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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Die Stunden bei Tomilin wurden immer öder und verworrener. Der Lehrer selbst war unnatürlich in die Breite gegangen und hatte etwas Untersetztes bekommen. Jetzt trug er ein weißes Hemd mit gesticktem Kragen. An seinen nackten, kupferbraunen Füßen glänzten Pantoffeln von grünem Saffianleder. Wenn Klim etwas nicht verstand und Tomilin darauf aufmerksam machte, blieb der, ohne Unwillen zu äußern, doch offensichtlich befremdet, mitten im Zimmer stehen und sagte fast immer dieselbe Phrase:

»Du mußt vor allen Dingen eins begreifen: das eigentliche Ziel aller Wissenschaft ist die Gewinnung einer Reihe von einfachsten, verständlichen und tröstlichen Wahrheiten . . .«

Er trommelte mit den Fingern auf seinem Kinn, überflog die Zimmerdecke mit dem Weiß seiner Augäpfel und fuhr eintönig fort:

»Eine solche Wahrheit ist Darwins Theorie vom Kampf ums Dasein, – du erinnerst dich, ich habe dir und Dronow von Darwin erzählt. Diese Theorie weist die Unvermeidlichkeit des Bösen und der Feindseligkeit auf der Erde nach. Dies, Bruder, ist der gelungenste Versuch des Menschen, sich vollkommen zu rechtfertigen. Hm, ja . . . Erinnerst du dich an Doktor Somows Frau? Sie haßte Darwin bis zum Wahnsinn. Es ist denkbar, daß eben dieser bis zum Wahnsinn gesteigerte Haß es ist, der die allumfassende Wahrheit gebiert . . .«

Stehend redete er am wirrsten und rief dadurch Verdruß hervor. Klim hörte nun dem Lehrer nicht mehr genau zu: ihn beschäftigten eigene Sorgen. Er wollte die Kinder so empfangen, daß sie sogleich sähen, er war nicht mehr der, den sie zurückgelassen hatten. Lange grübelte er, was er zu diesem Zweck unternehmen solle, und gelangte zu dem Ergebnis, durch nichts würde er sie stärker verblüffen, als wenn er eine Brille trüge. Er klagte der Mutter, die Augen würden ihm so rasch müde, man habe ihm im Gymnasium zu einer Brille geraten, und schon am nächsten Tag beschwerte er seine spitze Nase mit dem Gewicht zweier Gläser von rauchgrauer Farbe. Durch diese Gläser erschien alles auf Erden wie mit einer leichten Schicht von grauem Staub überzogen, und selbst die Luft wurde grau, ohne ihre Durchsichtigkeit zu verlieren. Der Spiegel überzeugte Klim vollends davon, daß sein feines Gesicht etwas Bezwingendes bekommen hatte und außerdem klüger aussah.

Doch kaum waren die Kinder zurückgekehrt, als Boris, der Klims Hand absichtlich nicht aus seinen starken Fingern ließ, spöttisch sagte:

»Seht doch, da habt ihr den Affen aus der Fabel!«

Ljuba Somow rief mitleidig:

»Oh, du bist ja ein Eulenkücken geworden!«

Turobojew lächelte höflich und verletzend, noch verletzender aber war die Gleichgültigkeit Lidas, die ihre Hand auf Igors Schulter legte und Klim mit einer Miene ansah, als wünsche sie, ihn nicht zu erkennen. Sie seufzte müde und fragte beiläufig:

»Sind deine Augen erkrankt? Warum tut dir eigentlich immer etwas weh?«

»Mir tut niemals etwas weh!« sagte Klim empört, er fürchtete, daß er sofort in Tränen ausbrechen würde.

Doch von diesem Tag an bemächtigte sich seiner glühender Haß gegen Boris, und dieser, der sein Gefühl rasch erraten hatte, tat alles, es zu schüren, indem er jeden Schritt und jedes Wort Klims grausam verspottete. Die Vergnügungsreise hatte sichtlich nicht vermocht, Boris zu beruhigen, er blieb so gereizt, wie er aus Moskau gekommen war, genau so argwöhnisch und sprungbereit funkelten seine dunklen Augen, und von Zeit zu Zeit überfiel ihn eine sonderbare Zerstreutheit und Müdigkeit, er hörte auf zu spielen und zog sich in einen Winkel zurück.

