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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Morgens erhob sich ein heißer Wind, der die Fichtenbäume schüttelte und den Sand und das graue Wasser des Flusses aufwühlte. Als Warawka mit entblößtem Kopf den Bahnhof verließ, warf ihm der Wind den Bart hinter die Schulter und zauste ihn. Der Bart verlieh dem roten, zottigen Kopf Warawkas eine gewisse Ähnlichkeit mit der unförmigen Zeichnung eines Kometen in einem populären astronomischen Buch.

Beim Tee, in einem bis zu den Fersen reichenden Nachthemd, ohne Unterhosen, mit Pantoffeln an den bloßen Füßen, keuchend vor Hitze und sich den öligen Schweiß von der Stirn wischend, brüllte er:

»Ein Sommer, hol's der Teufel! ›Afrikanisch feierlich!‹ Und zu Hause revoltiert das Musikantenweib, sie braucht Kammern, Zwischenwände, mit einem Wort der leibhaftige Satan! Fahr hin, Bruder, beschwichtige sie. Ein schmackhaftes Weibchen!«

Er seufzte geräuschvoll und rieb sich das Gesicht mit dem Bart ab.

»Wera Petrowna hat in Petersburg Schwierigkeiten mit Dmitri. Sie haben ihn anscheinend gehörig festgeklemmt. Ein Tribut an die Zeit . . .«

Hinter Warawkas Rücken dachte Klim unehrerbietig, ja sarkastisch, von ihm, doch sobald er mit ihm plauderte, fühlte er immer, daß dieser Mensch ihn mit seiner unbändigen Energie, mit der Geradlinigkeit seines Geistes bestrickte. Er begriff, daß dieser Geist ein zynischer war, entsann sich jedoch, daß auch Diogenes ein Ehrenmann gewesen war.

»Wissen Sie«, sagte er, »Ljutow sympathisiert mit den Revolutionären.«

Warawka regte die Brauen und dachte nach.

»So. Man sollte meinen, das sei keine Sache für Kaufleute. Aber es kommt offenbar in Mode. Man sympathisiert.«

Und er ließ einen Hagel schneller Bosheiten herniederprasseln:

»Ein Revolutionär ist auch von Nutzen, wenn er kein Dummkopf ist. Ja, selbst wenn er dumm ist, bringt er Nutzen, kraft der widernatürlichen russischen Lebensverhältnisse. Da produzieren wir nun immer mehr Waren, aber Käufer sind nicht vorhanden, obgleich sie potentiell in einer Zahl von hundert Millionen existieren. Jeden Tag ein Hölzchen anzünden, – das gibt hundert Millionen Nägel.«

Er raffte mit beiden Händen seinen Bart zusammen, schob ihn hinter den Hemdkragen und sog sich an einem Glas Milch fest. Darauf schnaubte er, schüttelte den Kopf und fuhr fort:

»Wenn der Revolutionär dem Bauern einschärft: Dummkopf, nimm bitte dem Gutsbesitzer das Land weg und lerne, bitte, menschlich rationell zu leben und zu arbeiten, dann ist dieser Revolutionär ein nützlicher Mensch. Wozu zählt sich Ljutow? Zu den Volkstümlern? Hm . . . zu den Anhängern der Narodnaja Wolja. Ich hörte, die sollen schon verkracht sein . . .«

»Gibt er Ihnen Geld für die Zeitung?«

»Sein Onkel Radejew. Ein ganz einfältiger Greis . . .«

Nach einer Weile fragte er zwinkernd:

»Hat Ljutow eine Überzeugung?«

»Ich weiß es nicht. Er ist unberechenbar.«

»Sie werden ihn schon kriegen«, verhieß Warawka. Er erhob sich, »Nun, ich gehe baden, und du sause in die Stadt!«

»Baden?« wunderte sich Klim. »Sie haben so viel Milch getrunken . . .«

»Und gedenke noch mehr zu trinken«, sagte Warawka und schenkte sich aus einem Krug kalte Milch ein.

Als Klim in der Stadt anlangte und den Hof seines Hauses betrat, erblickte er auf dem Söller des Flügels die Spiwak in einer langen Schürze aus grauem Kaliko. Sie winkte bewillkommnend mit dem bis zum Ellenbogen geschürzten Arm und rief:

»Ah, der junge Hausherr! Treten Sie bitte näher!«

Während sie ihm fest die Hand drückte, begann sie, sich zu beklagen. Man durfte keine Wohnung vermieten, in der die Türen knarrten, die Fensterrahmen klemmten, die Öfen rauchten.

»Hier hat ein Schriftsteller gewohnt«, sagte Klim und erschrak, als er begriff, wie dumm seine Bemerkung war.

Die Spiwak sah ihn befremdet an, womit sie ihn nur noch heftiger verwirrte, und bat ihn, einzutreten. Drinnen mühte sich ein blatternarbiges Mädchen mit frechen Augen. Mitten im Zimmer stand geistesabwesend Spiwak mit einem Hammer in der Hand und in Hemdsärmeln, gleich zwei Orden blitzten die Schnallen der Hosenträger auf seiner Brust.

»Wir richten uns ein«, erläuterte er und streckte Klim die Hand mit dem Hammer hin.

Er nahm seine Brille ab, und in seinem kleinen Kindergesicht kamen kläglich zwei kurzsichtig vorquellende, rote Augen zum Vorschein, gebettet in bläuliche, entzündete Polster. Seine Frau führte Klim durch die mit Möbeln verbarrikadierten Zimmer, verlangte einen Tischler, Töpfer. Die nackten Arme und die Kalikoschürze entzauberten sie. Klim schielte feindselig auf ihren gewölbten Bauch.

Einige Minuten später hatte er seine Litewka abgelegt, schlug gewissenhaft Nägel in die Wände ein, hing Bilder auf und stellte Bücher in die Regale des Schrankes. Spiwak stimmte den Flügel. Die Spiwak bemerkte:

»Er stimmt ihn immer eigenhändig. Er ist sein Altar, er läßt sogar mich nur ungern an das Instrument heran.«

Die Baßsaiten tönten, das Stubenmädchen rasselte mit dem Geschirr, in der Küche raspelte die Feile des Mechanikers an der Wasserleitung.

»Finden Sie nicht, daß das Leben Unnötiges enthält?« fragte die Spiwak unvermutet, doch als Klim ihr willig beipflichtete, kniff sie die Augen zusammen und sagte, den Blick in einen Winkel gerichtet;

»Mir aber gefällt gerade das Unnötige. Das Notwendige ist langweilig. Es knechtet. Alle diese Koffer und Kisten sind entsetzlich!«

Darauf erklärte sie, sie liebe Porzellan, schöne Bucheinbände, Musik von Rameau und Mozart und die Augenblicke vor dem Gewitter.

»Wenn man fühlt, daß alles in und um einen gespannt ist, und eine Katastrophe erwartet.«

Klim hatte sie noch nie so lebhaft und herrisch gesehen. Sie war häßlicher geworden. Gelbliche Flecken verunstalteten ihr Gesicht, aber in ihren Augen lag etwas Selbstgefälliges. Sie erregte ein Gefühl, gemischt aus Vorsicht und Neugier, und natürlich jene Hoffnungen, die von einem jungen Mann Besitz ergreifen, wenn eine schöne Frau ihn freundlich ansieht und freundlich mit ihm spricht.

»Sagte ich Ihnen, daß Kutusow ebenfalls verhaftet ist? Ja, in Samara, an der Anlegestelle des Dampfers. Welch eine herrliche Stimme, nicht wahr?«

»Er sollte in der Oper singen, statt Revolutionen zu machen«, sagte Klim ehrbar und bemerkte, daß die Lippen der Spiwak spöttisch zuckten.

»Er wollte es. Aber man muß wohl bisweilen gegen einen allzu starken Wunsch ankämpfen, damit er nicht alle übrigen erstickt. Wie denken Sie?«

»Ich weiß nicht«, sagte Klim.

