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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Als Klim vom Unterricht heimkam, und zu Lida wollte, sagte man ihm, daß er das nicht dürfe. Lida sei in ihrem Zimmer eingesperrt. Es war ungewöhnlich öde und beängstigend still im Haus, Klim schien, daß gleich jemand mit schrecklichem Gepolter hinfallen würde, aber nichts fiel. Die Mutter und Warawka gingen aus. Klim lief in den Garten und versuchte, in das Fenster von Lidas Zimmer hineinzublicken. Das Mädchen ließ sich nicht sehen, nur der zerzauste Kopf Tanja Kulikows tauchte von Zeit zu Zeit auf. Klim setzte sich auf eine Bank und verweilte lange, ohne etwas zu denken. Er sah nichts vor sich als die Gesichter Igors und Warawkas und wünschte, daß Lida gehörig verprügelt würde, Lida aber . . . Er grübelte lange, wie man sie bestrafen müßte, und fand für das Mädchen keine Strafe, die nicht auch ihm weh getan haben würde.

Die Mutter und Warawka kehrten sehr spät zurück. Er schlief schon. Ihn weckten Gelächter und Lärm aus dem Eßzimmer. Sie lachten wie Betrunkene. Warawka versuchte immerfort zu singen, die Mutter aber schrie:

»Nicht so! Falsch!«

Dann gingen sie in den Salon hinüber. Die Mutter spielte etwas Lustiges, doch plötzlich brach die Musik ab. Klim schlief wieder ein und wurde von einem dumpfen Hin- und Herrennen über seinem Kopfe geweckt. Gleich darauf ertönten Rufe:

»Was für eine teuflische Posse! Lida ist fort! Tatjana döst, und Lida ist fort! Verstehst du, Wera?«

Klim sprang aus dem Bett, warf sich in die Kleider und rannte ins Eßzimmer, aber dort war es dunkel, nur im Schlafzimmer der Mutter brannte Licht. Warawka stand in der Tür und stemmte beide Arme gegen den Türpfosten wie ein Gekreuzigter. Er hatte einen Schlafrock an und Pantoffel an den nackten Füßen. Die Mutter hüllte sich hastig in ihren Rock.

Man befahl Klim, Dronow zu wecken, und Lida im Garten und auf dem Hof zu suchen, wo bereits Tanja Kulinow schuldbewußt mit gedämpfter Stimme rief:

»Lida! Was für Dummheiten! Liduscha!«

Klim war unsagbar wunderlich zumute, diesmal glaubte er, an einer Erfindung teilzunehmen, die unvergleichlich interessanter war als alles, was er kannte, – interessanter und schrecklicher. Auch die Nacht war seltsam, ein heißer Wind fuhr rauschend durch die Bäume und erstickte alle Gerüche in trockenem, warmem Staub. Über dem Himmel krochen Wolken, löschten jeden Augenblick den Mond aus. Alles schwankte und bot das Bild einer unheimlichen Widerstandslosigkeit, die angstvolle Beklommenheit einflößte. Dronow lief verschlafen und wütend auf seinen krummen Beinen umher, stolperte, gähnte und spuckte aus. Er hatte gestreifte Zwillichunterhosen und ein dunkles Hemd an. Seine Gestalt verschwand auf dem dunklen Grunde des Gebüsches, während sein Kopf gleich einer Blase in der Luft schwamm.

»Gewiß ist sie zu den Turobojews in den Garten gelaufen«, mutmaßte Dronow.

Ja, sie war dort. Sie kauerte auf der Lehne einer Gartenbank, unter einem Vorhang von Sträuchern. Die von der Dunkelheit verwischte zierliche Figur des Mädchens war unförmig gekrümmt, und etwas an ihr erinnerte entfernt an einen großen weißen Vogel.

»Lida«, rief Klim.

»Was brüllst du wie ein Gendarm«, sagte Dronow halblaut, stieß Klim brutal mit der Schulter zur Seite und forderte Lida auf:

»Was wollen Sie hier sitzen, kommen Sie mit nach Hause.«

Klim empörte Dronows Grobheit. Ihn befremdete seine sanfte Stimme und das »Sie«, womit er Lida anredete; als wäre sie eine Erwachsene.

»Man hat ihn geschlagen, nicht wahr?« fragte das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne die hingestreckte Hand Dronows zu nehmen. Ihre Worte klangen spröde, so wie kleine Mädchen sprechen, wenn sie sich ausgeweint haben. »Ich bin gefallen wie eine Blinde, als ich über den Zaun stieg«, sagte sie schluckend, »wie ein Schaf. Ich kann nicht gehen.« Klim und Dronow hoben sie von der Bank und stellten sie auf die Erde, aber sie stöhnte und fiel wie eine Puppe hintenüber. Die Knaben konnten sie kaum auffangen. Während sie sie nach Hause geleiteten, erzählte Lida, daß sie nicht beim Überklettern des Zauns gefallen sei, sondern bei dem Versuch, am Abflußrohr zu Igors Fenster hinaufzuklettern.

»Ich wollte wissen, was er macht.«

»Er schläft«, sagte Dronow.

Lida preßte die Hand an den Mund und sog schweigend das Blut von den zerbrochenen Fingernägeln.

Auf dem Hof empfing Warawka sie im Schlafrock und einer ärmellosen tatarischen Jacke darüber und brüllte die Tochter an:

»Was fällt dir ein?«

Doch plötzlich nahm er sie erschrocken auf den Arm und hob sie hoch.

»Was hast du?«

Da sagte das Mädchen mit einer Stimme, deren Klang Klim lange nicht vergaß:

»Ach, Papa, das verstehst du nicht! Du kannst es ja nicht . . . Du hast Mama nicht geliebt.«

»Still! Bist du verrückt geworden?« zischte Warawka und lief mit ihr ins Haus. Im Laufen verlor er einen seiner Saffianpantoffel.

