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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Im Kopf brauste noch das betende Geflüster der Weiber. Es beeinträchtigte das Denken, hemmte jedoch nicht die Erinnerung an alles, was er gesehen und vernommen hatte. Der Gottesdienst war zu Ende. Ein unförmig langer und dünner Greis warf sein Wams ab, bekreuzigte sich, zum Himmel schauend, dreimal, kniete vor der Glocke nieder, küßte dreimal ihren Rand und kroch unter Bekreuzigungen und Verneigungen vor den Abbildungen der Heiligen auf den Knien rings um sie herum.

»So ist's recht!« sagte beifällig der Lahme. »Das ist Wassili Wassiljewitsch Panow, der Wohltäter des Dorfes. Er bläst ein wunderbares Glas und versorgt das ganze Gouvernement mit Bierflaschen.«

Der Lärm auf dem Platz flaute ab. Alle verfolgten aufmerksam Panow, der an der Erde kroch und den Rand der Glocke küßte. Auch kniend war er lang.

Jemand rief:

»Leute, teilt euch in drei Haufen!«

Eine zweite Stimme fragte:

»Wo bleibt der Schmied?«

Panow erhob sich, musterte eine Weile schweigend die Menge und sagte mit einer Baßstimme:

»Fangt an, Rechtgläubige!«

Die Menge zerriß unter Schreien langsam in drei Teile: zwei wichen in der Diagonale nach rechts und links von der Glocke aus, der dritte entfernte sich auf der geraden Linie von ihr. Alle drei Haufen trugen sorgsam wie Perlenschnüre die Seile und schienen an ihnen aufgereiht. Die Seile liefen an den Henkeln der großen Glocke zusammen, die sie gleichsam nicht von sich ließ und immer straffer anspannte.

»Halt! Stehenbleiben!«

»Da ist er!«

»Jetzt, Nikolai Pawlowitsch, diene Gott!« sagte Panow laut.

Zu ihm trat auf krummen Beinen langsam ein breitschultriger, stämmiger Bauer in einem Lederschurz. Seine roten Haare standen aufrecht auf seinem Kopf, sein klumpiger Bart steckte tief im Kragen des bunten Hemdes. Mit schwarzen Händen schürzte er die Ärmel bis zum Ellenbogen, bekreuzigte sich zur Kirche hin und verneigte sich vor den Glocken, doch ohne den Rumpf zu beugen, vielmehr, indem er mit der Brust gleichsam zur Erde fiel und die Arme ausgestreckt nach hinten warf, um das Gleichgewicht zu bewahren. Darauf verneigte er sich in derselben Weise nach allen vier Richtungen vor dem Volk, nahm seinen Schurz ab, faltete ihn umständlich zusammen und schob ihn einem großen Weib in einem roten Leibchen in die Hand. Dies alles tat er schweigend, langsam und feierlich.

Man reichte ihm einige Mützen hin. Er nahm zwei davon, legte sie sich über die Stirn und fiel, während er sie mit der Hand festhielt, in die Knie. Fünf Bauern hoben eine der kleineren Glocken empor und bedeckten mit ihr den Kopf des Schmieds in der Weise, daß der Rand auf die Mützen und auf die Schultern zu liegen kam, auf die die Bäuerin den aufgerollten Schurz legte. Der Schmied wankte, löste die Knie vom Erdboden, richtete sich auf und schritt ruhig, weit ausholend auf den Glockenturm zu. Die fünf Bauern, zu Paaren angeordnet, geleiteten ihn.

