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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Drei Tage später aber stand er auf der Messe, inmitten der Menge, die sich um die Kapelle drängte, auf der die Fahne gehißt wurde, die die Eröffnung des Allrussischen Jahrmarkts verkündete. Inokow versprach, er wolle sich bemühen, ihm zu der Stunde in die Ausstellung Eingang zu verschaffen, wenn der Zar dort sein würde, doch er glaube, das werde schwerlich gelingen. Auf jeden Fall werde der Zar aber den Messepalast besuchen, und dann könne man ihn dort sehen.

Klim gegenüber und rechts und links von ihm zogen sich zwei endlose Reihen stämmiger, hochgewachsener und gutgekleideter Männer, einige in neuen Wämsen und langschößigen Röcken, die meisten in Jacken. Hier und dort hoben sich scharf die roten Flecke der Bauernkittel ab, glänzten in der Sonne plüschene Pluderhosen, spiegelten die Schäfte blankgeputzter Stiefel. Klim sah zum erstenmal in seinem Leben so nah vor sich und in so großer Masse das Volk, über das er seit seinen Kinderjahren so erbittert hatte streiten hören, und von dessen mühseligem Dasein ihm so viele traurige Erzählungen berichteten. Er betrachtete diese Hunderte von langhaarigen, glattgescheitelten oder kahlen Köpfen, von stumpfnasigen, bärtigen, gesunden und soliden Gesichtern mit sprechenden, freundlichen und strengen, gutmütigen und klugen Augen. Diese Leute standen stramm, Hüfte an Hüfte, und ihre breiten Brüste verwuchsen zu einer einzigen Brust. Es war klar: dies war dasselbe große russische Volk, dessen geschickte Hände jene unermeßlichen Reichtümer hervorgebracht hatten, die drüben auf dem eintönigen Feld so malerisch verstreut waren. Ja, es war eben dieses Volk, das die Auslese seiner Besten in den Vordergrund rückte, und es war gut, daß alle übrigen, stutzerhaft gekleideten, aber weniger ansehnlichen Menschen gehorsam hinter den Rücken dieser Männer der Arbeit zurückgetreten waren und ihnen den ersten Platz eingeräumt hatten. Je genauer Klim sich die Menschen der ersten Reihe ansah, desto höher stieg seine Achtung vor ihnen und versetzte ihn in angenehme Erregung. Es war einfach unmöglich, sich vorzustellen, daß diese einfachen und bescheidenen Menschen, die ein so ruhiges Bewußtsein ihrer Kraft hatten, den »lustigen Studenten« oder irgendwelchen ehrgeizigen Schwachköpfen folgen könnten.

Diese Menschen waren von so großer Bescheidenheit, daß man einige von ihnen vorrücken, nach vorn stoßen mußte, was auch bestens von einem riesigen schnauzbärtigen Polizeibeamten mit goldener Brille und einem beweglichen Menschen mit dünnen Waden und einem mit einem dreifarbigen Band dekorierten Strohhut besorgt wurde. Sie schritten langsam die beiden Menschenmauern ab und ließen abwechselnd sanfte Zurufe erklingen.

»Der Glatzkopf dort, vorrücken!«

»Du, Riese, was versteckst du dich? Stell dich hierhin!«

»Der mit dem Ohrring, hierher!«

Der bewegliche Mensch maß Klim mit einem Blick und tippte ihm mit dem Handschuh auf die Schulter.

»Ein wenig zurücktreten, junger Mann!«

Ein Bursche mit einem silbernen Reif im Ohr schob Klim mit dem Rammbock seiner Schulter spielend hinter sich und sagte halblaut mit heiserer Stimme:

»Mit der Brille kannst du auch von hier sehen.«

Aber hinter seinem breiten Rücken war jede Aussicht versperrt.

Samgin machte den Versuch, sich zwischen ihn und einen bärtigen Kahlkopf zu schieben, doch der Bursche stemmte seinen unerbittlichen Ellenbogen vor und fragte:

»Wohin?«

Und empfahl dringend:

»Bleib auf deinem Platz!«

Klim fügte sich.

