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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Der schwere, dicke Warawka glich einem ungeheuerlich vergrößerten chinesischen »Gott der Bettler«. Das unförmige Figürchen dieses Gottes stand im Salon auf dem Spiegelschrank; und das Groteske seiner Form paarte sich auf unbegreifliche Weise mit einer eigenartigen Schönheit. Warawka schlang gierig wie ein Enterich Stücke Schinken herunter und brummte:

»Turobojew ist ein Kretin. Wie sagt man? Ein Dekadent. Fin de siecle etcetera. Versteht nicht zu verkaufen. Ich habe sein Stadthaus gekauft, werde es zu einem Technikum umbauen. Er hat es verschleudert, als wäre es gestohlen. Überhaupt ein Idiot von erlauchter Abkunft. Ljutow, der von ihm für Alma Land erworben hat, gedachte ihn übers Ohr zu hauen und hätte das besorgt, wenn ich es zugelassen hätte. Dann will ich doch lieber derjenige sein . . .«

»Was redest du?« verwies ihn sanft Wera Petrowna.

»Ich spreche ehrlich. Man muß es verstehen, zu nehmen. Besonders von den Dummköpfen. So wie Sergej Witte Rußland schröpft . . .«

Warawka sättigte sich, seufzte mit wollüstig geschlossenen Augen, stürzte ein Glas Wein hinunter und begann, sich mit der Serviette das Gesicht fächelnd, von neuem zu reden:

»Dieser Ljutow hingegen ist eine geriebene Kanaille. Du, Klim, sei auf der Hut . . .«

Hier teilte ihm Wera Petrowna, die dabei ihren Kopf steif und unbeweglich hielt wie eine Blinde. Dmitris Verhaftung mit. Klim fand, daß sie es in einer ungehörigen und sogar herausfordernden Form tat. Warawka sammelte seinen Bart auf der flachen Hand, betrachtete ihn und blies ihn dann hinunter.

»Was soll das heißen? Erbliche Schwäche fürs Gefängnis bei der älteren Linie der Samgins?«

»Ich werde nach Petersburg fahren müssen.«

»Versteht sich«, sagte knurrig Warawka, legte seine Hand auf Klims Knie und ermahnte ihn, während er ihn hin und her schaukelte:

»Du solltest ins Institut für Zivilingenieure eintreten, Bruder. An Advokaten haben wir einen Überfluß. An Staatsanwälten auch, in jeder Zeitung sitzen fünfundzwanzig. Architekten aber fehlen. Wir verstehen nicht zu bauen. Studiere Architektur. Dann erhalten wir ein gewisses Gleichgewicht: der eine Bruder baut, der andere zerstört, und ich, der Lieferant, habe den Vorteil davon.«

Er lachte schallend, sein ganzer Bauch zuckte. Dann schlug er Klim vor, aufs Land hinauszufahren.

»Es ist notwendig, daß jemand von uns draußen ist. Ich denke, ich werde Dronow als Kommis mit hinausnehmen. Na, also ich fahre jetzt zum Notar . . .«

Nachdem die Mutter ihn zur Tür geleitet hatte, sagte sie seufzend:

»Was für eine Energie, was für ein Kopf!«

»Ja«, stimmte Klim höflich zu, dachte aber im stillen:

»Er spielt Fangball mit mir.«

Im Landhaus langte er abends an und nahm vom Bahnhof den Weg über eine Fichtenschonung, um die sandige Straße zu vermeiden. Unlängst hatte man auf ihr Glocken ins Kirchdorf geschafft, und Menschen und Pferde hatten sie tief aufgewühlt. Das Gehen in der Stille war schön. Die Kerzen der jungen Fichten strömten harzigen Duft aus. Durch die Lichtungen zwischen den mächtigen Kolonnen des hundertjährigen Waldes spannten sich im schimmernden Dunst die roten Streifen der Sonnenstrahlen. Die Rinde der Fichten glänzte wie Bronze und Brokat.

Plötzlich zeigte sich am Waldessaum hinter einer kleinen Erhebung der ungeheure Fliegenpilz eines roten Schirms, wie ihn weder Lida noch Alina besaßen. Darauf erblickte Klim unter dem Sonnenschirm den schmalen Rücken einer Frau in einem gelben Leibchen und den entblößten, struppigen Spitzkopf Ljutows.

»Ist das die Frau, nach der die Mutter gefragt hat? Ljutows Geliebte? Das letzte Wiedersehen?«

Er war so nahe herangekommen, daß er schon das feste Stimmchen der Frau und die kurzen, dumpf hallenden Fragen Ljutows hören konnte. Er wollte in den Wald einbiegen, aber Ljutow rief ihn an:

»Ich sehe Sie! Verstecken Sie sich nicht.«

Der Anruf klang spöttisch, und als Klim ganz dicht herankam, empfing Ljutow ihn mit einem unangenehmen Lächeln, das seine Zähne entblößte.

»Warum glauben Sie, daß ich mich verstecke?« fragte er wütend, nachdem er vor der Frau mit betonter Langsamkeit den Hut gelüftet hatte.

»Aus Zartgefühl«, sagte Ljutow. »Darf ich bekannt machen.«

Die Frau streckte ihm eine Hand mit sehr harten Innenflächen hin. Ihr Gesicht gehörte zu denen, die man nur mit Anstrengung im Gedächtnis behält. Sie sah Klim unverwandt, mit dem photographierenden Blick ihrer hellen Augen ins Gesicht und nannte undeutlich einen Namen, den er sofort vergaß.

Ljutow blickte sich um und schnitt Grimassen.

