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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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An dem Tage, an dem Klim Samgin sie aufsuchte, fiel beklemmend dichter Schnee auf die mürrische Stadt. Er fiel rasch, ausdauernd, seine Flocken waren ungewöhnlich groß und raschelten wie Fetzen feuchten Papiers.

Die Nechajew wohnte möbliert. Es war die letzte Tür am Ende eines langen Ganges, der schwach von einem Schrank fast ganz verdeckten Fenster erhellt wurde. Das Fenster war gegen eine braune glatte Mauer gepreßt. Zwischen Fenster und Mauer fiel der Schnee, grau wie Asche.

»In was für einem schmutzigen Loch wohnt sie«, dachte Klim. Doch als er in dem kleinen, dürftig beleuchteten Flur abgelegt hatte und ihr Zimmer betrat, fühlte er sich märchenhaft weit entführt aus dieser Gegend unter einem unsichtbaren Himmel, der sich in Flocken zerkrümelte, aus dieser im Schnee verschütteten Stadt. Das Zimmer war vom warmen Schein einer stark brennenden, von einem orangegelben Schirm verhängten Lampe erhellt und mit orientalischen Stoffen in den blassen Tönen der erlöschenden Abendröte dekoriert. Auf Tisch und Ruhebett waren die gelben Bändchen französischer Bücher wie Blätter einer exotischen Pflanze verstreut. Die Nechajew, in einem goldfarbenen Kittel, umgürtet mit einer breiten grünlichen Schärpe, begrüßte ihn erschrocken:

»Entschuldigen Sie, ich bin im Negligé.«

»Es ist schön bei Ihnen«, sagte Klim.

»Gefällt es Ihnen?«

Sie zündete eilig einen Spirituskocher an, stellte einen wunderlich geformten kupfernen Teekessel auf und sagte dabei:

»Ich kann Samoware nicht leiden.«

Sie stieß mit ihrem Fuß, der in einem grünen Saffianpantöffelchen steckte, die Bücher, die vom Tisch herabgefallen waren, erbarmungslos unter den Tisch und schob alle Gegenstände an seinem Rand zusammen, zum mit einem dunklen Stoff verhängten Fenster hin, all das sehr eilig, Klim ließ sich auf dem Ruhebett nieder und blickte sich um. Die Ecken des Raums waren durch Draperien ausgeglättet, ein Drittel des Zimmers von einem chinesischen Schirm abgeteilt. Hinter dem Schirm sah der Zipfel eines Bettes hervor. Die Fensterbank war mit einem schweren Teppich von stumpfroter Farbe verkleidet, ein ebensolcher Teppich bedeckte den Boden. Die warme Luft des Zimmers war stark mit Parfüms getränkt.

»Ich liebe schreiende Farben, laute Musik und gerade Linien nicht. Das alles ist zu wirklich und darum verlogen«, hörte Klim.

Die eckigen Bewegungen des Mädchens ließen die Ärmel ihres Kittels sich aufspannen wie Flügel, ihre irrenden Hände erinnerten ihn an die blinden Hände Tomilins, und sie sprach in dem verzogenen Ton Lidas, als die noch ein Backfisch von dreizehn oder vierzehn Jahren war. Klim hatte den Eindruck, daß das Mädchen sich in einer Verwirrung befand und sich verhielt, wie ein Mensch, den man überrumpelt hat. Sie vergaß, sich umzuziehen. Der Kittel glitt ihr von den Schultern und entblößte das Schlüsselbein und die vom Lampenlicht unnatürlich gefärbte Haut der Brust.

Während des Tees erfuhr Klim, daß das Wahre und Ewige in den Tiefen der Seele eingeschlossen sei, alles Äußere aber, die ganze Welt eine verworrene Kette von Fehlschlägen, Irrtümern, verkrüppelter Impotenz und kläglichen Versuchen, die ideale Schönheit jener Welt, die im Geist erlesener Menschen eingefriedigt ist, zum Ausdruck zu bringen.

»Oh, ich vergaß!« rief sie plötzlich vom Ruhebett aufflatternd, holte aus einem Schränkchen eine Flasche Wein, Likör, eine Schachtel Schokolade und Biskuits, verstreute alles über den Tisch und fragte dann, während sie die Ellenbogen aufstützte und dabei ihre dünnen Arme entblößte:

»Verstehen Sie es, über die Sinnlosigkeit des Daseins nachzudenken?«

Klim hatte Lust zu lächeln, doch er beherrschte sich und antwortete gesetzt:

»Manchmal regt einen das sehr auf.«

Und weil er bemerkte, daß die Augen der Nechajew aufflammten, fügte er hinzu:

»Es gibt Tage, wo man morgens aufwacht und das Gefühl hat, zwecklos erwacht zu sein.«

Die Nechajew nickte:

»Ja, natürlich, gerade Sie müssen so empfinden. Ich erkannte es an Ihrer Zurückhaltung, an Ihrem immer ernsten Lächeln, daran, wie schön Sie zu schweigen verstehen, während alle schreien. Und worüber?«

Sie kreuzte die Arme auf der Brust, legte die Hände auf ihre spitzen Schultern und fuhr mit Unwillen fort:

»Volk! Arbeiterklasse! Sozialismus! Bebel! Ich habe seine ›Frau‹ gelesen, mein Gott, wie ist das öde! In Paris und Genf begegnete ich Sozialisten. Es sind Menschen, die sich bewußt begrenzen. Sie haben etwas Verwandtes mit den Mönchen, sie sind ebensowenig frei von Heuchelei wie diese. Sie alle ähneln mehr oder weniger Kutusow, doch ohne seine lächerliche, bäurische Herablassung für Menschen, die er nicht verstehen kann oder will. Kutusow selbst ist nicht dumm und glaubt anscheinend ehrlich an alles, was er sagt, aber der Kutusowismus, all diese nebelhaften Begriffe: Volk, Masse, Führer – wie ist das alles zum Sterben öde!«

Sie schrak sogar zusammen, ihre Hände glitten leblos von den Schultern. Sie hob einen kleinen, an eine langstielige Blüte erinnernden Kelch gegen das Licht der Lampe, erfreute sich an der giftgrünen Farbe des Likörs, trank ihn aus und hustete, am ganzen Körper zuckend, in ihr Tüchlein.

»Es schadet Ihnen«, sagte Klim und schnippte mit dem Nagel an sein Glas. Die Nechajew, immer noch hustend, schüttelte verneinend den Kopf. Später erzählte sie schwer atmend und mit Pausen zwischen jedem Satz von Verlaine und daß ihn der Absynth, die »grüne Fee«, zugrunde gerichtet habe.

