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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Ljutow kehrte zurück und schrie, sein Taschentuch schwenkend:

»Morgen vor Tagesanbruch werden wir den Wels fangen! Für dreizehn Rubel bin ich mit ihm handelseinig geworden.«

Er lief auf die Veranda und fragte Alina:

»Erkorene! Haben Sie niemals einen Wels gefangen?«

Sie ging an ihm vorüber, mit den Worten:

»Weder Fische, noch Kraniche am Himmel . . .«

»Verstehe!« schrie Ljutow. »Sie ziehen den Sperling in der Hand vor. Ich billige es.«

Klim sah, daß Alina sich mit einem Ruck umwandte, einen Schritt zu ihrem Verlobten hin machte, dann aber zu Lida trat und sich neben sie setzte, wobei sie an sich zupfte, wie ein Huhn vor dem Regen. Händereibend und die Lippen schiefziehend, musterte Ljutow alle mit erregt fliehenden Augen, und sein Gesicht bekam einen betrunkenen Ausdruck.

»Wir leben in der Sünde«, murmelte er. »Jener Bauer aber . . . jawohl!«

Alle schienen zu merken, daß er in noch verzweifelterer Stimmung wiedergekommen war, gerade damit erklärte sich Klim das unhöfliche, zuwartende Schweigen, womit man Ljutow antwortete. Turobojew lehnte mit dem Rücken an einer der gedrechselten Verandasäulen. Die Arme auf der Brust gekreuzt, seine gestickten Brauen furchend, fing er aufmerksam Ljutows irren Blick, als erwarte er einen Überfall.

»Ich bin einverstanden!« sagte Ljutow und trat mit eiligen Schritten ganz dicht an ihn heran. »Richtig: wir irren im Gestrüpp unseres Verstandes oder rennen als erschrockene Dummköpfe vor ihm davon.«

Er holte so rasch mit der Hand aus, daß Turobojew mit der Wimper zuckte und um dem Schlag auszuweichen, zur Seite fuhr. Er tat es und erbleichte. Ljutow entging augenscheinlich diese Bewegung, und er sah nicht das zornige Gesicht. Mit der Hand fuchtelnd wie der ertrinkende Boris Warawka, redete er weiter:

»Aber das geschieht, weil wir ein metaphysisches Volk sind. In jedem unserer landwirtschaftlichen Statistiker steckt ein Pythagoras, und unser Statistiker nimmt Marx wie einen Swedenborg oder Jakob Böhme in sich auf. Und die Wissenschaft können wir nur als Metaphysik vertragen. Für mich zum Beispiel ist die Mathematik die Mystik der Zahlen, einfacher gesprochen, Zauberei.«

»Nichts Neues«, flocht Turobojew leise ein.

»Daß der Deutsche der geborene Philosoph sein soll, ist Unsinn!« sagte Ljutow mit gedämpfter Stimme und sehr rasch, und seine Beine knickten ein. »Der Deutsche philosophiert maschinell, es ist für ihn Tradition, Handwerk, Feiertagsbeschäftigung. Wir aber philosophieren leidenschaftlich, selbstmörderisch, Tag und Nacht, im Schlaf, an der Brust der Geliebten und auf dem Sterbebett. Eigentlich philosophieren wir nicht, weil es bei uns, sehen Sie, nicht aus dem Verstand, sondern aus der Phantasie kommt. Wir vernünfteln nicht, wir träumen mit der ganzen bestialischen Kraft unserer Natur. Den Begriff ›bestialisch‹ müssen Sie nicht im absprechenden, sondern im quantitativen Sinn nehmen.«

Er fuchtelte mit den Armen und beschrieb in der Luft einen weiten Kreis.

»Verstehen Sie ihn als Grenzenlosigkeit und Unersättlichkeit. Vernunft wird nicht heimisch bei uns, wir sind unvernünftige Talente. Und wir alle ersticken, alle – von unten bis oben. Fliegen und stürzen. Ein Bauer steigt zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften auf. Aristokraten lassen sich ins Bauerntum herab. Und wo finden Sie so mannigfaltige und zahlreiche Sekten wie bei uns? Und dazu die fanatischsten: die Kastraten, die Flagellanten, der ›Rote Tod‹. Selbstverbrenner sind wir, wir brennen im Traum, angefangen mit Iwan dem Schrecklichen und dem Oberpriester Awwakum bis zu Michail Bakunin, Netschajew und Wsewolod Garschin. Lehnen Sie Netschajew nicht ab, das geht nicht an! Denn er ist ein prachtvoller russischer Mensch! Dem Geist nach ein leiblicher Bruder des Konstantin Leontjew und des Konstantin Pobedonoszew.«Netschajew – Terrorist, Anhänger Bakunins. – Oberpriester Awwakum, Volkspriester und Reformator, 1682 zu Moskau verbrannt. Garschin – realistischer Erzähler. Leontjew, konservativer Politiker. Konstantin Pobedonoszew, Jurist und Staatsmann, Apologet des Absolutismus und des orthodoxen Kirchenglaubens. D. Ü.

Ljutow hüpfte, fuchtelte mit den Armen und wollte sich in Stücke reißen. Doch sprach er immer leiser, zuweilen fast flüsternd. Etwas Unheimliches, Betrunkenes und wirklich Leidenschaftliches, etwas furchtbar Erlebtes brach bei ihm durch. Es war zu sehen, daß es Turobojew Anstrengung kostete, sein Geflüster und sein leises Heulen zu ertragen, in dieses erregte, rote Gesicht mit den verdrehten Augen zu schauen.

»Wie wird nur Alina mit ihm leben?« dachte Klim mit einem Blick auf das junge Mädchen. Sie hatte ihren Kopf in Lidas Schoß gelegt. Lida spielte mit ihrem Zopf und hörte aufmerksam zu.

»Sie sind anscheinend in vielem mit Dostojewski einer Meinung?« fragte Turobojew.

Ljutow fuhr zurück.

