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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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»Die taktlose Einmischung Wittes in den Weberstreik hat der Bewegung einen politischen Charakter verliehen. Die Regierung tut alles, um die Arbeiter zu überzeugen, daß der Klassenkampf eine Tatsache ist und nicht eine Erfindung der Sozialisten – verstehen Sie?«

Der Redakteur nickte stumm und einverstanden mit seinem blankpolierten Schädel, und seine Lippe hing noch beleidigter herab.

Ein Mann in einer Samtjoppe, mit einer pompösen Halsschleife, der mächtigen Nase eines Spechts und hektischen Flecken auf den gelben Wangen schalt leise:

»Der Klassenkampf ist keine Utopie, wenn der eine ein Haus besitzt, der andere hingegen nur die Tuberkulose.«

Als Klim ihm vorgestellt wurde, reichte er ihm seine feuchte Hand, blickte ihm mit fiebrigen Augen ins Gesicht und sagte:

»Narokow – Robinson – haben Sie den Namen gehört?«

Er war unstät, sprang häufig und stürmisch von seinem Platz auf, sah stirnrunzelnd auf seine schwarze Uhr, zwirbelte sein dünnes Bärtchen zu einem Korkenzieher, stopfte es zwischen seine zerfressenen Zähne und verkürzte krankhaft die Haut seines Gesichts durch ein ironisches Lächeln, wobei er die Augen schloß und die Nasenflügel weit aufblähte, als wehre er einen störenden Geruch ab. Bei der zweiten Begegnung mit Klim teilte er ihm mit, daß dank der Feuilletons Robinsons eine Zeitung unterdrückt, eine andere auf drei Monate verboten worden war und eine Reihe weiterer Blätter »Verwarnungen« erhalten hatten, und daß in allen Städten, in denen er gearbeitet hatte, immer die Gouverneure seine Feinde waren.

»Mein Freund, ein Statistiker – er ist kürzlich im Gefängnis am Typhus gestorben –, gab mir den Spitznamen ›Geißel der Gouverneure‹.«

Man konnte nicht daraus schlau werden, ob er scherzte oder im Ernst sprach.

Klim erhaschte an ihm sogleich einen unangenehmen Zug: dieser Mensch betrachtete jedermann ironisch und feindselig hinter halbgeschlossenen Wimpern hervor.

Tief in seinem Sessel saß Warawkas Kompagnon im Zeitungsgeschäft, Pawlin Saweljewitsch Radejew, Eigentümer zweier Dampfmühlen, ein rundliches Männchen mit einem Tatarengesicht, das in ein sorgfältig gestutztes Bärtchen eingefügt war, und freundlichen, klugen Augen unter einer gewölbten Stirn. Warawka hatte offensichtlich eine sehr hohe Meinung von ihm und hing mit fragenden und erwartungsvollen Blicken an seinem Gesicht. Warawkas Unwillen über den politischen Zynismus Konstantin Pobedonoszews begegnete Radejew mit den Worten:

»Es macht die Wanze schon glücklich, daß sie stinkt.«

Dies war der erste Satz, den Klim aus dem Munde Radejews vernahm. Er setzte ihn um so mehr in Erstaunen, als er in einer so seltsamen Weise gesagt wurde, daß zwischen dem Gesprochenen und dem stämmigen, soliden Figürchen des Müllers mit dem straffen, festen wachsgelben oder, richtiger, honigfarbenen Gesicht keinerlei Übereinstimmung bestand. Sein Stimmchen war ausdruckslos und schwach.

»Sind Sie es nicht, den Boborykin zum Vorbild für seinen Kornspeicher – Sokrates Wassili Terkin genommen hat?« fragte Robinson ihn rücksichtslos.

»Ein schlechtes Buch, aber nicht ganz ohne Wahrheit«, antwortete Radejew. Er hielt seine runden Händchen auf dem Bauch gefaltet und drehte die Daumen. »Ich bin es natürlich nicht, aber ich nehme doch an, daß er nach der Natur geschildert ist. Auch unter der Kaufmannschaft finden sich neuerdings Nachdenkende.«

Samgin war zunächst geneigt zu glauben, daß dieser Kaufmann verschlagen und hartherzig sei. Als man von den Reliquien des Serafim von Sarow zu sprechen begann, sagte Radejew mit einem Seufzer:

»O weh, aus diesem Werk toter Gerechter wird uns nichts Gutes erstehen, noch weniger aus dem der lebendigen! Tun wir das doch wahrhaftig nicht freiwillig und nicht aus Not, sondern aus Gewohnheit! Wir sollten lieber zugeben, daß wir allzumal Sünder und alle im selben sündigen Erdenleben befangen sind.«

Er fand Vergnügen am Reden und rühmte sich, über alles mit seinen eigenen Worten sprechen zu können. Samgin horchte sich in sein farbloses Stimmchen, in seine stillen, abgewogenen Worte hinein und entdeckte in Radejew etwas Sympathisches, das mit seiner Erscheinung versöhnte.

»Sie bemerken sehr richtig, Timofej Stepanowitsch: in unserer jungen Generation reift eine mächtige Spaltung heran. Soll man darüber zürnen?« fragte er mit einem Lächeln seiner bernsteingelben Äuglein und antwortete gleich selbst zum Redakteur gewandt:

»Ich meine, man soll es nicht. Mir scheint von überaus großem Nutzen für unseren Staat der Zusammenstoß derer, die sich zu Herzen und den Slawophilen bekennen und sich auf Nikolaus den Wundertäter und auf die Bauern stützen, mit denen, die an Marx und Hegel glauben und auf Darwin fußen.«

Er holte Atem, beschleunigte die Drehung seiner kurzen Finger und liebkoste den Redakteur mit einem Lächeln. Der Redakteur raffte die Unterlippe auf und spannte die Oberlippe zu einer geraden Linie, so daß sein Gesicht kürzer, aber breiter wurde und auch so etwas wie ein Lächeln zeigte. Hinter seinen Brillengläsern regten sich formlose, trübe Flecke.

