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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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An diesem Abend trug die Nechajew keine Gedichte vor, zählte nicht Namen von Dichtern auf, redete nicht über ihre Furcht vor dem Leben und dem Tode, In Worten, derengleichen Klim noch nie vernommen, nie gelesen hatte, sprach sie von nichts als Liebe. Sie lächelte, spielte mit seinen Fingern, sog gierig die Luft ein und hauchte diese sonderbaren Worte, und Klim, der nicht an ihrer Wahrhaftigkeit zweifelte, dachte, daß nicht jeder sich rühmen konnte, eine solche Liebe geweckt zu haben. Zugleich war sie so kindlich rührend, daß auch er ehrlich gegen sie sein wollte. In ihren Worten empfand er soviel trunkenes Glück, daß sie auch ihn berauschten und in ihm das Verlangen erregten, ihren unsichtbaren Körper zu umarmen und zu küssen. Ihn durchschoß ein seltsamer Gedanke: man konnte sie kneifen, beißen, auf jede Weise quälen, und sie würde alles als Liebkosung empfangen.

Sie fragte im Flüsterton:

»Ich gefalle dir doch? Du liebst mich ein wenig?«

»Ja«, entgegnete Klim und glaubte, daß er nicht lüge. »Ja!«

Er blickte in die geweiteten Pupillen ihrer halbwahnsinnigen Augen, und sie enthüllten ihm in ihrer Tiefe ein Geheimnis, an das er unwillkürlich denken mußte.

»Das also ist Liebe?«

Und sogleich sah er Lidas Augen, den stummen Blick der Spiwak. Dunkel erkannte er, daß wahre Liebe ihn die Liebe lehrte und daß dies wichtig für ihn war. Ohne daß er es bemerkt hätte, fühlte er an diesem Abend, daß dieses Mädchen ihm nützlich war: mit ihr allein, empfand er eine Folge der mannigfaltigsten, ihm sonst fremden Regungen und wurde sich selbst interessanter. Er verstellte sich nicht, schmückte sich nicht mit fremden Redensarten, und die Nechajew feierte ihn:

»Um wieviel aristokratischer bist du mit deiner Beherrschtheit als die anderen! Es ist so wohltuend zu sehen, daß du deine Gedanken und dein Wissen nicht so sinnlos verschleuderst, wie alle es tun, um sich ein Ansehen zu geben! Du hast Ehrfurcht vor den Mysterien deiner Seele, das findet man so selten! Ich ertrage nicht Menschen, die schreien wie Blinde, die sich im Walde verirrt haben. ›Ich! Ich!‹ schreien sie.«

Klim billigte:

»Ja, wovon immer sie schreien mögen, am Ende schreien sie nur von ihrem Ich.«

»Weil ihr Ich keine Farbe hat und sie es nicht sehen«, spann sie seinen Gedanken weiter.

An der Nechajew war von besonderem Wert, daß sie es verstand, von ferne und von oben herab auf die Menschen zu sehen. In ihrer Darstellung wurden sogar diejenigen unter ihnen, von denen man voller Achtung sprach und voll des Lobes schrieb, klein und unbedeutend gegenüber dem Mystischen, das sie empfand. Dieses Mystische regte Klim nicht allzusehr auf, aber es war ihm ein Labsal, daß das Mädchen, indem es die Großen von ihrer Höhe herunterzog, ihm das Bewußtsein seiner Gleichheit mit ihnen einflößte.

Seitdem besuchte er sie jeden Abend, sättigte sich mit ihren Reden und fühlte sich wachsen. Ihr Liebesverhältnis wurde natürlich bemerkt, und Klim sah, daß es ihn vorteilhaft herausstrich. Jelisaweta Spiwak musterte ihn neugierig und gleichsam ermutigend. Marina sprach mit ihm noch freundschaftlicher. Sein Bruder schien ihn zu beneiden. Dmitri war aus irgendeinem Grunde finsterer und verschlossener geworden und sah auf Marina mit einem beleidigten Blinzeln.

Klim fühlte in sich lebhafte und heitere Herablassung gegen alles, ein Jucken, Kutusow auf die Schulter zu klopfen, der mit gleichbleibender Ausdauer die Notwendigkeit, Marx zu studieren, und die Schönheit Mussorgskis predigte. Er fiel über den stummen und stillen Spiwak her, der stets am Flügel saß, und sagte:

»Die schwächste Oper von Rimski-Korsakow ist talentvoller als die beste Oper von Verdi.«

»Schreien Sie mir nicht ins Ohr«, bat Spiwak.

Im Hause war es ein wenig langweilig. Man sang immer die gleichen Romanzen, Duette und Trios. Kutusow zankte immer in der gleichen Weise mit Marina, weil sie detonierte, und ebenso stritten er und Dmitri mit Turobojew und erregten in Klim den Wunsch, ihnen herausfordernd etwas Ironisches zuzurufen.

Die Nechajew hatte ihr Bett verlassen. Die hektischen Flecke auf ihren Wangen brannten noch greller. Unter ihren Augen lagen Schatten, die ihren Backenknochen eine noch ausgeprägtere Schärfe und ihrem Blick einen beinahe unerträglichen Glanz verliehen. Marina begrüßte sie mit zornigem Geschrei:

»Du bist verrückt geworden! Paßt denn dein Arzt nicht auf? Das ist doch Selbstmord!«

Die Nechajew lächelte ihr zu, leckte sich die trocknen Lippen, kuschelte sich in die Sofaecke, und bald ertönte von dorther ausdauernd ihr Stimmchen, mit dem sie Dmitri Samgin lehrhaft versicherte:

»Die Neigung des Gelehrten, Naturerscheinungen zu analysieren, gleicht dem Mutwillen des Kindes, das sein Spielzeug zerbricht, um nachzusehen, was darin ist.«

»Ist das nicht etwas banal, Fräuleinchen?« fragte aus der Entfernung Kutusow, er zupfte sich den Bart und runzelte die Brauen. Sie antwortete ihm nicht. Diese Aufgabe übernahm Turobojew, der träge sagte:

»Im Innern zeigt sich dann gewöhnlich entweder Unerforschliches oder irgendein Plunder, wie der Kampf ums Dasein . . .«

Die Nechajew blieb eine oder einundeinehalbe Stunde und brach dann auf. Klim pflegte sie zu begleiten, nicht immer gern.