»Liebe und Tod«, vernahm Klim nach einigen Augenblicken, »in diesen beiden Mysterien ist der ganze furchtbare Sinn unseres Daseins verborgen. Alles andere – auch der Kutusowismus – sind nur erfolglose und feige Versuche, sich mit Nichtigkeiten zu betrügen.«

Klim fragte: »Und die Humanität, gehört sie auch zu den Nichtigkeiten?« und paßte auf, denn er erwartete, sie nun von der Liebe sprechen zu hören, und es wäre ergötzlich gewesen zu hören, was dieses körperlose Mädchen über die Liebe zu sagen hatte. Doch die Nechajew fertigte die Humanität als »kleinbürgerlichen Traum allgemeiner Sattheit«, den schon Malthus widerlegt habe, ab und sprach dann über den Tod. Anfangs beobachtete Klim in ihrem Tonfall etwas Kirchliches. Sie trug sogar einige Verse aus den Liturgien für die Seelen der Abgeschiedenen vor, aber diese düsteren Verse klangen matt. Klim rieb sorgfältig mit einem Stück Ledersamt seine Brillengläser blank und dachte für sich, daß die Nechajew wie ein altes Mütterchen sprach. Er senkte den Kopf und vermied es, das Mädchen anzusehen, damit sie nicht entdeckte, daß er sich langweilte. Doch sie schien es schon erraten zu haben oder müde zu sein, ihre Worte klangen immer leiser. Klim hob den Kopf, wollte seine Brille aufsetzen, kam aber nicht dazu. Seine Hände sanken langsam auf die Tischkante herab.

»Nein, stellen Sie sich nur vor«, sagte, fast flüsternd, zu ihm geneigt, die Nechajew. Ihre zitternde Hand mit den dünnen Knöchelchen der Finger schwebte in der Luft. Ihre Augen waren unnatürlich geweitet, das Gesicht schärfer als sonst. Er lehnte sich zurück, während er dem einschmeichelnden Geflüster lauschte.

»Eine geheimnisvolle Macht schleudert den Menschen hilflos, ohne Verstand und Sprache, in die Welt. Dann, in der Jugend, reißt sie seine Seele vom Fleisch los und macht sie zur ohnmächtigen Zuschauerin der qualvollen Leidenschaften des Körpers. Dann schlägt dieser Dämon den Menschen mit schmerzhaften Lastern, zermartert ihn, hält ihn lange in der Schande des Alters, ohne ihn endlich von der Liebesgier zu erlösen, ohne ihm die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Funken Glücks zu nehmen, die trügerisch vor ihm aufblitzen und ihn mit Neid für die Freuden der Jungen foltern. Endlich, sich gleichsam am Menschen dafür rächend, daß er gewagt hat zu leben, entseelt ihn die erbarmungslose Macht! Wo ist hier ein Sinn? Wohin verschwindet jene geheimnisvolle Wesenheit, die wir Seele nennen?«

Sie flüsterte nicht mehr, Ihre Stimme klang ziemlich laut und war mit leidenschaftlichem Zorn gesättigt. Ihr Gesicht verzerrte sich grausam und erinnerte Klim an die Zauberin in Andersens Märchen. Der trockene Glanz ihrer Augen kitzelte heiß sein Gesicht, ihm schien, in ihrem Blick brenne ein arges und rachsüchtiges Gefühl. Er senkte den Kopf und erwartete, daß dieses seltsame Wesen im nächsten Augenblick in den verzweiflungsvollen Schrei der Doktorsfrau Somow: »Nein! Nein! Nein!« ausbrechen würde.

Wenn Klim Bücher und Gedichte über die Liebe und den Tod las, erregten sie ihn nicht. Jetzt aber, da die Gedanken über Tod und Liebe im Kleid der zornigen Worte des kleinen, beinahe verwachsenen Mädchens erschienen, fühlte Klim mit einemmal, daß diese Gedanken ihn brutal ins Herz und in den Kopf trafen. Alles vermischte und wölkte sich in ihm gleich Rauch. Er hörte nicht mehr die erregte Nechajew, er sah sie an und dachte, weshalb gerade dieses häßliche, an der Krankheit hinsiechende Mädchen mit der flachen Brust verdammt war, sich mit so unheimlichen Gedanken zu tragen. Darin lag etwas beispiellos Ungerechtes. Er empfand Mitleid mit diesem, mit einem kranken Leib und einer kranken Seele gestraften Menschen. Zum erstenmal verspürte er die Regung des Mitleids mit solcher Schärfe, es war ihm in solcher Heftigkeit bisher fremd geblieben.

Er nahm einen Kelch, der wie eine Blüte aussah, aus der alle Farbe herausgesogen war, preßte seinen schlanken Stiel zwischen seinen Fingern und seufzte:

»Es muß schwer sein für Sie, mit diesen Gedanken zu leben.«

»Aber doch auch für Sie? Für Sie?«

Sie sagte diese Worte so seltsam, als frage sie nicht, sondern bitte. Ihr entflammtes Gesicht verblaßte, schmolz, sie wurde gleichsam schöner.

Klim empfand den Wunsch, ihr etwas Zärtliches zu sagen, aber er zerbrach den Fuß des Glases.

»Haben Sie sich geschnitten?« rief das Mädchen aus, sprang auf und lief zu ihm hin.

»Ein wenig«, sagte er schuldbewußt und umwickelte den Finger mit seinem Taschentuch. Die Nechajew jedoch streichelte seine Hand mit der ihren, die unnatürlich heiß war, und sagte leise und dankbar:

»Wie tief Sie empfinden!«

Sie huschte im Zimmer umher, zerriß ein Taschentuch, träufelte etwas Brennendheißes in die Wunde, verband sie straff und lud dann ein:

»Nehmen Sie Wein.«

Nachdem sie sich Likör eingeschenkt hatte, nahm sie wieder am Tisch Platz.

Eine Minute schwiegen beide, ohne einander anzusehen. Klim fand ein längeres Schweigen peinlich und hoffte, die Nechajew würde weiter sprechen. Er fragte sie:

»Lieben Sie Schopenhauer?«

Seufzend schraubte sie die Lampe herab. Es wurde enger im Zimmer. Alle Gegenstände und die Nechajew selbst drängten dichter zu Klim heran. Sie nickte bejahend:

»Auch Maeterlinck ist die Ethik des Mitleids nicht fremd und vielleicht hat er sie bei Schopenhauer geschöpft. Aber was nützt Mitleid den zum Tode Verurteilten?«

Klim starrte über den Kopf des Mädchens hinweg in die orangefarbige Dunkelheit und fragte sich:

»Warum hat sie die Lampe kleiner geschraubt?«

Die Nechajew bückte sich, stieß mit dem Fuß die gelben Bücher unter dem Tisch hervor und redete hinunter:

»Wir leben in einer Atmosphäre der Grausamkeit. Das gibt uns das Recht, grausam in allem zu sein . . . in der Liebe . . . im Haß . . .«

Ehe Samgin einfiel, ihr zu helfen, hatte sie eins der Bücher aufgehoben, es geöffnet und sagte strenge:

»Hören Sie zu!«

Halblaut und die Vokale dehnend, begann sie Verse vorzulesen. Sie las angestrengt, mit unvermittelten Pausen und dirigierte dabei mit dem bis zum Ellenbogen entblößten Arm. Die Verse waren sehr musikalisch, aber ihr Sinn rätselhaft. Sie handelten von Jungfrauen mit goldenen Binden um die Augen, von drei blinden Schwestern. Nur in den zwei Versen

Hab Erbarmen mit mir, weil ich zögre
An der Schwelle meines Begehrens . . .

fing er so etwas wie einen Lockruf oder eine Anspielung auf. Fragend blickte er das Mädchen an, aber sie sah ins Buch. Ihre rechte Hand schweifte durch die Luft, mit dieser, in dem Dämmerlicht bläulich schimmernden astralen Hand berührte die Nechajew ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Schultern, als bekreuzige sie sich, oder als wolle sie sich vergewissern, daß sie noch da sei.

