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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Viertes Kapitel.

Das Sonnenlicht, das seine Strahlen durch die Musselingardinen vor den Fenstern streute, erfüllte, durch sie gemildert, den Salon mit der duftigen Wärme eines Frühlingsnachmittags. Die Fenster standen auf, aber der Musselin regte sich nicht, die Blätter der auf den Fensterbänken stehenden Blumen waren unbewegt. Klim Samgin fühlte, daß er einer solchen Stille entwöhnt war, und daß sie ihn auf eine neue Weise in die Worte der Mutter hineinhorchen ließ.

»Du bist sehr, sehr männlich geworden«, sagte Wera Petrowna wohl schon zum drittenmal. »Selbst deine Augen sind dunkler geworden.«

Sie empfing ihren Sohn mit einer Freude, die ihn überraschte. Klim war von Kind auf an ihre nüchterne Zurückhaltung gewöhnt, war gewöhnt, die Trockenheit der Mutter mit respektvoller Gleichgültigkeit zu beantworten, jetzt jedoch mußte er einen anderen Ton finden.

»Nun, und – Dmitri?« fragte sie. »Studiert er die Arbeiterfrage? O Gott! Übrigens habe ich es mir auch gedacht, daß er sich mit etwas in der Art beschäftigen würde. Timofej Stepanowitsch ist überzeugt, daß diese Frage künstlich aufgebauscht wird. Es gibt Leute, die glauben, daß Deutschland aus Furcht über das Wachstum unserer Industrie den Arbeitersozialismus bei uns einführt. Was sagt Dmitri über den Vater? In diesen acht Monaten, nein, es sind mehr, hat Iwan Akimowitsch mir nicht geschrieben . . .«

Sie war festlich gekleidet, als erwarte sie Gäste oder beabsichtige selbst, eine Visite zu machen. Das lila Kleid, das straff ihre Büste und ihre Formen umspannte, gab ihrer Figur etwas Angestrengtes oder Herausforderndes. Sie rauchte eine Zigarette – eine Neuigkeit! Als sie sagte: »Mein Gott, wie rasch fliegt die Zeit!« hörte Klim aus dem Ton ihrer Worte eine Klage heraus, was auch nicht zu ihren Gewohnheiten gehörte.

»Du weißt, zur Fastenzeit war ich genötigt, nach Saratow zu fahren, in der Angelegenheit Onkel Jakows. Es war eine sehr schwere Reise. Ich kenne dort niemand und geriet in die Gefangenschaft der dortigen . . . Radikalen. Sie haben mir viel verdorben. Es gelang mir nicht, etwas zu erreichen, man gewährte mir nicht einmal eine Zusammenkunft mit Jakow Akimowitsch. Ich gestehe, ich bestand auch nicht besonders energisch darauf. Was hätte ich ihm sagen können?«

Klim neigte einverstanden den Kopf:

»Ja, es ist schwer mit ihm umzugehen.«

Die Redseligkeit seiner Mutter irritierte ihn ein wenig, aber er nahm sie wahr, um zu fragen, wo Lida sei.

»Sie ist mit Alina Telepnew in ein Kloster gefahren, zu ihrer Tante, der Äbtissin. Du weißt, sie hat eingesehen, daß sie kein Talent für die Bühne besitzt. Das ist schön. Aber sie sollte einsehen, daß sie überhaupt keine Talente besitzt. Dann wird sie aufhören, sich als etwas Einzigartiges zu betrachten, und vielleicht lernen, die Menschen zu achten.«

Wera Petrowna seufzte, sah auf die Uhr und horchte auf irgend etwas.

»Hörtest du, daß die Telepnew einen reichen Bräutigam gefunden hat?«

»Ich habe ihn in Moskau gesehen.«

»Ja? Wer ist er?«

»Irgend so ein Hanswurst«, sagte Klim achselzuckend.

»Es scheint, Timofej Stepanowitsch ist gekommen . . .«

Die Mutter erhob sich und ging zur Tür, aber die Tür tat sich weit auf, geöffnet von der gebieterischen Hand Warawkas.