»Ja«, dachte er, »dieser kann jeden an seinen Platz befördern.«

Er fragte ihn:

»Woher sind Sie?«

Der Mann mit dem Ohrring drehte seinen straffen Hals und neigte sein rotes Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart.

»Aus dem zweiten Bezirk.«

»Arbeiter?«

»Feuerwehrmann.«

Samgin schwieg, überlegte und fragte von neuem:

»Weshalb tragen Sie nicht Uniform?«

Der Mann mit dem Ohrring gab ihm keine Antwort. Statt seiner erteilte sein Nebenmann, ein schlanker, schöner Mensch in einem gelben Seidenhemd, redselig Auskunft:

»Er geht als Arbeiter. Man soll nicht zeigen, daß man zu den Handwerkern gehört. Diese Ausstellung ist nichts für sie. Wenn so ein Handwerker nicht arbeitet, ist er betrunken, und es ist überflüssig, dem Zaren Betrunkene zu zeigen.«

»Richtig«, sagte jemand sehr laut. »Unsere Liederlichkeit interessiert ihn nicht.«

Der kahlköpfige Riese mischte sich zornig ein:

»Man muß unterscheiden, ob einer Arbeiter ist oder Handwerker. Ich zum Beispiel bin Arbeiter bei Wukol Morosow, wir sind hier neunzig Mann. Auch aus der Nikolsker Manufaktur sind welche hier.«

Es entspann sich ein gemächliches Geplauder, und bald erfuhr Klim, daß der Mann im gelben Hemd Tänzer und Sänger war und dem Chor Snitkins, der an der ganzen Wolga bekannt war, angehörte. Der Nachbar des Tänzers war ein Bärenjäger und Waldhüter aus den kaiserlichen Forsten. Er war knorrig von Gestalt, hatte einen schwarzen Bart und die runden Augen eines Uhus.

Samgin, dem das Geschwätz dieser zufälligen Menschen auf die Nerven fiel, wollte den Platz wechseln und versuchte von der Seite her zwischen dem Tänzer und dem Feuerwehrmann hindurchzuschlüpfen. Aber der Feuerwehrmann packte ihn an der Schulter, stieß ihn in die Reihe zurück und sagte unhöflich:

»Es wird nicht herumgelaufen. Du siehst doch, alle stehen.«

Der Tänzer sah Klim mit einem spöttischen Lächeln an und erläuterte:

»Heute wird das Publikum nicht beachtet.«

»Achtung, er kommt!«

Eine Kommandostimme rief:

»Treskin, daß die Leute sich nicht unterstehen, auf die Dächer zu klettern!«

Alle verstummten, strafften sich und hefteten ihren Blick horchend auf die Oka, einen Streifen, wo zwei Linien puppenhaft winziger Menschen mit den dünnen Armen fuchtelten und sich die Köpfe von den Schultern zu reißen und spielerisch emporzuwerfen schienen. Man hörte Glockengeläute, Besonders tief schallte die Glocke der Kremlkathedrale. Gleichzeitig mit dem metallischen Getöse stieg ein anderes, brüllendes an und rollte immer näher. Klim war Zeuge gewesen, wie ganz Moskau zum Empfang des Zaren Hurra brüllte. Aber damals hatte dieses Brüllen ihn, den man auf demütigende Weise zusammen mit Betrunkenen und Taschendieben in einen Hof gejagt hatte, nicht erregt. Heute dagegen fühlte er, daß er vor innerer Bewegung taumelte und es ihm dunkel vor den Augen wurde.

Aus der dichten Menschenwand auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, hinter der dicken Kruppe eines Pferdes hervor, kroch schwerfällig der Glöckner von der Ausstellung und erreichte in drei Schritten die Mitte des Fahrdamms. Sogleich liefen zwei Männer ihm nach und riefen komisch erschrocken:

»Wohin steuerst du, Satan? Wohin, du Fratze?«

Aber der Glöckner stieß die Leute mit dem Arm zur Seite, hob seine wilden Augen zum Himmel empor und bekreuzigte mit einer weit ausholenden Geste der rechten Hand dreimal die Straße.