Es war klar, daß sie ihn ausforschte, auf die Probe stellte. In ihren Augen leuchtete etwas Abschätzendes. Ihr Blick kitzelte das Gesicht und verwirrte immer mehr. Den Bauch unschön vorgestülpt, betrachtete die Spiwak ein Buch mit abgerissenem Einband.

»Sie wissen nicht? Haben darüber nicht nachgedacht?« forschte sie. »Sie sind ein sehr zurückhaltendes Menschenkind. Ist das bei Ihnen Bescheidenheit oder Geiz? Ich würde gern wissen, was Sie von den Menschen denken.«

»Nein, sie hat nicht das geringste gemein mit der Frau, die ich in Petersburg gesehen habe«, dachte Klim, der Mühe hatte, ihren drängenden Fragen auszuweichen.

Nachdem er sich eine gute Stunde betätigt hatte, ging er fort und nahm das aufreizende Bild einer Frau mit, die, unfaßbar in ihren Gedanken, gefährlich war wie alle aushorchenden Menschen. Man horcht aus, weil man sich eine Vorstellung von einem Menschen bilden will, und, um so bald wie möglich damit fertig zu werden, engt man seine Persönlichkeit ein und verzerrt sie. Klim war überzeugt davon, daß es so sei. Selbst darauf bedacht, die Menschen zu vergröbern, verdächtigte er sie des Bestrebens, es mit ihm zu tun, einem Menschen, der sich keiner Grenzen seiner Persönlichkeit bewußt war.

»Bei dieser Frau muß man Vorsicht walten lassen«, beschloß er.

Doch am nächsten Tag half er ihr schon gleich morgens wieder bei der Einrichtung ihrer Wohnung. Ging mit den Spiwaks ins Restaurant des Stadtparks zum Mittagessen, nahm abends mit ihnen den Tee. Später besuchte ihren Mann ein schnurrbärtiger Pole mit einem Cello und hochmütig vorquellenden Karpfenaugen. Die unermüdliche Spiwak bat Klim, ihr die Stadt zu zeigen, aber als er bereits im Begriff war, sich umzukleiden, rief sie zu ihm ins Fenster hinein:

»Ich habe mich anders besonnen: ich werde nicht gehen. Wir setzen uns in den Garten. Wollen Sie?«

Klim wollte nicht, getraute sich aber nicht, nein zu sagen. Eine halbe Stunde promenierte man langsam auf den Gartenwegen und sprach belanglose Dinge, Nichtigkeiten. Klim fühlte eine eigentümliche Spannung, so, als suche er das Ufer eines tiefen Bachs nach einer bequemen Stelle zum Hinüberspringen ab. Aus einem Fenster des Hauses drangen die Akkorde des Flügels, das Heulen des Cellos und die spitzen Ausrufe des kleinen Musikers. Warmer blauer Staub, den der Wind einatmete und das Dunkel verdichtete, schien von den Bäumen zu rieseln und die Luft immer tiefer zu färben.

Die Spiwak bewegte sich langsam und wackelte mit dem Bauch. In ihrem Gang lag etwas Prahlerisches, und Klim mußte nochmals denken, daß sie selbstgefällig sei. Seltsam, daß er das in Petersburg nicht bemerkt hatte. In den simplen, trägen Fragen nach Warawka und Wera Petrowna unterschied Klim nichts Verdächtiges. Doch ein unwägbarer, aber deutlich fühlbarer Druck ging von ihr aus, der Klim eine eigentümliche Zaghaftigkeit einflößte. Ihre runden Katzenaugen hielten ihn mit einem gebieterisch bläulichen, beengenden Blick gefangen, als wüßte sie, woran er denke und könne es ihm sagen. Und mehr: sie ließ ihn Lida vergessen.

»Setzen wir uns«, schlug sie vor und begann nachdenklich zu erzählen, daß sie vor drei Tagen mit ihrem Gatten bei einem alten Bekannten Spiwaks, einem Rechtsanwalt, zu Gast gewesen sei.

»Er scheint hier die Rolle des Mäzens der Künste und Wissenschaften zu spielen. Bei ihm hielt irgendein rothaariger Mensch so etwas wie eine Vorlesung über die ›Erkenntnistriebe‹, glaube ich. Ach nein, ›Über den dritten Trieb‹, aber das ist eben der Erkenntnistrieb. Ich bin in philosophischen Dingen ganz unbewandert, aber es gefiel mir: er bewies, daß die Erkenntnis eine ebensolche Gewalt sei wie die Liebe und der Hunger. Ich habe das in dieser Form noch nie gehört.«

Beim Sprechen lauschte die Spiwak gleichsam ihren eigenen Worten. Ihre Augen waren dunkler geworden, und es war deutlich zu merken, daß ihre Gedanken mit anderem beschäftigt waren, während sie redete und auf ihren Leib sah.

»Ein erstaunlich verwahrloster und häßlicher Mensch. Doch wenn solche . . . Erfolglosen von der Liebe reden, glaube ich sehr an ihre Offenherzigkeit und an die Tiefe ihres Gefühls. Das Beste, was ich über die Liebe und über die Frau hörte, sagte ein Buckliger.«

Sie seufzte und meinte dann:

»Je schöner ein Mann ist, desto unzuverlässiger ist er als Gatte und Vater.«

Und spöttisch lächelnd fügte sie hinzu: »Schönheit ist ausschweifend. Das ist wohl ein Gesetz der Natur, Sie geizt mit Schönheit und strebt daher, wenn sie sie einmal geschaffen hat, danach, sie nach Kräften auszunutzen. Warum schweigen Sie?«

Samgin schwieg, weil er etwas erwartete. Ihre Frage ließ ihn zusammenschrecken. Er sagte eilig:

»Der rothaarige Philosoph ist mein Lehrer.«

»In der Tat?«

Sie sah Klim neugierig ins Gesicht. Er sagte unüberlegt:

»Vor zwölf Jahren liebte er meine Mutter.«

Tief erbittert darüber, sich in der Rolle eines schwatzhaften Bengels zu sehen, wartete er fast mit Schrecken auf das, was diese Frau ihn jetzt fragen würde. Aber sie schwieg eine Weile und sagte dann.

»Es wird feucht. Gehen wir hinein.«

Auf dem Wege zum Flügel bemerkte sie halblaut:

»Sie müssen ein sehr einsamer Mensch sein.«

Diese Worte klangen nicht wie eine Frage. Samgin empfand für einen Augenblick Dankbarkeit für die Spiwak, wurde jedoch sogleich danach noch wachsamer.

Der schnurrbärtige Pole ließ sein Cello am Flügel stehen und verschwand. Spiwak spielte eine Bachsche Fuge. Nachdem er den Eintretenden durch die dunklen Kreise seiner Gläser einen Blick zugeworfen hatte, hustete er und sagte:

»Das ist kein Musiker, sondern ein Klempner.«

»Der Cellist?«

»Ein vollkommener Nichtskönner«, sagte überzeugt der Musiker.

Er begann von neuem zu spielen, aber so eigenartig, daß Klim ihn zweifelnd ansah. Er spielte mit verlangsamtem Tempo, wobei er bald die eine, bald die andere Note des Akkords betonte, und, die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger erhoben, zuhörte, wie sie allmählich schmolz. Es schien, daß er die Musik entzweibrach und zerriß, auf der Suche nach etwas, das tief verborgen in der Melodie ruhte, die Klim kannte.

»Spiele Rameau«, bat seine Frau.

Gehorsam erklangen die naiven und galanten Akkorde. Sie machten das behaglich eingerichtete Zimmer noch anheimelnder.