»Aha, Jurist, angekommen, guten Tag. Nun, zeig dich mal!«

Er erfüllte augenblicklich das Zimmer mit dem Knarren neuer Stiefel, dem Ächzen hin- und hergerückter Sessel, auf der Straße aber wieherte ein Pferd, Kinder schrien, und hoch stieg ein klingender Tenor in die Luft:

»Zwie–beln, Zwiebeln, Zwiie–beln!«

»Wera, bitte, Tee. Um halb acht ist Sitzung. Die Stadt hat beschlossen, dir eine Subvention für die Schule zu gewähren, hörst du?«

Aber sie war schon nicht mehr im Zimmer. Warawka warf einen Blick zur Tür, schüttelte mit der Hand seinen Bart auf und zwängte sich schwer in den Sessel.

»Nun, Jurist, wie stehen die Dinge? Nach deinem Gesicht zu urteilen, haben die Wissenschaften dich nicht schlecht ernährt. Erzähle!«

Aber nachdem er mit seinen Bärenäuglein in Klims Augen geblickt hatte, gab er ihm einen Klaps aufs Knie und begann selbst zu erzählen:

»Eine Zeitung will ich herausgeben, he? Eine Zeitung, mein Lieber. Wollen mal versuchen, den Küchenklatsch durch die organisierte öffentliche Meinung zu ersetzen.«

Minuten später, nachdem er seinen runden Rumpf ins Speisezimmer hinübergerollt hatte, schrie er, während er den Tee nervös im Glas umrührte:

»Was ist uns Russen die soziale Revolution? Es ist der Prozeß des Auswechselns zerlumpter Hosen gegen anständige . . .«

Klim schien, die Mutter betreue Warawka mit demonstrativer Unterwürfigkeit, mit einer Verletztheit, die sie nicht verbergen könne oder wolle. Nachdem Warawka eine halbe Stunde gelärmt und drei Glas Tee getrunken hatte, verschwand er, wie von der Bühne eine episodische Person verschwindet, nachdem sie das Stück belebt hat.

»Er arbeitet erstaunlich viel«, sagte, nach einem Seufzer, die Mutter. »Ich sehe ihn fast gar nicht. Wie alle kulturellen Arbeiter liebt man ihn nicht.«

Wera Petrowna räsonierte lange über die Roheit und stumpfsinnige Wut der Kaufmannschaft und über die Kurzsichtigkeit der Intelligenz. Sie anzuhören, war langweilig, und es hatte den Anschein, als suche sie sich zu betäuben. Nach Warawkas Weggang wurde es von neuem still im Haus und auf der Straße, nur die trockene Stimme der Mutter ertönte, sich gleichmäßig hebend und senkend. Klim war froh, als sie ermüdet sagte:

»Ich denke, du wirst müde sein?«

»Ich würde gern ein wenig spazieren gehen. Willst du nicht auch?«

»O nein«, sagte sie und strich mit den Fingern die grauen Haare an den Schläfen glatt oder versuchte, sie zu verstecken.

Klim trat auf die Straße, als es bereits dunkel war. Die hölzernen Wände und Zäune der Häuser hauchten noch Wärme aus, aber irgendwo links ging der Mond auf, und auf das graue Steinpflaster des Straßendamms legten sich die kühlen Schatten der Bäume. Die Fensterscheiben waren mit dem gelben Fett des Lampenlichts bestrichen. Die spärlichen Sterne waren ebenfalls Tröpfchen fetten Schweißes. Die Häuser waren gegen die Erde gedrückt, sie schienen unmerklich zu schmelzen und als Schatten über die Straße auseinanderzufließen. Von Haus zu Haus rannen in dunklen Bächen die Zäune. Im Stadtpark, auf dem Pfad, der rings um den Teich herumlief, schritten bedächtig Menschen, über dem gläsernen Kreis schwarzen Wassers schwebten träge gedämpfte Stimmen. Klim erinnerte sich der Bücher Rosenbachs, der Nechajew: hier müßte sie leben, in dieser Stille, inmitten bedächtiger Menschen.

