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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Eines Tages stand Klim Samgin im Kreml, versunken in den Anblick der chaotischen Anhäufung der Häuser der Stadt, die von der winterlichen Mittagssonne festlich erleuchtet waren. Ein leichter Frost zupfte neckisch an den Ohren, das stachlige Geflimmer der Schneeflocken blendete die Augen. Die Dächer, fürsorglich in dicke Schichten silberner Daunen gehüllt, verliehen der Stadt ein anheimelndes Aussehen, man war versucht zu glauben, unter diesen Dächern, in der lichten Wärme, lebten einträchtig sehr liebe Menschen.

»Guten Tag«, sagte Diomidow und nahm Klim beim Ellenbogen. »Was für eine schreckliche Stadt«, fuhr er nach einem Seufzer fort. »Im Winter ist sie noch einigermaßen ansprechend, im Sommer aber vollends unerträglich. Man geht auf der Straße und hat beständig das Gefühl, daß hinter einem etwas Schweres an einen herandrängt, sich auf einen stürzt. Und die Leute sind hart hier und ruhmredig.«

Er seufzte ein zweites Mal und sagte:

»Ich liebe es nicht, wenn man begeistert stöhnt: Ach, Moskau!«

Das vom Frost gerötete Gesicht Diomidows erschien noch malerischer als sonst. Die alte Seehundsmütze war zu klein für seinen Lockenkopf. Der Mantel vertragen, mit ungleichen Knöpfen, die Taschen eingerissen und klaffend.

»Wohin gehen Sie?« fragte Klim.

»Mittag essen.«

Er nickte mit dem Kopf nach der Kirche des Tschudow-Klosters und sagte:

»Ich bessere dort den Ikonenschrein aus.«

»Ah! Also arbeiten Sie sowohl im Theater wie im Kloster . . .«

»Weshalb nicht? Arbeit ist Arbeit. Mich hat ein Drechsler und Vergolder, den ich kenne, aufgefordert. Ein prächtiger Mensch.«

Diomidow wurde düster, schwieg eine Weile und schlug dann vor:

»Gehen wir in eine Schenke, Ich werde essen und Sie Tee trinken. Dort zu essen, empfehle ich Ihnen nicht, es ist zu schlecht für Sie, aber der Tee ist gut.«

Es wäre unterhaltsam gewesen, mit Diomidow zu plaudern, aber ein Spaziergang mit einem so abgerissenen Kunden behagte Klim nicht. Der Student und an seiner Seite der Handwerker, das gab ein verdächtiges Paar ab. Klim lehnte ab, die Teestube zu besuchen. Diomidow zerrieb unbarmherzig mit der Handfläche sein verfrorenes Ohr und sagte:

»Ich arbeite inzwischen. Ich will eine Menge Geld sparen.«

Plötzlich fragte er:

»Billigen Sie es, daß Lida Timofejewna sich für die Bühne ausbildet?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, enthüllte er sogleich den Sinn seiner Frage:

»Es ist doch das gleiche, als ob man nackt auf die Straße ginge.«

»Lida Timofejewna ist ein erwachsener Mensch«, gab Klim trocken zu verstehen.

Diomidow nickte zustimmend.

»Nach meiner Meinung täuschen sich die Klugen am häufigsten über sich selbst.«

»Warum glauben Sie das?«

»Wie sollte ich nicht? Ich lese Bücher, habe Augen.«

Dies erschien Klim frech: ein ungebildeter Mensch, der nicht einmal richtig sprechen konnte und sich anmaßte . . .

»Was lesen Sie eigentlich?«

»Vielerlei. In allen Büchern wird über Irrtümer geschrieben.«

Mit dem Fuß aufstampfend, fragte er:

»Befassen Sie sich mit der Revolution?«

»Nein«, entgegnete Klim, er sah Diomidow gerade in die Augen, ihre Bläue war an diesem Tag besonders tief.

»Ich meine aber, Sie befassen sich damit. Sie sind so zurückhaltend.«

»Warum interessiert Sie das?«

»Wenn man mir davon spricht, weiß ich, daß es die Wahrheit ist«, murmelte Diomidow gedankenvoll. »Natürlich ist es die Wahrheit, denn . . . Was ist denn dies?«

Er deutete mit einer Handbewegung auf die Stadt.

»Aber wenn ich es auch weiß, so glaube ich doch nicht daran. Ich habe ein anderes Gefühl.«

»Über Revolution spricht man nicht auf der Straße«, bemerkte Klim.

Diomidow schaute sich um.

»Dies ist keine Straße. Wollen Sie, – ich zeige Ihnen einen Menschen?« schlug er vor.

»Was für einen?«

»Sie werden sehen. Ein prächtiger Mensch. Er predigt jeden Sonnabend.«

»Die Revolution?«

»Nach meiner Ansicht – noch Schlimmeres«, sagte zögernd Diomidow.

Klim mußte lächeln.

»Sie sind ein spaßiger Mensch!«

»Gehen wir!« drängte Diomidow leise, aber nachdrücklich. »Heute ist Sonnabend. Sie müssen sich nur etwas einfacher anziehen. Obwohl, es ist gleich, es sind dort auch solche wie Sie. Sogar ein Polizeihauptmann kommt dorthin. Und ein Diakon.«

An dem schmeichelnden Blick des spaßigen Menschen war deutlich zu sehen: er wünschte sehr, daß Klim mitkäme, und war schon überzeugt, daß Samgin zusagen würde.