»Um zu weinen«, erriet Klim mit wohltuendem Grimm.

Immer noch waren seine Schwester und Turobojew gleich sorglich und liebevoll um Boris bemüht, betreute ihn Wera Petrowna, erheiterte ihn der Vater. Alle ertrugen geduldig seine Launen und plötzlichen Zornesausbrüche. Klim, der sich abquälte, das Geheimnis zu enträtseln, forschte alle aus. Aber Ljuba Somow sagte sehr gelehrt:

»Es sind die Nerven, verstehst du? Solche weißen Fäden im Körper und die zittern.«

Turobojews Erklärung ließ ebensoviel zu wünschen übrig:

»Er hatte eine Unannehmlichkeit, aber ich möchte nicht davon sprechen.«

Endlich forderte Lida, ihre Brauen furchend und die Lippen schief ziehend, ihn auf:

»Schwöre, daß Boris nie erfährt, daß ich es dir gesagt habe!«

Klim schwor aufrichtig, das Geheimnis zu hüten, und nahm mit Gier ihren aufgeregten, wirren Bericht entgegen:

»Boris ist von der Kriegsschule ausgeschlossen worden, weil er seine Kameraden, die etwas begangen hatten, nicht verraten wollte . . . Nein, nicht deshalb«, verbesserte sie sich eilig und sah sich ängstlich um, »dafür kam er in den Karzer, aber ein Lehrer verbreitete trotzdem, Boris sei ein Zuträger, und als man ihn aus dem Karzer herausließ, prügelten die Jungens ihn in der Nacht durch. Da hat er während der Stunde dem Lehrer seinen Zirkel in den Bauch gestoßen, und man hat ihn relegiert . . .«

Schluchzend fügte sie hinzu:

»Er wollte auch sich töten, ihn hat sogar der Irrenarzt behandelt.«

Ihre schwarzen Augen trübten sich ungewöhnlich stark mit Tränen, und diese Tränen schienen Klim auch schwarz zu sein. Er wurde verlegen. Lida weinte so selten, und jetzt, in Tränen gebadet, war sie den übrigen Mädchen ähnlich, hatte ihre Unvergleichlichkeit eingebüßt und erregte in Klim ein Gefühl, das dem Mitleid verwandt war. Ihre Erzählung rührte ihn weder, noch wunderte sie ihn, er hatte immer von Boris ungewöhnliche Handlungen erwartet. Er nahm die Brille ab, spielte mit den Gläsern und sah scheel auf Lida, ohne ein Wort des Trostes zu finden. Und trösten wollte er so gern. Turobojew war schon abgereist.

Sie lehnte mit dem Rücken an dem schlanken Stamm einer Birke und stieß mit der Schulter dagegen. Von den fast kahlen Zweigen rieselte gelbes Laub, Lida trat es in den Erdboden, während ihre Finger die ungewohnten Tränen von den Wangen streiften, und es war etwas Angewidertes in den hastigen Bewegungen ihrer braunen Hand. Auch ihr Gesicht war von der Sonne bronzen gedunkelt, ein blaues, rotbortiertes Kleid umschloß schön die feine, wunderliche, kleine Gestalt. Es war etwas Fremdartiges, Erregendes an ihr, wie bei Zirkusmädchen.

»Schämt er sich?« brach Klim endlich das Schweigen.

Lida sagte halblaut:

»Nun ja. Denk doch nur, er verliebt sich einmal in ein Mädchen und muß ihr alles von sich erzählen, – wie soll er ihr dann sagen, daß man ihn verprügelt hat?«

Klim nickte still.

