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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Zweites Kapitel.

In seinem siebzehnten Lebensjahr war Klim Samgin ein schlanker Jüngling von mittlerem Wuchs. Er bewegte sich bedächtig, gesetzt, sprach nicht viel und legte Wert darauf, seine Gedanken genau und einfach auszudrücken, wobei er seine Redewendungen mit maßvollen Gesten seiner sehr weißen und langen Musikerhände zu unterstreichen pflegte. Sein scharfes, spitznasiges Gesicht zierte eine rauchgraue Brille, die den mißtrauischen Glanz der hellblauen, kalten Augen verdeckte, während die dünnen, aber rauhen und nach der Mode kurz geschnittenen Haare und die adrette Uniform seine Ehrbarkeit hervorhoben. Ohne sich durch besondere Erfolge in den Wissenschaften auszuzeichnen, bestach er die Lehrer durch Wohlerzogenheit und gesetztes Benehmen. Er besuchte die Obersekunda, hielt sich jedoch von seinen Klassenkameraden fern. Freunde hatte er erst in den beiden letzten Klassen. Bekannt war, was Vater Tichon, der Religionslehrer, der wegen seines durchdringenden Verstandes berühmt war, auf der Lehrerkonferenz über Klim sagte:

»Die Saite seines Verstandes ist wohltönend und hoch gestimmt. Vor allem aber schätze ich an ihm sein vorsichtiges, ja skeptisches Verhältnis gegenüber jenen eitlen Zerstreuungen, denen unsere Jugend sich so bereitwillig hinzugeben pflegt.«

Xaveri Rziga, der nicht gealtert, doch um so mehr eingetrocknet war, schärfte Klim ein:

»Ohne an deiner Vernünftigkeit zu zweifeln, muß ich dir dennoch sagen, daß du Freunde hast, die imstande sind, dich bloßzustellen. Ich bezeichne Iwan Dronow und Makarow. Ich habe gesprochen.«

Klim verbeugte sich korrekt und stumm vor dem Inspektor. Er kannte seine Kameraden natürlich besser als Rziga, und wenngleich er keine besonderen Sympathien für sie hegte, weckten doch beide seine Verwunderung. Dronow saugte immer noch unermüdlich und gierig alles in sich ein, was einzusaugen war. Er lernte vorzüglich und galt als die Zierde des Gymnasiums. Aber Klim wußte, daß die Lehrer Dronow ebenso haßten, wie Dronow insgeheim sie haßte. Nach außenhin begegnete Dronow nicht nur den Lehrern, sondern selbst gewissen Schülern, Söhnen einflußreicher Persönlichkeiten, schmeichlerisch, doch durch seine lobhudelnden Reden und sein scherzendes Lächeln klangen beständig die bald giftigen, bald geringschätzigen Anspielungen eines Menschen, der seinen wahren Wert genau kennt.

Vater Tichon charakterisierte ihn so:

»Besagter Dronow Iwan ist einem Kundschafter im Lande Kanaan vergleichbar.«

Sein eingedrückter Schädel schien Dronow gehindert zu haben, in die Höhe zu wachsen. Er geriet in die Breite. Nach wie vor ein winziges Menschlein, war er breitschultrig geworden. Seine Knochen ragten links und rechts heraus, die Krummheit seiner Beine fiel stärker ins Auge, er bewegte die Ellenbogen so, als müsse er sich immer durch ein dichtes Gedränge Bahn brechen. Klim Samgin fand, ein Buckel würde der sonderbaren Figur Dronows nicht nur nicht abträglich gewesen sein, sondern ihr geradezu Vollendung verliehen haben.

Dronow wohnte in dem Zwischenstock, in dem einst Tomilin gehaust hatte. Das Zimmer war vollgepackt mit Pappschachteln, Herbarien, Mineralien und Büchern, die Iwan seinem rothaarigen Lehrer entführte. Er hatte die Lust am Phantasieren nicht verloren, doch jetzt stand sie ihm nicht mehr. Klim schien sogar, Dronow tue sich Gewalt an, wenn er phantasierte. Er hatte seine Absicht, »besser als Lomonossow« zu werden, nicht vergessen und erinnerte von Zeit zu Zeit selbstgefällig daran. Klim fand, daß Dronows Kopf eine alles verschlingende Müllgrube geworden war, wie der Kopf Tanja Kulikows, und staunte über seine Fähigkeit, unersättlich »geistige Nahrung« hinunterzuschlingen, wie der Schriftsteller Nestor Katin, der jetzt den Flügel bewohnte, sagte. Aber in Klims Verwunderung mischte sich zuweilen das eigentümliche Gefühl, als bestehle ihn Dronow. Dronow hatte aufgehört, sich die Nase zu kratzen, dafür grunzte er in einer besonderen, besorgten und zerstreuten Weise:

»Hrumm . . . weißt du, wie das Auge entstanden ist?« fragte er, »Das erste Auge? Da kriecht dir so ein blindes Wesen umher, sagen wir ein Wurm. Wie, denkst du, ist es sehend geworden?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Klim, mit anderen Gedanken beschäftigt.

»Gewiß durch den Schmerz. Es stößt mit seinem vorderen Ende, mit dem Schädel, auf allerlei Hindernisse, empfindet den Schmerz der Stöße, und an ihrer Stelle bildet sich das Sehorgan, wie?«

»Kann sein«, stimmte Klim zögernd zu.

»Das werde ich entdecken«, verhieß Dronow.

Er las Bokel, Darwin, Setschenow, die Apokryphen und die Schriften der Kirchenväter, las die »Genealogie der Tataren« des Abdul Hazi Bagadur Khan und nickte beim Lesen heftig, als picke er aus den Seiten des Buches bemerkenswerte Tatsachen und Gedanken heraus. Samgin hatte den Eindruck, daß seine Nase dadurch ein wenig sichtbarer und sein Gesicht noch flacher wurde. In den Büchern stand nichts von den seltsamen Fragen, die Iwan so erregten. Er erdachte sie, um die Eigenartigkeit seines Verstandes hervorzuheben.

»Ein Gaul«, sagte Makarow von ihm.

Makarow war gleichfalls eine Zierde des Gymnasiums und sein Held. Während zweier Jahre führte er mit den Lehrern einen grausamen Kampf wegen eines Knopfes. Er besaß die Angewohnheit, an den Knöpfen seiner Uniform zu drehen. Wenn er seine Lektion hersagte, hielt er eine Hand am Kinn und drehte am Kragenknopf, der immer baumelte, und häufig riß er ihn unter den Augen des Lehrers ab und steckte ihn in die Tasche. Man bestrafte ihn, man sagte ihm, wenn sein Rockkragen ihn am Halse drücke, solle er ihn weiter machen. Es half nichts. Er hatte überhaupt eine Menge Laster: nichts konnte ihn veranlassen, sich die Haare schneiden zu lassen, wie er es nach der Vorschrift tun mußte, und von seinem von beulenartigen Erhöhungen bedeckten Schädel standen nach allen Seiten hin zweifarbige – dunkelblonde und helle – Haarwirbel ab. Man konnte denken, trotz seiner achtzehn Jahre ergraue er schon. Es war bekannt, daß er unmäßig rauchte und in schmutzigen Spelunken Billard spielte.

Er wurde aus einer anderen Stadt in die Untersekunda aufgenommen, entzückte schon bald drei Jahre die Lehrer durch seine Fortschritte und verwirrte und reizte sie durch sein Betragen. Mittelgroß, schlank und stark, hatte er den federnden Gang eines Zirkusartisten, sein Gesicht war nicht russisch, höckernasig, scharf umrissen und gemildert durch ein Paar frauenhaft sanfte Augen und das wehmütige Lächeln seiner schönen, leuchtenden Lippen. Auf der Oberlippe sproßte bereits dunkler Flaum.

Klim begriff die Freundschaft dieser beiden allzu ungleichen Menschen nicht. Dronow erschien neben Makarow noch häßlicher und fühlte dies wohl selbst. Er sprach zu Makarow mit einer bösartig kreischenden Stimme und im Ton eines Menschen, der einen Angriff erwartet und sich zur Verteidigung bereit macht, streckte hochmütig die Brust heraus, warf den Kopf zurück, und seine irren Augen verharrten wachsam, argwöhnisch und gleichsam gefaßt auf etwas Ungewöhnliches. Dagegen beobachtete Klim in Makarows Verhalten zu Dronow durchdringende Neugier, vereint mit der beleidigenden Achtlosigkeit des Erfahrenen und Sehenden gegenüber einem Halbblinden. Klim hätte eine solche Behandlung nicht geduldet. Dronow hielt Makarow Drapers Buch »Katholizismus und Wissenschaft« unter die Augen und krähte aufdringlich:

»Hier wird behauptet, die Mönche seien Feinde der Wissenschaft, während doch Giordano Bruno, Campanella, Morus . . .«

»Schmeiß doch den ganzen Krempel in die Ecke«, riet Makarow, der eine Zigarette rauchte.