»Hat er sie doch hochgestemmt, der Berserker!« sagte neiderfüllt der Lahme und kratzte sich seufzend am Kinn. »Und dieses Glöckchen wiegt, mußt du wissen, seine siebenzehn Pud und will die Treppe hinaufgetragen sein. Hier im ganzen Kreis kommt diesem Schmied keiner gleich. Er besiegt alle. Man hat versucht, ihn zu verprügeln, um einen solchen Kerl zu zwingen, braucht es natürlich eine Masse Volk, und dennoch ist es nicht geglückt.«

Auf dem Platz trat immer tiefere Stille, immer höhere Spannung ein. Alle Köpfe sahen nach oben. Die Augen blickten erwartungsvoll in den halbkreisförmigen Henkel des Glockenturmes, aus dem drei dicke Balken mit Flaschenzügen schräg hervortraten. An den Flaschenzügen liefen die um die Glockenhenkel gewundenen Seile zum Erdboden hinab.

Der Landgendarm trat an die große Glocke heran, gab ihr mit der flachen Hand einen Klaps, wie man einem Pferd einen Klaps gibt, nahm die Mütze ab, bedeckte mit der anderen Hand die Augen und richtete ebenfalls seine Blicke nach oben.

Immer stiller, immer gespannter wurde es ringsum, selbst die Kinder hörten auf, umher zu rennen und reckten gebannt die Köpfe empor.

Jetzt bewegte sich im Henkel des Glockenturms etwas Formloses, eine Mütze flatterte hinunter, eine zweite folgte. Hierauf flog die zu einem Klumpen zusammengerollte Schürze hinab. Die Menschen unten rafften sich krampfhaft zusammen, heulten auf und begannen zu schreien. Wie Bälle hüpften die Jungen, während das kahlköpfige Bäuerlein mit dem grauen Schnurrbart allen Lärm mit seinem hohen Winseln durchschnitt:

»Nikolai Pawlitsch, Gevatter! Imperator . . .«, kreischte er.

Der Gendarm setzte die Mütze auf, rückte die Medaillen auf seiner Brust zurecht und versetzte dem Bauern einen Hieb über den kahlen Nacken. Der Bauer sprang zurück und ergriff die Flucht. Von Zeit zu Zeit hielt er an, strich sich über den Kopf und sagte mit einem Blick nach dem Söller der Schule kummervoll:

»Nicht einmal zu scherzen wird einem erlaubt . . .«

Der Schmied stieg den Glockenturm hinab und bekreuzigte sich mit langer Hand gegen die Kirche, Panow bog seinen Rumpf im rechten Winkel ein, umarmte den Schmied und küßte ihn:

»Recke!«

Und schrie:

»Rechtgläubige! Packt mit vereinten Kräften an! Mit Gott!«

Die drei auf die Seile aufgereihten Menschenhaufen gerieten in Bewegung, schwankten, stemmten sich mit den Füßen gegen den Boden und legten sich nach hinten über, wie Fischer, die ein Netz ziehen. Drei graue Saiten spannten sich in der Luft. Auch die Glocke rührte sich, schaukelte unschlüssig und hob sich widerwillig von der Erde.

»Gleichmäßiger, gleichmäßiger, Kinder Gottes!« schrie mit seiner Bruststimme der Verfertiger von Bierflaschen begeistert und bang.

Stumpf gegen die Sonne blinkend, schwebte die schwere kupferne Kappe in weitem Bogen hinauf, und die Zuschauer reckten sich, während sie ihr mit den Blicken folgten, als wollten auch sie sich vom Erdboden lösen. Lida bemerkte es.

»Seht, wie alle emporstreben, als ob sie wüchsen«, sagte sie leise. Makarow bekräftigte:

»Ja, auch mich zieht es empor . . .«

»Das lügst du«, dachte Klim Samgin.

Auf dem Platz war es nicht sehr laut, nur die Kinder tauschten Rufe, und Säuglinge weinten.

»Gleichmäßiger, Rechtgläubige«, trompetete Panow. Der Landgendarm wiederholte nicht ganz so ohrenbetäubend, doch sehr strenge:

»Gleichmäßiger, he! Gerechte!«

Die drei Menschengruppen, die die Glocke emporwanden, stöhnten, ächzten und brüllten. Der Flaschenzug winselte. Etwas im Glockenturm knarrte, doch es schien, als erlöschen alle Laute und als würde gleich eine feierliche Stille eintreten. Klim wünschte es aus irgendeinem Grunde nicht, er fand, hierher gehörte ein heidnisches Jauchzen, wilde Schreie und geradezu etwas Lächerliches.