»Erweisen Sie mir einen Gefallen«, sagte er. »Sie hat den Zug verpaßt. Richten Sie ihr ein Nachtlager bei Ihnen ein, doch so, daß niemand davon erfährt. Man hat sie schon gesehen. Sie ist gekommen, um ein Landhäuschen zu mieten, aber es ist nicht nötig, daß man sie ein zweites Mal sieht. Besonders dieser lahme Teufel, das witzige Bäuerlein.«

»Vielleicht sind diese Vorsichtsmaßregeln überflüssig?« fragte mit leiser Stimme die Frau.

»Ich glaube nicht«, sagte ärgerlich Ljutow.

Die Frau lächelte und stocherte mit der Spitze ihres Schirms im Sand, Sie lächelte merkwürdig: bevor sie die fest zusammengepreßten Lippen ihres kleinen Mundes öffnete, legte sie sie noch fester aufeinander, so daß an den Mundwinkeln strahlenförmige Fältchen erschienen. Das Lächeln schien gezwungen und hart und wandelte jäh ihr alltägliches Gesicht.

»Nun, lustwandeln Sie!« befahl ihr Ljutow. Er erhob sich, nahm Klims Arm und schritt den Landhäusern zu.

»Sie sind nicht sehr höflich zu ihr«, bemerkte Klim finster, empört von Ljutows Rücksichtslosigkeit gegen ihn.

»Sie verträgt es«, murmelte Ljutow.

»Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß mein Bruder in Petersburg verhaftet worden ist.«

Ljutow fragte rasch:

»Volksrechtler?«

»Marxist. Volksrechtler? Wer sind denn die?«

»Und wieder erneuert sich die Sammlung der revolutionären Kraft«, äffte er jemanden nach. »Sammlung? . . . Teufel auch!«

Samgin zürnte Ljutow, weil er ihn in ein unangenehmes und, wie es schien, gefährliches Abenteuer verwickelt, und sich selbst, weil er sich so willfährig gezeigt hatte. Aber Staunen und Neugier trugen den Sieg über seinen Unwillen davon. Er hörte schweigend dem gereizten Gezwitscher Ljutows zu und schaute sich über die Schultern weg um: die Dame mit dem roten Sonnenschirm war verschwunden.

»Wieder erneuert sich . . . Diese da ist erschienen, um mir mitzuteilen, daß in Smolensk ein Bekannter festgenommen worden ist . . . Er hatte eine Druckerei bei sich . . . der Teufel hol es! In Charkow Verhaftungen, in Orjol Sammlung!«

Er brummte wie Warawka über seine Zimmerleute, Steinmetzen und Kontoristen. Klim befremdete dieser eigentümliche Ton, noch heftiger befremdete ihn Ljutows Bekanntschaft mit den Revolutionären. Nachdem er ihn einige Minuten hatte reden lassen, konnte er sich nicht länger beherrschen:

»Aber was geht denn Sie die Revolution an?«

»Eine richtige Fragestellung«, gab Ljutow zurück, indem er lächelte. »Ich bedaure sehr, daß man Ihren Bruder erwischt hat. Er hätte Ihnen vermutlich die Antwort erteilt.«

»Hanswurst«, schimpfte Samgin in Gedanken und befreite seinen Arm von dem Ellenbogen seines Gefährten, ohne daß der jedoch davon Notiz genommen hätte. Ljutow bewegte sich mit sinnend vorgeneigtem Kopf vorwärts und stieß mit dem Fuß Fichtenzapfen vor sich her. Klim schritt rascher aus.

»Wohin eilen Sie? Dort«, Ljutow nickte mit dem Kopf in der Richtung der Landhäuser, »ist niemand. Sie sind im Boot zu irgendeinem Fest gefahren, auf einen Jahrmarkt.«

Abermals schob er seinen Arm in Samgins, und als sie an einem verstreuten Holzstapel anlangten, kommandierte er:

»Wir setzen uns.«

Sogleich begann er in halbem Ton, doch höhnisch zu reden:

»Wozu, Teufel noch einmal, haben wir bei solchen Bauern unsere Intelligenz nötig? Das ist dasselbe, als wollte man Dorfhütten mit Perlmutter verzieren. Seelischer Adel, Herzlichkeit, Romantik und sonstige Kinkerlitzchen, Talent, im Gefängnis zu sitzen, an mörderischen Verbannungsorten zu leben, rührende Geschichten und Artikel zu schreiben. Heilige Märtyrer und dergleichen. Alles in allem – ungebetene Gäste.«

Er roch nach Schnaps und knirschte beim Sprechen mit den Zähnen, als zerbisse er Fäden.

»Die Volkstümler zum Beispiel. Sie sind ja eine Übersetzung aus dem Mexikanischen, Emard und Main-Reed. Die Pistolen treffen ins Blaue, die Minen explodieren nicht, von den Bomben platzt auf zehn eine, und auch noch zur unrechten Zeit.«

Ljutow ergriff ein krummes, knorriges Holzscheit und versuchte ohne Erfolg, es aufrecht in den Sand zu stellen. Das Holzscheit fiel immer wieder träge um.

»Nichts ist klarer, als daß Rußland mit der Axt behauen werden muß. Mit Federmesserchen läßt es sich nicht spitzen. Was meinen Sie?«

Samgin, von der Frage überrumpelt, wußte nicht gleich Antwort.

»Das letzte Mal sprachen Sie ganz anders vom russischen Volk.«

»Von diesem Volk sagte ich stets ein und dasselbe: ein vortreffliches Volk! Ein einzigartiges! Jedoch . . .«

Mit überraschender Kraft warf er spielend das Scheit hoch in die Luft und als es, sich überschlagend, zu seinen Füßen niederfiel, ergriff er es und rammte es in den Sand.