»Dies ist allerdings die Hauptrichtung der Spaltung«, fuhr Radejew noch sonorer und sanfter fort: »aber man kann noch eine zweite, ebenso wertvolle feststellen: es treten Jünglinge hervor, die sich nicht nur mit den Kümmernissen des Volkes, sondern auch mit den Geschicken des russischen Staates, mit der großen sibirischen Eisenbahn nach dem Stillen Ozean und anderen ebenso interessanten Dingen beschäftigen.«

Der Müller legte eine Pause ein, offenbar, damit man sich ganz mit der Bedeutsamkeit des von ihm Gesagten durchdringe, scharrte mit seinen kurzen Beinchen und fuhr fort:

»Die individualistische Stimmung von manchen unter den jungen Leuten ist auch nicht ganz ohne Nutzen, vielleicht verbirgt sich dahinter eine sokratische Besinnung auf sich selbst und eine Abwehr gegen die Sophisten. Nein, unsere Jugend entwickelt sich sehr interessant und vielversprechend. Sehr bezeichnend ist, daß Leo Tolstois verbohrte Lehre unter den Jungen keine Schüler und Apostel findet, absolut nicht findet, wie wir sehen.«

»Gewiß«, sagte der Redakteur, nahm die Brille ab und zeigte dahinter zwei sanfte Augen mit verschwommenen, fliederfarbenen Pupillen.

Radejew erfreute sich stets allgemeiner Aufmerksamkeit. Besonders Warawka saugte sich mit seinem spitzen Blick an dem Honiggesicht und den straffen, an Blutegel erinnernden Lippen des Müllers fest.

»Prachtvoll, wie der Müller die ›O's‹ rollt«, sagte er und lächelte freundselig. »Ein bestialisch kindliches Gemüt!«

Klim Samgin fand bei Warawka und Radejew etwas Gemeinsames heraus: Warawkas Arme waren kurz; der Müller hatte lächerlich kurze Beinchen.

Inokow meinte bezüglich Radejews:

»Den müßte man im Bade sehen. Nackt sieht er wahrscheinlich wie ein Samowar aus.«

Inokow kehrte soeben von einer Reise nach Orenburg, dem Turgai-Gebiet, Krassnowodsk und Persien zurück. Absonderlich in Segeltuch gekleidet, grau und wie bis auf die Knochen mit Staub durchtränkt, Sandalen an den nackten Füßen, einen breitrandigen Strohhut auf dem langherabhängenden Haar, war er das lebendig gewordene Porträt Robinson Crusoes auf dem Umschlag einer billigen Ausgabe dieses Evangeliums der Unüberwindlichen. Während er wie ein Kranich im Eßzimmer auf und ab stelzte, zupfte er mit dem Fingernagel kleine Hautschuppen von der sonnverbrannten Nase und erklärte energisch:

»Alle diese Baschkiren und Kalmücken beflecken ganz unnütz die Erde. Arbeiten können sie nicht, zum Lernen sind sie untauglich. Auch die Perser haben sich überlebt.«

Radejew sah leutselig zu ihm hin und bewegte die glattgekämmten Brauen. Warawka hänselte ihn:

»Und wohin mit ihnen nach Ihrer Meinung? Niedermetzeln? Aushungern?«

»Herbstlaub«, beharrte Inokow und schnaubte durch die Nase, als bliese er den heißen Staub der Steppe hinaus.

»Herbstlaub«, wiederholte Klim in Gedanken, während er die unergründlichen Menschen beobachtete, und fand, daß irgendeine Kraft ihre natürlichen Stellungen verrückt hatte. Jeder von ihnen bedurfte, um deutlicher sichtbar zu sein, gewisser Ergänzungen und Korrekturen. Immer mehr solcher Menschen traten in sein Blickfeld. Es wurde vollkommen unerträglich, im Reigen der nutzlos und ermüdend Klugen einherzustampfen.

Lida kam die Treppe herunter. Sie setzte sich in die Ecke, wo der Flügel stand, hüllte nach ihrer Gewohnheit die Brust eng in ihren Voileschleier und sah mit fremden Augen zu den Anwesenden hinüber. Der Schleier war blau und warf unangenehme Schatten auf die untere Gesichtshälfte, Klim war zufrieden, daß sie schwieg. Er fühlte, daß er ihr widersprechen müßte, sobald sie den Mund auftäte. Am Tage und in der Gesellschaft Dritter liebte er sie nicht.

Die Mutter trug gegenüber den Gästen ein würdevolles Benehmen zur Schau, lächelte ihnen gütig zu, und in ihrer Haltung lag etwas nicht zu ihr Gehöriges, Gezwungenes und Trauriges.

»Langen Sie zu«, forderte sie den Redakteur, Inokow und Robinson auf und schob ihnen mit einem Finger Teller mit Brot, Butter und Käse und Gläser mit Eingemachtem hin. Sie nannte die Spiwak Lisa und wechselte mit ihr Blicke des Einverständnisses. Die Spiwak stritt angeregt mit jedermann, mit Inokow häufiger als mit den anderen, wahrscheinlich, weil er sie umkreiste wie ein Kalb, das mit einem Strick an einen Pfahl gebunden ist.

Die Spiwak betrachtete sich mehr als Hausherrin denn als Gast, was Klim bestimmte, sie argwöhnisch zu beobachten.

Wenn alle Außenstehenden aufgebrochen waren, ging die Spiwak mit Lida im Garten spazieren oder hielt sich oben in ihrem Zimmer auf. Sie unterhielten sich erregt, und Klim hatte stets Lust, heimlich zu horchen, wovon.

»Sehen Sie sich sie an – sehr interessant«, sagte sie zu Klim und drückte ihm die gelben Bändchen von René Doumic, Pellissier und Anatole France in die Hand.

»Wozu erzieht sie mich?« grübelte Klim und besann sich darauf, daß die Nechajew ihm Reproduktionen von Gemälden der Präraffaeliten, von Rochegrosse, Stuck und Klinger und Gedichte der Dekadenten zu schenken pflegte.