»Nein! Worin? Was das betrifft, ist mein Gewissen rein. Ich liebe ihn nicht.«

Auf der Schwelle zeigte sich Makarow und fragte böse:

»Wladimir, willst du Milch? Sie ist kalt.«

»Dostojewski ist hingerissen vom Zuchthaus. Was ist sein Zuchthaus? Eine Parade. Er war Inspektor der Parade im Zuchthaus. Und sein ganzes Leben lang vermochte er nichts zu schildern außer Zuchthäuslern, sein tugendhafter Mensch aber ist ein ›Idiot‹. Das Volk kannte er nicht, es beschäftigte ihn nicht.«

Makarow kam heraus, reichte Lida ein Glas Milch und setzte sich neben sie. Laut knurrte er:

»Wird dieser Redefluß bald ein Ende nehmen?«

Ljutow drohte ihm mit der Faust.

»Unser Volk ist das freieste auf der ganzen Erde. Es ist innerlich durch nichts gebunden. Die Wirklichkeit liebt es nicht. Es liebt Finten und Gauklerstückchen. Zauberer und Wundertäter. Idioten. Es ist selbst so ein – Idiot. Morgen schon kann es den mohammedanischen Glauben annehmen – zur Probe. Jawohl, zur Probe, Herr! Kann alle seine Hütten niederbrennen und in die Sandwüste ziehen, um das Oponische Königreich zu suchen.«

Turobojew versteckte die Hände in den Taschen und fragte frostig:

»Nun, und was folgt endlich daraus?«

Ljutow schaute sich um, offenbar, um die Aufmerksamkeit noch mehr auf sich zu lenken, und antwortete, sich wiegend:

»Daraus folgt, daß das Volk die Freiheit will, nicht jene, die ihm die Politiker aufdrängen, sondern die Freiheit, die die Pfaffen ihm geben könnten, die Freiheit, furchtbar und auf jede Art zu sündigen, um zu erschrecken und dann für dreihundert Jahre in sich selbst still zu sein: So, erledigt! Alles ist erledigt! Alle Sünden sind erfüllt. Wir haben Luft!«

»Eine merkwürdige Theorie«, sagte Turobojew achselzuckend und stieg von der Veranda ins nächtliche Dunkel hinab. Zehn Schritt entfernt, sagte er laut:

»Und es ist doch – Dostojewski. Wenn nicht seine Gedanken, so doch sein Geist . . .«

Ljutow kniff seine schielenden Augen zu und murmelte:

»Wir leben, um zu sündigen und uns so von den Anfechtungen zu befreien. Sündigst du nicht, kannst du nicht bereuen, ohne Reue aber gibt es keine Erlösung . . .«

Alle schwiegen und blickten auf den Fluß. Auf der schwarzen Bahn bewegte sich lautlos ein Kahn. An seinem Bug brannte und kräuselte sich eine Fackel. Ein schwarzer Mann rührte behutsam die Ruder, ein zweiter, mit einer langen Stange in den Händen, beugte sich über Bord und zielte mit der Stange auf das Spiegelbild der Fackel im Wasser. Das Bild änderte wundersam seine Formen, bald glich es einem goldenen Fisch mit vielen Flossen, bald einer tiefen, auf den Grund des Flusses reichenden roten Gruft, in die der Mann mit der Stange sich zu springen anschickte, aber nicht getraute.

Ljutow blickte zum Himmel empor, der verschwenderisch mit Sternen besät war, zog seine Uhr hervor und sagte:

»Es ist noch früh. Wünschen Sie nicht spazieren zu gehen, Alina Markowna?«

»Wenn Sie schweigen – ja.«

»Wie das Grab?«

»Ich gestatte armenische Witze.«

»Nun, auch dafür weiß ich Ihnen Dank«, sagte Ljutow, während er seiner Braut beim Aufstehen behilflich war. Sie nahm seinen Arm.

Als sie sich ungefähr dreißig Schritte entfernt hatten, sagte Lida still:

»Er tut mir leid.«

Makarow knurrte etwas Undeutliches. Klim fragte:

»Weshalb – leid?«

Lida antwortete nicht, aber Makarow sagte halblaut:

»Hast du gesehen – wie er sich aufregt? Er möchte sich selbst überschreien.«

»Verstehe ich nicht.«

»Was ist denn dabei nicht zu verstehen?« Lida erhob sich.

»Begleite mich, Konstantin.«

Auch sie gingen fort. Der Sand knirschte. In Warawkas Zimmer klapperten hart und flink die Kugeln des Rechenbretts. Das rote Feuer auf dem Boot leuchtete in weiter Ferne, am Mühlenwehr. Klim saß auf den Verandastufen, sah der verschwindenden weißen Figur des Mädchens nach und beteuerte sich selbst:

»Ich bin doch nicht in sie verliebt?«

Um nicht denken zu müssen, ging er zu Warawka und fragte, ob er ihn brauche. Er brauchte ihn. Ungefähr zwei Stunden saß er hinter dem Tisch mit dem Abschreiben der Projekte eines Vertrages zwischen Warawka und der Stadtverwaltung über den Bau eines neuen Theaters beschäftigt. Er schrieb und horchte mit allen Sinnen in die Stille. Doch alles rings umher schwieg steinern. Keine Stimme, kein Rascheln von Schritten.

Bei Sonnenaufgang stand Klim unter den Weiden des Mühlenwehrs und hörte zu, wie der Bauer mit dem Holzbein mit leiser begeisterter Stimme erzählte:

»Der Wels liebt Grütze. Hirsebrei oder, sagen wir mal, Buchweizengrütze, ist seine Lieblingsspeise. Ein Wels ließe sich für Grütze zu allem herankriegen.«

Das Holzbein des Bauern bohrte sich in den Sand. Er stand, in der Hüfte gekrümmt, und hielt sich am Stumpf eines Weidenastes. Mit zuckenden Bewegungen der Schultern zog er das Holzbein aus dem Sand, setzte es auf einen anderen Fleck, bis es wieder im lockeren Grund einsank, und von neuem knickte die Hüfte des Bauern ein.