»Es ist schrecklich interessant. Das muß man wissen«, sagte er. »Die Brille nehmen Sie lieber ab. Bebrillte Leute liebt man dort nicht.«

Klim wollte es ablehnen, gemeinsam mit einem Polizeihauptmann etwas zu hören, was schlimmer als Revolution war, aber die Neugier entkräftete die Vorsicht. Sogleich tauchten noch gewisse andere, nicht ganz klare Überlegungen auf und ließen ihn sagen:

»Geben Sie mir die Adresse. Vielleicht komme ich.«

»Es ist besser, ich hole Sie ab, um Sie hinzugeleiten.«

»Nein, beunruhigen Sie sich nicht.«

Am Abend irrte Klim durch die Gassen in der Nähe des Sucharew-Turms. Verschwenderisch streute der Mond sein Licht. Der Frost steifte sich. In rascher Folge tauchten dunkle Menschen auf, gekrümmt, die Hände in den Ärmeln oder Taschen geborgen, ihre verzerrten Schatten hüpften über die Schneegruben. Die Luft bebte kristallisch unter dem Tönen zahlloser Glocken. Die Abendmesse wurde eingeläutet.

»Interessant, in welchem Milieu dieser Schwachkopf wohl lebt?« dachte Klim. »Sollte etwas passieren, das schlimmste, was mir zustoßen könnte, ist, daß sie mich aus Moskau ausweisen. Nun und wenn schon? Ich werde eben ein bißchen leiden. Das ist jetzt Mode.«

Da, endlich, über einem alten Tor das bogenförmig geschweifte Schild: »Kwasfabrik«. Klim trat auf den Hof. Er war eng mit Haufen von schneebedeckten Körben vollgepackt. Hier und dort ragten Flaschenböden und -hälse aus dem Schnee. Das Mondlicht brach sich in dem dunklen Glas in einer Unzahl formloser Augen.

Im Hintergrunde des Hofes erhob sich ein langes, tief im Erdboden fußendes Gebäude. Es war zweistöckig oder wollte es sein, aber zwei Drittel der zweiten Etage waren entweder abgebrochen oder nicht fertig gebaut. Die Türen, breit wie Tore, verliehen dem unteren Stockwerk das Aussehen eines Pferdestalls, in dem Rest des zweiten schimmerten trübe zwei Fenster, unter ihnen, im ersten, flammte ein Fenster so grell, als brenne hinter seinen Scheiben ein Holzfeuer.

Klim Samgin, der den Wunsch verspürte, den Hof zu verlassen, klopfte mit dem Fuß an die Tür. In der Tür öffnete sich ein unauffälliges, schmales Pförtchen, und ein unsichtbarer Mann sagte mit hohler Stimme, das »O« stark betonend:

»Vorsichtig. Vier Stufen.«

Darauf befand Samgin sich auf der Schwelle einer zweiten Tür, geblendet von der grellen Flamme eines Ofens. Der Ofen war gewaltig, in ihm waren zwei Kessel eingebaut.

»Was zögern Sie? Treten Sie ein«, sagte eine dicke Frau mit einem schwarzen Schnurrbart, die ihre Hände so fest an einer Schürze abrieb, daß sie knirschten.

In dem kellerartigen Raum mit bogenförmiger Decke war es dämmerig. Er war erfüllt mit einer feuchten Wärme, getränkt von einem stickigen Geruch von verdorbenem Fleisch und Dung. Am Ofen, in einem hölzernen Waschzuber, wässerten Kuhmägen. Ein anderer ebensolcher Zuber war mit blutigen Klumpen Lebern, Lungen gefüllt. Längs der Wand standen sechs Bottiche, hinter ihnen, im Winkel, saß auf einer Kiste, mit Nacken und Rücken an die Wand gelehnt, die langen, dünnen Kamelbeine weit von sich gestreckt, ein Mann in einem grauen Leibrock. Er löste mit Anstrengung seinen Nacken von der Wand, reckte seinen langen Hals und sagte mit leiser Baßstimme:

»Apotheker?«

»Warum glauben Sie, ich sei ein Apotheker?« fragte Klim ärgerlich.

»Nach Ihrer äußeren Erscheinung zu urteilen, natürlich. Setzen Sie sich, bitte, hierher.«

Klim nahm ihm gegenüber auf einer breiten, aus vier Brettern grob zusammengenagelten Pritsche Platz. Auf einer Ecke der Pritsche lag ein Haufen Zeug, irgend jemandes Bettlager. Der große Tisch vor der Pritsche strömte den betäubenden Geruch dumpfigen Fettes aus. Hinter einer hölzernen, ungestrichenen und lichtdurchlässigen Zwischenwand schimmerte Helligkeit, jemand hustete dort und raschelte mit Papier. Die schnurrbärtige Frau zündete eine Blechlampe an, setzte sie auf den Tisch, warf einen Blick auf Klim und sagte dem Diakon:

»Ein Fremder.«

Der Diakon schwieg sich aus. Da fragte sie Samgin:

»Wer hat euch hergeschickt?«

»Diomidow.«

»Ah, Senja. Diomidow.«

Sie trat, ihre Hände beriechend, zum Ofen, blieb aber unterwegs stehen und forschte:

»Er sprach von einer Brille?«

»Ich habe die Brille bei mir.«

»Gut dann.«

Klim holte seine Brille aus der Tasche hervor, setzte sie auf und sah, daß der Diakon etwa vierzig Jahre zählte und ein Gesicht hatte, wie man es den heiligen Eremiten auf den Ikonen gab. Noch häufiger findet man solche Gesichter bei Trödlern, Ränkeschmieden und Geizhälsen, und zuletzt erzeugt das Gedächtnis aus einer Vielheit dieser Gesichter das aufdringliche Antlitz des sogenannten unsterblichen russischen Menschen.