Sie liebte es, ihn mit Büchern und Reproduktionen moderner Bilder zu erfreuen, schenkte ihm eine Schreibmappe, in deren Leder ein Faun gepreßt war, und ein Tintenfaß von unglaublich bizarrer Form. Sie hatte eine Menge komischer Züge, kleine Abergläubigkeiten, deren sie sich schämte, wie übrigens auch ihres Glaubens an Gott. Als sie und Klim einmal die Ostermesse in der Kasaner Kathedrale hörten und man das »Christ ist erstanden« sang, erbebte sie, wankte und brach in leises Schluchzen aus.

Später, auf der Straße, unter einem schwarzen Himmel und in einem kalten Wind, der wütend den trocknen Schnee aufwirbelte und den dünnen Klang der Glocken zerriß und über die Stadt hin verstreute, sagte sie hustend und schuldbewußt:

»Es war komisch, daß ich weinte? Aber mich erschüttert das Geniale, und die russische Kirchenmusik ist genial . . .«

Dunkle, winzige Gestalten rissen sich aus den steinernen Umarmungen der Kathedrale los und liefen nach allen Richtungen auseinander. Die Lichter der nicht sehr prunkvollen Illumination ließen sie dunkler als sonst erscheinen. Nur unterhalb der Bekleidung der Frauen blickten Streifen lichter Stoffe hervor.

Klim dachte, während er ihr zuhörte, daran, daß die Provinz feierlicher und freudevoller war als diese kalte Stadt, die zweimal pedantisch und trist der Länge nach zerschnitten war: von dem unter Granitmassen erdrückten Fluß und dem endlosen Kanal des Newskiprospekt, der gleichfalls durch Felsen hindurchgehauen schien. Gleich lebendig gewordenen Steinen bewegten die Menschen sich über den Prospekt, rollten Equipagen, mit automatenhaften Pferden bespannt, dahin. Der kupferne Ton sang zwischen den Steinmauern nicht so wohllautend wie in der holzgebauten Provinz.

Die Nechajew, die an Klims Arm hing, sprach von der düsteren Poesie der Totenliturgie und ließ ihren Gefährten unmutig an das Märchen von dem Dummen denken, der auf einer Hochzeit Totenlieder sang. Sie gingen gegen den Wind. Das Sprechen fiel ihr schwer. Sie keuchte. Klim sagte streng im Ton des Älteren:

»Schweig, mach den Mund zu und atme durch die Nase.«

Doch als sie einen Wagen genommen hatten und zu den Premirows fuhren, begann sie von neuem, hinter dem vorgehaltenen Muff, zu reden:

»Für dich ist das alles natürlich Vorurteil, aber ich liebe die Poesie der Vorurteile. Irgend jemand hat gesagt: ›Vorurteile sind Bruchstücke alter Wahrheiten.‹ Das ist sehr geistreich. Ich glaube daran, daß die alten Wahrheiten in höherer Schönheit auferstehen werden.«

Klim verhielt sich schweigend. Er merkte, daß dieses Mädchen Lust bekam, seinen Widerspruch herauszufordern, ihm zu opponieren. Es war nicht das erstemal, daß er diese Beobachtung machte, und er verheimlichte nur mit Mühe vor der Nechajew, daß sie ihn ermüdete. Ihre hysterischen Liebkosungen wurden einförmige Gewohnheit, ihre Ausdrücke wiederholten sich. Immer häufiger irritierten ihn ihre sonderbaren Anfälle von fragender Schweigsamkeit. Es war beklemmend, mit einem Menschen zusammen zu sein, der einen stumm beobachtete, als suche er etwas in einem zu erraten. Der trockene Husten der Nechajew erinnerte ihn daran, daß die Schwindsucht eine ansteckende Krankheit war.

Das Eßzimmer der Premirows war hell erleuchtet. Auf dem blumengeschmückten Tisch funkelte das Glas zahlreicher Flaschen, Pokale und Gläser, blitzte der Stahl der Messer. In den breiten blauen Rändern des Fayenceservices spiegelte sich angenehm das Lampenlicht und beleuchtete grell einen Berg buntgefärbter Eier. Quer über die Mitte des Tisches, auf einer Platte, wälzte sich im Schaum des sauren Rahms und geriebenen Meerrettichs ein heiter lächelndes Ferkel, von drei Seiten flankiert von einer gebratenen Gans, einem Truthahn und einem gekochten Schinken.

»Bitte zu Tisch«, verkündete das Mütterchen Premirow, ganz in Seide und mit einem Spitzenkopfputz im grauen Haar. Sie setzte sich als erste und rühmte bescheiden:

»Bei mir ist alles nach altem Brauch.«

Neben ihr saß Marina in einem pompösen fliederfarbenen Kleid mit Puffärmeln und unzähligen Falten und Garnierungen, die ihren gewaltigen Körper noch ausdehnten. Auf ihrem Herzen war gleich einem Orden eine kleine emaillierte Uhr angesteckt. Zur anderen Seite der alten Dame saß Dmitri Samgin. Er trug einen weißen Kittel und war so frisiert, daß er Ähnlichkeit mit einem Kommis aus einem Mehlgeschäft hatte. Der Stutzer Turobojew bekam seinen Platz weit von Klim entfernt am anderen Ende des Tisches zugewiesen, Kutusow zwischen Marina und der Spiwak. Er saß, mit krumm hochgezogenen Schultern in einem abgetragenen und engen Gehrock da, der nicht zu seiner breiten Figur paßte. Sogleich sagte er zu Marina:

»Sie sehen aus wie ein ›Widder‹.«

»Was ist denn das?« fragte sie zornig.

