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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Klim schritt rüstig, ohne den Entgegenkommenden auszuweichen, durch die Straßen. Zuweilen streiften Stücke dreifarbigen Fahnentuchs seine Mütze. Überall lärmten festlich die Menschen, deren glückliche Natur ihnen erlaubte, das Unglück ihrer Nächsten schnell zu vergessen. Samgin studierte ihre angeregten, triumphierenden Gesichter, ihren Sonntagsstaat und verachtete sie mehr denn je.

»In Diomidows tierischer Furcht vor den Menschen ist etwas Richtiges . . .«

Während er eine menschenleere und schmale Gasse passierte, kam er zu dem Endergebnis, daß es sich mit Lida und den Anschauungen eines Preis friedlich und gut leben ließ.

Doch einige Zeit darauf erzählte Preis Klim vom Streik der Weber in Petersburg.Die Petersburger Textilarbeiter traten nach dem Krönungsrummel in den ersten Streik, da ihnen der Lohn für die »Festtage« abgezogen wurde. D. Ü. Er erzählte davon mit solchem Stolz, als habe er selbst diesen Streik organisiert, und mit solcher Begeisterung, als spräche er von seinem persönlichen Glück.

»Haben Sie vom ›Kampfbund‹ gehört? Das ist seine Arbeit. Eine neue Ära beginnt, Samgin, Sie werden sehen!«

Er blickte ihm mit seinen Sammetaugen freundlich ins Gesicht und fragte:

»Und Sie studieren immer noch die Länge der Wege, die zum Ziel führen? Glauben Sie mir: der Weg, den die Arbeiterklasse geht, ist der kürzeste. Der schwerste und der kürzeste. Soweit ich Sie verstehe, sind Sie kein Idealist, und Ihr Weg ist der unsere, mühselig, aber gerade.«

Samgin schien, daß Preis, der sich sonst immer eines fehlerfreien und reinen Russisch befleißigte, in diesem Augenblick mit Akzent spreche und aus seiner Freude der Haß des Menschen einer anderen Rasse, eines Mißhandelten, klinge, der Rußland rachsüchtig Schwierigkeiten und Unglück wünscht.

Es ergab sich stets, daß Klim gleich nach Preis Marakujew unter die Augen kam. Diese beiden Menschen schritten gleichsam in Kreisen durchs Leben und beschrieben Achterschleifen: jeder rotierte im eigenen Wortkreis, doch an einem Punkt schnitten beide Kreise einander. Dieser Umstand war verdächtig und verführte zu der Annahme, daß die Zusammenstöße zwischen Marakujew und Preis nur zum Schein stattfanden, daß sie ein Spiel zur Belehrung und Verführung der anderen waren, Pokarjew hingegen wurde schweigsamer, stritt weniger, spielte seltener Gitarre, und seine ganze Gestalt bekam etwas Hölzernes und Steifes. Diese Veränderung hatte wahrscheinlich ihren geheimen Grund in der wachsenden Vertraulichkeit zwischen Marakujew und Warwara.

Bei der Beerdigung ihres Stiefvaters führte er sie an seinem Arm durch die Gräberreihen, neigte seinen Kopf gegen ihre Schulter und flüsterte ihr etwas zu, während sie sich umblickte und wie ein hungriges Pferd den Kopf schüttelte, und in ihrem Gesicht erfror eine düstere, drohende Grimasse.

Wenn man sich zu Hause bei Warwara zum Abendessen setzte, nahm Marakujew stets neben ihr Platz, aß von ihrer Lieblingsmarmelade, schlug mit der flachen Hand auf das arg mitgenommene Buch Krawtschinski-Stepnjaks »Das unterirdische Rußland« und sagte schneidig:

»Wir brauchen Hunderte von Helden, um das Volk zum Freiheitskampf aufzurufen.«

Samgin beneidete Marakujew wegen seines Talents, mit Feuer zu reden, wenngleich ihm schien, daß dieser Mensch stets dieselben schlechten Verse in Prosa vortrug. Warwara lauschte ihm stumm und mit zusammengepreßten Lippen. Ihre grünlichen Augen hingen so gebannt am Metall des Samowars, als säße darin jemand, der sie mit bewundernden Blicken betrachtete.

Unangenehm war Lidas Aufmerksamkeit für Marakujews Reden. Sie stützte die Arme auf den Tisch, drückte die Hände an die Schläfen und versenkte sich in das runde Gesicht des Studenten wie in ein Buch. Klim besorgte, daß dieses Buch sie stärker interessierte, als nötig war. Zuweilen, wenn er von Sofia Perowskaja und Wera Figner erzählte, öffnete Lida sogar ein wenig den Mund. Man sah dann einen Saum feiner Zähne, der ihrem Gesicht einen Ausdruck verlieh, der Klim manchmal an ein Raubtier erinnerte. Manchmal aber fand er ihn einfältig.

»So werden Heldinnen erzogen«, dachte er und fand es von Zeit zu Zeit notwendig, die flammenden Reden Marakujews durch ein paar abkühlende Sätze zu unterbrechen.

»Nur Makkabäer sterben, ohne zu siegen. Wir aber müssen siegen . . .«

Aber diese Bemerkung wirkte nicht im mindesten abkühlend auf Marakujew. Im Gegenteil, sie entflammte ihn nur noch heftiger.

»Ja, siegen!« schrie er. »Aber in welchem Kampf? Im Kampf um Groschen? Damit die Menschen satt zu essen haben?«

Mit strafender Geste wies er auf Klim als auf ein abschreckendes Beispiel für die Mädchen. Und explodierte wie eine Rakete:

»Er gehört zu denen, die glauben, daß nur der Hunger die Welt regiert, daß uns nur das Gesetz des Kampfes um ein Stück Brot beherrscht, und daß für die Liebe kein Raum im Leben ist. Den Materialisten ist die Schönheit der selbstlosen Tat verschlossen. Lächerlich erscheint ihnen die heilige Torheit eines Don Quixote, lächerlich die Vermessenheit eines Prometheus, die der Welt ihren Glanz gibt.«

Marakujew schleuderte die Namen Fra Dolcino, Johann Hus und Masaniello hinaus, und sein lyrischer Tenor heulte dabei aufreizend.