»Ich will die Wahrheit wissen«, beharrte Dronow und sah Makarow argwöhnisch und unfreundlich an.

»Erkundige dich danach bei Tomilin oder Katin, die werden sie dir sagen«, erklärte, Rauchwolken ausstoßend, gleichmütig Makarow.

Eines Tages fragte Klim:

»Gefällt Dronow dir?«

»Gefallen – nein«, entgegnete Makarow bestimmt. »Aber es steckt etwas aufreizend Unverständliches in ihm, und das will ich enträtseln.«

Er dachte nach und sagte lässig:

»Mit seiner Visage lebt es sich schwer.«

»Warum?«

»Na, er muß sich gut kleiden, einen besonderen Hut tragen, mit einem Stöckchen spazieren. Was halten sonst die Mädels von so einem? Die Hauptsache, mein Lieber, sind die Mädels und die lieben Spazierstöckchen, Säbel oder Gedichte.«

Nach diesen Worten begann Makarow leise durch die Zähne zu pfeifen.

Klim Samgin eignete sich gern fremde Gedanken an, sofern sie nur den Menschen, auf den sie sich bezogen, einfacher erscheinen ließen. Vereinfachende Gedanken erleichterten einem es sehr, eine eigene Meinung zu haben. Er hatte gelernt, seine Meinung kunstvoll zwischen Ja und Nein in der Schwebe zu halten, und dies gab ihm das Renommee eines Menschen, der es versteht, unabhängig zu denken und sozusagen auf Rechnung seines eigenen Verstandes zu leben.

Seit Makarows Urteil über Dronow kam er endgültig zu dem Schluß, daß Dronows Suchen nach der Wahrheit nur das Bestreben der Krähe war, sich mit Pfauenfedern zu schmücken. Da er selbst in dem ruhelosen Strom dieses Bestrebens trieb, kannte er sehr wohl seine Gewalt und zwingende Kraft.

Er hielt seine Kameraden für dümmer als sich, sah aber gleichzeitig, daß sie begabter und interessanter waren. Er wußte, daß der weise Priester über Makarow gesagt hatte:

»Ein glänzender Jüngling. Man vergesse aber nicht den feinen Ausspruch des berühmten Hans Christian Andersen: Gold und Silber vergeht, Schweinsleder besteht.«

Klim hatte sehr große Lust, die Vergoldung von Makarow herunterzukratzen. Sie blendete seine Augen, wenngleich er bemerkte, daß seinen Freund eine niederdrückende Unruhe befiel. Iwan Dronow dagegen schien ihm ein verzweifelter Spieler, der nicht früh genug allen das Geld aus der Tasche ziehen kann und mit falschen Karten spielt. Zuweilen war Klim wirklich ratlos, wenn er wahrnahm, daß seine Kameraden ihm offener und vertrauensvoller begegneten als er ihnen. Augenscheinlich erkannten sie ihn als den Klügeren und Erfahrenen an. Doch diese ehrlichen Zweifel tauchten nur für kurze Zeit auf und nur in jenen seltenen Augenblicken, da er müde war, sich beständig zu überwachen, und fühlte, daß er einen mühseligen und gefahrvollen Weg ging.

Makarow selbst war es, der die Vergoldung von sich abkratzte. Dies geschah, als sie auf der Umfriedung der Kirche »Himmelfahrt in den Bergen« saßen und sich an dem Anblick der untergehenden Sonne freuten.

Es war einer jener märchenhaften Abende, wenn der russische Winter mit entwaffnender, fürstlicher Verschwendung die Fülle seiner kalten Schönheiten entfaltet. An den Bäumen funkelte der rosenfarbige Kristall des Reifs, der Schnee sprühte im Regenbogenstaub von Edelsteinen, Hinter den violetten Lichtflecken des vom Wind bloßgelegten Flüßchens, auf den Wiesen, lag ein prunkvoller brokatener Teppich, über ihm eine blaue Stille, die nichts beunruhigen konnte. Diese lauschende Stille umfaßte alles Sichtbare, als erwarte sie, daß etwas besonders Bedeutungsvolles gesagt werde.

