Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maxim Gorki >

Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
Schließen

Navigation:

Es war schwer zu verstehen, was denn eigentlich das Volk war. Einst im Sommer fuhr Klim mit dem Großvater zum Jahrmarkt in ein Kirchdorf. Die riesige Menge festlich gekleideter Bauern und Bäuerinnen, der Überfluß an angeheiterten, ausgelassenen und gutmütigen Menschen setzten Klim in Erstaunen. In Versen, die der Vater ihn auswendig lernen und den Gästen vortragen ließ, fragte Klim den Großvater:

»Wo ist denn das wirkliche Volk, das da stöhnt auf den Fluren, auf den Straßen und im Kerker, das unterm Wagen nächtigt in der Steppe?«

Der alte Mann lachte, wies mit dem Stock auf die Menschen und sagte:

»Da ist es ja, kleiner Schafskopf!«

Klim blieb ungläubig. Doch als in der Vorstadt die Häuser brannten und Tomilin Klim hinführte, um sich die Feuersbrunst anzusehen, wiederholte der Knabe seine Frage. Im dichten Gedränge fand sich kein einziger, der pumpen wollte. Die Polizisten holten ärmlich gekleidete Menschen beim Kragen aus der Menge heraus und trieben sie mit Faustschlägen an die Pumpen.

»Das ist ein Volk«, knurrte der Lehrer und verzog das Gesicht.

»Ist denn dies das Volk?« fragte Klim.

»Wer denn sonst meinst du?«

»Und die Feuerwehr ist auch das Volk?«

»Natürlich. Doch keine Engel.«

»Warum löscht denn nur die Feuerwehr den Brand und nicht das Volk?«

Tomilin sprach lange und ermüdend von Zuschauern und Tatmenschen, doch Klim, der es aufgab, etwas zu verstehen, wünschte Auskunft:

»Und wann stöhnt das Volk?«

»Ich erzähle es dir später«, versprach der Lehrer und – vergaß es.

Das Wichtigste und Unangenehmste über das Volk erzählte Klim dem Vater. In der Dämmerung eines Herbstabends lag er halb ausgezogen und flaumweich wie ein Küken behaglich auf dem Sofa – er konnte sich wunderbar behaglich hinkuscheln. Klim bettete seinen Kopf auf die wollige Brust des Vaters und streichelte mit der flachen Hand die sämischledernen Wangen des Vaters, die straff waren wie ein neuer Gummiball. Der Vater fragte, wovon die Großmutter heute in der Religionsstunde gesprochen habe.

»Von Abrahams Opfer.«

Klim berichtete, wie Gott Abraham befohlen habe, Isaak zu schlachten, aber als Abraham ihn schlachten wollte, sprach Gott: nein, es ist nicht nötig, schlachte lieber einen Widder. – Der Vater lachte ein wenig, umarmte den Sohn und erklärte dann, wie diese Geschichte zu verstehen war.

»Al-le-go-risch. Gott – ist das Volk. Abraham ist der Führer des Volkes. Seinen Sohn opfert er nicht Gott, sondern dem Volke. Siehst du, wie einfach das ist?«

Ja, das war sehr einfach, aber es mißfiel dem Knaben. Er dachte nach und fragte dann:

»Du sagst doch aber, das Volk ist ein Dulder?«

»Nun ja. Darum verlangt es auch Opfer. Alle Dulder verlangen Opfer, – alle und zu allen Zeiten.«

»Wozu?«

»Kleiner Dummbart! Um nicht zu leiden, will sagen, um das Volk zu lehren, wie es leben kann, ohne zu leiden. Christus ist gleichfalls Isaak, Gott-Vater opferte ihn dem Volk. Verstehst du: hier haben wir dasselbe Märchen von Abrahams Opferdarbringung.«

Klim dachte wieder nach und fragte dann vorsichtig:

»Bist du ein Führer des Volkes?«

Diesmal war es der Vater, der mit zugekniffenen Augen nachdenken mußte. Doch überlegte er nicht lange:

»Siehst du, jeder von uns ist Isaak. Ja. Zum Beispiel Onkel Jakow, der verbannt ist, Maria Romanowna, überhaupt unsere Bekannten. Na, nicht alle, aber die meisten Gebildeten haben die Pflicht, ihre Kräfte dem Volk zu opfern.«

Der Vater redete noch lange, doch der Sohn hörte ihm nicht mehr zu, und seit diesem Abend erstand das Volk in ganz neuer Beleuchtung vor ihm, weniger nebelhaft, dafür aber noch drohender als vordem.

Und überhaupt: je weiter er in die Gedankenwelt der Erwachsenen vordrang, desto schwieriger wurde es, sie zu verstehen, desto schwerer, ihnen zu glauben. Der »richtige Greis« war überaus stolz auf seine Waisenschule und erzählte sehr fesselnd von ihr. Doch da nahm er die Enkel zur Weihnachtsbescherung in diese gelobte Schule mit, und Klim erblickte ein paar Dutzend magerer kleiner Knaben, die man in blau und weiß gestreifte Anzüge gesteckt hatte, wie er sie bei weiblichen Sträflingen gesehen hatte. Alle Knaben waren kahl geschoren, viele hatten von Skrofeln zerfressene Gesichter, und alle sahen aus wie lebende Zinnsoldaten. Sie waren in drei Reihen hufeisenförmig um den häßlichen Christbaum herum aufgestellt und starrten ihn gierig, erschrocken und dumm an. Bald erschien ein feistes Männchen mit kahlem Schädel und gelbem Gesicht ohne Bart und Augenbrauen, so daß man glauben konnte, es sei ebenfalls ein abstoßend aufgedunsener Knabe. Er winkte mit den Armen, und alle Gestreiften begannen verzweiflungsvoll zu singen:

Ach du Freiheit, meine Freiheit,
Goldene Freiheit du!