Klim fühlte, wie der Wein, die Parfüms und die Gedichte ihn sonderbar berauschten. Allmählich ergab er sich einer nie gespürten Melancholie, die alles entfärbte und in ihm den Wunsch auslöste, sich nicht zu rühren, nichts zu hören, an nichts zu denken. Und er dachte auch nicht, sondern horchte nur, wie sich in ihm allmählich der niederdrückende Eindruck von den Worten des Mädchens verflüchtigte.

Als sie aufgehört hatte zu lesen, schleuderte sie das Buch auf das Ruhebett und schenkte sich mit zitternder Hand ein neues Glas Likör ein, Klim rieb sich die Stirn und blickte um sich wie jemand, der soeben erwacht. Mit Staunen fühlte er, daß er noch lange diesen wohllautenden, aber wenig verständlichen Versen in fremder Sprache hätte lauschen können.

»Verlaine! Verlaine!« seufzte zweimal die Nechajew. »Er gleicht einem gefallenen Engel!«

Sie schnellte ihren Körper vom Stuhl und legte sich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit auf das Ruhebett.

»Sind Sie müde?« fragte Klim.

Er stand auf und sah in das Gesicht des Mädchens, das fahl war und auf den Schläfen rote Flecke zeigte.

»Ich danke Ihnen«, sagte er eilig. »Ein wundervoller Abend. Bitte, bleiben Sie liegen.«

»Kommen Sie bald«, bat sie, während sie seine Hand zwischen den heißen Knöchelchen ihrer Finger zusammenpreßte. »Ich verschwinde ja bald.«

Mit der anderen Hand reichte sie ihm ein Buch.

»Und lesen Sie dies!«

Auf der Straße fiel immer noch Schnee. Er fiel so dicht, daß es schwer war zu atmen. Die Stadt war völlig stumm geworden, verschwunden in dem weißen Flaum. Die Laternen, bedeckt mit dicken Kappen, standen in Lichtpyramiden. Klim klappte den Mantelkragen hoch, steckte die Hände in die Taschen und schlenderte, die Eindrücke des Abends abwägend, durch den lautlosen Schnee. Weiße Asche rieselte ihm ins Gesicht und schmolz sogleich, die Haut kühlend. Klim blies unmutig die Wassertröpfchen von Oberlippe und Nase. Er fühlte, daß er eine niederdrückende Last, ein furchtbares Traumgesicht, das er niemals vergessen würde, mitgenommen hatte. Vor ihm, im Schnee, zitterte das Gesicht der alten kleinen Zauberin. Als Klim die Augen schloß, um ihm zu entfliehen, wurde es noch deutlicher, und der dunkle Blick schien jetzt hartnäckig fordernd. Doch der Schnee und sein vorzüglich entwickelter Selbsterhaltungstrieb riefen schnell protestierende Gedanken in Klim wach. Zwischen der äußeren Erscheinung des Mädchens, ihren großen Worten und der Schönheit der Verse, die sie vorgelesen hatte, bestand etwas verdächtig Unvereinbares. Weiter vermerkte Klim, daß die Nechajew zu viel Likör trank und zu viel Konfekt mit Rumfüllung genoß.

»Ein kranker Mensch. Es ist ganz natürlich, daß ihr Denken und Reden ständig um den Tod kreist. Solcher Art Gedanken – über den Sinn des Daseins und so weiter – taugen nicht für sie, sie sind für die Gesunden bestimmt. Für Kutusow zum Beispiel. Für Tomilin.«

Als Klim die langweiligen Predigten Kutusows einfielen, mußte er lächeln.

»Kutusowismus – das ist gar nicht übel.«

Als Klim in die Nähe seines Hauses gelangt war, hatte er sich bereits Gewißheit darüber verschafft, daß das Experiment mit der Nechajew beendet war. Die Triebfeder, die in ihr wirkte, war die Krankheit, und es hatte keinen Sinn, ihre hysterischen Reden, die die Furcht vor dem Tode ihr auf die Lippen trieb, noch weiter anzuhören.

»Im Grunde ist alles sehr einfach . . .«

Nachts las er Maeterlincks »Blinde«. Die eintönige Sprache dieses Dramas ohne Handlung hypnotisierte ihn, erfüllte ihn mit dunkler Traurigkeit, aber der Sinn des Stücks blieb Klim verschlossen. Unmutig warf er das Buch auf den Fußboden und versuchte erfolglos einzuschlafen. Die Gedanken kehrten zu der Nechajew zurück. Aber sie wurden milder. Er erinnerte sich ihrer Bemerkung über das Recht der Menschen, grausam in der Liebe zu sein, und fragte sich:

»Was wollte sie damit sagen?«

Dann seufzte er mitleidig:

»Es wird sich schwerlich ein Mensch finden, der sie liebt.«

Seine müden Augen sahen in der Finsternis des Zimmers einen Haufen durchsichtiger grauer Schattengestalten und unter ihnen ein kleines Mädchen mit einem Vogelgesicht und einem glattgekämmten Kopf ohne Ohren.

»Vor Furcht erblindet!«

Die Schatten schwankten wie die kaum sichtbare Spiegelung herbstlicher Wolken im dunklen Wasser eines Flusses. Die Bewegung der Finsternis im Zimmer, die sich aus einer eingebildeten in eine wirkliche verwandelte, vertiefte seine Trauer. Die Einbildungskraft, die sowohl das Einschlafen wie das Denken vereitelte, erfüllte die Dunkelheit mit tristen Lauten, dem Echo eines entfernten Klanges oder den singenden Tönen einer von einer Gitarre übertönten Geige. Die schwarzen Fensterscheiben verblichen langsam und nahmen die Farbe des Zinns an.

Klim erwachte gegen Mittag in der Stimmung eines Menschen, der am Abend vorher etwas Wichtiges erlebt hat und nun zweifelt, ob er dabei gewonnen oder verloren habe. Der sonst so leichte Fluß seiner Selbstbetrachtung war aufgehalten, belastet. Er hörte seine Gedanken schlecht und diese Taubheit reizte ihn. Sein Gedächtnis war verschüttet durch ein Chaos seltsamer Worte, Verse, Klagen der »Blinden«, von einschmeichelndem Geflüster und zornigen Ausrufen der Nechajew. Als er sich ankleidete, nahm er wütend das Buch auf, las stehend eine Seite, warf das Buch auf das Bett und zuckte die Schultern. Vor dem Fenster fiel immer noch Schnee, aber er war bereits trockner und feiner.