Er sah, daß Lida nicht auf die Glocke, sondern auf den Platz, auf die Leute schaute. Sie biß sich die Lippe und runzelte finster ihr Gesicht. Alinas Augen drückten kindliche Neugier aus. Turobojew langweilte sich. Er hielt den Kopf gesenkt und blies ganz leise Zigarettenasche vom Ärmel. Makarows Gesicht war dumm, wie es immer zu sein pflegte, wenn Makarow grübelte. Ljutow zerrte seinen Hals seitwärts, er war lang, sehnig, die Haut rauh wie Chagrinleder. Er hatte den Kopf auf die Schulter geneigt, um die widerspenstigen Augen auf einen Punkt zu richten.

Plötzlich, in der Höhe des letzten Drittels des Glockenturms, durchlief ein Beben die Glocke, pfeifend wand sich das gerissene Seil durch die Luft. Die linke Menschengruppe geriet ins Wanken, die hinteren fielen haufenweise um, ein einziges hysterisches Geheul ertönte:

»Hilf Hi–i–mmel!«

Die Glocke schaukelte und stieß träge mit dem Rand gegen die Ziegelwand des Glockenturms. Es regnete Späne und Kalkstaub. Samgin zwinkerte heftig, er glaubte von diesem Staub blind zu werden. Alina stampfte mit den Füßen und winselte verzweifelt.

»Ach ihr Teufel!« murmelte Ljutow und spie aus.

»Haltet fest, Rechtgläubige!« brüllte Panow und fuchtelte, zurückspringend, mit den Armen.

Der krummbeinige Schmied lief jener Gruppe in den Rücken, die gerade gegenüber dem Glockenturm am Seil zog, und begann das Seilende um die Wurzel eines dicken Weidenstammes zu schlingen. Ihm half der Bursche im rosa Hemd. Das Seil, das sich immer straffer spannte, schwang wie eine Saite, die Leute sprangen zurück, der Schmied brüllte:

»Haltet fest! Ich schlag euch tot!«

Klim bedeckte die Augen, er erwartete jeden Augenblick, die Glocke auf die Erde schmettern zu hören, und lauschte, wie die Leute heulten und wimmerten, der Schmied brüllte und Panow trompetete.

»Knotet zusammen!«

»Fürchtet euch nicht, Rechtgläubige! Ruhig! Einmütig! Lo–os!«

Die Glocke schwebte von neuem, fast unmerklich, in die Höhe, aus dem Fenster des Glockenturms steckten Bauern ihre Köpfe.

»Nach Hause!« sagte Lida scharf. Ihr Gesicht war grau, in den Augen Entsetzen und Abscheu. Irgendwo im Korridor der Schule schluchzte laut Alina und murmelte Ljutow. Die heulenden Litaneien zweier Bauernweiber drangen vom Platz her. Klim Samgin erriet, daß eine dunkle Minute seines Lebens verstrichen war, ohne sein Bewußtsein zu beschweren.

Der Lahme kam den Söller herab, hielt die Schulter eines verängstigten Halbwüchsigen umfaßt und forschte:

»Nun, lebt er?«

»Ich weiß nicht. Laß mich los, Onkel Michailo . . .«

»Idiot! Du siehst, aber begreifst nicht . . .«

Unter der Weide redete Turobojew auf den Gendarmen ein, wobei er ihm seinen weißen Finger unter die Nase hielt. Über den Platz, zur Weide, kam eilig der Priester geschritten. Er trug ein Kreuz in der Hand. Das Kreuz schien im Sonnenglanz zu schmelzen und beleuchtete ein dunkles, nüchternes Gesicht. Weiber umdrängten in dichtem Kreis die Weide. Der Gendarm war im Begriff, sie auseinanderzustoßen, als der Pope herantrat. Samgin erblickte unter der Weide den Burschen mit dem rosa Hemd und auf den Knien vor ihm Makarow.