Mit weit aufgerissenen Mäulern, wie Fische auf dem Trocknen, priesen die Knaben den Zaren:

Traun er weiß gewiß, der Teure,
Um unser graues Leben, unsere bittere Not.
Er hat gewiß gesehen, unser Ernährer,
Die Träne des Kummers in unseren Augen.

Das war ohrenbetäubend, und als die Knaben ihren Gesang beendet hatten, wurde es drückend im Saal. Der »richtige Greis« wischte sich mit dem Tuch das schweißnasse Gesicht, Klim schien, daß außer dem Schweiß auch Tränen über die Wangen seines Großvaters rannen. Man wartete die Bescherung nicht ab, Klim hatte Kopfschmerzen bekommen. Unterwegs fragte er den Großvater:

»Lieben die den Zaren?«

»Versteht sich«, erwiderte der Großvater, fügte aber sofort ärgerlich hinzu: »Pfefferkuchen lieben sie.«

Und, nach einigem Schweigen:

»Essen lieben sie.«

Es war peinlich zu glauben, daß der Großvater ein Großmaul war, aber Klim mußte es annehmen.

Die Großmutter, dick und würdig, in einem Morgenrock aus rotem Kaschmir, blickte auf alles durch ihre goldene Lorgnette und sagte mit gedehnter vorwurfsvoller Stimme:

»In meinem Hause . . .«

In ihrem Hause war alles bemerkenswert und märchenhaft gut gewesen, aber der Großvater glaubte ihr nicht und brummte spöttisch, während seine dürren Finger in den beiden Hälften seines grauen Backenbartes wühlten:

»Ihr Haus, Sofia Kirillowna, muß das reinste Paradies gewesen sein.«

Die massige Nase der Großmutter lief vor Kränkung rot an, und die Alte schwebte langsam, gleich einer Wolke im Abendrot, davon. Stets trug sie ein französisches Buch in der Hand, in dem ein grünseidenes Lesezeichen steckte. Auf das Lesezeichen waren schwarz die Worte gestickt:

»Gott weiß – der Mensch ahnt nur.«

Niemand liebte die Großmutter. Klim, der dies sah, kam darauf, daß er nicht schlecht daran täte, wenn er zeigte, daß er als Einziger die einsame Greisin liebe. Willig hörte er ihre Geschichten von dem geheimnisvollen Haus. Aber an seinem Geburtstag führte ihn die Großmutter in eine entlegene Straße der Stadt, in die Tiefe eines weiten Hofes und zeigte ihm ein plumpes, graues und verwittertes Gebäude, mit fünf, von drei Säulen geteilten Fenstern, einem verfallenen Söller und einem Zwischengeschoß mit einer Front von zwei Fenstern.

»Dies ist mein Haus.«

Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, der Hof mit einem Haufen zerschlagener Fässer und Flaschenkörbe vollgeworfen und mit Flaschenscherben besät. In der Mitte des Hofes kauerte ein Hund, beschäftigt, sich Kletten aus dem Schwanz zu beißen. Und das alte Männchen auf dem Bild aus dem Klim längst langweilig gewordenen Märchen »Vom Fischer und dem Fischlein« – derselbe Greis, zottelhaarig wie ein Köter, hockte auf den Söllerstufen und kaute Brot mit Schnittlauch.

Klim wollte die Großmutter daran erinnern, daß sie ihm von einem ganz anderen Haus erzählt habe, doch als er ihr ins Gesicht blickte, fragte er:

»Warum weinst du?«

Die Großmutter wischte sich die Tränen mit einem Spitzentüchlein aus den Augen und gab keine Antwort.

Ja, alles war nicht so, wie die Erwachsenen erzählten. Klim schien, den Unterschied verstanden nur zwei Menschen, er und Tomilin, die »Persönlichkeit mit unbekannter Bestimmung«, wie Warawka den Lehrer nannte.

Im Lehrer sah Klim etwas Geheimnisvolles. Er war klein, eckig, hatte ein gespaltenes rotes Bärtchen und kupferbraunes Haar, das ihm auf die Schultern fiel. Der Lehrer blickte starr und gleichsam aus weiter Ferne auf die Dinge. Seine Augen waren seltsam: im Weiß von trüb-milchiger Farbe erschienen die stark gekrümmten goldgesprenkelten Pupillen wie aufgeklebt. Tomilin ging im blauen Ballon eines Hemdes aus besonders rauhem Stoff, in schweren Bauernstiefeln und schwarzen Hosen. Sein Gesicht erinnerte an eine Ikone. Das merkwürdigste an ihm waren seine abstoßend roten, ängstlichen Hände. In der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft glaubte Klim, der Lehrer sei halbblind, sehe die Dinge nicht so, wie sie waren, bald größer und bald kleiner, und berühre sie daher so behutsam, daß es geradezu komisch war, es mitanzusehen. Aber der Lehrer trug keine Brille, und immer war er es, der aus den violetten Heften vorlas, unschlüssig blätternd, als erwarte er, daß das Papier sich unter seinen glühenden Fingern entzünde.

Nach dem Tee, wenn das Dienstmädchen Malascha das Geschirr abgetragen hatte, stellte der Vater zwei Stearinkerzen vor Tomilin auf. Alle setzten sich um den Tisch. Warawka schnitt eine Grimasse, als solle er Lebertran einnehmen und fragte übellaunig:

»Was, schon wieder die Weisheiten des erlauchten Grafen?«

Darauf verkroch er sich hinter den Flügel, ließ sich dort in einen Ledersessel fallen, zündete sich eine Zigarre an, und hohl tönten im Rauch seine Worte:

»Kindereien. Der gnädige Herr belieben zu scherzen.«

»Auch ein Denker!« blökte, ebenfalls mißbilligend, der Doktor, während er sein Bier schlürfte.

