilin. Dieser Mensch sollte etwas Beruhigendes wissen, etwas, das von Scham und Furcht befreite, und sollte es sagen. Schon mehrmals hatten Klim und Makarow, – jener behutsam, dieser ausfallend und drängend versucht, mit dem Lehrer ein Gespräch über die Frauen in Gang zu bringen, doch Tomilin war so eigentümlich taub für dieses Thema, daß er Makarow die verärgerte Bemerkung abnötigte:

»Er verstellt sich, der rothaarige Satan!«

»Vermutlich hat er sich verbrannt«, grinste Dronow, und dieses Grinsen, das Klim an die Szene im Garten denken ließ, weckte in ihm den Verdacht: »Wirklich, sollte er gesehen haben? Weiß er?«

Nur ein einziges Mal gab der Lehrer dem ausdauernden Drängen Makarows nach. Beiläufig und ohne die jungen Leute anzublicken, sagte er:

»Über die Frau muß man in Versen reden. Ohne Würze ist diese Speise ungenießbar, und – ich liebe Verse nicht.«

Die Augen zur Decke richtend, empfahl er:

»Lest Schopenhauers »Metaphysik der Liebe«, darin findet ihr alles, was ihr wissen müßt. Als ganz passable Illustration dazu mag euch die »Kreutzersonate« von Tolstoi dienen.«

Alle drei besuchten Tomilin immer seltener. Gewöhnlich trafen sie ihn hinter einem Buch an, er stemmte beim Lesen die Ellenbogen auf den Tisch und hielt sich mit den Händen die Ohren zu. Manchmal lag er mit eingezogenen Beinen auf dem Bett, hielt das Buch auf den Knien, und zwischen seinen Zähnen steckte ein Bleistift. Das Klopfen beachtete er zuweilen nicht, dann mußte man es drei- bis viermal wiederholen.

»Ich bin keine Frau«, pflegte er zu erklären, und hinzuzufügen: »Ich bin nicht nackt.«

Nach einigem Nachdenken ergänzte er noch: »Nicht verheiratet.«

Er durchmaß das Zimmer und lehrte:

»In der Welt der Ideen hat man diejenigen Subjekte zu unterscheiden, die suchen, und solche, die sich verstecken. Jene wollen um jeden Preis den Weg zur Wahrheit finden, wohin immer er führe und sei es auch in den Abgrund, ins Verderben. Die zweiten wollen nichts als sich verkriechen, als ihre Furcht vor dem Leben, ihre Ratlosigkeit vor seinen Geheimnissen in einer bequemen Idee verstecken. Der Tolstoianer ist eine lächerliche Type, aber er vermittelt eine überaus plastische Vorstellung von den Menschen, die sich verkriechen.«

Klim sah, daß Makarow in gebückter Haltung des Lehrers Füße beobachtete, als warte er darauf, daß er stolpere, warte ungeduldig, und daß er seine Fragen aufdringlich und laut stellte, als wolle er einen Eingeschlafenen aufwecken, aber keine Antwort erhielt.

Während er der ruhigen, nachdenklichen Stimme seines Lehrers lauschte, suchte Klim zu erraten, wie die Frau sein mußte, die einen Tomilin lieben konnte. Wahrscheinlich häßlich und unbedeutend wie Tanja Kulikow oder Katins Schwägerin, die alle Hoffnung auf Liebe verloren hatte. Doch diese Grübeleien hinderten Klim nicht, beißende Paradoxe und Aphorismen aufzufangen.

»Der Weg zum wahren Glauben geht durch die Wüste des Unglaubens«, vernahm er. »Glaube als bequeme Gewohnheit ist unendlich viel schädlicher als Zweifel. Denkbar ist sogar, dass der Glaube in seinen krassesten Erscheinungsformen eine psychische Krankheit ist: Gläubige sind Hysteriker und Fanatiker wie Savanarola oder der Protopop Awakum, im günstigsten Fall Schwachsinnige, wie der heilige Franziskus von Assisi.«

Von Zeit zu Zeit unterbrach Dronow ihn mit Fragen sozialen Charakters. Aber der Lehrer blieb ihm entweder die Antwort schuldig, oder er sprach widerwillig und verschwommen.

»Es ist falsch zu glauben, wenn die Menschen zu einer Organisation, zu einer Partei vereinigt seien, müsse ihre Energie wachsen. Das Gegenteil trifft zu: indem die Menschen ihre Wünsche, Hoffnungen und Pflichten auf den Führer abwälzen, drücken sie sowohl die Temperatur als auch das Wachstum ihrer persönlichen Energie herab. Die idealste Verkörperung der Energie ist Robinson Crusoe.«

Als erster wurde Makarow dieser Offenbarungen müde.