»Nett wild geworden ist die Ziege!« sagte spöttisch lachend Dronow. »Na, ich werde schlafen gehen.«

Aber er ging nicht, sondern hockte sich auf die Stufen der Küchentreppe, kratzte sich die Schulter und brummte:

»Hat die sich ein Spiel ausgedacht . . .«

Klim schlenderte durch den Hof und grübelte bohrend: war das alles wirklich nichts als Spiel und Einbildung? Aus dem offenen Fenster im zweiten Stockwerk drangen die zänkischen Stimmen Warawkas und der Mutter. Tanja Kulikow kam eilig die Treppe herab.

»Sperr das Tor nicht ab, ich laufe zum Arzt«, sagte sie und rannte auf die Straße hinaus.

Dronow brummte höhnisch wütend:

»Rziga hat mich gezwungen, die Ilias und die Odyssee zu lesen. Das ist mal ein Quatsch! Trottel sind diese Achillesse und Patroklusse! Ein Stumpfsinn. Die Odyssee geht noch, wenigstens hat Odysseus ohne Rauferei allen ein Schnippchen geschlagen. Ein Gauner. Wenn auch nur einer mit kurzen Beinen.«

»Klim, zu Bett!« rief Wera Petrowna streng aus dem Fenster, »Dronow, weck den Hausmeister und geh dann auch schlafen.«

Dieser Roman war in wenigen Tagen Stadtgespräch. Die Gymnasiasten fragten Klim:

»Ist sie hübsch?«

Klim antwortete zurückhaltend. Er wünschte nicht davon zu reden. Dronow hingegen schwatzte angeregt:

»Schön nicht, denn sie hat sich verliebt. Ein schönes Mädchen wird sich nie verlieben. Spaß!«

Klim hörte sein Geschwätz mit Unwillen, hoffte jedoch heimlich, Dronow würde etwas sagen, was seine Zweifel, unter denen er sehr litt, verscheuchte.

»Ich sag ihr: ›Du bist ja noch ein dummes Mädel‹«, erzählte Dronow den Knaben. »Und ihm sag ich auch . . . Na, für ihn ist es natürlich eine Sache, wenn man sich in ihn verliebt . . .«

Es war ärgerlich, mitanzuhören, wie Dronow aufschnitt, da er aber bemerkte, daß diese Lügen Lida zur Heldin der Gymnasiasten machten, hinderte Klim Iwan nicht. Die Jungen lauschten ernst, und die Augen einiger unter ihnen blickten mit jener seltsamen Trauer, die Klim schon von den porzellanenen Augen Tomilins her kannte.

Lida hatte sich den Fuß verstaucht und hütete elf Tage das Bett. Auch ihr linker Arm lag im Verband. Bevor Igor abreiste, brachte ihn die dicke, schnaufende Frau Turobojew unter schrecklichem Augenrollen zu Lida, damit er ihr Lebewohl sagen konnte. Die Liebenden umarmten sich weinend, und auch Igors Mutter vergoß Tränen.

»Es ist komisch, aber schön«, sagte sie und wischte sich behutsam ihre vorquellenden Augen, »es ist schön, weil es altmodisch ist.«

Warawka blökte unmutig ein massives und unbekanntes Wort.

Um die Kinder zu beruhigen, erklärte man ihnen: gewiß, sie seien Bräutigam und Braut, das sei ausgemacht. Sie sollten einander heiraten, sobald sie groß wären; bis dahin werde ihnen erlaubt, einander zu schreiben. Klim überzeugte sich bald, daß sie betrogen wurden. Lida schrieb Igor jeden Tag, übergab die Briefe Igors Mutter und wartete ungeduldig auf Antwort. Aber Klim stellte fest, daß Lidas Briefe in Warawkas Hände fielen, daß der sie Klims Mutter vorlas und beide lachten. Lida wurde allmählich rasend, und dann sagte man ihr, Igors Schule sei so streng, daß die Vorgesetzten den Knaben nicht einmal gestatteten, ihren Angehörigen zu schreiben.

»Es ist wie im Kloster«, log Warawka, und Klim mußte an sich halten, um nicht Lida zuzurufen:

»Deine Briefe sind in seiner Tasche.«

Aber Klim sah, daß Lida die Märchen ihres Vaters mit aufgeworfenen Lippen anhörte und ihnen keinen Glauben schenkte. Sie zupfte an ihrem Taschentuch oder am Saum ihrer Gymnasiastinnenschürze und blickte vor sich hin oder zur Seite, als schäme sie sich, in das breite, blutunterlaufene, bärtige Gesicht zu schauen. Trotzdem sagte Klim eines Tages:

»Weißt du, daß sie dich betrügen?«

»Schweig!« schrie Lida und stampfte mit dem Fuß auf. »Das ist nicht deine Sache, nicht dich betrügt man. Und Papa betrügt mich auch nicht, er hat nur Angst . . .« Sie errötete vor Zorn und lief weg.

In der Schule galt sie als eine der mutwilligsten Schülerinnen. Sie lernte ohne Ernst. Wie ihr Bruder brachte sie Schwung in alle Spiele und, wie Klim aus Klagen über sie erfuhr, viel Launenhaftigkeit, viel Sucht, andere auf die Probe zu stellen, und sogar Bosheit. Sie war noch frömmer geworden, besuchte eifrig den Gottesdienst, und in Augenblicken der Nachdenklichkeit blickte sie aus ihren schwarzen Augen so durchdringend auf alles, daß Klim Angst vor ihr empfand.