Er ließ sich auf einer Bank nieder, unter dem dichten Vorhang eines Strauchs. Die Allee bog scharf nach rechts ab, hinter der Biegung saßen Leute, es waren zwei. Der eine knurrte hohl, der andere scharrte mit einem Stock oder mit der Stiefelsohle in dem noch glatten, knirschenden Schotter. Klim vertiefte sich in das monotone Gurren und erkannte längst vertraute Gedanken:

»Er sucht, wie Tolstoi, den Glauben und nicht die Wahrheit. Frei über die Wahrheit nachdenken kann man erst, wenn die Welt wüst ist: entferne aus ihr alle Dinge, Erscheinungen und alle deine Wünsche, außer einem: den Gedanken in seinem Wesen zu erkennen. Beide philosophieren über Mensch, Gott, Gut und Böse, und das sind nur Richtpunkte auf der Suche nach der ewigen, alles lösenden Wahrheit . . .«

»Haben Sie nicht einen Rubel?« fragte auf einmal die säuerliche Stimme Dronows.

Klim stand auf, da er sich unauffällig zu entfernen wünschte, bemerkte aber, daß auch Dronow und Tomilin sich erhoben und auf ihn zukamen. Er setzte sich, beugte den Oberkörper vor und versteckte sein Gesicht.

»Ich habe keinen Rubel«, sagte Tomilin in demselben Ton, in dem er von der ewigen Wahrheit gesprochen hatte.

Ohne den Kopf zu heben, folgte Klim ihnen mit den Augen. Dronows Füße staken in alten Stiefeln mit schiefen Absätzen, auf seinem Kopf saß eine Wintermütze. Tomilin trug einen langen, bis zu den Fersen reichenden schwarzen Mantel und einen breitkrempigen Hut. Klim lachte in sich hinein, da er fand, daß dieses Kostüm in sehr charakteristischer Weise die wunderliche Gestalt des Provinzweisen unterstrich. Da er sich mit seiner Philosophie hinreichend gesättigt fühlte, hegte er nicht den Wunsch, Tomilin zu besuchen, und dachte mit Verdruß an die unvermeidliche Begegnung mit Dronow.

Im Park wurde es stiller und heller, die Menschen verschwanden, lösten sich auf. Der grünliche Streif des Mondlichts spiegelte sich im Wasser des Teichs und erfüllte den Park mit einschläfernder, aber nicht beschwerender Traurigkeit. Rasch näherte sich ein Mann im gelben Anzug, nahm neben Klim Platz, entledigte sich schwer seufzend seines Strohhuts, wischte sich die Stirn, sah in die Handfläche und fragte wütend:

»Billard spielen Sie nicht, Student?«

Auf ein kurzes »Nein!« hin stand er auf und entfernte sich ebenso rasch mit einem höflichen Lüften des Hutes. Kaum war er jedoch zwanzig Schritt entfernt, als er laut ausrief:

»Schmarotzer, Milchbart!«

Unter teuflischem Gelächter verschwand er. Klim lachte auch, blieb gedankenleer noch einige Minuten sitzen und ging dann nach Hause.

Am vierten Tag erschien Lida.

»O, bist du gekommen!« sagte sie und hob erstaunt die Brauen. Ihr Erstaunen, die unentschlossen hingestreckte Hand und ihr rasch über Klims Gesicht gleitender Blick, all das machte, daß er sich finster von ihr abwandte. Sie war jetzt voller, aber ihre dunkel umränderten Augen waren abgründiger geworden, und ihr Gesicht schien krank. Sie trug ein graues Kleid mit Gurt und einen Strohhut mit weißem Schleier. So reisen englische Damen in Ägypten. Auch Wera Petrowna begrüßte sie achtlos, klagte etwa fünf Minuten launisch über die Langeweile des Klosters und den Staub und Kot der Straße und ging dann fort, sich umzukleiden. Der unangenehme Eindruck, den Klim von ihr empfing, hatte sich verstärkt.

»Wie fandest du sie?« fragte die Mutter, die vor dem Spiegel stand und ihre Frisur ordnete, und gab sofort selbst die Antwort:

»Sie schauspielert bereits ein wenig. Das ist der Einfluß der Schule.«

Zum Abendtee kam Alina. Sie nahm Samgins Komplimente entgegen wie eine Dame, die gut Bescheid weiß in allen Kombinationen der Schmeichelei. Ihre trägen Augen lächelten Klim mit leisem Spott an.