Jetzt traten zwei ein: der eine breitschultrig, zottelhaarig, mit einem krausen Bart und einem darin erstarrten betrunkenen oder spöttischen Lächeln. An den Ofen pflanzte sich, in der Absicht, sich zu wärmen, ein hochgewachsener Mensch mit schwarzem Schnurr- und spitzem Kinnbart. Geräuschlos erschien eine junge Frau in einem bis über die Brauen geschobenen Kopftuch. Dann folgten sich rasch noch etwa vier Männer, sie drängten sich vor dem Ofen, ohne an den Tisch heranzutreten. In der Dunkelheit machte es Mühe, sie zu unterscheiden. Alle schwiegen, klopften und scharrten mit den Füßen gegen den Ziegelboden, und einzig der Lächelnde sagte einem Nachbar:

»Sogar ein Herr ist gekommen . . . ein Gebildeter.«

Klim fühlte sich ersticken in dieser fauligen Luft, in der grauenhaften Umgebung. Es trieb ihn fort. Endlich stürzte Diomidow herein, überflog alle Anwesenden mit einem Blick, fragte Klim: »Ah, Sie sind gekommen?« und entfernte sich eilig hinter die Zwischenwand.

Eine Minute später zeigte sich dort gewichtig ein kleiner Mann mit einem struppigen Bärtchen und einem fahlen, unbedeutenden Gesicht. Er trug ein wattiertes Frauenleibchen und Filzstiefel bis zu den Knien. Das fahle Haar war mit Pomade fest an den Kopf gekämmt und lag glatt an. In der einen Hand hielt er ein schmales und langes Buch von der Art, wie die Krämer sie für die Eintragung der Schulden verwenden. Während er sich dem Tisch näherte, sagte er zum Diakon:

»Streite nicht mit mir . . .«

Er setzte sich, schlug das Buch auf, faßte Klim in seinen Blick und fragte Diomidow:

»Dieser?«

»Ja.«

»Nun, seien Sie willkommen!« wandte das unbedeutende Männchen sich an die Anwesenden. Seine Stimme war klangvoll und hatte etwas Sonderbares, das gebieterisch klang. Die Hälfte seiner linken Hand war gebrochen. Es blieben nur drei Finger: Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Diese Finger legten sich zu einem Dreifaltigkeitskreuz zusammen. Während er mit der Rechten die schmalen, mit großen Schriftzügen bedeckten Seiten des Buches umblätterte, zeichnete er mit der Linken unaufhörlich verschlungene Ornamente in die Luft. In diesen Gesten lag etwas Verkrampftes, das nicht im Einklang mit seiner ruhigen Stimme stand.

»Am heutigen Abend wollte ich in meiner Belehrung fortfahren, da aber ein Neuer erschienen ist, so ist es notwendig, daß ich ihm in Kürze die Anfangsgründe meiner Wissenschaft darlege«, sagte er, während er die Zuhörer mit farblosen und gleichsam trunkenen Augen überflog.

»Fang an, wir hören«, sagte der Lächelnde und setzte sich an Klims Seite.

Der Prediger tat einen Blick in sein Buch und fuhr sehr gelassen, als berichte er etwas Alltägliches und allen längst Bekanntes, fort:

»Ich lehre, mein Herr, in völliger Übereinstimmung mit der Wissenschaft und den Schriften Leo Tolstois. Meine Lehre enthält nichts Schädliches. Alles ist sehr einfach: diese Welt, unsere, die ganze – ist das Werk menschlicher Hände. Unsere Hände sind klug, unsere Schädel aber dumm, das ist auch die Ursache unseres Elends.«

Klim sah die Leute an. Sie saßen alle schweigend da. Sein Nachbar hatte sich vorgebeugt und rollte sich eine Zigarette. Diomidow war verschwunden. Gurgelnd kochte das Wasser in den Kesseln. Die schnurrbärtige Frau spülte im Zuber Labmägen und Kuhdärme, im Ofen zischten feuchte Holzscheite. Die Flamme im Lampenglas zitterte und hüpfte empor, der gesprungene Zylinder rußte. In dem tiefen Zwielicht erschienen die Menschen unförmig und unnatürlich wuchtig.