»Vergessen Sie ja nicht den Herostrat«, sagte Samgin ärgerlich.

Wie sich das nicht selten bei ihm ereignete, waren diese Worte ihm selbst eine Überraschung. Er staunte und hörte auf, die entrüsteten Schreie seines Gegners zu beachten.

»Wie, wenn alle diese gepriesenen Toren nicht frei von Herostratentum wären?« grübelte er. »Sollten nicht viele unter ihnen nur darum Tempel zerstören, um durch die Trümmer ihren Namen zu verewigen? Gewiß gibt es unter ihnen auch solche, die die Tempel zerstören, um sie in drei Tagen aufzubauen. Aber sie bauen sie nicht wieder auf.«

Marakujew schrie:

»Sie hätten hören sollen, wie und was der Arbeiter sagte, dem wir – Sie erinnern sich? – damals begegneten? . . .«

»Ich erinnere mich«, sagte Klim. »Das war damals, als Sie . . .«

Marakujew errötete bis an die Ohrenspitzen und fuhr von seinem Stuhl auf:

»Ja, ganz recht! Als ich weinte, jawohl! Sie denken vielleicht, daß ich mich dieser Tränen schäme? Da irren Sie sich sehr.«

Klim zuckte die Achseln.

»Was soll man machen?« entgegnete er. »Ich versuche ja auch nicht, mit meinen Gedanken zu prunken.«

Nachdem sie einander noch etwa ein Dutzend Steinchen an den Kopf geworfen hatten, nötigten die versöhnlichen Bemerkungen der jungen Mädchen sie zum Schweigen. Dann gingen Marakujew und Warwara fort, und Klim fragte Lida:

»Wie ist es also, gedenkt sie die Rolle der Perowskaja zu spielen?«

»Ärgere dich nicht«, sagte Lida und blickte nachdenklich aus dem Fenster. »Marakujew hat recht: um leben zu können, muß es Helden geben. Das begreift sogar Konstantin, der mir neulich sagte: ›Nichts kristallisiert anders als am Kristall.‹ Also bedarf selbst das Salz des Helden.«

Klim trat zu ihr.

»Er liebt dich noch immer«, sagte er.

»Ich begreife nicht warum? Er ist so ein . . . Er ist nicht dafür bestimmt. Nein, rühre mich nicht an«, sagte sie, als Klim versuchte, sie zu umarmen. »Konstantin tut mir so leid, daß ich ihn manchmal hasse, weil er nur Mitleid in mir weckt.«

Lida stellte sich vor den Spiegel, betrachtete mit einem Klim rätselhaften Ausdruck ihr Gesicht und fuhr leise fort:

»Auch die Liebe verlangt Heldentum. Und ich kann keine Heldin sein. Warwara kann es. Für sie ist auch die Liebe Theater. Ein unsichtbares Publikum weidet sich gelassen an den Liebesqualen der Menschen, an ihren verzweifelten Anstrengungen zu lieben. Marakujew meint, dieses Publikum sei die Natur. Das verstehe ich nicht. Ich glaube, auch Marakujew versteht nichts, außer dem einen, daß es notwendig ist zu lieben.«

Klim hatte kein Verlangen mehr, ihren Körper zu berühren, und dies beunruhigte ihn sehr.

Es war noch nicht spät. Soeben war die Sonne untergegangen, und ihr rötlicher Widerschein stand noch in den Kuppeln der Kirchen. Von Norden zog Gewölk heran, es donnerte gedämpft, als setze ein Bär träge seine weichen Tatzen über die Eisendächer der Häuser.

»Weißt du«, vernahm Klim, »ich glaube längst nicht mehr an Gott, aber jedesmal, wenn ich etwas Kränkendes und Böses erlebe, denke ich an ihn. Ist das nicht eigentümlich? Ich weiß wirklich nicht, was aus mir werden soll.«

Über diesen Gegenstand wußte Klim ganz und gar nicht zu reden. Aber er sagte mit soviel Überzeugungskraft, wie er aufbringen konnte:

»Unsere Zeit bedarf der schlichten, tapferen Arbeit, um der kulturellen Bereicherung des Landes willen . . .«

Er hielt inne, da er sah, daß das Mädchen ihre Arme um den Nacken geschlungen hatte und ihre dunklen Augen ihn mit einem Lächeln ansahen, das ihn wieder so sehr verwirrte, wie schon lange nicht mehr.

»Warum siehst du mich so an?« murmelte er.

Lida antwortete sehr ruhig:

»Ich bin überzeugt, daß du an deine Worte nicht glaubst.«

»Warum denn?«

Sie gab keine Antwort. Eine Minute darauf sagte sie:

»Es wird regnen. Heftig.«

Klim erriet ihren Wink und ging. Am anderen Tag, auf dem Wege zu ihr, traf er auf dem Boulevard Warwara in weißem Rock und rosa Bluse und mit einer roten Feder am Hut.

»Wollen Sie zu uns?« fragte sie, und Klim bemerkte in ihren Augen spöttische Fünkchen. »Ich gehe nach Sokolniki. Kommen Sie mit? Lida? Aber die ist ja gestern nach Hause gefahren, wissen Sie das denn nicht?«

»Schon?« fragte Klim, der seine Betretenheit und Enttäuschung geschickt verbarg. »Sie wollte doch erst morgen reisen.«

»Ich glaube, sie wollte überhaupt nicht fort, aber sie ist dieses Diomidows mit seinen Zettelchen und Klagen überdrüssig geworden.«

Klim verstand nur mit Mühe ihr Vogelgezwitscher, das vom Lärm der Räder und vom Kreischen der Straßenbahnen in den Schienenkurven übertönt wurde.