Ihn behandelte sie beinahe ebenso geringschätzig und ironisch wie die übrigen Knaben. Jetzt bat nicht sie Klim, sondern er sie:

»Komm, wir gehen und plaudern miteinander?«

Sie ließ sich nur selten und ungern darauf ein. Auch erzählte sie Klim nicht mehr von Gott, Katzen und Freundinnen, sondern hörte abwesend seine Berichte über das Gymnasium und seine Urteile über Lehrer, Knaben und gelesene Bücher. Als Klim ihr einmal mitteilte, daß er nicht an Gott glaube, sagte sie verächtlich:

»Das ist Unsinn. In meiner Klasse haben wir ein Mädel, das auch nicht an Gott glaubt, aber das tut sie nur, weil sie bucklig ist.«

Drei Jahre lang kam Igor Turobojew in den Ferien nicht nach Hause, Lida erwähnte ihn nie. Als Klim einmal den Versuch machte, das Gespräch auf ihren treulosen Geliebten zu bringen, schnitt sie kalt ab:

»Über Liebe kann man nur mit einem einzigen sprechen.«

Mit fünfzehn Jahren war Lida lang aufgeschossen, dabei aber zierlich und leicht wie früher, und sie schnellte im Gehen noch immer hoch wie eine Feder. Sie wurde eckig, die Knochen ihrer Schultern und Hüften ragten vor, und obwohl die Brüste sich bereits scharf abzeichneten, waren sie spitz wie Ellenbogen und stachen Klim unangenehm in die Augen. Ihr Gesicht war Klim vertraut. Um so angstvoller war sein Staunen, als er bemerkte, wie in ihren Zügen, die sich ihm so fest eingeprägt hatten, sich etwas Neues und Rätselhaftes zeigte. Zeitweilig war dieses Neue so deutlich sichtbar, daß es Klim trieb, das junge Mädchen zu fragen:

»Was haben Sie?«

Manchmal fragte er: »Was fehlt dir?«

»Nichts«, erwiderte sie mit leichtem Erstaunen, »warum fragst du?«

»Ihr Gesicht ist so anders.«

»Ja? Wie denn?«

Diese Frage konnte er nicht beantworten. Manchmal sagte er ihr »Sie«, ohne darauf zu achten. Sie merkte es auch nicht.

Besonders verwirrte ihn der Ausdruck der Augen in ihrem abweisenden Gesicht. Er war es, der sie in eine Fremde verwandelte. Dieser Blick, scharf und wach, erwartete, suchte, ja forderte, wurde unvermittelt geringschätzig und abstoßend kalt. Seltsam war, daß sie alle Katzen aus ihrer Umgebung verjagt hatte, überhaupt sich in ihrem ganzen Verhältnis zu Tieren ein gewisser krankhafter Abscheu bemerkbar machte. Wenn Pferde wieherten, fuhr sie zusammen, verzog das Gesicht und hüllte sich fröstelnd in ihren Schal. Hunde riefen Widerwillen in ihr hervor. Selbst Hähne und Tauben waren ihr sichtlich unangenehm.

Auch ihr Denken bekam wie ihr Körper etwas Eckiges und scharf Umrissenes.

»Lernen ist langweilig«, sagte sie, »und wozu muß ich auch wissen, was ich selbst niemals anwenden oder sehen werde?«

Eines Tages sagte sie Klim:

»Du weißt viel. Das muß sehr lästig sein.«

Tanja Kulikow, Warawkas Haushofmeisterin, die allem auf der Welt wohlwollend und demütig zulächelte, sprach von Lida, wie Klims Mutter von ihrem prachtvollen Haar:

»Sie ist meine Qual.«

Sie sagte es ohne Ärger, vielmehr zärtlich und liebevoll. Auf ihren Schläfen erschienen graue Haare, auf dem zerknitterten Gesicht das Lächeln eines Menschen, der begreift, daß er in einer unglücklichen Stunde geboren wurde, niemand interessiert und an all dem sehr schuldig ist.

Im Flügel tauchte der lustige Schriftsteller Nestor Nikolajewitsch Katin auf nebst Frau, deren Schwester und einem tollpatschigen Hund, der auf den Namen »Traum« hörte. Der wirkliche Name des Schriftstellers war Pimow, aber er hatte sich ein Pseudonym gewählt und erklärte dies scherzhaft so:

»Bei uns sagt man bekanntlich nicht Nestor, sondern Nester, und ich hätte meine Erzählungen mit Nesterpimow unterzeichnen müssen. Tödlich, nicht wahr? Zudem ist es jetzt Mode, Pseudonyme nach dem Namen seiner Frau zu bilden: Werin, Walin, Saschin, Maschin . . .«

Er war zottig, trug ein krauses Bärtchen, sein Hals war mit Ringellocken dunkler Haare bestickt, und selbst an den Handwurzeln und an den Gelenken der Finger wuchsen ihm kleine Büsche dunkler Wolle.

Lebendig, sehr beweglich, sogar ein wenig unstet und ein unermüdlicher Schwätzer, erinnerte er Klim an seinen Vater. In seinem behaarten Gesicht blitzten lebhaft die kleinen Äuglein, doch argwöhnte Klim trotzdem aus irgendeinem Grunde, daß dieser Mensch heiterer erscheinen wollte, als er war. Beim Sprechen neigte er den Kopf zur linken Schulter, als lausche er seinen eigenen Worten, und seine Ohrmuscheln zuckten ganz leise.