»Ja, davon kann man nicht sprechen.«

»Er hat sogar aufgehört, mit Ljuba zu gehen, und ist jetzt immer mit Wera zusammen, weil Wera immer schweigt wie ein Kürbis«, sagte nachdenklich Lida. »Papa und ich fürchten so für Boris. Papa steht sogar nachts auf und sieht nach, ob er auch schläft, und gestern kam deine Mama zu uns, als es schon sehr spät war und alle schliefen.«

Sie neigte sinnend ihren Kopf und ging fort, mit ihren Absätzen gelbe Blätter in die Erde stampfend. Sobald sie verschwunden war, fühlte Klim sich wohlgerüstet gegen Boris und imstande, ihm seinen Spott mit Zinsen heimzuzahlen. Das war Seligkeit. Gleich am folgenden Tag konnte er sich nicht enthalten, Warawka diese Seligkeit zu zeigen. Er begrüßte ihn lässig, reichte ihm die Hand und steckte sie sofort wieder in die Tasche. Er lächelte dem Feind herablassend ins Gesicht und entfernte sich, ohne ihn eines Wortes zu würdigen. Doch auf der Schwelle des Eßzimmers wandte er sich um. Boris klammerte sich an den Rand des Tisches, biß sich die Lippen, warf den Kopf in den Nacken und blickte ihm erschrocken nach. Da lächelte Klim noch einmal. In zwei Sätzen war Warawka bei ihm, rüttelte ihn an den Schultern und fragte heiser:

»Warum lachst du?« Sein von den Blattern zerfressenes Gesicht färbte sich bunt, er entblößte die Zähne, und seine Hände zitterten auf Klims Schulter.

»Laß los!« sagte Klim, der schon fürchtete, daß Boris ihn schlagen würde. Aber jener wiederholte leise und gleichsam flehend:

»Über wen lachst du? Sprich!«

»Nicht über dich.«

Er entwand sich Boris, zog den Kopf ein und ging fort, ohne zurückzublicken.

Diese Szene hatte ihn erschreckt und flößte ihm noch größere Vorsicht gegenüber Warawka ein, doch konnte er es sich trotzdem nicht versagen, Boris gelegentlich mit dem Blick eines Menschen anzusehen, der um sein schimpfliches Geheimnis wußte. Er erkannte recht gut, daß seine höhnischen Blicke den Knaben erregten, und das tat ihm wohl, mochte Boris auch in der alten Weise fortfahren, ihn frech auszulachen, ihn immer argwöhnischer zu beobachten und gleich einem Habicht zu umkreisen. Dieses gefährliche Spiel ließ Klim bald alle Vorsicht vergessen.

An einem jener warmen, aber schwermütigen Tage, wenn die Herbstsonne von der verarmten Erde Abschied nimmt und ihr gleichsam noch einmal ihre sommerliche, belebende Kraft schenken möchte, spielten die Kinder im Garten. Klim war lebhafter als sonst. Warawka freundlicher gestimmt. Ausgelassen tollten Lida und Ljuba umher, die ältere Somow sammelte einen Strauß aus den leuchtenden Blättern des Ahorns und der Eberesche. Klim hatte einen verspäteten Käfer gefangen, reichte ihn mit zwei Fingern Boris hin und sagte:

»Gerb-tier

Der Kalauer stellte sich ganz von selbst ein, und Klim mußte lachen. Boris röchelte unnatürlich, holte aus, schlug ihn rasch hintereinander ein paarmal auf die Backe, warf ihn mit einem Fußtritt um und rannte windschnell und laut heulend davon.

Auch Klim schrie, weinte und drohte mit der Faust. Die Schwestern Somow suchten ihn zu beschwichtigen, Lida aber hüpfte vor ihm her und rief mit erstickender Stimme:

»Wie konntest du es wagen! Du bist gemein, du hast geschworen, ach, ich bin auch gemein!«

Sie lief weg. Die Somows führten Klim in die Küche, um ihm das Blut von dem zerschlagenen Gesicht zu waschen. Mit zornig hochgezogenen Brauen erschien Wera Petrowna, rief aber sofort erschreckt aus:

»Mein Gott, was hast du? Ist das Auge heil?«

Rasch reinigte sie das Gesicht ihres Sohnes, brachte ihn in sein Zimmer, entkleidete ihn, legte ihn zu Bett, und nachdem sie sein geschwollenes Auge mit einer Kompresse bedeckt hatte, setzte sie sich auf einen Stuhl und sagte eindringlich:

»Einen Beleidigten necken, – das ist doch sonst nicht deine Art. Man muß großmütig sein.«

Klim, der fühlte, daß alle ihm feindlich gesinnt waren, daß alle auf Boris Seite standen, stammelte:

»Du hast selbst gesagt, das soll man nicht, das sei Dummheit.«

»Was ist Dummheit?«

»Großmut. Du selbst hast es gesagt, ich erinnere mich genau.«

Die Mutter beugte sich über ihn, sah strenge in sein rechtes, offenes Auge und sagte:

»Du mußt nicht glauben, daß du alles verstehst, was die Erwachsenen sprechen.«

Klim brach in Tränen aus und klagte:

»Mich liebt niemand.«

»Das ist doch dumm, mein Lieber, dumm . . .«, wiederholte sie, streichelte nachdenklich seine Wange mit ihrer leichten, zarten Hand. Klim schwieg und hoffte, daß sie sagen würde:

»Ich liebe dich.«

Aber sie kam nicht dazu, denn Warawka trat ein. Seine Hand spielte mit dem Bart, er setzte sich aufs Bett und sagte scherzend:

»Warum schlagt ihr euch, ihr heißblütigen Spanier?«

Doch obwohl er in scherzendem Ton sprach, waren seine Augen traurig, sie zwinkerten unruhig, und der gepflegte Bart war zerknüllt. Er bot alles auf, um Klim zu erheitern, deklamierte mit feiner Stimme drollige Reime. Die Mutter lächelte, während sie ihn anblickte, aber auch ihre Augen waren traurig. Schließlich streckte Warawka seine Hand unter die Decke, begann Klims Fußsohlen zu kitzeln, brachte ihn so zum Lachen und ging sogleich mit der Mutter aus dem Zimmer.

Am nächsten Tag aber veranstalteten sie abends ein prunkvolles Versöhnungsfest, es gab Tee und Kuchen, Konfekt, Musik und Tanz. Vor dem Beginn der Feierlichkeit mußten Klim und Boris sich küssen. Boris biß dabei fest die Zähne zusammen und schloß die Augen, und Klim verspürte den Wunsch, ihn zu beißen. Darauf bat man Klim, Nekrassows Gedicht »Die Holzfäller« aufzusagen. Lidas hübsche Freundin Alina Telepnew meldete sich selbst, ging zum Flügel und trug leise mit verzücktem Augenaufschlag vor:

»Die Menschen schlafen,
    mein Freund, komm in den schattigen Garten.
  Die Menschen schlafen,
    nur die Sterne blicken auf uns hernieder.
Und auch sie sehen uns nicht unter den Zweigen.
Und sie hören uns nicht, nur die Nachtigall hört uns.«

Schalkhaft lächelnd sprach sie noch leiser die nächste Strophe:

»Sie auch hört uns nicht, ihr Lied ist laut
Und es hört das Herz nur und die Hand,
Fühlen tief, wieviel der Erdenfreuden
Und des Glücks wir in dies Dunkel brachten.«

Sie war süß wie das Bild auf einer Konfektschachtel. Ihr rundes Gesichtchen, in das schokoladenbraune Locken fielen, erglühte tief, die blauen Augen strahlten in unkindlicher Schalkhaftigkeit, und als sie ihren Vortrag mit einem eleganten Knicks schloß und anmutig zum Tisch schwebte, empfing sie bewunderndes Schweigen. Warawka brach es endlich.

»Einzig, wie? Wera Petrowna, was sagen Sie?«

Er raffte mit der flachen Hand seinen Bart auf, so daß er ihm das Gesicht bedeckte und sprach durch die Haare hindurch weiter:

»So früh also erwacht das Weib, hm?«

Wera Petrowna drohte ihm mit dem Finger und zischte:

»Pst!«

Sie flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr, die Warawka zu einer schuldbewußten Bewegung der Arme veranlaßten, und fragte dann das Mädchen:

»Wo hast du gelernt, so vorzutragen?«

Das Mädchen errötete vor Stolz und erzählte, bei ihr zu Hause wohne eine alte Schauspielerin, die sie unterrichte.

Sogleich erklärte Lida:

»Papa, ich will auch Unterricht bei der Schauspielerin haben.«

Klim saß betrübt da. Man hatte vergessen, ihn für das Gedicht zu loben. Alina hielt er für dumm und trotz ihrer Schönheit für ebenso unnütz und fade wie Wera Somow.