»Sie reisen wahrscheinlich auch bald ab?«

»Ja, übermorgen.«

»Werden Sie sich von mir verabschieden?«

»Natürlich«, sagte Klim und dachte: »Von dir, buntscheckige Kuh, würde ich mich mit Freuden fürs ganze Leben verabschieden.«

Es war wirklich Zeit, heimzufahren. Die Mutter schrieb ganz ungewohnt lange Briefe, in denen sie vorsichtig die Umsicht und Energie der Spiwak lobte und mitteilte, daß die Herausgabe der Zeitung Warawka sehr in Anspruch nehme. Am Schluß des Briefes beklagte sie sich noch einmal:

»Auch im Hause ist mehr zu tun, seit Tanja Kulikow gestorben ist. Dies hat sich unerwartet und auf unerklärliche Weise ereignet. So zerbricht zuweilen aus unbekannten Gründen ein gläserner Gegenstand, ohne daß man ihn berührt hat. Beichte und Abendmahl hat sie zurückgewiesen. In Menschen wie sie schlagen Vorurteile sehr tief Wurzel. Ich betrachte Gottlosigkeit als ein Vorurteil.«

Vor Klims Augen erstand die farblose kleine Gestalt dieses Wesen, das, ohne zu klagen und ohne für sich etwas zu verlangen, sein ganzes Leben lang fremden Menschen gedient hatte. Es stimmte einen sogar ein wenig traurig, an Tanja Kulikow zu denken, dieses seltsame Menschenkind, das nicht philosphierte, sich nicht mit Worten schminkte, sondern sich nur darum sorgte, daß die Menschen es gut hatten.

»Das war eine christliche Natur«, dachte er, »eine wahrhaft christliche.«

Aber er erkannte sogleich, daß er bei diesem Epitaph nicht stehenbleiben durfte: »Auch Tiere, zum Beispiel Hunde, dienen ja den Menschen hingebend. Gewiß sind Menschen wie Tanja Kulikow nützlicher als diejenigen, die in schmutzigen Kellern über die Dummheit von Stein und Holz predigen, notwendiger, als die schwachsinnigen Diomidows, aber . . .«

Er fand nicht die Zeit, diesen Gedanken zu Ende zu führen, denn im Korridor ertönten schwere Schritte, Gelaufe und die zwitschernde Stimme seines Zimmernachbarn. Dieser Nachbar war ein stämmiger Mann von dreißig Jahren. Er ging immer in Schwarz, hatte schwarze Augen und blaue Backen, sein dichter schwarzer Schnurrbart war kurz geschnitten und von wulstigen, grellroten Lippen untermalt. Er nannte sich einen »Virtuosen auf Holzblasinstrumenten«, aber Samgin hatte ihn niemals auf einer Klarinette, einer Hoboe oder einem Fagott spielen hören. Der schwarze Mensch führte ein geheimnisvolles Nachtleben. Bis Mittag schlief er, raschelte bis zum Abend mit Karten auf dem Tisch und sang mit zwitschernder Stimme halblaut immer eine und dieselbe Romanze:

»Warum folgt er mir nach,
Sucht mich überall?«

Abends verließ er mit einem dicken Spazierstock in der Hand und in die Stirn gerückter Melone das Haus. Wenn Samgin ihm auf dem Korridor oder auf der Straße begegnete, dachte er, so müßten Agenten der Geheimpolizei und Schwindler aussehen.

Als er jetzt durch den Spalt der angelehnten Tür in den Korridor blickte, sah er, wie der schwarze Mensch die üppige kleine Schwester der Zimmerwirtin in sein Zimmer zwängte, wie ein Kissen in einen Koffer, und dabei durch die Nase gurrte:

»Was laufen Sie denn weg, he? Warum laufen Sie weg von mir?«

Klim Samgin schlug protestierend die Tür zu, setzte sich grinsend auf sein Bett und plötzlich erleuchtete und durchwärmte ihn eine glückliche Erkenntnis.

»Warum läufst du weg von mir?« wiederholte er die eindringlichen Worte des »Virtuosen auf Holzblasinstrumenten«.

Einen Tag darauf reiste er mit der festen Gewißheit, sich gegen Lida dumm wie ein Gymnasiast benommen zu haben, nach Hause.

»Liebe bedarf der Geste!«

Ganz ohne Zweifel lief Lida vor ihm weg, nur dadurch allein erklärte sich ihre plötzliche Abreise.

»Zuweilen flüstert einem das Leben sehr zur rechten Zeit Erkenntnisse ein.«

Die Mutter empfing ihn mit hastigen Zärtlichkeiten und fuhr sogleich mit der Spiwak fort, wie sie erklärte, um den Gouverneur zum Gottesdienst anläßlich der Einweihung der Schule einzuladen.

Warawka saß im Eßzimmer am Frühstückstisch. Er trug einen blau und goldfarbig gewürfelten chinesischen Schlafrock und eine violette, ärmellose tatarische Jacke, spielte mit seinem Bart, schnaubte bekümmert und sagte:

»Wir leben in einem Dreieck von Extremen.«

Ihm gegenüber hatte ein bejahrter, kahlköpfiger Mann mit breitem Gesicht und einer sehr scharfen Brille auf der weichen Nase die Ellenbogen ungezwungen auf den Tisch gestützt und es sich auf seinem Platz bequem gemacht. Er war mit einem grauen Jackett über einem bunten Phantasiehemd bekleidet und trug statt einer Krawatte eine schwarze Quastenschnur. Er war ins Essen vertieft und schwieg. Warawka nannte einen langen Doppelnamen und fügte hinzu:

»Unser Redakteur.«

Er begann, wie immer, ohne erst lange nach Worten zu suchen:

»Die Seiten des Dreiecks sind: der Bürokratismus, die sich neu bildende Volkstümlerbewegung und der Marxismus mit seiner Behandlung der Arbeiterfrage . . .«

Der Redakteur neigte den Kopf.