Kutusow erläuterte liebenswürdig:

»Das ist ein Rammbock, der im Altertum bei der Belagerung einer Stadt verwendet wurde.«

Marina regte ihre starken Brauen, dachte nach, erinnerte sich an etwas und errötete:

»Sie sind sehr grob.«

Dmitri Samgin stieß mit dem Löffel auf die Tischkante und öffnete den Mund, sagte jedoch nichts, sondern schmatzte nur mit den Lippen, während Kutusow der Spiwak schmunzelnd etwas ins Ohr flüsterte. Sie trug Hellblau, ohne alberne Ballons an den Schultern, und dieses glatte, schmucklose Kleid, das glatt zurückgekämmte kastanienbraune Haar betonten den Ernst ihres Gesichts und den unfreundlichen Glanz ihrer kalten Augen. Klim bemerkte, daß Turobojew seine Lippen zu einem schiefen Lächeln verzog, als sie Kutusow zustimmend zunickte.

Die Nechajew, in einem weißen Kinderkleidchen, das niemand mehr trug, rümpfte die Nase, während sie auf die Fülle der Speisen blickte, und hustete diskret in ihr Tüchlein. Etwas an ihr erinnerte an eine arme Verwandte, die nur aus Gnade eingeladen ist. Dies verstimmte Klim: seine Geliebte sollte leuchtender, aufsehenerregender sein. Sie aß auch womöglich mit noch größerem Widerwillen, als sie sonst zeigte. Man konnte glauben, daß sie es demonstrativ tat.

Man sprach den Speisen mit Eifer zu, war bald satt, und nun begann eine jener zusammenhanglosen Unterhaltungen, die Klim von seiner Kindheit her kannte. Jemand klagte über Kälte und sogleich, zu Klims Erstaunen, lobte die schweigsame Spiwak überschwenglich den Kaukasus. Turobojew hörte ihr ein paar Minuten zu, gähnte und sagte mit betonter Faulheit:

»Und das interessanteste am ganzen Kaukasus ist das tragische Gebrüll der Esel. Augenscheinlich verstehen nur sie allein das Unsinnige dieser Anhäufung von Felsen, Schluchten und Gletschern, dieser ganzen vielgepriesenen Herrlichkeit der Gebirgslandschaft.«

Er zog beim Sprechen nervös an seiner Zigarette und blickte, während er den Rauch durch die Nase blies, auf ihr Ende. Die Spiwak reagierte nicht. Das Mütterchen Premirow seufzte und sagte:

»Im Kaukasus ist mein Vater ermordet worden.«

Auch sie blieb ohne Antwort, da fügte sie eilig hinzu:

»Er ähnelte Lermontow.«

Doch auch diese Worte wurden überhört. An alles gewöhnt, wischte die Alte mit ihrer Serviette den silbernen Becher, aus dem sie Wein zu trinken pflegte, aus, bekreuzigte sich und verschwand ohne ein Wort.

Klim, der wußte, daß Turobojew in die Spiwak verliebt, und nicht ohne Glück verliebt war – wenn man die drei Klopfzeichen gegen die Zimmerdecke seines Bruders in Anschlag brachte – wunderte sich. In das Verhältnis Turobojews zu dieser Frau hatte sich etwas Spöttisches, Aufreizendes gemischt. Turobojew lachte ihre Urteile aus und schien überhaupt ungern zu sehen, daß sie mit anderen sprach.

»Sie haben sich gewiß gezankt«, konstatierte Klim, angenehm berührt.

Er spürte ein leichtes Sausen im Kopf und zugleich den Wunsch, sich bemerkbar zu machen. Ais Zuhörer und Betrachter durchquerte er das Zimmer und entdeckte an allen etwas Ergötzliches: Marina zum Beispiel sagte soeben einem blonden Jüngling, während sie ihn fast an die Wand preßte:

»Sie sollten Prosa schreiben, Prosa bringt mehr ein und macht rascher berühmt.«

»Aber wenn ich nun einmal Lyriker bin?« fragte erstaunt der Jüngling und rieb sich die Stirn.

»Reiben Sie nicht die Stirn, davon werden Ihre Augen so rot«, verwies ihn Marina.

Turobojew erklärte einem hochgewachsenen Mann mit jüdischen Zügen:

»Nein, mich lockt es nicht, Geschichte zu machen. Mich befriedigt vollkommen Professor Kljutschewski, er macht vorzüglich Geschichte. Man sagte mir, er ähnele äußerlich dem Zaren Wassili Schuiski. Geschichte schreibt er, wie dieser sie geschrieben haben würde.«

Seine Worte wurden übertönt von Dmitris zorniger Stimme:

»Keine Neuigkeit. Die Parallele zwischen Dionysos und Christus ist längst gezogen worden.«

Kapriziös wie stets erklang das Stimmchen der Nechajew:

»In Rußland kennt man den Lyrismus und das Pathos der Zerstörung.«

»Sie, mein Fräulein, kennen Rußland schlecht.«

»Liebe von Schnee und Barmherzigkeit von Eis.«

»Oho! Was für Worte!«

»Ausgetüftelte Seelen!«

Die Nechajew schrie zu laut. Klim vermutete, daß sie mehr getrunken hatte, als ihr zuträglich war, und bemühte sich, ihr nicht zu nahe zu kommen. Die Spiwak thronte auf dem Sofa und fragte:

»Gibt es in Ihrer Stadt noch Samgins?«

»Gewiß – meine Mutter.«

»Augenscheinlich ist sie es, die meinen Mann einlädt, dort eine Musikschule ins Leben zu rufen?«

Dmitri, betrunken und rot, sagte lachend:

»Sie haben mich doch schon einmal danach gefragt.«

»Wirklich?« rief die Spiwak verwundert aus. »Ich habe ein schlechtes Gedächtnis.«

Sie erhob sich federnd vom Sofa und bewegte sich in wiegendem Gang in Marinas Zimmer, von wo das Geschrei der Nechajew drang. Klim blickte ihr lächelnd nach und ihm schien, ihre Schultern und Hüften wollten das Gewebe, das sie verhüllte, abwerfen. Sie parfümierte sich stark, und Klim fiel plötzlich ein, daß er ihr Parfüm zum erstenmal vor zwei Wochen gerochen hatte, als die Spiwak, die Romanze »Auf den Hügeln Georgiens« trällernd, an ihm vorbeiging und den erregenden Vers sprach:

»Von dir, von dir allein!«

Wie, wenn sie den Vers so gesungen hatte, daß ein Mann gemeint wäre?