»Aus diesem Ding kann man eine Menge verschiedener Gegenstände herstellen. Ein Künstler wird daraus ebenso gut einen Teufel wie einen Engel schnitzen. Aber, sehen Sie, dieses verehrliche Holzscheit ist bereits angefault, dieweil es hier lag. Immerhin kann man es noch im Ofen verheizen. Das Verfaulen ist nutzlos und schändlich, das Verbrennen ergibt eine gewisse Menge Wärme. Ist die Allegorie deutlich? Ich bin dafür, das Leben mit Wärme und Licht zu beglücken, es zum Glühen zu bringen.«

»Das lügst du«, dachte Klim.

Er saß einen Meter höher als Ljutow und sah sein zerrissenes, uneinheitliches Gesicht nicht gewölbt, sondern hohl wie einen Teller, einen unsauberen Teller. Die Schatten der Nadeltatzen einer niedrigen Fichte zitterten auf diesem Gesicht, und die schielenden Augen rollten darin wie zwei Nüsse. Die Nase hüpfte, die Nüstern blähten sich, die Kautschuklippen klatschten gegeneinander und legten die böse obere Zahnreihe und die Zungenspitze frei. Der spitze, unrasierte Kehlkopf sprang vor, und hinter den Ohren arbeiteten die knöchernen Kugeln. Ljutow fuchtelte mit den Armen. Die Finger seiner rechten Hand arbeiteten wie die eines Taubstummen. Er zappelte mit dem ganzen Körper wie eine Marionette am Draht. Es war widerwärtig, ihn anzusehen. Er erregte in Klim eine melancholische Wut, ein Gefühl des Protestes.

»Und wenn ich ihm nun sage, daß er ein Komödiant, ein Taschenspieler, ein Verrückter ist und sein Gerede krankhaftes, verlogenes Geschwätz? Aber was veranlaßt diesen Menschen, der reich, verliebt und in naher Zukunft, Gatte einer schönen Frau ist, zu lügen und zu schauspielern?«

»Stellen Sie sich vor«, vernahm Klim eine Stimme, trunken von Erregung. »Stellen Sie sich vor, daß von hundert Millionen russischer Gehirne und Herzen auch nur zehn, nur fünf mit der ganzen Kraft der in ihnen eingeschlossenen Energie arbeiten werden.«

»Ja, gewiß«, sagte Klim widerwillig.

Am dunklen Himmel kochte bereits ein Sternengischt. Die Luft war gesättigt mit feuchter Wärme. Der Wald schien zu schmelzen und als öliger Dampf zu zerfließen. Fühlbar fiel Tau. In der tiefen Dunkelheit hinter dem Fluß flammte ein gelbes Licht auf, wuchs rasch zu einem Holzfeuer an und beleuchtete die kleine, weiße Figur eines Menschen. Ein gleichmäßiges Plätschern des Wassers unterbrach das Schweigen.

»Die unsrigen kommen«, bemerkte Klim.

Ljutow schwieg lange, bevor er erwiderte:

»Es ist Zeit.«

Er erhob sich und lauschte.

»Das Bäuerlein pirscht umher. Ich werde ihn anhalten, und Sie gehen voraus und versorgen diese . . .«

Samgin entfernte sich in der Richtung zum Landhaus und hörte zu, wie lustig und keck Ljutows Stimme schallte.

»Fängst du auch im Walde Welse?«

»Sie lachen, Herr, aber er war da, der Wels!«

»Er war da?«

»Ja, was denken Sie?«

»Wo?«

»Wo soll er denn sein, wenn nicht im Fluß?«

»In diesem?«

»Weshalb nicht? Ein würdiger Fluß.«

»Komödiant«, dachte Klim, während er horchte.

»Brauchen Sie, Herr, was Weibliches? Es gibt hier eine Soldatenfrau . . .«

»In der Art des Wels?«

»Sie sehnt sich sehr . . .«

»Warawka hat recht, es ist ein gefährlicher Mensch«, entschied Klim.

Zu Hause erteilte Klim dem Dienstmädchen Anweisung, das Abendessen aufzutragen und sich dann schlafen zu legen, trat dann auf die Veranda hinaus und blickte auf den Fluß und auf die goldnen Lichtflecken, die aus den Fenstern des Landhauses der Telepnew fielen. Er wäre gern hingegangen, durfte aber nicht, solange die geheimnisvolle Dame oder Person nicht gekommen war.

»Ich habe keinen Willen. Ich hätte es ihm abschlagen sollen.«

In Erwartung des Knirschens von Schritten im Sand und im Nadellaub suchte Klim sich vorzustellen, wie Lida mit Turobojew und Makarow plauderte. Ljutow war wohl auch dorthin gegangen. In der Ferne rollte Donner. Zerrissene Klänge eines Klaviers drangen zu ihm. In den Wolken über dem Fluß versteckte sich der Mond und beleuchtete von Zeit zu Zeit mit trübem Licht die Wiesen. Nachdem Klim Samgin bis Mitternacht auf den ungeladenen Gast gewartet hatte, schlug er krachend die Tür zu und suchte sein Bett auf, erbost bei dem Gedanken, daß Ljutow wahrscheinlich nicht zu seiner Braut gegangen, sondern sich im Wald mit der Frau, die nicht zu lächeln verstand, angenehm die Zeit vertrieb. Vielleicht hatte er sich das alles auch ausgedacht: diese »Volksrechtler«, die Druckerei und die Verhaftungen.

»Alles ist viel einfacher: es war das letzte Wiedersehen.«

Mit diesem Ergebnis schlief er auch ein. Am Morgen weckte ihn das Pfeifen des Windes. Trocken rauschten die Fichten vor dem Fenster. Bang raschelten die Birken. Auf der bläulichen Fläche des Flusses kräuselten sich zierlich kleine Wellen. Hinter dem Fluß zog eine tiefblaue Wolke herauf. Der Wind zerfaserte ihren Rand, pompöse Fetzen jagten rasch über dem Fluß dahin und streichelten ihn mit rauchigen Schatten. Im Badehaus schrie Alina. Als Samgin sich gewaschen und angezogen hatte und sich an den Frühstückstisch setzte, – prasselte plötzlich ein Regenschauer herab, und eine Minute später trat Makarow, sich die Regentropfen aus dem Haar schüttelnd, herein.