»Vollkommen einverstanden«, sagte er. Die Quasten der Schnur glitten unter der Weste hervor und hingen auf den Teller herab. Der Redakteur stopfte sie mit hastigen Bewegungen seiner kurzen roten Finger an ihren Platz zurück.

Er aß in sehr bemerkenswerter Weise und mit großer Vorsicht. Aufmerksam wachte er darüber, daß die Scheiben kalten Fleisches und Schinken gleich groß waren, beschnitt mit dem Messer sorgfältig den überragenden Rand, durchbohrte beide Scheiben mit der Gabel, hob, bevor er sie in den Mund und auf die breiten, stumpfen Zähne legte, die Gabel an die Brille und prüfte forschend die zweifarbigen Stückchen. Sogar die Gurke verzehrte er mit unendlicher Behutsamkeit wie einen Fisch, als erwarte er eine Gräte darin zu finden. Er kaute langsam, wobei die grauen Haare auf seinen Backenknochen sich sträubten und sein straffes, akkurat gestutztes Kinnbärtchen sich hob und senkte. Er erweckte den Eindruck eines starken, zuverlässigen Mannes, der gewohnt war und es verstand, alles mit der gleichen Behutsamkeit und Sicherheit zu erledigen, mit der er aß.

Die lustigen Bärenäuglein in Warawkas knallrotem Gesicht betrachteten wohlwollend die hohe, glatte Stirn, die solid spiegelnde Glatze und die starken, unbeweglichen grauen Augenbrauen. Am bemerkenswertesten an dem umfangreichen Gesicht des Redakteurs fand Klim die beleidigt herabhängende, violette Unterlippe. Diese bizarre Lippe verlieh seinem plüschfarbenen Gesicht einen verzogenen Ausdruck. Mit einer solchen Schmolllippe pflegen Kinder unter Erwachsenen zu sitzen, überzeugt, daß man sie ungerecht bestraft habe. Die Sprechweise des Redakteurs war bedächtig, sehr klar und leicht stotternd. Vor die Vokale setzte er gleichsam ein Apostroph.

»Das h'eißt: die ›R'ussischen N'achrichten‹, aber ohne ihren Akademismus und, wie Sie sagten, mit einem Maximum an lebendigem Verständnis für die wahren Kulturbedürfnisse unseres Gouvernements.«

»Sehr richtig, sehr richtig!« sagte Warawka und zog schnuppernd die Luft ein.

Irgendwo ganz in der Nähe dröhnte und krachte es ohrenbetäubend, als würde ein hölzernes Haus aus einer Kanone beschossen. Der Redakteur warf einen mißbilligenden Blick aus dem Fenster und verkündete:

»Ein viel zu regnerischer Sommer.«

Klim stand auf und schloß die Fenster. Ein Regenschauer prasselte stürmisch gegen die Scheiben. Durch das nasse Rauschen hindurch hörte Klim die deutlichen Worte:

»Als Feuilletonredakteur haben wir einen erfahrenen Journalisten – Robinson. Er hat einen Namen. Was wir brauchen, ist ein Literaturkritiker mit gesundem Menschenverstand, der gegen die krankhaften Strömungen in der zeitgenössischen Literatur zu kämpfen versteht. Aber einen solchen Mitarbeiter vermag ich nicht zu entdecken.«

Warawka zwinkerte Klim zu und fragte:

»Na, Klim?«

Samgin zuckte schweigend die Achseln. Ihm kam es so vor, als hänge die Lippe des Redakteurs noch beleidigter herab.

Man trug Kaffee auf. In das Hallen des Donners und das wütende Klatschen des Regens mischten sich die Klänge eines Flügels.

»Nun, versuch es mal«, drängte Warawka.

»Ich werde es mir überlegen«, antwortete Klim leise. Alles war jetzt uninteressant und überflüssig geworden: Warawka, der Redakteur, der Regen und der Donner. Eine Gewalt hob ihn empor und trug ihn nach oben.

Als er ins Vorzimmer hinaustrat, zeigte der Spiegel ihm ein bleich gewordenes, trockenes und zorniges Gesicht. Er nahm die Brille ab, rieb sich mit beiden Händen fest die Wangen und konstatierte nun, daß seine Züge weicher und gefühlvoller geworden waren.

Lida saß am Flügel und spielte »Solveigs Lied«.

»Oh, bist du gekommen?« fragte sie und streckte ihm die Hand hin. Sie war ganz in Weiß, sonderbar klein und lächelte. Samgin fühlte, daß ihre Hand unnatürlich heiß war und zitterte. Ihre Augen blickten liebevoll. Ihre Bluse stand offen und entblößte tief ihre dunkle Brust.

»Während des Gewitters wirkt Musik besonders erregend«, sagte Lida, ohne ihm ihre Hand zu entziehen. Sie fügte noch etwas hinzu, was Klim nicht mehr hörte. Er fragte dumpf und streng: »Warum bist du so plötzlich abgereist?« hob sie mit ungewöhnlicher Leichtigkeit vom Stuhl und umarmte sie.

Er hatte etwas anderes fragen wollen, aber keine Worte gefunden. Er handelte wie in tiefer Dunkelheit. Lida schreckte zurück, er umarmte sie fester und bedeckte ihre Schulter und ihre Brust mit Küssen.

»Wage es nicht!« sagte sie und stieß ihn mit Armen und Knien zurück. »Wag' es nicht, hörst du!«

Sie riß sich aus seiner Umarmung. Klim wankte, setzte sich vor den Flügel und neigte sich über die Klaviatur. Wogen eines erschütternden Bebens überfluteten ihn, er glaubte, in Ohnmacht zu sinken. Lida war irgendwo weit hinter ihm, er hörte ihre empörte Stimme, das Klopfen ihrer Hand gegen den Tisch.