Er gebrauchte die Redewendungen der Kirchensprache und bemühte sich offensichtlich, wenn auch nicht sehr glücklich, damit die Leute zum Lachen zu bringen. Er pries überschwenglich die Schönheit der Wälder und Fluren, das patriarchalische Dorfleben, die Duldsamkeit der Bauernweiber, den Verstand der Bauern und die einfache und weise Seele des Volkes und schilderte, wie diese Seele durch die Stadt vergiftet werde. Oft mußte er seinen Zuhörern Worte erklären, die sie nicht kannten, und bemerkte dann nicht ohne Stolz:

»Ich kenne die Sprache des Volkes besser als Gleb Uspenski. Er verwechselt das Bäurische mit dem Kleinstädtischen, mich wird man nicht dabei erwischen, o nein!«

Nestor Katin trug einen Bauernkittel, umgürtet von einem schmalen Riemen, schob die Hosenbeine in langschäftige Stiefel und trug die Haare kreisrund gestutzt, »à la Mushik«. Er sah aus wie ein Handwerker, der gut verdient und flott lebt. Beinah an jedem Abend besuchten ihn ernste, tiefsinnige Menschen. Klim schien, daß sie alle sehr stolz und über irgend etwas gekränkt waren. Sie tranken Tee und Branntwein und aßen dazu Gurken, Wurst und eingemachte Pilze. Der Schriftsteller rollte sich in merkwürdiger Weise bald zusammen, bald wieder auseinander, lief im Zimmer auf und ab und sagte:

»Ja, ja, Stepa, die Literatur hat sich dem Leben entfremdet, sie ist dem Volk untreu geworden. Jetzt schreibt man hübsche Nichtigkeiten zum Ergötzen satter Bäuche. Das Gefühl für Wahrheit ist verlorengegangen.«

Stepa, ein breitschultriger, graubärtiger Mann, saß stets abseits von den anderen, rührte schwermütig mit dem Löffel im Tee, nickte nur zustimmend mit dem Kopf und schwieg stundenlang. Plötzlich begann er zu reden, in gleichmäßigen Abständen und mit klangloser Stimme: Von den Nöten der Volksseele, den Pflichten der Intelligenz und besonders viel vom Verrat der Kinder am Vermächtnis der Väter. Klim fiel auf, daß der Sachverständige für die Pflichten der Intelligenz das Weiche vom Brot verschmähte und sich an die Rinde hielt, Tabakrauch nicht leiden konnte und Branntwein trank, ohne seinen Abscheu davor zu verbergen, gleichsam nur aus Pflichtgefühl.

»Du hast recht, Nestor, man vergißt, daß das Volk die Substanz, das heißt, der Grund aller Dinge ist, und jetzt tritt man mit der Lehre von den Klassen, mit einer deutschen Lehre auf . . . Hm . . .«

Makarow fand, daß dieser Mensch etwas von einer Milchamme hatte. Er sagte das so lange, bis es auch Klim so schien. Gewiß, Stepa hatte ungeachtet seines Bartes Ähnlichkeit mit einem vollbusigen Weib, das gemietet wird, um mit seiner Milch fremde Kinder zu nähren.

Sonntags versammelte sich die Jugend bei Katin, die ernsten Gespräche wichen Gesang und Tanz. Der blatternarbige Seminarist Saburow breitete langsam die Arme in der verqualmten Luft aus, als schwimme er im Stehen, und sein angenehmer Bariton empfahl dringend:

»Geh an die Wolga hinaus!«

»Wessen Stöhnen . . .« fiel nicht sehr melodisch der Chor ein. Die Erwachsenen sangen feierlich, psalmodierend, der frohe Tenor des Schriftstellers klang schrill. In dem langsamen Gesang lag etwas Kirchliches, an eine Seelenmesse Erinnerndes. Fast immer wurde nach dem Gesang geräuschvoll Quadrille getanzt. Am lautesten lärmte der Schriftsteller, der gleichzeitig das Orchester und den Dirigenten machte. Mit seinen kurzen Beinchen stampfte er den Takt, bediente mit großer Kunst eine billige Harmonika und kommandierte schneidig:

»Die Kavaliere durch die Damen hindurch! Laß die eigene sausen, pack die fremde!«

Damit brachte er alle zum Lachen. Der Schriftsteller, der sich immer mehr erhitzte, sang nun zur Harmonika im Rhythmus der Quadrille:

»Die Kinder kommen in die Hütte gelaufen,
Rufen eilig den Vater.
Vater, Vater, in unseren Netzen
Hat sich ein Leichnam gefangen.«

Warawka nannte ärgerlich diese Lustbarkeit »Ball der Fische«.

Klim hatte den Eindruck, daß der Schriftsteller sich mit Anspannung aller Kräfte und geradezu verzweifelt amüsierte. Er hüpfte, zuckte mit allen Gliedern und schwitzte. In dem Wunsch, einen verwegenen Kerl darzustellen, stieß er Schreie aus, die nicht seine eigenen waren, mühte sich ab, die Tanzenden zu erheitern und ächzte, wenn er es erreicht hatte, erlöst: »Puh!«

Alsdann stürzte er sich von neuem an die Arbeit, sie mit sinnlosen Redensarten und komischen Sprüngen zu belustigen, und zwinkerte seiner Frau zu, die, ein schläfriges Lächeln in dem Puppengesicht, selbstvergessen die Figuren der Quadrille ausführte.

»Ei du Weichherzige!« schrie ihr Mann ihr zu.

Seine Frau, rundlich, rosig und schwanger, war zu allen von unerschöpflicher Zärtlichkeit. Mit kleiner, aber lieblicher Stimme sang sie zusammen mit ihrer Schwester ukrainische Volkslieder. Die Schwester, mit langer Nase, lebte mit geschlossenen Augen, als fürchte sie etwas Erschreckendes zu sehen. Sie goß schweigsam und akkurat Tee ein, bot Imbiß herum, und nur ganz selten vernahm Klim ihre tiefe Stimme:

»Das ja!« Oder: »Daran ist schwer zu glauben.«

Sie sprach nur selten mehr als diese beiden Sätze.