»Denkt nur, er redet mich mit ›Sie‹ an!« rief sie aus. »Das will etwas heißen. Ach so! Du hast meinen Verlobten gesehen? Zum Totlachen, was?« Sie schnippte mit den Fingern und fügte genußvoll hinzu: »Ein gescheiter Kopf! Schielt! Ist eifersüchtig! Es ist bis zum Wahnsinn kurzweilig mit ihm!«

»Und reich . . .«

»Das ist das Beste davon natürlich!«

Sie leckte ein schnelles Lächeln von ihren vollen Lippen und fragte:

»Verurteilst du mich?«

Sie hatte eine singende Art zu sprechen, weitausholende, doch weiche und überzeugte Gesten und jene Freiheit der Bewegungen erworben, die in Kaufmannskreisen Wichtigtuerei genannt wird. Durch jede Wendung ihres Körpers betonte sie gewandt und stolz die unterwerfende Macht seiner Schönheit. Klim sah, daß seine Mutter mit Trauer in den Augen Alina bewunderte.

»Meine Freundinnen tadeln: Das Mädel hat sich durchs Geld verlocken lassen«, sagte die Telepnew, und nahm mit einer Zange Konfekt aus einer Schachtel. »Vor allem ist es Lida, die stichelt. Wenn es nach ihr ginge, müßte man unbedingt mit einem Liebsten in einer Hütte leben. Aber ich bin alltäglich, ein Mädchen aus einem Vaudeville, ich brauche ein anständiges Häuschen und eigene Pferde. Mir wurde erklärt: ›Ihnen, Telepnew, geht vollständig der Sinn für Dramatik ab.‹ Das hat mir nicht irgend jemand gesagt, sondern der Direktor, der selbst Dramen schreibt. Mit einem Liebsten ist aber ohne Drama kein Leben, das ist in Poesie und Prosa nachgewiesen . . .«

»Die hat die Schule mehr verdorben als Lida«, dachte Klim. Die Mutter trank ihre Tasse Tee aus und ging unauffällig hinaus. Lida hörte die saftige Stimme ihrer Freundin mit einem kaum merklichen, feinen Lächeln ihrer wohl sehr heißen Lippen an. Alina erzählte komisch den dramatischen Liebesroman irgendeiner Gymnasiastin, die sich in einen intelligenten Buchbinder verliebt hatte.

»Ein wirklich intelligenter, mit Brille, Bärtchen und ausgebeulten Hosen. Er lobte die säuerlichen Gedichte Nadsons, jawohl! Sieh mal, Lidotschka, ein Intelligenzler und eine Hütte! das ist doch schrecklich! Mein Ljutow dagegen ist ein Altgläubiger, ein Kaufmannssöhnchen, und verehrt Puschkin. Das ist ebenfalls Altgläubigkeit, wenn man Puschkin liest. Jetzt ist ja in Mode dieser, wie heißt er doch gleich? Witebski, Wilenski?«

Mit rosigen Fingern, deren Nägel glänzten wie Perlmutter, nahm sie sich Konfekt und biß kleine Stückchen so ab, daß sie dabei das blendende Weiß ihrer Zähne zeigen konnte. Ihre Stimme klang gutmütig, ihre schmachtenden Augen glänzten freundlich.

»Wir, ich und Ljutow, lieben keine grimmigen Verse:

Glaube: auferstehen wird Baal
und verschlingen das Ideal

Nun mag er es verschlingen, wohl bekomms!«

Sie erglühte plötzlich und erhob sich sogar ein wenig vom Stuhl.

»Ach, Liduscha, was für Gedichtchen ich heute aus Moskau erhalten habe! Irgendein neuer Dichter, Brussow, Brossow? – erstaunlich! Sie sind ein wenig . . . indezent, aber die Musik, die Musik!«

Sie suchte eilig in den Falten ihres Rocks, fand die Tasche und schwenkte einen zerknitterten Briefumschlag.

»Hier!«

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