»Ich liebe sie wahnsinnig«, beteuerte er in Gedanken, »wahnsinnig«, beharrte er, als stritte er mit jemand.

Dann fühlte er ihre leichte Hand auf seinem Kopf, hörte ihre bange Frage:

»Was hast du?«

Er umschlang von neuem mit beiden Armen ihre Taille und drückte seine Wange an ihre Hüfte.

»Ich weiß nicht«, sagte er.

»Oh mein Gott«, sagte Lida still. Sie versuchte nicht mehr, sich zu befreien. Im Gegenteil, sie schien sich noch inniger an ihn zu schmiegen, obwohl dies unmöglich war.

»Was soll nun werden?« fragte Klim.

Sie löste vorsichtig seine Arme von ihrem Körper und verließ ihn. In dem Zimmer, in dem ihre Mutter gewohnt hatte, blieb sie stehen, ließ die Arme am Körper herabsinken und neigte den Kopf, als ob sie bete. Der Regen schlug immer wütender gegen die Fenster, man hörte die röchelnden Laute des Wassers in den Abflußrohren.

»Geh jetzt, bitte«, sagte Lida.

Samgin stand auf und näherte sich ihr. Es war, als bitte sie nicht ihn, zu gehen.

»Ich bitte dich doch, geh!«

Was nach diesen Worten geschah, war leicht, einfach und dauerte nur eine ganz kurze Zeit, es schienen Sekunden zu sein. Am Fenster stehend, erinnerte sich Samgin mit tiefem Staunen daran, wie er das Mädchen auf den Arm nahm und sie, während sie sich hintenüber aufs Bett warf und seine Ohren und Schläfen zwischen ihren Händen zusammenpreßte, dunkle Worte sagte und ihm mit einem hellen, blendenden Blick in die Augen sah.

Und nun stand sie vor dem Spiegel und ordnete mit zitternden Händen Kleidung und Frisur. Im Spiegelbild waren ihre Augen weit geöffnet, starr und angsterfüllt. Sie biß sich die Lippen, als dränge sie Schmerzen oder Tränen zurück.

»Geliebte«, flüsterte Klim in den Spiegel; er fand in seinem Innern weder Freude noch Stolz, fühlte nicht, daß Lida ihm teurer geworden war und wußte nicht, wie er handeln und was er sagen mußte. Er sah, daß er sich getäuscht hatte: Lida betrachtete sich nicht mit Angst, sondern fragend, erstaunt.

»Laß«, sagte sie und begann die zerdrückten Kissen glattzuklopfen. Da trat er von neuem ans Fenster und sah durch den dichten Regenschleier zu, wie die Blätter der Bäume tanzten und kleine graue Kugeln über das eiserne Dach des Flügels hüpften.

»Ich bin ausdauernd, ich habe es gewollt und erreicht«, sagte er sich, da er das Bedürfnis empfand, sich auf irgendeine Weise zu trösten.

»Du, geh jetzt«, sagte Lida und blickte mit dem gleichen besorgten und fragenden Ausdruck auf das Bett. Samgin küßte ihr wortlos die Hand und ging hinaus.

Alles hatte sich anders abgespielt, als er erwartete. Er fühlte sich betrogen.

»Aber was hoffte ich eigentlich?« fragte er sich. »Nur das eine, daß es dem mit Margarita und der Nechajew Erlebten nicht gleichen würde?«

Und er tröstete sich:

»Vielleicht wird es auch noch so werden.«

Aber der Trost währte nicht lange, schon im nächsten Augenblick kam ihm der kränkende Gedanke:

»Es war, als ob sie mir ein Almosen gereicht hätte . . .«

Und zum zehnten Mal fiel ihm ein:

»Ja, war denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Als er in seinem Zimmer war, schloß er die Tür zu, legte sich hin und lag so bis zum Abendtee. Als er ins Eßzimmer trat, schritt dort die Spiwak wie ein Wachtposten auf und ab, dünn und schlank nach der Entbindung, und mit gerundeter Brust. Sie begrüßte ihn mit der freundlichen Gleichgültigkeit einer alten Bekannten, fand ihn stark abgemagert und wandte sich dann wieder an Wera Petrowna, die am Samowar saß: »Siebzehn Mädchen und neun Knaben, wir brauchen aber unbedingt dreißig Schüler . . .«

Von ihren Schultern floß ein leichtes perlfarbiges Gewebe. Die durchschimmernde Haut der Arme hatte die Tönung von Öl. Sie war unvergleichlich viel schöner als Lida, und dies reizte Klim. Ihn reizte auch ihr dozierender und geschäftsmäßiger Ton, ihre Buchsprache und ihre Manier, obwohl sie fünfzehn Jahre jünger als Wera Petrowna war, mit ihr zu sprechen wie die Ältere.

Als die Mutter Klim fragte, ob Warawka ihm angeboten habe, den kritischen Teil und die Bibliographie der Zeitung zu übernehmen, sagte sie, ohne Klims Antwort abzuwarten, lebhaft:

»Erinnern Sie sich, das war meine Idee? Sie besitzen alle Qualitäten für diese Rolle: kritischen Geist, im Zaun gehalten durch ein vorsichtiges Urteil, und guten Geschmack.«

Sie sagte das freundlich und ernsthaft, aber im Bau ihres Satzes schien Klim etwas Spöttisches zu liegen.

»Gewiß«, stimmte seine Mutter zu, wobei sie nickte und mit der Zungenspitze ihre verblichenen Lippen leckte. Klim forschte in dem verjüngten Gesicht der Spiwak und dachte:

»Was will sie von mir? Warum hat die Mutter sich so eng mit ihr angefreundet?«

Eine Flut rosenfarbenen Sonnenlichts wogte durchs Fenster herein. Die Spiwak schloß die Augen, legte den Kopf zurück und schwieg, während ein Lächeln ihre Lippen kräuselte. Man hörte jetzt Lida spielen. Auch Klim schwieg und verlor sich in den Anblick der rauchroten Wolken. Alles war unklar, mit Ausnahme des einen: er mußte Lida heiraten.