»Grütze haben wir ihm gegeben, dem Biest«, sagte er, die Stimme noch mehr dämpfend. Sein pelziges Gesicht war feierlich, in seinen Augen strahlte Würde und Seligkeit. »Wir kochen die Grütze so heiß es geht und schütten sie in einen Topf, der Topf aber hat einen Sprung – begreifen Sie die Chose?«

Er zwinkerte Ljutow zu und wandte sich zu Warawka hin, der in einem kirschfarbenen Schlafrock, einer grünen, goldverbrämten tatarischen Kalotte und buntgestreiften Saffianstiefeln beinahe hoheitsvoll dastand.

»Er schluckt also den Topf hinunter, der Topf aber, der ja gesprungen ist, fällt in seinem Bauch auseinander, und nun beginnt die Grütze ihm die Eingeweide zu verbrennen, begreifen Eure Exzellenz diese Chose? Es tut ihm weh, er zappelt, er springt, und nun fassen wir zu . . .«

Die Sonnenstrahlen zielten auf Warawkas Gesicht, er blinzelte wohlig und streichelte mit den Handflächen seinen kupfernen Bart.

Ljutow, im zerdrückten Anzug, besät mit Fichtennadeln, hatte das Aussehen eines Menschen, der nach einem ausgedehnten Gelage soeben erst zu sich gekommen ist. Sein Gesicht war gelb geworden, das Weiße seiner halbirren Augen blutunterlaufen. Schmunzelnd, mit belegter, leiser Stimme, sagte er seiner Braut:

»Natürlich lügt er! Aber niemand in der Welt außer einem russischen Bauern kann solchen Unsinn ausdenken!«

Die jungen Mädchen standen verschlafen in einer Reihe, gähnten um die Wette und schauerten in der Morgenfrische. Ein rosiger Dunst stieg aus dem Fluß, hinter einem Schleier, auf dem lichten Wasser, erschienen Klim die bekannten Gesichter der Mädchen zum Verwechseln gleich. Makarow, in einem weißen Hemd mit aufgeknöpftem Kragen, saß mit bloßem Hals und struppigem Haar im Sand zu Füßen der Mädchen und erinnerte an die triviale Reproduktion des Bildnisses eines Italienerknaben, eine Beilage der Zeitschrift »Niwa«. Samgin bemerkte zum ersten Mal, daß die breitbrüstige Figur Makarows ebenso keilförmig war wie die des Vagabunden Inokow.

Turobojew stand abseits in gestraffter Haltung, blickte unverwandt auf Ljutows wulstigen, gewölbten Nacken und schob, als flüstere er lautlos, langsam seine Zigarette aus einem Mundwinkel in den anderen.

»Nun, wird's bald?« fragte Ljutow ungeduldig.

»Sprechen Sie ein wenig leiser, Herr«, sagte der Bauer in strengem Flüsterton. »Die Bestie ist schlau, sie hört uns.«

Er wandte sich zur Mühle um und rief:

»Mikola? He!«

Zwei Stimmen antworteten zögernd, eine männliche und eine weibliche.

»Hallo? Was soll's?«

»Hast du nachgesehen? Hat er es gefressen?«

»Ich habe nachgesehen.«

»Nun und?«

»Er hat's gefressen.«

Ljutow sah den Bauern wütend an und gab ihm einen Stoß.

»Was fällt dir ein? Ich soll nicht sprechen, und du selbst brüllst aus vollem Halse?«

Der Bauer blickte ihn erstaunt an und lächelte, daß sein ganzes Gesicht sich borstig sträubte.

»Mein Gott, er, dieser Wels, kennt mich ja, Sie aber sind ihm ein fremder Mensch. Jedes Geschöpf hat seine Vorsicht im Leben.«

Diese Worte gab der Bauer flüsternd von sich. Darauf warf er, unter der Handfläche hervor, einen Blick auf den Fluß und sagte, ebenfalls sehr leise:

»Jetzt – schauen Sie hin! Jetzt beginnt die Grütze ihn zu brennen, und er – zu springen. Jetzt gleich . . .«

Er sagte dies so überzeugend, mit einem so begeisterten Gesicht, daß alle lautlos ans Ufer schlichen, und es sogar schien, als habe auch das rosig-goldene Wasser seine langsame Strömung angehalten. Den Sand tief mit dem Holzbein aufwühlend, humpelte der Bauer zur Mühle. Alina schrak zusammen und flüsterte angstvoll:

»Seht, seht! Dort am anderen Ufer das Dunkle, unterm Strauch . . .«

Klim sah nichts Dunkles. Er glaubte nicht an den Wels, der Buchweizengrütze liebte. Aber er sah, daß alle rings um ihn her daran glaubten, selbst Turobojew und anscheinend auch Ljutow. Das blitzende Wasser mußte den Augen weh tun, doch alle starrten unverwandt hin, als wollten sie bis auf den Grund des Flusses dringen. Dies verwirrte Klim minutenlang. Wenn nun doch –?

»Da ist er . . . er schwimmt, schwimmt!« flüsterte von neuem Alina, aber Turobojew sagte laut:

»Das ist der Schatten einer Wolke.«

»Pst«, zischte Warawka.

Alle schauten zum Himmel hinauf. Ja, dort zerfloß einsam ein weißes Wölkchen, nicht größer als ein Lammfell. Aus dem dichten Gestrüpp des Buschwerks und Schilfrohrs, nahe am Wehr, glitt vorsichtig ein Boot, in dessen Mitte der lahme Bauer stand. Er stützte sich auf einen Fischhaken und winkte ihnen mit der Hand zu. Ein breitschultriger blonder Bursche in einem grauen Hemd trieb, lautlos die Ruder ins Wasser tauchend, das Boot voran. Er saß unbeweglich, wie aus Stein, da, nur die Hände regten sich, es schien, als ob die Ruder, die das Wasser mit einer Schuppenhaut bedeckten, allein arbeiteten. Der Lahme hörte jetzt auf, mit der Hand zu winken, erhob sie über den Kopf, blickte unverwandt ins Wasser und erstarrte gleichfalls. Das Boot beschrieb erst einen Winkel von Ufer zu Ufer, darauf einen zweiten. Der Bauer ließ die linke Hand langsam sinken und erhob ebenso langsam die rechte mit dem Fischhaken.