Der Doktor sah unsympathisch aus, als habe er lange im Keller gelegen, sei muffig geworden, habe am ganzen Körper schwarzen Schimmel angesetzt und ärgere sich jetzt über alle. Er konnte wohl nicht klug sein, hatte er sich doch nicht einmal eine hübsche Frau ausgesucht: die seine war klein, häßlich und böse. Sie sprach selten und karg, nur zwei oder drei Worte, dann schwieg sie wieder eine lange Zeit und starrte in die Ecke. Mit ihr stritt man nicht, als wäre sie nicht da. Zuweilen kam es Klim so vor, als vergesse man sie absichtlich, weil man sie fürchte. Ihre gesprungene Stimme beunruhigte Klim beständig, denn sie zwang ihn zu lauern, daß diese spitznasige Frau etwas Sonderbares sagte, und das tat sie auch manches Mal.

Einmal geriet Warawka plötzlich in Wut, schlug mit der klobigen Handfläche auf den Deckel des Flügels und sagte geifernd wie ein Diakon:

»Unsinn! Jede vernünftige Tat des Menschen wird unvermeidlich eine Vergewaltigung seines Nächsten oder seiner selbst sein.«

Klim erwartete, daß Warawka »Amen!« sagte, doch kam er nicht mehr zu Worte, denn jetzt knurrte der Doktor:

»Der Graf spielt den Naiven. Hat Darwin nicht gelesen.«

»Darwin ist – der Teufel«, sagte laut seine Frau. Der Doktor schlug jäh mit dem Kopf nach vorn, als habe er einen Genickstoß erhalten, und brummte leise in den Bart:

»Bileams Eselin.«

Maria Romanowna schrie Warawka an, doch durch ihr zorniges Geschrei hindurch vernahm Klim die eigensinnige Stimme der Doktorsfrau:

»Er hat uns eingeschärft, Gesetz des Lebens sei das Böse.«

»Genug, Anna!« knurrte der Doktor, der Vater aber begann mit dem Lehrer über irgendeine Hypothese und einen Malthus zu streiten. Warawka stand auf und ging, die Rauchschlange seiner Zigarre hinter sich herziehend, hinaus.

Warawka war für Klim der Interessanteste und Verständlichste. Er verheimlichte nicht, daß er viel lieber Préférence spielte, als zuhörte, wenn vorgelesen wurde. Klim fühlte, daß auch sein Vater lieber Karten spielte als zuhörte, aber der Vater gestand es niemals ein. Warawka wußte so gut zu sprechen, daß seine Worte sich im Gedächtnis ansammelten wie Fünfer im Spartopf. Als Klim ihn fragte, was das sei – eine »Hypothese«, antworte er prompt:

»Das ist der Hund, mit dem man auf die Wahrheit Jagd macht.«

Er war lustiger als alle anderen Erwachsenen und gab allen komische Spitznamen.

Klim wurde gewöhnlich zu Bett geschickt, bevor man mit dem Lesen oder dem Préférencespiel begann, doch der Junge sträubte sich immer und bettelte:

»Noch ein bißchen, ein ganz kleines bißchen!«

»Nein, wie er die Gesellschaft der Erwachsenen liebt!« staunte der Vater, und nach diesen Worten ging Klim ruhig in sein Zimmer. Er wußte, er hatte seinen Willen durchgesetzt und die Erwachsenen genötigt, sich noch einmal mit ihm zu beschäftigen.

Manchmal jedoch bat der Vater:

»Sag doch einmal das Gedicht »Betrachtung« auf, vom Vers

»Du, der das Leben beneidenswert wähnt . . .«

an.

Klim reckte die rechte Hand in die Luft, hielt die linke an den Hosengurt und las mit tragisch verfinstertem Gesicht:

Sättigung mit schamlosem Schmeichlerwort
Müßiggang, Prassen und Spiel. Erwache!

Warawka lachte Tränen, die Mutter lächelte gezwungen, und Maria Romanowna flüsterte ihr prophetisch zu:

»Der wird ein ehrlicher Mensch!«

Klim sah, daß die Erwachsenen ihn immer höher über die anderen Kinder stellten, das tat wohl. Doch er hatte schon Augenblicke, wo er fühlte, daß die Beachtung der Erwachsenen ihn störte. Es gab Stunden, wo auch er so selbstvergessen spielen wollte und konnte, wie der beschopfte, adlernasige Boris Warawka und dessen Schwester, wie sein Bruder Dmitri und die weißblonden Töchter Doktor Somows. Genau wie sie wurde er trunken von Erregung und ging im Spiel auf. Doch kaum merkte er, daß einer der Erwachsenen ihn sah, wurde er sofort nüchtern, – aus Furcht, die Freude am Spielen stoße ihn in die Reihe der gewöhnlichen Kinder zurück. Ihm schien immer, die Erwachsenen beobachteten ihn und forderten von ihm besondere Worte und Taten.

Gleichzeitig mußte er wahrnehmen, daß alle Kinder immer unverhüllter zeigten, daß sie ihn nicht liebten. Sie betrachteten ihn neugierig wie einen Fremden und erwarteten gleich den Erwachsenen irgendwelche Kunststücke von ihm. Doch seine weisen Reden und Sprüche erregten bei ihnen nur spöttisches Frösteln, Mißtrauen und manchmal Feindseligkeit. Klim ahnte, daß sie ihm seinen Ruhm, den Ruhm eines Knaben mit außerordentlichen Gaben, neideten, doch es kränkte ihn trotzdem und rief bald Trauer und bald Ärger in ihm hervor. Er hatte den Wunsch, das Übelwollen der Kameraden zu besiegen, sah aber keinen anderen Weg, als um so eifriger die Rolle weiterzuspielen, die die Erwachsenen ihm aufgezwungen hatten. Er versuchte, Befehle zu geben, Belehrungen auszuteilen und stieß auf den erbitterten Widerstand Boris Warawkas. Dieser gewandte, tollkühne Junge schreckte Klim durch seinen herrischen Charakter. Seine Einfälle hatten stets etwas Waghalsiges, Schwieriges, doch er zwang alle, sich ihm zu fügen, und teilte sich selbst bei allen Spielen die Hauptrolle zu. Er versteckte sich an unzugänglichen Orten, kletterte wie eine Katze auf Dächern und Bäumen. Aalglatt, wie er war, ließ er sich niemals fangen. Endlich ergab sich die gegnerische Partei erschöpft, und Boris höhnte dann:

»Wie, verloren? Ihr ergebt euch? Ihr seid Helden!«

Klim kam es so vor, als denke Boris nie über etwas nach und wisse immer schon vorher, was getan werden mußte. Nur ein einziges Mal gab er sich, aufgebracht durch die Schlappheit seiner Spielgefährten, Träumereien hin:

»Im Sommer schaff' ich mir anständige Feinde an, die Jungens aus dem Asyl oder aus der Ikonenwerkstatt und kämpfe mit ihnen, euch aber laß ich laufen.«

Klim fühlte, der kleine Warawka haßte ihn zäher und offener als die anderen Kinder. Er hatte Lida Warawka gern, – ein schmales Mädel, bräunlich, mit großen Augen unter einer zerzausten Kapuze schwarzer Locken. Sie lief erstaunlich gut und flog über dem Erdboden weg, als berühre sie ihn nicht. Niemand als ihr Bruder konnte sie fangen oder einholen, und, wie der Bruder, nahm sie sich stets die erste Rolle. Wenn sie sich stieß, Arme und Beine zerkratzte, die Nase blutig schlug, weinte oder jammerte sie nicht wie die Somow-Mädchen. Aber sie war krankhaft empfindlich gegen Kälte, liebte Schatten und Dunkelheit nicht und war bei schlechtem Wetter unausstehlich. Im Winter schlief sie ein wie eine Fliege, hockte tagelang in den vier Wänden, ohne an die Luft zu gehen und beklagte sich zornig über Gott, der sie so ganz grundlos kränke und Regen, Wind und Schnee auf die Erde schicke.

Von Gott sprach sie wie von einem lieben alten Mann, ihrem guten Bekannten, der irgendwo in der Nähe lebte, alles machen konnte, was er wollte, aber alles oft nicht so machte, wie es nötig war.

»Es gibt keinen Gott«, erklärte Klim. »Nur Greise und alte Weiber glauben an ihn.«

»Ich bin kein altes Weib und Pawlja ist auch noch jung«, widersprach Lida ruhig. »Ich und Pawlja lieben ihn sehr, Mama aber ärgert sich sehr, weil er sie ungerecht bestraft hat, und sie sagt, Gott spielt mit den Menschen wie Boris mit seinen Bleisoldaten.«

Lida schilderte ihre Mutter als Märtyerin. Man brannte ihr den Rücken mit glühenden Eisen, spritzte ihr Arzneien unter die Haut und peinigte sie auf jede Art.

»Papa will, sie soll ins Ausland reisen, aber sie will nicht, sie hat Angst, daß Papa ohne sie umkommt. Natürlich kann Papa überhaupt nicht umkommen. Aber er widerspricht ihr nicht, er sagt, Kranke denken sich immer gräßliche Dummheiten aus, weil sie Angst vor dem Sterben haben.«

In der Gesellschaft dieses kleinen Mädchens war Klim leicht und wohl, so wohl, wie wenn er den Märchen der Kinderfrau lauschte. Klim begriff, daß Lida in ihm nicht den hervorragenden Knaben sah. In ihren Augen wuchs er nicht, sondern blieb so klein wie vor zwei Jahren, als Warawkas eingezogen waren. Er wurde verlegen und unwillig, wenn er bemerkte, wie das Mädchen ihn wieder in die Welt des Kindlichen und Dummen hinabzog, aber es gelang ihm nicht, sie von seiner Bedeutung zu überzeugen. Das war schon aus dem Grunde schwer, weil Lida eine geschlagene Stunde reden konnte, aber ihm selbst nicht zuhörte und auf seine Fragen keine Antwort gab.

Am Abend, wenn sie vom Spielen ermattet war, wurde sie oft still. Die freundlichen Augen weit geöffnet, so ging sie im Hof und im Garten umher und streifte behutsam mit ihren geschmeidigen Füßen die Erde, als suche sie etwas Verlorenes.

»Komm, wir wollen uns hinsetzen«, schlug sie Klim vor.

In einem Winkel des Hofes, zwischen dem Pferdestall und der Steinwand eines kürzlich erbauten Nachbarhauses verkümmerte ohne Sonne ein hoher Ahornbaum. An seinem Stamm waren alte Bretter und Balken aufgeschichtet, auf ihnen lag in gleicher Höhe mit dem Dach des Pferdestalls der aus Weidenruten geflochtene Schlitten von Großvaters Kutsche. In diesen Wagenschlitten kletterten Klim und Lida und saßen dort lange in traulichem Gespräch beieinander. Das Mädchen fröstelte und schmiegte sich innig an Samgin, und es erfüllte ihn mit besonders wohligem Behagen, ihren festen, sehr heißen Körper zu fühlen und ihre nachdenkliche, spröde Stimme zu hören.

Ihre Stimme war arm. Klim schien, sie schwinge nur zwischen den Noten f und g. Und mit seiner Mutter fand er, daß das Mädchen zu viel für ihr Alter wisse.

