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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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Drittes Kapitel.

Von Petersburg hatte Klim sich unmerklich die für den Provinzialen typische ablehnende und sogar ein wenig feindselige Vorstellung gebildet, diese Stadt sei keine russische Stadt, sie sei eine Stadt herzloser, mißtrauischer und sehr scharfsinniger Menschen. Dieses Haupt des ungetümen Körpers Rußland sei angefüllt mit einem kalten und bösen Gehirn. Nachts im Wagen dachte Klim an Gogol und Dostojewski.

In der Hauptstadt traf er ein mit dem festen Entschluß, im Verkehr mit den Menschen Vorsicht walten zu lassen, überzeugt, daß sie ihn sogleich auf Herz und Nieren prüfen, analysieren und mit ihren Glaubensmeinungen anstecken würden.

Dichter Nebel hüllte die Stadt ein. Obwohl es nicht später als drei Uhr mittags war, strengten sich die an gigantischen Pusteblumen erinnernden regenbogenfarbigen Blasen der Laternen an, den Newski Prospekt zu erhellen. Klebrige Feuchtigkeit netzte die Gesichtshaut, bitterer Geruch von Rauch kitzelte die Nase. Klim zog den Kopf ein und blickte nach rechts und links in die nassen Scheiben der Läden, die innen so hell erleuchtet waren, als würde in ihnen mit den Sonnenstrahlen sommerlicher Tage gehandelt. Ungewohnt war der gedämpfte Lärm der Stadt, zu weich und stumpf der Schlag der Hufe auf das Holzpflaster, das Schleifen der Gummi- und Eisenreifen an den Rädern der Equipagen hatte fast den gleichen Klang, auch die Stimmen der Menschen tönten gleichförmig hohl. Seltsam berührte es, kein Klirren der Hufeisen auf dem Steinpflaster, kein Knarren und Rattern der Chaisen, keine durchdringend hellen Rufe der Händler zu hören. Auch das Läuten der Glocken fehlte.

Auf den mit flüssigem Kot beschmierten Trottoirs strebten die Menschen übertrieben eilig vorwärts, und sie waren unnatürlich farblos. Die gleichfalls farblos grauen Steinhäuser, von keinem Zaun auseinandergerückt und dicht aneinander geschmiegt, erschienen dem Auge als ein einziges, unendlich langes Gebäude, dessen hell erleuchtetes unteres Stockwerk an die Erde gedrückt war, während die oberen dunkel in einen grauen Nebel hinaufragten, hinter dem man keinen Himmel fühlte.

Inmitten dieser Häuser waren Menschen, Pferde und Polizisten kleiner und unbedeutender, sie waren stiller und gehorsamer als in der Provinz. Klim bemerkte an ihnen etwas Fischähnliches, lautlos Schnellendes, als wären sie darauf bedacht, möglichst schnell an die Oberfläche des tiefen, mit Wasserstaub und dem Geruch faulenden Holzes angefüllten Kanals emporzutauchen.

In kleinen Gruppen stauten die Leute sich sekundenlang unter den Laternen und zeigten einander unter schwarzen Hüten und Schirmen hervor die gelben Flecke ihrer Physiognomien.

Der eilige Schritt der Menschen rief in Klim einen melancholischen Gedanken hervor. Alle diese Hunderte und Tausende von kleinen Willen liefen, einander begegnend und sich trennend, ihren wahrscheinlich nichtigen, doch jedem von ihnen klaren Zielen zu. Man konnte sich vorstellen, der beißende Nebel sei der heiße Atem dieser Menschen, und alles in der Stadt sei schweißnaß nur von ihrer Hast. Furcht beschlich ihn, sich in der Masse kleiner Menschen zu verlieren, und ihm fiel eine der zahllosen Glossen Warawkas ein:

»Die meisten Menschen haben die Pflicht, sich gehorsam in ihr Los, Rohstoff der Geschichte zu sein, zu ergeben. Genau so wenig wie etwa die Hanffasern haben sie darüber nachzudenken, von welcher Stärke und Festigkeit das Seil, das man aus ihnen knüpft, und welches seine Bestimmung sein wird.«