Auf dem dunklen Grunde der Wände traten die deutlichen Umrisse der Porzellanfiguren hervor. Samgin urteilte, daß Jelisaweta Spiwak hier eine Fremde, und dieses Zimmer für eine verträumte, sehr lyrische, in ihren Gatten und in Verse verliebte Blondine geschaffen war. Diese Frau aber erhob sich, stellte Noten vor ihrem Mann auf und sang ein Klim unbekanntes keckes Liedchen in französischer Sprache, das mit dem triumphierenden Schrei schloß:

»A toi, mon enfant!«

Er war froh, als das Dienstmädchen mit einem ebenso triumphierenden Lächeln meldete:

»Ihre Mama ist gekommen.«

Klim nahm an, seine Mutter sei müde und gereizt heimgekehrt. Um so angenehmer enttäuscht war er, sie zuversichtlich gestimmt und sogar, wie es schien, im Vergleich zu wenigen Tagen vorher, verjüngt zu sehen. Sie begann sogleich von Dmitri zu erzählen: er würde bald freigelassen. Es würde ihm jedoch das Recht, an der Universität zu studieren, entzogen werden.

»Ich erblicke darin kein Unglück für ihn. Mir schien immer, daß aus ihm ein schlechter Arzt geworden wäre. Er ist, seiner Natur nach, für den Beruf eines Lehrers oder eines Bankbuchhalters, überhaupt für etwas recht Bescheidenes bestimmt. Der Offizier, der seine Sache führt, ein sehr liebenswürdiger Mann, beklagte sich bei mir, daß Dmitri es bei der Vernehmung an der nötigen Höflichkeit fehlen ließ und nicht angeben wollte, wer ihn in dieses . . . Abenteuer verwickelt hatte. Damit hat er sich sehr geschadet. Der Offizier steht der Jugend mit großem Wohlwollen gegenüber, meint indessen: ›Versetzen Sie sich in unsere Lage. Unmöglich kann man uns zumuten, Revolutionäre zu züchten!‹ Und er erinnerte mich daran, daß es im Jahre 1881 gerade die Revolutionäre gewesen sind, die die Hoffnungen auf eine Verfassung vernichtet haben.«

Die Augen der Mutter leuchteten hell, man mochte glauben, daß sie sie ein wenig untermalt oder einen Tropfen Atropin genommen habe. In dem wundervoll gearbeiteten neuen Kleid, mit einer Zigarette zwischen den Zähnen, sah sie aus wie eine Schauspielerin, die nach einem erfolgreichen Abend ausruht. Von Dmitri sprach sie beiläufig, um ihn mitten im Satz zu vergessen. »Man genehmigte mir ein Wiedersehen mit ihm. Er befindet sich in einem Gefängnis, das »Kreuzgang« genannt wird, ist gesund, ruhig, sogar heiter, läßt seinen Bart wachsen und fühlt sich anscheinend als ein Held.«

Wieder wandte sie sich einem anderen Gegenstand zu.

»Petersburg erfrischt wunderbar. Ich habe ja dort von meinem neunten bis zum siebzehnten Lebensjahr gelebt, und so viel Schönes ist mir wieder gegenwärtig geworden.«

In einem ihr sonst nicht eigenen lyrischen Ton überließ sie sich minutenlang Erinnerungen an Petersburg und ließ ihren Sohn unehrerbietig daran denken, daß Petersburg vierundzwanzig Jahre lang bis zu diesem Abend eine kleine, langweilige Stadt gewesen war.

»Die alte Premirow und ich haben gemeinsame Bekannte entdeckt. Eine prächtige alte Dame. Aber ihre Nichte ist entsetzlich! Ist sie immer so grob und finster? Sie spricht nicht, sondern knallt aus einem schlechten Gewehr. Ach, ich vergaß: sie gab mir einen Brief für dich mit.«

Darauf erklärte sie, sie gehe jetzt ins Badezimmer, brach auf, blieb jedoch mitten im Zimmer stehen und sagte:

»O Gott, kannst du dir vorstellen: Maria Romanowna, du erinnerst dich doch ihrer? – war ebenfalls verhaftet, saß lange Zeit im Gefängnis und befindet sich jetzt irgendwo in der Verbannung unter Polizeiaufsicht! Denke nur: sie ist ja sechs Jahre älter als ich und immer noch . . . Wirklich, mir scheint, bei dem Kampf solcher Leute wie Maria gegen die Regierung spielt der Wunsch, sich für ein verpfuschtes Leben zu rächen, die Hauptrolle.«

»Möglich«, gab Klim zu.

Nicht das mindeste von dem, was die Mutter gesagt hatte, vermochte ihn zu berühren. Als hätte er an einem Fenster gesessen, hinter dem ein feiner Regen sprühte. Auf seinem Zimmer zerriß er den mit Marinas grober Handschrift geschriebenen Briefumschlag. Der Brief, den er enthielt, war nicht von ihr, sondern von der Nechajew. Auf starkem, bläulichem, mit einer exotischen Blume verziertem Papier schrieb sie, daß ihre Gesundheit sich bessere und daß sie vielleicht im Hochsommer zurückkäme.

»Das wäre noch schöner«, dachte Samgin voll Verdruß.

Die Nechajew schrieb in schönen Wendungen, die den Eindruck des Gedichteten hervorriefen.

»Sie kommt sich als eine Maria Baschkirzew vor.«

Klim zerriß den Brief, entkleidete sich und legte sich hin, während er sich sagte, daß die Menschen einen zuletzt nur ermüdeten. Ein jeder von ihnen warf einem seinen schweren Schatten ins Gedächtnis, zwang einen, an ihn zu denken, ihn zu bewerten, für ihn einen Platz in seinem Herzen zu suchen. Wozu war das nötig, was für ein Sinn lag darin?

»Gerade diese Stöße von außen halten mich ab, meiner Persönlichkeit feste Grenzen zu setzen«, entschied er, sich selbst widersprechend. »Schließlich und endlich werde ich nur darum bemerkt, weil ich mich abseits von allen halte und schweige. Ich muß mich unbedingt zu einer Idee bekennen, wie das Tomilin, Makarow und Kutusow tun. Ich muß nur einen Seelenkern haben, dann wird sich um ihn herum all das bilden, was meine Individualität von der aller anderen unterscheidet, mich mit einem schroffen Strich von ihnen trennt. Die Bestimmtheit einer Persönlichkeit wird dadurch erzielt, daß der Mensch stets das gleiche sagt, – das ist klar. Persönlichkeit ist ein Komplex dauerhaft angeeigneter Meinungen, eine Art Lexikon.«

Er nahm alle ihm bekannten Ideen durch, ohne eine ihm zusagende zu finden, und er konnte ja auch keine finden, denn es handelte sich nicht darum, Fremdes zu entlehnen, sondern Eigenes herzustellen. Alle Ideen waren schon darum schlecht, weil sie fremde waren, ganz davon zu schweigen, daß viele von ihnen ihm seiner ganzen Natur nach feindlich, andere wieder bis zur Lächerlichkeit naiv waren, wie zum Beispiel die Idee Makarows.

Dieser Gedanke und das lästige Summen der Mücken hinter dem Musselinvorhang des Bettes ließen ihn nicht einschlafen. Klim Samgin suchte Beruhigung zu finden, indem er sich ins Gedächtnis rief, daß er im Grunde schon einen seelischen Kern besitze: seine Ehrlichkeit gegen sich selbst. Das Fremde drang nicht in die Poren seines Inneren, verwuchs nicht mit ihm, sondern schwamm bloß durch ihn hindurch, ohne sein Gefühl zu erregen, nur eine Bürde für sein Gedächtnis, weil er Abscheu vor jeder Gewalt gegen sich selbst hegte. Doch das war schon kein Trost mehr. Von der hoffnungslosen und ermüdenden Suche nach einem bequemen Priesterrock, wandte er sich den Gedanken an die Spiwak und an Lida zu. Sie waren beide beinahe gleich unangenehm, weil sie etwas suchten und in ihm wühlten. Er fand, daß in dieser Hinsicht ihr Verhalten gegen ihn vollkommen übereinstimmte. Aber beide zogen ihn auch an. Mit gleicher Stärke? Diese Frage vermochte er nicht zu beantworten. Dies schien von ihrer Lage im Raum, von ihrer physischen Nähe zu ihm abzuhängen. In Gegenwart der Spiwak war Lidas Bild verurteilt, zu schmelzen und zu zerfließen, während die Spiwak verschwand, wenn er Lida körperlich vor Augen hatte. Schlimmer als alles war jedoch, daß Klim sich nicht deutlich vorstellen konnte, was er denn eigentlich von der schwangeren Frau und von dem unerfahrenen Mädchen wollte.