»Das mit dem Klapperstorch und dem Kohl ist ein Märchen«, sagte sie. »Das erzählen sie nur, weil sie sich schämen, Kinder zu kriegen. Aber die Mamas kriegen doch welche, genau wie die Katzen, ich habe es gesehen und Pawlja hat es mir erzählt. Wenn mir erst Brüste gewachsen sind wie bei Mama und Pawlja, werde ich auch einen Jungen und ein Mädchen gebären, solche wie ich und du. Gebären ist notwendig, sonst sind es immer dieselben Menschen, und wenn sie gestorben sind, bleibt überhaupt niemand übrig. Dann müssen auch die Katzen und die Hühner sterben, denn wer soll sie füttern? Pawlja sagt, Gott verbietet nur den Nonnen und den Gymnasiastinnen das Kinderkriegen.«

Besonders oft und viel und immer etwas Neues erzählte Lida von ihrer Mutter und dem Dienstmädchen Pawlja, einer rotbäckigen, lustigen Dicken.

»Pawlja weiß alles, sogar mehr als Papa. Pawlja und Mama singen leise Lieder, und beide weinen dabei, und Pawlja küßt Mamas Hände. Mama weint sehr viel, wenn sie Madeira getrunken hat, weil sie krank ist und böse. Sie sagt: ›Gott hat mich böse gemacht.‹ Und es gefällt ihr nicht, daß Papa mit anderen Damen und mit deiner Mama bekannt ist. Sie mag überhaupt keine Damen leiden, nur Pawlja, aber die ist ja keine Dame sondern eine Soldatenfrau.«

Wenn sie erzählte, schloß sie ihre Finger fest zusammen und schlug, sich wiegend, mit ihren kleinen Fäusten auf die Knie. Ihre Stimme erklang immer leiser, immer müder, zuletzt sprach sie wie im Halbschlaf, und Klim wurde von einem Gefühl der Trauer ergriffen.

»Bevor Mama erkrankte, war sie eine Zigeunerin, und es gibt sogar ein Bild von ihr, darauf hat sie ein rotes Kleid an und eine Gitarre in der Hand. Ich werde ein bißchen ins Gymnasium gehen und dann auch zur Gitarre singen, aber in einem schwarzen Kleid.«

Manchmal regte sich in Klim der Wunsch, dem Mädchen zu widersprechen, mit ihr zu streiten, doch er wagte es nicht, denn er fürchtete, daß Lida zornig werden könnte. Da er fand, daß sie das netteste unter den Mädchen war, die er kannte, war er stolz darauf, daß sie ihn besser behandelte als die übrigen Kinder, und als die launische Lida ihm einmal untreu wurde und Ljuba Somow mit auf den Wagenschlitten nahm, fühlte Klim sich schwer getroffen und verraten und weinte zornige Tränen der Eifersucht.

Die Somowmädchen schienen ebenso unangenehm und dumm zu sein wie ihr Vater. Die eine war ein Jahr älter als die andere. Beide waren kurzbeinig und dick und hatten Gesichter, rund und flach wie Untertassen. Wera, die Ältere, unterschied sich von ihrer Schwester nur darin, daß sie immer krank war und Klim nicht so häufig unter die Augen kam. Die Jüngere nannte Warawka »die weiße Maus«, die Kinder gaben ihr den Spitznamen Ljuba-Clown. Ihr weißes Gesicht war gleichsam mit Mehl bestreut, die wässerigen blaugrauen Augen verschwanden hinter den roten Polstern der entzündeten Lider, die farblosen Brauen waren auf der Haut ihrer stark gewölbten Stirn fast nicht zu sehen, das Flachshaar lag wie an den Schädel geklebt. Sie flocht es in ein lächerliches Zöpfchen, an dem eine gelbe Schleife baumelte. Sie war fröhlich, doch Klim argwöhnte, ihre Heiterkeit sei von dem unschönen und nicht klugen Mädchen erdacht. Sie dachte sich viel aus und immer ohne Glück. Sie erfand ein langweiliges Spiel »Wer geht mit Wem?«: – zerschnitt Papier in kleine Vierecke zu festen Röllchen zusammen und ließ die Kinder aus ihrer Rockfalte je drei Röllchen herausziehen.

»Ring, Klang, Wolf«, las Lida ihre Orakel, und Ljuba sagte ihr mit der greisenhaften, schnarrenden Stimme einer Wahrsagerin:

»Du, liebes Fräulein, bekommst einen Pfaffen zum Mann und wirst auf dem Dorf leben.«

Lida wurde böse.

»Du kannst nicht wahrsagen! Ich kann es auch nicht, aber du noch weniger.«

Auf Klims Zettel befanden sich die Worte:

»Mond. Traum. Lauch.«

Ljuba Clown preßte die Zettel in ihrer Faust zusammen, dachte einen Augenblick nach und rief aus:

»Du wirst im Traum sehen, daß du den Mond geküßt und dich verbrannt hast und weinst. Aber nur im Traum.«

»Dummes Zeug, aber fein!« billigte Boris. Unter allen Märchen von Andersen gefiel der Somow am besten »Die Hirtin und der Schornsteinfeger«. In stillen Stunden bat sie Lida, ihr dieses Märchen vorzulesen, hörte stumm zu und weinte ganz ohne Scham. Boris Warawka murrte mit finsterer Miene:

»Hör auf. Noch gut, daß sie nicht in Stücke zerbrochen sind.«

Und diese lächerliche Trauer über den Porzellan-Schornsteinfeger, wie alles an diesem Mädchen, kam Klim gemacht vor. Er hatte sie in dem unbestimmten Verdacht, sich als etwas ebenso Besonderes auszugeben, wie er, Klim Samgin, es war.

Einmal, spät abends, kam Ljuba aufgeregt von der Straße auf den Hof gelaufen, wo lärmend die Kinder spielten, blieb stehen, streckte den Arm hoch zum Himmel empor und schrie:

»Hört doch!«

Alle verstummten und starrten aufmerksam in das blasse Himmelsblau.

Doch niemand vernahm etwas. Klim erfreut, daß Ljuba ein Trick mißlungen war, trampelte mit den Füßen und neckte sie:

»Hast niemand angeführt! Hast niemand angeführt!«

Aber das Mädchen stieß ihn zurück, zog ihr mehliges Gesicht in angestrengte Falten und leierte hastig herunter:

Gestern hat mein Vater seinen Hut aufgesetzt
und sah auf einmal aus wie ein weißer Pilz.
Ich habe ihn gar nicht wiedererkannt.