Er ging rasch in Marinas Zimmer, wo Kutusow, mit zurückgeschlagenen Rockschößen, die Hände in den Taschen, wie ein Monument inmitten des Zimmers ragte und mit hochgezogenen Brauen Turobojew zuhörte. Zum erstenmal sprach Turobojew ohne die üblichen Grimassen und das ironische Lächeln, die sein schönes Gesicht entstellten.

»Es ist vollkommen klar, daß die Kultur zugrunde geht, weil die Menschen sich daran gewöhnt haben, auf Kosten fremder Kräfte zu leben, und diese Gewohnheit alle Klassen, alle Beziehungen und alle Handlungen der Menschen erfaßt hat. Ich weiß wohl: diese Gewohnheit entsprang dem Wunsch des Menschen, sich die Arbeit zu erleichtern, aber sie ist ihm zur zweiten Natur geworden und hat bereits nicht nur abstoßende Formen angenommen, sondern untergräbt auch in der Wurzel den tiefen Sinn der Arbeit, ihre Poesie.«

Kutusow lächelte freundschaftlich:

»Ein Idealist sind Sie, Turobojew. Und ein Romantiker obendrein, und das ist nun schon gar nicht zeitgemäß.«

Marina zerrte wütend an der Schnur der Fensterklappe. Die Spiwak näherte sich ihr, um ihr zu helfen, doch Marina hatte die Schnur abgerissen und auf den Fußboden geworfen.

»Männer raus!« kommandierte sie. »Serafima, du schläfst bei mir. Alle sind betrunken, begleiten kann dich niemand.«

»Ich bin nicht betrunken«, erklärte Klim.

Die Spiwak war auf einen Stuhl geklettert und bemühte sich hartnäckig, die Luftklappe zu öffnen. Kutusow trat zu ihr, hob sie wie ein Kind vom Stuhl, stellte sie auf den Boden, öffnete sodann die Klappe und sagte:

»Gehen wir zu Samgin senior. Gehen wir, Tante Lisa?«

Man ging. Im Eßzimmer ließ Turobojew mit dem Griff eines Taschenspielers eine Flasche Wein vom Tisch verschwinden, doch die Spiwak nahm sie ihm ab und stellte sie auf den Fußboden. Klim fühlte sich jäh von einer schlimmen Frage verbrannt: weshalb warf das Leben ihm nur solche Frauen vor die Füße, wie die käufliche Margarita oder die Nechajew? Er folgte als letzter ins Zimmer seines Bruders und mischte sich nach einigen Minuten in das ruhige Gespräch Kutusows und Turobojews. Hastig gab er von sich, was ihn seit langem auszusprechen drängte:

»Seit meiner Kindheit höre ich Reden über das Volk, über die Notwendigkeit der Revolution, über alles, was die Leute sagen, um vor den anderen klüger zu erscheinen, als sie sind. Wer . . . wer redet so? Die Intelligenz.«

Klim erkannte dunkel, daß er einen allzu herausfordernden Ton angeschlagen hatte und daß die Worte, die ihm längst teuer geworden waren, ihm nur mit Mühe einfielen und nur schwer von der Zunge wollten. Er verstummte einen Augenblick und musterte die Anwesenden. Die Spiwak zerfloß als blauer Fleck an der dunklen Fensterscheibe. Der Bruder stand am Tisch, hielt sich ein Zeitungsblatt vor die Augen und blickte über es hinweg trübe auf Kutusow, der ihm spöttisch lachend etwas sagte.

»Sie hören mir gar nicht zu«, konstatierte Klim und geriet in Wut.

Turobojew saß vornübergebeugt in einer Ecke, rauchte und ließ aus seiner Zigarette Ringe in die Mitte des Zimmers steigen. Er sagte leise:

»Ihr Onkel, wie ich hörte . . .«

Klim schrie:

»Was wollen Sie sagen? Mein Onkel ist genau so ein Zersetzungsprodukt der oberen Gesellschaftsschichten wie Sie selbst, wie die ganze Intelligenz. Sie findet für sich keinen Platz im Leben und darum . . .«

Turobojew sagte von seinem Winkel her:

»Sie sind anscheinend Marxist geworden, Samgin, aber ich glaube nur deshalb, weil Sie bei Tisch unvorsichtigerweise weißen Wein mit rotem gemischt haben.«

Dmitri lachte geräuschvoll. Kutusow sagte ihm:

»Stör' nicht!«

Klim wollte, daß man mit ihm stritt. Noch herausfordernder sagte er mit Warawkas Worten:

»Das Volk selbst macht niemals Revolution. Es sind die Führer, die es vorantreiben. Für eine Weile unterwirft es sich ihnen, um sich sehr bald den Ideen, die ihm von außen aufgezwungen worden sind, zu widersetzen. Das Volk weiß und fühlt, daß das einzige Gesetz, das für es Gültigkeit besitzt, die Evolution ist. Die Führer suchen auf jede Weise gegen dieses Gesetz zu verstoßen. Das ist es, was die Geschichte lehrt . . .«

»Eine kuriose Geschichte«, sagte Turobojew.

»Und eine alte«, fügte Kutusow hinzu und stand auf. »Na, für mich ist es Zeit zu gehen.«

Alle Gedanken Klims brachen auf einmal ab, die Worte versanken. Ihm schien, daß die Spiwak, Kutusow und Turobojew wuchsen und aufschwollen, nur sein Bruder blieb der gleiche. Er stand mitten im Zimmer, hielt sich die Ohren zu und schwankte.