»Was heißt das: ›Welt‹, wenn man es richtig ansieht?« fragte der Mann und warf mit den drei Fingern eine Schlinge in die Luft. »Die Welt ist Erde, Luft, Wasser, Stein und Holz. Ohne den Menschen ist dies alles ohne jede Notwendigkeit.«

Klims Nachbar zog an seiner Zigarette und fragte:

»Woher weißt du denn, Jakow Platonitsch, was notwendig ist und was nicht?«

»Wüßte ich's nicht, würde ich's nicht sagen. Unterbrich mich nicht. Wenn ihr alle hier anfangen wolltet, mich zu belehren, würde nichts als Unsinn bei der Sache herauskommen. Lächerlichkeit. Ihr seid viele und ich der einzige Schüler. Nein, da ist es schon besser, ihr lernt und ich – lehre.«

»Gewandt, wie?« flüsterte der lächelnde Nachbar Klim zu, wobei er seine Wange mit warmem Rauch überzog.

Unterdessen fuhr der Lehrer maßvoll und ruhig fort, in das Dunkel hineinzustoßen.

»Der Stein ist ein Dummkopf. Das Holz ist gleichfalls ein Dummkopf. Und jegliches Gewächs hätte keinen Sinn, wenn nicht der Mensch wäre. Aber sobald dieses dumme Material berührt wird von unseren Händen, haben wir Häuser, bequem zum Wohnen, Straßen, Brücken und vielerlei Sachen, Maschinen und Ergötzlichkeiten gleich dem Damespiel oder den Karten oder musikalischen Trompeten. So ist es. Ich war ehedem Sektierer, dann jedoch begann ich einzudringen in die wahre Philosophie des Lebens und durchdrang sie bis auf den Grund, dank der Hilfe eines Unbekannten.«

»Der ›erklärende Herr‹«, erinnerte sich Klim.

Aus der Finsternis reckte sich ein von Blattern zerwürfeltes Gesicht, und eine erkältete Stimme bat heiser:

»Erzähle von Gott . . .«

Jakow Platonowitsch hob mit der dreifingrigen Hand die Lampe empor, musterte mit zugekniffenen Augen den Bittenden und sagte:

»Hier lehre ich. Ich weiß, wann Gott an der Reihe ist.«

Darauf wandte er sich von neuem an Samgin:

»Die Gelehrten haben bewiesen, daß Gott vom Klima, von der Witterung abhängt. Wo das Klima gleichmäßig ist, da ist auch Gott gut, in kalten und heißen Gegenden aber haben wir einen grausamen Gott. Das muß man verstehen. Heute wird es hierüber keine Belehrung geben.«

»Er hat Angst vor Ihnen«, flüsterte Klims Nachbar ihm zu und spie auf den Stummel seiner Zigarette.

Der Philosoph tat mit der verstümmelten Hand einen energischen Strich quer über den Tisch und vertiefte sich unter Umblättern der Seiten in das Buch.

Samgin fühlte sich krank, verblödet, einem grauenhaften Traum preisgegeben. Wenn man ihm erzählt hätte, was er sah und hörte, würde er es nicht geglaubt haben. Immer wütender kochte das Wasser in den Kesseln und erfüllte den Keller mit dumpfriechendem Dampf. Die schnurrbärtige Frau wühlte klatschend in den schwarzen Fetzen Leber und Lunge in den Zubern und spülte die Mägen, indem sie sie umstülpte wie schmutzige Strümpfe. Sie schaffte in gekrümmter Haltung und sah aus wie eine Bärin. Am Ofen schnarchte jemand laut, schleifte mit den Füßen über den Boden und stieß hallend mit dem Kopf gegen den Verschlag. Der Prediger sah ihn unter der vorgehaltenen Hand an und sagte, ohne zu lächeln und ohne Unmut:

»Schone deinen Schädel, vielleicht brauchst du ihn einmal.«

Seine dreigefingerte Hand, einer Krebsschere ähnlich, zappelte über dem Tisch und erweckte eine Empfindung des Grauens und Ekels. Widerwärtig war der Anblick des flachen, obendrein von der Dunkelheit verwischten Gesichts und der Ritzen, in denen matt die berauschten Augen schimmerten. Empörend der selbstgefällige Ton, empörend die offenkundige Verachtung für die Zuhörer und ihr unterwürfiges Schweigen.

»Vom himmlischen Zaren wollen wir herabsteigen zum irdischen . . .«

Nach sekundenlangem Schweigen kratzte der Lehrer sich den Bart und beschloß:

». . . Elend.«

Klims mitteilsamer Nachbar flüsterte ihm freudig zu:

»Er wird jetzt vom Zar Hunger anfangen . . .«

»Wir alle leben nach dem Gesetz des Wettstreits miteinander, darin äußert sich eben unsere eigentliche Dummheit.«

Seine an Beilhiebe gemahnenden Worte ließen Klim ironisch denken:

»Wenn Kutusow das hören könnte!«

Aber dennoch war es kränkend, zu beobachten, wie das Kellermännchen verzerrt und frech den wohlbekannten, wenn auch Klim feindlichen Gedankengang Kutusows bloßlegte.