»Jeder versucht, einem etwas von sich aufzudrängen, damit man ihm ähnlich und um so verständlicher werde. Ich hingegen dränge niemand etwas auf«, dachte er mit Stolz, lauschte aber sehr aufmerksam den Urteilen der Spiwak über Literatur. Ihre Art, über die jüngste russische Dichtung zu sprechen, gefiel ihm.

»Diese jungen Leute haben es sehr eilig, sich von der humanitären Tradition der russischen Literatur frei zu machen. Im Grunde übersetzen und kopieren sie vorderhand nur die französischen Dichter und kritisieren sodann wohlwollend einander, um bei Gelegenheit kleiner literarischer Diebstähle von großen Ereignissen in der russischen Literatur zu schwatzen. Ich glaube, nach einem Tjutschew zeugt es von einer gewissen Unbildung, über die Dekadenten vom Montmartre in Begeisterung zu geraten.«

Dann und wann betrat Iwan Dronow, eine Aktentasche unterm Arm, reinlich gekleidet und mit unnatürlich knarrenden Stiefeln – in der scheuen Art eines geprügelten Katers – Warawkas Kabinett. Er grüßte Klim wie ein Untergebener den Sohn seines strengen Vorgesetzten und verzog sein stumpfnasiges Gesicht zu einer scheinheiligen Miene.

»Wie geht es dir?« fragte Samgin.

»Ich danke Ihnen, nicht schlecht«, antwortete Dronow, indem er den Nachdruck auf das »Ihnen« legte. Klim war verlegen. Im weiteren Verlauf ihres Gespräches redeten beide sich mit »Sie« an. Als Dronow sich verabschiedete, teilte er noch mit:

»Margarita läßt Sie grüßen. Sie erteilt jetzt Handarbeitunterricht in der Klosterschule.«

»In der Tat?« fragte Klim.

»Ja. Ich sehe sie häufig.«

»Warum hat er mir das gesagt?« dachte Klim beunruhigt, während er ihm durch die Brillengläser einen scheelen Blick nachsandte.

Er vergaß Dronow sofort. Lida verschlang alle seine Gedanken. Sie erfüllte ihn mit immer qualvollerer Bangigkeit. Es blieb ihm kein Zweifel daran, daß sie nicht das Mädchen war, von dem er geträumt hatte. Eine ganz andere. Während sie körperlich von Tag zu Tag berauschender wurde, begann sie schon, ihn mit verletzender Herablassung zu behandeln, und mehr als einmal schlug ihm aus ihren Fragen Ironie entgegen.

»Sag mir doch, was ist eigentlich bei dir anders geworden?«

Er wollte sagen:

»Nichts.«

Konnte auch sagen:

»Ich habe erkannt, daß ich mich geirrt habe.«

Aber es fehlte ihm an Mut, ihr die Wahrheit zu sagen, und er war auch nicht voll überzeugt, daß es die Wahrheit sei, und daß er sie ihr sagen mußte.

Er antwortete:

»Es ist zu früh, davon zu sprechen.«

»Bei mir ist nichts anders geworden«, deutete Lida flüsternd an, und ihr Geflüster in der schwülen nächtlichen Dunkelheit wurde ihm zum Albtraum. Es lag etwas Beklemmendes darin, daß sie ihre dummen Fragen stets im Flüstertone stellte, als ob sie selbst sich ihrer schäme, und diese Fragen klangen immer zynischer. Einmal – er sagte ihr etwas Beruhigendes – hielt sie ihn mit den Worten an:

»Warte mal, wo habe ich das gelesen?«

Sie besann sich und sagte im Ton der Gewißheit:

»Es ist aus Stendhals Buch ›Über die Liebe‹.«

Sie sprang aus dem Bett und ging rasch durchs Zimmer, über die tiefen und vollen Schatten auf dem Fußboden. Ihre mit schwarzen Strümpfen bekleideten Beine verschmolzen in seltsamer Weise mit den Schatten, die auch über ihr vom Mondschein bläulich getöntes Hemd glitten. Es sah so aus, als habe sie keine Beine und schwebe durch den Raum. Sie warf einen Blick aus dem Fenster und stellte sich dann mit streng gefurchten Brauen vor den Spiegel. Sie betrachtete sich so oft und so eingehend im Spiegel, daß Klim es zuletzt als sonderbar und lächerlich empfand. Sie stand da, biß sich die Lippen, zog die Augenbrauen hinauf und strich sich über Brust, Leib und Hüften. Hinter ihrem nackten Körper zeigte der Spiegel die dunkle Tapete der Wand, und es war sehr unangenehm, Lida verdoppelt zu sehen: die eine, die lebendige, schaukelte über dem Boden, die andere glitt durch die reglose Leere des Spiegels.

Klim fragte sie unfreundlich:

»Glaubst du, schon schwanger zu sein?«

Sie ließ die Arme am Körper hinabgleiten, wandte sich heftig herum und fragte erschrocken:

»Was?«

Sie sank auf einen Stuhl und flüsterte kläglich:

»Ja, aber es kommen doch nicht immer Kinder? Und es sind ja noch nicht sechs Wochen . . .«

»Was hast du nur? Fürchtest du dich davor, ein Kind zu kriegen?« Es bereitete Klim Vergnügen, sie zu verhöhnen. »Und was sollen hier die Wochen?«

Sie antwortete nicht, sondern begann sich hastig anzukleiden.

»Und erinnerst du dich: du wolltest ja einen Knaben und ein Mädchen haben?«

Sie schlüpfte so eilig in ihre Kleider, als könne sie sich nicht schnell genug vor ihm verbergen.

»Wollte ich es?« murmelte sie. »Ich erinnere mich nicht.«

»Du warst damals zehn Jahre alt.«

»Heute gefallen mir Knaben und Mädchen nicht mehr.«

Sie bückte sich, um die Schuhe anzuziehen, und sagte:

»Nicht alle haben das Recht, Kinder in die Welt zu setzen.«

»Hu, wie philosophisch!«

»Jawohl«, fuhr sie fort, während sie sich dem Bett näherte, »nicht alle. Wenn man schlechte Bücher schreibt oder miserable Bilder malt, so ist das kein großes Unglück, aber für schlechte Kinder verdient man Strafe.«

Klim war entrüstet.