Alles verlief sehr schön. Wera Petrowna spielte auf dem Flügel Boris' und Lidas Lieblingsstücke, die »Musikalische Tabatiere« von Ljadow, die »Troika« von Tschaikowski und noch ein paar von diesen reizenden und einfachen Sachen. Dann stürmte Tanja Kulikow ans Klavier und begann einen Walzer zu hämmern, wobei sie verzückt auf dem Schemel auf und nieder hüpfte. Warawka tanzte mit Wera Petrowna rund um den Tisch. Klim sah zum erstenmal, wie leicht dieser breite, wuchtige Mensch tanzte, wie gewandt er die Mutter durch die Luft wirbelte. Alle Kinder klatschten den Tänzern einmütig und begeistert Beifall, und Boris schrie:

»Papa, du bist herrlich!«

Klim nahm wahr, daß sein Feind durch die Musik, den Tanz und die Verse weicher gestimmt war, und er selbst fühlte sich aufgelöst und gerührt von der allgemeinen harmonischen und lichten Freudenstimmung.

»Kinder, eine Quadrille!« kommandierte die Mutter und wischte sich die Schläfen mit ihrem Spitzentüchlein. Lida, die Klim noch immer zürnte, aber ihn ansah, schickte den Bruder mit einem Auftrag nach oben. Klim folgte ihm einen Augenblick später, einer Aufwallung nachgebend, Boris etwas Gutes, Herzliches zu sagen, vielleicht auch ihn wegen seines Benehmens um Verzeihung zu bitten. Als er die Treppe zur Hälfte hinaufgestiegen war, erschien an ihrem oberen Ende Boris mit Schuhen in der Hand. Er stutzte und bückte sich dann, als wolle er auf Klim springen, schritt aber dabei langsam Stufe für Stufe hinab, und Klim vernahm sein röchelndes Flüstern:

»Wag es nicht, an mich heranzukommen, du!«

Klim erschrak, als er das über sich gebeugte und gleichsam auf ihn herabfallende Gesicht mit den zugespitzten Backenknochen und dem – wie bei einem Hund – vorgestellten Kinn erblickte. Er faßte nach dem Geländer und stieg ebenfalls langsam hinab, jeden Augenblick gewiß, daß Warawka sich auf ihn stürzen werde. Doch Boris ging an ihm vorüber und wiederholte nur vernehmlicher durch die Zähne:

»Wag es nicht!«

Kalt vor Schreck stand Klim auf der Treppe, es stieg ihm heiß in die Kehle, Tränen tropften aus seinen Augen, ihn übermannte der Wunsch, wegzulaufen, in den Garten, auf den Hof, und sich in einem Versteck auszuweinen. Er näherte sich der Verandatür. Der Wind jagte einen herbstlichen Regenschauer prasselnd gegen die Tür. Klim hämmerte mit den Fäusten gegen das Holz, kratzte mit den Nägeln hinein und fühlte, daß in seiner Brust etwas zerbrochen, verschwunden war und eine Öde zurückgelassen hatte. Als er schließlich Herr über seinen Schmerz geworden war und ins Eßzimmer ging, tanzte man schon Quadrille. Aber er lehnte ab, rückte einen Stuhl an den Flügel und begann mit Tanja vierhändig zu spielen.

Schwere, dunkle Tage kamen für ihn. Er lebte in der Furcht vor Boris und im Haß gegen ihn. Er entzog sich den Spielen und hockte mit finsterem Gesicht in einem Winkel, von wo aus er Boris bewachte und wie auf eine große Freude darauf wartete, daß Boris fiel oder sich verletzte. Doch Warawka warf seinen biegsamen Leib spielerisch und wie im Fieber, einem Betrunkenen ähnlich, doch immer so sicher, als sei jede Bewegung, jeder Sprung im voraus fehlerlos berechnet. Alle waren entzückt von seiner Gewandtheit und Ausdauer, von seinem Talent, Lust und Schwung ins Spiel zu bringen. Klim hörte, wie seine Mutter leise zu Boris' Vater sagte:

»Was für ein begabter Körper!«

In diesem Jahr verspätete sich der Winter. Erst in der zweiten Hälfte des Novembers schmiedete ein trockner, grausamer Wind den Fluß unter blauem Eis zusammen und durchfurchte die vom Schnee entblößte Erde mit tiefen Rissen. Im verblaßten, frosterstarrten Himmel beschrieb eine weiße Sonne hastig ihre kurze Bahn, und es war, als strahle gerade von dieser entfärbten Sonne unbarmherzige Kälte auf die Erde aus.