»Nehmen wir aufs Korn unseres Auges und Verstandes den folgenden Vorfall: es kommen zum jungen Zaren einige wohlmeinende Leute und schlagen ihm vor: ›Du, Eure Hoheit, solltest aus dem Volke einige kluge Leute wählen zur freien Beratung darüber, wie man das Leben besser einrichten könnte.‹ Er aber antwortet ihnen: ›Das ist ein unsinniger Einfall!‹ Und der ganze Schnapshandel befindet sich in seinen Händen. Ebenso alle Steuern. Das ist es, worüber man nachdenken muß . . .«

»Gewandt, wie?« fragte mit heißem Flüstern Klims Nachbar. Und, sich heftig die Hände reibend:

»Ein Minister, der Hundesohn!«

»Glauben Sie ihm?«

»Wie soll man ihm denn nicht glauben? Er gibt die Wahrheit von sich.«

Nachdem der Prediger noch zehn Minuten gesprochen hätte, griff er mit seiner Krebsschere eine schwarze Uhr aus der Tasche, wog sie auf der Handfläche, klappte das Buch zu, schlug damit auf den Tisch und erhob sich.

»Für heute ist's genug! Denkt darüber nach.«

Alle rührten sich, und der Blatternarbige stieß mit lauter Stimme hervor:

»Wir danken, Jakow Platonitsch.«

Jakow nickte ihm zweimal zu, erhob die Nase, schnupperte und schnitt eine Grimasse, während er sagte:

»Glafira! Ich habe dich doch gebeten: weiche die Labmägen nicht in heißem Wasser ein. Nützen tut es nicht, und es verbreitet Gestank.«

Als Klim, der auf die Tür zuging, ihn einholte, faßte er ihn am Ärmel und sagte spöttisch:

»Sehen Sie, Herr, meine Schwester fabriziert Speise für die Armen. Eine wohlriechende Speise, he? Jaja. Dabei erhält man in Testows Garküche . . .«

»Entschuldigen Sie, ich muß fort«, unterbrach ihn Klim.

In die kräftige Kälte der Straße emportauchend, holte er so tief Atem, wie er konnte. Ihm schwindelte und vor den Augen flimmerte es grün. Die niederen, verwitterten Häuschen und die Schneehügel, der leere Himmel über ihnen und der Eismond, alles erschien für einen Augenblick grün, mit Schimmel bedeckt und faulig. Samgin schritt hastig aus und schüttelte sich, um den übelkeiterregenden Gestank des verdorbenen Fleisches aus seiner Nähe zu vertreiben. Es war noch nicht spät, soeben endete der Abendgottesdienst. Klim beschloß, bei Lida vorzusprechen und ihr alles mitzuteilen, was er gesehen und gehört hatte, sie mit seiner Empörung anzustecken. Sie mußte wissen, in welcher Umgebung Diomidow lebte, mußte begreifen, daß seine Bekanntschaft nicht ohne Gefahr für sie war. Doch als er, bei ihr im Zimmer, ironisch und angewidert seine Erlebnisse zu schildern begann, fiel das Mädchen ihm nur befremdet in die Rede:

»Aber ich weiß dies alles ja, ich war selbst dort. Ich glaube, ich erzählte dir, daß ich bei Jakow gewesen bin. Diomidow ist dort und lebt mit ihm, oben. Erinnerst du dich: ›Das Fleisch singt – wozu lebe ich?‹«

Während sie zerstreut eine Haarnadel gerade- und wieder zusammenbog, fuhr sie sinnend fort:

»Gewiß, dies alles ist sehr primitiv und widerspruchsvoll. Aber meiner Meinung nach ist es ja nur das Echo jener Widersprüche, die du hier beobachtest. Und es scheint überall das gleiche zu sein.«

Sie brach die Haarnadel entzwei und fügte leise hinzu:

»Oben wird geschrien, unten hört man es und legt es auf seine Weise aus. Es ist mir nicht recht verständlich, was dich empört.«

Aber ihr ruhiger Ton kühlte Klims Entrüstung bedeutend ab.

»Und ich verstehe nicht recht, was dich bei Diomidow so anzieht«, stammelte er.

Lida sah ihn mit zusammengerückten Brauen an.

»Er gefällt mir.«

Klim schwieg in Erwartung des Augenblicks, wo in ihm die Eifersucht zu sprechen anfangen würde.

»Manchmal bedauere ich es, daß er zwei Jahre älter ist als ich. Ich wünschte, er möchte fünf Jahre jünger sein. Ich weiß nicht, warum.«

»Du siehst, ich schweige immer«, hörte er ihre nachdenkliche und feste Stimme. »Mir scheint, wenn ich redete, wie ich denke, so würde es . . . entsetzlich sein! Und lächerlich. Man würde mich davonjagen. Unbedingt würde man mich davonjagen. Mit Diomidow kann ich über alles reden, wie ich möchte.«

»Und mit – mir?« fragte Klim.

Lida seufzte und bedeckte die Augen.

»Du bist klug, verstehst aber etwas nicht. Die Nichtverstehenden gefallen mir besser als die Verstehenden, doch du . . . bei dir ist es anders. Du kritisierst treffend, aber es ist dir zum Handwerk geworden. Man langweilt sich bei dir. Ich glaube, auch du wirst dich bald langweilen.«

Die Eifersucht meldete sich nicht, doch Klim fühlte, wie seine Zaghaftigkeit vor Lida, das Gefühl der Hörigkeit, verschwand. Solide, im Ton des Älteren, bemerkte er:

»Es ist durchaus zu verstehen, daß du endlich lieben mußt, aber die Liebe ist etwas Reales, und du hast dir diesen Jungen ja erdacht.«

»Du hast den Charakter eines Schulmeisters«, sagte Lida mit offenkundigem Ärger, ja mit Spott, wie Samgin herauszuhören glaubte. »Wenn du sagst ›ich liebe dich‹, klingt es, als sagtest du: ›Ich liebe es, dich zu belehren‹.«

»Meinst du?« murmelte Klim, gewaltsam lächelnd. »Mir dagegen scheint, du möchtest glauben, daß du Diomidow gängeln darfst wie eine Schulmeisterin.«

Lida schwieg. Samgin blieb noch einige Minuten, verabschiedete sich trocken und ging. Er war erregt, meinte aber für sich, ihm wäre vielleicht angenehmer zumute, wenn er sich noch heftiger erregt gefühlt hätte.