»Woher hast du diese greisenhaften Einbildungen? Es ist lächerlich, sie anzuhören. Sagt das die Spiwak?«

Sie verließ ihn mit ihrem leichten Schritt, sich vorsichtig auf die Zehenspitzen erhebend. Es fehlte nur noch, daß sie den Rock aufnahm, dann hätte es so ausgesehen, als ob sie über eine schmutzige Straße ginge.

Klim mußte untätig zuschauen, wie diese fatalen Gespräche zwischen ihm und Lida unaufhaltsam zunahmen, ohne daß er ihnen aus dem Wege gehen konnte.

Eines Nachts ergab es sich, daß er ihr auf eine ihrer gewöhnlichen Fragen hin den Rat gab:

»Lies die ›Hygiene der Ehe‹, es gibt ein solches Buch, oder nimm dir ein Lehrbuch der Geburtshilfe vor.«

Lida kauerte auf dem Bett, sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen und ihr Kinn darauf gelegt.

»Warum«, fragte sie, »läuft bei dir alles auf Geburtshilfe hinaus? Wozu dann Gedichte? Was ruft Gedichte hervor?«

»Das solltest du lieber Makarow fragen.«

Mit höhnischem Lächeln fügte er hinzu:

»Marakujew nennt Makarow sehr glücklich einen Troubadour aus der Hintergasse.«

Lida wandte sich zu ihm um, glättete mit dem spitzen Nagel ihres kleinen Fingers seine Brauen und sagte:

»Du sprichst dumm. Und immer so, als ob du ein Examen ablegtest.«

»So ist es auch«, antwortete Klim. »Weil du mich immerfort examinierst.

Ihre Stimme brach sich in zwei Noten, wie in der Kindheit.

»Ich gebe dir häufig recht, aber nur, um nicht mit dir streiten zu müssen. Mit dir kann man über alles streiten, aber ich weiß, daß es nutzlos ist. Du bist schlüpfrig. Du hast keine Worte, die dir teuer wären.«

»Es ist mir unverständlich, wozu du dies sagst«, murmelte Klim böse, da er ahnte, daß ein entscheidender Augenblick eintrat.

»Wozu ich es sage?« fragte sie nach einer Pause. »In einem Operettenschlager heißt es: ›Liebe? Ja, was ist denn Liebe?‹ Ich grüble darüber seit meinem dreizehnten Jahr, seit dem Tage, an dem ich mich zum erstenmal Weib fühlte. Es war sehr entwürdigend. Ich bin unfähig, an etwas anderes zu denken, als daran.«

Samgin hatte den Eindruck, daß sie ratlos und schuldbewußt sprach. Er wünschte ihr Gesicht zu sehen und zündete ein Streichholz an. Aber Lida bedeckte ihr Gesicht mit der Hand und sagte in gereiztem Ton ihr gewohntes:

»Du sollst kein Licht machen.«

»Du liebst das Spiel im Dunkeln«, scherzte Klim, bereute es aber sogleich. Es war dumm.

Im Garten brauste der Wind. Die Bäume scheuerten sich an den Scheiben, ihre Zweige stießen mit kurzen Lauten gegen die Läden, und man hörte noch ein rätselhaftes, seufzendes Geräusch, als winselte ein Hündchen im Schlaf. Diese Laute vermischten sich mit Lidas Geflüster und gaben ihren Worten einen kummervollen Ton.

»Man darf einander nicht belügen«, vernahm Klim. »Man lügt, um bequemer zu leben, ich aber suche nicht Bequemlichkeit, versteh mich doch! Ich weiß nicht, was ich will. Vielleicht hast du recht, es ist wirklich etwas Greisenhaftes in mir, und dies ist der Grund, warum ich nichts lieben kann, und alles mir verkehrt und nicht so, wie es sein sollte, erscheint.«

Zum erstenmal seit ihrem Verhältnis sprach zu Klim aus Lidas Worten etwas Verständliches und Vertrautes.

»Ja«, sagte er, »vieles ist nur erdacht, ich weiß es.«

Und zum erstenmal kam ihm der Wunsch, Lida auf ganz besondere Art zu liebkosen, sie zu Tränen zu rühren und zu ungewöhnlichen Geständnissen geneigt zu machen, damit sie ihm ihre Seele ebenso willig enthülle, wie sie gewohnt war, ihren empörerischen Körper zu enthüllen. Er war sicher, daß sie gleich etwas erschütternd Einfaches und Weises sagen und aus allem, was er erfahren hatte, einen bitteren, aber heilkräftigen Saft für ihn und sie pressen würde.

»Mir scheint, siehst du, die glücklichen Menschen sind nicht jung, sondern betrunken«, fuhr sie fort zu flüstern. »Niemand von euch hat Diomidow verstanden, ihr hieltet ihn für irr, aber wie erstaunlich wahr ist sein Ausspruch: ›Vielleicht ist Gott eine Erfindung, aber die Kirchen sind Wirklichkeit. Es sollte aber nur Gott und den Menschen geben, steinerne Kirchen sind unnötig. Das Wirkliche beengt‹.«

»Der Anarchismus eines Schwachsinnigen«, warf Klim hastig ein. »Ich kenne das, ich habe gehört: ›Der Baum ist ein Dummkopf, der Stein ist ein Dummkopf‹ und so fort. Ein Unsinn!«

Er fühlte, daß ungeheuer bedeutende Gedanken in ihm reiften. Aber um ihnen Ausdruck zu verleihen, gab ihm sein boshaftes Gedächtnis nur fremde Worte ein, die Lida wahrscheinlich schon kannte. Auf der Suche nach eigener Sprache und um Lidas Flüstern ein Ende zu machen, legte er einen Arm um ihre Schulter, aber sie ließ die Schulter so jäh abfallen, daß seine Hand auf ihren Ellenbogen hinunterglitt, und als er ihn drückte, verlangte Lida:

»Laß mich los.«

»Warum?«

»Ich will fort.«

Und sie ging und ließ ihn wie immer in der Finsternis und im Schweigen zurück.