Klim fühlte sich ganz gut in der Gesellschaft dieser spaßigen und neuen Menschen, in dem mit lustigen, hellen Tapeten bekleideten Zimmer. Alles ringsumher war unordentlich wie bei Warawka, aber harmlos. Von Zeit zu Zeit erschien Tomilin. Langsam, mit feierlichem Schritt, stelzte er über den Hof, ohne einen Blick in die Fenster der Samgins zu werfen. Beim Eintreten drückte er den Leuten stumm die Hand, setzte sich in die Ofenecke, senkte den Kopf auf die Brust und lauschte den Diskussionen oder Liedern. Eilig lief Tanja Kulikow herbei. Ihr unbedeutendes, nur schwer in der Erinnerung haftendes Gesicht lief bei Tomilins Anblick so dunkel an wie Fayenceteller im Alter dunkeln.

»Wie geht es Ihnen?« fragte sie.

»Ganz leidlich«, erwiderte Tomilin leise und anscheinend ungehalten.

Ein oder zwei Mal kam auch Warawka selbst, sah sich die Sache an, hörte zu und sagte zu Hause mit einer abwinkenden Geste zu Klim und seiner Tochter:

»Die übliche russische Kwasküche. Eine Jahrmarktsbude, wo Kunststücke gezeigt werden, die längst aus der Mode sind.«

Klim fand diese Bemerkung sehr treffend. Seitdem schien ihm, daß in den Flügel alles zusammengefegt worden sei, was vor zehn Jahren die Gemüter im Hause aufgewühlt hatte. Gleichwohl sah er ein, daß es für ihn von Nutzen, wenn auch manchmal langweilig war, den Schriftsteller zu besuchen. Es erinnerte gewissermaßen an das Gymnasium, mit dem Unterschied jedoch, daß die Lehrer nicht ärgerlich wurden, ihre Schüler nicht anschrien, sondern sie mit unzweifelhaftem und heißem Glauben an ihre Kraft in der Wahrheit unterrichteten. Dieser Glaube sprach beinahe aus jedem Wort, und obwohl er Klim nicht hinzureißen vermochte, trug er doch einige Gedanken und treffende Aussprüche aus dem Flügel davon, außerdem aber etwas, was nicht klar war, was er aber brauchte. Er nannte es Menschenkenntnis.

Makarow trank andächtig Schnaps und aß dazu knirschende saure Gurken. Von Zeit zu Zeit flüsterte er Klim etwas Erbostes ins Ohr:

»Das Vermächtnis der Väter! Mein Vater vermachte mir: lerne, du Taugenichts, sonst jage ich dich aus dem Hause, und du kannst Landstreicher werden! Na schön, ich lerne, aber ich glaube nicht, daß man an diesem Ort etwas lernen kann.«

Man machte den jungen Leuten den Hof, aber das genierte sie. Makarow, Ljuba Somow und selbst Klim saßen stumm und gedrückt da, und Ljuba bemerkte einmal seufzend:

»Wenn sie reden, ist es, als praßle ein Regenguß herab. Ich muß den Regenschirm aufspannen und kann nicht hören, was ich denke.«

Einzig Iwan Dronow stellte aufdringlich und in unnötig kreischendem Ton Fragen nach der Intelligenz und nach der Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte. Fachmann für diese Fragen war jener Mensch, der an eine Milchamme erinnerte. Unter allen Freunden des Schriftstellers schien er Klim derjenige, der am tiefsten gekränkt war.

Bevor er eine Frage beantwortete, überflog dieser Mensch alle Anwesenden mit hellen Augen und krächzte zögernd, beugte sich alsdann nach vorn, streckte seinen Hals aus und zeigte hinter dem linken Ohr eine nackte, knochige Beule von der Größe einer kleinen Kartoffel.

»Dies ist eine Frage von tiefster, allgemein menschlicher Bedeutung«, hub er mit hoher, aber ein wenig müder und klangloser Stimme an. Der Schriftsteller Katin erhob, um auf den bedeutsamen Moment aufmerksam zu machen, die Hand und die Augenbrauen und überflog gleichfalls die Anwesenden mit einem Blick, der beredt »Ruhe! Aufmerksamkeit!« heischte.

»Nirgends in der Welt aber wird diese Frage so zugespitzt wie bei uns in Rußland, nennen wir doch eine Kategorie Menschen unser eigen, die nicht einmal der hochgezüchtete Westen hervorbringen konnte. Ich spreche eben von der russischen Intelligenz, von jenen Menschen, deren Los Kerker, Sibirien, Zuchthaus, Folter und Galgen ist«, redete bedächtig dieser Mensch. Klim witterte im Ton seiner Reden immer etwas Eigentümliches, es war, als versuche der Redner gar nicht erst seine Zuhörer zu überzeugen, sondern begnüge sich mit dem hoffnungslosen Versuch, sie zu überreden. Die Worte »Zuchthaus«, »Folter« gebrauchte er so oft und geläufig, als wären es die gewöhnlichsten Ausdrücke. Klim gewöhnte sich daran, sie zu hören, ohne ihren schrecklichen Inhalt zu empfinden. Makarow, der alle immer skeptischer betrachtete, flüsterte:

»Er redet so, als wäre das alles vor dreihundert Jahren geschehen. Der Amme ist die Milch geronnen.«

Aus einer Ecke blickten Tomilins weiße Augen unverwandt auf die »Amme«. Leise erkundigte er sich von Zeit zu Zeit:

»Sie beschuldigen Marx, die Persönlichkeit aus der Geschichte gestrichen zu haben. Aber hat nicht das gleiche in ›Krieg und Frieden‹ Leo Tolstoi getan, der doch als Anarchist gilt?«

Auch hier war Tomilin unbeliebt. Man antwortete ihm wortkarg und achtlos. Klim fand, daß dies dem rothaarigen Lehrer gefiel, und daß er sie absichtlich reizte. Einmal schleuderte Katin eine Zeitschrift, nachdem er über einen darin veröffentlichten Aufsatz geschimpft hatte, auf die Fensterbank. Das Heft fiel auf den Fußboden. Tomilin sagte:

»Ein Heiligenbild würden Sie, obzwar Sie ungläubig sind, nicht so verächtlich in die Ecke geschleudert haben, und dabei steckt mehr Seele in einem Buch als in einer Ikone.«

»Seele?« fragte verlegen und ärgerlich der Schriftsteller und fügte ungeschickt, aber noch unwilliger hinzu:

»Was hat das mit Seele zu tun? Es ist ein publizistischer Artikel, der sich auf statistische Daten stützt. Seele!«

Der Schriftsteller war ein leidenschaftlicher Jäger und Naturschwärmer. Wohlig blinzelnd, schmunzelnd und seine Worte mit einer Menge kleiner Gesten unterstreichend, erzählte er von jungfräulichen Birken, der versonnenen Stille der Waldschluchten, den bescheidenen Blümchen der Auen und dem hellen Gesang der Vögel, und erzählte es so, als habe er als Erster all das gesehen und belauscht. Während er die Handflächen in der Luft bewegte wie ein Fisch die Schwimmflossen, schwelgte er in Rührung:

»Und allüberall ist das unbesiegbare Leben, alles strebt empor zum Himmel und spottet des Gravitationsgesetzes!«

Tomilin erkundigte sich händereibend:

»Sie, der Sie so rührend von Ihrer Liebe zu allem Lebendigen zu sprechen wissen, wie kommt es, daß Sie aus bloßem Vergnügen am Mord Hasen und Vögel töten? Wie ist das miteinander vereinbar?«

Der Schriftsteller wandte ihm die Seite zu und sagte barsch:

»Auch Turgeniew und Nekrassow waren Jäger. Ebenso Tolstoi in seiner Jugend, überhaupt viele bedeutende Geister. Sie sind wohl ein Anhänger Tolstois?«

Tomilin lächelte spöttisch und rief das verständnisinnige Lächeln Klims hervor. Ihm wurde dieser unabhängige Mann, der gelassen und eigensinnig, ohne jemand nachzugeben, treffliche Worte, die sich einprägten, zu sagen wußte, immer mehr zum Vorbild.

Krampfhaft mit den Armen fuchtelnd und vor Eifer bis zu den Schultern errötend, entkleidete der Schriftsteller die russische Geschichte ihres ehrwürdigen Schimmers und stellte sie als eine lastende, endlose Kette lächerlicher, schmutziger und alberner Anekdoten dar. Über das Lächerliche und Dumme daran lachte er selbst als erster, wenn er aber auf die Grausamkeiten der Regierung zu sprechen kam, preßte er seine Faust gegen die Brust oder fuhr mit ihr in der Herzgegend herum. Stets war es peinlich zu sehen, daß er nach seiner flammenden Rede ein Glas Branntwein hinunterstürzte, das er mit einer dick mit Senf bestrichenen Brotrinde würzte.

»Lesen Sie die ›Geschichte von Dummenstadt‹«, riet er, »das ist die wahre und ungeschminkte Geschichte Rußlands.«

Makarow hörte die Reden des Schriftstellers an, ohne ihn anzusehen. Er preßte die Lippen fest aufeinander und bemerkte dann zu den Kameraden:

»Weshalb prahlt er damit, daß er unter Polizeiaufsicht steht? Als hätte er im Betragen ›Sehr gut‹ erhalten.«

Ein anderes Mal beobachtete er, wie der Schriftsteller sich wand und krümmte und sagte zu Lida:

»Sehen Sie, unter welchen Wehen die Wahrheit geboren wird?«

Lida runzelte die Stirn und rückte von ihm ab.

Sie besuchte selten den Flügel. Schon nach dem ersten Besuch, – sie hatte den ganzen Abend an der Seite der freundlichen und stimmlosen Schriftstellersgattin zugebracht –, sagte sie befremdet:

»Warum schreien die so? Schon denkt man, sie werden gleich aufeinander losschlagen, da setzen sie sich zu Tisch, trinken Tee und Schnaps und kauen Pilze . . . Die Frau des Schriftstellers hat mir die ganze Zeit die Schulter gestreichelt, als wäre ich eine Katze . . .«

Lida schauderte zusammen, furchte die Brauen und fügte fast mit Ekel hinzu:

»Und dann, ihr Bauch! Ich kann Schwangere nicht ausstehen!«

»Ihr alle seid böse!« rief Ljuba Somow. »Mir aber gefallen diese Menschen. Sie gleichen dem Koch in der Küche vor einem hohen Feiertag, – Ostern oder Weihnachten.«

Klim sah das unschöne Mädchen mißbilligend an. Neuerdings mußte er feststellen, daß Ljuba klüger wurde, und dies berührte ihn aus irgendeinem Grunde unsympathisch. Aber es gefiel ihm sehr, zu sehen, daß Dronow seine Selbstgefälligkeit verlor, und auf seinem eingefallenen, sorgenvollen Gesicht Züge der Trübsal hervortraten. In seine kreischenden Fragen mischte sich jetzt eine Note des Ärgers, und er lachte zu lange und zu laut, als Makarow, der ihm etwas erzählte, scherzte:

»Nun, Iwan? Spürst du's, wie die Wissenschaft die Jünglinge foltert? Und dennoch, Brüder, was ist die Intelligenz?« forschte er.