»Du bist einer«, rief wohlwollend ein Weber aus.

Man stieß den Glöckner eilig in die Menge zurück. Seine gefütterte Mütze blieb auf dem Straßenpflaster liegen.

Samgin schien es, als verfinstere sich die Luft, zusammengepreßt von dem machtvollen Geheul der Tausende, einem Geheul, das heranrückte wie eine unsichtbare Wolke, auf seinem Wege alle Geräusche auswischte und das Glockenläuten und die Schreie der Posaunen der Militärkapelle auf dem Platz vor dem Meßpalast verschluckte. Als dieses Heulen und Brüllen bis zu Klim herangerollt war, betäubte es ihn, hob ihn empor und ließ auch ihn mit vollen Lungen brüllen:

»Hurra!«

Das Volk sprang empor, schwenkte die Arme, schleuderte Mützen und Hüte in die Luft. Es schrie so tosend, daß man nicht hören konnte, wie das feurige Gespann des Gouverneurs Baranow mit den Hufen gegen das Pflaster schlug. Der Gouverneur hatte ein Knie auf den Sitz der Equipage gestellt, blickte rückwärts und schwenkte seine Mütze. Er war ganz stahlgrau, verwegen und heroisch. Die goldenen Blättchen der Orden glänzten auf seiner gewölbten Brust.

In einiger Entfernung hinter ihm jagte in vollem Galopp ein Dreigespann weißer Rosse. Von ihren silbernen Zäumen stoben weiße Funken. Die Pferde traten lautlos auf, unhörbar rollte die breite Equipage. Es war ein seltsamer Anblick, wie die zwölf Beine der Pferde durcheinanderwechselten, so daß es schien, als glitte die Equipage des Zaren durch die Luft, von der Erde losgerissen durch den gewaltigen Schrei der Begeisterung.

Klim Samgin fühlte, wie sich für einen Augenblick alles ringsum und er selbst von der Erde losriß und im Wirbel des orkanartigen Gebrülls durch die Luft flog.

Der Zar, schmächtig, kleiner als der Gouverneur, in blaugrauer Uniform, federte auf dem Polsterrand der Equipage. Mit der einen Hand stützte er sich auf das Knie, die andere hob er mechanisch an die Mütze. Gleichmäßig nach rechts und links nickend, blickte er lächelnd in die zahllosen, kreisrund geöffneten, zähnestarrenden Münder, in die von Natur roten Gesichter. Er war sehr jung, gepflegt, hatte ein schönes, sanftes Gesicht und lächelte schuldbewußt.

Ja, es war ein ausgesprochen schuldbewußtes Lächeln, das sanfte Lächeln Diomidows. Auch seine Augen waren die gleichen, Saphiraugen, und hätte man ihm das kleine, lichte Bärtchen abrasiert, so wäre es Diomidow selbst gewesen.

Er flog vorüber, begleitet von tausendköpfigem Gebrüll, dasselbe Gebrüll empfing ihn weiter hinten. Andere Equipagen jagten vorbei, Uniformen und Orden blitzten, aber schon war es hörbar, wie die Pferde mit den Hufen aufschlugen und die Räder über die Steine rollten, und alles sank wieder auf den Erdboden herab.

Wieder stellte der Glöckner sich in die Mitte der Straße und schlug mit schweren Bewegungen seiner Hand hinter den Equipagen ein Kreuz. Die Leute machten einen Bogen um ihn wie um einen Pfahl. Ein Mann mit rotem Gesicht bückte sich, hob die Mütze auf und reichte sie dem Glöckner. Der Glöckner schlug sich mit der Mütze aufs Knie und entfernte sich mit schweren Schritten mitten auf dem Fahrdamm.

Klims Augen, die gierig den Zaren verschlungen hatten, sahen noch immer seine blaugraue Figur und das schuldbewußte Lächeln in seinem hübschen Gesicht. Samgin fühlte, daß dieses Lächeln ihm seine Hoffnung geraubt und ihn mit tiefer Trauer erfüllt hatte. Er war dem Weinen nahe. Ihm waren auch vorher schon Tränen in die Augen gekommen, aber das waren Tränen jener Freude gewesen, die ihn und alle erfaßt und über die Erde emporgehoben hatte. Nun aber weinte Klim dem Zaren und dem in der Ferne verhallenden Geschrei Tränen des Kummers und des Schmerzes nach.