Makarow blies die blaue Rauchschlange seiner Zigarette in die frostige Luft und fragte unvermittelt:

»Dichtest du?«

»Ich?« wunderte sich Klim. »Nein. Und du?«

»Ich fange gerade an. Es geht schlecht.«

Und wie mit einem Streich begann er in beleidigtem Ton roh und schamlos zu erzählen.

»Jetzt sind es schon zwei Jahre, daß ich an nichts außer an Mädchen denken kann. Zu Prostituierten kann ich nicht gehen, so tief bin ich nicht gesunken. Es zieht mich zur Onanie, und wenn man mir die Hände abschlüge. In diesem Hang, Bruder, ist etwas bis zu Tränen, bis zum Ekel vor sich selbst Beleidigendes. In Gesellschaft von Mädchen komme ich mir wir ein Idiot vor. Sie redet mir von Büchern, allerhand Poesien, und ich denke nur daran, was sie wohl für Brüste hat und daß ich sie küssen und dann meinetwegen sterben möchte.«

Er schleuderte die zur Hälfte gerauchte Zigarette fort, sie bohrte sich in den Schnee mit dem Feuer nach oben, wie eine Kerze, und verbrämte die kalte Durchsichtigkeit der Luft mit den Ringellocken des blauen Rauchs, Makarow folgte ihnen mit den Blicken und sagte halblaut:

»Dumm wie zwei Lehrer . . . und vor allen Dingen kränkend, weil es unüberwindlich ist. Hast du es schon gespürt? Wirst es bald spüren.«

Er erhob sich, zertrat die Zigarette und fuhr stehend fort, während er mit zugekniffenen Augen das rotglühende Kreuz an der Kirche betrachtete:

»Dronow hat in irgendeinem Schmöker gelesen, daß hier der ›Geist des Geschlechts‹ wirke, der ›Wille der Venus‹, hol sie der Teufel, das Geschlecht und die Venus was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich will mich nicht als Hengst fühlen, das macht mich ganz schwermütig und bringt mich auf Selbstmordgedanken. So steht es mit mir!«

Klim hörte mit angestrengtem Interesse zu, es war ihm angenehm, zu sehen, daß Makarow sich selbst als ohnmächtig und schamlos hinstellte. Makarows Nöte waren Klim noch unbekannt, wenngleich er manchmal nachts, wenn die fordernden Regungen des Körpers ihn bedrängten, sich ausmalte, wie sein erster Roman sich abspielen würde, und im voraus wußte, daß die Heldin dieses Romans Lida sein würde.

Makarow pfiff, vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels und zog fröstelnd die Schultern zusammen.

»Ljuba Somow, dieses stumpfnasige Schaf, – ich liebe sie nicht, das heißt, sie gefällt mir nicht, und doch fühle ich mich hörig. Du weißt, die Mädels sind mir wohlgeneigt, aber . . .«

»Nicht alle«, beendete Klim in Gedanken den Satz, da er sich erinnerte, wie feindselig Lida Warawka sich gegen Makarow verhielt.

»Gehen wir, es ist kalt«, sagte Makarow und fragte mürrisch:

»Warum schweigst du?«

»Was könnte ich sagen?« Klim zuckte die Achseln. »Eine Banalität, daß das Unvermeidliche unvermeidlich ist . . .«

Einige Minuten gingen sie schweigend. Unter ihren Füßen knirschte der Schnee.

»Warum fängt es so früh an. Mir scheint, mein Lieber, dahinter steckt Hohn«, sagte leise und staunend Makarow. Klim reagierte nicht gleich.

»Schopenhauer hat wahrscheinlich recht.«

»Vielleicht aber auch hat Tolstoi recht: wende dich von allem ab und starre in den Winkel. Aber wenn du dich vom Besten in dir abwendest, was dann?«

Klim Samgin schwieg. Es war ihm eine immer größere Wohltat, den traurigen Reden seines Kameraden zu lauschen. Er bedauerte sogar, daß Makarow sich plötzlich von ihm verabschiedete und, sich vorsichtig umblickend, in den Hof einer Schenke trat.

»Ich werde Billard spielen«, sagte er und schlug wütend die Hofpforte zu.