Er hatte jenes Gefühl, womit er Lidas Beine umschlang, nicht vergessen, aber er erinnerte sich seiner nur noch wie eines Traumes. Seit jenem Augenblick waren nur wenige Tage verstrichen, doch schon fragte er sich mehr als einmal, was ihn eigentlich veranlaßt habe, gerade vor ihr in die Knie zu sinken? Diese Frage weckte in ihm Zweifel an der wirklichen Macht eines Gefühls, mit dem er sich vor einigen Tagen so stolz gebrüstet hatte.

Überhaupt erschien ihm immer häufiger etwas Traumhaftes, etwas, das er nicht sehen mußte. Was sollte die dumme Szene der Jagd auf den eingebildeten Wels, was für ein Sinn lag in dem albernen Gelächter Ljutows und des lahmen Bauern? Es war nicht notwendig, daß er die qualvolle Plackerei mit der Glocke sah und ebenso vieles andere, was, ohne einen Sinn zu haben, lediglich das Gedächtnis beschwerte.

»Was soll der Unfug?« tönte in seinem Gedächtnis die entrüstete Frage des buckligen Mädels, lärmte im Kopf das schluchzende Flüstern der Dorfweiber.

»Ich werde wirklich noch krank von alledem . . .«

Es wurde schon hell. Die Mondschatten auf dem Fußboden verschwanden. Die Fensterscheiben verloren ihre bläuliche Tönung und schienen gleichfalls zu vergehen. Klim nickte ein, wurde jedoch sehr bald geweckt durch das eilige Stampfen vieler Schritte und das Klirren von Eisen. Er sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster: durch die Straße wand sich die übliche Prozession, ein großer Schub Sträflinge, umgeben von einer dünnen Kette von Soldaten des Dampfer-Bedeckungskommandos. Ein spitzbärtiger Hausmeister, der mit einem Besen die Steine abfegte, wühlte dem Trupp grauer Menschen Staubwolken entgegen. Die Soldaten waren von kleinem Wuchs, verziert mit blauen Schnüren. Ihre nackten Säbel blitzten ebenfalls bläulich wie Eis, an der Spitze des Trupps aber schritten, kettenklirrend und zu zweien an den Händen aneinander geschmiedet, graue, kahlgeschorene Männer, ausgesucht groß und beinahe alle bärtig. Das Gesicht des einen war quer durchschnitten von einer schwarzen Binde, welche die Augen bedeckte. Er blickte mit dem freien, zottigen Auge ins Fenster, auf Klim, und sagte zu seinem gleichfalls bärtigen Gefährten, der ihm glich wie ein Bruder dem anderen:

»Schau, Lazarus ist von den Toten auferstanden!«

Doch sein Kamerad sah nicht auf Klim, sondern in die Ferne, in den Himmel und spie aus, auf den Stiefel eines Wachsoldaten zielend. Dies waren die einzigen Worte, die Klim im dumpfen Stampfen der hundert Füße und im klingenden Dröhnen der Eisen, das die rosige, wohlige Stille der schläfrigen Stadt erschütterte, auffing.

Den Zuchthäuslern folgten vereinzelt verschiedenartig gekleidete dunkle Leute mit Bündeln unter der Achsel und Rucksäcken auf dem Rücken. Unter ihnen ein hoher Greis in einem Leibrock und mit einem Käppchen auf dem Kopf. An seinem Gürtel baumelte eine Teekanne und ein Kessel. Das Geschirr klingelte im Takt seiner Sandalen.

In einer geschlossenen Gruppe marschierten »Politische«, vielleicht zwanzig Mann, darunter zwei mit Brillen, ein Rothaariger und Unrasierter, weiter ein Grauhaariger, der aussah wie die Ikone des heiligen Nikolaus von Myrlikien, hinter ihnen wankte, ein bejahrter Mann mit langem Schnurrbart und roter Nase. Unter Lachen teilte er seinem Nebenmann, einem krausköpfigen Burschen, etwas mit und zeigte dabei mit dem Finger auf die Fenster der verschlafenen Häuser. Vier Frauen beschlossen die Prozession: eine dicke, mit dem welken Gesicht einer Nonne, eine junge und schlanke auf schmalen Beinen und zwei, die sich umgefaßt hielten. Die eine lahmte und wankte. Hinter ihrem Rücken setzte ein stumpfnasiger Soldat schläfrig die Füße. Die blaue Schneide seines Säbels streifte fast ihr Ohr.

Als die Spitze des Trupps den Hausmeister passierte, stellte er seine Arbeit ein. Kaum hatte er jedoch die Zuchthäusler an sich vorüberziehen lassen, als er rasch mit seinem Besen die Politischen mit Staub zu überschütten begann.

»Warte nur, du Tölpel!« rief laut ein Wachsoldat, stolperte und nieste.

Der Zug schwenkte in eine Straße ein, die zum Fluß hinablief. Der Hausmeister jagte den Arrestanten gewissenhaft Wolken rauchigen Staubes nach. Klim wußte: am Fluß erwartete die Sträflinge ein roter Dampfer mit einem weißen Streifen am Schornstein, ein roter Leichter. Sein Deck war mit einem eisernen Zwinger überdacht, und der ganze Leichter glich einer Mausefalle. Vielleicht würde auch sein Bruder Dmitri in einer solchen Mausefalle reisen. Weshalb war er ein Revolutionär geworden, sein Bruder? In der Kindheit war er matt, wenngleich er, der in den Spielen der Kinder gutmütiger war als ein Hofhund, gegenüber Erwachsenen einen trägen, aber unbeugsamen Eigensinn an den Tag legte. Die Nechajew hatte sehr richtig geurteilt, als sie ihn einen stumpfsinnigen Menschen nannte. Sein Körper war vierschrötig und nicht klug. Ein Revolutionär mußte gewandt, klug und böse sein.

Aus der Ferne erklang noch immer das Klirren der Eisen und das schwere Stampfen. Der Hausmeister hatte sein Revier sauber gefegt, klopfte mit dem Besenstiel gegen das Pflaster und bekreuzigte sich, den Blick in die Ferne gerichtet, dorthin, wo schon die Sonne erstrahlte. Es wurde ruhig. Man mochte glauben, der spitzbärtige Hausmeister habe die Sträflinge von der Straße weg aus der Stadt hinausgefegt. Auch dies war ein fataler Traum.

Gegen Abend, im finsteren Laden des Antiquars, stieß Klim auf einen Mann in einem Herbstmantel.

»Entschuldigen Sie.«

»Sie sind es, Samgin«, sagte der Mann überzeugt.

Selbst nach dieser Versicherung erkannte Klim in dem staubigen Zwielicht des mit Büchern vollgepackten Ladens nicht sofort Tomilin. Der Philosoph saß auf einem niedrigen Stühlchen mit geschnitzten Füßen. Er reichte Samgin die Hand. Mit der anderen nahm er seinen Hut vom Fußboden auf und sprach in die Tiefe des Ladens hinein zu einem Unsichtbaren:

»Dreißig Rubel ist Geld genug. Kommen Sie zu mir, Samgin.«

Verwirrt durch die unerwünschte Begegnung, gelang es Klim nicht, die Einladung rechtzeitig auszuschlagen, Tomilin legte seinerseits eine ungewohnte Eile an den Tag.