Klim dozierte mit den Worten Tomilins:

»Die Intelligenz, das sind die Besten des Landes, Menschen, auf deren Schultern die Verantwortung für alles Schlechte lastet.«

Sogleich fiel Makarow ein:

»Also sind es jene Gerechten, um deretwillen Gott bereit war, Sodom und Gomorrha oder sonst was Verhurtes zu schonen? Diese Rolle ist nichts für mich. Nein.«

»Gut gesagt«, dachte Klim, und, um sich das letzte Wort zu sichern, erinnerte er an Warawkas Ausspruch:

»Es gibt da auch einen anderen Gesichtspunkt: ein Intelligenzler ist ein hochqualifizierter Arbeiter, und damit basta.«

Doch Makarow erriet sofort:

»Das riecht nach Warawka.«

Das Gefühl heimlicher Abneigung gegen Makarow wuchs in Klim, Makarow pfiff laut und frech vor sich hin und sah auf alles mit den Augen eines Menschen, der soeben aus einer großen Stadt in eine kleine kommt, in der es ihm nicht gefällt.

Er gab oft und geläufig nicht weniger bemerkenswerte Aussprüche und Meinungen von sich als Warawka und Tomilin. Klim war eifrig bemüht, die Gabe eigener Worte in sich zu entwickeln, fühlte aber fast immer, daß sie entfernt nach dem Echo fremder klangen. Es wiederholte sich das gleiche, was sich mit den Büchern ereignete: Klims Wiedergabe war ausführlich und genau, aber die Leuchtkraft war verschwunden, während Makarow auch das Fremde zur rechten Zeit und lebendig zu erzählen wußte.

Einmal besuchte er mit Makarow und Lida das Konzert eines Pianisten. Aus dem Portal des Gouverneurpalais geleiteten zwei Stutzer feierlich die unförmig dicke, alte Gouverneursgattin am Arm hinaus und hoben sie mit Mühe in die Equipage.

Seufzend sagte Makarow zu Lida:

»Puschkin hat recht: Die beseeligende Aufmerksamkeit der Frauen ist fast das einzige Ziel unserer Anstrengungen.«

Lida lächelte zögernd, vielleicht auch widerwillig. Klim verspürte aufs neue den Stachel des Neides.

Ihn reizten die rätselhaften Beziehungen Lidas zu Makarow. Etwas an ihnen war verdächtig: Makarow, verwöhnt durch die Beachtung der Gymnasiastinnen, nahm Lida gleichwohl mit einem ihm sonst nicht eigenen Ernst aufs Korn, obgleich er für sie den gleichen ironischen Ton hatte wie für seine Verehrerinnen. Lida aber unterstrich offenkundig und zuweilen in recht schroffer Form, daß sie Makarow nicht mochte. Doch gleichzeitig bemerkte Klim, daß ihre gelegentlichen Begegnungen sich häuften. Klim kam sogar auf den Gedanken, daß sie auch den Schriftsteller nur aufsuchten, um einander zu sehen.

In diesem Verdacht bestärkte ihn eine sonderbare Szene im Stadtpark. Er saß mit Lida in einer Allee alter Linden auf der Bank. Die zottige Sonne tauchte ins Chaos bläulicher Wolken und entzündete ihre wuchtige Pracht mit blutigem Feuer. Auf dem Fluß schaukelten kupferrote Reflexe, rötete sich der Rauch der Fabrik jenseits des Flusses, entflammten grell in purpurnem Gold die Scheiben des Eiskiosk. Ein herbstlich wehmütiger Schauer liebkoste Samgins Wangen.

Klim fühlte sich bedrückt und innerlich aufgewühlt. Der farbensatte Fluß gemahnte ihn an Boris' Tod, in seiner Erinnerung tönte hartnäckig:

»War denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Es drängte ihn, Lida etwas Bedeutendes und Angenehmes zu sagen. Er versuchte es schon einige Male, aber es gelang ihm nicht, das Mädchen seiner tiefen Nachdenklichkeit zu entreißen. Ihre schwarzen Augen sahen unverwandt auf den Fluß und die flammenden Wolken. Klim erinnerte sich plötzlich an eine Legende, die ihm Makarow erzählt hatte.

»Weißt du«, fragte er, »Clemens von Alexandrien behauptete, daß die Engel, wenn sie vom Himmel herabsteigen, Liebesabenteuer mit den Töchtern der Menschen unterhalten.«

Lida sagte, ohne den Blick von der Ferne loszureißen, gleichgültig und leise:

»Das Kompliment eines Heiligen ist nicht viel wert, denke ich.«

Ihre Gleichgültigkeit verwirrte Klim. Er verstummte und grübelte über den Grund nach, weshalb dieses gar nicht hübsche, launenhafte Mädchen ihn so oft aus der Fassung brachte. Sie tat nichts als ihn irritieren.

Plötzlich erschien Makarow in seinem vertragenen Mantel und abgetretenen Schuhen, die Mütze in den Nacken geschoben. Er sah aus wie einer, der soeben irgendwo entlaufen ist und nicht mehr weiterkann, und dem jetzt alles gleich ist.

»Er verläßt sich auf seine freche Visage«, dachte Klim.

Makarow reichte dem Kameraden stumm die Hand, fuchtelte in der Luft herum und grüßte Lida unerwartet, aber nicht komisch, indem er militärisch zwei Finger an den Mützenschirm legte. Dann rauchte er sich eine Zigarette an, nickte in die Richtung der Feuersbrunst des Sonnenuntergangs und fragte Lida:

»Schön, wie?«

»Etwas ganz Gewöhnliches«, entgegnete sie, stand auf, sagte: »Ich gehe zu Alina«, und verließ die beiden. Mit ihrem federnden Gang entfernte sie sich zwanzig Schritte. Makarow sagte leise:

»Wie zierlich sie ist! Eine Nadel. Übrigens ein seltsamer Name – Warawka.«

Unverhofft wandte Lida sich schroff um und setzte sich wieder neben Klim.

»Ich hab es mir überlegt.«

Makarow schob seine Mütze zurecht, lächelte ironisch und beugte den Rücken vor.