»Schlag zu!« brüllte er und bohrte, weit ausholend, den Fischhaken in den Fluß.

Klim stand im Hintergrund und über den Anderen, er sah deutlich, daß der Lahme in einen leeren Fleck hineingestoßen hatte, und als der Bauer, ungeschickt wankend, sich mit dem Oberkörper flach über Bord und ins Wasser legte, war Klim seiner Sache sicher:

»Ein abgekartetes Spiel.«

Doch der Lahme erschütterte sofort seine Sicherheit.

»Vorbeigetroffen!« heulte er gleich einem Wolf und zappelte im Wasser. Sein rotes Hemd bauschte sich auf dem Rücken zu einer unförmigen Blase. Krampfhaft zuckte das Holzbein mit der polierten, ringförmigen Eisenspitze über dem Wasser. Er schnaubte und wackelte mit dem Kopf. Aus Haar und Bart flogen gläserne Spritzer. Er klammerte sich mit der einen Hand ans Heck des Bootes, hämmerte mit der zur Faust geballten anderen verzweifelt auf die Bootswand, heulte und stöhnte:

»A–a–ch, vorbeigetroffen! Mikolka, Satan, weshalb hast du ihn nicht mit dem Ruder erwischt, he? Mit dem Ruder, du Schafskopf! Auf den Schädel, wie? Blamiert hast du mich, Kerl!«

Der Bursche fischte bedächtig den Haken auf, legte ihn längs der Bootswand, half schweigend dem Lahmen ins Boot und trieb es mit kräftigen Ruderschlägen ans Ufer. Der Bauer stolperte naß und schlüpfrig auf den Sand, breitete die Arme aus und schwor verzweifelt:

»Ich habe vorbeigetroffen, Herrschaften! Mich blamiert, verzeihen Sie um Christi Willen! Ich habe ihn um ein Haar getroffen, habe auf den Kopf gezielt und danebengetroffen! Begreifen Sie die Chose? Ach, ihr heiligen Väter, ist das ein Jammer!«

Der Kummer hatte sogar seine Stimme verändert, sie klang hoch und schrillte kläglich. Sein gedunsenes Gesicht war eingeschrumpft und drückte ehrlichstes Leid aus. Über die Schläfen, über die Stirn, aus den Augen rieselten Wassertropfen, als schwitze sein ganzes Gesicht Tränen. Seine hohlen Augen glänzten verlegen und schuldig. Er drückte aus Kopfhaar und Bart das Wasser in die hohle Hand, es spritzte auf den Sand, auf die Rocksäume der Mädchen, und er schrie kläglich:

»Riesig war er, mehr als vier Pud schwer! Kein Wels, ein Stier, so wahr mir Gott helfe! Und der Bart – so!«

Und der Lahme maß mit den Armen in der Luft zwölf Zoll ab.

»Ein Kerl, wie?« rief, ebenfalls begeistert, Ljutow.

»Ein ausgezeichneter Schauspieler«, bestätigte Turobojew lächelnd und zog eine kleine Brieftasche aus gelbem Leder heraus.

Ljutow hielt seine Hand an.

»Entschuldigen Sie, es war meine Idee.«

Lida betrachtete den Bauern, angeekelt, die Lippen zusammenpressend und stirnrunzelnd, Warawka neugierig. Alina fragte ratlos alle:

»Aber es war doch ein Wels da? War einer da oder nicht?«

Klim hielt sich abseits, da er sich doppelt betrogen fühlte.

»Gehen wir?« sagte Lida zu ihrer Freundin, aber Ljutow rief:

»Warten Sie einen Augenblick!«

Und er fragte den Bauern ins Gesicht:

»Angeführt?«

»Angeführt, der Satan«, gab der Lahme zu und breitete traurig die Arme aus.

»Nein, nicht der Satan, sondern du? Hast du uns angeführt?«

Der Bauer trat zurück.

»Wie meinen Sie das? Wen?« fragte er erstaunt.

»Hab keine Furcht! Ich bezahle auf jeden Fall und lege noch für einen Schnaps drauf. Nur sag geradeheraus: hast du uns betrogen?«

»Lassen Sie ihn«, bat Turobojew. Der Lahme überflog alle mit einem verständnislosen Blick und fragte mit prachtvoller Naivität:

»Wie sollte ich wohl die Herrschaften betrügen?«

Ljutow schlug ihn mit aller Kraft auf die nasse Schulter und brach unvermittelt in ein kreischendes, weibisches Lachen aus. Auch Turobojew lachte, leise und gleichsam verlegen, selbst Klim mußte lächeln, dermaßen komisch war die kindliche Angst in den hellen, ratlos zwinkernden Augen des bärtigen Bauern.

»Darf man denn die Herrschaften betrügen?« stammelte er, und sein Blick lief wieder von einem zum andern, während die Angst in den Augen rasch einem Forschen Platz machte und sein Kinn hüpfte.

»Teufel nochmal!« rief Warawka, abwinkend, und lachte gleichfalls amüsiert.

Ljutow lachte bereits tobend, zuckend, mit geschlossenen Augen und in den Nacken geworfenem Kopf. In seinem vorgestülpten Kehlkopf klirrte es wie Glas.

Der Lahme jedoch sah Warawka an und schmunzelte breit, hielt sich aber sogleich die Hand vor den Mund. Da dies nicht half und er hinter seiner Hand laut losplatzte, machte er eine abwinkende Geste zur Seite hin und rief mit feiner Stimme:

»Sie versündigen sich!«

Jetzt begann auch er zu lachen, erst zögernd, dann freier und mit wachsendem Gefallen, und schließlich brüllte er so laut, daß er Ljutows schluchzendes Lachen ganz zudeckte. Er riß den behaarten Mund weit auf, rammte sein Holzbein in den Sand, wiegte sich und ächzte, den Kopf schüttelnd:

»Oh Gott – o–ho–ho–, Sie versündigen sich, bei Gott!«

Am ganzen Körper naß, gleißte er überall, und es schien, als glänzte auch sein urgesundes Lachen ölig.