»Wo ist denn Wladimir?« fragte er besorgt, »Er ist nicht zu Bett gegangen, sein Bett ist unberührt.«

Klim lächelte anzüglich und suchte spitze Worte, er hatte vor, etwa sehr Boshaftes über Ljutow zu sagen, aber er hatte seine Absicht noch nicht ausgeführt, als Alina ins Zimmer stürzte.

»Klim, Kaffee, rasch!«

Das nasse Kleid klebte ihr am Körper, es sah aus, als wäre sie nackt. Das Wasser spritzte ihr aus dem Haar, während sie es auspreßte, und sie schrie:

»Die verrückte Lidka ist zu mir gerannt, um ein Kleid zu holen. Der Blitz wird sie erschlagen . . .«

»War Ljutow gestern abend bei euch?« fragte finster Makarow.

Alina stand vor dem Spiegel und breitete klagend die Arme aus.

»Da habt ihr's! Mein Bräutigam ist verschwunden, und ich kriege Schnupfen und Bronchitis. Klim, wag es nicht, mich mit schamlosen Blicken anzusehen!«

»Gestern hat der Lahme Ljutow eingeladen, mit zur Mühle zu kommen«, sagte Klim dem Mädchen. Sie saß schon am Tisch und schlürfte ihren Kaffee, dabei verbrühte sie sich und gab zischende Laute von sich. Makarow stellte sein halbgeleertes Glas hin und trat an die Verandatür. Dort blieb er stehen und pfiff leise vor sich hin.

»Werde ich mich erkälten?« fragte Alina ernsthaft.

Turobojew kam, musterte sie mit einem prüfenden Blick, verschwand, erschien von neuem und warf ihr seinen Staubmantel über die Schulter, mit den Worten:

»Ein schöner Regen für die Ernte.«

Es blitzte grell, der Donner knallte, die Fensterscheiben dröhnten, jenseits des Flusses aber hellte es bereits auf.

»Ich werde in die Mühle gehen«, murmelte Makarow.

»Das ist ein wahrer Freund«, rief Alina aus, und Klim fragte:

»Weil er keine Angst hat, sich einen Schnupfen zu holen?«

»Vielleicht auch deshalb.«

Der Mantel glitt dem Mädchen von den Schultern und entblößte ihre vom feuchten Battist prall umspannte Büste. Dies genierte sie nicht, aber Turobojew bedeckte von neuem ihre schön gemeißelten Schultern, und Klim sah, daß ihr dies gefiel. Sie blinzelte belustigt, bewegte kokett die Schultern und bat:

»Lassen Sie, mir ist heiß.«

»Ich würde nicht wagen, so dreist zu sein wie dieser Geck«, dachte Samgin neidisch und fragte Turobojew in herausforderndem Ton:

»Gefällt Ihnen Ljutow?«

Er bemerkte, daß Turobojews Wange zusammenzuckte, als hätte ihn eine Fliege gestochen. Während er sein Zigarettenetui hervorzog, antwortete er sehr höflich:

»Ein interessanter Mensch.«

»Ich finde interessante Menschen am aufrichtigsten«, sagte Klim und fühlte plötzlich, daß er die Herrschaft über sich verlor. »Interessante Menschen gleichen Indianern im Kriegsputz, sie sind bemalt, mit Federn geschmückt. Ich habe immer Lust, sie zu waschen und ihnen die Federn auszurupfen, damit unter der Hautbemalung der wirkliche Mensch sichtbar wird.«

Alina trat zum Spiegel und seufzte:

»Oh, was für eine Vogelscheuche!«

Turobojew zog an seiner Zigarette und sah Klim fragend an. Klim sagte sich, daß er so bedächtig und sorgfältig rauche, weil er nicht sprechen wolle.

»Hör mal, Klim«, sagte Alina. »Du könntest dich heute deiner Weisheit enthalten. Der Tag ist auch ohne dich verdorben.«

Sie sprach das in einem so naiv flehenden Ton, daß Turobojew leise lachte. Aber dies verletzte sie. Sie wandte sich rasch zu Turobojew herum und sagte finster:

»Weshalb lachen Sie? Klim hat doch die Wahrheit gesagt, ich möchte sie nur nicht hören.«

Mit dem Finger drohend, fuhr sie fort:

»Sie lieben das doch gewiß auch – Kriegsbemalung, Federn?«

»Ich bekenne mich dessen schuldig«, sagte Turobojew mit gesenktem Kopf. »Sehen Sie, Samgin, es ist bei weitem nicht immer bequem und beinahe stets zwecklos, die Menschen in ehrlicher Münze zu bezahlen. Und ist die Münze der Wahrheit denn wirklich ehrlich? Es gibt einen altertümlichen Brauch: bevor die Glocke, die uns ins Gotteshaus ruft, gegossen wird, verbreitet man irgendeine Lüge. Davon soll der Klang des Metalls voller werden.«

»Sie verteidigen also die Lüge?« fragte Klim streng.

Turobojew zuckte die Achseln.

»Das trifft nicht ganz zu, aber . . .«

»Alina, geh, zieh dich um«, rief Lida, die in der Tür erschienen war. Sie trug ein buntgesprenkeltes Kleid, hatte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf gewunden und sah aus wie eine tscherkessische Odaliske auf einem Bild.