»Wie ist das geschehen?« fragte Klim leise, während er sich umschaute. Lida war nicht mehr auf dem Söller.

Sie verließ, Alina an ihrem Arm, die Schule. Hinter ihnen der grimassenschneidende Ljutow. Alina schluchzte:

»Ich wollte so ungern hierher, aber ihr . . .«

Die Dorfstraße passierte man in raschem Schritt, ohne zurückzublicken. Hinter dem Gemeindeanger holte man den Lahmen ein, der sogleich mit der Sicherheit eines Augenzeugen zu erzählen begann:

»Er ist mit dem Hals ins Seil geraten, da ist ihm eben die Wirbelsäule zerschmettert worden.«

Ljutow zeigte dem Lahmen die Faust und flüsterte:

»Schweig!«

Der Lahme sah erst ihn, dann Klim fragend an und fuhr fort:

»Vielleicht hat der Schmied sich einen Scherz erlaubt und ihm das Seil mit Absicht um den Hals geworfen. Oder er hat sich versehen. Alles ist möglich . . .«

Ljutow, der ihn am Rockärmel festhielt, verlangsamte seinen Schritt, aber auch die Mädchen gingen, als sie ans Flußufer hinaustraten, langsamer. Da begann Ljutow, den Lahmen von neuem über seinen Glauben auszuforschen.

Die unsichtbaren Grillen zirpten so geräuschvoll, daß es schien, als knisterte der von der Sonne ausgedörrte Himmel. Klim Samgin fühlte sich wie aus einem schweren Traum erwacht, müde und teilnahmlos für alles. Vor ihm wankte der Lahme, der in lehrhaftem Ton zu Ljutow sagte:

»Zum Beispiel: unser Glaube erkennt der Hände Werk nicht an. Christusbilder, die nicht von Menschenhand geschaffen sind, erkennen wir an, alles übrige müssen wir zurückweisen. Woraus ist ein Christusbild? Es ist aus Schweiß, aus Christi Blut. Als Jesus Christus auf dem Berge Golgatha das Kreuz trug, da hat ihm der ungläubige Apostel Thomas mit einem Schweißtuch das Antlitz abgetrocknet, um sich zu überzeugen, ob es auch Christus sei. So ist das Antlitz denn im Schweißtuch zurückgeblieben. Alle anderen Heiligenbilder aber sind Blendwerk so wie Ihre Photographie.«

Ljutow quiekte verhalten.

»Warte, weshalb ist meine Photographie Blendwerk?«

»Ja, das ist doch klar! Wessen sonst, wenn nicht Ihre? Der Bauer – was macht er? Becher, Löffel, Schlitten und derlei Gegenstände. Sie dagegen Photographien, Nähmaschinen . . .«

»Aha, so meinst du das?«

In Ljutows Lachen hörte Klim das wollüstige Winseln, das ein verzogenes Hündchen ausstößt, wenn man es hinter den Ohren krault.

»Das Brot, sagen wir mal, ist auch nicht menschlicher Hände Werk. Gott, die Erde bringt es hervor.«

»Und womit knetet man den Teig?«

»Das ist Weibersache. Das Weib ist weit von Gott, sie ist für ihn ›zweite Sorte‹. Nicht sie hat Gott zuerst geschaffen.«

Lida blickte über ihre Schultern weg auf den Lahmen und schritt rascher aus, während Klim über Ljutow das Urteil fällte:

»Er muß sich sehr langweilen, wenn er Gefallen an solchen Dummheiten findet.«

»Woher hast du das? Woher? Du hast es dir doch nicht selbst ausgedacht? Nicht wahr?« forschte Ljutow angeregt, hartnäckig und mit rätselhafter Freude, und wieder sprach gemessen und ehrbar der Lahme:

»Nicht selbst – das ist richtig. Vernunft lernen wir alle einer vom andern. Im letzten Jahr lebte hier ein erklärender Herr . . .«