»Wir müssen gehen«, sagte er grob. Tomilin gab ihnen seine warme und feuchte Hand, lächelte und unterließ es, sie noch einmal einzuladen. Makarow begegnete Tomilin immer respektloser, und einmal, als man, von einem gemeinsamen Besuch bei ihm kommend, die Treppe hinabstieg, sagte er absichtlich laut:

»Der Rothaarige kommt mir vor wie eine Tarantel. Ich habe dieses Insekt nie gesehen, aber in der altertümlichen Naturgeschichte von Gorisontow heißt es: ›Die Taranteln sind dadurch nützlich, dass sie in Öl gesotten, als bestes Heilmittel gegen ihre eigenen Bisse dienen!‹«

Diese Bosheit entlockte Dronow ein unangenehm rülpsendes Lachen.

In seine Erinnerungen verloren, hörte Klim plötzlich ein eiliges Rascheln im Salon, dann das tiefe Tönen von Saiten, als habe Rzigas Cello, ausgeruht, sich seines gestrigen Gesangs erinnert und versuche nun, ihn für sich zu wiederholen. Dieser Gedanke, der Klim fremdartig anmutete, verschwand gleich wieder, um der Angst vor dem Rätselhaften Platz zu machen. Er lauschte. Ganz klar: die Töne entstanden im Salon, nicht über ihm, wo Lida zuweilen noch spät nachts die Saiten des Flügels zu beunruhigen pflegte.

Klim zündete eine Kerze an, nahm eine Hantel in die rechte Hand und trat in den Salon. Er fühlte, dass seine Beine zitterten. Das Cello tönte jetzt lauter, das Rascheln wurde vernehmlicher. Augenblicklich erriet er, daß eine Maus im Instrument saß, legte es behutsam mit dem oberen Deckel auf den Fußboden und konnte sehen, wie eine junge Maus, winzig wie eine Küchenschabe, unter ihm hervorkugelte.

Durch die Dunkelheit des Zimmers der Mutter spannte sich ein vertikales und straffes Feuerband, das Licht aus dem Schlafzimmer.

»Sie schläft nicht. Ich werde ihr von dem Mäuschen erzählen.«

Doch als er sich der Tür genähert hatte, prallte er zurück: der Schein der Nachtlampe beleuchtete das Gesicht und den nackten Arm der Mutter, der den behaarten Nacken Warawkas umschlang. Sein struppiger Kopf schmiegte sich an die Schulter der Mutter. Sie lag auf dem Rücken. Ihr Mund stand offen. Sie mußte fest schlafen. Warawka schnarchte gaumig und schien aus irgendeinem Grunde kleiner, als er am Tage war. Dieses ganze Schauspiel hatte etwas Beschämendes, Verwirrendes und zugleich Rührendes.

Wieder in seinem Zimmer, legte Klim sich ins Bett, tief aufgewühlt. Vor seinem geistigen Blick schwebten, eine nach der anderen, die Gestalten der dicken, kleinen Ljuba Somow, der schönen Alina mit ihrer schnippisch aufgeworfenen Lippe, dem kühnen Blick ihrer blauen Augen und ihrer tiefen herrischen Stimme heran. Die Figur Lidas, vertrauter als die der anderen, verdunkelte ihre Freundinnen. Klim dachte an sie und verlor sich in einem sehr dunklen und verschwommenen Gefühl. Er wußte, daß Lida unschön, oft sogar unsympathisch war, und doch fühlte er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Sein nächtliches Grübeln über die jungen Mädchen wurde zum Reiz, erregte in seinem Körper eine beklemmende und beinahe schmerzhafte Spannung, und ließ Klim an das abschreckende Buch des Professors Tarnowski über die verderblichen Folgen der Onanie denken, ein Buch, das seine vorausschauende Mutter ihm längst unbemerkt zugesteckt hatte. Er sprang aus dem Bett, zündete die Lampe an und ergriff Melnikows Büchlein »Über die Liebe«. Das Buch war langweilig und handelte nicht von jener Liebe, die Klim aufwühlte. Draußen schüttelte der Wind die Bäume, ihr Rauschen weckte die Vorstellung vom Flug einer zahllosen Vogelschar, vom Rascheln der Mädchenröcke beim Tanz auf den Gymnasiastenbällen, die Rziga veranstaltete.