In seinem Zimmer auf dem Tisch fand Klim einen dicken unfrankierten Brief mit der kurzen Aufschrift »An K. I. Samgin«. Sein Bruder Dmitri teilte ihm mit, er sei nach Ustjug verschickt worden, und bat, ihm Bücher zu senden. Der Brief war kurz und trocken, dafür das Verzeichnis der Bücher lang und mit langweiliger Genauigkeit und Angabe der vollständigen Titel, Verleger und des Jahres und Ortes des Erscheinens verfaßt. Die meisten Bücher waren in deutscher Sprache.

»Ein Buchhalter«, dachte Klim feindselig. Nach einem Blick in den Spiegel löschte er sogleich das spöttische Lächeln in seinem Gesicht aus. Sodann fand er, daß sein Gesicht traurig aussah und eingefallen war. Nachdem er ein Glas Milch getrunken hatte, entkleidete er sich ordentlich, legte sich ins Bett und fühlte plötzlich, daß er sich selbst leid tat. Vor seine Augen trat die Gestalt des »wohlgebildeten« Jünglings, sein Gedächtnis wiederholte seine linkischen Reden.

»Ich habe ein anderes Gefühl.«

»Vielleicht besitze auch ich ›ein anderes Gefühl‹«, dachte Klim, der sich um jeden Preis trösten wollte. »Ich bin kein Romantiker«, fuhr er fort, im dunklen Gefühl, daß der Pfad der Tröstung irgendwo ganz nahe war. »Es ist dumm, dem Mädchen zu zürnen, weil sie meine Liebe nicht zu schätzen wußte. Sie hat sich einen schlechten Helden für ihren Roman gewählt. Er wird ihr nichts Gutes geben. Es ist durchaus möglich, daß sie für ihre Schwäche grausam bestraft werden wird, und dann werde ich . . .«

Er beendete seine Gedanken nicht, da er eine leichte Anwandlung von Verachtung für Lida empfand. Dies tröstete ihn sehr. Er schlief ein mit der Gewißheit, daß der Knoten, der ihn mit Lida verknüpfte, zerhauen sei. Durch den Schlaf hindurch dachte Klim sogar:

»War denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Doch schon am Morgen erkannte er, daß er sich getäuscht hatte. Draußen vor dem Fenster strahlte die Sonne, festlich tönten die Glocken, aber alles war trist, weil der »Junge« existierte. Diese Tatsache wurde von ihm mit voller Deutlichkeit empfunden. Bestürzend grell, blendend beleuchtet vom Sonnenlicht, saß auf dem Fenster Lida Warawka, und er lag vor ihr auf den Knien und küßte ihre Beine. Welch strenges Gesicht hatte sie damals und wie wunderbar leuchteten ihre Augen! Es gab Augenblicke, wo sie unwiderstehlich schön sein konnte. Es schmerzte zu denken, daß Diomidow . . .

In diesen unerwarteten und kränkenden Gedanken brachte er den Tag hin. Abends erschien Makarow mit offenstehendem Hemd, zerzaust, mit geschwollenem Gesicht und roten Augen. Klim hatte den Eindruck, daß sogar die schönen, festen Ohren Makarows weich geworden waren und herabhingen wie bei einem Pudel. Er roch nach dem Wirtshaus, war jedoch nüchtern.

»Wolodjka ist aus dem Kubangebiet angekommen und trinkt schon den dritten Tag wie ein Feuerwehrmann«, erzählte er, während er mit den Fingern die Schläfen rieb und seine zweifarbigen Haarwirbel glättete. »Ich habe ihm in seiner Trübsal Gesellschaft geleistet, aber ich kann nicht mehr! Gestern besuchte ihn sein Freund, der Diakon, da bin ich weggelaufen. Jetzt bin ich wieder auf dem Wege zu ihm. Wladimir macht mir Sorge, er ist ein Mensch von unberechenbaren Entschlüssen. Laß uns zusammen hingehen. Ljutow wird sich freuen. Er nennt dich einen Doppelpunkt, hinter dem etwas zwar noch Unbekanntes, auf jeden Fall aber Originelles folgen wird. Du wirst auch den Diakon kennenlernen, eine interessante Type. Und vielleicht wirst du Wolodjka ein wenig abkühlen. Gehen wir?«

Klim war neugierig zu sehen, wie der fatale Mensch litt.

»Ich werde mich betrinken«, dachte er. »Makarow wird es Lida berichten.«

Eine Stunde später schritt er über den blanken Fußboden eines leeren Zimmers vorbei an Spiegeln, die zwischen fünf Fenstern hingen, an Stühlen, die steif und langweilig an den Wänden aufgereiht waren. Zwei Gesichter schauten mißbilligend auf ihn herab: das Gesicht eines zornigen Mannes mit einem roten Band um den Hals und einer eigelben Medaille im Bart – und das Gesicht einer rotbäckigen Frau mit fingerdicken Brauen und erwartungsvoll herabhängender Lippe.