»Sie haben eine unangenehme Art, das linke Bein vorzusetzen, wenn Sie stehen. Das bedeutet, daß Sie glauben, bereits ein Führer zu sein, und an Ihr Denkmal denken.«

»Um in Schnee und Regen zu stehen«, murmelte Dmitri und faßte den Bruder um die Taille, Klim stieß ihn mit einer Bewegung seiner Schulter zurück und fuhr in kreischendem Ton fort:

»Ihre Lehre, Kutusow, gibt Ihnen keinen Anspruch auf die Rolle eines Führers. Marx läßt das nicht zu, die Massen sind es, die die Geschichte machen. Leo Tolstoi hat diese irrige Idee verständlicher und einfacher entwickelt. Lesen Sie nur ›Krieg und Frieden‹!«

Klim Samgin stieß wieder den Bruder zurück.

»Lesen Sie es! Übrigens, Ihr Name ist der gleiche wie der des Heerführers, den seine Armee befehligte!«

Überzeugt davon, mit dieser Wendung etwas Boshaftes und Geistreiches gesagt zu haben, brach Klim in Lachen aus und schloß die Augen. Als er sie öffnete, war niemand im Zimmer außer dem Bruder, der aus einer Karaffe Wasser in ein Glas goß.

Weiter erinnerte sich Klim an nichts mehr.

Er erwachte mit schwerem Kopf und der trüben Erinnerung an einen Fehler, an eine Unvorsichtigkeit, die er gestern begangen hatte. Das Zimmer füllte das unangenehm zerstreute, weißliche Licht der Sonne, die in der farblosen Leere jenseits des Fensters versteckt war. Dmitri kam. Sein nasses, glatt gescheiteltes Haar schien mit Öl eingerieben zu sein und legte unschön die rötlichen Augen und das weibische, etwas geschwollene Gesicht frei. Schon an seinem tristen Aussehen merkte Klim, daß er sogleich Schlimmes zu hören bekommen würde.

»Was fiel dir eigentlich ein, gestern?« begann der Bruder, wobei er die Augen senkte und seine Hosenträger verkürzte. »Da hast du nun solange geschwiegen . . .; Man hielt dich für einen ernsthaft denkenden Menschen und plötzlich läßt du so was Kindisches vom Stapel. Man weiß nicht, wie man dich verstehen soll. Natürlich, du hattest getrunken, aber man sagt doch: ›Was der Nüchterne im Sinn hat, liegt dem Betrunkenen auf der Zunge‹.«

Dmitri sprach nachdenklich und mit Überwindung. Nachdem er mit seinen Hosenträgern zurechtgekommen war, setzte er sich auf einen knarrenden Stuhl.

»Es kam so heraus, weißt du, als sei in ein Orchester ein Fremder gesprungen und habe, aus reinem Schabernack, etwas ganz anderes geflötet, als die anderen spielten.«

»Welch ein stumpfer, schwachköpfiger Mensch«, dachte Klim. »Ganz Tanja Kulikow.«

Und fing plötzlich an zu reden:

»Nun, genug! Du bist nicht mein Erzieher! Du solltest dich lieber der albernen Versuche zu kalauern enthalten. Es ist beschämend, statt Hosenträger Rosenträger und statt Druckfehler Druckwähler zu sagen. Noch weniger geistreich ist es, den Bottnischen Meerbusen einen Botanischen und das Adriatische Meer idiotisches Meer zu nennen . . .;«

Er erhitzte sich und sagte seinem Bruder auch das, wovon er mit ihm nicht hatte sprechen wollen: eines Nachts, als er aus dem Theater heimkam und leise die Treppe hinaufstieg, hörte er über sich auf dem Vorplatz die gedämpften Stimmen Kutusows und Marinas.

»Wann wirst du es endlich Samgin sagen?«

»Mir fehlt der Mut . . . und er tut mir leid, er ist so . . .«

»Ich bin auch so . . .«

Saftig knallte ein Kuß. Marina sagte ziemlich laut:

»Wag es nicht!«

Kutusow blökte etwas, und Klim stieg geräuschlos die Treppe hinunter, um dann von neuem hinaufzusteigen, nun aber eilig und mit festem Tritt. Als er den Vorplatz erreichte, war niemand mehr dort. Er wünschte heftig, seinem Bruder unverzüglich dieses Zwiegespräch mitzuteilen, nach einigem Nachdenken entschied er jedoch, daß es noch verfrüht sei: der Roman versprach interessant zu werden, seine Helden waren alle so fleischlich, animalisch. Diese körperliche Fleischlichkeit war es vor allem, die Klims Neugier erregte. Kutusow und sein Bruder würden sich wahrscheinlich erzürnen, und dies würde für den Bruder, der Kutusow allzu hörig war, heilsam sein.

Nachdem er Dmitri das erlauschte Gespräch erzählt hatte, fügte er, um ihn zu reizen, hinzu:

»Natürlich wird sie ihn dir vorziehen.«

Während des Sprechens sah er zur Decke hinauf und merkte nicht, was Dmitri tat. Zwei schwere klatschende Schläge ließen ihn zusammenzucken und im Bett hochfahren. Der Bruder klatschte sich mit einem Buch auf die Handfläche, er stand in der markigen Haltung Kutusows mitten im Zimmer. Mit fremder Stimme, stotternd, sagte er:

»Solche Dinge erzählen sich Dienstboten. Das ist nur im Katzenjammer entschuldbar.«

Er schleuderte das Buch auf den Tisch und verschwand. Er ließ Klim so entmutigt zurück, daß er erst nach zwei Minuten überlegte:

»Dmitri hätte in diesem Ton nicht mit mir gesprochen. Ich bin ihm eine Erklärung schuldig.«

Er beschloß, den Bruder aufzusuchen und ihn davon zu überzeugen, daß seine Mitteilung über Marina hervorgerufen sei durch das natürliche Gefühl des Mitleids für einen Menschen, den man hinterging. Doch bis er sich gewaschen und angekleidet hatte, waren sein Bruder und Kutusow nach Kronstadt gefahren.