»Ich glaube, ich habe mich übereilt«, sagte er sich plötzlich, da er fühlte, daß in seinem Entschluß zu heiraten etwas Gezwungenes lag. Fast hätte er gesagt:

»Ich habe mich geirrt.«

Er hätte es sagen dürfen, denn er verspürte nicht mehr jenen Trieb zu Lida, der ihn so lange und so hartnäckig, wenn auch nicht heftig, bedrängt hatte.

Lida kam nicht zum Tee, sie zeigte sich auch nicht beim Abendessen.

Zwei Tage lang saß Klim zu Hause und wartete aufgeregt darauf, daß Lida im nächsten Augenblick zu ihm kommen oder ihn zu sich rufen werde. Den Mut, selbst zu ihr zu gehen, brachte er nicht auf, und es gab auch einen Vorwand, nicht hinzugehen: Lida hatte erklärt, sie fühle sich nicht wohl, und man brachte ihr das Mittagessen und den Tee auf ihr Zimmer.

»Dieses Unwohlsein ist wahrscheinlich ihr gewöhnlicher Anfall von Misanthropie«, sagte die Mutter mit einem Seufzen.

»Seltsame Charaktere bemerke ich unter der Jugend von heute«, fuhr sie fort, während sie Erdbeeren mit Zucker bestreute. »Wir lebten einfacher und heiterer. Diejenigen unter uns, die sich der Revolution zuwandten, bekannten sich mit Versen zu ihr und nicht mit Zahlen . . .«

»Na weißt du, Mütterchen, Zahlen sind nicht schlechter als Verse«, brummte Warawka. »Mit Versen trocknest du den Sumpf nicht aus.«

Er nahm einen Schluck Wein, spülte damit den Mund aus, ließ das Naß durch die Gurgel laufen und sagte nach einigem Überlegen:

»Aber unsere Jugend ist wirklich säuerlich! Bei den Musikanten im Flügel verkehrt ein Bekannter von dir, Klim, wie heißt er doch gleich?«

»Inokow.«

»Richtig. Ein sonderbarer Kauz. Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der allem und allen so fremd gegenübersteht. Ein Ausländer.«

Er musterte Klim forschend und mit einem spitzen Lächeln in den Augen und fragte:

»Und du – fühlst du dich nicht auch als Ausländer?«

»In einem Staat, in dem das Chodynka-Feld möglich ist«, begann Klim zornig, denn er war sowohl der Mutter wie Warawkas überdrüssig.

Gerade in diesem Augenblick erschien Lida in einem Schlafrock von bizarrer, goldglänzender Farbe, der Klim an die Gewänder der Frauen auf den Bildern Gabriele Rossettis erinnerte. Sie war von ungewohnter Lebhaftigkeit, scherzte über ihre Unpäßlichkeit, schmiegte sich zärtlich an den Vater und erzählte bereitwillig Wera Petrowna, daß Alina ihr den Schlafrock aus Paris gesandt habe. Ihre Lebhaftigkeit erschien Klim verdächtig und vertiefte den Zustand gespannter Erwartung, in dem er sich seit zwei Tagen befand. Er war darauf gefaßt, daß Lida jetzt etwas Ungewöhnliches und vielleicht Skandalöses sagen oder tun würde. Doch, wie immer, beachtete sie ihn fast gar nicht, und erst als sie ihr Zimmer aufsuchte, flüsterte sie ihm zu:

»Schließ deine Tür nicht ab.«

Es war für Klim erniedrigend, sich zu gestehen, daß dieses Flüstern ihn erschreckte, aber er erschrak in der Tat so heftig, daß seine Beine zitterten und er sogar taumelte wie nach einem Schlag. Er war fest davon überzeugt, daß sich in dieser Nacht zwischen ihm und Lida etwas Tragisches, Mörderisches abspielen würde. Mit dieser Gewißheit ging er wie ein zur Folter Verurteilter in sein Zimmer.

Lida ließ ihn lange warten – beinahe bis zum Morgengrauen. Die Nacht begann hell, aber schwül, und durch die geöffneten Fenster ergossen sich aus dem Garten Ströme feuchter Düfte der Erde, der Gräser und der Blumen. Dann verschwand der Mond, doch die Luft wurde noch feuchter und färbte sich dunstig blau. Klim Samgin saß halb entkleidet am Fenster, horchte ins Dunkel und schrak bei den unfaßlichen Geräuschen der Nacht zusammen. Einige Male sagte er sich voll Hoffnung:

»Sie kommt nicht. Sie hat sich anders besonnen.«

Aber Lida kam. Als die Tür lautlos aufging und auf der Schwelle die weiße Gestalt erschien, erhob er sich und näherte sich ihr. Er hörte ein zorniges Flüstern:

»Mach doch das Fenster zu!«

Das Zimmer füllte sich mit undurchdringlicher Finsternis, in der Lida verschwand. Samgin suchte sie mit ausgestreckten Armen, ohne sie zu finden und zündete ein Streichholz an.

»Laß! Du sollst nicht! Kein Licht«, vernahm er.

Es gelang ihm noch, wahrzunehmen, daß Lida auf dem Bett saß und sich hastig ihres Schlafrocks entledigte. Die Umrisse ihrer Hände schimmerten vage auf. Er trat zu ihr und kniete nieder.

»Schnell, schnell«, hauchte sie.