Sie stiegen eine innere Treppe in zwei schmalen und finsteren Windungen hinauf und betraten ein dämmeriges Zimmer mit niedriger Decke und zwei Fenstern. Im Winkel des einen wimmerte der blecherne Ventilator der Luftklappe und trieb eine krause Welle frostiger Luft ins Zimmer.

Inmitten des Raums stand Wladimir Ljutow in einem langen, bis an die Kniekehlen reichenden Nachthemd, hielt stehend eine Gitarre am Griff und taumelte, wobei er sich auf sie stützte, wie auf einen Regenschirm. Schwer atmend, fixierte er die Eintretenden. Unter dem aufgeknöpften Hemd hoben und senkten sich die Rippen, es war seltsam zu sehen, daß er so knochig war.

»Samgin?« rief er fragend, mit geschlossenen Augen, aus und breitete ihm die Arme entgegen. Die Gitarre fiel zu Boden und schlug an. Der Ventilator antwortete ihr mit einem Winseln.

Es war für Klim zu spät, sich den Umarmungen zu entziehen: Ljutow schraubte ihn zwischen seine Hände, hob ihn empor und küßte ihn mit nassen, heißen Lippen, während er stammelte:

»Dank . . . Ich bin sehr . . . sehr . . .«

Er schleifte ihn zu einem Tisch, der mit Flaschen und Tellern beladen war, goß mit bebender Hand Schnaps in die Gläser und rief:

»Diakon, komm herein! Er gehört zu uns.«

Im Winkel ging eine unsichtbare Tür auf, in ihr erschien, düster lächelnd, der gestrige fahle Diakonus. Im Schein zweier großer Lampen bemerkte Samgin, daß der Diakon drei Bärte hatte: einen langen und zwei kürzere. Der lange entwuchs dem Kinn, die beiden anderen fielen von Ohren und Wangen herab. Sie waren kaum sichtbar auf dem fahlen Leibrock.

»Ipatjewski«, sagte unentschlossen der Diakon, während er schmerzhaft fest mit knochigen Fingern Samgins Hand zusammenpreßte, und bückte sich langsam, um die Gitarre aufzuheben.

Makarow, der die Pforte schloß, schrie den Hausherrn an:

»Willst du dir eine Lungenentzündung holen?«

»Kostja, ich ersticke!«

Die stürmischen Augen Ljutows umkreisten bald Samgin, ohne Kraft, sich auf ihn einzustellen, bald den Diakon, der sich langsam wieder aufrichtete, als fürchte er, daß das Zimmer nicht hoch genug für seinen langen Körper sein könnte. Ljutow sprang wie ein Versengter am Tisch umher, wobei ihm die Pantoffeln von den nackten Füßen fielen. Als er sich auf einen Stuhl setzte, beugte er den Kopf bis zu den Knien herab und streifte schwankend die Pantoffeln über. Es war rätselhaft, weshalb er nicht vornüber fiel und mit dem Kopf aufschlug. Während er mit den Fingern die aschgrauen Haare des Diakons aufwühlte, winselte er:

»Samgin! Ein Mensch ist das! Kein Mensch mehr, ein Tempel! Beten Sie dankbar die Macht an, die solche Menschen erschafft!«

Der Diakon stimmte andächtig die Gitarre. Als er sie gestimmt hatte, stand er auf und trug sie in eine Ecke. Klim sah vor sich einen Riesen mit breiter, flacher Brust, Affenhänden und dem knochigen Gesicht eines, der um Christi willen das Kreuz der Einfalt auf sich genommen hat. Aus den dunklen Höhlen in diesem Gesicht blickten entrückt ungeheure, wasserhelle Augen.

Ljutow schenkte in vier große Gläser goldschimmernde Wodka ein und erklärte:

»Polnische Starka! Trifft ohne Fehlschuß. Trinken wir auf das Wohl Alina Markowna Telepnews, meiner gewesenen Braut! Sie hat mich . . . Sie hat sich mir verweigert, Samgin! Hat sich geweigert, mit Seele und Leib zu lügen. Ich verehre sie tief und aufrichtig – hurra!«

Nach zwei Gläsern des ungewöhnlich schmackhaften Schnapses erschienen sowohl der Diakon wie Ljutow Klim schon weniger ungeheuerlich. Ljutow war nicht einmal sehr berauscht, sondern nur auf eine wütende Weise gefühlsselig. In seinen schielenden Augen loderte so etwas wie Verzückung. Er schaute sich fragend um, und seine Stimme sank plötzlich, wie aus Angst, zu einem Flüstern herab.

»Kostia!« schrie er. »Man muß doch eine schöne Seele haben, um auf so viel Geld zu verzichten?«

Makarow drängte ihn grinsend zum Sofa und redete ihm sanft zu:

»Du mußt dich setzen, bleib ruhig sitzen.«

»Halt! Ich bin – viel Geld und nichts weiter! Und dann bin ich auch – ein Opfer, das die Geschichte selbst darbringt – für die Sünden meiner Väter.«

Er blieb mitten im Zimmer stehen, streckte die Arme aus und erhob sie über seinen Kopf, wie ein Badender, der im Begriff ist, ins Wasser zu springen.