»Ganz überflüssigerweise habe ich den Vorstellungen Mamas und Warawkas nachgegeben, ganz überflüssigerweise bin ich in diese erstickende Stadt gefahren«, dachte Klim gereizt gegen sich selbst. »Vielleicht versteckt sich hinter den Ratschlägen der Mutter der Wunsch, zu vereiteln, daß ich mit Lida in einer Stadt lebe? Wenn es so ist, dann ist es dumm. Sie haben Lida in Makarows Hände gegeben.«

Am weiteren Denken hinderten ihn die heftig zitternden, gleichsam zum Platzen bereiten opalenen Ballons um die Laternen herum. Sie bildeten sich aus Nebelstäubchen, die unaufhörlich in ihre Sphäre dringend, ebenso unaufhörlich aus ihr heraussprangen, ohne ihren Umfang zu vergrößern oder zu verringern. Dieses seltsame Spiel der Regenbogenstäubchen war fast unerträglich für das Auge und löste den Wunsch aus, es mit etwas in Vergleich zu setzen, mit Worten auszulöschen und nicht weiter zu beachten.

Klim nahm die beschlagene Brille ab, die ungeheuren Kugeln flüssigen Opals wurden etwas weniger grell, verdichteten sich, trafen aber nur noch unangenehmer das Auge, während das Licht trüber wurde und immer tiefer in seinen Brennpunkt zurücktrat. Warawkas verwaschener Vergleich zwischen der Stadt und dem Bienenkorb war unbrauchbar. Mit mehr Glück konnten diese undurchsichtigen Lichter mittels der Worte des großköpfigen Verfassers populärwissenschaftlicher Broschüren gelöscht werden: er hatte einmal in Katins Flügel mit flammender Beredsamkeit bewiesen, Denken und Wille des Menschen seien elektrochemische Erscheinungen, und die Konzentration der Willen in der Idee könne Wunder wirken. Mit solchen Konzentrationen seien auch die bewegtesten Epochen der Geschichte, die Kreuzzüge, die Renaissance, die große Französische Revolution und ähnliche Ausbrüche der Willensenergie zu erklären.

Auf dem Senatsplatz beleuchteten ebensolche opalene Ballons das dunkle ölig gleißende Standbild des tollen Zaren. Mit seiner Bronzehand wies der Zar den Weg nach Westen, jenseits des breiten Flusses. Über dem Fluß war der Nebel noch dicker und kälter. Klim fühlte sich verpflichtet, an die Verse aus dem »Bronzenen Reiter« zu denken. Statt dessen fielen ihm die aus dem Gedicht »Poltawa« ein:

Und mit drohendem Wink der Hand
Gegen die Schweden rückt er seine Völker.

Darauf inspirierte sein Gedächtnis ihm merkwürdigerweise Goethes Erlkönig:

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind . . .«

Die Hufe der Pferde pochten gegen das Holz der Brücke über dem schwarzen, ruhelosen Fluß. Endlich brachte der Kutscher das Pferd, das sich heiß galoppiert hatte, vor einem ausdruckslosen Haus in einer der »Linien« der Wassiliinsel zum Stehen und sagte in rauhem Ton:

»Sie müssen zulegen, kleiner Herr.«

»Weshalb kleiner Herr?« dachte Klim und legte nicht zu.

Ein alter Portier mit einem chinesischen Schnurrbart, Medaillen auf der eingefallenen Brust und einem schwarzen Käppchen auf dem nackten Schädel, sagte dienstmäßig:

»Die Wohnung der Frau Premirow zweiter Stock, vierte Tür.«

Er wackelte mit seinen roten Ohren und wies mit dem Finger heftig in eine Ecke. Die Steintreppe herab, die rot gemalt und mit einem grauen rotgesäumten Läufer belegt war, flatterte hauchleicht ein kleines Stubenmädchen in einer weißen Schürze. Die Treppe erinnerte Klim an das Gymnasium, das Dienstmädchen an die Porzellanschäferin aus Andersens Märchen.