»Spitzbube!« schrie Ljutow, »wo . . . wo ist der Wels?«

»Ich habe ihn doch . . .«

»Den Wels?«

»Verfehlt . . .«

»Wo ist der Wels?«

»Er . . . lebt . . .«

Einander anblickend, schüttelten die beiden sich wiederum in einem Anfall von Lachen, und Klim Samgin sah, daß jetzt richtige Tränen über das pelzige Gesicht des Lahmen liefen.

»Na, das geht schon ein wenig zu weit«, sagte Turobojew achselzuckend und entfernte sich, um die Mädchen und Makarow einzuholen. Auch Samgin folgte ihm, begleitet von Lachen und Ächzen:

»O Gott – oh . . .«

Vorn schrie Alina empört:

»Man muß ihn für den Betrug bestrafen!«

»Das ist töricht von dir, Alina«, hielt Lida sie in strengem Ton an.

Schweigend setzte man den Weg fort, doch bald holte Ljutow sie ein.

»Begreifen Sie die Chose?« schrie er und rieb sich mit dem Taschentuch Schweiß und Tränen aus dem Gesicht. Er hüpfte, wand sich und blickte allen in die Augen. Er hinderte am Weitergehen. Turobojew sah ihn scheel an und blieb zwei Schritt zurück.

»Sauber angeführt, wie?« fragte er unaufhörlich. »Talent. Kunst! Wahre Kunst führt immer an.«

»Gar nicht dumm!« sagte Turobojew mit einem Lächeln zu Klim. »Er ist überhaupt nicht dumm, aber so verkrampft!«

»Genug, Wolodja!« schrie Makarow zornig. »Was tobst du so? Warte, bis sie dich zum Professor der Beredsamkeit gemacht haben, dann kannst du deiner Wut freien Lauf lassen.«

»Kostja, ein leichtsinniges Huhn bist du doch! Begreife die Chose!«

»Nein, ernsthaft, hör auf!«

»Sie schreien entsetzlich viel«, klagte Alina.

»Nun, ich tu's nicht wieder.«

»Wie ein Irrsinniger.«

»Ich schweige ja schon.«

Wirklich verstummte er, aber Lida nahm seinen Arm und fragte:

»Warum hat dieser Bauer Sie nicht empört?«

»Mich? Wodurch?« rief Ljutow verwundert und hitzig aus. »Im Gegenteil, Lidotschka, ich habe ihm drei Rubel mehr gegeben und mich bedankt. Er ist klug. Unsere Bauern sind bewundernswürdig klug. Sie erteilen einem Lehren!«

Er blieb stehen, streichelte Lidas Hand, die auf seinem Handgelenk ruhte und lächelte glückselig:

»Jetzt sind Sie ja klug genug, nicht mehr an den Wels zu glauben, nicht wahr? Der Wels ist das wenigste an der Sache, Sie lieber Mensch . . .«

Von neuem brach er in ein Gelächter aus. Makarow und Alina beschleunigten ihren Schritt. Klim blieb zurück, musterte Turobojew und Warawka, die langsam auf das Landhaus zuschritten, setzte sich auf die Bank am Badesteg und verlor sich in ärgerliches Grübeln.

Ihm fiel ein, was Makarow gestern beiläufig hingeworfen hatte:

»Eine gesunde Psychik besitzest du, Klim! Du lebst für dich, wie ein Standbild auf einem Platz, rings um dich herum ist Lärm, Geschrei, Gepolter. Du aber bleibst kaltblütig, ohne Erregung.«

»Aber diese Worte besagen ja nur, daß ich es verstehe, mich nicht zu verraten. Doch diese Rolle des aufmerksamen Zuhörers und Beobachters von der Seite, vom Winkel her, ist meiner nicht mehr würdig. Ich muß endlich aktiver werden. Wenn ich jetzt vorsichtig anfange, den Menschen ihre Pfauenfedern auszurupfen, wird ihnen das heilsam sein. Jawohl. In einem Psalm heißt es: ›Lüge, um dich zu retten!‹ Gut, aber dann soll man es nur selten und ›um der Rettung willen‹ tun, aber nicht um miteinander zu spielen.«

Er dachte lange über diese Frage nach und wollte, als er sich kriegerisch gestimmt und zum Kampf gerüstet fühlte, zu Alina gehen, wo auch alle anderen, außer Warawka waren. Er besann sich jedoch, daß es für ihn Zeit war, in die Stadt zu fahren. Auf dem Wege zum Bahnhof, auf einer unbequemen und sandigen Straße, die an mit verkrüppeltem Kiefernholz bestandenen Hügeln vorbeiführte, verflüchtigte sich Klim Samgins kampfesmutige Stimmung bald. Seinen langen Schatten vor sich herstoßend, dachte er bereits daran, wie schwer es sei, mitten im Chaos fremder Gedanken, hinter denen unverständliche Gefühle lauerten, sich selbst zu suchen.

Zu Hause langte er eine halbe Stunde früher als das Ehepaar Spiwak an.