»Irgendwann einmal wird eine gerechte Menschheit auf der Erde wohnen, sie wird auf den Plätzen ihrer Städte Denkmäler von wunderbarer Schönheit errichten und auf ihnen verzeichnen . . .«

Er keuchte, zwinkerte mit den Augen und winselte:

»Und wird auf ihnen verzeichnen: ›Unseren Vorläufern, die für die Sünden und Irrtümer ihrer Väter mit dem Leben zahlten‹. Sie wird es verzeichnen!«

Klim sah, wie Ljutows Beine unter seinem Hemd gegeneinander schlugen und war darauf gefaßt, aus seinen verrenkten Augen Tränen fließen zu sehen. Doch dies geschah nicht. Nach dem Ausbruch verzweifelten Entzückens wurde Ljutow plötzlich nüchtern, beruhigte sich, gehorchte den inständigen Bitten Makarows und setzte sich auf das Sofa, wobei er mit dem Ärmel des Hemdes sein unvermittelt und heftig schwitzendes Gesicht abtrocknete. Klim fand, daß der Kaufmannssohn in recht ergötzlicher Weise litt. Er erregte in ihm keinerlei gute Gefühle, erregte auch kein herablassendes Mitleid. Im Gegenteil, Klim hatte den Wunsch, ihn zu reizen, um zu erfahren, wohin dieser Mensch sich noch versteigen, in welche Tiefe er sich noch hinabstürzen konnte. Er setzte sich neben ihn auf das Sofa.

»Was Sie von den Denkmälern sagten, war sehr schön . . .«

Ljutow drehte seinen Kopf herum und streifte ihn mit einem entzündeten Blick. Er wackelte mit dem Rumpf und streichelte sich mit den Handflächen die Knie.

»Man wird Denkmäler errichten«, sagte er überzeugt, »Nicht aus Barmherzigkeit. Dann wird für Barmherzigkeit kein Raum sein, weil es unsere Hautkrankheiten nicht mehr geben wird. Man wird die Denkmäler errichten aus Liebe für die ungewöhnliche Schönheit der Wahrheit der Vergangenheit. Man wird sie verstehen und ehren, diese Schönheit . . .«

Am Tisch wies der Diakon Makarow im Gitarrenspiel an und sagte im tiefsten Baß:

»Krümmen Sie die Finger stärker. Hakenartiger . . .«

»Sie werden mich entschuldigen«, begann Klim, »aber ich sah, daß Alina . . .«

Ljutow hörte auf, sich die Knie zu streicheln und verharrte in gebückter Haltung.

»Sie ist im Grunde kein kluges Mädchen.«

»Das Weibliche in ihr ist klug . . .«

»Mir scheint, sie ist unfähig, zu verstehen, wofür man liebt.«

Ljutow warf sich heftig gegen die Lehne des Sofas zurück.

»Was hat das ›wofür?‹ damit zu schaffen?« fragte er und blickte Klim mit einem versengenden Blick ins Gesicht. »Wofür? fragt der Verstand. Der Verstand ist gegen die Liebe – gegen jede Liebe! Wenn ihn die Liebe übermannt, entschuldigt er sich: ich liebe um der Schönheit, um der lieben Augen willen, eine Dumme um der Dummheit willen. Dummheit kann man auch mit einem anderen Namen taufen. Dummheit hat viele Namen . . .«

Er sprang auf, trat an den Tisch, packte den Diakon bei den Schultern und bat:

»Jegor, sag das Gedicht vom unvergänglichen Rubel her . . . bitte!«

»In Anwesenheit eines Fremden?« sagte fragend und verlegen, mit einem Blick auf Klim, der Diakon. »Obzwar wir einander ja schon begegnet sind . . .«

Klim lächelte liebenswürdig.

»Seit meiner Jugend bin ich vom Trieb, zu dichten, besessen, doch schäme ich mich vor aufgeklärten Menschen, vom Gefühl meiner Dürftigkeit durchdrungen.«

Der Diakon tat alles langsam, mit wuchtender Behutsamkeit. Nachdem er ein Stückchen Brot reichlich mit Salz bestreut hatte, legte er eine Zwiebelscheibe auf das Brot und hob die Schnapsflasche mit solcher Anstrengung vom Tisch, als stemme er ein Zweipudgewicht. Während er sich sein Glas vollschenkte, kniff er das eine seiner ungeheuren Augen zu, während das andere vortrat und einem Taubenei ähnlich wurde. Wenn er die Wodka ausgetrunken hatte, öffnete er den Mund und sagte hallend:

»Hoh!!«

Und bevor er das Zwiebelbrot in den Mund legte, roch er, die Flügel seiner langen Nase kräuselnd, daran wie an einer Blume.

Ljutow hielt die rechte Hand warnend erhoben. Zwischen den Fingern der Linken zerriß er kräftig sein ungleichmäßig sprossendes Bärtchen. Makarow, der am Tisch stand, bestrich andächtig eine Semmel mit Kaviar. Klim Samgin auf dem Sofa lächelte, in Erwartung von etwas Unanständigem und Lächerlichem.

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