Trällernd ging Alina hinaus. Klim stand auf und öffnete die Verandatür. Eine Welle von Frische und Sonnenlicht schlug ins Zimmer. Der sanfte, aber ironische Ton Turobojews weckte in ihm das einst empfundene Gefühl scharfer Ablehnung gegen diesen Menschen mit dem spanischen Spitzbart, den niemand mehr trug. Samgin begriff, daß er nicht stark genug war, um einen Streit mit ihm zu bestehen, wollte sich jedoch das letzte Wort sichern. Aus dem Fenster schauend, sagte er:

»Swift, Voltaire und alle die anderen fürchteten nicht die Wahrheit.«

»Ein moderner deutscher Sozialist, ein Bebel zum Beispiel, ist noch kühner. Mir scheint, Sie kennen sich schlecht aus in der Offenherzigkeit. Es gibt die Offenherzigkeit eines Franz von Assisi, eines Bauernweibes und eines Negers aus Zentralafrika. Und es gibt die Offenherzigkeit des Anarchisten Netschajew, die wiederum für einen Bebel unannehmbar ist.«

Klim trat auf die Veranda hinaus. Ausgedörrt von der heißen Sonne rauchten die Dielenbretter unter seinen Füßen. Er fühlte, daß auch die Wut in seinem Kopf rauchte.

»Sie selbst sprachen von den Pfauenfedern der Vernunft, wissen Sie noch?« fragte er, mit dem Rücken zu Turobojew gekehrt, und hörte die leise Antwort:

»Das war etwas anderes.«

Turobojew hob die Arme, schlang sie um den Nacken und preßte krachend die Finger zusammen. Dann streckte er die Beine von sich und glitt gleichsam kraftlos vom Stuhl. Klim wandte sich ab. Doch als er eine Minute später wieder ins Zimmer schaute, sah er, daß Turobojews bleiches Gesicht sich unnatürlich verändert hatte. Es war breit geworden, er mußte wohl mit aller Gewalt die Kiefern aufeinanderstoßen. Seine Lippen krümmten sich schmerzhaft. Mit hoch hinaufgezogenen Brauen blickte er zur Decke, und Klim sah in seinen schönen, kalten Augen zum ersten Male einen so finster ergebenen Ausdruck. Als beuge sich über ihn ein Feind, mit dem zu kämpfen er keine Kräfte fand, und der zum vernichtenden Schlag ausholte. Auf die Veranda trat Makarow und sagte wütend:

»Wolodjka hat die ganze Nacht mit dem Lahmen getrunken und schläft jetzt wie ein Toter.«

Klim zeigte mit den Augen auf Turobojew, doch der erhob sich und ging hinaus, krumm wie ein Greis.

»Er ist krank«, sagte Klim leise und ganz ohne Schadenfreude, aber Makarow bat, ohne von Turobojew Notiz zu nehmen:

»Sag Alina nichts davon.«

Samgin war froh über die Gelegenheit, seine Wut an jemand auszulassen.

»Du mußt es ihr sagen. Verzeih, aber deine Rolle in diesem Roman scheint mir eigentümlich.«

Er wandte Makarow beim Sprechen den Rücken zu, das war angenehmer.

»Ich begreife nicht, was dich mit diesem Säufer verbindet. Es ist ein leerer Mensch, in dem fremde, widerspruchsvolle Worte und Gedanken spuken. Er ist ein ebensolcher Kretin wie Turobojew.«

Er redete lange, und es gefiel ihm, daß seine Worte ruhig und fest klangen. Als er einen Blick über die Schulter hinweg zu seinem Kameraden tat, sah er, daß Makarow die Beine übereinandergeschlagen hatte und zwischen seinen Zähnen die übliche Zigarette qualmte. Er zerbrach die Streichholzschachtel, legte die Splitter in den Aschenbecher, zündete sie an und beobachtete, die Streichhölzer zu einem kleinen Scheiterhaufen aufschichtend, aufmerksam, wie sie Feuer fingen.

Als Klim schwieg, sagte er, ohne die Augen vom Feuer loszureißen:

»Moralisieren kann jeder.«

Der Scheiterhaufen erlosch, die halbverkohlten Zündhölzer rauchten. Es war nichts mehr da, um sie in Brand zu stecken. Makarow schöpfte mit dem Teelöffel Kaffee aus seinem Glas und übergoß damit, mit sichtlichem Bedauern, die Reste des Feuers.

»Die Sache ist die, Klim. Alina ist nicht dümmer als ich. Ich spiele keinerlei Rolle in ihrem Roman. Ljutow liebe ich. Turobojew gefällt mir. Und endlich wünsche ich nicht, daß mein Betragen gegen die Menschen Gegenstand deiner oder anderer Leute Ermahnungen sei.«

Makarow sprach nicht verletzend, in einem sehr überzeugenden Ton. Klim sah ihn mit Verwunderung an: sein Kamerad erschien ihm auf einmal als ein ganz anderer Mensch, den er bis zu diesem Augenblick nicht gekannt hatte. Was bedeutete das? Makarow war für ihn ein Mensch gewesen, den ein mißglückter Selbstmordversuch verwirrt hatte, ein bescheidener Student, der eifrig lernte, und ein lächerlicher Jüngling, der noch immer die Frauen fürchtete.

»Zürne nicht«, sagte Makarow, als er wegging, und stolperte über ein Stuhlbein. Klim blickte auf den Fluß und suchte zu erraten, was diese immer häufiger beobachteten Wandlungen der Menschen bedeuteten. Er fand bald genug eine einfache und klare Antwort: die Menschen probieren verschiedene Masken aus, um die bequemste und vorteilhafteste zu finden. Auf der Suche nach dieser Maske taumeln sie, rennen wie besessen umher und streiten miteinander, alles in dem Bestreben, ihre Blaßheit und Leere zu verdecken.

Als die Mädchen auf die Veranda hinaustraten, begrüßte Klim sie mit einem gönnerhaften Lächeln.