Oft war es auch so, daß sie ganz plötzlich fortging, wie erschreckt durch seine Worte, doch diesmal hatte ihre Flucht etwas besonders Verletzendes, denn wie ihren Schatten nahm sie alles mit sich, was er ihr sagen wollte. Klim stieg aus dem Bett und öffnete das Fenster. Ein Windstoß fuhr ins Zimmer, erfüllte es mit Staubgeruch, blätterte unwillig in den Seiten eines Buches, das auf dem Tisch lag, und half Klim dabei, sich zu empören.

»Morgen werde ich mich mit ihr aussprechen«, beschloß er, während er das Fenster zumachte und sich wieder ins Bett legte. »Genug der Launen und des Geredes . . .«

Er fand Lidas Stimmung nachgerade unberechenbar, und er nannte das bereits schizophren. Zum zweitenmal, seit er Lida kannte, bemerkte er auch, daß sie sich sogar physisch spaltete: wieder trat durch ihre vertrauten Züge das hinter ihnen verborgene fremde Antlitz. Sie hatte plötzlich Anfälle von Zärtlichkeit für ihren Vater und Wera Petrowna und backfischhafter Verliebtheit in Jelisaweta Spiwak. Es gab Tage, wo sie die Menschen mit den Augen einer anderen ansah: sanft, teilnahmsvoll und so traurig, daß Klim besorgte, daß sie, von Reue übermannt, gleich ihr Liebesverhältnis mit ihm eingestehen und schwarze Tränen weinen würde. Der Ausdruck »schwarze Tränen« gefiel ihm sehr. Er fand, daß sie eins seiner glücklichen Bilder seien.

Besonders stutzig machte es ihn, zu sehen, wie liebevoll Lida um seine Mutter bemüht war, die trotzdem fortfuhr, lehrhaft und gleichsam aus Gnade mit ihr zu sprechen, wobei sie nicht in das Gesicht des Mädchens blickte, sondern auf ihre Stirn oder über sie hinweg.

Doch plötzlich entlud sich dieses Liebeswerben in einem überraschenden und beinahe rohen Ausfall.

Eines Abends beim Tee erteilte Wera Petrowna Lida herablassende Ermahnungen:

»Das Recht zu kritisieren beruht entweder auf starkem Glauben oder auf sicherem Wissen. Von Glauben spüre ich nichts bei dir, und was dein Wissen betrifft, so wirst du zugeben, daß es ungenügend ist . . .«

Lida ließ sie nicht ausreden und warf nachdenklich dazwischen:

»Der Kutscher Michail schreit die Leute an, sieht aber selber nicht, wo er fahren muß, und man hat Angst, daß ihm jemand unter seinen Wagen gerät. Er ist schon fast blind. Weshalb wollen Sie ihn nicht heilen?«

Wera Petrowna blickte Warawka fragend an und zuckte die Achseln. Warawka murmelte:

»Heilen? Er ist vierundsechzig Jahre alt. Dagegen gibt es keine Heilung.«

Lida ging aus dem Zimmer, erschien aber einige Minuten darauf im Garten in lebhaftem Gespräch mit der Spiwak und Klim hörte sie fragen:

»Aber weshalb muß ich fremde Fehler verbessern?«

Zuweilen fühlte Klim, daß sie ihm so trocken und gezwungen begegnete, als habe er sich gegen sie etwas zuschulden kommen lassen, und als sei ihm zwar schon verziehen, aber die Verzeihung Lida nicht leicht gefallen.

Nachdem er sich all dies hatte durch den Kopf gehen lassen, beschloß er noch einmal:

»Morgen führe ich eine Aussprache herbei.«

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, teilte Warawka, während er Brotkrümel aus seinem Bart schüttelte, Klim mit:

»Heute werde ich die Redaktion mit den kulturfördernden Kräften der Stadt bekannt machen. Auf siebzigtausend Einwohner kommen rund vierzehn Kräfte, jawohl, mein Lieber! Drei von diesen Kräften stehen unter unmittelbarer Polizeiaufsicht und die übrigen wahrscheinlich so gut wie alle unter geheimer.« Deutsch sagte er: »Sehr komisch.«

Er sann nach, drückte eine halbe Zitrone in seinen Tee aus, seufzte und fuhr fort:

»Unser Staat, Bruder, ist wahrlich das Originellste, was man sich vorstellen kann. Sein Köpfchen ist für diesen Rumpf zu klein. Ich habe Lida aufs Land hinausgeschickt, um den Schriftsteller Katin einzuladen. Wie ist es nun mit dir, gedenkst du, Kritiken zu schreiben?«

»Ich will es versuchen«, antwortete Klim.

Die Abendgesellschaft mit den vierzehn »Kräften« erinnerte ihn an die Sonnabendsitzungen rund um Onkel Chrisanfs Fischpasteten.

Der sehr gealterte Rechtsanwalt Gussew hatte sich einen Bauch angemästet. Er stemmte ihn gegen die gebrechliche kleine Figur Spiwaks und gab mit matten Worten seiner Empörung über die Verbreitung von Balalaikas im Heere Ausdruck.

»Die Schalmei, das Horn und die Harfe – das sind wirkliche Volksinstrumente. Unser Volk ist lyrisch, die Balalaika entspricht nicht seinem Geiste.«

Spiwaks schwarze Brillengläser sahen auf seine Brust. Er antwortete furchtsam:

»Ich glaube, das ist nicht wahr, sondern nur die Unart, für ›schlecht‹ ›Volk‹ oder ›volkstümlich‹ zu sagen.«

Und zu seiner Frau gewandt:

»Ich will gehen und nachsehen, ob es auch nicht weint.«

Er lief fort, und Gussew begann jetzt, auf den Statistiker Kostin einzureden, einen Menschen mit einem vollen, weibischen Gesicht.