»Wenn man in Büchern wühlt, vergeht die Zeit unmerklich, und so habe ich mich zum Tee zu Hause verspätet«, sagte er auf die Straße tretend, und verzog, von der Sonne geblendet, sein Gesicht. Im aufgequollenen, zerdrückten Hut, in einem Mantel, viel zu weit und zu lang für ihn, sah er aus wie ein Bankrotteur, der lange im Gefängnis gesessen und soeben erst die Freiheit wiedererlangt hat. Er schritt würdevoll, wie ein Gänserich, einher, die Hände in den Taschen vergraben, so daß die langen Ärmel des Mantels tiefe Falten warfen. Tomilins rote Backen waren satt gerundet, seine Stimme klang überzeugt, und in seinen Worten unterschied Klim die Strenge des Vorgesetzten.

»Nun, befriedigen dich die akademischen Wissenschaften?« erkundigte er sich mit einem skeptischen Lächeln.

»Warwara Sergejewna«, redete er die Witwe des Kochs an, als diese, ins Vorzimmer hinaustrat und ihm respektvoll half, den Mantel abzulegen.

Als er den Mantel ausgezogen hatte, stand er im Jackett und in einem gestärkten Hemd mit gelben Flecken auf der Brust da. Unter dem kurz gestutzten Bart sah der Schmetterling einer blauen Krawatte hervor. Auch sein Kopfhaar hatte er geschoren, es schmiegte sich in einem verdoppelten Häubchen seinem Schädel an. Auf diese Weise hatte Tomilins Gesicht seine Ähnlichkeit mit dem nicht von Menschenhand geschaffenen Christusbild verloren. Nur die porzellanenen Augen waren unbeweglich geblieben, und genau wie früher furchten sich düster die stachligen, roten Brauen.

»Langen Sie zu«, redete die Frau Klim mit einer üppigen Stimme zu, während sie ihm ein Glas Tee, Rahm, eine Schale mit Honig und einen Teller mit rostbraun lackierten Pfefferkuchen zuschob.

»Vorzügliche Pfefferkuchen«, bestätigte Tomilin. »Sie bereitet sie selbst aus Malz und Honig.«

Klim aß, um nicht reden zu müssen, und musterte unauffällig das sauber aufgeräumte Zimmer mit Blumen vor den Fenstern, Heiligenbildern in der vorderen Ecke und einem Öldruck an der Wand. Der Öldruck zeigte eine Säule und davor eine satte Frau mit einem Tamburin. Auch die lebendige Frau am Tisch vor dem Samowar war für ihr ganzes Leben satt. Ihr großer gemästeter Körper war monumental fest in den Stuhl gegossen, rastlos bewegten sich die Himbeerlippen, blähten sich die purpurnen Saffianwangen, wogten das Doppelkinn und der Doppelhügel der Brüste. Die wässerigen Augen leuchteten gutherzig und befriedigt, und als sie aufhörte zu kauen, zog ihr kleines Mündchen sich zu einem Stern zusammen. Ihre rosigen Hände schwebten, während sie geräuschlos das Geschirr hin und her rückten, segensvoll über dem Tisch. Es schien, als besäßen diese üppigen Hände mit Fingern, die Würstchen glichen, die Anziehungskraft eines Magneten: sie brauchten sich nur nach der Zuckerdose oder nach dem Milchkännchen auszustrecken, und schon eilten diese Gegenstände von selbst wohldressiert den weichen Fingern entgegen. Der Samowar lächelte ein kupfernes, verstehendes Lächeln, und alles in dem Zimmer strebte gleichsam zum Körper der Frau, harrte ihrer sanften Berührungen. Es lag etwas Unvereinbares, etwas bedrückend und sogar fantastisch Seltsames darin, daß in Gesellschaft dieser Frau, in diesem Zimmer, gesättigt mit dem Duft von Geranien und guter eßbarer Dinge, die verächtlichen und herablassenden Worte erklangen:

»Die Materialisten behaupten, das seelische Leben sei eine Eigenschaft der organisierten Materie, das Denken eine chemische Reaktion. Aber das unterscheidet sich ja bloß terminologisch vom Hylozoismus, von der Beseelung der Materie«, sagte Tomilin, mit der Hand, die einen Pfefferkuchen hielt, dirigierend. »Unter allen unzulässigen Vergröberungen ist der Materialismus die unförmigste. Und es ist vollkommen klar, daß er hervorgegangen ist aus der Verzweiflung über die Unwissenheit und Schwunglosigkeit der erfolglosen Versuche, einen Glauben zu finden.«

Er ließ den Pfefferkuchen auf den Teller fallen, drohte mit dem Finger und rief feierlich aus:

»Ich wiederhole: Glauben sucht man und Trost, nicht aber Wahrheit! Ich aber verlange: reinige dich nicht nur von allem Glauben, sondern auch von dem Wunsch zu glauben selbst!«

»Der Tee wird kalt«, bemerkte die Frau. Tomilin warf einen Blick auf die Wanduhr und ging eilig hinaus, während sie beschwichtigend zu Klim sagte:

»Er wird gleich zurückkommen, er holt nur den Kater. Seine gelehrte Tätigkeit verlangt Ruhe. Ich habe sogar den Hund meines Mannes mit Arsenik vergiftet. Der Hund heulte in hellen Nächten zu laut. Jetzt haben wir einen Kater, Nikita nennen wir ihn, ich liebe es, ein Tier im Hause zu halten.«

Sie steckte die Haarnadeln in ihrem schweren Helm schwarzer Haare fester und seufzte:

»Schwierig ist seine gelehrte Arbeit! Wieviel tausend Wörter muß man kennen! Er schreibt sie heraus, schreibt sie aus allen Büchern heraus, die Bücher aber sind ohne Zahl!«

Ein zahmer, grau und grün getupfter Zeisig flatterte im Zimmer umher, als sei er die Seele des Hauses. Er ließ sich auf den Blumen nieder, zupfte Blätter ab, schaukelte sich auf dem dünnen Zweig, schlug, erschreckt von einer Wespe, die wütend brummend an die Scheibe trommelte, mit den Flügeln, flog in seinen Käfig zurück und trank Wasser, wobei er sein komisches Schnäbelchen hoch emporreckte.

Tomilin trug sorglich einen schwarzen Kater mit grünen Augen herein, setzte ihn auf die umfangreichen Knie der Frau und fragte:

»Muß er nicht seine Milch haben?«

»Es ist noch zu früh«, antwortete die Frau mit einem Blick auf die Uhr.

Eine Minute später vernahm Klim von neuem:

»Die freidenkende Welt wird mir folgen. Der Glaube ist ein Verbrechen vor dem Antlitz des Denkens.«

Beim Sprechen machte Tomilin weite, trennende Gesten. Seine Stimme klang herrisch, seine Augen blitzten streng. Klim beobachtete ihn mit Staunen und Neid. Wie rasch und schroff veränderten sich die Menschen. Er aber spielte noch immer die erniedrigende Rolle eines Menschen, den alle als Müllkasten für ihre Meinungen betrachteten. Als er sich verabschiedete, sagte Tomilin ihm eindringlich:

»Sie müssen häufiger kommen!«

Die Frau drückte ihm mit ihren warmen Fingern die Hand, nahm mit den anderen etwas vom Saum seiner Litewka ab und sagte, während sie es hinter ihrem Rücken versteckte, mit breitem Lächeln:

»Jetzt müssen Sie kommen. Ich habe Ihnen ein Kätzchen draufgesetzt.«

Auf Klims Frage, was das sei – ein »Kätzchen«? erläuterte sie:

»Das ist, sehen Sie, ein Haar aus einem Katzenfell. Kater sind sehr häuslich und haben die Kraft, Menschen ins Haus zu ziehen. Wenn nun jemand, der in einem Hause beliebt ist, ein ›Kätzchen‹ mit sich fortträgt, wird es ihn unbedingt in dieses Haus ziehen.«