»Siehst du, Lida«, sagte Alina und stieß die Freundin an. »Er ist heil. Und du hast mir Hartherzigkeit vorgeworfen. Nein, das Joch ist nicht ihm, sondern mir bestimmt; er wird mich in das Joch seiner Weisheit spannen. Makarow, gehen wir! Es ist Zeit, zu arbeiten . . .«

»Wie sorglos sie ist«, sagte Lida leise und ließ über die Freundin und Makarow einen sinnenden Blick gleiten. »Und doch hat sie ein schweres Leben.«

Lida saß in dem offenen Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer, das Gesicht zur Terrasse gewandt. Sie war von den Pfosten des Fensters wie von einem Rahmen umgeben. Ihr Zigeunerhaar fiel aufgelöst über ihre Wangen und Schultern und über die auf der Brust gefalteten Hände. Unter dem leuchtend bunten Rock sah man ihre nackten, sehr braunen Beine. Sie biß sich die Lippen und sagte:

»Ljutow ist sehr schwierig, es ist, als befände er sich auf der Flucht vor etwas und lebe immer im Laufen. Er läuft auch um Alina herum.«

»Er hat die ganze Nacht in der Mühle gezecht und schläft jetzt dort«, sagte Klim, jedes Wort hämmernd, streng.

Lida sah ihn aufmerksam an und fragte:

»Weshalb ärgerst du dich? Er trinkt, aber darin besteht doch sein Unglück. Weißt du, mir scheint, wir alle sind unglücklich, hoffnungslos unglücklich. Ich fühle es besonders heftig, wenn viele Menschen um mich sind.«

Sie stieß mit den Sohlen gegen die Wand und lächelte:

»Gestern, auf dem Jahrmarkt, hat Ljutow den Bauern Gedichte von Nekrassow vorgetragen. Er spricht wundervoll, nicht so schön wie Alina, aber herrlich! Man lauschte ihm sehr ernst, aber dann fragte ein kahlköpfiger Greis: ›Kannst du auch tanzen?‹ ›Ich habe geglaubt‹, sagte er, ›Ihr seid Komödianten vom Theater.‹ Makarow sagte: ›Nein, wir sind einfach Menschen.‹ ›Was heißt denn das – einfach? Einfach Menschen gibt es nicht,‹«

»Ein kluger Bauer«, bemerkte Klim. Er hörte, ohne mit den Gedanken bei dem zu sein, was das Mädchen sagte, und überließ sich einem traurigen Gefühl. Ihre Worte, ›wir alle sind unglücklich‹, hatten ihm einen sanften Stoß gegeben und ihn daran erinnert, daß auch er unglücklich und einsam war und daß niemand ihn verstehen wollte.

»Und am Abend und nachts, als wir heimfuhren, haben wir von unserer Kindheit gesprochen . . .«

»Du und Turobojew?«

»Ja. Und Alina. Alle. Furchtbare Dinge erzählt Konstantin von seiner Mutter. Und von sich als Kind. Es war so seltsam: jeder gedachte seiner selbst wie eines Fremden. Wieviel Überflüssiges erleben die Menschen.«

Sie sprach still und sah Klim liebevoll an, und ihm schien, daß die dunklen Augen des Mädchens etwas von ihm hofften, ihn etwas fragten. Plötzlich empfand er den Andrang eines ihm unbekannten wollüstigen Gefühls der Selbstvergessenheit, fiel auf die Knie nieder, umschlang die Beine des Mädchens und schmiegte fest sein Gesicht an sie.

»Laß!« rief Lida streng, stemmte die Hände gegen seinen Kopf und stieß ihn zurück.

Klim Samgin sagte laut und sehr einfach:

»Ich liebe dich.«

Sie sprang von der Fensterbank hinunter, zerriß den Ring seiner Arme und stieß ihn mit ihren Knien so heftig gegen die Brust, daß er fast hintenüberfiel.

»Mein Ehrenwort, Lida.«

Sie ließ ihn empört allein.

»Das kommt, weil ich fast nackt bin.«

Sie blieb auf der Verandastufe stehen und rief bekümmert aus:

»Schämst du dich nicht? Ich war . . .«

Ohne zu Ende zu sprechen, lief sie die Treppe hinab.

Klim lehnte sich gegen die Wand, verwundert über die Weichheit, die so unvermittelt gekommen und ihn dem Mädchen zu Füßen geworfen hatte. Er hatte niemals etwas Ähnliches verspürt – eine Seligkeit, wie sie ihn in diesen Augenblicken erfüllt hatte. Er fürchtete sogar, daß er gleich weinen würde vor Freude und Stolz, endlich in sich ein wunderbar starkes und doch nur ihm gehörendes, anderen unzugängliches Gefühl entdeckt zur haben.

Während des ganzen Tages lebte er unter dem Eindruck dieser Entdeckung, schweifte durch den Wald, um niemand sehen zu müssen, und sah sich immer nur auf den Knien vor Lida, umschlang ihre heißen Beine, fühlte ihre seidige Haut auf seinen Lippen und an seinen Wangen und hörte sich selbst sagen:

»Ich liebe dich.«

»Wie schön, wie einfach habe ich es gesagt. Und gewiß war auch mein Gesicht schön.«

Er dachte nur an sich in dieser unbeschreiblichen Minute, dachte so angestrengt, als fürchte er, die Weise eines Liedes zu vergessen, das er zum ersten Mal vernommen und das ihn sehr ergriffen hatte.

Lida traf er erst am nächsten Morgen. Sie ging zum Badehaus, während er vom Bad ins Landhaus zurückkehrte. Das Mädchen stand plötzlich vor ihm, als sei sie aus der Luft herniedergestiegen. Nachdem sie einige Redensarten über den heißen Morgen und die Temperatur des Wassers gewechselt hatten, fragte sie:

»Warst du beleidigt?«

»Nein«, antwortete Klim aufrichtig.

»Man darf nicht beleidigt sein. Man spielt ja nicht mit diesen Dingen«, sagte Lida leise.