Klim schlief erst im Morgengrauen ein und erwachte spät, zerschlagen und unwohl. Es war Sonntag, schon läuteten die Glocken den Spätgottesdienst aus. Der Aprilregen klatschte ans Fenster, eintönig summte das Blech der Regentraufe. Klim dachte beleidigt:

»Muß ich wirklich dasselbe durchmachen wie Makarow?«

An Makarow zu denken, ging nicht mehr an, ohne zugleich an Lida zu denken. In Lidas Gegenwart war Makarow erregt und sprach lauter, frecher und spöttischer als gewöhnlich. Aber seine scharfen Züge wurden weicher, seine Augen blitzten fröhlicher.

»Ist es wahr, daß man Makarow wegen Betrunkenheit aus dem Gymnasium entfernen will?« fragte Lida gleichgültig. Klim verstand, daß es eine gespielte Gleichgültigkeit war.

Die Tür öffnete sich zögernd. Das neue Dienstmädchen trat ins Zimmer, dick, dumm, mit gerümpfter Nase und farblosen Augen.

»Die Mama läßt fragen, ob Sie Kaffee wünschen. Weil bald gefrühstückt wird.«

Die weiße Schürze umspannte straff ihre Brust. Klim mußte daran denken, daß ihre Brüste wohl ebenso hart und rauh waren wie ihre Waden.

»Ich will nicht«, sagte er wütend.

Plötzlich fand er, daß Lidas Liebesroman mit Makarow dümmer sei als alle anderen Romane der Gymnasiasten mit den Gymnasiastinnen, und fragte sich:

»Vielleicht bin ich überhaupt nicht verliebt, sondern erliege nur allmählich der Atmosphäre allgemeiner Verliebtheit und bilde mir alles ein, was ich empfinde?«

Doch diese Überlegung, weit entfernt, ihn zu beruhigen, rief ihm nur das halbverrückte Geschwätz des angeheiterten Makarow in Erinnerung. Auf seinem Stuhl schaukelnd und sich abmühend, mit den Fingern die widerspenstigen, zweifarbigen Haarsträhnen zu kämmen, hatte er mit schwerer, betrunkener Zunge gesagt:

»Die Physiologie lehrt, daß nur neun von unseren Organen sich in progressiver Entwicklung befinden, und daß wir absterbende, rudimentäre besitzen – verstehst du? Vielleicht lügt die Physiologie, vielleicht aber haben wir tatsächlich absterbende Sinne. Jetzt stell dir vor, der Trieb zum Weibe sei so ein agonisierendes Gefühl. Daher ist es dann wohl so quälend, so ausdauernd, wie? Stell dir vor, der Mensch begehre nach Tomilins Theorie zu leben, he? Das Hirn, der Sitz des forschenden schöpferischen Verstandes, der Teufel hol ihn, beginnt schon, die Liebe als ein Vorurteil aufzufassen, nicht wahr? Und vielleicht sind Onanie und Homosexualität ihrem Wesen nach Bestrebungen, sich vom Weibe zu befreien? Wie denkst du?«

Diese Fragen richtete er an Klim, als sie ihn noch nicht ängstigten, und die betrunkenen Reden seines Kameraden flößten Klim damals nur Widerwillen ein. Doch jetzt erschien ihm das Wort »Befreiung vom Weibe« nicht gar so dumm, und es war beinahe wohltuend, sich zu vergegenwärtigen, daß Makarow immer mehr dem Trunk verfiel, wenngleich es den Anschein hatte, als würde er ruhiger und zuweilen so nachdenklich, daß man glauben konnte, er sei unversehens mit Blindheit und Taubheit geschlagen. Klim fiel auf, daß Makarow, wenn er sich eine Zigarette anzündete, das Streichholz nicht auslöschte, sondern es im Aschenbecher sorgsam zu Ende brennen ließ oder es solange zwischen seinen Fingern hielt, bis es heruntergebrannt war. Die stets aufs neue versengte Haut an seinen beiden Fingerspitzen war dunkel geworden und schwielig wie bei einem Schlosser.

Klim unterdrückte die Frage, weshalb er das tue. Er zog überhaupt vor, stillschweigend zu beobachten, ohne auf Erklärungen zu drängen, eingedenk der unglücklichen Versuche Dronows und Warawkas schlagenden Ausspruchs:

»Dumme fragen mehr als Wißbegierige.«

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