»Was für ein Unsinn!« dachte Klim auf der Straße, besah aber trotzdem die Ärmel seiner Litewka und seine Hose, um zu entdecken, wo das ›Kätzchen‹ angeheftet worden war. »Wie abgeschmackt!« wiederholte er, von dem dunkeln Gefühl der Notwendigkeit durchdrungen, sich zu überzeugen, daß dieses Wohlleben abgeschmackt und nur abgeschmackt sei. »Im Grunde predigt Tomilin eine ebensolche Vergröberung wie die von ihm bekämpften Materialisten«, dachte Klim und bemühte sich beinahe erbost, etwas Gemeinsames zwischen dem Philosophen und dem schwarzen, grünäugigen Kater herauszufinden. »Der Kater müßte eigentlich den Zeisig auffressen«, lächelte er boshaft. In seinem Kopf sauste es. »Ich glaube, ich habe mich mit diesen eisernen Pfefferkuchen vergiftet.«

Daheim fand er die Mutter in angeregter Unterhaltung mit der Spiwak. Sie saßen am Fenster des Eßzimmers, das nach dem Garten geöffnet war. Die Mutter streckte Klim das blaue Quadrat eines Telegramms entgegen und sagte eilig:

»Hier – Onkel Jakow ist gestorben.«

Sie schleuderte ihre Zigarette aus dem Fenster und fügte hinzu:

»So ist er denn gestorben, ohne das Gefängnis zu verlassen. Furchtbar.«

Darauf bemerkte sie:

»Das ist schon unbarmherzig von seiten der Regierung. Sie sehen, der Mensch stirbt, und halten ihn trotzdem im Kerker fest.«

Klim fühlte, daß die Mutter sich beim Sprechen Gewalt antat und vor dem Gast Verlegenheit zu empfinden schien. Die Spiwak sah auf sie mit dem Blick eines Menschen, der Teilnahme empfindet, jedoch es für unpassend hält, dieser Teilnahme Ausdruck zu verleihen. Einige Minuten später verabschiedete sie sich. Die Mutter, die sie hinausgeleitete, sagte gönnerhaft:

»Diese Spiwak ist eine interessante Frau. Und – erfahren. Mit ihr hat man keine Umstände. Ihre Wohnung hat sie sehr hübsch und mit großem Geschmack eingerichtet.«

Klim, der fand, daß sie Onkel Jakow zu rasch erledigt hatte, was nicht besonders anständig war, fragte:

»Hat man ihn beerdigt?«

Die Mutter antwortete erstaunt:

»Im Telegramm heißt es doch: ›Am dreizehnten verschieden und gestern beerdigt . . .‹.«

Mit den Augen nach dem Spiegel schielend, um einen Pickel an ihrem Ohr zu betrachten, seufzte sie:

»Ich gehe gleich, um Iwan Akimowitsch davon Mitteilung zu machen. Weißt du nicht, wo er sich aufhält? In Hamburg?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du ihm lange nicht geschrieben?«

Mit einer Gereiztheit, über deren Ursprung er sich nicht klar war, erklärte Klim:

»Lange nicht. Ich muß gestehen, daß ich ihm selten schreibe. Er antwortet mir mit Belehrungen, wie man zu leben und zu denken und was man zu glauben habe. Empfiehlt einem Bücher in der Art des Machwerks Prugawins über die ›Bedürfnisse des Volkes und die Pflichten der Intelligenz‹. Seine Briefe scheinen mir naivste Rhetorik, völlig unvereinbar mit dem Faßdaubengeschäft. Er möchte, daß ich von ihm die Art zu denken erbe, der er wahrscheinlich bereits entsagt hat.«

»Gewiß«, sagte die Mutter, während sie den Pickel puderte, »er liebte seit je die Rhetorik. Mehr als alles die Rhetorik. Aber warum bist du heute so nervös? Auch deine Ohren sind rot . . .«

»Ich fühle mich schlecht«, sagte Klim.

Abends lag er mit einer Kompresse um den Kopf im Bett. Der Doktor sagte beruhigend:

»Etwas Gastrisches. Morgen werden wir sehen.«

Im Laufe von fünf Wochen vermochte Doktor Ljubomudrow nicht mit genügender Sicherheit die Krankheit des Patienten festzustellen, der Patient aber konnte nicht ins klare darüber kommen, ob er physisch krank sei oder ob ihn der Abscheu vor dem Leben, vor den Menschen aufs Krankenbett geworfen habe. Er war kein Hypochonder, doch bisweilen schien ihm, daß in seinem Körper eine scharfe Säure arbeite, die die Muskeln erhitzte und die Lebenskraft aus ihnen auskochte. Ein schwerer Nebel füllte seinen Kopf. Er sehnte sich nach tiefem Schlummer, aber ihn peinigte Schlaflosigkeit und ein böses Sieden der Nerven. In seinem Gedächtnis wechselten zusammenhanglos Erinnerungen an Erlebtes, bekannte Gesichter, Sätze.

»War denn ein Junge da?«

»Was soll der Unfug?«

»Das Weib ist für Gott zweite Sorte.«

Alle diese Sprüche stachen ihm in die Augen, als seien sie in die Luft gemalt, starrten regungslos. Sie hatten etwas Abgestorbenes, reizten, ohne Gedanken zu wecken, und vergrößerten nur sein Siechtum.

Zuweilen verschwand plötzlich jene Oxydation. Klim Samgin hielt sich schon für so gut wie gesund, fuhr in die Sommerfrische hinaus, versank jedoch unterwegs oder am Ort angelangt, von neuem in den Zustand allgemeiner Entkräftung. Es war ihm qualvoll, Menschen zu sehen, unangenehm, ihre Stimmen zu hören. Er wußte im voraus, was seine Mutter, was Warawka, was der unschlüssige Doktor, jener gelbgesichtige, flanellene Mann, sein Nachbar im Zug und der schmutzige Schmierer mit dem langen Hammer in der Hand sagen würden. Die Menschen reizten ihn schon allein damit, daß sie vorhanden waren, sich bewegten, sahen, sprachen. Jeder von ihnen vergewaltigte seine Einbildungskraft, indem er ihn zwang, nachzudenken, wozu er notwendig sei? Absurde Fragen tauchten auf: weshalb hatte dieser Mann mit den vortretenden Backenknochen sich den Bart abrasiert? Und weshalb ging jener an einem Krückstock, da er doch kräftige, schöngewachsene Beine hatte. Jene Frau hatte sich grell die Lippen geschminkt und die Augen untermalt, was ihre Nase blutlos, grau und abschreckend klein erscheinen ließ. Niemand hatte Lust, ihr zu sagen, daß sie sich ihr Gesicht verhunzt habe, und Klim hatte ebensowenig Lust dazu, wie die anderen. Mit scharfem, gierigem Auge nahm er an den Menschen das Häßliche, Lächerliche auf, sowie alles das, was ihn an ihnen abstieß und ihm so erlaubte, über jeden verächtlich und mit stiller Wut zu denken. Doch zu gleicher Zeit ahnte er dunkel, daß alle diese lästigen Grübeleien krankhaft, unsinnig und ohnmächtig waren, fühlte, daß ihre Monotonie ihn noch mehr entkräftete.