Schwieg, bedeckte die Augen und sagte dann in gereiztem, vorwurfsvollen Ton zu Klim:

»Du hast alles verdorben.«

»Er drängt sich immer vor – wie ein Blinder«, sagte finster Boris.

Klim, der sah, daß alle mißvergnügt waren, konnte die Somows noch weniger leiden und empfand wieder, daß er es mit den Kindern schwerer hatte als mit den Erwachsenen.

Wera war langweiliger als ihre Schwester und so häßlich wie sie. Auf ihren Schläfen zeichneten sich blaue Adern ab, Ihre Eulenaugen waren trübe, die Bewegungen ihres schlaffen Körpers unbeholfen. Sie sprach halblaut, zögernd und gedehnt und knetete gleichsam die Worte. Es war schwer zu erraten, wovon sie eigentlich redete. Klim setzte es sehr in Erstaunen, daß Boris den Mädchen Somow so eifrig den Hof machte und nicht der schönen Alina Telepnew, der Freundin seiner Schwester. Wenn es regnete, versammelten die Kinder sich bei den Warawkas in einem riesigen, unordentlichen Zimmer, das gut und gern ein Saal sein konnte. Darin standen ein ungeheures Büfett, ein Harmonium, ein Ledersofa von gewaltiger Breite und in der Mitte ein ovaler Tisch und schwere Stühle mit hohen Lehnen. Die Warawkas lebten in dieser Wohnung schon das dritte Jahr, aber es sah immer noch so aus, als seien sie gestern eingezogen. Alle Sachen standen dort, wo sie nicht hingehörten, und waren in ungenügender Anzahl vorhanden. Das Zimmer machte einen wüsten, ungemütlichen Eindruck.

Meist spielten die Kinder Zirkus. Als Zirkusarena diente der Tisch, unterm Tisch befanden sich die Stallungen. Zirkus war das Lieblingsspiel von Boris, er war Direktor und Dresseur der Pferde. Sein neuer Freund Igor Turobojew übernahm die Rolle des Akrobaten und des Löwen, Dmitri Samgin stellte den Clown vor, die Schwestern Somow und Alina einen Panther, eine Hyäne und eine Löwin, während Lida Warawka die Rolle der Tierbändigerin spielte. Die Raubtiere taten gewissenhaft und ernst ihre Pflicht, schnappten nach Lidas Rock und Beinen und versuchten, sie zu Boden zu werfen und aufzufressen. Boris brüllte wild:

»Die Ferkel sollen nicht quieken! Lidka, schlag sie stärker!«

Klim wurde gewöhnlich das erniedrigende Amt des Stallknechts aufgezwungen. Er hatte die Pferde und Bestien unter dem Tisch hervorzuholen und argwöhnte, man habe ihm dieses Amt absichtlich zugeteilt, um ihn zu demütigen. Überhaupt mißfiel ihm das Zirkusspielen wie alle Spiele, die mit vielem Geschrei verbunden waren und deren man schnell überdrüssig wurde. Er verzichtete bald auf die Teilnahme am Spiel und zog sich ins »Publikum« zurück, das heißt, auf das Sofa, wo Pawla und die Krankenschwester saßen. Boris knurrte:

»Ach, der launenhafte Kerl! Pawla, hol' Dronow, mag er sich zum Teufel scheren.«

Vom Sofa aus verfolgte Klim das Spiel, aber mehr als die Kinder beschäftigte ihn die Mutter Warawka. In einem Zimmer, grell beleuchtet von einer Hängelampe, lag mit aufgerichtetem Oberkörper zwischen einem Berg Kissen – wie in einer Schneegrube – eine schwarzhaarige Frau mit einer großen Nase und ungeheuren Augen im dunklen Gesicht. Der zottelhaarige Kopf der Frau erinnerte von weitem an eine knorrige, verkohlte, aber noch schwelende Baumwurzel. Glafira Issajewna rauchte unaufhörlich dicke, gelbe Zigaretten, mächtige Rauchwolken quollen ihr aus Mund und Nasenlöchern, und es schien, als ob auch die Augen rauchten.

»Klim!« rief sie mit Männerstimme. Klim fürchtete sie. Er näherte sich ihr ängstlich, machte einen Kratzfuß, neigte den Kopf und blieb zwei Schritte vom Bett entfernt stehen, damit der dunkle Arm der Frau ihn nicht erreichte.

»Nun, wie geht es zu Hause?« fragte sie und stieß mit der Faust in die Kissen. »Was macht die Mutter? Im Theater? Warawka ist bei euch? Aha.«

Das »Aha« sprach sie wie eine Drohung aus und stieß den Knaben mit dem bohrenden Blick ihrer schwarzen Augen gleichsam von sich.

»Du bist schlau«, sagte sie. »Man lobt dich nicht umsonst. Du bist schlau. Nein, ich gebe dir Lida nicht.«

Im großen Zimmer brüllte und trampelte Boris.

»Das Orchester! Mama, das Orchester!«

Glafira Issajewna nahm eine Gitarre oder ein anderes Instrument, das einer Ente mit langem, häßlich gerecktem Hals glich, zur Hand. Jammervoll ertönten die Saiten. Klim fand diese Musik böse wie alles, was Glafira Warawka tat. Zuweilen begann sie unvermutet mit tiefer Stimme zu singen – durch die Nase und ebenfalls erbost. Die Texte ihrer Lieder waren seltsam zerstückelt, zusammenhanglos, und dieser heulende Gesang machte das Zimmer noch düsterer und öder. Die Kinder drängten sich auf dem Sofa zusammen und hörten stumm und ergeben zu. Aber Lida flüsterte schuldbewußt:

»Sie kann besser, aber heute ist sie nicht bei Stimme.«

Und sagte sehr sanft:

»Du bist heute nicht bei Stimme, Mama?«

Die Antwort der Mutter war ein undeutliches Knurren.