Es war unmöglich, sich damit abzufinden, daß der Zar wie Diomidow aussah, unerträglich war das schuldige Lächeln der Verlegenheit in dem Gesicht des Herrschers über ein Hundertmillionenvolk, und unbegreiflich, wodurch dieser jugendliche, hübsche und sanfte Mensch ein so markerschütterndes Gebrüll auszulösen vermochte.

Willenlos und zu Boden gedrückt, bewegte sich Klim Samgin inmitten der Menge, die unvermittelt ausgelassen wurde. Er hörte lebhafte Stimmen:

»In der alten Zeit hätten wir auf die Knie fallen müssen . . .«

»He, Jungens, jetzt gehen wir Bier trinken!«

Hinter Klims Rücken begeisterte sich jemand mit heller Stimme:

»Mit welcher Unbekümmertheit sie schlagen!«

»Wen?«

»Alle.«

Eine solide Stimme sagte eindringlich:

»Die Kritiker soll man auch schlagen.«

»Roman, wieviel hast du für die Stiefel gegeben?«

Vom Zaren wurde nicht gesprochen. Nur einen einzigen Satz fing Klim auf:

»Er wird es schwer haben mit uns.«

Dies sagte ein stämmiger Bursche, anscheinend ein Tuchfärber, denn seine Hände waren mit tiefblauer Farbe gefärbt. Er führte einen ordentlich gekleideten Greis am Arm, stieß die Leute rücksichtslos zur Seite und schrie sie an:

»Geh zu!«

Aber auch er hatte am Ende gar nicht den Zaren gemeint.

»Und wie, wenn alle diese Menschen sich ebenfalls betrogen fühlen und es bloß geschickt verbergen?« dachte Klim.

Ein scharfäugiger Mensch sah ihm ins Gesicht und fragte mißtrauisch:

»Was weinen Sie, junger Herr? Was für einen Grund haben Sie, heute zu weinen?«

Samgin wischte sich verlegen die Augen, beschleunigte den Schritt und bog in eine der Straßen des Stadtteils Kunawin ein, die nur aus öffentlichen Häusern bestand. Beinahe aus jedem Fenster sahen, in buntem Wechsel mit Trikoloren, halbentkleidete Frauen heraus, zeigten ihre nackten Schultern und Brüste und tauschten zynische Rufe von Fenster zu Fenster. Abgesehen von den Fahnen bot die Straße einen so gewohnten Anblick, als sei nichts geschehen und der Zar und die Begeisterung des Volkes bloßer Traum.

»Nein, Diomidow hat sich geirrt«, dachte Klim, als er in einer Droschke saß und zur Ausstellung fuhr. »Dieser Zar wird es schwerlich wagen, die Menschen anzuschreien wie das bucklige Mädchen.«

Am Eingang der Ausstellung empfing ihn Inokow.

»Man kann durch!« sagte er hastig. »Schade, Sie sind zu spät gekommen.«

Inokow hatte sich die Haare scheren, die Wangen rasieren lassen, seinen Umhang mit einem billigen, mausgrauen Anzug vertauscht und sah jetzt so unauffällig aus, wie jeder andere ordentliche Mensch. Nur die Sommersprossen traten noch stärker in seinem Gesicht hervor. Im übrigen unterschied er sich durch nichts von den anderen, ein wenig gleichförmig gekleideten Leuten. Es waren ihrer nicht viele. Sie interessierten sich vornehmlich für die Architektur der Bauten, musterten die Dächer, guckten in die Fenster und hinter die Ecken der Pavillons und lächelten einander liebenswürdig zu.

»Ochrana?« fragte Klim flüsternd.

»Wahrscheinlich nicht alle!« antwortete Inokow ärgerlich und grundlos laut. Er hielt beim Gehen den Hut in der Hand und sah stirnrunzelnd zu Boden.