Klim Samgin beschloß, sein Zimmer nicht zu verlassen, aber das Dienstmädchen sagte, als sie den Kaffee brachte, gleich würden die Dielenputzer kommen. Er nahm das Buch und ging zu seinem Bruder. Dmitri war fort. Am Fenster stand Turobojew im Studentenrock und trommelte gegen die Scheiben. Er sah träge zu, wie eine zottige Rauchwolke zum Himmel emporkroch.

»Feuer«, sagte er. Er drückte Klim matt und lässig wie stets die Hand.

Der unebenen Linie warm mit Schnee bekleideter Dächer entstiegen dünne, graue Rauchwölkchen. Über die dicke Schneeschicht krochen schwerfällig Leute mit Messingknöpfen, ebenso grau wie der Rauch.

Dieses Bild hatte für Klim etwas frappierend Tristes.

»Es will nicht brennen«, sagte Turobojew und entfernte sich vom Fenster. Hinter seinem Rücken hörte Klim einen leisen Ausruf:

»Ah, Maeterlinck!«

Klim gab einem Wunsch, diesen fatalen Menschen zu verletzen nach, und suchte in seinem Gedächtnis ein besonders giftiges Wort. Da er keins entdeckte, murmelte er:

»Geschwätz!«

Turobojew war nicht beleidigt. Er trat von neuem an Klims Seite und während er auf etwas horchte, begann er leise und gleichmütig zu sprechen:

»Nein, warum denn Geschwätz? Es ist mit großer Kunst geschrieben, wie eine Allegorie zur Belehrung von Kindern reiferen Alters. Die ›Blinden‹ sind die heutige Menschheit, den Führer kann man, je nachdem, als die Vernunft oder als den Glauben deuten. Übrigens habe ich das Zeug nicht zu Ende gelesen.«

Klim verließ das Fenster voll Verdruß über sich selbst. Wie konnte ihm der Sinn des Stückes entgehen? Turobojew setzte sich, zündete sich eine Zigarette an, stopfte sie aber sogleich nervös in den Aschenbecher.

»Die Nechajew klärt Sie auf? Sie versucht, auch meinen Verstand zu entwickeln«, sagte er, zerstreut in dem Buch blätternd, »Sie liebt spitze Sachen. Augenscheinlich hält sie ihr Gehirn für eine Art Nadelkissen, wissen Sie, Kissen, die mit Sand gefüllt sind.«

»Sie ist sehr belesen«, sagte Klim, um nur etwas zu sagen. Turobojew ergänzte leise seine Worte:

»Eine Herbstfliege.«

An der Decke wurde mit etwas Schwerem, wohl einem Stuhlbein, dreimal aufgeklopft. Turobojew stand auf, warf auf Klim einen Blick wie auf einen leeren Fleck und, ihn mit diesem Blick am Fenster festnagelnd, verließ er das Zimmer.

»Er geht zur Spiwak, sie ist es, die gepocht hat«, erriet Klim, der auf das Dach blickte, wo die Feuerwehrmänner den Schnee auseinandertraten und ihm immer dickere Wolken grauen Rauchs entlockten.

»Er selbst, Turobojew, ist eine Herbstfliege.«

Ohne anzuklopfen, als wäre es ihr eigenes Zimmer, trat Marina ein:

»Wünschen Sie Tee?«

»Nein, danke.«

Sie sah Klim ärgerlich ins Gesicht und fragte:

»Wo ist Ihr Bruder?«

»Ich weiß es nicht.«

Sie wandte sich zur Tür, öffnete sie, trat aber dann wieder einen Schritt zu Samgin hin.

»Er hat nicht zu Hause übernachtet.«

Klim lachte boshaft.

»Das pflegt bei jungen Leuten vorzukommen.«

Tief errötend fragte Marina:

»Sie reden da augenscheinlich Abgeschmacktheiten? Sie wissen doch, daß er sich mit den Arbeitern beschäftigt und daß dafür . . .«

Sie unterbrach sich und ging hinaus, ehe Samgin, empört durch ihren Ton, ihr sagen konnte, daß er nicht Dmitris Erzieher sei.

»Kuh!« schimpfte er, auf und ab laufend. »Grobe Kuh!«

Er entsann sich, daß er einmal, als er ins Eßzimmer trat, gesehen hatte, wie Marina, die in ihrem Zimmer vor Kutusow stand, sich mit ihrer zur Faust geballten Rechten auf die linke, flache Hand schlug und dabei dem bärtigen Studenten ins Gesicht rief:

»Ich – ein Bauernweib! Ein Bauernweib?«

Zuerst schienen diese Ausrufe Klim nur Äußerungen des Staunens oder Gekränktseins, Sie wandte ihm den Rücken zu, er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Aber in den nächsten Sekunden begriff er, daß es sich um einen Wutanfall handelte und daß sie im nächsten Augenblick vielleicht ohrenbetäubend brüllen und mit den Füßen trampeln würde.

»Verstehen Sie?« fragte sie, jedes Wort mit einem klatschenden Schlag der Faust auf die weiche Handfläche begleitend. »Er wird seinen eigenen Weg gehen. Er wird Gelehrter! Jawohl! Professor!«

»Brüllen Sie nicht so!« sagte Kutusow.

Er überragte Marina um einen halben Kopf, und es war zu sehen, daß seine grauen Augen das Gesicht des Mädchens neugierig musterten. Mit der einen Hand strich er sich über den Bart, in der anderen, die am Körper herabhing, rauchte eine Zigarette, Marinas Wutausbruch wurde heftiger und sichtbarer.

»Er ist gutherzig, ehrlich, aber ihm fehlt der Wille.«

»O weh, ich glaube, ich habe Ihnen Ihren Rock verbrannt!« rief Kutusow aus, wobei er von ihr wegrückte. Marina drehte sich um, bemerkte Klim und ging ins Eßzimmer hinüber, mit dem gleichen knallroten Gesicht, das er soeben an ihr beobachtet hatte.

Das Leben seines Bruders interessierte Klim nicht. Doch seit dieser Szene begann er, Dmitri in stärkerem Maße sein Augenmerk zuzuwenden. Er überzeugte sich bald, daß der Bruder, der vollkommen unter Kutusows Einfluß stand, die beinahe demütigende Rolle eines Werkzeugs seiner Interessen und Ziele spielte. Einmal gab Klim dies Dmitri so brüderlich und ernst, wie er konnte, zu verstehen. Aber Dmitri riß glotzend seine Schafsaugen auf und lachte:

»Du bist wohl verrückt geworden?«

Dann klapste er Klim aufs Knie und sagte:

»Auf jeden Fall danke ich dir! Das hast du gut gesagt, närrischer Kauz!«

Klim schwieg, da er sein Erstaunen, das Lachen und die Geste dumm fand. Einige Male entdeckte er auf dem Tisch des Bruders verbotene Broschüren. Die eine trug den Titel »Was muß der Arbeiter wissen und behalten?«, die andere »Über die Strafabzüge«. Beide waren schmutzig, zerknittert, und die Schrift stellenweise mit schwarzen Flecken verschmiert, die an polizeiliche Daumenabdrücke erinnerten.