Die verflossenen Jahre hatten für Klims Leben keine aufwühlenden Ereignisse gebracht. Alles vollzog sich sehr einfach. Allmählich und auf ganz natürliche Weise verschwand ein Mensch nach dem andern aus seinem Gesichtskreis. Sein Vater verreiste immer häufiger, wurde gleichsam immer kleiner, bis er endlich ganz zerschmolz. Vorher nahm seine Redseligkeit ab: er sprach weniger überzeugt, schien sogar Schwierigkeiten bei der Auswahl seiner Worte zu haben, vernachlässigte Bart und Schnurrbart, aber die rötlichen Haare in seinem Gesicht wuchsen horizontal, und als die Oberlippe sich in eine Zahnbürste verwandelt hatte, verlor der Vater die Fassung, rasierte sich den Bart ab, und nun sah Klim, daß seines Vaters Gesicht kläglich zerknittert und gealtert war. Warawka fühlte sich verpflichtet, ihn zu ermutigen.

»Nun, nun, Iwan Akimowitsch, wie steht es? Haben Sie das Sägewerk verkauft?«

Des Vaters Ohren wurden dunkelrot, wenn er Warawka zuhörte, und wenn er ihm antwortete, sah er ihm über die Schultern hinweg und trat mit dem Fuß auf wie ein Scherenschleifer. Oft kam er betrunken nach Hause, begab sich in das Schlafzimmer der Mutter, und von dort war lange sein winselndes Stimmchen zu hören. Am Morgen seiner letzten Abreise kam er in Klims Zimmer. Er hatte getrunken. Ihn begleitete die leise Mahnung der Mutter:

»Ich bitte dich, keine dramatischen Monologe!«

»Nun, lieber Klim«, sagte er laut und tapfer, doch seine Lippen bebten und die entzündeten, großen Augen zwinkerten geblendet. »Die Geschäfte zwingen mich, für lange Zeit zu verreisen. Ich werde in Finnland leben, in Wyborg. So. Mitja kommt auch mit. Nun, leb wohl.«

Er umarmte Klim, küßte ihn auf Stirn und Wangen, klopfte ihm auf den Rücken und fügte hinzu:

»Großvater begleitet uns. Ja. Lebwohl. A . . . achte deine Mutter, sie ist würdig . . .«

Ohne auszusprechen, wessen die Mutter würdig war, winkte er ab und kratzte sich am Kinn. Klim schien, er wolle sich mit der flachen Hand das Gesicht zudecken.

Als der Großvater, der Vater und der Bruder, der sich grob und feindselig von Klim verabschiedet hatte, abgereist waren, wurde das Haus dadurch nicht leerer, aber einige Tage später erinnerte Klim sich der ungläubigen Worte, die jemand am Fluß gesagt hatte, als Boris Warawka ertrunken war:

»Ja, war denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Das Entsetzen, das Klim in jenen Augenblicken durchgemacht hatte, als die roten, beharrlichen Hände aus dem Wasser ragten und immer näher zu ihm heranrückten, hatte Klim vollständig vergessen. Boris' Ende beunruhigte immer seltener und nur wie ein Traumgesicht seine Erinnerung. Aber in den Worten des skeptischen Menschen lag etwas Aufdringliches, als wären sie einem Sprichwort entlehnt, in dem dieser Satz: »Vielleicht war gar kein Junge da?« vorkam.

Klim liebte solche Redewendungen, er fühlte dunkel ihren glatten Doppelsinn, und bemerkte, daß man gerade sie für Weisheit hielt. Wenn er in den Nächten vor dem Einschlafen alles, was er tagsüber gehört hatte, an sich vorbeiziehen ließ, siebte er das Unverständliche und Dunkle wie Schale aus und bewahrte im Gedächtnis sorgsam die vollen Körner mannigfacher Weisheiten, um sich bei Gelegenheit ihrer zu bedienen und seinen Ruf eines besinnlichen Jünglings ein übriges Mal zu rechtfertigen. Er verstand, Angeeignetes so vorsichtig, nebenher und zugleich lässig zu sagen, daß das Gesagte nur ein winziger Teil der Schätze seines Geistes zu sein schien, und es gab glückliche Augenblicke des Triumphes, die ihn, sooft er sich ihrer erinnerte, veranlaßten, sich ebenso zu bewundern, wie ihn die andern bewunderten.