Klim dachte:

»Erklärender Herr? Recht gut!«

»Der pflegte also des Abends, an Feiertagen, mit den Leuten aus der Umgegend zu plaudern. Ein Mensch von starkem Verstand! Er fragte gerade heraus: ›wo ist die Wurzel und der Ursprung? Das ist‹, sagte er, ›das Volk, und für es‹, sagte er, ›sind alle Mittel bestimmt‹ . . .«

»Du solltest ihn in deinem Gedächtnis aufbewahren. Hast du das?«

»Sie scherzen. Wir behalten nicht einmal unsere eigenen Verstorbenen im Gedächtnis.«

»Ist er denn gestorben?«

»Das weiß ich nicht.«

Zu Hause legte Klim sich schlafen. Sein Kopf schmerzte, keinerlei Gedanken kamen ihm, und er hatte keine Wünsche, außer dem einen: daß dieser schwüle, dumme Tag rasch erlöschen möchte, daß die absurden Eindrücke, mit denen er ihn beschenkt hatte, sich verwischten. Eine schwere Schläfrigkeit bemächtigte sich seiner, doch fand er keinen Schlaf. In den Schläfen hämmerte es, in den Ritzen des Gehörs verdichteten sich qualvoll alle Stimmen des Tages: das Seufzen und Flüstern der Weiber, die befehlenden Rufe, das furchtsame Geheul, die Sterbegebete. Das bucklige Mädel fragte entrüstet:

»Was soll der Unfug?«

Es dunkelte schon, als Turobojew und Ljutow ankamen, sich auf der Veranda niederließen und ihr offenbar vor längerer Zeit begonnenes Gespräch fortsetzten.

Samgin lag und hörte den Wechselschlag der beiden Stimmen. Es war seltsam anzuhören, daß Ljutow ohne das für ihn eigentümliche Winseln und Kreischen, und Turobojew ohne Ironie sprach. Die Teelöffel klingelten gegen die Gläser, das Wasser zischte heiß aus dem Hahn des Samowars, und dies rief Klim seine Kindheit zurück: die Winterabende, wenn er zuweilen vor dem Tee einschlief und ihn eben dieses Klingeln des Metalls gegen das Glas weckte.

Auf der Veranda sprach man von den Panslawisten und von Danilewski, von Herzen und Lawrow.Danilewski – panslawistischer Schriftsteller. Alexander Herzen, der große russische Publizist, einer der Begründer der Volkstümlerbewegung. Peter Lawrzow machte Rußland mit dem wissenschaftlichen Sozialismus bekannt. D. Ü. Klim Samgin kannte diese Schriftsteller; ihre Ideen waren ihm gleichermaßen fremd. Er fand, daß sie alle im Grunde die menschliche Persönlichkeit nur als Material der Geschichte betrachteten. Für alle war der Mensch ein Isaak, der zur Opferung verurteilt ist.

»Man muß schon ganz besondere Köpfe und Herzen haben, um zuzugeben, daß die Opferung des Menschen dem unbekannten Gott der Zukunft eine Notwendigkeit sei«, dachte er, mit wachsamem Ohr die ruhige Stimme, die gelassenen Worte Turobojews aufnehmend.

»Unter den herrschenden Ideen ist nicht eine einzige, die ich akzeptiere.«

Eilig murmelte Ljutow. Zuerst war es unmöglich, zu verstehen, was er sagte, dann jedoch unterschied er deutlich die Worte:

»Die Volkstümler haben einen starken Vorzug: das Dorf ist gesünder und praktischer als die Stadt. Es kann widerstandsfähigere Menschen hervorbringen . . . Habe ich recht?«

»Möglich«, sagte Turobojew.

Klim sah ihn, während er antwortete, die linke Schulter heben, wie das seine Gewohnheit war, wenn er einer offenen Antwort auf eine Frage auswich.