Es gab Minuten, wo es Klim schien, als sei das Gefäß seiner Erlebnisse, das, was man Seele nennt, verstopft durch die Grübeleien und durch alles, was er erfuhr und sah, verstopft für sein ganzes Leben und so, daß er nichts mehr von außen aufzunehmen vermochte, sondern nurmehr den widerspenstigen Knäuel des schon Erlebten abzuwickeln hatte. Es wäre ein Glück, diesen Knäuel bis zu Ende abzuwickeln. Gleich hinterher jedoch entzündete sich versengend der Wunsch, ihn bis an die letzten Grenzen zu vergrößern, so daß er in ihm alles, seine ganze innere Leere, ausfüllen könnte und ein Gefühl der Kühnheit erzeugte, das Klim Samgin erlaubte, den Menschen zuzurufen:

»Ihr da! Ich weiß nichts, verstehe nichts, glaube nichts, und ich sage es euch ehrlich! Ihr aber heuchelt Gläubigkeit, ihr seid Lügner, Lakeien plattester Wahrheiten, die keine Wahrheiten sind, sondern Plunder, Abhub, zerbrochene Möbelstücke, durchgesessene Stühle!«

Wenn er von dieser Tat träumte, die zu vollbringen er weder Kühnheit noch Kraft besaß, erinnerte Klim sich daran, wie er als Kind eines Tages unverhofft im Hause ein Zimmer entdeckt hatte, in dem der Schutt abgedankter Gegenstände sich chaotisch häufte.

Noch in den ersten Tagen seiner unerklärlichen Krankheit waren Ljutow, seine Braut, Turobojew und Lida auf einem Dampfer die Wolga hinabgefahren, um den Kaukasus zu sehen, die Krim zu besuchen und dann im Herbst nach Moskau zurückzukehren. Klim nahm die Nachricht von dieser Reise so gleichmütig auf, daß er selbst fand:

»Ich bin nicht eifersüchtig. Und ich fürchte Turobojew nicht. Lida ist nicht für ihn bestimmt.«

In Warawkas Landhäuser zogen fremde Leute mit zahlreichen, schreienden Kindern ein. Morgens schlugen die Wellen des Flusses klingend ans Ufer und an die Planken des Badehauses. Im bläulichen Wasser hüpften wie Angelkorken menschliche Köpfe. Ölig glatte Arme zappelten in der Luft. An den Abenden sangen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen im Walde Lieder. Täglich um drei Uhr spielte ein flachbrüstiges, dürres Fräulein in einem rosa Kleid und mit einer runden, dunklen Brille auf dem Klavier das Gebet der Jungfrau, Punkt vier Uhr eilte sie am Ufer entlang zur Mühle, um dort Milch zu trinken. Ihr rosa Schatten schleifte schräg durch das Wasser hinterdrein. Dieses Fräulein verbreitete einen schwülen Duft von Tuberosen. Ein langbeiniger Lehrer aus der Realschule stelzte aufgeregt umher und fuchtelte sinnlos mit einem Schmetterlingsnetz. Der lahme Bauer schwankte über den Erdboden und schien die unwahrscheinliche Gabe zu besitzen, sich gleichzeitig an mehreren Orten zu zeigen. Bunt ausstaffierte Zigeunerinnen erboten sich, jedem die Zukunft zu verkünden, und stahlen derweilen Wäsche, Hühner und die Spielsachen der Kinder.

Am Fuße der Villa Warawkas wohnte Doktor Ljubomudrow. An Feiertagen, gleich nach dem Essen, setzte er sich mit dem Lehrer, dem Vormund Alinas und seiner dicken Frau an den Tisch. Die drei Männer benahmen sich friedlich, die Doktorsfrau aber krakeelte mit schneidender Stimme:

»Ich sage: Coeur! Und ich behaupte: Karo! Ich halte: Coeur zwei!«

Von Zeit zu Zeit ließ sich die zögernde Stimme des Doktors vernehmen, der stets etwas Seriöses sagte:

»Nur die Engländer haben das Ideal der politischen Freiheit errungen!«

Oder er empfahl genau so ernsthaft:

»Essen Sie mehr Gemüse und vor allem stickstoffhaltige, als da sind: Zwiebel, Knoblauch, Meerrettich, Rettich . . . Gesund ist auch Mangold, obwohl er keinen Stickstoff enthält. Sagten Sie Kreuz zwei?«

An den Feiertagen kamen aus dem Dorf Schwärme kleiner Jungen, ließen sich wie Zugvögel längs dem Flußufer nieder und beobachteten schweigsam das sorglose Leben der Sommerfrischler. Einer von ihnen, flinkäugig, mit einem Kopf voller Ringellöckchen, hieß Lawruschka. Er war eine Waise und nach den Erzählungen der Dienstboten dadurch bemerkenswert, daß er die junge Brut der Vögel lebendig verzehrte.

In alter Weise und mit durchdringender Stimme eiferte Warawka und sättigte die geduldige Luft mit Paradoxen. Die Mutter kam, bisweilen in Gesellschaft von Jelisaweta Spiwak, Warawka machte unverhohlen und hartnäckig der Frau des Musikers den Hof. Sie hatte für ihn ein liebenswürdiges Lächeln. Aber gleichzeitig wuchs, wie Klim feststellen konnte, zusehends ihre Freundschaft mit seiner Mutter.

Warawka beklagte sich bei ihm:

»Sie ist zu neugierig. Sie möchte alles wissen: Schifffahrt, Forstwirtschaft. Sie ist ein Bücherwurm. Bücher verderben die Frauen. Im vergangenen Winter lernte ich eine Soubrette kennen. Plötzlich fragt sie mich: ›Inwiefern ist Ibsen von Nietzsche beeinflußt?‹ Der Teufel soll wissen, wer da von dem anderen beeinflußt ist! Dieser Tage sagte der Gouverneur, ich kompromittiere mich, weil ich unter polizeilicher Aufsicht Stehenden Arbeit gebe. Ich antwortete ihm: ›Exzellenz, sie arbeiten gewissenhaft.‹ Er: ›Gibt es bei uns in Rußland schon keine gewissenhaften Leute mehr, die makellos sind?‹«

Warawka schmerzten die Füße, er ging jetzt am Stock. Mit krummen Beinen stapfte Iwan Dronow über den Sand, menschenscheu musterte er Erwachsene und Kinder und schimpfte mit den Dienstmädchen und Köchinnen. Warawka hatte ihm die drückende Pflicht aufgebürdet, die uferlosen Wünsche und Beschwerden der Sommerfrischler über sich ergehen zu lassen. Dronow nahm sie entgegen und erschien allabendlich zum Bericht bei Warawka. Der Eigentümer der Sommerfrische hörte die düstere Aufzählung der Klagen und Wünsche an und fragte dann, fleischig in seinen Bart schmunzelnd:

»Na und? Hast du ihnen zugesagt, all das machen zu lassen?«

»Jawohl.«

»Damit mögen sie satt werden. Du halte dir vor Augen, daß dieses Publikum kein dauerhaftes ist. Es werden noch fünf Wochen vergehen, und sie verschwinden. Versprechen kann man alles, aber sie werden auch ohne Reformen auskommen!«

Warawka lachte schallend, und sein Bauch hüpfte. Dronow begab sich in die Mühle und trank dort bis Mitternacht mit übermütigen Weibern Bier. Er versuchte, mit Klim ein Gespräch anzuknüpfen, aber der nahm diese Versuche trocken auf.

Inmitten dieser ganzen Trübe und bedrückenden Langeweile tauchte ein paarmal Inokow auf, mit hungrigem, finsterem Gesicht. Den ganzen Abend erzählte er brutal und wütend von den Klöstern und schimpfte mit hohler Stimme auf die Mönche.

»Die Katholiken brachten wenigstens einen Campanella, einen Mendel hervor, überhaupt eine große Zahl Gelehrter und Historiker. Unsere Mönche aber sind unverbesserliche Nichtswisser. Sie bringen nicht einmal eine leidliche Geschichte der russischen Sekten zustande.«

Und er fragte die Spiwak:

»Weshalb kennen nur wir und die Ungarn die Sekte der Judaisierenden?

»Ein origineller Junge«, sagte von ihm die Spiwak, während Warawka ihm eine Anstellung in seinem Kontor anbot. Aber Inokow lehnte ab, ohne sich zu bedanken.