Sogleich spielte sich etwas ab, was Klim schmerzlich erstaunen ließ. Makarow und Lida sprachen aufeinander ein, als hätten sie sich bitter erzürnt und seien froh über die Gelegenheit, sich noch einmal zu zanken. Zornig musterten sie einander und wählten ihre Worte ohne ihren Wunsch, einander zu verletzen und zu kränken, zu verheimlichen.

»Schön ist, was mir gefällt«, sagte Lida schnippisch, und Makarow widersprach ironisch.

»Was Sie sagen? Ist das nicht ein bißchen wenig?«

»Vollkommen genug, um schön zu sein.«

Zwischen ihnen eingeklemmt, bemerkte Klim:

»Spencer definiert die Schönheit . . .«

Aber man hörte ihn nicht. Sie fielen einander ins Wort und stießen ihn dabei hin und her. Makarow nahm seine Mütze ab und stieß Klim mit ihrem Schirm zweimal schmerzhaft gegen das Knie. Seine zweifarbigen widerspenstigen Haare sträubten sich und verliehen seinem höckernasigen Gesicht einen fremden, beinahe raubtierhaften Ausdruck. Lida, die fortwährend am Ärmel von Klims Mantel zerrte, fletschte die Zähne zu einem argen Lächeln. Auf ihren Wangen leuchteten rote Flecke auf, ihre Ohren färbten sich tief, ihre Hände zitterten. Nie hatte Klim sie so böse gesehen.

Er sah sich in der demütigen Lage eines Menschen, der nicht mitzählt. Einige Male war er im Begriff, aufzustehen und sich zu entfernen, blieb aber doch und hörte verwundert Lida zu. Sie liebte Bücher nicht. Woher wußte sie, wovon sie sprach? Sie war überhaupt nicht gesprächig und ging Diskussionen aus dem Wege. Einzig mit der üppigen Schönheit Alina Telepnew und vielleicht noch mit Ljuba Somow unterhielt sie sich ganze Stunden, indem sie ihnen leise und mit Ekel im Gesicht etwas sehr Geheimnisvolles mitteilte. Für die Gymnasiasten empfand sie gleichfalls Widerwillen und suchte es nicht zu verheimlichen. Klim hatte den Eindruck, daß sie sich mindestens zehn Jahre älter als ihre Alterskameraden fühlte. Mit Makarow jedoch, der, nach Klims Ansicht, unverschämt gegen sie war, stritt sie nun mit einer Erbitterung, die nicht weit von Jähzorn entfernt war, so wie man mit einem Menschen streitet, den niederzuringen und zu demütigen Ehrensache ist.

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen«, sagte er ärgerlich, um sich bemerkbar zu machen.

Lida erhob sich sogleich, wobei sie sich kriegerisch aufrichtete.

»Sie spielen sehr schlecht den Originellen, Makarow«, sagte sie schnell, doch offenbar milder.

Makarow stand auf, verbeugte sich und führte die Hand mit der Mütze zur Seite, wie das miserable Schauspieler machen, wenn sie französische Marquis spielen.

Das Mädchen erwiderte mit einem Runzeln ihrer Augenbrauen und entfernte sich rasch an Klims Arm.

»Warum bist du so wütend geworden?« fragte er. Sie steckte ihr Haar, das über die Ohren geglitten war, zurück und sagte empört:

»Nicht leiden kann ich diese . . . diese Nihilisten. Er posiert . . . raucht . . . Die Haare sind buntscheckig und die Nase krumm. Er soll ein recht schmutziger Bengel sein.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, vermerkte sie jedoch sogleich auch die Tugenden des von ihr Verurteilten.

»Schlittschuh läuft er wundervoll.«

Nach dieser Szene empfand Klim etwas wie Hochachtung vor diesem Mädchen, vor ihrem Verstand, der sich ihm so unerwartet erschlossen hatte. Diese Empfindung wurde noch gesteigert durch die Ausfälle von Mißtrauen und die Achtlosigkeit, womit Lida ihm zuhörte. Manchmal besorgte er, Lida könne ihm auf irgendeine Weise hereinlegen, ihn entlarven. Schon längst hatte er bemerkt, daß Gleichaltrige ihm gefährlicher waren als Erwachsene. Sie waren schlauer und mißtrauischer, während der Dünkel der Erwachsenen unbegreiflicherweise mit Arglosigkeit verbunden war.

Doch wenn er Lida gelegentlich auch fürchtete, empfand er doch keine Abneigung gegen sie, im Gegenteil, das Mädchen flößte ihm den Wunsch ein, ihr zu gefallen, ihr Mißtrauen zu besiegen. Er wußte, verliebt war er nicht in sie, in dieser Hinsicht machte er sich nichts vor. Er kannte noch nicht das Verlangen, jungen Mädchen den Hof zu machen, und die Regungen des Geschlechts bedrängten ihn nicht allzu heftig. Die üblichen zahlreichen Liebesaffären der Gymnasiasten mit den Gymnasiastinnen nötigten ihm nur ein mitleidiges Lächeln ab. Für sich hielt er solche Liebesromane für unmöglich, da er überzeugt war, ein Jüngling, der eine Brille trug und ernste Bücher las, müsse in der Rolle des Verliebten lächerlich sein. Er hörte sogar auf zu tanzen, da er fand, daß Tanzen unter seiner Würde sei. In Gesellschaft der jungen Mädchen, die er kannte, befleißigte er sich eines trocknen Wesens, kühler Höflichkeit, die er sich von Igor Turobojew angeeignet hatte, und als Alina Telepnew mit Begeisterung erzählte, wie Ljuba Somow und der Telegraphist Inokow sich auf der Eisbahn geküßt hatten, schwieg Klim aufgeblasen, nur, damit man ihn nicht der Neugier für verliebte Albernheiten verdächtigen konnte. Um so grausamer fühlte er sich getroffen, als er eines Tages entdeckte, daß er verliebt war.

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