Im Schutz der Dunkelheit gab sie sich schamloser Raserei hin, biß ihn in die Schultern, stöhnte und forderte keuchend:

»Spüren will ich, spüren . . .«

Sie weckte seine Sinnlichkeit wie eine erfahrene Frau, gieriger, als die geübte und ihrer Sache mechanisch sichere Margarita, wütender als die hungrige, ohnmächtige Nechajew. Zuweilen fühlte er, daß er jetzt gleich das Bewußtsein verlieren und sein Herz aussetzen würde. Es gab einen Augenblick, wo ihm schien, daß sie weinte. Ihr unnatürlich heißer Körper zuckte minutenlang wie in verhaltenem, lautlosem Schluchzen. Aber er war nicht sicher, daß dem so war, wenngleich sie danach aufhörte, ihm stürmisch in die Ohren zu flüstern:

»Spüren . . . spüren . . .«

Er konnte sich nicht erinnern, wann sie gegangen war, schlief wie ein Toter und verbrachte, zwischen Glauben und Zweifel an der Wirklichkeit des Geschehenen schwankend, den ganzen folgenden Tag wie im Traum. Er faßte nur das eine: in dieser Nacht hatte er Unbeschreibliches, noch nie Erlebtes erfahren, aber – nicht das, was er erwartet und nicht so, wie er es sich ausgemalt hatte. Die folgenden gleich stürmischen Nächte überzeugten ihn endgültig davon.

In seinen Umarmungen vergaß Lida sich nicht für einen Augenblick. Sie sagte ihm nicht ein einziges jener lieben Worte der Freude, an denen die Nechajew so reich war. Auch Margarita, mochte ihre Art, die Liebkosungen zu genießen, auch roh sein, hatte etwas Tönendes und Dankbares. Lida liebte mit geschlossenen Augen, unersättlich, aber freudlos und finster. Eine Falte des Zorns zerschnitt ihre hohe Stirn, sie entzog sich seinen Küssen mit abgewandtem Gesicht und zusammengepreßten Lippen, und wenn sie ihre langen Wimpern aufschlug, sah Klim in ihren dunklen Augen einen bösen, versengenden Schein. Aber das alles beengte ihn schon nicht mehr, kühlte seine Wollust nicht ab, sondern entflammte sie mit jedem neuen Zusammensein nur noch heftiger. Was ihn jedoch immer mehr verwirrte und störte, das war Lidas hartnäckige, bohrende Wißbegier. Zuerst belustigten ihre Fragen ihn nur durch ihre Kindlichkeit. Klim mußte an die derb gewürzten Novellen des Mittelalters denken und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Allmählich nahm diese Naivität einen zynischen Charakter an, und Klim fühlte hinter den Worten des Mädchens ein eigensinniges Bestreben, etwas ihm Unbekannten und Gleichgültigen auf den Grund zu gehen. Er redete sich ein, Lidas unschickliche Neugier rühre von französischen Büchern her, und sie würde ihrer bald müde werden und verstummen. Aber Lida ermüdete nicht. Während sie ihm fordernd in die Augen sah, forschte sie in hitzigem Ton:

»Was empfindest du? Du kannst doch nicht leben, ohne dieses zu empfinden, nicht wahr?«

Er empfahl ihr:

»Lieben muß man stumm.«

»Um nicht zu lügen?« fragte sie.

»Schweigen ist nicht Lüge.«

»Dann ist es Feigheit«, sagte Lida und drang wieder in ihn:

»Wenn du genießt, erkennst du mich dann auf eine besondere Weise? Hat sich dann für dich in mir etwas verändert?«

»Gewiß«, antwortete Klim, um es sogleich zu bedauern, denn sie fragte:

»Wie denn? Was?«

Auf diese Fragen wußte er keine Antwort, fühlte, daß dieses Unvermögen ihn in den Augen des Mädchens herabsetzte, und dachte voll Verdruß:

»Vielleicht ist es auch nur der Zweck ihrer Fragen, mich zu sich herunterzuziehen.«

»Laß das«, sagte er schon nicht mehr freundlich. »Das sind unpassende Fragen in diesem Augenblick. Und sie sind kindisch.«

»Nun und? Wir sind beide einmal Kinder gewesen.«

Klim begann an ihr auch etwas wahrzunehmen, was den unfruchtbaren Grübeleien ähnelte, an denen er selbst einst gekrankt hatte. Es gab Augenblicke, wo sie plötzlich in einen Zustand halber Bewußtlosigkeit sank und minutenlang starr und stumm dalag. In diesen Minuten ruhte er aus und bestärkte sich in dem Gedanken, daß Lida anormal war und ihre Raserei ihr nur als Einleitung zu den Gesprächen diente. Sie liebkoste ihn mit wütender Leidenschaft, zuweilen schien es sogar, daß sie sich gewalttätig Qualen zufügte. Aber nach diesen Anfällen sah Klim, daß ihre Augen ihn feindselig oder fragend anschauten, und immer häufiger bemerkte er in ihren Pupillen böse Funken. Um diese Funken zu löschen, begann Klim Samgin sie gezwungen und bewußt von neuem zu liebkosen. Zuweilen jedoch stieg in ihm der Wunsch auf, ihr Schmerzen zuzufügen und sich für diese bösen Funken zu rächen. Es war fatal, sich daran zu erinnern, daß sie ihm einmal körperlos und hauchzart erschienen war, daß er gerade mit diesem Mädchen eine ganz besondere, reine und tiefe Freundschaft schließen wollte und nur sie allein ihm helfen sollte, sich selbst zu finden und festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ja, nicht ihre seltsame und unheimliche Liebe suchte er, sondern ihre Freundschaft. Und nun war er betrogen. Als Antwort auf seine Versuche, ihr sein Fühlen nahe zu bringen, hielt sie ihm ein Schweigen entgegen und manchmal ein spöttisches Lächeln, das ihn verletzte und seine Worte schon im Beginn auslöschte.