»Ich gebe Ihnen natürlich zu, daß Alexander III. ein dummer Zar gewesen ist, aber immerhin hat er uns den rechten Weg zur Vertiefung in unsere nationale Eigenart gewiesen.«

Der Statistiker, stadtbekannt durch seine Gewohnheit, sich im Gefängnis aufzuhalten, lachte gutmütig, während er aufzählte:

»Pfarrschulen, Wassermonopol . . .«

Robinson mischte sich ein.

»Ja, wenn man sich schon in die nationale Eigenart zu vertiefen beabsichtigt, darf man auch die Balalaika nicht ablehnen.«

Kostin fiel Robinson ins Wort und schrie mit hoher Stimme heraus:

»Das ganze ist nur die Politik, dem Rad der Geschichte Strohhalme zwischen die Speichen zu schieben.«

Inokow sagte mit finsterem Lächeln zu Klim:

»Dieser Gefängnisinsasse spricht über Geschichte, wie ein treuer Sklave von seiner Herrin.«

Inokow war unheilverkündend schwarz gekleidet: schwarzes Wollhemd, gegürtet mit einem breiten Riemen, und schwarze Hosen, die er in die Stiefel geschoben hatte. Er war stark abgemagert, musterte alle Anwesenden mit zornigen Blicken und lenkte seine Schritte gemeinsam mit Robinson häufig zum Spirituosentisch. Und immer folgte ihnen, schief seitwärts trottend wie ein Krebs, der Redakteur. Klim war zweimal Zeuge, wie er den Feuilletonisten ermahnte:

»Narokow, legen Sie sich nicht zu stark ins Zeug. Es schadet Ihnen.«

Am Tisch führte der Schriftsteller Katin das Kommando. Die Jahre hatten auf seinem Gesicht keine Spuren zurückgelassen, nur an den Schläfen waren die Spitzen seiner Haare ergraut, und über seine straffen Bäckchen liefen die Muster roter Äderchen. Er hüpfte wie ein Gummiball von einer Ecke in die andere, fing die Menschen ein, schleppte sie zur Wodka und hänselte mit seiner kleinen lebhaften Tenorstimme den Redakteur:

»Rütteln wir den Spießer auf, Maximitsch? Sagen wir ihm gründlich die Meinung, wie? Laß nur keine Marxisten ran! Du wirst sie doch nicht ranlassen? Nun, sieh dich nur vor! Ich bin einer von den Alten . . .«

Während er einen Imbiß zum Schnaps nahm, sagte er, vor Vergnügen blinzelnd:

»Ach, das sind doch nur fabrikmäßig eingemachte Pilze, sie begeistern nicht! Die Schwester meiner Frau sollten Sie sehen, die hat gelernt, Pilze zu marinieren – einfach fabelhaft!«

Gussews Gehilfe, der junge Advokat Prawdin, in einem elegant geschnittenen Gehrock, gescheitelt und parfümiert wie ein Friseur, suchte eindringlich Tomilin und Kostin zu überzeugen.

»Die unbestreitbaren Normen des Rechts . . .«

Tomilin lächelte metallisch, während Kostin zärtlich seine abnorm entwickelten Backenknochen rieb und in sanftem Tenor Einwände erhob.

»Gerade in diesen Ihren Normen stecken alle Grundlagen des sozialen Konservativismus.«

Die Witwe des Notars Kosakow, eine ehemalige Studentin, die für die Erziehung außerhalb der Schule tätig war, eine Frau mit einem Kneifer auf der Nase und einem schönen, strengen Gesicht, bewies dem Redakteur, daß die Theorien Pestalozzis und Fröbels in Rußland nicht anwendbar seien.

»Wir haben einen Pirogow, haben einen . . .«

Robinson unterbrach sie, indem er sie darauf aufmerksam machte, daß Pirogow ein Anhänger der Prügelstrafe sei, und deklamierte die Verse Dobroljubows:

»Doch nicht mit jenen gewöhnlichen Hieben,
Womit man überall die Dummen gerbt,
Sondern mit denen, die für ehrenwert erachtet
Nikolai Iwanowitsch Pirogow . . .«

»Die Verse sind miserabel, außerdem werden überall in Europa die Kinder mit Prügeln gestraft«, erklärte die Kosakow im bestimmtem Ton.

Doktor Ljubomudrow wagte es zu bezweifeln:

»Überall? Und, wenn ich mich nicht irre, prügelt man nicht, sondern schlägt mit dem Lineal auf die Hände.«

»Doch, man prügelt«, beharrte die Kosakow. »In England prügelt man.«

Tomilin, bekleidet mit einem blauen Flauschrock und schweren, über die stumpfen Stiefel fallenden Hosen, schlenderte durch das Eßzimmer wie über einen Markt, wischte sich mit dem Tuch sein heftig schwitzendes, fuchsiges Gesicht, beobachtete, stand für einen Moment still, um zuzuhören, und geruhte nur selten, einige herablassende, kurze Sätze fallen zu lassen. Als Prawdin, ein leidenschaftlicher Freund des Theaters, jemandem zurief: »Erlauben Sie, es ist ein Vorurteil, daß das Theater eine Schule sein soll, das Theater ist ein Schauspiel für das Auge!« sagte Tomilin ironisch lächelnd:

»Das ganze Leben ist ein Schauspiel für das Auge.«

Kapitän Gortalow, der Erzieher in einer Kadettenschule gewesen und dem die Erlaubnis zur Ausübung einer pädagogischen Tätigkeit entzogen worden war, ein vorzüglicher Kenner seiner Heimat und ein tüchtiger Botaniker und Gärtner, mager, sehnig, mit brennenden Augen, bewies dem Redakteur, daß die Protuberanzen das Ergebnis des Falls fester Körper in die Sonne und der Aufschüttelung ihrer Masse seien, während am Teetisch Radejew sockelfest dasaß und den Damen erzählte:

»Da ich ein wenig, übrigens nur in sehr geringem Maße, belesen bin und Europa kenne, finde ich, daß Rußland in der Gestalt seiner Intelligenz etwas Einzigartiges von ungeheurem Wert hervorgebracht hat. Unsere Landärzte, Statistiker, Dorflehrer, Schriftsteller und überhaupt geistig Schaffenden sind ein Schatz von ungewöhnlicher Kostbarkeit . . .«

»Scherzt er? Meint er es ironisch?« riet Klim Samgin, während er seinem glatten, schwachen Stimmchen lauschte.