»Es ist klar, er gibt sich mit den Arbeitern ab. Wenn man ihn verhaftet, kann auch ich mit hineingezogen werden. Wir sind Brüder und wohnen unter einem Dach . . .«

Aufgeregt beschleunigte er sein Auf- und Abschreiten, so heftig, daß das Fenster in der Wand von rechts nach links zu schaukeln begann.

Unter allen Menschen, denen Klim begegnet war, rief allein der Sohn des Müllers in ihm den Eindruck des in seiner Abgeschlossenheit ganz Einzigartigen hervor. Samgin bemerkte an ihm nichts Überflüssiges, Erkünsteltes, was erlaubt hätte, anzunehmen, daß dieser Mensch anders sei, als er sich gab. Seine derbe Ausdrucksweise, die plumpen Gesten, sein gnädiges Lächeln in den Bart, die schöne Stimme – alles war fest zusammengefügt, alles gehörte zusammen wie Teile einer Maschine. Klim fiel sogar ein Vers aus dem Gedicht eines jungen, aber bereits sehr bekannten Dichters ein:

»Es liegt Schönheit in der Lokomotive . . .«

Aber Kutusows Predigten wurden immer aufdringlicher und gröber. Klim fühlte, daß Kutusow imstande war, sich nicht nur den molluskenhaften Dmitri, sondern auch ihn selbst untertan zu machen. Kutusow zu widersprechen war schwer: er sah einem gerade in die Augen, sein Blick war kalt, im Bart regte sich ein verletzendes Lächeln. Er sagte:

»Sie, Samgin, urteilen naiv. Sie haben Grütze im Kopf. Es ist unmöglich, daraus schlau zu werden, wer Sie sind. Ein Idealist? Nein. Ein Skeptiker? Es scheint nicht so. Und wie sollten Sie, junger Mann, auch zur Skepsis kommen? Turobojews Skepsis ist rechtmäßig, sie ist die Weltanschauung eines Menschen, der sehr wohl fühlt, daß seine Klasse ihre Rolle ausgespielt hat und rasch auf der schiefen Ebene ins Nichts hinabgleitet.«

Kutusow verbreitete sich darauf langweilig über Agrarpolitik, über die Adelsbank, über das Wachstum der Industrie.

Klim dachte bekümmert, daß Kutusow es sich allzu leicht mache, sein Vertrauen zu sich selbst zu erschüttern, daß dieser Mensch ihn vergewaltigte, indem er ihn zwang, Argumenten zuzustimmen, gegen die er, Samgin, nur einen Einwand hatte: »Ich will nicht.«

Doch ihm fehlte der Mut, diesen Einwand auszusprechen.

Er blieb plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen, kreuzte die Arme auf der Brust und horchte, wie eine tröstliche Ahnung in ihm reifte. Alles was die Nechajew sagte, sollte ihm als tüchtige Waffe für den Selbstschutz dienen. All dies widerstand sehr energisch dem »Kutusowismus«! Die sozialen Fragen waren nichtsbedeutend neben der Tragödie des individuellen Seins.

»Gerade dadurch erklärt sich meine Gleichgültigkeit gegen Kutusows Lehre«, konstatierte Klim, er schritt wieder auf und ab. »Niemand hat mir das eingeflüstert, ich habe es längst gewußt.«

Er ging ins Eßzimmer hinüber, trank seinen Tee, blieb eine Weile einsam dort, sich daran erfreuend, wie leicht neue Gedanken ihm zuwuchsen, machte dann einen Spaziergang und befand sich auf einmal am Portal des Hauses, in dem die Nechajew wohnte.

»Die Gespräche mit ihr sind nützlich«, entschuldigte er sich gleichsam gegen jemand.

Das Mädchen empfing ihn mit Freude. Wieder lief sie planlos und geschäftig von Ecke zu Ecke. Dabei erzählte sie kläglich, sie habe in der Nacht keinen Schlaf gefunden, die Polizei sei im Hause gewesen. Man habe jemand verhaftet. Eine betrunkene Frau habe geschrien. Im Korridor habe es ein Getrampel und Hin- und Herrennen gegeben.

»Gendarmen?« fragte Klim düster.

»Nein, Polizei. Man hat einen Dieb festgenommen.«

Beim Tee äußerte sich Klim über Maeterlinck mit Zurückhaltung, wie ein Mensch, der eine wohlbegründete Meinung hat, sie aber seinem Partner nicht aufzuzwingen wünscht. Immerhin bemerkte er, die Allegorie in den »Blinden« sei allzu durchsichtig, und Maeterlincks Verhältnis zur Vernunft nähere ihn Tolstoi. Es berührte ihn wohltuend, daß die Nechajew ihm beipflichtete.

»Ja«, sagte sie, »aber Tolstoi ist gröber. Er hat vieles aus der Vernunft selbst, also aus einer trüben Quelle. Mir scheint auch, daß seiner ganzen Natur das Gefühl innerer Freiheit feindlich ist. Tolstois Anarchismus ist eine Legende, der Anarchismus wird ihm nur dank der Freigebigkeit seiner Verehrer unter die Zahl seiner Verdienste zugerechnet.«

An diesem Abend stach ihre körperliche Dürftigkeit besonders heftig Klims Augen. Das schwere wollene Kleid von unbestimmter Farbe machte sie alt, ihre Bewegungen, die langsamer wurden und gezwungen erschienen, schwerfällig. Ihr unlängst gewaschenes Haar hatte sie in einem losen Knoten aufgesteckt, und dies vergrößerte in unschöner Weise ihren Kopf. Klim empfand auch heute leichte Stiche des Mitleids für dieses Mädchen, das sich in den dunklen Winkel möblierter, unsauberer Zimmer verkrochen hatte, wo sie es dennoch verstand, sich ein gemütliches Nest einzurichten.

Wie gestern sprach sie über das Mysterium von Leben und Tod, nur mit anderen Worten und ruhiger, auf etwas horchend und gleichsam Einwände erwartend. Ihre leisen Worte legten sich als feine Schicht auf Klims Gedächtnis, wie Stäubchen auf eine lackierte Fläche.