Jelisaweta Spiwak hatte sich erkältet und lag zu Bett, Marina, übertrieben besorgt, sprang die Treppe hinauf und hinunter, blickte häufig aus dem Fenster und fuchtelte albern mit den Armen in der Luft herum, als fange sie eine Motte, die niemand sah als sie. Als Klim den Wunsch aussprach, die Kranke zu besuchen, sagte Marina trocken:

»Ich werde fragen.«

Doch Klim war überzeugt, daß sie nicht angefragt hatte. Man bat ihn nicht nach oben. Es war langweilig. Nach dem Frühstück kam wie immer der kleine Spiwak ins Eßzimmer hinunter.

»Störe ich?« fragte er und begab sich zum Flügel. Wäre im Zimmer auch niemand gewesen, würde er, schien es, trotzdem gefragt haben, ob er nicht störe, und wenn man ihm erwidert hätte, »Gewiß, Sie stören«, würde er sich nichtsdestoweniger an den Flügel geschlichen haben.

Klim konnte ihn sich nicht anders vorstellen als am Flügel, an ihn festgeschmiedet, wie der Sträfling an seinen Karren, den er nicht vom Fleck fortbewegen kann. Er wühlte mit seinen Fingern in den zweifarbigen Gebeinen der Klaviatur, entlockte dem schwarzen Mechanismus leise Noten und sonderbare Akkorde und schien, wie er so den Kopf tief in die Schultern zog und ihn auf die Seite legte, den Tönen zuzusehen. Er redete wenig und ausschließlich über zwei Themen: mit geheimnisvoller Miene und stillem Entzücken über die chinesische Tonleiter und jammernd, mit Kümmernis, über die Unvollkommenheit des europäischen Gehörs.

»Unser Ohr ist verstopft vom Lärm der steinernen Städte und der Fuhrleute, jawohl! Wahre, reine Musik kann nur aus vollkommener Stille hervorwachsen. Beethoven war taub, aber das Ohr Wagners hörte unvergleichlich schlechter als das Beethovens, daher ist seine Musik nur ein chaotisch zusammengelesenes Material für eine Musik. Mussorgski mußte sich mit Wein betäuben, um in der Tiefe seiner Seele die Stimme seines Genius zu vernehmen, verstehen Sie?«

Klim Samgin hielt diesen Menschen für einen Schwachsinnigen. Aber nicht selten machte die kleine Figur des Musikers, über die schwarze Masse des Flügels gelehnt, ihm den unheimlichen Eindruck eines Grabmals: ein großer, schwarzer Stein, an dessen Sockel ein Mensch wortlos trauert.

Für Klim begann eine schwere Zeit. Das Verhältnis zu ihm veränderte sich schroff, und niemand machte ein Hehl daraus. Kutusow hörte auf, seine geizigen, sorgsam bedachten Redewendungen zu beachten, grüßte gleichgültig, ohne Lächeln. Sein Bruder verschwand schon in der Frühe irgendwohin, und kehrte spät abends, müde, zurück. Er magerte ab, verlor seine Redelust und lachte verlegen in sich hinein, wenn er Klim begegnete. Als Klim versuchte, sich zu erklären, sagte Dmitri leise, aber fest:

»Laß das.«

Turobojew schnitt mehr als früher Grimassen, übersah Klim und starrte auf die Zimmerdecke.

»Was sehen Sie immer nach oben?« fragte ihn die alte Premirow.

Er antwortete durch die Zähne:

»Ich warte, bis die Fliegen zum Leben erwachen.«

Die Nechajew reiste nicht ab. Klim fand, daß ihre Gesundheit sich besserte, daß sie weniger hustete und scheinbar sogar voller wurde. Dies beunruhigte ihn sehr, er hatte gehört, daß die Schwangerschaft den Verlauf der Tuberkulose nicht nur aufhalte, sondern sie manchmal sogar heile. Der Gedanke aber, daß er ein Kind von diesem Mädchen haben könne, schreckte Klim.

Sie war schweigsamer geworden und sprach nicht mehr so leidenschaftlich und farbenreich wie früher. Ihre Zärtlichkeit wurde süßlich, in ihren vergötternden Blick trat etwas Seliges. Dieser Blick weckte in Klim das Verlangen, seinen schwachsinnigen Glanz mit einem Spottwort auszulöschen. Aber er konnte den richtigen Augenblick dafür nicht erwischen. Jedesmal, wenn er im Begriff war, dem Mädchen etwas Unfreundliches oder Spitzes zu sagen, sahen die Augen der Nechajew, ihren Ausdruck sogleich ändernd, ihn fragend, forschend an.

»Worüber machst du dich lustig?« fragte sie.

»Ich mache mich nicht lustig«, leugnete Klim, zurückschreckend.

»Aber ich sehe es doch«, beharrte sie. »Du hast Schneeflocken in den Augen.«

Seine Furcht nahm noch zu, denn er erwartete, daß sie ihn gleich fragen würde, wie er über ihre weiteren Beziehungen denke.

Petersburg wurde noch fataler, weil die Nechajew dort lebte.

Der Frühling näherte sich schleppend. Zwischen den trägen Wolken, die beinahe täglich melancholisch Regen säten, erschien die Sonne nur für flüchtige Augenblicke und legte widerwillig und leidenschaftslos den Schmutz der Straßen und den Kohlenruß an den Hausmauern bloß. Vom Meer wehte ein kalter Wind, der Fluß schwoll bläulich an, die schweren Wellen leckten hungrig den Granit der Ufer. Vom Fenster seines Zimmers aus sah Klim hinter den Giebeln die drohend gen Himmel erhobenen Finger der Fabrikschornsteine, sie erinnerten ihn an die historischen Gesichte und Weissagungen Kutusows, erinnerten ihn an den Arbeiter mit den scharfen Zügen, der an Feiertagen, über die Hintertreppe, seinen Bruder Dmitri besuchte, und das ebenfalls geheimnisvolle Fräulein mit dem Gesicht einer Tatarin, die sich von Zeit zu Zeit bei seinem Bruder einfand. Das Fräulein hatte etwas Tonloses und blinzelte kurzsichtig mit ihren teerschwarzen Augen.