»Und dennoch diese Halbheit!« schrie Ljutow. »Dennoch die Nachkommen jener Tölpel, die den Nomaden den gesegneten Süden überließen und in die Sümpfe und Wälder des Nordens flüchteten.«

»Es scheint, Sie widersprechen sich . . .«

»O nein, erlauben Sie! Was sind denn Sie? Es sind ja Ihre Ahnen . . .«

Schwer stampfte der Schritt des Dienstmädchens. Das Teeservice klirrte. Klim stand auf, öffnete geräuschlos das Fenster auf die Veranda und vernahm die trägen, frostigen Worte:

»Ich bin natürlich nicht der Meinung, daß meine Ahnen in der Geschichte soviel Unheil angerichtet haben und so plumpe Verbrecher gewesen sind wie gewisse Fabrikanten der Wahrheit unter den radikalen Publizisten glauben machen wollen. Ich halte meine Ahnen nicht für Engel, bin auch nicht geneigt, Helden in ihnen zu sehen Sie waren einfach mehr oder weniger gehorsame Werkzeuge des Willens der Geschichte, die, wie Sie selbst zu Anfang unseres Gespräches gesagt haben, krumme Wege gegangen ist. Nach meiner Auffassung hat sie bereits einen Punkt erreicht, der mich berechtigt, auf eine Fortführung der Linie meiner Vorfahren zu verzichten, die vom Menschen einige Eigenschaft verlangt, die ich nicht besitze.«

»Was soll das heißen?« winselte Ljutow. »Ist das Resignation? Tolstoiismus?«

»Ich erinnere mich, Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich mich als einen psychisch deklassierten Menschen betrachte.«

Schlürfende Schritte wurden vernehmbar.

»Nun, ist er gestorben?« fragte Turobojew. Ihm erwiderte die Stimme Makarows:

»Selbstverständlich. Gieß mir Tee ein, Wladimir. Sie müssen noch mit dem Gendarmen reden, Turobojew. Er beschuldigt jetzt den Schmied bereits nicht mehr des überlegten Mordes, sondern der Fahrlässigkeit.«

Samgin trat vom Fenster weg, kämmte sich und ging auf die Veranda, da er annahm, daß die Mädchen jeden Augenblick erscheinen würden.

Der Schein der Lampe, gleichsam verschluckt vom Kupfer des Samowars, beleuchtete kärglich drei von heißem Dunkel eingehüllte Gestalten. Ljutow schaukelte auf dem Stuhl, mahlte mit den Kiefern, schmatzte und blickte zu Turobojew hinüber, der, über den Tisch gebeugt, etwas auf ein zerknülltes Kuvert schrieb.

»Weshalb bist du barfuß?« fragte Klim Makarow. Dieser erging sich mit einem Glas Tee in der Hand auf der Veranda und antwortete:

»Meine Stiefel sind blutig. Diesem Burschen . . .«

»Nun, genug!« sagte Ljutow mit einer Grimasse und seufzte geräuschvoll:

»Und wo bleiben die Wesen zweiter Sorte?«

Er hörte auf, auf dem Stuhl zu schaukeln, und begann in neckendem Ton, Makarow die Meinung des lahmen Bauern über die Frauen zu erzählen.

»Der Bauer sagte es einfacher, bündiger«, bemerkte Klim. Ljutow zwinkerte ihm zu. Makarow blieb stehen, setzte sein Glas so heftig auf den Tisch, daß es von der Untertasse herunterfiel und sagte schnell und erregt:

»Siehst du? Das sage ich doch immer: es ist etwas Organisches! Schon der Mythos über die Erschaffung des Weibes aus der Rippe der Mannes enthält diese ganz offenkundige, kunstlos und gehässig erfundene Lüge. Als man diese Lüge erfand, wußte man ja schon, daß das Weib den Mann gebiert, und daß sie ihn für das Weib zur Welt bringt.«

Turobojew hob den Kopf, sah Makarow unverwandt ins erregte Gesicht und lächelte. Ljutow zwinkerte auch ihm zu und sagte:

»Eine hochinteressante Hypothese russischer Herkunft.«

»Du bist es, der von Feindschaft gegen das Weib spricht?« fragte Klim mit ironischer Verwunderung.