»Aber über die Liebe traut sie sich nicht zu reden. Sie möchte schon, aber sie wagt es nicht.«

Er selbst fühlte sich nicht getrieben, das Gespräch auf dieses Thema zu lenken. Der tief herabhängende Lampenschirm erfüllte das Zimmer mit orangefarbigem Nebel. Die dunkle Decke, von Rissen kreuz und quer überzogen, die mit Stoffen ausgeschlagenen Wände, der rötliche Teppich auf dem Fußboden, – all das flößte Klim das seltsame Gefühl ein, daß er in einem Sack saß. Es war sehr warm und unnatürlich still. Nur von Zeit zu Zeit drang ein dumpfes Brausen herein, dann bebte das ganze Zimmer und schien sich zu senken. Auf der Straße mußte wohl ein schwerbeladenes Fuhrwerk vorübergefahren sein.

Klim ließ unaufmerksam die kleine Stimme der Nechajew an sich vorbei und dachte:

»Das Leben ist mir nicht dazu gegeben, um zu entscheiden, wer recht hat, die Volkstümler oder die Marxisten.«

Er hatte nicht darauf geachtet, weshalb und wann die Nechajew begonnen hatte, von sich zu erzählen.

»Mein Vater war Professor, Physiologe. Er heiratete, als er bereits vierzig war. Ich bin sein erstes Kind. Mir ist, als hätte ich zwei Väter gehabt, bis zu meinem siebenten Lebensjahr den ersten – er hatte ein gutes, glattes Gesicht mit einem mächtigen Schnurrbart und lustige helle Augen, Er spielte sehr gut Cello. Später ließ er seinen grauen Bart verwildern, verwahrloste, wurde wütend, versteckte seine Augen hinter rauchfarbigen Gläsern und betrank sich häufig. Das kam daher, weil meine Mutter nach einer Fehlgeburt gestorben war. Ich sehe sie vor mir: weiß oder hellblau gekleidet, mit einem dicken kastanienbraunen Zopf auf der Brust oder im Nacken. Sie sah nicht aus wie eine Dame, sie blieb bis zu ihrem Tode ein junges Mädchen, voll und sehr lebendig. Sie starb im Sommer, als ich in der Sommerfrische auf dem Lande lebte. Ich hatte damals mein sechstes Lebensjahr vollendet. Ich weiß noch, wie seltsam das war: ich kam nach Hause, meine Mutter war fort und mein Vater ein anderer geworden . . .«

Die Nechajew erzählte langsam, leise, doch ohne Trauer, und das war eigentümlich. Klim sah sie an: sie kniff häufig die Augen zu, und ihre untermalten Augenbrauen, zitterten. Die Lippen leckend, machte sie unnötige Pausen zwischen den Sätzen, noch weniger am Platze war das Lächeln, das über ihre Lippen glitt. Klim bemerkte zum ersten Male, daß sie einen schönen Mund hatte, und fragte sich mit der Neugier eines Jungen:

»Wie sie wohl nackt aussieht? Wahrscheinlich komisch.«

In der nächsten Sekunde verurteilte er ärgerlich seine Neugier und hörte stirnrunzelnd aufmerksamer zu.

»Auf meine kindlichen Fragen, woraus der Himmel gemacht sei, wozu die Menschen leben, wozu sie sterben, antwortete mein Vater: ›Das weiß niemand. Du, Fima, bist geboren, um es zu erfahren.‹ Er nahm mich auf den Schoß, hauchte mir Biergeruch ins Gesicht, und sein rauher Bart kratzte mir unangenehm Hals und Ohren. Bier trank er entsetzlich viel. Er schwemmte davon auf, seine Backen blähten sich, wurden blau, und seine Augen verschwammen in öligem Fett. Seine ganze Erscheinung war mir fatal. Er erregte in mir ein böses Gefühl, weil er mir keine einzige von meinen Fragen beantworten konnte – wollte, glaubte ich damals. Mir schien, er verberge vor mir absichtlich märchenhafte Geheimnisse, von ihm enträtselt, und lasse mich sie selbst lösen, wie er mich die Aufgaben aus dem Rechenbuch selbst lösen ließ. Er half mir niemals bei den Schularbeiten und verbot auch andern, mir zu helfen. Ich mußte alles allein machen. Aber besonders stieß mich von ihm ab, daß er beständig wiederholte: Das weiß man nicht. Versuch selbst, es herauszufinden.«

»Mein Vater beantwortete alle meine Fragen«, schob Klim plötzlich und unerwartet für sich selbst ein.

»Ja, beantwortete er sie?« fragte die Nechajew. »Aber . . .«

Sie brach den Satz ab, schwieg sekundenlang, und von neuem säuselte ihre Stimme. Klim hörte sinnend zu und fühlte, daß er das Mädchen heute mit fremden Augen betrachtete. Nein, sie glich Lida in nichts, aber es bestand eine entfernte Ähnlichkeit zwischen ihr und ihm. Er war sich nicht klar darüber, ob ihm dies angenehm oder unangenehm war.

»Nachts spielte mein betrunkener Vater Cello. Die heulenden Laute weckten mich. Mir schien, mein Vater spielte nur auf den Baßsaiten und nicht mehr so gut wie früher. Es ist dunkel, still, und in der Dunkelheit die langen Streifen der Töne, noch dunkler als die Nacht. Mich ängstigte nicht dieses schwarze Geheul, aber es war so traurig, daß ich weinte. Der Vater starb, nachdem er nur vier Tage krank gewesen war. Wie widerwärtig sind Zahlen, Daten! Vier Tage lag er da, erstickend, blau, gedunsen, starrte durch die nassen Augenritzen zur Decke und schwieg. An seinem Sterbebett versuchte er – es war das einzige Mal – mir etwas zu sagen, sagte aber nur: »Siehst du, Klawdia, du selbst . . .« Zuende sprechen konnte er nicht mehr, aber ich verstand natürlich, was er meinte. Ich betrauerte ihn nicht sehr, obwohl ich viel weinte, dies wahrscheinlich aus Furcht. Er war so schrecklich im Sarg, so riesengroß und – blind.«

Die Nechajew verstummte, neigte den Kopf und strich den Rock auf ihren Knien glatt. Ihre Erzählung stimmte Klim lyrisch, und er seufzte:

»Ja, unsere Väter . . .«

»Die Väter haben Heringe gegessen, den Kindern aber läuft davon das Wasser im Munde zusammen – hat das nicht einer der Propheten gesagt? Ich habe es vergessen.«

»Ich weiß es auch nicht mehr«, sagte Klim, der die Propheten nie gelesen hatte.

Die Nechajew hob langsam mit einer unschlüssigen Geste die Hände und steckte ihre nachlässige Frisur fester auf, aber plötzlich lösten sich ihre Haare und fielen ihr über die Schultern. Klim wunderte sich, wie dicht und üppig ihr Haar war. Das Mädchen lächelte:

»Entschuldigen Sie.«

Klim verbeugte sich und beobachtete, wie sie sich erfolglos abmühte, ihr Haar aufzunehmen. Sein Gedächtnis produzierte keine bedeutenden Worte, während einfache, alltägliche nicht an dieses Mädchen heranreichten. Ihn verwirrte die Vorahnung eines peinlichen Moments oder einer Gefahr.