Zuweilen schien es, als habe der schwere Qualm der Fabrikschlote eine seltsame Eigenschaft: aufsteigend und über der Stadt zerfließend, zerfraß er sie gleichsam. Die Dächer der Häuser zerschmolzen, verschwanden nach oben schwebend und sanken von neuem aus dem Rauchmeer herab. Die gespenstische Stadt schwankte und gewann eine unheimliche Haltlosigkeit, die Klim mit einer rätselhaften Schwere erfüllte und ihn zwang, an die Slawophilen zu denken, die Petersburg, den »Bronzenen Reiter« und die krankhaften Geschichten Gogols nicht liebten.

Ihm mißfiel auch die Nadel der Peter-Paul-Festung und der von ihr durchbohrte Engel. Mißfiel ihm deshalb, weil man von dieser Festung mit respektvollem Haß sprach, aus dem jedoch zuweilen etwas wie Neid klang. Der Student Popow nannte die Festung voller Begeisterung ein »Pantheon«.

Mit dem Laut »P« ahmte er gleichsam den Schuß aus einem Spielzeugrevolver nach, während er die übrigen Laute in halbem Ton aussprach.

»B–akunin«, sagte er, die Finger einknickend. »Netsch–schajew«. F–fürst Krap–potkin.«

Es war etwas Absurdes in der granitenen Masse der Isaaks-Kathedrale, in den an ihr befestigten grauen Hölzchen und Brettchen der Gerüste, auf denen Klim niemals auch nur einen einzigen Arbeiter bemerkte. Durch die Straßen marschierten im Maschinenschritt ungewöhnlich stattliche Soldaten. Einer von ihnen, der an der Spitze schritt, pfiff durchdringend auf einer kleinen Pfeife. Ein anderer wirbelte grausam die Trommel. Im höhnischen, arglistigen Pfiff dieser Pfeife, in den vielstimmigen Sirenen der Fabriken, die am frühen Morgen den Schlaf zerrissen, hörte Klim etwas, das ihn aus der Stadt forttrieb.

Er bemerkte, daß in ihm Gedanken, Bilder, Gleichnisse keimten, die ihm nicht eigentümlich waren. Wenn er über den Schloßplatz oder an ihm vorbeiging, sah er, daß nur wenige Passanten hastig über die kahlen Flächen des Holzpflasters eilten, während er wünschte, daß der Platz erfüllt sein möge von einer bunten, lärmend-frohen Menschenmenge. Die Alexandersäule erinnerte unangenehm an einen Fabrikschlot, dem ein bronzener Engel entflogen war, welcher nun reglos in der Luft schwebte, als überlege er, wohin er seinen Kranz abwerfen solle. Der Kranz sah aus wie ein Rettungsring in der Hand eines Matrosen. Das Zarenpalais, immer stumm, mit leeren Fensterfronten, rief den Eindruck eines unbewohnten Hauses hervor. Zusammen mit dem Halbkreis langweiliger Gebäude von der Farbe des Eisenrostes, die den wüsten Platz einfaßten, erregte das Palais ein Gefühl der Trübsal. Klim fand, es wäre besser, wenn das Haus des Beherrschers Rußlands die Schrecken einflößenden Karyatiden der Eremitage stützten.

Beim Anblick dieses Platzes erinnerte Klim sich der lärmenden Universität und der Studenten seiner Fakultät, Leute, die lernten, Verbrecher anzuklagen und zu verteidigen. Sie klagten schon jetzt die Professoren, die Minister und den Zaren an. Die Selbstherrschaft des Zaren verteidigten, ungeschickt und furchtsam, recht unbedeutende Leute. Ihrer waren wenig, und sie gingen in der Menge der Ankläger unter.

Klim hatte die endlosen Streitigkeiten zwischen den Volkstümlern und Marxisten satt und ihn erbitterte, daß er nicht erkennen konnte, wer von ihnen sich am gröbsten irrte. Er war unerschütterlich überzeugt, daß sich sowohl die einen wie die anderen irrten, er konnte einfach nicht anders denken, aber er wurde sich nicht recht klar darüber, welche von diesen beiden Gruppen eher das Gesetz allmählicher und friedlicher Entwicklung des Lebens anerkannte. Zuweilen hatte es den Anschein, als begriffen die Marxisten tiefer als die Volkstümler die Unerschütterlichkeit des Gesetzes der Evolution, aber er sah gleichwohl auf die einen wie auf die anderen als auf Repräsentanten des ihm geradezu verhaßten »Kutosowismus«. Es war unerträglich, diese schwatzhaften Leutchen zu sehen, denen die Dummheit ihrer Jugend das freche Gelüst einflößte, sich gegen die von Jahrhunderten geheiligte, stetige Bewegung des Lebens aufzulehnen.

Vor allem beschäftigten ihn die Meinungsverschiedenheiten über das Thema, ob die Führer den Willen der Massen lenken oder ob die Masse, die die Führer hervorbringt, sie zu ihrem Werkzeug, zu ihrem Opfer macht. Der Gedanke, daß er, Klim, Werkzeug eines fremden Willens sein könnte, schreckte und verwirrte ihn. Er erinnerte sich der Art, wie der Vater die biblische Legende von der Opferdarbietung Abrahams auslegte, und die gereizten Worte der Nechajew:

»Das Volk ist der Feind des Menschen! Das sagen Ihnen die Biographien fast aller großen Menschen.«

Klim fand, das sei richtig. Irgendein ungeheuerlicher Schlund verschlang, einen nach dem anderen, die besten Menschen der Erde und spie aus seinem Bauch die Feinde der Kultur aus, solche wie Bolotnikow, Rasin und Pugatschew.