Seine Mutter empfing die Spiwaks hoheitsvoll, wie Beamte, die ihr zu ihrer persönlichen Verfügung attachiert waren. In trockenem Ton näselte sie französische Phrasen, wobei sie mit dem Lorgnon vor ihrem stark gepuderten Gesicht fuchtelte, und nahm erst selbst umständlich Platz, bevor sie die Gäste zum Sitzen aufforderte. Klim bemerkte, daß dieses gespreizte Gehabe der Mutter in den bläulichen Augen der Spiwak spöttische Fünkchen entzündete. Jelisaweta Lwowna erschien in ihrer ungewöhnlich weiten Mantille gealtert, mönchisch schlicht und nicht so interessant wie in Petersburg. Doch seine Nüstern kitzelte angenehm der vertraute Duft ihres Parfüms, und in seiner Erinnerung erklangen die schönen Worte:

»Von dir, von dir allein . . .«

Der kleine Pianist trug ein seltsames Damenmäntelchen, in dem er wie eine Fledermaus aussah. Er schwieg, als wäre er taub, und wiegte im Takt der Worte, die die Frauen wechselten, seine trübsinnige Nase. Samgin drückte wohlwollend seine heiße Hand. Es war so angenehm zu sehen, daß dieser Mann mit einem Gesicht, das stümperhaft aus gelbem Knochen gedrechselt zu sein schien, der schönen Frau an seiner Seite ganz unwürdig war. Als die Spiwak und die Mutter ein Dutzend liebenswürdiger Phrasen gewechselt hatten, seufzte Jelisaweta Spiwak und sagte:

»Es bedrückt mich sehr, Wera Petrowna, Ihnen bei unserer ersten Begegnung eine traurige Mitteilung machen zu müssen: Dmitri Iwanowitsch ist verhaftet.«

»O mein Gott!« rief die Samgin aus. Sie fiel auf die Lehne des Sessels zurück, ihre Wimpern zuckten, und die Spitze ihrer Nase rötete sich.

»Ja!« sagte die Spiwak laut. »Nachts kamen sie und holten ihn ab.«

»Und – Kutusow?« fragte Klim wütend.

Die Spiwak antwortete, Kutusow sei drei Wochen vor Dmitris Verhaftung zur Beerdigung seines Vaters in die Heimat gefahren.

Die Mutter legte vorsichtig, um den Puder nicht von den Wangen zu wischen, ihr Miniaturtüchlein an die Augen, aber Klim sah, daß für das Tüchlein keine Verwendung war. Ihre Augen waren ganz trocken.

»Mein Gott! Wofür nur!« fragte sie theatralisch.

»Ich glaube, es ist nichts Ernstes«, sagte in sehr sanftem, tröstendem Ton die Spiwak. »Man hat einen Bekannten Dmitri Iwanowitschs, den Lehrer einer Fabrikschule, und dessen Bruder, den Studenten Popow, festgenommen, – ich glaube, Sie kennen ihn?« wandte sie sich an Klim.

Samgin sagte trocken:

»Nein.«

Nachdem die Mutter diesem Ereignis eine Viertelstunde gewidmet hatte, fand sie, daß sie ihrer Betrübnis überzeugend Ausdruck verliehen habe, und bat ihre Gäste zum Tee in den Garten.

Lustig tummelten sich die Vögel, verschwenderisch blühten die Blumen. Der sammetfarbige Himmel erfüllte den Garten mit einem tiefen Leuchten, und im Glanz dieser Frühlingsfreude wäre es unschicklich gewesen, von traurigen Dingen zu reden. Wera Petrowna begann, Spiwak über Musik auszufragen. Er wurde augenblicklich lebhaft und berichtete, während er blaue Fäden aus seiner Krawatte zog und kleine Kommata in die Luft setzte, daß es im Westen keine Musik gebe.

»Dort gibt es nur Maschinen. Dort ist man vom Menuett und von der Gavotte zu folgendem herabgesunken.« Und er spielte mit Fingern und Lippen ein plattes Motiv.

»Rupf nicht die Krawatte«, bat ihn seine Frau.

Er legte gehorsam die Hände auf den Tisch wie auf eine Klaviatur. Den Zipfel seiner Krawatte tauchte er in den Tee. Verlegen wischte er sie mit dem Tuch ab und sagte:

»In Norwegen Grieg. Sehr interessant. Man sagt, er sei ein zerstreuter Mensch.«

Und verstummte. Die Frauen lächelten, in immer angeregterem Geplauder, einander zu. Doch Klim fühlte, daß sie sich gegenseitig mißfielen. Spiwak fragte ihn verspätet:

»Wie ist Ihre Gesundheit?«

Und als Klim ihm Erdbeeren anbot, lehnte er heiter ab:

»Ich bekomme davon Nesselfieber.«

Die Mutter bat Klim:

»Zeige Jelisaweta Lwowna den Flügel.«

»Eine merkwürdige Stadt«, sagte die Spiwak, die Klims Arm genommen hatte und irgendwie besonders behutsam über den Gartenweg schritt. »So gutherzig brummig. Dieses Gebrumme war das erste, was mir auffiel, sobald ich den Bahnhof verlassen hatte. Es muß hier wohl langweilig sein wie im Fegefeuer. Gibt es hier häufig Feuer? Ich fürchte mich vor Feuer.«

Die Papierschnitzel in den Zimmern des Flügels erinnerten Klim an den Schriftsteller Katin. Die Spiwak musterte sie flüchtig und sagte dann:

»Man wird sich behaglich einrichten können. Und das Fenster geht auf den Garten. Wahrscheinlich werden so kleine behaarte Käfer von den Apfelbäumen ins Zimmer krabbeln? Die Vögelchen werden früh am Morgen zwitschern? Sehr früh!«

Sie seufzte.

»Es gefällt Ihnen nicht?« fragte Klim mit Bedauern. Sie trat in den Garten hinaus und mit schöner Biegung des Halses lächelte sie ihn über die Schulter an.

»Nein, weshalb denn? Aber es wäre besonders gut für zwei unverheiratete alte Schwestern geeignet. Oder für – Jungvermählte. Setzen wir uns«, lud sie an der Bank unter einem Kirschbaum ein und schnitt eine reizende kleine Grimasse. »Mögen sie dort . . . handelseinig werden.«

Sie schaute sich um und fuhr nachdenklich fort:

»Ein wundervoller Garten. Auch der Flügel ist schön. Ja, für Jungvermählte! In dieser Stille lieben, soviel einem gegeben ist und dann . . . Übrigens, Sie sind ein Jüngling, Sie werden mich nicht verstehen«, schloß sie plötzlich mit einem Lächeln, das Klim durch seine Zweideutigkeit ein wenig verwirrte. Barg sich Spott darin oder Herausforderung?