Mit feiner Stimme sagte sie:

»Ihr Zimmer ist im Korridor rechts die erste Tür, das Zimmer ihres Bruders rechts das Eckzimmer.«

»Meines Bruders?« fragte Klim befremdet.

»Dmitri Iwanowitschs«, sagte gleichsam sich entschuldigend das Dienstmädchen, nahm in jede Hand einen Koffer und reckte sich zwischen ihnen auf. »Sie sind doch Herr Samgin?«

»Ja«, antwortet Klim mürrisch. Er dachte darüber nach, weshalb seine Mutter ihm verschwiegen hatte, daß er mit seinem Bruder die Wohnung teilen würde.

Bevor er sein Zimmer aufsuchte, klopfte er wütend und herausfordernd an Dmitris Tür. Hinter der Tür wurde fröhlich: »Bitte!« gerufen.

Dmitri lag auf dem Bett. Sein linker Fuß war bandagiert. In blauer Hose und gesticktem Hemd, sah er wie ein Mitglied einer kleinrussischen Schauspielertruppe aus. Er hob den Kopf, wobei er sich mit dem Arm auf das Bett stützte, verzog das Gesicht und stammelte:

»Das . . . das ist Klim? Du?«

Und dem Bruder beide Hände hinstreckend, rief er fröhlich aus:

»Aha, das also war die Überraschung!«

Samgin sah sich einem Unbekannten gegenüber: nur Dmitris Augen erinnerten an den Jüngling, der er vor vier Jahren gewesen war, sie strahlten noch immer in demselben Lächeln, das Klim weibisch zu nennen pflegte. Dmitris rundes, weiches Gesicht umrahmte ein lichter Bart, seine langen Haare kräuselten sich an den Spitzen, Lustig und rasch erzählte er, daß er vor fünf Tagen hierher gezogen sei, weil er sich den Fuß zerschlagen und Marina ihn hergebracht hatte.

»Sie hat mir seit langem schon einen Schreck eingejagt: ›Machen Sie sich auf eine Überraschung gefaßt!‹ Wer Marina ist? Frau Premirows Nichte. Ihre Tante ist auch sehr lieb. Eine Liberale. Sie ist eine entfernte Verwandte Warawkas.«

Dmitris Gehobenheit verschwand, als er sich nach der Mutter, nach Warawka und Lida erkundigte. Klim spürte einen bitteren Geschmack im Munde, Schwere im Kopf. Es war ermüdend und langweilig, die respektvoll gleichgültigen Fragen des Bruders zu beantworten. Der gelbliche Nebel vor dem Fenster, von Telegraphendrähten liniiert, erinnerte an altes Notenpapier. Aus dem Nebel zeichnete sich die rostfarbene Wand eines dreistöckigen Hauses ab, dicht besetzt mit den Flicken zahlreicher Aushängeschilder.

»Nun, wie geht es Onkel Jakow? Krank? Hm. Neulich, in einer Abendgesellschaft, erzählte ein Schriftsteller, ein Narodnik, sehr fesselnd von ihm. Ein solches Dasein, weißt du. Eben Dasein, nicht Leben. Du weißt natürlich, daß sie ihn in Saratow wieder verhaftet haben?«

Klim wußte es nicht, aber er nickte bejahend.

»Die Volkstümler rühren sich wieder«, sagte Dmitri so beifällig, daß Klim ein Lächeln anwandelte. Er musterte den Bruder gleichgültig wie einen Fremden, während sein Bruder seinerseits vom Vater wie von einem fremden, aber spaßigen Menschen redete.

»Du würdest ihn nicht wiedererkennen. Er ist jetzt gesetzt und versucht sogar, im Bariton zu sprechen. Er verkauft Faßdauben an die Franzosen und Spanier, bummelt in Europa herum und ißt schrecklich viel. Im Frühling war er hier, jetzt hält er sich in Dijon auf.«

Er hüpfte auf einem Bein im Zimmer umher, wobei er sich an den Stuhllehnen festhielt, schüttelte heftig sein Haar, und seine weichen, dicken Lippen lächelten. Die Krücke unter die Achsel schiebend, sagte er:

»Wir wollen Tee trinken. Du willst dich umziehen? Nicht nötig, du bist auch so gut lackiert.«