Es hatte den Anschein, als ob Lida selbst Furcht vor ihrem höhnischen Lächeln und dem bösen Feuer in ihren Augen habe. Wenn er Licht machte, verlangte sie:

»Lösch es aus.«

Und in der Dunkelheit hörte er sie flüstern:

»Und dies ist alles? Für alle dasselbe: für Dichter, Kutscher und Hunde?«

»Höre«, sagte Klim, »du bist eine Dekadente. Das ist etwas Krankhaftes bei dir . . .«

»Aber Klim, es kann ja nicht sein, daß dich dieses befriedigt? Es kann nicht sein, daß um dessentwillen Romeo, Werther, Ortis, Julia und Manon zugrunde gingen!«

»Ich bin kein Romantiker«, knurrte Klim und wiederholte: »Es ist etwas Degeneriertes . . .«

Da fragte sie ihn:

»Ich bin erbärmlich, nicht wahr? Mir fehlt etwas? Sag, was mir fehlt!«

»Einfachheit«, antwortete Klim, der nichts anderes zu sagen wußte.

»Die der Katzen?«

Er getraute sich nicht, ihr zu sagen:

»Das, was die Katzen auszeichnet, besitzest du im Überfluß.«

Während er sie rasend, ja, wuterfüllt liebkoste, befahl er ihr in Gedanken:

»Weine! Du sollst weinen!«

Sie stöhnte, aber sie weinte nicht, und Klim bezwang von neuem mit Mühe den Wunsch, sie bis zu Tränen zu beleidigen und zu demütigen.

Einmal begann sie ihm im Finstern hartnäckig zuzusetzen: Was er empfunden habe, als er zum erstenmal eine Frau besaß.

Klim dachte nach und antwortete:

»Furcht. Und – Scham. Und du? Dort, oben?«

»Schmerz und Abscheu«, erwiderte sie, ohne sich zu besinnen. »Das Furchtbare empfand ich hier, als ich selbst zu dir kam.«

Sie rückte von ihm weg und fuhr nach einer Weile fort:

»Es war eigentlich nicht furchtbar, es war mehr. Es war wie das Sterben, So muß man in der letzten Minute seines Lebens fühlen, wenn der Schmerz aufgehört hat, und man nur noch stürzt. Ein Sturz ins Unbekannte, Unbegreifliche.«

Wieder schwieg sie und hauchte dann:

»Es gab einen Augenblick, wo in mir etwas starb, zugrunde ging, Hoffnungen, oder – ich weiß es nicht. Später die Verachtung vor mir selbst. Nicht Mitleid. Nein, Verachtung. Deshalb weinte ich, erinnerst du dich?«

Klim bedauerte, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Auch er schwieg lange, bevor er die vernünftigen Worte fand, die er ihr sagte:

»Es ist bei dir nicht Liebe, sondern Erforschung der Liebe.«

Sie flüsterte still und gehorsam:

»Umarme mich. Fester.«

Einige Tage lang war sie zahm, fragte ihn nicht aus und schien sogar beherrschter in ihren Zärtlichkeiten. Dann jedoch hörte Klim von neuem in der Dunkelheit ihr heißes, kratzendes Flüstern:

»Aber du mußt doch selbst zugeben, daß dies dem Menschen nicht genügen kann.«

»Was willst du noch mehr?« wollte Klim fragen, drängte aber seine Empörung zurück und stellte die Frage nicht.

Er fand, daß »dies« ihm vollkommen genügte, und alles gut wäre, wenn Lida schwiege. Ihre Liebkosungen übersättigten nicht. Er wunderte sich selbst, daß er in sich die Kraft für ein so tolles Leben fand, und begriff, daß Lida ihm diese Kraft gab, ihr immer rätselhaft glühender und unermüdlicher Körper. Er begann schon, stolz auf seine physiologische Ausdauer zu sein, und dachte bei sich, wenn er Makarow von diesen Nächten erzählte, würde der wunderliche Mensch ihm nicht glauben. Diese Nächte nahmen ihn vollkommen in Anspruch. Von dem Wunsch beherrscht, Lidas Redewut zu bändigen, sie einfacher und handlicher zu machen, dachte er an nichts, außer an sie und wollte nur das eine: sie sollte endlich ihre unsinnigen Fragen vergessen, seinen Honigmond nicht mit diesem aufreizend trüben Gift versetzen.

Aber sie ließ sich nicht bändigen, wenngleich die zornigen Lichter nicht mehr so häufig in ihren Augen zu funkeln schienen. Auch bedrängte sie ihn nicht mehr so stürmisch mit ihren Fragen. Dafür bemächtigte sich ihrer eine neue Stimmung, die sie wie mit einem Schlage packte. Mitten in der Nacht sprang Lida aus dem Bett, lief ans Fenster, öffnete es und kauerte sich, halbnackt, wie sie war, auf die Fensterbank.

»Es ist kühl, du wirst dich erkälten«, warnte Klim sie.

»Welche Trostlosigkeit!« antwortete sie ziemlich laut. »Welche Trostlosigkeit liegt in diesen Nächten, in dieser Stummheit der schläfrigen Erde, in diesem Himmel! Ich komme mir vor wie in einer Grube, wie in einem Abgrund.«

»Nun spielt sie also den gefallenen Engel«, dachte Klim.

Ihn quälte die Vorahnung schwerer Bedrängnisse. Zuweilen flammte unvermittelt die Angst auf, Lida könnte seiner überdrüssig werden und ihn von sich stoßen, manchmal aber wünschte er es selbst. Mehr als einmal hatte er schon bemerken müssen, daß seine Zaghaftigkeit vor Lida zurückgekehrt war, und fast jedesmal wollte er gleich darauf mit ihr brechen, um ihr so die Scheu, mit der sie ihn erfüllte, heimzuzahlen. Er hatte das Gefühl, zu verblöden, und er faßte nur sehr schlecht, was rings um ihn vorging. Ohnehin war es nicht leicht, die Bedeutung des Treibens zu erraten, das Warwara unermüdlich aufpeitschte und anfachte. Beinahe an jedem Abend drängten sich neue Gesichter im Eßzimmer, denen Warawka, mit seinen kurzen Armen fuchtelnd und in seinem ergrauenden Barte spielend, einschärfte:

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