Doch stets dachte Klim gleich darauf mit Zweifel und mit einem Verdruß, der einer schlimmen Trübsal glich, an Lida, die ihn durchaus nicht so sehen konnte oder wollte, wie die anderen ihn sahen. Tage und Wochen bemerkte sie ihn überhaupt nicht, als wäre er für sie ohne Körper, farblos, überhaupt nicht da. Die Heranwachsende wurde ein wunderliches und schwieriges Mädchen. Warawka lächelte sein großes rotes Lächeln in seinen fuchsroten Bart, wenn er von ihr sagte:

»Sie ist ganz wie ihre Mutter. Die war auch eine Meisterin, sich etwas einzubilden, und was sie sich einmal eingebildet hatte, daran glaubte sie.«

Das Verbum »Einbilden«, das Substantiv »Einbildung« führte Lidas Vater häufiger im Munde als alle übrigen Bekannten, und dieses Wort übte immer eine beruhigende Wirkung auf Klim. Immer, doch nicht in der Anwendung auf ein Erlebnis mit Lida, das in ihm ein sehr verwickeltes Gefühl für dieses Mädchen hervorrief.

Ein Jahr nach Boris' Tod, in dem Sommer, als Lida zwölf Jahre alt geworden war, weigerte Igor Turobojew sich, die Kriegsschule weiter zu besuchen, und sollte auf eine andere, die sich in Petersburg befand. Damals nun, einige Tage vor seiner Abreise, erklärte Lida beim Frühstück ihrem Vater in bestimmtem Ton, daß sie Igor liebe, ohne ihn nicht leben könne und nicht wünsche, daß er in einer anderen Stadt die Schule besuche.

»Er soll hier leben und lernen«, sagte sie und schlug dabei mit ihrer kleinen, aber starken Faust auf den Tisch, »und wenn ich fünfzehn Jahre und sechs Monate alt bin, lassen wir uns trauen.«

»Das ist Unsinn, Lida«, sagte streng der Vater, »ich verbiete dir . . .«

Ohne sich dafür zu interessieren, was er verbot, stand sie auf und ging hinaus, bevor Warawka sie zurückhalten konnte. Von der Tür her, sich am Pfosten haltend, sagte sie:

»Das ist Gottes Fügung.«

»Was für ein überspanntes Mädchen«, bemerkte die Mutter und sah ermutigend auf Klim. Der lachte, da lachte auch Warawka. Aber bevor sie ihr Frühstück beendigen konnten, erschien Turobojew, bleich, mit blauen Schatten unter den Augen. Er machte einen korrekten Kratzfuß vor Klims Mutter, küßte ihr die Hand, trat darauf vor Warawka hin und erklärte mit klingender Stimme, er liebe Lida, könne nicht nach Petersburg fahren und bitte Warawka . . .

Ohne das Ende seiner Rede abzuwarten, brach Warawka in brüllendes Gelächter aus, dermaßen, daß sein ungetümer Kopf hin und her schaukelte und der Stuhl unter ihm krachte. Wera Petrowna lächelte herablassend. Klim betrachtete Igor mit unangenehmer Verwunderung. Igor aber stand regungslos, doch er schien immer länger zu werden. Er wartete, bis Warawka sich satt gelacht hatte, und sagte dann mit der gleichen, klingenden Stimme:

»Ich bitte Sie, meinem Vater zu sagen, wenn das nicht geschehe, würde ich mich umbringen. Ich bitte Sie, mir Glauben zu schenken. Papa glaubt mir nicht.«

Einige Sekunden blieben der Mann und die Frau stumm und wechselten Blicke miteinander. Dann wies die Mutter Klim mit den Augen die Tür. Klim ging verwirrt auf sein Zimmer, ratlos, wie er sich dieser Szene gegenüber verhalten solle. Vom Fenster aus sah er: Warawka führte, grimmig seinen Bart schüttelnd, Igor an der Hand auf die Straße und kehrte bald darauf mit Igors Vater zurück, einem kleinen dürren und kahlköpfigen Mann, der ein graues Jakett und graue Hosen mit roten Biesen trug. Lange wandelten sie im Garten auf und ab. Der graue Schnurrbart des alten Turobojew zitterte unaufhörlich. Er redete etwas mit heiserer, gebrochener Stimme, Warawka blökte dumpf, wischte sich ein Mal übers andre das rote Gesicht und nickte mit dem Kopf. Da kam die Mutter herein und befahl Klim streng:

»Es ist Zeit für dich, zu Tomilin zu gehen. Du wirst ihm natürlich kein Wort von diesen Dummheiten sagen . . .«

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