Trotzdem ging Klim in sein Zimmer. Der Bruder begleitete ihn, er stieß mit dem Krückstock auf und redete mit einer Freude drauf los, die Klim nicht verstand und die ihn verwirrte:

»Na, fertig. Du bist bezaubernd. Gehen wir!«

In der warmen, wohligen Dämmerung eines kleinen Zimmers, am Tisch vor dem Samowar saß eine kleine alte Dame mit glattgekämmtem Haar und einer goldgefaßten Brille auf dem spitzen, rosigen Näschen. Sie streckte Klim ein graues, am Knöchel von einem roten Pulswärmer umhülltes Affenpfötchen hin und sagte, nach Art kleiner Mädchen das »r« vermeidend:

»Seh efheut.«

Als Klim ihr die Hand drückte, stöhnte sie leise auf und erklärte ihm, daß sie an Rheumatismus leide. Eilig, mit hastigen Worten, schickte sie sich an, ihn über Warawka auszufragen, als ein üppiges junges Mädchen, das sich das Gesicht mit dem Ende ihres dicken goldblonden Zopfs fächelte, ins Zimmer trat und mit tiefer Altstimme sagte:

»Marina Premirow.«

Sie setzte sich an Dmitris Seite und meldete:

»Auf der Straße liegt allerdurchlauchtigster und mächtigster Dreck!«

Wie es Klim schien, wurde es eng im Zimmer. Marina nahm mit schroffer Geste unter seiner Nase vorbei einen Zwieback von einem Teller, bestrich ihn dick mit Butter und Konfitüre und knabberte, wobei sie den Mund weit aufriß, um ihre prallen Himbeerlippen nicht zu beflecken. Aus ihrem Mund glänzten grimmig große, dicht aneinandergereihte Zähne. Sie war so erhitzt und rot im Gesicht, als käme sie nicht von der Straße, sondern aus einem heißen Bad, und beinahe unnatürlich üppig. Klim fühlte sich erdrückt von dieser Fleischmasse, die straff von gelbem Jersey umspannt war, der ihn an Tolstois »Kreutzersonate« erinnerte. Innerhalb von fünf Minuten wußte Klim, daß Marina ein ganzes Jahr an einem Hebammenkursus teilgenommen hatte, gegenwärtig aber singen lernte, daß ihr Vater, ein Botaniker, nach den Kanarischen Inseln entsandt worden und dort verstorben war und daß es eine sehr komische Operette »Die Geheimnisse der Kanarischen Inseln« gab, die aber leider nicht gespielt wurde.

»Darin kommen spaßige Generäle vor – Pataquez, Bombardos . . .«

Sie brach ihren Satz in der Mitte ab und sagte Dmitri:

»Heute kommt Kutusow und mit ihm dieser . . .«

Sie zeigte mit den Augen auf die Decke. Ihre Augen waren groß, gewölbt und bernsteingelb. Ihr Blick unangenehm direkt und zurückstoßend.

»Du wirst einem Bekannten begegnen«, unterrichtete ihn zwinkernd Dmitri.

»Wem?«

»Das verrate ich nicht.«

Über den Tisch huschten die Affenpfötchen der alten Dame, die sicher und behende die Schüsseln hin und her rückten. Ohne zu verstummen, raschelten ihre flinken gaumigen Worte, die niemand beachtete. In mausgraues Tuch gekleidet, erinnerte sie doppelt stark an einen Affen. Die Falten ihres dunklen Gesichtchens entlang huschte jeden Augenblick ein feines Lächeln, Klim fand dieses Lächeln verschmitzt und die ganze Alte unnatürlich. Ihr Stimmchen ertrank in der groben und dummen Dmitris:

»Die Eigenschaften der Rasse werden durch das Blut der Frau bestimmt, das steht fest. So haben die Autochthonen Chiles und Boliviens . . .«

Fräulein Premirow wurde plötzlich zornig.