Kapitän Gortalow marschierte in militärischem Paradeschritt an Radejew heran und streckte ihm seine lange Hand hin.

»Ein treffendes Urteil. Eine ausgezeichnete Idee. Meine Idee. Und darum: die russische Intelligenz muß sich als einheitliches Ganzes fühlen. Das ist es. So wie die Orden der Johanniter und Jesuiten, Jawohl! Die ganze Intelligenz hat eine einzige Partei zu werden, nicht aber sich zu zersplittern! Das lehrt uns der ganze Gang der Zeitgeschichte. Das sollte uns auch der Selbsterhaltungstrieb lehren. Wir haben keine Freunde. Wir sind Ausländer. In der Tat. Die Bürokraten und Kapitalisten knechten uns. Für das Volk sind wir Sonderlinge und Fremde.«

»Sehr wahr, Fremde!« rief gefühlvoll der Schriftsteller Katin, der bereits angeheitert war.

Die Sprechweise des Kapitäns hatte etwas von einem Trommelwirbel, seine Stimme betäubte. Radejew nickte, rückte vorsichtig mit dem Stuhl von ihm weg und murmelte:

»Dies bedarf einer kleinen Richtigstellung.«

Spiwak kam zurück, beugte sich zu seiner Frau hinab und sagte:

»Es schläft. Ganz fest.«

Diese Leute, die noch einmal jenes Kindheitserlebnis: die von dem betrunkenen Fischer gefangenen, mit knirschenden Schwänzen nach allen Seiten über den Küchenboden strebenden Krebse, heraufbeschworen, interessierten Klim nicht im geringsten. Er hörte gleichgültig ihre Reden an, wich geflissentlich einer Teilnahme an ihren Streitigkeiten aus und betrachtete mit scharfen Augen Inokow. Es mißfiel ihm, daß er zusammen mit Lida aufs Land hinausgefahren war, um den Schriftsteller Katin einzuladen, mißfiel auch, daß dieser grobschlächtige Bursche so familiär zwischen Lida und der Spiwak hin und her schaukelte, während er sich mit spöttischem Lächeln bald zu der einen bald zu der anderen hinüberneigte. Zu Beginn des Abends war Inokow mit demselben spöttischen Lächeln an ihn herangetreten und hatte gefragt:

»Von der Universität entfernt?«

Diese unerwartete Frage und ihre Form schlugen Klim vor den Kopf. Fragend starrte er in das verunglückte Gesicht des Burschen.

»Revoltiert?« fragte dieser abermals. Als aber Klim ihm erklärte, daß er in diesem Semester nicht studiert habe, stellte Inokow eine dritte Frage:

»Aus Vorsicht nicht studiert?«

»Was hat die Vorsicht damit zu schaffen?« erkundigte sich Klim trocken.

»Um nicht in eine Affäre hineingerissen zu werden«, erläuterte Inokow und drehte ihm den Rücken.

Einige Minuten darauf erzählte er Wera Petrowna, Lida und der Spiwak:

»Drei Monate später, er kam gerade aus Paris zurück, trifft er mich auf der Straße und ladet mich ein: ›Kommen Sie zu uns, meine Frau und ich haben eine wunderschöne Sache gekauft!‹ Ich ging, will mich setzen, da schiebt er mir ein leichtes Stühlchen von seltsamem Aussehen hin, mit vergoldeten Beinen und Samtpolster. ›Bitte, Platz zu nehmen!‹ Ich weigere mich, aus Furcht, einen so zierlichen Gegenstand zu zerbrechen. ›Nein, nehmen Sie nur Platz!‹ bittet er. Kaum sitze ich, beginnt unter mir eine Musik etwas sehr Lustiges zu spielen! Ich sitze und fühle, daß ich rot werde, er und seine Frau aber sehen mich mit seligen Blicken an und lachen, freuen sich wie Kinder! Ich stand auf, und die Musik verstummte. ›Nein!‹ sage ich, ›das gefällt mir nicht. Ich bin gewohnt, Musik mit den Ohren zu hören.‹ Da waren sie beleidigt.«

Diese simple Erzählung erheiterte die Mutter und die Spiwak und entlockte Lida ein Lächeln. Samgin fand, daß Inokow mit großem Geschick den Harmlosen spielte, während er in der Tat verschlagen und böse sein mußte. Nun sprach er wieder und ließ dabei seine kalten Augen blinken:

»Ja, da sind nun die Leute in die herrlichste Stadt Europas gereist, haben dort die abgeschmackteste Sache erstanden, die sie finden konnten, und sind glücklich. Dies hier aber –« er reichte der Spiwak sein Zigarettenetui – »ist das Geschenk eines schwindsüchtigen Tischlers mit Frau und vier Kindern.«

Das Zigarettenetui erregte Entzücken. Auch Klim nahm es in die Hand. Es war aus der Wurzel des Wacholderstrauchs gedrechselt. In den Deckel hatte der Meister kunstvoll einen kleinen Teufel eingebrannt, der Teufel hockte auf einem Mooshügel und kitzelte mit einem Schilfrohr einen Reiher.

»Zwei Tage und zwei Nächte hat er daran geschnitzt«, sagte Inokow, wobei er sich die Stirn rieb und alle fragend ansah. »Zwischen dem musikalischen Stuhl und diesem Ding scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen, den ich nicht begreife. Ich begreife überhaupt vieles nicht.«

Er grinste breit, schüttelte den Kopf und zündete sich eine Zigarette an. Das Streichholz löschte er erst zwischen seinen Fingern und warf es erst dann auf eine Untertasse.