Nach einem Blick in den Himmel, fragte die Spiwak, während sie Blätter von einem Kirschzweig abzupfte:

»Wie lebt man eigentlich hier im Winter? Theater, Karten, kleine Romane aus Langerweile, Klatsch – wie? Ich würde es vorziehen, in Moskau zu leben, man würde sich nicht sobald an die Stadt gewöhnen. Haben Sie sich noch keine Gewohnheiten zugelegt?«

Klim staunte. Er hatte nicht geahnt, daß diese Frau so einfach scherzen konnte. Gerade Einfachheit war das letzte, was er bei ihr erwartete. In Petersburg erschien die Spiwak verschlossen, gefesselt durch schwere Gedanken. Es war wohltuend, daß sie mit ihm wie mit einem alten und lieben Bekannten sprach. Unter anderem fragte sie, ob der Flügel mit oder ohne Brennholz vermietet würde und richtete dann noch ein paar sehr praktische Fragen an ihn – dies alles leichthin, nebenher.

»Das Porträt über dem Flügel – ist das Ihr Stiefvater? Er hat den Bart eines sehr reichen Mannes.«

Klim sah ihr forschend ins Gesicht und sagte, Turobojew würde bald herkommen.

»So?«

»Er verkauft sein Land.«

»Aha.«

Klim fühlte, daß ihr gelassener Ton ihn freute. Froh machte ihn auch, daß sie, als sie ihn mit ihrem Ellenbogen anstieß, sich nicht entschuldigte.

Zu ihnen kam die Mutter, an ihrer Seite Spiwak. Er schwang die Flügel seines Mäntelchens, als versuche er sich über den Erdboden zu erheben, und sagte:

»Das wird in Nonen geschrieben sein, ganz tief: tumtumm . . .«

Seine Frau machte der Musik rücksichtslos ein Ende, indem sie mit Wera Petrowna über den Flügel sprach. Sie entfernten sich, während Spiwak sich zu Klim setzte und mit ihm in ein Gespräch eintrat, das er mit Redewendungen aus der Grammatik unterhielt:

»Ihre Mutter ist ein angenehmer Mensch. Sie versteht etwas von Musik. Ist der Friedhof weit von hier? Ich liebe alles Elegische. Bei uns sind die Friedhöfe das Schönste. Alles, was mit dem Tod zusammenhängt, ist bei uns vortrefflich.«

In die Pausen zwischen seinen Phrasen mischten sich die Stimmen der Frauen.

»Habe ich nicht recht?« fragte herrisch die Spiwak.

»Ich werde es Ihnen machen lassen.«

»Sind wir fertig?«

»Ja.«

Einige Minuten später – er hatte inzwischen die Spiwaks hinausbegleitet und kehrte nun in den Garten zurück – fand er seine Mutter immer noch unter dem Kirschbaum. Sie saß mit auf die Brust geneigtem Kopf da und hielt die Arme hinter sich auf die Lehne der Bank gestützt.

»Mein Gott, das scheint keine sehr angenehme Dame zu sein!« sagte sie mit müder Stimme. »Ist sie Jüdin? Nein? Merkwürdig, sie ist so praktisch. Feilscht wie auf dem Markt. Übrigens sieht sie auch nicht wie eine Jüdin aus. Hattest du nicht auch den Eindruck, daß sie die Nachricht über Dmitri mit einem Schatten von Vergnügen mitteilte? Gewissen Leuten gefällt es sehr, Überbringer schlechter Nachrichten zu sein.«

Voll Verdruß schlug sie sich mit der Faust aufs Knie.

»Ach Dmitri, Dmitri! Jetzt werde ich nach Petersburg fahren müssen.«

Rosenfarbiges Zwielicht füllte den Garten und färbte die weißen Blüten. Die Wohlgerüche wurden berauschender. Die Stille verdichtete sich.

»Ich gehe jetzt mich umziehen. Du warte hier auf mich. In den Zimmern ist es schwül.«

Klim sah ihr feindselig nach. Das, was die Mutter über die Spiwak gesagt hatte, widersprach in grausamer Weise seinem eigenen Eindruck. Aber sein Mißtrauen gegen die Menschen, das immer erregbarer wurde, klammerte sich fest an die Worte der Mutter, und Klim grübelte, Worte, Gesten und Lächeln der sympathischen Frau rasch prüfend. Die freundliche Stille stimmte ihn lyrisch und ließ ihn in dem Betragen der Spiwak nichts finden, was geeignet war, das Urteil der Mutter zu rechtfertigen. Sanft regten sich andere Gedanken: war Jelisaweta im Flügel eingezogen, so würde er ihr den Hof machen und von der unbegreiflichen, qualvollen Schwäche für Lida geheilt werden.

Die Mutter kehrte in einer sonnenfarbigen, mit silbernen Schnallen geschlossenen Kapotte und weichen Schuhen zurück. Sie schien wunderbar verjüngt.

»Glaubst du nicht, daß die Verhaftung deines Bruders auch für dich Folgen haben könnte?« fragte sie leise.

»Weshalb?«

»Ihr habt zusammen gelebt.«

»Das bedeutet noch nicht, daß wir solidarisch sind.«

»Gewiß, aber . . .«

Sie schwieg und glättete mit den Fingern die Fältchen an den Schläfen. Plötzlich sagte sie mit einem Seufzer:

»Diese Spiwak hat eine gute Figur. Nicht einmal ihre Schwangerschaft entstellt sie.«

Klim zuckte vor Überraschung zusammen und fragte schnell:

»Ist sie schwanger? Hat sie es dir erzählt?«

»Mein Gott, ich sehe es doch selbst. Bist du intim mit ihr bekannt?«

»Nein«, sagte Klim. Er nahm die Brille ab, damit er, um die Gläser abzureiben, den Kopf vorbeugen mußte. Er wußte, daß er ein böses Gesicht hatte und wünschte nicht, daß die Mutter es sah. Er fühlte sich betrogen, geplündert. Ihn betrogen alle: die gedungene Margarita, die schwindsüchtige Nechajew, ihn betrog auch Lida, die sich nicht so gab, wie sie in Wahrheit war. Endlich hatte ihn nun auch die Spiwak betrogen: er konnte nicht mehr so gut von ihr denken, wie vor einer Stunde.