»Was heißt das – Autochthone? Wozu gebrauchen Sie unverständliche Ausdrücke?«

Neben der gewaltigen Marina erschien der plumpe, aus breiten Knochen und schlecht anliegenden Muskeln zusammengesetzte Dmitri klein und unglücklich. Er war offensichtlich beglückt, Schulter an Schulter mit Marina sitzen zu dürfen, während sie Klim unaufhörlich mit ihren zurückstoßenden Blicken musterte und in der Tiefe ihrer Pupillen grellrote Funken sprühten.

»Verzogen und launenhaft«, konstatierte Klim.

»Die Tante hat recht«, sagte Marina mit ihrer saftigen Stimme, laut und im singenden Tonfall eines Bauernmädchens. »Die Stadt ist faul und ihre Menschen nüchtern. Und geizig! Sie schneiden die Zitrone zum Tee in zwölf Scheiben!«

Klim wählte einen günstigen Augenblick, um Müdigkeit vorzuschützen und fortzugehen. Sein Bruder, der ihn begleitete, setzte ihm zu:

»Nette Leute, was?«

»Ja.«

»Na, ruh dich nur aus.«

Klim warf wütend Jacke und Stiefel ab, streckte sich auf dem Bett aus und schlief ein, entschlossen, auf keinen Fall hier zu bleiben, sondern aus Höflichkeit eine oder zwei Wochen auszuhalten und sich dann nach einer neuen Wohnung umzusehen.

Drei Stunden später wurde er von seinem Bruder geweckt, der ihn nötigte, sich zu waschen, und ihn abermals zu den Premirows führte. Klim folgte willenlos, nur damit beschäftigt, seine Gereiztheit zu verbergen. Im Eßzimmer war es eng. Die Akkorde eines Flügels erklangen. Marina schrie dazu, mit dem Fuß aufstampfend:

»Das arme Schlachtroß fiel im Feld . . .«

Ein Student der Universität mit grauen Augen und einem faltigen bäurischen Bart, in einem langen kaftanähnlichen Rock, stand mitten im Zimmer einem geckenhaft in elegantes Schwarz gekleideten Mann mit bleichem Gesicht gegenüber. Dieser Mensch sprach, während er die Stuhllehne, an der er sich festhielte, hin und her schaukelte, mit betonter Liebenswürdigkeit, hinter der Klim sofort die Ironie heraushörte:

»Ich kann mir keinen freien Menschen vorstellen, ohne das Recht und den Wunsch, Macht über andere auszuüben.«

»Ja, wozu denn noch Macht, wenn das persönliche Eigentum abgeschafft ist?« rief mit einer schönen Baritonstimme der bärtige Student, blickte flüchtig zu Klim hin, hielt ihm eine breite Hand hin und nannte mit unverhohlenem Verdruß seinen Namen:

»Kutusow.«

Der schwarzgekleidete Mann fragte lächelnd:

»Erkennen Sie mich nicht, Samgin?«

Dmitri brach in ein albernes Lachen aus:

»Das ist doch Turobojew! Staunst du?«

Zum Staunen hatte Klim nicht mehr Zeit, denn Marina wirbelte ihn im Zimmer umher, wobei sie ihn wie einen kleinen Jungen gängelte.

»Noch ein Samgin, er ist furchtbar ernst«, sagte sie zu einer hochgewachsenen Dame mit einem Katzengesicht. »Das ist Jelisaweta Lwowna, und dies ist ihr Mann.«

Am Flügel saß, mit dem Ordnen von Noten beschäftigt, ein kleines, stark gebücktes Männchen mit einem Helm krauser schwarzer Haare, die blau schillerten. Auf den Backenknochen seines fahlen Gesichts schimmerten hektische Flecke.

»Spiwak«, sagte er mit hohler Stimme. »Sie singen?«

Die verneinende Antwort wunderte ihn. Er nahm den rauchgrauen Kneifer von der melancholischen Nase und sah hüstelnd und mit seinen entzündeten. Augen zwinkernd in Klims Gesicht, als frage er:

»Ja, was wollen Sie dann hier?«

»Gehen wir, er versteht nichts außer Noten!«

Auf dem Sofa ruhte in halbliegender Pose ein mageres Mädchen in einem dunklen Reformkleid, das wie eine Mönchskutte aussah. Über sie neigte sich Dmitri und summte:

»Ergilla, ein Freund des Cervantes, Verfasser des Poems ›Araucana‹.«

»Genug mit den Spaniern!« schrie Marina. »Samgin – Serafima Nechajew. Das sind alle.«

Sie ließ Klim stehen und stürzte zum Flügel. Die Nechajew nickte lässig, zog ihre schmächtigen Füßchen an sich und verhüllte sie mit dem Saum ihres Kleides. Klim faßte dies als Einladung auf, sich neben sie zu setzen.