»Nein, ich muß lernen.«

»Ja, was lernen Sie eigentlich?«

Inokow antwortete albern und ohne Lächeln:

»Das Leben erfahren.«

Und verschwand am selben Abend gleich einem Stein, der ins Wasser gefallen ist.

Klim Samgin konnte auf keine Weise Klarheit über seine Beziehungen zur Spiwak gewinnen, und das machte ihn wild. Zeitweilig schien es ihm, als vermehre sie die Wirrnis in seinem Innern und verschlimmere seinen krankhaften Zustand. In der Tiefe ihrer Katzenaugen, im Zentrum ihrer Pupillen, bemerkte er eine kühle, lichte Nadel, die ihn spöttisch oder sogar böse stach. Er war überzeugt, daß diese Frau mit dem geschwollenen Leib etwas bei ihm suchte, von ihm forderte.

»Sie besitzen kritischen Verstand«, sagte sie freundlich. »Sie sind belesen, weshalb sollten Sie nicht versuchen zu schreiben? Für den Anfang Besprechungen von Büchern, später aus dem Vollen. Beiläufig, Ihr Stiefvater wird mit dem neuen Jahr eine Zeitung herausgeben . . .«

»Warum will sie, daß ich Rezensionen schreibe?« fragte sich Klim, doch dieser Einfall behagte ihm, wenn auch nur mäßig.

In jenen Tagen, wenn unbesiegbare Langeweile ihn aus der Sommerfrische in die Stadt trieb, saß er abends im Flügel und lauschte der Musik Spiwaks, von dem Warawka gemeint hatte:

»Ein Mensch für eine Posse mit Gesang.«

Die langsamen Finger des kleinen Musikers erzählten auf ihre Art von den tragischen Ergriffenheiten der Seele Beethovens, von den Gebeten Bachs, von der wunderbaren Schönheit der Trauer Mozarts. Jelisaweta Spiwak nähte hingebungsvoll winzige Hemdchen und straffe Windeln für den zukünftigen Menschen. Von der Musik berauscht, sah Klim sie an, konnte jedoch die unfruchtbaren Grübeleien darüber, was wäre, wenn seine ganze Umwelt nicht so wäre, wie sie war, nicht in sich ersticken.

Zuweilen ergriff ihn heißes Verlangen, sich selbst an Spiwaks Stelle zu sehen und an der seiner Frau – Lida, Jelisaweta hätte auch bleiben können, wäre sie nicht schwanger gewesen, und hätte sie nicht die empörende Angewohnheit, einen auszuforschen.

»Wie verstehen Sie dies?« verhörte sie ihn und immer erwies es sich, daß Klim es nicht so verstand, wie man es, nach ihrer Meinung, verstehen mußte. Zuweilen stellte sie ihre Fragen im Ton des Tadels. Klim fühlte dies zum erstenmal, als sie fragte:

»Sie korrespondieren nicht mit Ihrem Bruder?«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich frage nur.«

»Aber so, als wüßten Sie schon, daß wir nicht korrespondieren.«

»Und weshalb nicht?«

Klim sagte:

»Wir sind zu verschieden. Auch unsere Interessen berühren sich nicht.«

Die Spiwak streifte ihn mit einem Lächeln, in dem er etwas für ihn nicht Schmeichelhaftes auffing, und fragte:

»Und welches sind Ihre Interessen?«

Klim verletzte ihr Lächeln. Um diese Wirkung zu verbergen, antwortete er ein wenig hochfahrend:

»Ich bin der Ansicht, vor allen Dingen hat man ein ehrliches Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen, mit größter Genauigkeit die Grenzen seines Wesens festzustellen. Erst dann ist man in der Lage, die wahrhaften Bedürfnisse seines Ichs zu erkennen.«

Die Spiwak biß den Faden ab.

»Ein löblicher Vorsatz«, sagte sie. »Wenn er auch nicht Ihr ganzes Leben. in Anspruch nehmen wird, so doch eine sehr lange Zeit.«

Klim überlegte und fragte dann:

»Soll das Ironie sein?«

»Warum denn? Nein.«

Er glaubte ihr nicht, war beleidigt und ging fort. Auf dem Hof jedoch und auf dem Wege in sein Zimmer begriff er, daß es dumm war, den Gekränkten zu spielen, und daß er sich albern benahm.

Mit ihr zu streiten, getraute Klim sich nicht, überhaupt wich er Streitigkeiten aus. Ihr geschmeidiger Verstand und ihre vielseitige Belesenheit setzten ihn in Erstaunen und verblüfften ihn. Er sah, daß ihre Art zu denken dem »Kutusowismus« verwandt war, und zugleich erschien ihm alles, was sie sagte, als Äußerung eines Außenseiters, der die Erscheinungen des Lebens aus der Ferne, von der Seite her verfolgt. Hinter dieser Unbeteiligtheit argwöhnte Klim gewisse feste Entschlüsse, doch hatte sie nichts an sich, was an die kaltblütige Neugier Turobojews erinnerte. Schließlich und endlich war es nicht ohne Nutzen, ihr zuzuhören, doch war Klim erfreut, wenn Inokow erschien und die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit auf sich ablenkte.

Inokow war in eine Art kurzen Kadettenrock aus Sackleinewand gekleidet. Er drückte den Anwesenden schweigend die Hand und wählte stets eine unbehagliche Sitzgelegenheit, indem er den Stuhl in die Mitte des Zimmers rückte. Er überließ sich dem Zuhören der Musik und betrachtete die Gegenstände mit strengem Blick, als ob er sie zähle. Wenn er die Hand erhob, um sein schlechtgekämmtes Haar zu ordnen, las Klim auf der einen Seite seines Röckchens den halbverwaschenen Stempel: »Erste Sorte. J. Baschkirows Dampfmühle«.

Solange Spiwak spielte, rauchte Inokow nicht, doch kaum hatte der Musiker die ermatteten Hände von der Klaviatur losgerissen und sie unter seinen Achseln geborgen, als Inokow sich eine billige Zigarre anbrannte und mit hohler, fahler Stimme fragte:

»Wodurch unterscheidet sich eine Sonate von einer Suite?«

Feindselig zu ihm hinschielend sagte Spiwak:

»Sie brauchen das nicht zu wissen, Sie sind kein Musiker.«

Jelisaweta legte ihr Nähzeug aus der Hand, setzte sich an den Flügel und, nachdem sie Inokow den architektonischen Unterschied zwischen einer Sonate und einer Fuge erklärt hatte, begann sie ihn über sein »Das Leben erfahren« auszuforschen. Er erzählte willig, ausführlich und mit einer zweiflerischen Note von sich, wie von einem Bekannten, den er nur schlecht verstand. Klim schien, daß in Inokows Reden die Frage mitklang:

»Ist es so?«

Vor Klim Samgin erstand ein Bild sinnlosen und angsterfüllten Schweifens von einer Seite zur anderen. Es hatte den Anschein, als rolle Inokow über die Erde hin, wie eine Nuß auf einem Teller, den eine ungeduldige Hand hält und schüttelt.

Dieser Bursche stieß auf eine stetig wachsende Abneigung bei Klim, der ganze Inokow gefiel ihm nicht. Man konnte glauben, daß er mit seiner Brutalität protze und unangenehm zu sein wünsche. Jedesmal, wenn er von seinem an Begebenheiten reichen Leben zu erzählen anfing, verließ Klim, nachdem er ihm minutenlang zugehört hatte, demonstrativ das Zimmer.

Lida schrieb ihrem Vater, sie würde von der Krim aus direkt nach Moskau durchfahren und habe sich entschlossen, von neuem die Theaterschule zu besuchen. In einem zweiten kurzen Brief teilte sie Klim mit, daß Alina mit Ljutow gebrochen habe und Turobojew heiraten würde.

»Das war zu erwarten«, dachte Klim gleichmütig und konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. Er stellte sich vor, wie hysterisch Ljutow schreien und Grimassen schneiden mußte.

 

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