»Ich muß gehen.«

»Weshalb?«

»Es ist spät.«

»Wirklich?«

Sie ließ die Arme sinken, ihr Haar fiel wieder über ihre Schultern und Wangen, ihr Gesicht wurde kleiner.

»Kommen Sie bald wieder«, sagte sie in einem so seltsamen Ton, als befehle sie.

Es war gegen Mitternacht, als Klim nach Hause kam. Vor der Zimmertür seines Bruders standen dessen Stiefel. Dmitri selbst schlief wohl schon, er meldete sich nicht auf sein Klopfen, obwohl in seinem Zimmer Licht brannte. Das Schlüsselloch ließ in die Dunkelheit des Korridors einen gelben Lichtstreif hindurch. Klim hatte Hunger. Vorsichtig warf er einen Blick ins Eßzimmer. Dort wandelten Marina und Kutusow, Schulter an Schulter, auf und nieder. Marina hatte die Arme auf der Brust verschränkt und hielt den Kopf gesenkt. Kutusow fuchtelte mit einer Zigarette vorm Gesicht und redete mit verhaltener Stimme:

»Wir verfügen nur über eine Kraft, die wirklich imstande ist, uns zu verändern. Das ist die wissenschaftliche Erkenntnis.«

Tief, aber kläglich brummte Marina:

»Und die Kunst?«

»Tröstet uns, aber erzieht uns nicht.«

Klim verzog spöttisch das Gesicht, ging verdrossen auf sein Zimmer und legte sich schlafen, während er bedachte, um wieviel fesselnder als dieser Mensch doch die Nechajew war!

Zwei Tage darauf saß er abends wieder bei ihr. Er erschien früh, um sie zu einem Spaziergang abzuholen, aber auf der Straße schwieg das Mädchen langweilig, und nach einer halben Stunde klagte sie, daß sie friere.

»Lassen Sie uns zu mir hinausfahren.«

»Aber im Schlitten werden Sie noch mehr frieren.«

»Nein, es geht dann schneller«, sagte sie bestimmt.

Zu Hause legte sie sowohl in ihren Worten wie in allem, was sie tat, eine nervöse Hast und Gereiztheit an den Tag, bog den Hals wie ein Vogel, der den Kopf unter seine Flügel versteckt, blickte nicht auf Klim, sondern unter ihre Achsel und sagte:

»Ich ertrage nicht festtägliche Straßen und Menschen, die am siebenten Tag der Woche säuberliche Kleider und Mienen von Glückspilzen anlegen.«

Klim gab spöttisch Kutusows Ausspruch über die Macht der Wissenschaft wieder. Die Nechajew zuckte die Achseln und bemerkte beinahe zornig:

»Schwerlich werden Leute wie er deshalb besser leben, weil überall das blutlose Feuer des elektrischen Lichts aufflammen wird.«

Klim, der etwas mehr trank als gewöhnlich, hielt sich ungezwungener und sprach kühner.

»Ich verstehe wohl, das Leben ist maßlos schwer. Aber Kutusow gedenkt nicht, es zu vereinfachen, sondern zu verstümmeln.«

Er spielte mit dem Papiermesser, einer kapriziös geschweiften Bronzeplastik, die in den vergoldeten Kopf eines bärtigen Satyrs statt in einen Griff auslief. Das Messer entglitt seinen Händen und fiel vor die Füße des Mädchens. Als Klim sich bückte, um es aufzuheben, geriet er auf seinem Stuhl ins Schwanken, suchte nach einem Halt und ergriff dabei die Hand der Nechajew. Das Mädchen riß sich los und Klim, seiner Stütze beraubt, fiel auf die Knie. An das Weitere erinnerte er sich nur dunkel, er entsann sich nur zweier heißer Hände auf seinen Wangen, eines trockenen hastigen Kusses auf seine Lippen und eiligen Flüsterns:

»Ja, ja . . . Oh Gott!«

Dann, mehr Verwunderung als Vergnügen empfindend, hörte er, wie die Nechajew, die neben ihm lag, gepreßt schluchzte und gleichzeitig heiß flüsterte:

»Lieben . . . lieben . . . Das Leben ist so schrecklich. Es ist ein Grauen ohne Liebe.«

Klim hob ihren Kopf hoch, bettete ihn an seine Brust und drückte ihn mit seiner Hand fest an sich. Er wollte ihre Augen nicht sehen, es war so peinlich, und ihn beengte das Bewußtsein der Schuld gegen diesen seltsam heißen Körper. Sie lag auf der Seite, ihre kleinen, dünnen Brüste hingen unschön nach einer Seite herab.

»Lieber«, flüsterte sie, und warme Tränentröpfchen kitzelten die Haut seiner Brust. »So lieb und einfach wie der Tag. So schrecklich, so teuer.«

Er schwieg und streichelte ihren Kopf. Durch die Seite des Wandschirmes, die mit silbernen Vögeln bestickt war, sah er auf den orangeroten Fleck der Lampe, während er unruhig überlegte, was nun sein würde. Würde sie wirklich in Petersburg bleiben, nicht zur Kur fahren? Er hatte dies doch gar nicht gewollt, ihre Zärtlichkeiten nicht gesucht. Er hatte nur Mitleid mit ihr gehabt.

Doch während er so dachte, empfand er gleichzeitig Stolz auf sich: unter allen Männern, die sie kannte, hatte sie gerade ihn erwählt. Diesen Stolz steigerten ihre neugierigen Liebkosungen und in ihrer Naivität schamlosen Worte.

»Ich weiß, ich bin häßlich, aber ich möchte so gern lieben. Ich habe mich darauf vorbereitet, wie eine Gläubige auf das Abendmahl. Und ich verstehe zu lieben, nicht wahr, ich verstehe es?«

»Ja«, sagte Klim sehr aufrichtig. »Du bist wunderbar. Aber trotzdem, es ist dir schädlich, und du solltest reisen . . .«

Sie hörte nicht. Über sein Gesicht gebeugt, blickte sie in seine verlegenen Augen mit den ihren, aus denen immerfort Tränen fielen, klein und heiß, und flüsterte, von erstickendem Husten unterbrochen:

»Lieber! Verurteilter!«

Ihre Tränen erschienen unpassend. Worüber hatte sie zu weinen? Er hatte sie ja nicht beleidigt, ihre Liebe nicht verschmäht. Das Klim unverständliche Gefühl, welches ihre Tränen auslöste, schreckte ihn. Er küßte die Nechajew auf die Lippen, damit sie schwieg, und verglich sie unwillkürlich mit Margarita; die war schöner und ermüdete nur körperlich. Diese aber flüsterte:

»Denk nur: die Hälfte aller Frauen und Männer auf dem Erdball lieben sich in dieser Minute wie du und ich. Hunderttausende werden zur Liebe geboren, Hunderttausende sterben liebessatt! Lieber, Unverhoffter!«

Ihre Worte waren überflüssig und vielleicht sogar unwahrhaftig.