Er ärgerte sich. Ihn irritierte Marinas geräuschvolle Lebhaftigkeit, und die Begegnung mit Turobojew war ihm peinlich. Es war schwer, gerade in diesem Menschen mit dem blutleeren Gesicht und den schreienden Augen jenen Knaben wiederzuerkennen, der einst vor Warawka gestanden und mit heller Stimme seine Liebe zu Lida bekannt hatte. Unangenehm war auch der bärtige Student.

Dieser sang mit Jelisaweta Spiwak ein Duett, das Klim nicht kannte. Der kleine Musiker begleitete vortrefflich. Musik übte immer eine beruhigende Wirkung auf Klim aus, genauer, sie machte ihn leer, indem sie alle Gedanken und Empfindungen vertrieb. Beim Anhören der Musik fühlte er nichts als eine milde Trauer. Die Dame sang seelenvoll. Sie hatte einen kleinen, aber geschulten Sopran. Ihr Gesicht verlor die Ähnlichkeit mit einer Katze, es wurde geadelt durch Trauer. Ihre schlanke Gestalt erschien noch größer und feiner. Kutusow hatte einen sehr schönen Bariton, er sang leicht und sicher. Besonders ergreifend sangen sie das Finale:

»O Nacht, hülle rascher in deinen
Durchsichtigen Schleier,
In deine Vergessen spendende Schale
Die sehnsuchtgequälte Seele
Stille sie, wie die Mutter ihr Kind.«

Klim schien, daß die Sehnsucht, von der hier gesungen wurde, ihm längst bekannt sei. Doch jetzt erst fühlte er sich bis zum Ersticken und bis zu Tränen mit ihr angefüllt.

Als der Gesang zu Ende war, ging die Dame an den Tisch, nahm aus einer Vase einen Apfel, streichelte ihn sinnend mit ihrer kleinen Hand und legte ihn dann in die Vase zurück.

»Haben Sie es bemerkt?« fragte seine Nachbarin Klim.

»Was?« fragte er zurück und warf einen Blick auf ihren glatten Dohlenkopf und ihr Vogelgesicht, das winzig wie das eines halbwüchsigen Mädchens war.

»Haben Sie bemerkt, wie sie den Apfel genommen hat?«

»Na ja, ich hab's gesehen.«

»Welche Anmut, nicht wahr?«

Klim nickte zustimmend, dachte aber:

»Ein Institutsmädel vermutlich.«

In seinem Gedächtnis erhielt sich der sonderbare, gleichsam fehlende Ausdruck ihrer schmalen Augen, die von unbestimmter grünlich-grauer Tönung waren.

Dmitri, mit seiner Krücke bewaffnet, machte sich umständlich zu schaffen. Neckend sagte er:

»Ihr Verlaine ist doch schlechter als Fofanow.«

Vom Flügel her klang Kutusows angenehme Stimme:

»Schon Gallin wußte, daß das Gehirn der Sitz der Seele ist.«

»Singen Sie mit dem Gehirn so beseelt?« witzelte Turobojew.