Klim ging auch der Student Popow auf die Nerven: dieser hungrige Mensch rannte unermüdlich durch die Korridore und Hörsäle. Seine Arme zuckten krampfhaft, wie ausgerenkt, in den Schultergelenken. Auf seine Kollegen zustürzend, entriß er den Taschen seiner abgetragenen Jacke Briefe und hektographiertes Zigarettenpapier und stotterte, den Laut »s« in sich hineinziehend:

»S–amgin, hören Sie, aus Odessa schreibt man . . . die S–tudentenschaft ist die Avantgarde . . . die Universität der Sammelpunkt für die Organisation der kulturellen Kräfte. Die Landsmannschaften sind die Keimzellen des Allrussischen Bundes . . . Aus Kasan wird gemeldet . . .«

Solche Menschen wie Popow, geschäftig und aus den Gelenken gerenkt, gab es mehrere. Klim hatte gegen sie eine besonders heftige Abneigung, fürchtete sie sogar und bemerkte, daß sie nicht nur ihn, sondern alle Studenten, die ernsthaft arbeiteten, abschreckten.

Sie drängten einem beständig Billetts für Abende zugunsten einer Landsmannschaft, für irgendwelche Konzerte, die zu irgendeinem geheimnisvollen Zweck veranstaltet wurden, auf.

Die Vorlesungen, die Diskussionen, der ganze chaotische Radau von hunderten junger Leute, die berauscht waren vom Durst, zu leben und zu handeln, all das betäubte Klim Samgin so sehr, daß er seine eigenen Gedanken nicht mehr vernahm. Es schien, daß alle Menschen besessen seien vom Wahnwitz eines Spiels, das sie um so zügelloser mitriß, je gefahrvoller es war.

Unvermittelt, aber fest, faßte er den Entschluß, an eine Provinzuniversität zu gehen, wo man gewiß stiller und einfacher lebte, Er mußte die Beziehungen zur Nechajew lösen. Mit ihr zusammen fühlte er sich wie ein Reicher, der einer Bettlerin ein verschwenderisches Almosen gibt und sie gleichzeitig verachtet. Den Vorwand für eine plötzliche Abreise gab ein Brief seiner Mutter, der ihn davon unterrichtete, daß sie krank sei.

Auf dem Wege zur Nechajew, um Abschied zu nehmen, machte er sich finster auf Tränen und klagende Worte gefaßt, war aber selbst fast zu Tränen gerührt, als das Mädchen seinen Hals fest mit ihren dünnen Armen umschlang und flüsterte:

»Ich weiß, du hast mich nicht sehr, nicht so besonders stark geliebt. Ja, ich weiß es. Aber ich danke dir unendlich, mit ganzem Herzen für diese Stunden zu zweien . . .«

Sie drängte sich an ihn mit der ganzen Kraft ihres armen, mageren Körpers und schluchzte heiß:

»Möge Gott dich davor bewahren, die Grenzenlosigkeit der Einsamkeit so zu fühlen, wie ich sie gefühlt habe.«

Drei spitze Finger zusammenlegend, tippte sie mit ihnen heftig gegen Klims Stirn, Schultern und Brust und bebte am ganzen Körper, Sie wankte, während sie mit der flachen Hand hastig die Tränen aus dem Gesicht wischte.

»Ich verstehe wohl nur schlecht, an Gott zu glauben, aber für dich will ich zu irgend jemand beten, das will ich! Ich wünsche, daß du es gut haben mögest, daß das Leben dir leicht werde . . .«

Ihr Weinen war nicht drückend anzusehen, sondern beinahe angenehm, wenn auch ein wenig traurig. Sie weinte heiß, aber nicht heftiger, als sich gehörte.

Klim reiste mit der Gewißheit ab, von der Nechajew gut und für immer Abschied genommen zu haben und durch diesen Roman sehr bereichert zu sein. Nachts im Zug dachte er:

»Sehen Sie, Lidia Timofejewna, ich kehre mit dem Schild heim.«

Er beschloß, sich zwei Tage in Moskau aufzuhalten, um vor Lida zu glänzen, und scherzte in Gedanken:

»Die Universitätsexamen können aufgeschoben werden, dieses aber werde ich jetzt sofort ablegen.«

Im Einnicken erinnerte er sich, daß Lida auf seine sorgsam in humoristischem Ton gehaltenen Briefe nur zweimal und sehr kurz und uninteressant geantwortet hatte. In einem dieser Briefe hieß es:

»Es gefällt mir nicht, daß Du Deine Bekannte Smertjaschkina nennst, und ich finde es nicht komisch.«

»Sie ist unbegabt. Ihre Schularbeiten hat immer die Somow gemacht«, rief er sich selbst ins Gedächtnis und schlief, dadurch getröstet, fest ein.

Über Moskau leuchtete prahlerisch ein Frühlingsmorgen. Über das holprige Pflaster pochten die Hufe, ratterten Fuhrwerke. In der warmen, lichtblauen Luft tönte festlich der Kupfergesang der Glocken. Über die ausgetretenen Trottoirs der engen, krummen Straßen schritten rüstig leichtfüßige Menschen. Ihr Gang war weitausholend, das Stampfen der Füße klang präzis, sie scharrten nicht mit den Sohlen wie die Petersburger. Überhaupt war hier mehr Lärm als in Petersburg, und der Lärm war von anderer Art, kein so feuchter und ängstlicher wie dort.

»Im Lärm von Moskau ist der Mensch vernehmlicher«, dachte Klim, und es war ihm angenehm, daß seine Worte sich gleichsam zu einem Sprichwort gefügt hatten. Während er in der ächzenden Equipage des zerlumpten Kutschers schaukelte, sah er sich um wie jemand, der aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt.

»Sollte ich vielleicht die hiesige Universität beziehen?« fragte er sich.

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