An einem Sonntag gingen Boris, Lida und Klim und die Schwestern Somow zur Eisbahn, die eben erst am Stadtufer des Flusses freigelegt war. Ein großes Oval bläulichen Eises war von Tannen eingeschlossen, deren Stämme durch bastgeflochtene Taue aneinander gebunden waren. Hinter dem Fluß sank die Wintersonne blutig in den schwarzen Wald hinab. Violette Lichter legten sich über das Eis. Es wimmelte von Läufern.

»Das ist ein Sack Kartoffeln, aber keine Eisbahn«, erklärte mißmutig Boris. »Wer kommt mit mir auf den Fluß? Wera, du?«

»Ja«, sagte die dicke, farblose Somow.

Sie schlüpften unterm Tau hindurch, faßten sich an den Händen und stürmten quer über den Fluß zu den Wiesen. Hinter ihnen bliesen die Blechinstrumente der Militärkapelle dröhnend und mißtönig einen flotten Marsch. Ljuba Somow wurde von ihrem Bekannten, dem aus dem Gymnasium ausgestoßenen Inokow, bei der Hand ergriffen und fortgezogen. Ihr Kavalier war dürftig und leicht gekleidet, er stak in einem groben Kittel, den er in den Gurt seiner viel zu weiten Hosen gesteckt hatte, und hatte eine zottige Lammfellmütze verwegen aufs Ohr geschoben. Lida warf einen Blick auf den Fluß, wo das Mädchen Somow und Boris pfeilschnell durch die Luft schossen, sich wiegend, zur blutgedunsenen Sonne hin, und forderte Klim auf, ihnen zu folgen. Doch als sie unter dem Tau hindurchgekrochen waren und gemächlich dahinschwebten, rief sie aus:

»O sieh nur!«

Aber Klim hatte es schon gesehen: Boris und die Somow waren verschwunden.

»Sie sind hingefallen«, sagte er.

»Nein«, flüsterte Lida und stieß ihn so heftig mit der Schulter, daß er in die Knie fiel:

»Sieh nur, sie sind eingebrochen!«

Und rasch eilte sie vorwärts, dorthin, wo, fast schon am anderen Ufer, auf dem lodernden Grunde des Sonnenuntergangs zwei rote Bälle krampfhaft auf und nieder hüpften.

»Schneller!« schrie Lida sich entfernend. »Den Gürtel! Wirf ihnen den Gürtel zu, schrei!«

Klim überholte sie rasch und flog mit solcher Geschwindigkeit über das Eis, daß seine weitgeöffneten Augen schmerzten.

Ihm entgegen kroch fremd und unheimlich ein immer breiter klaffendes schwarzes Loch, gefüllt von wildbewegtem Wasser, er vernahm das kalte Plätschern und erblickte zwei sehr rote Hände. Die gespreizten Finger dieser Hände umklammerten den Rand des Eises, das Eis bröckelte los und krachte, die Hände tauchten auf und verschwanden wie die gerupften Flügel eines seltsamen Vogels. Zwischen ihnen sprang von Zeit zu Zeit ein schlüpfriger, glänzender Kopf mit ungeheuren Augen im blutüberströmten Gesicht hoch, versank, und wieder zitterten über dem Wasser die kleinen, roten Hände.

Klim hörte ein heiseres Heulen:

»Laß los! Laß los! Dummkopf . . . laß mich doch los!«

Kaum fünf Schritte trennten Klim vom Rande der Wake. Jählings drehte er um und schlug heftig mit den Ellenbogen aufs Eis. Auf dem Bauch liegend sah er, wie das Wasser, seltsam gefärbt und wohl sehr schwer, über Boris Schultern und Kopf spülte. Es riß seine Hände vom Eis los, schlug ihm tändelnd über den Kopf, striegelte Gesicht und Augen. Das ganze Gesicht Warawkas heulte wild, es schien, daß auch die Augen heulten:

»Die Hand . . . gib die Hand!«

»Sofort! Sofort!« stammelte Klim, und mühte sich ab, die glühend kalte Riemenschnalle loszuhaken. »Halt dich fest . . . sofort!«

Es gab einen Augenblick, wo Klim dachte, daß es schön sein müßte, Boris mit diesem verzerrten und erschrockenen Gesicht, so hilflos und unglücklich nicht hier, sondern zu Hause zu sehen, wenn alle ihn sahen, wie er in dieser Minute war.