»Ich weiß«, meinte er ebenso ehrlich.

Weder wunderte ihn ihre Sanftheit, noch freute sie ihn, – sie mußte etwas Derartiges sagen, hätte wohl auch etwas Herzlicheres finden können. Während Klim über sie nachdachte, fühlte er mit Gewißheit, daß er Lida besitzen würde, wenn er nur beharrlich war. Aber er durfte sich nicht übereilen. Er mußte abwarten, bis sie das Wunderbare, das in ihm erwacht war, fühlte und nach Verdienst einschätzte.

Jetzt kam Makarow, der mit Ljutow in der Mühle genächtigt hatte, und fragte, ob Klim mit ins Dorf gehen wollte. Die Glocke sollte aufgehängt werden.

»Natürlich komme ich mit!« antwortete Klim fröhlich. Eine halbe Stunde später schritt er unter der prallen Sonnenglut am Ufer des Flusses entlang. Die Sonne und das schlichte Kleidchen aus Bauernleinen betonten aufreizend die schamlose Schönheit des meisterhaft gegossenen Körpers Alinas. Sie und Makarow hielten gleichen Schritt mit Turobojew und sangen ein Duett aus der »Mascotte«. Turobojew sagte ihnen den Text vor. Ljutow führte Lida am Arm und flüsterte ihr etwas Komisches zu. Klim Samgin fühlte sich reifer als die fünf vor ihm, empfand jedoch seine Einsamkeit ein wenig als Last. Es mußte schön sein, Lida in den Arm zu nehmen, wie es Ljutow geglückt war, sich mit der Schulter an ihre zu schmiegen und so, mit geschlossenen Augen, zu gehen. Während er verfolgte, wie Lidas zierliche, von perlenfarbigem Batist eingehüllte Figur sich wiegte, gestand er sich zweiflerisch, daß ihn keine jener Empfindungen beseelte, die er bei den Meistern des Wortes gefunden hatte.

»Ich bin kein Romantiker«, erinnerte er sich.

Ihn beunruhigte einigermaßen die Undurchsichtigkeit der Stimmung, die das Mädchen heute in ihm auslöste und die von dem, was er gestern verspürt hatte, abwich. Gestern und noch vor einer Stunde war er frei von dem Bewußtsein der Abhängigkeit von ihr und ohne unbestimmte Hoffnungen. Vor allem waren es diese Hoffnungen, die ihn verwirrten. Gewiß, Lida würde seine Frau werden, ihre Liebe würde nichts gemein haben mit den hysterischen Zuckungen der Nechajew. Davon war er überzeugt. Doch darüber hinaus irrten in ihm gewisse Wünsche, die mit Worten wie Erwartung und Verlangen nicht ausgedrückt werden konnten.

»Sie hat es geweckt, sie wird es auch befriedigen«, beruhigte er sich.

Als er in das Dorf, das bogenförmig auf der Krümmung des hohen und steilen Flußufers angelegt war, eintrat, hatte er es herausgefunden:

»Man darf kein Analytiker sein.«

Die besonnte Dorfstraße war dicht vollgepfropft mit Bewohnern und Landleuten aus den umliegenden Dörfern. Die Bauern verharrten schweigend. Sie hatten ihre kahlen, zottigen oder mit viel Öl eingeriebenen Köpfe entblößt. Unter den vielfarbigen, zitzenen Köpfen der Frauen hervor stieg als unsichtbarer Rauch das schluchzende Geflüster der Gebete. Es war, so schien es, gerade dieses erstickte, zischende Geflüster, vermischt mit dem beißenden Geruch von Teer, Schweiß und an der Sonne faulendem Dachstroh, das die Luft erhitzte und im einen für das Auge unsichtbaren Dampf verwandelte, der das Atmen schwer machte. Die Leute erhoben sich auf den Zehenspitzen, reckten die Hälse, ihre auf und nieder wogenden Köpfe schwankten. Einige Hundert weit geöffneter Augen waren auf einen Punkt gerichtet: auf die blaue Zwiebel des plumpen Glockenturms mit den leeren Henkeln, durch die ein Stück des entfernten Himmels hindurchleuchtete. Klim hatte den Eindruck, als sei dieses Stück sowohl von tieferem Blau wie von stärkerer Leuchtkraft als der Himmel, der sich über dem Dorf wölbte. Das stille Brausen der Menge verdichtete sich und erfüllte einen mit der gespannten Erwartung eines donnerartigen Ausbruchs von Schreien.

Turobojew ging voran und drängte sich durch die nachgebende Menschenwand. Ihm folgten im Gänsemarsch die anderen, und je näher die fleischige Masse des Glockenturms heranrückte, desto dumpfer wurde das klagende Summen der betenden Weiber, desto vernehmlicher die beschwörenden Stimmen der Geistlichkeit, die die Messe abhielt. Im Mittelpunkt eines kleinen Kreises, gebildet aus den bunten Figuren von Menschen, die gleichsam in die Erde, in den aufgewühlten, zerstampften Rasen eingerammt waren, stand auf dicken Stangen eine zweihundert Pud schwere Glocke, vor ihr drei weitere, eine kleiner als die andere. Die große Glocke erinnerte Klim an das Haupt des Recken aus »Ruslan und Ljudmila«, während der kleine, gekrümmte Pope in dem hellen, österlichen Gewand und mit dem grauhaarigen, bronzefarbigen Gesicht dem Zauberer Finn ähnelte. Der kleine Pope umschwebte die Glocken, sang mit heller Tenorstimme und besprengte das Metall mit Weihwasser. Drei Knäuel starker Seile lagen auf der Erde. Der Pope stolperte über das eine, schwenkte wütend das Becken und besprengte die Seile mit einem Regenbogen von Perlen.