»Man hat hier bereits eine Posse aufgeführt«, sagte er. »Am Eingang zum Zarenpavillon empfing den Zaren eine Leibwache, wissen Sie, solche wohlgebildeten russischen Jünglinge in weißen, silbergestickten Röcken, hohen Mützen und Äxten in der Hand. Man sagt, der Literat Dmitri Grigorowitsch habe sie sich ausgedacht. Sie bildeten Spalier, und der Zar fragt den einen: ›Ihr Name?‹: ›Nabgolz‹, den zweiten: ›Eluchen‹, den dritten: ›Ditmar‹. Der vierte hieß Schulze. Der Zar lächelte und ging an den nächsten schweigend vorüber. Da sieht er, wie so eine stupsnäsige Visage ihn anschmachtet. Er lächelt der Visage zu: ›Ihr Name?‹ Da krächzt die Visage ihm im Baß entgegen: ›Antor!‹ Die Sache war die, daß die Visage ihre Wirtshausrechnung in dieser abgekürzten Form unterschrieb. Ihr richtiger Name lautete Andrej Torsujew.«

Inokow erzählte dies mit leiser Stimme, man merkte ihm an, daß er es unlustig tat und mit anderen Dingen beschäftigt war.

»Ist das wahr?« fragte Samgin ungläubig.

»Na, natürlich. Wenn was dumm ist, so heißt das, es ist wahr.«

Klim schwieg, da er sich an den Feuerwehrmann und den Tänzer erinnerte, die er für Arbeiter gehalten hatte.

Die ordentlichen Leute erstarrten plötzlich mit den abgezogenen Hüten in der Hand. Aus dem Pavillon der chemischen Industrie trat der Zar heraus, gefolgt von den drei Ministern: Woronzow-Daschkow, Wannowski und Witte. Der Zar ging langsam, spielte mit seinem Handschuh und hörte sich an, was ihm sein Hofminister sagte, wobei er ihn sanft am Ärmel zupfte und auf den Weinbau-Pavillon deutete, einen niedrigen, von Rasenflächen eingefaßten Hügel. Aus der Ferne und zu Fuß erschien der Zar Klim noch kleiner als in der Equipage. Offensichtlich hatte er keine Lust, zum Pavillon hinabzusteigen, in den Woronzow ihn haben wollte. Er wandte sein Gesicht ab und sagte mit verlegenem Lächeln etwas zum Kriegsminister, der in Zivil war und einen Spazierstock in der Hand hielt.

Diese drei berührten sich fast mit den Körpern, während der breitschultrige Witte von der Höhe seiner wuchtigen Statur auf sie herabsah. In seine Schultern war ohne Sorgfalt und gleichsam nur für den ersten dringenden Bedarf ein kleiner Kopf mit einem kaum wahrnehmbaren Näschen und einem dünnen, mordwinischen Bärtchen eingepflanzt. Er sah mit besorgt hängenden Lippen und tief hinter den Vorsprüngen der Brauen versteckten Augen bald auf den – an ihm gemessen – kleinen Zaren und die gleichfalls schmächtigen Minister, bald auf die goldene Uhr, die in seiner Hand zu schmelzen schien. Samgin fiel besonders in die Augen, wie fest und kräftig Witte die langen und breiten Sohlen seiner schweren Füße auf den Boden setzte.

Einige Schritte von dieser Gruppe entfernt warteten in ehrfurchtsvoller Haltung der schneidige, dünne und eckige Gouverneur Baranow und der graubärtige Kommissar der Kunstgewerbeabteilung, Grigorowitsch, der mit der Hand weite Kreise in der Luft zog, und die Finger in einer Weise bewegte, als salze er den Erdboden oder streue Samen aus. In dichter, stummer Gruppe standen die Abteilungskommissare, solide, ordenbehängte Herren, sowie ein großer Mann in goldgesticktem Kaftanrock mit dem Gesicht eines einfältigen Bauern.