»Wie überall«, dachte Klim. »Es gibt nichts, worüber sie nicht streiten würden.«

Marina ergriff Kutusow beim Ärmel, schleppte ihn zum Flügel, und beide sangen »Versuche mich nicht!« Klim fand den Gesang des Bärtigen allzu gefühlvoll, was mit seiner knorrigen Gestalt und seinem derben Bauerngesicht schlecht harmonierte, ja, ein wenig lächerlich wirkte. Marinas starke und reiche Stimme betäubte. Sie hatte sie schlecht in der Gewalt, in den höheren Lagen klang sie schrill, kreischend. Klim war sehr zufrieden, als Kutusow ihr nach dem Duett rücksichtslos sagte:

»Nein, Mädchen, das ist nicht für Sie geschrieben.«

Marina und Dmitri samt seinem Krückstock nahmen mehr Raum im Zimmer ein als alle anderen. Dmitri folgte dem Mädchen wie der Kahn dem Schleppdampfer. Der unruhige Gang Marinas hatte etwas Aufreizendes, er sprach von einem Überschuß an tierischer Energie und verwirrte Klim, indem er in ihm unzüchtige, für das Mädchen wenig ehrende Gefühle erregte. Man erwartete schon aus der Entfernung, daß sie einen mit ihren prallen hohen Brüsten oder mit ihrer Hüfte streifen würde. Klim beobachtete sie feindselig und dachte sich, daß sie wahrscheinlich nach Schweiß, Küche und Bad roch. Da stand sie, stemmte sich mit ihrer Brust gegen Kutusow und sagte schreiend und, wie es schien, beleidigt:

»Na ja, ich trage Jersey, weil ich Tolstois Predigten nicht ausstehen kann.«

»Hu«, machte Kutusow und schloß die Augen so fest, daß sein ganzes Gesicht sich greisenhaft verzerrte.

Die Frau des Pianisten irrte gleichfalls im Zimmer umher, wie eine Katze, die sich in eine fremde Wohnung verlaufen hat. Ihr wiegender Gang, der zerstreute Ausdruck ihrer blauen Augen, ihre Manier, Gegenstände zu berühren, das alles zog Klims Aufmerksamkeit an. Das Lächeln ihrer straff gespannten Lippen schien gezwungen, ihre Schweigsamkeit verdächtig.

»Sie ist schlau«, dachte Klim.

Die Nechajew war unsympathisch. Sie nahm eine gekrümmte Haltung ein. Ein betäubender Geruch von starkem Parfüm ging von ihr aus. Man mochte meinen, die Schatten in ihren Augenhöhlen seien künstlich, ebenso die Röte ihrer Wangen und die unnatürliche Grellheit ihrer Lippen. Das über die Ohren gekämmte Haar machte ihr Gesicht schmal und spitz, doch Klim fand das Mädchen schon nicht mehr so garstig, wie sie ihm auf den ersten Blick erschienen war. Ihre Augen blickten traurig auf die Menschen, sie sah so aus, als fühle sie sich ernster als alle in dem Zimmer.

Unvermittelt fiel Klim ein, wie empörend Lida sich von ihm verabschiedet hatte, als sie nach Moskau reiste.

»Ich glaube daran, daß du mit dem Schild und nicht auf dem Schild heimkehren wirst«, hatte sie mit einem bösen Lächeln gesagt.

Jetzt trat sein Bruder hinzu, streckte sich neben Klim aus und nach einer Minute hörte Klim die Nechajew gleichsam die Namen der Kalenderheiligen abbeten:

»Mallarmé, Rolina, René Giles, Peladan . . .«

»Max Nordau hat sie glänzend abgefertigt«, sagte Dmitri in neckendem Ton.

Kutusow zischte und drohte ihm mit dem Finger, denn Spiwak begann Mozart zu spielen. Behutsam trat Turobojew herein und hockte sich, mit einem Lächeln für Klim, auf die Sofalehne. Aus der Nähe betrachtet, erschien er zu alt für seine Jahre. Das eigentümliche Weiß seines Teints schien gepudert, unter den Augen zeichneten sich blaue Schatten ab, die Mundwinkel hingen müde herab. Als Spiwak aufgehört hatte zu spielen, sagte Turobojew:

»Sie haben sich sehr verändert, Samgin. Ich erinnere mich Ihrer als eines kleinen Pedanten, der es liebte, alle zu belehren.«

Klim biß fest die Zähne zusammen und überlegte, was er diesem Menschen antworten sollte, unter dessen beharrlichem Blick er sich beengt fühlte. Dmitri begann unpassend und viel zu laut über Konservativismus zu reden. Turobojew sah ihn mit zugekniffenen Augen an und versetzte gleichgültig:

»Mir dagegen gefällt Beständigkeit des Geschmacks und der Anschauungen.«

»Das Dorf ist noch beständiger.«

»Ich kann darin nichts Schlechtes sehen«, meinte Turobojew, der sich eine Zigarette angesteckt hatte. »Hier hingegen haben alle Erscheinungen und die Menschen selbst etwas in höherem Maße Vergängliches, ich würde sogar sagen: sie scheinen sterblicher zu sein.«

»Das ist sehr richtig«, stimmte die Nechajew zu.