»Hört ihr?« sagte Lida, »sie ist nicht bei Stimme.«

Klim dachte, wenn diese Frau gesund würde, würde sie etwas Entsetzliches begehen. Doch Doktor Somow beruhigte ihn, er fragte den Doktor:

»Wird Glafira Issajewna bald aufstehen?«

»Zusammen mit allen – am Tage des Gerichts«, antwortete träge Doktor Somow.

Wenn Doktor Somow etwas Schlimmes und Düsteres sagte, glaubte Klim ihm.

Wenn die Kinder zu sehr lärmten und trampelten, kam von unten, von den Samgins, der Vater Warawka herauf und schrie in die Tür:

»Ruhe, ihr Wölfe! Das ist ja nicht zum Aushalten! Wera Petrowna hat Angst, daß die Decke einstürzt.«

»Entern!« kommandierte Boris. Alle stürzten auf seinen Vater los und kletterten ihm auf den Rücken, auf die Schultern und auf den Nacken.

»Sitzt ihr gut?« fragte er.

»Fertig!«

Warawka nahm den Kindern ihr Ehrenwort ab, daß sie ihn nicht kitzeln würden und rannte alsdann im Trab rund um den Tisch, wobei er derartig stampfte, daß das Geschirr im Büfett rasselte, und die Kristallzapfen der Lampe jammervoll klirrten.

»Putz ihn weg!« schrie Boris, und nun begann der allerschönste Augenblick des Spiels: Warawka wurde gekitzelt. Er brüllte, quiekte, lachte, seine winzigen scharfen Äuglein traten angstvoll aus den Höhlen. Eins nach dem andern riß er sich die Kinder vom Körper und schleuderte sie auf das Sofa. Sie sprangen von neuem auf ihn herauf und bohrten ihm die Finger zwischen die Rippen und die Knie.

Klim beteiligte sich nie an diesem rohen und gefahrvollen Spiel. Er hielt sich abseits, lachte und hörte die tiefen Schreie Glafiras:

»So ist es recht! Schlagt ihn tüchtig!«

»Ich ergebe mich!« brüllte Warawka und warf sich aufs Sofa, seine Feinde unter sich quetschend. Man auferlegte ihm ein Lösegeld in Gestalt von Törtchen und Konfekt, Lida kämmte sein zerzaustes Haar und glättete, ihren Finger anfeuchtend, die zottigen Brauen des Vaters, der, nachdem er bis zur Erschöpfung gelacht hatte, jetzt komisch schnaufte, sich mit dem Tuch das schwitzende Gesicht abwischte und kläglich beteuerte:

»Nein, ihr seid keine ehrlichen Leute!«

Hierauf begab er sich ins Zimmer seiner Frau. Sie zischte ihn schon von weitem an, zog die Lippen schief und ihre Augen, die sich im Zorn weiteten, wurden immer tiefer und schrecklicher. Warawka murmelte gezwungen:

»Was ist los? Das sind doch Einbildungen. Hör auf. Schon gut. Ich bin doch kein Greis.«

Das Wörtchen »Einbildungen« war Klim vertraut und verschärfte seine Abneigung gegen die kranke Frau. Ja, natürlich bildete sie sich etwas Böses ein, Klim beobachtete, daß Glafira nachlässig und unfreundlich und oft sogar grob zu den Kindern war. Man konnte glauben, daß sie sich für Boris und Lida nur dann interessierte, wenn sie gefährliche Kunststücke vollführten und riskierten, sich Arme und Beine zu brechen. In solchen Augenblicken heftete sie ihre Augen auf die Kinder, furchte die dichten Brauen, preßte die violetten Lippen fest aufeinander, kreuzte die Arme und krallte die Finger in ihre knochigen Schultern. Klim war überzeugt, wenn die Kinder gefallen wären und sich verletzt hätten, wäre ihre Mutter in jubelndes Gelächter ausgebrochen.

Boris lief in zerrissenen Hemden, struppig und ungewaschen umher, Lida war schlechter gekleidet als die Somows, obgleich ihr Vater wohlhabender war als der Doktor. Klim schätzte die Freundschaft des Mädchens immer höher, es gefiel ihm, schweigend ihrem lieben Geplauder zu lauschen und seine Pflicht, gescheite und unkindliche Dinge zu sagen, zu vergessen.

Doch sobald der schöne Stutzer Igor Turobojew erschien, geputzt, wie ein Bild aus einem Modejournal, unangenehm höflich, doch ebenso gewandt und kühn wie Boris, verließ Lida Klim und wich, ein gehorsames Hündchen, dem neuen Kameraden nicht von der Seite. Das war unbegreiflich, um so mehr, als Boris und Turobojew sich gleich am ersten Tag ihrer Bekanntschaft erzürnt und einige Tage später so grausam geprügelt hatten, daß Blut und Tränen flossen. Klim sah zum erstenmal, wie erbittert Knaben raufen können. Er beobachtete ihre wutentstellten Gesichter, das nackt hervortretende Bestreben, einander so schmerzhaft wie möglich zu schlagen, er hörte ihre schrillen Schreie, ihr Keuchen, – und all das schüchterte ihn so sehr ein, daß er ihnen noch mehrere Tage nach dem Kampf ängstlich auswich und davon durchdrungen war, er, der sich nicht schlagen konnte, sei ein ganz besonderer Junge. Igor und Boris wurden schnell Freunde, wenngleich sie sich beständig zankten und jeder, ohne sich selbst zu schonen, dem anderen eigensinnig zu beweisen suchte, daß er mutiger und stärker sei als der Freund. Boris rannte wild aufgeregt umher, etwas Krampfhaftes ergriff Besitz von ihm, als haßte er, in allen Spielen Sieger zu sein, und fürchte, daß er es nicht schaffen werde.