»Unverhoffter? Wirklich?«

Der orangefarbige Fleck auf dem Schirm erinnerte an die Abendsonne, wenn sie sich eigensinnig sträubt, hinter den Wolken zu verschwinden. Die Zeit schien anzuhalten in einer Unschlüssigkeit, die der Langenweile glich.

»Wir bringen uns gehorsam und leidenschaftlich dem schrecklichen Mysterium, das uns erschaffen hat, zum Opfer.«

Klim umschlang sie und schloß den heißen Mund des Mädchens fest mit einem Kuß. Dann schlief sie plötzlich ein, mit qualermattet hochgezogenen Brauen und geöffnetem Mund, ihr mageres kleines Gesicht nahm einen Ausdruck an, als sei sie stumm geworden, wolle schreien und könne nicht. Klim stand vorsichtig auf und kleidete sich an

Er verließ sie sehr spät. Der Mond schien in jener entschiedenen Klarheit, die vieles auf Erden als Unnötiges entblößt. Gläsern knirschte der trockene Schnee unter den Füßen. Die ungeheuren Häuser sahen einander mit den Augäpfeln der eingefrorenen Fenster an. Vor den Toren die schwarzen Leiber der Wächter. Im leeren Raum des Himmels ein paar verspätete und nicht sehr helle Sterne. Alles klar.

Physisch ermattet, schlenderte Klim dahin. Er fühlte, wie die helle Kälte der Nacht die unklaren Gedanken und Regungen in ihm abfror. Er trällerte sogar zu der Melodie einer Operette:

»War denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Er rieb sich die klammen Hände und seufzte erleichtert auf. Also spielte die Nechajew nur die von Pessimismus Angesteckte, spielte sie nur, um sich in ein besonderes Licht zu stellen und so die Männer anzulocken. So machen es die Weibchen gewisser Insekten. Klim Samgin fühlte, wie in seine Entdeckerfreude sich Wut auf jemand mischte. Es war schwer zu bestimmen, ob auf die Nechajew oder auf sich. Oder auf jenes Unfaßbare, das ihm nicht gönnte, einen Stützpunkt zu finden.

Dann fiel ihm ein, daß in seiner Tasche ein Brief von seiner Mutter lag, den er im Laufe des Tages erhalten hatte. Ein wortkarger Brief, geschrieben mit algebraischer Genauigkeit, der ihn wissen ließ, daß gebildete Menschen die Pflicht hatten, zu arbeiten, und daß sie in der Stadt eine Musikschule eröffnen wolle, während Warawka Bürgermeister zu werden beabsichtige.

Lida würde die Tochter eines Bürgermeisters sein. Möglich, daß er ihr mit der Zeit die Geschichte seines Romans mit der Nechajew anvertrauen würde. Darüber sprach man am besten in komischem Ton.

Er zwang sich, noch weiter an die Nechajew zu denken, aber dies geschah bereits mit Wohlwollen. In dem, was sie getan hatte, lag im Grunde nichts Befremdliches. Jedes Mädchen will Weib werden. Die Nägel an ihren Zehen waren schlecht gepflegt, und sie hatte ihm anscheinend die Haut der Kniekehle heftig zerkratzt. Klim schritt immer fester und rascher aus. Es dämmerte. Der Himmel färbte sich im Osten grün und wurde noch frostiger. Klim Samgin schnitt eine Grimasse: es war unangenehm, frühmorgens nach Hause zu kommen. Das Stubenmädchen würde natürlich ausplaudern, daß er nachts fortgewesen war.

Er erwachte in frischer Laune. Das unerwartete Liebesabenteuer erhob ihn und bekräftigte seinen Verdacht, daß, wovon die Menschen immer reden mochten, hinter den Worten eines jeden etwas ganz Einfaches steckte, wie sich das bei der Nechajew herausgestellt hatte. Klim verspürte kein Verlangen, am Abend zu ihr zu gehen, aber er begriff, daß sie, wenn er nicht hinging, selbst erscheinen und ihn vielleicht in irgendeiner Weise in den Augen seines Bruders, seiner Hausgenossen und Marinas bloßstellen könnte.

Aus irgendeinem Grunde war ihm besonders unerwünscht, daß Marina von seinem Verhältnis mit der Nechajew erfuhr, doch hatte er nichts dagegen, daß die Spiwak es wußte.

Während er im Bett lag, gedachte Klim besorgt der hungrigen, gierigen Liebkosungen der Nechajew, und ihm schien, daß sie etwas Krankhaftes, etwas, das an Verzweiflung streifte, hatten. Sie hatte sich heftig an ihn gedrückt, als wollte sie in ihm verschwinden. Doch war an ihr auch etwas kindlich Zärtliches, für Augenblicke erregte sie auch seine Zärtlichkeit.

»Man muß hingehen«, entschied er, und am Abend ging er. Dem Bruder sagte er, daß er in den Zirkus wolle.

Im Zimmer der Nechajew, am Tisch, stand ein rundes Mütterchen, das wie ein Wollknäuel aussah. Geräuschlos nahm es Gegenstände und Bücher in die Hand und stäubte sie mit einem Lappen ab. Bevor es eine Sache anfaßte, nickte es höflich, und dann wischte es sie so behutsam ab, als wäre die Vase oder das Buch lebendig und zerbrechlich wie ein Kücken. Als Klim eintrat, zischte sie ihn an:

»Pst! Sie schläft!«

Klim trat in den gelblichen Nebel hinter dem Schirm, nur von einer Sorge erfüllt: vor der Nechajew zu verbergen, daß sie enträtselt war. Doch gleich fühlte er, daß ihm Schläfen und Stirn gefroren. Die Decke war so glatt über das Bett gespannt, daß es schien, als läge kein Körper darunter, sondern nur der Kopf auf einem Kissen allein für sich, und die Augen unter der grauen, flachen Stirn glänzten unnatürlich.

»Mache!« sagte er sich, aber dieses Wort fiel ihm nicht gleich ein.

»Ich habe sechsunddreißig sechs«, vernahm er eine leise und schuldbewußte Stimme. »Setzen Sie sich. Ich bin so froh. Tante Taßja, Sie kochen Tee, ja?«

»Sehr wohl«, antwortete man ihr mit dem piepsenden Stimmchen eines Spielzeugs.

Die Nechajew befreite einen nackten Arm aus der Plüschdecke und wickelte sich mit dem anderen von neuem bis ans Kinn hinein. Ihre Hand war feuchtheiß und unangenehm leicht. Klim zuckte zusammen, als er sie drückte. Aber ihr Gesicht, das, vom aufgelösten Haar umschattet, rosig erglüht war, erschien Klim mit einemmal auf neue Weise lieblich, und ihre brennenden Augen riefen in ihm sowohl Stolz wie Trauer hervor. Hinter dem Wandschirm raschelte und schwebte eine dunkle Wolke, die den orangefarbenen Fleck des Lampenlichts zudeckte. Das Gesicht des Mädchens veränderte sich, flammte auf und erlosch.

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