»Der Millionär Nikolai Bugrow«, erläuterte Inokow. »Man nennt ihn den Lehnsfürsten von Nishni Nowgorod. Und das ist Sawwa Mamontow.«

Aus dem Nordland-Pavillon trat mit raschen Schritten ein vierschrötiges kahlköpfiges Männchen mit weißem Bärtchen und vergnügtem, rosigem Gesicht. Im Gehen wehrte er lachend den »erklärenden Herrn« ab, den mit der ausgeprägten Stirn und den langen Haaren.

»Bagatellen, Wertester, die reinsten Bagatellen«, sagte er so laut, daß der Gouverneur Baranow strenge zu ihm hinsah. Alle »ordentlichen Leute« beehrten ihn gleichfalls mit ihrer Aufmerksamkeit. Auch der Zar richtete seine Blicke mit immer dem gleichen schuldigen Lächeln auf ihn, während Woronzow-Daschkow ihn zu Klims Entrüstung noch immer am Ärmel zupfte.

»Adaschew«, mußte er denken und wünschte dem Minister von ganzem Herzen das Los dieses Erziehers Iwans des Schrecklichen.

Die Ausstellung lag still und verlassen, wie an regnerischen Tagen. Werktäglich pfiffen die Lokomotiven im Waggonhof, knirschten die Geleise in den Weichen, dröhnten die Puffer, und eintönig sangen die Sirenen des Weichenstellers.

Der Tag, der klar begonnen hatte, wurde gleichfalls trübselig. Der Himmel bedeckte sich mit einer glatten Schicht grauer, fadenscheiniger Wolken. Die Sonne, von ihnen überzogen, wurde glanzlos-weiß wie im Winter. Ihr verstreutes Licht ermüdete die Augen. Die Buntheit der Bauten verblaßte, steif und entfärbt hingen die zahllosen Flaggen herab. Die »ordentlichen Leute« bewegten sich schlaff. Die blaugraue, bescheidene Figur des Zaren wurde dunkel und noch weniger bemerkbar auf dem Grunde der großen, soliden Männer, die schwarz gekleidet waren oder goldbestickte ordengeschmückte Uniformen trugen.

Der Zar schritt an der Spitze dieser Männer langsam auf den Marine-Pavillon zu. Es schien, als ob sie ihn vorwärts stießen. Jetzt bückte der Gouverneur Baranow sich geschmeidig, hob etwas vor den Füßen des Zaren vom Boden auf und schleuderte es beiseite.

»Haben Sie genug?« fragte Inokow grinsend.

Samgin nickte stumm.

Er fühlte sich physisch erschöpft, hatte Hunger und war traurig. Eine solche Traurigkeit hatte er als Kind empfunden, wenn man ihm vom Weihnachtsbaum nicht den Gegenstand schenkte, den er haben wollte.

»Wissen Sie, wem der Zar ähnlich sieht?« fragte Inokow.

Klim blickte ihm, auf eine Grobheit gefaßt, wortlos ins Gesicht. Aber Inokow sagte nachdenklich:

»Cherubino, als Offizier verkleidet.«

»Isaak«, murmelte Samgin.

»Was?«

»Isaak«, wiederholte Klim lauter und mit einem Ärger, den er nicht zurückhalten konnte.

»Ach ja, der aus der Bibel«, erinnerte sich Inokow. »Ja, aber wer ist dann Abraham?«

»Ich weiß es nicht.«

»Merkwürdiger Vergleich«, grinste Inokow, seufzte dann und sagte:

»Meine Korrespondenzen werden nicht gedruckt. Der Redakteur, ein alter Wallach, schreibt, ich unterstreiche zu sehr die negativen Seiten, und dies mißfalle dem Zensor. Er schulmeistert: jede Kritik müsse von einer allgemeinen Idee ausgehen und sich auf sie stützen. Aber der Teufel soll wissen, wo sie steckt, diese allgemeine Idee!«

Klim hörte auf, seinem übelgelaunten Geschimpfe zu folgen. Er war mit den Gedanken bei dem jungen Mann in der blaugrauen Uniform, bei seinem verlegenen Lächeln. Was würde dieser Mensch sagen, wenn man ihm einen Kutusow, einen Diakon, einen Ljutow gegenüberstellte? Ja, wie stark konnten die Worte sein, die er diesen Leuten zu sagen vermochte? Und Klim erinnerte sich – nicht spöttisch wie sonst, sondern mit Bitterkeit – seines alten Spruchs:

»Ja, war denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Aber überlastet mit Eindrücken, hatte er es, wie ihm schien, verlernt zu denken. Die Spinne, die das Gewebe der Gedanken spann, war erstarrt. Er sehnte sich danach, heimzufahren, in die Sommerfrische, und auszuruhen.