Durch Turobojews Kommen wurde Klim noch mehr in den Hintergrund gedrängt. Man stellte ihn seinem Bruder Dmitri gleich. Doch den gutmütigen, plumpen Dmitri liebte man, weil er sich befehlen ließ, niemals stritt, nie beleidigt war und geduldig und ohne Geschick die bescheidensten und unvorteilhaftesten Rollen spielte. Man mochte ihn auch, weil er plötzlich und in einer Weise, die Klims brennenden Neid erregte, die Aufmerksamkeit der Kinder zu erobern wußte: er erzählte ihnen von Vogelnestern, Schlupflöchern, Raubtierhöhlen, vom Leben der Bienen und Wespen – stets mit gedämpfter Stimme, und auf seinem breiten Gesicht, in den guten grauen Augen spielte dabei ein seliges Lächeln.

»Dieser Wood ist viel schöner als Main-Reed«, sagte er seufzend. »Und dann kenne ich noch den Brehm.«

Turobojew und Boris verlangten von Klim, daß er sich ihrem Willen ebenso gehorsam fügte wie sein Bruder. Klim gab zum Schein nach, aber mitten im Spiel erklärte er:

»Ich mache nicht mehr mit.«

Und ging weg. Er wollte zeigen, seine Unterwürfigkeit sei nur die Herablassung des Klugen, daß er unabhängig zu sein wünsche und verstehe und über diese ganzen netten Kindereien erhaben sei. Aber niemand verstand ihn, und Boris rief aufgebracht:

»Geh zum Teufel, wir haben dich satt!«

Sein sommersprossiges, spitznasiges Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken, die Augen funkelten zornig. Klim fürchtete, gleich würde Warawka ihn schlagen.

Lida blickte ihn scheel von der Seite an und runzelte die Stirn. Die Somows und Alina, die Lidas Verrat bemerkt hatten, wechselten verstohlene Blicke und flüsterten miteinander, und dies alles erfüllte Klims Herz mit nagender Trauer. Doch der Knabe fand Trost in dem Bewußtsein, daß man ihn nicht liebte, weil er klüger war als alle, und hinter diesem Trost tauchte wie sein Schatten der Stolz auf und der Wunsch, zu belehren und Kritik zu üben:

»Kann man denn nichts Unterhaltenderes ausdenken?«

»Denk was aus, aber stör' nicht«, sagte bissig Lida und drehte ihm den Rücken zu.

»Wie grob sie geworden ist«, dachte kummervoll Klim.

Er erfand für sich eine Manier zu gehen, die, wie er sich einbildete, ihm Wichtigkeit verlieh. Er schritt, ohne die Knie einzudrücken, und versteckte die Hände auf dem Rücken, wie der Lehrer Tomilin. Auf die Kameraden blickte er mit zugekniffenen Augen.

»Warum plusterst du dich so auf?« fragte ihn Dmitri. Klim lächelte verachtungsvoll, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er konnte den Bruder nicht leiden und hielt ihn für einen Esel.

Turobojew, kalt, sauber und höflich, blickte Klim ebenfalls an, indem er seine dunklen unfreundlichen Augen zukniff – blickte herausfordernd. Sein allzu schönes Gesicht verzog sich zu einer besonders ärgerlichen Grimasse, wenn Klim sich Lida näherte. Aber das Mädchen sprach mit Klim lässig und stets auf dem Sprung, wegzulaufen. Sie trat von einem Fuß auf den anderen und schielte beständig zu Igor hin. Turobojew und sie verwuchsen immer inniger miteinander. Sie gingen Hand in Hand. Klim schien, sogar wenn sie sich dem Spielen hingaben, spielten sie nur für einander und sahen und bemerkten niemand.

Wenn sie Verstecken spielten und Lida die Kinder fangen mußte, lief ihr merkwürdigerweise immer Igor in die Arme.

»Mogelei!« rief Klim, und alle stimmten ihm zu. »Ja, ihr mogelt!« Turobojew zog seine schönen Augenbrauen ganz hoch und versicherte:

»Aber meine Herrschaften, sie ist doch schwach.«

»Nein«, regte Lida sich auf, »gar nicht!«

»Ich bin auch schwach«, erklärte beleidigt Ljuba Clown, doch Turobojew, der sich die Augen zugebunden hatte, war schon dabei zu fangen.

Einmal geschah es, daß Dmitri auf der Flucht vor Lidas Händen ihr einen Stuhl vor die Beine warf. Das Mädchen schlug mit dem Knie an das Stuhlbein und stieß einen Schmerzensschrei aus, Igor verfärbte sich und packte Dmitri an der Kehle:

»Idiot, du spielst unfair.«

Und als eines Tages bemerkt wurde, daß Iwan Dronow den Mädchen forschend unter die Röcke blickte, verlangte Turobojew energisch, daß Dronow nicht mehr mitspielen durfte.

Iwan Dronow nannte sich nicht nur selber beim Nachnamen, auch seine Großmutter mußte ihn mit »Dronow« anreden. Mit seinen krummen Beinen, dem vorstehenden Bauch, dem plattgedrückten Schädel, der breiten Stirn und den großen Ohren, war er von betonter und doch anziehender Häßlichkeit. In seinem breiten Gesicht, in dessen Mitte der rote Pickel der Nase kaum zu sehen war, glänzten schmale, trübblaue, sehr flinke und gierige Äuglein. Gier war die auffälligste Eigenschaft Dronows. Mit ungemeiner Gier sog er die Luft in seine feuchte Nase, als müsse er an Luftmangel ersticken. Gierig und mit verblüffender Geschwindigkeit aß er, wobei er laut mit den grellroten Lippen schmatzte. Er sagte Klim:

»Ich bin ein armer Mensch, ich muß viel essen.«

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.