Makarow tippte sich auf die Brust.

»Ich«, sagte er und wandte sich an Turobojew:

»Dieselbe Feindseligkeit ist auch im Mythos von der Austreibung der ersten Menschen aus dem Paradies der Unschuld durch die Schuld des Weibes verborgen.«

Klim Samgin lächelte und wünschte dringend, daß Turobojew dieses ironische Lächeln sah. Aber dieser stützte sich mit den Armen auf den Tisch und sah Makarow ins Gesicht, wobei er die Augenbrauen in einer Weise emporzog, als ob er zweifle.

»Ein glücklicher Säugling bist du, Kostja«, murmelte Ljutow und schüttelte dabei heftig den Kopf. Er zog mit dem Finger Wasser über das kupferne Teebrett. Makarow aber redete mit gedämpfter Stimme und ein wenig stotternd vor innerer Bewegung, redete hastig:

»Die Feindschaft gegen das Weib begann mit dem Augenblick, da der Mann fühlte, daß die vom Weibe geschaffene Kultur eine Vergewaltigung seiner Instinkte bedeutete.«

»Was lügt er da?« dachte Klim, löschte das Lächeln der Ironie aus und wurde argwöhnisch.

Makarow stand mit verschränkten Beinen da, und diese Haltung unterstrich stark die Keilförmigkeit seiner Figur. Er schüttelte den Kopf, die zweifarbigen Haare fielen ihm über Stirn und Wangen. Mit einer harten Geste seiner Hand beförderte er sie nach hinten. Sein Gesicht war noch schöner und schärfer als sonst.

»Das seßhafte und damit zivilisierte Leben begann die Frau«, sagte er. »Sie war es, die auf der Wanderung halten mußte, um sich und ihr Kind vor den wilden Tieren und den Unbilden der Witterung zu schützen. Sie entdeckte eßbare Pflanzen und heilkräftige Kräuter. Sie zähmte die Haustiere. Ihrem Männchen, dem halben Tier und Vagabunden, wurde sie allmählich zu einem immer geheimnisvolleren und weiseren Wesen. Das Staunen und die Furcht vor der Frau haben sich bis auf unsere Tage im »Tabu« der wilden Völker erhalten. Sie schreckte durch ihr Wissen, durch ihre Kenntnisse und vor allen Dingen durch den geheimnisvollen Akt der Geburt des Kindes, – der Mann, der Jäger war, konnte nicht beobachten, wie die Tiere gebären. Sie war Priesterin und Gesetzgeberin. Die Kultur entstand aus dem Matriarchat . . .«

Rings um die Lampe schwirrten graue Falter. Ihre Schatten glitten über Makarows Litewka, seine ganze Brust und sogar sein Gesicht war mit dunklen Fleckchen tätowiert, wie mit den Schatten seiner hastigen Worte. Klim Samgin fand Makarows Reden langweilig und naiv.

»Er legt ein Examen ab für das Amt eines ›erklärenden Herrn‹.«

Makarow erinnerte sich seiner alten Gewohnheit und drehte mit der rechten Hand am oberen Knopf seiner Litewka, die linke wehrte unschlüssig die Falter ab.

»Übrigens, Turobojew, mich hat von jeher ein bekanntes zynisches Schimpfwort verletzt. Woher stammt es? Mir scheint, in uralten Zeiten war es ein Gruß, mit dem die Blutsverwandtschaft hergestellt wurde. Es konnte auch eine Art der Verteidigung bedeuten: Der alte Jäger sagte: ›Ich freite deine Mutter für einen Jungen, Stärkeren.‹ Denken Sie nur an die Begegnung des Ilja Muromez mit dem Lobhudler . . .«

Ljutow lächelte heiter und krächzte.