»Wie mitleidlos muß man sein, was für ein kaltes Herz muß man haben, um seinen kranken Mann hintergehen zu können«, dachte Klim empört. »Und die Mutter – wie rücksichtslos, wie roh drängt sie sich in mein Leben.«

»O Gott!« seufzte die Mutter.

Klim sah sie scheel von der Seite an. Sie saß in steifer Haltung da, Ihr trockenes Gesicht verzog sich trübsinnig. Es war das Gesicht einer alten Frau. Ihre Augen standen weit offen, und sie biß die Lippen zusammen, als halte sie gewaltsam einen Schrei des Schmerzes zurück. Klim war erbittert auf sie, aber ein Teilchen seines Bedauerns für sich selbst übertrug sich auf diese Frau. Er fragte ganz leise:

»Bist du traurig?«

Sie schrak zusammen und bedeckte ihre Augen.

»In meinem Alter gibt es wenig Heiteres.«

Sie befreite mit zitternder Hand ihren Hals von dem Kragen der Kapotte und sagte im Flüsterton:

»Irgendwo in der Nähe wartet auf dich schon eine Frau . . . ein Mädchen . . . Du wirst sie lieben . . .«

In ihrem Geflüster vernahm Klim etwas Ungewohntes, es war ihm, als würde sie, die immer stolz und beherrscht war, gleich anfangen zu weinen. Er konnte sie sich weinend nicht denken.

»Du mußt nicht davon sprechen, Mama.«

Sie rieb bebend ihre Wange an seiner Schulter und, als ersticke sie an einem trocknen Husten oder einem mißglückten Lachen, flüsterte sie:

»Ich verstehe nicht, davon zu reden, aber ich muß es endlich. Von Großmütigkeit, von Barmherzigkeit für eine Frau! Jawohl! Von Barmherzigkeit. Sie ist das einsamste Geschöpf auf der Welt, die Frau, die Mutter. Warum? Einsam bis zum Wahnsinn. Ich rede nicht von mir allein, nein . . .«

»Soll ich dir Wasser bringen?« fragte Klim und begriff sogleich, daß er eine Dummheit begangen hatte. Er wollte sie sogar umarmen, aber sie wankte zurück und versuchte zitternd ein Schluchzen zurückzuhalten. Und immer heißer, immer erbitterter klang ihr Flüstern:

»Nur Stunden zum Lohn für Tage, Nächte, Jahre der Einsamkeit.«

»Das sagte die Nechajew«, erinnerte Klim sich.

»Der Stolz, den man so grausam verachtet. Die gewohnte – begreife – die gewohnte Abneigung, liebevoll, freundschaftlich in die Seele des anderen hineinzublicken. Ich sage nicht das Richtige, aber dafür findet man keine Worte . . .«

»Und du sollst auch nicht«, wünschte Klim ihr zu sagen. »Du sollst nicht, es erniedrigt dich. So sprach zu mir ein schwindsüchtiges, häßliches Mädchen.«

Aber für seine Großmut fand sich keine Gelegenheit. Die Mutter flüsterte keuchend:

»Heulen müßte man. Aber dann nennen sie einen eine Hysterikerin. Raten einem zum Arzt, zu Brom, zu Wasser.«

Der Sohn streichelte ratlos die Hand der Mutter und schwieg, da er keine Worte des Trostes fand, während er fortfuhr zu denken, wie vergebens sie das alles sagte. Sie hatte in der Tat ein hysterisches Lachen, und ihr Flüstern war so grauenhaft trocken, als platze und reiße die Haut ihres Körpers.

»Du mußt wissen: alle Frauen leiden unheilbar an Einsamkeit. Sie ist die Ursache für alles, was euch Männern unverständlich ist, für unsere Untreue und . . . für alles! Niemand von euch sucht und dürstet so sehr nach Herzlichkeit wie wir.«

Klim, der einsah, daß es notwendig war, sie zu trösten, murmelte:

»Weißt du, sehr originell denkt über die Frauen Makarow . . .«

»Unser Egoismus ist keine Sünde«, fuhr die Mutter, ohne ihn zu hören, fort, »Dieser Egoismus kommt von der Kälte des Lebens, davon, daß alles schmerzt: Seele, Leib, Knochen . . .«

Aber plötzlich sah sie ihren Sohn an, rückte von ihm weg, verstummte und sah in das grüne Netz der Bäume. Eine Minute später steckte sie eine Haarsträhne, die ihr über die Wange geglitten war, zurecht, stand von der Bank auf und ließ ihren Sohn – zerwühlt von dieser Szene – allein.

»Natürlich kommt das davon, daß sie altert und an Eifersucht leidet«, dachte er stirnrunzelnd und schaute auf die Uhr. Die Mutter hatte mit ihm nicht länger als eine halbe Stunde verbracht, aber es schien, als wären zwei Stunden vergangen. Es war peinlich zu fühlen, daß sie innerhalb dieser halben Stunde in seinen Augen eingebüßt hatte. Wieder einmal mußte Klim Samgin sich davon überzeugen, daß man in jedem Menschen einen primitiven Mast bloßlegen konnte, an dem er die Flagge seiner Originalität hißte.

Früh am anderen Tag erschien überraschend Warawka – angeregt, mit funkelnden Äuglein, unanständig zerzaust. Die ersten Worte Wera Petrownas waren:

»Wie, hat dieses Fräulein oder diese Dame ein Sommerhaus gemietet?«

»Welches Fräulein?« wunderte sich Warawka.

»Ljutows Bekannte?«

»Ich habe keine gesehen. Dort – sind zwei: Lida und Alina. Und drei Kavaliere, der Teufel soll sie holen!«

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