»Zuerst siehst du die Dinge an und dann sie dich. Du – mit Interesse, sie fordernd: ›Rate, was wir wert sind!‹ Nicht in Geld, sondern für die Seele. Na, ich werde mal gehen und einen Schnaps trinken . . .«

Samgin folgte ihm. Am Imbißtisch herrschte ein Gedränge. Warawka frönte seiner Redelust. In der einen Hand hielt er ein Glas Wein, mit der anderen zog er seinen Bart über die Schulter und hielt ihn dort fest.

»Die Studentenunruhen sind ein Ausdruck gefühlsmäßiger Opposition. In der Jugend dünken die Menschen sich begabt, und diese Einbildung erlaubt ihnen, zu glauben, daß sie von Stümpern regiert werden.«

Er nahm einen Schluck Wein und fuhr mit erhöhter Stimme fort:

»Aber da unsere Regierung in der Tat stümperhaft ist, findet die gefühlsmäßige Opposition unserer Jugend eine glänzende Rechtfertigung. Wir wären friedlicher und klüger, hätten wir so talentvolle Staatsmänner wie zum Beispiel England. Aber Köpfe haben wir unter unseren Staatsmännern nicht, und so heben wir denn einen Mann wie Witte auf den Schild.«

Inokow stieß rücksichtslos die Umstehenden auseinander, ging an den Tisch, schenkte sich Wodka ein und sagte halblaut zu Klim:

»Ein handfester Kerl ist Ihr Stiefvater. Und wer ist dieser Rote?«

»Mein alter Lehrer, ein Philosoph.«

»Ein Hanswurst vermutlich.«

Samgin wollte unwillig werden, als er aber sah, daß Inokow Käse kaute, wie ein Hammel Gras, fand er, daß es sinnlos wäre, sich aufzuregen.

»Wo ist die Somow?« fragte er.

»Ich weiß nicht«, antwortete Inokow gleichgültig. »Ich glaube im Kaukasus bei einem Hebammenkursus. Wir haben uns ja getrennt. Ihre einzige Sorge ist die Konstitution und die Revolution. Ich hingegen bin mir noch im unklaren darüber, ob eine Revolution überhaupt nötig ist . . .«

»So ein Flegel!« dachte Klim, während er die dumpfe, zänkische Stimme an sein Ohr klingen ließ.

»Wenn man um der Sattheit willen für die Revolution ist, so bin ich dagegen, denn ich fühle mich satt schlechter als hungrig.«

Klim überlegte, auf welche Weise er diesen schlauen Strolch, der so gewandt die Rolle des gutherzigen Jungen spielte, aus dem Konzept bringen und entlarven könnte. Doch ehe er etwas ersinnen konnte, versetzte Inokow ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und sagte:

»Es interessiert mich, zu wissen, Samgin, woran Sie denken, wenn Sie ein solches Hechtgesicht machen.«

Klim runzelte die Stirn und rückte von ihm weg. Aber Inokow bestrich unbekümmert ein Stück Roggenbrot mit Butter und fuhr nachdenklich fort:

»So vor einer Woche ungefähr sitze ich mit einem lieben Mädel im Stadtpark, Es ist schon spät, still, der Mond segelt am Himmel, die Wolken fliehen, von den Bäumen fallen Blätter auf den mit Lichtflecken gescheckten Erdboden. Das Mädchen, eine Gespielin meiner Kindheit, eine alleinstehende Prostituierte, ist traurig, klagt, bereut, überhaupt ein Roman, wie er sein soll. Ich tröste sie: ›Hör auf‹, sagte ich ihr, ›laß sein! Die Türen der Reue öffnen sich leicht, aber was hat es für einen Zweck?‹ Trinken Sie einen? Na, ich werde mir einen zu Gemüte führen.«

Er kniff das linke Auge zu, leerte das Glas und schob ein kleines Stück Brot mit Butter in den Mund, was ihn nicht hinderte, weiterzusprechen.

»Plötzlich kommen Sie des Weges mit genau so einem Hechtgesicht wie eben jetzt. Aha, denke ich, am Ende sage ich Annita nicht das Richtige. Der dort aber weiß, was man sagen muß. Was hätten Sie, Samgin, einem solchen Mädel gesagt?«

»Wahrscheinlich dasselbe wie Sie!« erwiderte Klim liebenswürdig. Er hatte die Lust verloren, Inokows Verschlagenheit zu entlarven.

»Dasselbe?« wunderte sich Inokow, »Ich kann es nicht glauben. Nein, Sie haben was ganz Eigenes, so etwas . . .«

Klim lächelte, da er fand, daß ein Lächeln in diesem Fall bedeutender war als Worte. Inokow streckte abermals die Hände nach der Flasche aus, machte jedoch eine abwinkende Geste und kehrte zu den Damen zurück.

»Ein Weiberfreund«, dachte Klim, aber bereits gnädig.

Wie früher begegnete er Inokow häufig auf der Straße, am Flußufer unter den Lastträgern oder abseits von den Menschen. Er stand bis an die Knöchel im Sand eingegraben, kaute an einem Strohhalm, zerbiß ihn, spuckte die Stücke aus oder verfolgte rauchend und mit nachdenklich zugekniffenen Augen das emsige Schaffen der Leute. Stets war er mit Staub bedeckt und sah in seinem breiten, zerdrückten Hut wie ein Fackelträger aus. Er sah ihn auch in Dronows Gesellschaft aus einer Bierschenke treten. Dronow kicherte und vollführte mit der rechten Hand runde Gesten, als schleife er einen Unsichtbaren an den Haaren hinter sich drein. Inokow sagte:

»Ganz recht. Vielleicht scheint uns nur, daß wir uns nicht vom Fleck bewegen, während wir in Wirklichkeit spiralenförmig emporsteigen.«

Er sprach auf der Straße ebenso laut und rücksichtslos wie im Zimmer und fixierte jeden Vorübergehenden wie jemand, der sich verlaufen hat und nicht weiß, wen er nach dem Weg fragen soll.

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