»Wo hast du das gelesen?« fragte Klim ebenfalls lächelnd.

»Es ist meine Vermutung, andernfalls könnte ich es nicht verstehen«, sagte Makarow ungeduldig. Und Turobojew sagte leise, während er auf irgend etwas horchte:

»Eine scharfsinnige Vermutung.«

»Falle ich Ihnen lästig?« fragte Makarow.

»Aber nein, was denken Sie!« gab Turobojew sehr sanft und schnell zurück. »Mir schien, ich hörte die Fräulein kommen, aber ich habe mich getäuscht.«

»Der Lahme streicht umher«, sagte Ljutow leise, sprang von seinem Stuhl auf und stieg behutsam von der Veranda in die Dunkelheit hinab.

Klim hatte eine unangenehme Empfindung, als Turobojew Makarows Vermutung scharfsinnig nannte. Jetzt ergingen beide sich auf der Veranda, und Makarow setzte seine Rede fort, wobei er die Stimme noch tiefer senkte, an seinem Kopf drehte und mit der Hand fuchtelte.

»Als der halbwilde Adam mit dem Recht des Stärkeren Eva die Macht über das Leben nahm, erklärte er alles Weibliche für böse. Es ist sehr bezeichnend, daß dies im Orient geschah, aus dem alle Religionen kommen. Gerade von dort stammt die Lehre: der Mann ist der Tag, der Himmel, die Kraft, das Gute – die Frau die Nacht, die Erde, die Schwäche, das Böse. Die Abscheulichkeit unseres Reinigungsgebetes nach der Geburt ist zweifellos männlich, griechisch. Doch wenn der Mann das Weib auch besiegte, so konnte er doch nicht mehr die ihm von ihr eingepflanzte Gier nach Liebe und Zärtlichkeit beilegen.«

»Aber was willst du mit alledem sagen?« fragte Samgin streng und laut.

»Ich?«

»Worauf zielst du ab?«

Makarow blieb, geblendet blinzelnd, vor ihm stehen.

»Ich möchte verstehen: was ist die moderne Frau, die Frau Ibsens, die sich von der Liebe, vom Heim lossagt? Fühlt sie die Verpflichtung und die Kraft, sich ihre einstige Bedeutung als Mutter der Menschheit und Schöpferin der Kultur wiederzuerobern? Einer neuen Kultur?«

Er schwenkte die Hand in die Dunkelheit:

»Denn diese ist ja schon morsch, abgelebt, in ihr ist sogar etwas Unsinniges. Ich kann nicht glauben, daß die kleinbürgerliche Plattheit unseres Daseins endgültig die Frau verstümmelt haben sollte, wenngleich man aus ihr einen Aufhängebügel für kostbare Kleider, Tand und Gedichte gemacht hat. Aber ich sehe Frauen, die die Liebe nicht wollen – begreife: nicht wollen – oder sie verschleudern wie etwas Überflüssiges.«

Klim lachte ihm höhnisch ins Gesicht.

»Ach du Romantiker«, sagte er, sich reckend und seine Muskeln straffend und schritt an Turobojew, der gedankenvoll auf das Zifferblatt seiner Uhr sah, vorüber zur Treppe.

Samgin wurde mit einem Male der Sinn dieser langen Predigt völlig klar.

»Simpel!« dachte er, während er vorsichtig den Sandweg hinabstieg. Die kleine, aber sehr helle Glasscherbe des Mondes zerriß die Wolken. Zwischen dem Nadellaub zitterte silbriges Licht, die Schatten der Fichten sammelten sich in schwarzen Klumpen an den Baumwurzeln. Samgin ging zum Fluß. Er suchte sich einzureden, daß er einen ehrlichen Abscheu vor dem Flittergold von Worten und ein ausgezeichnetes Verständnis für die erklügelten Schönheiten menschlicher Reden habe.

»So leben sie nun alle, alle diese Ljutows, Makarows, Kutusows. Erwischen eine winzige Idee und lärmen, rasseln . . .«

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