Aber er durfte nicht abreisen. Ein Telegramm Warawkas bat ihn, seine Ankunft abzuwarten.

Und während Klim Samgin auf Warawka wartete, erblickte er einen wirklichen Herrn.

Es war ein Mann von mittlerem Wuchs, gekleidet in weite, lange Gewänder von jener unergründlichen Farbe, die die Blätter der Bäume im Spätherbst annehmen, wenn sie schon den sengenden Hauch des Frostes verspürt haben. Diese schattenhaft leichten Gewänder umhüllten den dürren, knochigen Leib eines alten Mannes mit zweifarbigem Gesicht. Durch die stumpf-gelbe Gesichtshaut traten die braunen Flecke eines uralten Rostes. Das steinerne Gesicht wurde durch ein graues Bärtchen verlängert, dessen Haare man zählen konnte. Büschel desselben grauen Haares sprossen aus den Mundwinkeln hervor und bogen sich nach unten zu. Die Unterlippe, gleichfalls rostfarben, hing verachtungsvoll herab, über ihr starrte eine ungerade Reihe bernsteingelber Zähne. Seine Augen zogen sich schräg zu den Schläfen hinauf, die Ohren, spitz wie bei einem Raubtier, waren fest an den Schädel gedrückt, auf dem ein Hut mit Kugeln und Schnüren thronte. Der Hut gab dem Menschen das Aussehen des Priesters einer unbekannten Religion. Es schien, daß die Pupillen seiner schmalen Augen nicht rund und glatt seien wie bei gewöhnlichen Menschen, sondern geformt aus feinen, spitzen Kristallen. Und wie aus einem von Meisterhand gemalten Bildnis folgten diese Augen Klim unverwandt, von welcher Seite er auch auf dieses uralte, zum Leben erwachte Bildnis schauen mochte. Die stumpfen, samtenen Schaftstiefel mit unförmig dicken Sohlen mußten sehr schwer sein, aber der Mensch bewegte sich lautlos. Seine Füße glitten, ohne sich vom Erdboden zu lösen, über ihn hin wie über Öl oder Glas.

Ihm folgte respektvoll eine Gruppe Menschen, unter denen man vier Chinesen in Nationaltracht bemerkte. Gelangweilt schritt der schneidige Gouverneur Baranow an der Seite des Generals Fabrizius, des Kommissars des Zarenpavillons, in dem die Schätze der Minen von Nertschinsk und des Altai, Edelsteine und gediegenes Gold ausgestellt waren. Auch Leute mit und ohne Orden befanden sich, dicht aneinander gedrängt, im Gefolge des seltsamen Besuchers.

In seinem gleitenden Gang wanderte dieser würdevolle Mensch von einem Gebäude zu andern. Sein steinernes Gesicht blieb unbewegt, kaum merklich bebten die breiten Nüstern seiner mongolischen Nase und verkürzte sich die verachtungsvolle Lippe, deren Bewegung nur deshalb zu sehen war, weil die grauen Haare in den Mundwinkeln sich sträubten.

»Li Hung Tschang«,Chinesischer Kanzler unter der Monarchie, bereiste 1896 Europa, unterzeichnete nach dem Boxeraufstand den Vertrag mit den Mächten. D. Ü. flüsterten die Leute einander zu, »Li Hung Tschang!«

Und sie traten ehrfürchtig grüßend zurück. Die Leute würdigte der berühmte Chinese keines Blickes. Die Gegenstände betrachtete er mit geringschätziger Flüchtigkeit, und nur vor wenigen verweilte er Sekunden, eine Minute lang, blähte die Nüstern und bewegte den Schnurrbart.