Turobojew lächelte ironisch. Seine Lippen waren ungleich, die untere war bedeutend dicker als die obere, die dunklen Augen schön geschnitten, aber ihr Blick unangenehm vieldeutig und unergründlich. Samgin schloß, daß es die schreienden Augen eines Menschen waren, der krank war und bemüht, seine Leiden zu verbergen, und daß Turobojew ein frühzeitig verlebter Mensch war. Der Bruder stritt mit der Nechajew über den Symbolismus. Sie wies ihn ein wenig gereizt zurecht:

»Sie bringen die Sachen durcheinander. Beim Symbolismus muß man von den Ideen Platons ausgehen.«

»Erinnern Sie sich Lida Warawkas?« fragte Klim. Turobojew antwortete nicht gleich. Er starrte auf den Rauch seiner Zigarette.

»Natürlich. So ein frisches Zigeunermädel? Was . . . wie geht es ihr? Sie will Schauspielerin werden? Eine wahrhaft weibliche Wahl«, schloß er, lächelte Klim ins Gesicht und sah zur Spiwak hinüber. Sie stand, über die Schulter ihres Mannes auf die Klaviatur geneigt und fragte Marina:

»Hörst du? E, B, Moll.«

»Und das ist alles?« fragte Klim, innerlich zu Lida gewandt. Dieser Gedanke sollte schadenfroh sein, war aber ein trauriger.

Wieder begann man zu singen, und wieder mochte Klim kaum glauben, daß dieser bärtige Mensch mit dem groben Gesicht und den roten Fäusten so geschult und schön singen konnte. Marina ergoß sich stürmisch, riß aber beim Detonieren den Mund weit auf, runzelte ihre goldenen Brauen, und die Hügel ihrer Brüste spannten sich unschicklich.

Gegen Mitternacht zog Klim sich unauffällig zurück, entkleidete sich gleich und ging betäubt und müde zu Bett. Aber er hatte vergessen, die Tür abzuschließen, und einige Augenblicke später drang Dmitri ein, ließ sich auf dem Bettrand nieder und sagte mit einem seligen Lächeln:

»Das gibt es jeden Sonnabend bei ihnen. Du mußt dir Kutusow genau ansehen, ein außerordentlich kluger Mensch. Turobojew ist auch ein Original, aber in anderer Art. Er hat die Rechtsakademie mit der Universität vertauscht, hört aber keine Vorlesungen und trägt keine Uniform.«

»Trinkt er?«

»Das auch. Überhaupt leben viele hier in einer quälenden Spannung. Es ist eine seelische Krise!« fuhr Dmitri mit der gleichen Seligkeit fort. »Ich dagegen scheine Dronow nachgeraten zu sein: ich will alles wissen und schaffe nichts. Bin Naturwissenschaftler und Philologe dazu . . .«

Klim fragte nach der Nechajew, obwohl er eigentlich nach der Spiwak fragen wollte.

»Die Nechajew? Sie ist komisch, übrigens auch bemerkenswert. Die französischen Décadents haben ihr den Kopf verdreht. Aber die Spiwak, mein Lieber, das ist eine Erscheinung! Sie ist schwer zu verstehen. Turobojew macht ihr den Hof und, wie es scheint, nicht ohne Hoffnung. Ich weiß übrigens nichts darüber . . .«

»Ich will schlafen«, sagte Klim unliebenswürdig, und als der Bruder hinausgegangen war, erinnerte er sich noch einmal:

»Gleich morgen suche ich mir eine andere Wohnung.«

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