Turobojew führte sie zum Söller der Pfarrschule, die soeben erbaut, aber noch ohne Fensterrahmen war. Auf den Stufen des Söllers wimmelte, schrie und weinte ein Haufen von Kindern im Alter von zwei und drei Jahren. Dieser lebende Haufen schmutziger, skrofulöser kleiner Körper wurde regiert von einem buckligen, halbwüchsigen Mädchen. Sie tat das, indem sie halblaute Rufe ausstieß und dabei ihre Arme und Beine in Tätigkeit setzte. Auf der obersten Stufe keuchte pfeifend eine blinde alte Frau mit einem knallroten, aufgedunsenen Gesicht. Sie hatte ihre blauen Beine breit auseinandergespreizt.

»Du mußt ihnen die Rute geben, Gascha, die Rute . . .« empfahl sie, heftig den schweren Kopf schüttelnd. In ihren taubengrauen, blinden Augen spiegelte sich die Sonne wie in den Scherben einer Bierflasche. Aus der Tür der Schule trat der Landgendarm. Er zwirbelte mit der Hand die grauen Schnurrbartspitzen und den peinlich gestutzten Kinnbart und musterte mit dem wachsamen Blick seiner roten Augen die Sommerfrischler. Als er Turobojew gewahrte, hob er grüßend die Hand an die neue Mütze und befahl jemand hinter ihm in strengem Ton:

»Jag die Kinder weg!«

»Nicht nötig.«

»Ausgeschlossen, Igor Alexandrowitsch, sie beschmutzen den Bau.«

»Ich sagte: Nicht nötig«, erinnerte leise Turobojew, während er in sein von Runzeln verschwenderisch zerknittertes Gesicht sah.

Der Gendarm reckte sich, wölbte die Brust so heftig vor, daß die Medaillen klingelten, salutierte und wiederholte wie ein Echo:

»Nicht nötig.«

Er schritt, über die Kinder hinweg, die Stufen hinab. In der Tür stand der Lahme aus der Mühle und grinste bis zu den Ohren hinauf:

»Guten Tag.«

»Begreifen Sie?« flüsterte Ljutow mit einem Zwinkern Klim zu.

Klim begriff gar nichts. Er und die jungen Mädchen sahen gebannt zu, wie die kleine Bucklige eilig und gewandt die Kinder von den Stufen wegschleppte, wobei sie die halbnackten Körper mit griffigen Raubvogelklauen faßte und auf den mit feinen Holzsplittern besäten Erdboden schleuderte.

»Laß!« rief Alina, mit dem Fuß stampfend. »Sie werden sich an den Splittern blutig kratzen.«

»O, Gottesmutter, heilige Jungfrau!« pfiff keuchend die Blinde. »Gaschka, was für Leute sind da gekommen?«

Sie tastete mit zitternden Händen rings um sich:

»Wem gehört das Stimmchen? Hündin, wo hast du meine Krücke gelassen?«

Ohne Alina oder sie zu beachten, fuhr die Bucklige fort, die Kinder wegzuschleppen, wie eine Hündin ihre Jungen. Lida schauderte und wandte sich ab. Alina und Makarow trafen Anstalten, die Kinder von neuem auf die Stufen zu setzen, doch das Mädel maß sie kühn mit klugen Augen und rief:

»Was soll der Unfug? Es sind doch nicht Ihre Kinder!«

Und sie begann abermals, die Kinder von den Stufen fortzuschleppen, während der Lahme mit Begeisterung murmelte:

»Schau, ein eigensinniges kleines Scheusal, wie?«

Der Anschnauzer des Mädels verwirrte Makarow, er lächelte verlegen und sagte Alina:

»Lassen Sie es lieber.«

Samgin hatte den Eindruck, daß alle durch die kleine Bucklige aus der Fassung gebracht waren und vor ihr gleichsam still wurden. Ljutow sagte Lida etwas in tröstendem Ton. Turobojew streifte einen Handschuh ab und zündete sich eine Zigarette an, Alina zupfte ihn am Ärmel und fragte voll Zorn:

»Wie ist das möglich?«

Er lächelte ihr sanft ins Gesicht.

Zwei Burschen in neuen, gleichsam aus rosa Blech gefertigten Hemden, einander ähnlich wie zwei Hammel, hatten am Söller Fuß gefaßt. Der eine warf einen Blick auf die Sommerfrischler, trat zu der Blinden, nahm ihre Hand und sagte unbeugsam:

»Großmutter Anfissa, räume den Herrschaften den Platz.«

»O Gott? Windet man die Glocken schon empor?«

»Gleich wird man anfangen. Geh zu!«

»Ich hab's erlebt, Gott sei gelobt . . . Mütterchen . . .«

»Als wären wir Aussätzige!« rebellierte Alina.

Ljutow drang begierig in den Lahmen:

»Welchen Glauben hast du?«

Der Lahme kicherte in seinen struppigen Bart und schüttelte den Kopf:

»Na-hein, unser Glaube ist ein anderer.«

»Ein christlicher?«

»Gewiß, nur noch strenger.«

»Dann sag doch, du Teufel, worin strenger?«

Der Lahme seufzte schwer:

»Das läßt sich nicht so sagen. Man kann es nur einem Glaubensbruder sagen. Wir erkennen Glocken und die ganze Kirchlichkeit an, aber trotzdem.«

Klim Samgin beobachtete, lauschte und fühlte, daß Empörung in ihm hochstieg. Man schien ihn ja ausgerechnet zu dem Zweck hergeführt zu haben, um seinen Kopf mit einer trüben und vergiftenden Flut zu füllen. Alles ringsum war unversöhnlich fremd, stieß ihn jedoch in irgendeinen finsteren Winkel und zwang ihn mit Gewalt, an das bucklige Mädel, an Alinas Worte und an die Frage der blinden Greisin: »Was für Leute sind da gekommen?« zu denken.

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