Seine Hände ruhten, in den weiten Ärmeln geborgen, auf dem Bauch. Zuweilen jedoch erriet einer der Chinesen ihren unsichtbaren Wink oder beugte sich einem nicht wahrnehmbaren Zeichen und begann leise mit dem Abteilungskommissar zu reden, um dann mit gesenktem Kopf, ohne aufzublicken, noch verhaltenere Worte an Li Hung Tschang zu richten.

In der Marineabteilung sprach er ihm von einer Kanone. Der alte Chinese, der ihr in unbeweglicher Haltung seine Seite zuwandte, sah sie sekundenlang aus den Augenwinkeln an und – glitt weiter.

General Fabrizius strich seinen Kosakenschnurrbart glatt, eilte dem hohen Gast vorauf und deutete mit der Geste eines Befehlshabers auf den Zarenpavillon.

Li Hung Tschang blieb stehen. Sein chinesischer Dolmetscher entfaltete eine emsige Geschäftigkeit, verneigte sich und flüsterte lächelnd und mit ausgebreiteten Armen.

»Man darf nicht vor ihm gehen?« fragte laut ein stattlicher Mann mit einer Menge Orden auf der Brust und lächelte ironisch. »Nun, aber neben ihm darf man? Wie, auch das darf man nicht? Niemand?«

»Zu Befehl, Eure Exzellenz!« antwortete jemand mit der Stimme eines Droschkenkutschers.

Der Stattliche blies so heftig die Backen auf, daß sie rot anliefen, überlegte und sagte in französischer Sprache:

»Man soll den Dolmetscher fragen, wer denn eigentlich das Recht hat, neben ihm zu gehen.«

Alle schwiegen. Dann ließ sich, schon leiser, die Kutscherstimme vernehmen:

»Der Übersetzer, Eure Hochwohlgeboren, sagt, daß er es nicht weiß. Vielleicht Ihr, das heißt, unser Kaiser, sagt er.«

Der Stattliche berührte die Orden auf seiner Brust und murmelte wütend:

»Wirklich . . . Zeremonien!«

General Fabrizius errötete ebenfalls, zupfte seinen Schnurrbart und ließ Li Hung Tschang den Vortritt.

Im Altai-Pavillon blieb Li Hung Tschang vor der Edelstein-Vitrine stehen und bewegte die Schnurrbarthaare. Sogleich bat der Dolmetscher, die Vitrine zu öffnen. Als man die schwere Glasscheibe hochgehoben hatte, befreite der alte Chinese, ohne Hast zu verraten, seine Hand aus dem Ärmel, der wie aus eigener Kraft bis zum Ellenbogen hinaufglitt. Die knochigen Finger der greisenhaften, eisernen Hand senkten sich in die Vitrine und griffen von der weißen Marmorplatte einen großen Smaragd – die Zierde des Pavillons. Li Hung Tschang hob den Edelstein an sein linkes Auge, hielt ihn an das rechte, nickte kaum merklich mit dem Kopf und ließ die Hand mit dem Stein in den Ärmel gleiten.

»Er nimmt ihn sich«, erklärte der Dolmetscher liebenswürdig lächelnd die Geste.

General Fabrizius erbleichte und stammelte:

»Aber erlauben Sie! Ich habe doch nicht das Recht, Geschenke zu machen!«

Der berühmte Chinese glitt bereits aus der Tür des Pavillons und wandte sich zum Ausgang der Ausstellung.

»Li Hung Tschang«, sagten die Leute leise einander und verneigten sich tief vor dem Mann, der einem Magier aus alter Zeit glich. »Li Hung Tschang!«

Der Tag war unfreundlich. Angstvoll jagte der Wind hinter allen Ecken hervor und wirbelte den Sand der Wege in die Luft. Am Himmel drängten sich wimmelnde Wolkenfetzen, auch die Sonne war voller Unrast, als sei sie bemüht, die seltsame Gestalt des Chinesen so hell wie möglich zu beleuchten.

 


 

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