Doch dies dachte er nur neben dem Entsetzen, das ihn mit lähmender Kälte umklammerte. Mit Mühe hatte er endlich den Riemen abgeschnallt und warf ihn ins Wasser. Boris fing das Ende des Riemens auf, zog ihn zu sich heran und riß Klim unaufhaltsam über das Eis zum Wasser hin. Klim schrie jammernd auf, schloß die Augen und ließ den Riemen los. Als er die Augen wieder öffnete, sah er, daß die schwarzvioletten schweren Wellen immer heftiger und wilder über Boris Schultern und über seinen bloßen Kopf schlugen, die kleinen rotglänzenden Hände immer näherrückten und ein Stück Eis nach dem anderen abbrach. Mit einer krampfhaften Bewegung seines ganzen Körpers glitt Klim weiter zurück vor diesen verderblichen Händen, doch kaum war er von ihnen weggekrochen, als Warawkas Hände und Kopf verschwanden. Auf dem erregten Wasser schaukelte nur die schwarze Persianermütze, schwammen bleierne Eisstücke und bäumten sich Wellenkronen rötlich in den Strahlen des Sonnenuntergangs. Klim seufzte tief und erleichtert auf. All dies Schreckliche hatte qualvoll lange gedauert. Doch obwohl das Entsetzen ihn abgestumpft hatte, wunderte er sich doch, daß Lida erst jetzt zu ihm gelangte, ihn an den Schultern packte, mit ihren Knien in den Rücken stieß und durchdringend schrie:

»Wo sind sie?«

Klim sah auf das Wasser, das beschwichtigt, nach einer Seite hin abfloß und mit Boris' Mütze spielte, sah hin und stotterte:

»Sie hat ihn hinabgezogen . . . er schrie »laß mich los«, schalt sie . . . Den Riemen hat er mir aus den Händen gerissen . . .«

Lida schrie auf und fiel auf das Eis.

Das Eis krachte unter den Schlittschuhen, schwarze Figuren jagten zur Wake hin. Ein Mann im Halbpelz stocherte mit einer langen Stange im Wasser und brüllte:

»Auseinandergehen! Ihr werdet einbrechen! Hier ist Treibeis, meine Herrschaften, sehen Sie nicht, daß hier der Eisbrecher gearbeitet hat?«

Klim erhob sich, wollte Lida aufhelfen, wurde umgeworfen, fiel wieder auf den Rücken und schlug mit dem Hinterkopf auf. Ein schnurrbärtiger Soldat faßte ihn an der Hand und geleitete ihn über das Eis, wobei er schrie:

»Jag' alle auseinander!«

Der Bauer aber, der immer noch mit der Stange das Wasser absuchte, schrie etwas anderes:

»Gebildete Herrschaften! Kommandieren und respektieren selber nicht die Gesetze!«

Und besonders wunderte sich Klim über jemandes ungläubige Frage:

»Ja, war denn ein Junge da, vielleicht war gar kein Junge da?«

»Er war da!« wollte Klim rufen und konnte nicht.

Als er zur Besinnung kam, lag er daheim im Bett in hohem Fieber.

Über ihn beugte sich das verschwimmende Gesicht der Mutter, und ihre Augen waren fremd, rot und klein.

»Hat man sie herausgeholt?« fragte Klim und verstummte, als er einen grauhaarigen Menschen mit einer Brille bemerkte, der mitten im Zimmer stand. Die Mutter legte ihre wohltuend kühle Hand auf seine Stirn und schwieg.

»Hat man sie herausgeholt?« sagte er noch einmal.

Die Mutter sagte:

»Er flüstert etwas!«

»Es ist das Fieber«, sprach mit betäubender Stimme der grauhaarige Mann.

Klim lag sieben Wochen an einer Lungenentzündung darnieder.

Während dieser Zeit erfuhr er, daß man Wera Somow begraben hatte. Boris hatte man nicht gefunden.

 

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